Geschichten aus dem Pflegeheim: Schwarz und Rot

In meiner wöchentlichen Mal-und Kreativrunde sind unter den acht bis zehn Bewohnern, die regelmäßig teilnehmen, drei mit sehr stark eingeschränktem Sehvermögen. Alle drei – hochbetagte Damen um die Neunzig – haben noch maximal 10% Sehkraft und erkennen mehr schlecht als recht ihre Umgebung. Hinzu kommt, dass sie auch die Farben von Stiften, Farbtöpfchen, Tuben usw. nur mit Schwierigkeit auseinanderhalten können – diese sind einfach zu klein, als das sie für Sehbehinderte klar erkennbar wären.

Nachdem mir eine der Damen wieder mal ihr Leid geklagt hat (nicht weinerlich oder im Beschwerdetonfall, sondern faktisch und sachlich) habe ich die Idee, dann eben mit den Methoden und Materialien zu arbeiten, die noch am ehesten ihrer speziellen Einschränkung entgegen kommt: „Heute reduzieren wir alles mal aufs Wesentliche“ verkünde ich meiner Künstlertruppe zu Beginn des Angebotes.

„Heute gibts nur zwei Farben, Rot und Schwarz! Sie bekommen die dicksten, fettesten Filzstifte, die wir haben und ein riesiges Blatt Papier – das müsste selbst für die, die nicht gut sehen können, kein Problem sein. Die Kontraste sind kräftig genug, dass auch Halbblinde sie sehen können!“

Um der üblichen Frage vorzubeugen, „was wir heute malen“, erkläre ich allen, dass es keine Vorgaben gibt, dass es sogar erwünscht ist, sich an keine konkreten oder gegenständlichen Formen zu halten. Jeder soll einfach drauflos zeichnen, so wie es ihm oder ihr gerade einfällt.

„Und wenn Ihre Hand zittert oder zuckt, dann lassen Sie sie zittern und zucken, was das Zeug hält! Dann ist DAS eben die Zeichnung, die Sie heute machen!“, versuche ich meinen Schützlingen Mut zu machen, sich komplett planlos ins freie Zeichnen zu versenken und alle Vorstellungen von Gegenständlichkeit zu vergessen.

Das ist einfacher gesagt als umgesetzt, denn auch nach vielen Jahrzehnten steckt in den Leuten immer noch der verhängnisvolle Leistungsdruck aus dem Kunstunterricht, der darin bestand, irgendwelche Vorgaben umzusetzen bzw. Objekte abzumalen.

Schließlich aber finden alle den Weg in die nicht kartographierte unbekannte Landschaft der assoziativen freien Zeichnerei; nach anfänglichem Zögern macht es ihnen immer mehr Spaß und als wir zum Schluß für eine spontane Mini-Ausstellung die gesammelten Bilder mit Tesa an der Wand befestigen, stehen die Teilnehmer (bzw. sitzen in ihren Rollstühlen) voller Respekt vor ihrer eigenen Kreativität und mit nicht gelindem Stolz vor den Bildern.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Immersion

Ich hab schon oft über den Zusammenhang von Demenz und künstlerischem Ausdruck durchs Aquarellieren geschrieben. Ich will mich nicht wiederholen, nur diese Bilder der dementiell stark veränderten Frau S. zeigen. Die Farbigkeit und Intensität der Aquarelle sprechen für sich – Frau S. kann es nicht mehr; aber ihr ist die Freude anzumerken, mit der jeder Pinselstrich und jede neue Farbe ihre Immersion in den Vorgang des Malens vertieft.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Farbwunder und Freude am Unmittelbaren

Das sind Aquarelle zweier dementer Frauen aus meiner Mal- und Kreativrunde im Pflegeheim. Beide sind von sich aus kaum in der Lage, den Zusammenhang von Papier, Wasser, Farbe und Pinsel zu erfassen, geschweige denn, sich konzeptionell ein Bildthema auszudenken und das anschließend umzusetzen.

Wenn man ihnen aber langsam und ihre Einschränkungen berücksichtigend „die Hand reicht“ und auch kleine Details wie Pinsel eintunken, Papier befeuchten usw. anleitet, sind die Farben selbst und die Bewegungen/die Verläufe, in denen sie sich auf dem nassen Papier manifestieren, ein Quell unschuldigen Erstaunens und purer Freude für die Künstlerinnen, die keinen Begriff von Kunst und von sich als Künstlerinnen haben.

Was die Voraussetzung ist für diejenige Kunst, die, weil sie dem spontanen Spiel des Moments entspringt, der Natur (und damit der Wirklichkeit) am nächsten ist.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Verloren in einem unendlichen Universum unerklärlicher Manifestationen


Die stille, zurückhaltende, fast schüchtern wirkende Frau S. kommt seit einigen Monaten in meine Mal- und Kreativrunde. Wobei „kommt“ leicht übertrieben ist, denn von alleine kommt sie nirgendwo hin. Einmal weil sie im Rollstuhl sitzt, zum anderen (und im wesentlichen) weil sie aufgrund ihrer Demenz keinerlei Antrieb hat und zeitlich wie räumlich stark desorientiert ist.

Sie antwortet immer mit einem freundlichen „Ok!“ oder „Ja, gerne!“, wenn ich sie frage, ob sie wieder mit zum Malen kommen möchte; außerdem ist ihr in der Gruppe anzumerken, dass sie Freude im Umgang mit den Farben findet, die sie auf das feuchte Aquarellpapier tupft und pinselt.

Bei den letzten drei, vier Treffen allerdings ist mir aufgefallen, dass Frau S. kognitiv immer weiter eingeschränkt und verlangsamt wirkt. Ohne direkte Anleitung bei jedem Handgriff, bei jedem Arbeitsschritt, bleibt sie einfach auf ihrem Platz sitzen und blickt auf Material und Utensilien als handele es sich dabei um außerirdische Artefakte, deren Wesen und Bestimmung sich menschlichem Verständnis komplett entziehen. Wenn sie dann, nachdem ich bis zum Pinsel-in-die-Farbe-tunken ihr alles „mundgerecht“ eingerichtet habe, ins Malen kommt, erinnert sie an einen batteriebetriebenen Gegenstand, der am Anfang noch mit etwas Restladung ruckelt und zuckelt, dann immer langsamer wird, bis er zum Schluß ganz zum Stillstand kommt.

Auch heute wieder beginnt sie einigermaßen schwungvoll, malt Farbe auf das Blatt und bleibt dann mit dem Pinsel in der Hand sitzen, als hätte ihr jemand den Stecker gezogen. Ich lasse sie eine weitere Farbe aussuchen, tauche ihr den Pinsel in das Farbtöpfchen ein und überlasse sie ihrem Aquarellbild. Nach einer Weile schaue ich wieder nach ihr; sie hat tatsächlich ein bißchen weitergemalt, sitzt aber erneut wie in Trance vor ihrem Bild. „Na, Frau S., wie sieht’s aus? Wollen Sie noch einen neuen Bogen Papier?“ frage ich sie. Zu meinem Erstaunen antwortet sie: „Nein, ich möchte an diesem Bild weiter malen!“

Nach etwa zehn Minuten als ich erneut nach ihr schaue, wirkt sie besorgt und etwas beunruhigt. Sie sagt zu mir „Ich weiß ja nicht, wie ich von hier wieder dorthin komme, wo ich hin muss. Also dahin, wo ich wohne.“ Dabei schaute sie mich mit einem Ausdruck äußerster Verlorenheit und Desorientiertheit an. Ich spüre ihre essenzielle Unsicherheit und Ratlosigkeit in diesem für Sie unerklärlichen Universum, in dem sie sich – wie von der Hand eines ungnädigen Gottes abgesetzt – wiederfindet wie in einem Irrgarten, dessen Sinn und Zweck ihr rätselhaft sind und bleiben.

„Keine Sorge, Frau S.“, antworte ich ihr. „Ich bringe Sie dahin, wo sie jetzt wohnen. Sie wohnen ja jetzt bei uns hier, im Stift, nicht mehr in ihrer früheren Wohnung. Deswegen kommt Ihnen das alles manchmal so komisch vor…“. Dass ich ihre Verwirrung und Verlorenheit bemerke, anerkenne und darauf eingehe, erleichtert meine Gesprächspartnerin schon mal ein wenig. Sie erzählt mir ihre Sorge, dass „die Leute, die bei mir wohnen und die mich immer besuchen“ nicht wissen, wo sie ist und sie deswegen nicht finden können. Sie fragt sich bzw. mich, welche Verkehrsmittel sie benutzen müsse, um zu „diesen Leuten“ zu kommen. Damit meint sie ihre Söhne und ihre Schwiegertöchter, die nicht weit entfernt wohnen und von denen sie einigermaßen regelmäßig besucht wird.

Ich bringe Frau S. erstmal wieder in ihren Wohnbereich und erkläre ihr nochmal in kurzen, einfachen Worten und Sätzen, dass dies jetzt ihr Zuhause ist. Ich sage ihr, dass ich sehr gut weiß, dass das NICHT ihr Zuhause von früher ist, dass es aber für sie einfacher ist, hier zu leben, weil sie sich selber nicht mehr versorgen kann.  Wir alle würden uns darum kümmern, dass sie sich hier wohl fühlt und alles bekommt, was sie braucht, versichere ich ihr.

Weil ich merke, dass sie im Moment alles überfordert und zu viele Sätze für sie eine Informationsüberlastung bedeuten, die sie nicht verarbeiten kann, schiebe ich sie in ihrem Rollstuhl den Gang zu ihrem Zimmer entlang. Ich zeige ihr die Tür, an der ihr Name steht, fahre mit ihr ins Zimmer hinein und wieder hinaus und bringe sie zurück in den Gemeinschaftsräume des Wohnbereichs, wo schon das Abendessen vorbereitet wird.

Das entspannt sie fürs erste, doch nach einer Weile winkt sie mich mit sehr besorgtem Gesichtsausdruck wieder zu sich: „Wie kann ich denn wissen, wie ich da hin gelange, wo die wohnen?  Ich brauche doch irgendeine Sicherheit, dass die mich finden…“, teilt sie mir ihre innere Not und Furcht mit, dass die Reste der familiären emotionalen Verbindungen, die ihrem dementiell veränderten Gehirn noch zugänglich sind, auch noch verloren gehen. 

Hier helfen jetzt nur noch praktische Maßnahmen, die einem dementen Menschen zugänglich und verständlich sind. Ich erkläre Frau S., dass ich mich jetzt persönlich darum kümmern würde, dass sie und ihre Verwandten immer zueinander finden. Die Sicherheit, die sie – ohne dass sie es so formulieren oder auch nur denken könnte – zurecht bedroht sieht durch den Fortschritt der Demenz, muss dieser in einem unüberschaubaren, unerklärlichen Universum verlorenen Frau vermittelt werden durch ganz simple und handfeste Dinge oder Zeichen. Ich gehe ins Büro, rufe mir am PC ihre Datei auf und notiere Namen, Adressen und Telefonnummern ihrer beiden Söhne auf zwei Zettel. Diese nehme ich wieder mit nach oben in den Wohnbereich und lege sie Frau S. links und rechts neben ihren Abendbrotteller.

Ich lese ihr die Namen ihrer Söhne vor, sie nickt und seufzt erleichtert auf. „Ach ja, genau, das sind sie!“ Irgendetwas scheint auf seinen Platz zu fallen in ihrem inneren Durcheinander und die ganze Frau wirkt etwas gelöster und ruhiger als zuvor. Vielleicht hat sie jetzt das Gefühl, dass die Sicherheit, die die Verbindung zu ihrer Familie für sie darstellt – oder dargestellt hat – noch nicht ganz dahin ist und dass es auch in diesen neuen, veränderten, unerklärlichen Umständen, in denen sie sich hier wiederfindet, eine Verbindung zum Kern ihrer Erinnerungen existiert.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Wie schade, dass ich nichts sehen kann!

Aus der Mal- und Kreativrunde, die ich Montags in der Pflegeeinrichtung anbiete. Neue Teilnehmer kommen oft, so sagen sie, „wegen der guten Atmosphäre hier“, sitzen zunächst einfach dabei und schauen den anderen zu. Früher oder später greift sich noch jeder einen Stift, einen Pinsel oder was immer wir gerade machen.

Andere haben gehört, dass es hier „ein Kunstangebot“ gäbe und wollen aus Interesse daran teilnehmen. So Frau B., die zur vierwöchigen Kurzzeitpflege bei uns ist. Frau B. ist 103 Jahre alt und ist bis auf eine vor drei oder vier Jahren eingetretene Verschlechterung ihres Sehvermögens mobil und orientiert. Sie ist die fitteste so alte Person, die ich bisher kennengelernt habe,

Sie erzählt, dass sie irgendwann, „so mit achtzig“, angefangen hat zu malen, genauer zu aquarellieren, jetzt aber leider kaum noch etwas sehen könne und deswegen ihr Hobby, das sich zur Leidenschaft ausgewachsen hat, nicht mehr richtig ausüben könne. Als sie gehört hat, dass es hier eine Malgruppe gibt, wollte sie aber unbedingt dabei sein.

Erfreut nimmt sie Platz, orientiert sich – mehr mit den Händen als mit den Augen – an Papier, Material, Werkzeugen usw. und beginnt zu malen. Die Farben muss ich ihr in den Pinsel rühren, da sie weder die kleinen Aquarell-Kästchen sieht noch die Farben erkennen kann.

Dennoch legt sie erkennbar freudig gestimmt los. Man merkt, dass diese Frau nicht das erste Mal aquarelliert: Pinselführung, Selbstsicherheit des Strichs und Farbauftrags, Routine der Verwendung des Wassers – all das zeigt mir, dass ich hier außer der Handreichung mit den Pinseln nicht viel tun muss.

Frau B. weiß auch, was sie sich thematisch vornehmen will („Ich will einen Baum malen“). Sie malt zufrieden drauf los und ruft mich ab und zu herbei, um ihr den Pinsel neu oder in eine weitere Farbe einzutauchen. Inzwischen hat sich eine andere Bewohnerin neben sie gesetzt und verfolgt fasziniert, was Frau B. da treibt. Am Ende der Runde ist ihr Bild fertig; dass sie dabei über das Aquarellpapier hinaus auch gleich die Unterlage mit einbezogen hat, ist ihrer kaum vorhandene Sehkraft geschuldet.

„Ach, ein Jammer dass ich nicht mehr sehen kann! Aber ich hab hundert Jahre mit guten Augen gelebt, da will ich jetzt nicht über die drei Jahre mit schlechterń Augen klagen…“, erklärt sie. Und tatsächlich ist das, was sie zu Papier bringt, erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie kaum etwas sieht.

Geschichten aus dem Pflegeheim: droben stehet die Kapelle

Zu der wöchentlichen Mal- und Kreativrunde, die ich auf meiner Arbeitsstelle im Pflegeheim anbiete, kommen in der Regel zwischen sechs und acht Bewohner der Einrichtung. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass regelmäßig mehr kommen.

Darunter Leute, von denen bisher die Standardsprüche „Ich kann nicht malen, konnte ich noch nie…“ und „Nee, das ist nichts für mich…“ kamen. Lauter Geschädigte des schulischen Kunstunterrichts also, in dem jedenfalls diese Generation danach benotet wurde, wie gut oder schlecht sie ein vorgegebenes Motiv abmalen konnte und so Freude am Gestalten und Spaß an der eigenen Kreativität gründlich ausgetrieben kriegte.

Meine Malrunden sind allerdings so weit entfernt von Kunstunterricht an der Schule wie die NATO vom Sieg gegen Russland. Natürlich wird mit den – dank großzügiger Sponsoren – reichlich angeschafften künstlerischen Materialien und Werkzeugen auch munter kreativ drauflos gemalt und gezeichnet, gelegentlich auch gebastelt und modelliert. Aber die Essenz unserer Zusammenkünfte ist nicht das Resultat, das der Einzelne zu Papier bringt, sondern die Herstellung einer freundlichen, gemütlichen, niedrigschwelligen Atmosphäre. 

Wir trinken Kaffee, unterhalten uns über dies und das (meistens über Probleme des Heimalltags), hören Musik (was mich im Laufe der Jahre zu einem Quizshow-tauglichen Experten für deutsches Schlager- und Volksliedgut gemacht hat) und widmen uns dabei Farben, Formen, Stiften, Wasser und was ich sonst noch auftreibe, um der Buntheit (oder auch der Düsternis) des Lebens bildliche Form zu verleihen.

Daraus entsteht (man verzeihe mir den esoterischen Ausdruck) ein Energiefeld, in dem kreative und künstlerische Aktivität fast von alleine entsteht. Einige kommen jede Woche, nur um dabei zu sitzen und ihren eigenen Gedanken oder Tätigkeiten nachzugehen, wie zum Beispiel ein Buch lesen oder einfach an den Gesprächen teilzunehmen. Die Runde lockt auch Bewohner an, die wegen der spezifischen Ausprägung ihrer dementiellen Veränderung (Rastlosigkeit, Unfähigkeit zur Konzentration, haptische Einschränkungen) zwar nicht mitmachen wollen und können, aber „wegen der guten Stimmung“ dabei sein wollen. Die demente Frau N., deren wesentlicher Gedächtnisinhalt darin besteht, dass sie heute noch von dem beiden Rolling Stones Konzerten schwärmt, die sie im Müngersdorfer Stadion besucht hat, erscheint fast immer eine Weile nach Beginn der Runde, setzt sich auf einen Stuhl in etwas fünf bis zehn Meter Entfernung und sieht uns zu.

Heute war wieder eine neue Teilnehmerin dabei: Frau W., Mitte Achtzig, orientiert und offensichtlich durch die Lobeshymnen einer anderen Teilnehmerin dazu bewogen, mal reinzuschauen. Ich erkläre ihr kurz die Materialien und die Handhabung und sie beginnt umstandslos mit einem Aquarell, so als hätte sie nur darauf gewartet, endlich in dieser Richtung kreativ zu werden.

Dabei erzählt sie mir von einem Lied, das sie seit ihrer Kindheit verfolgt (im positiven Sinne), bzw. ihr nie wieder aus dem Kopf gegangen ist, seit sie es zum ersten Mal gehört hat. Sie singt ein paar Zeilen: 

„DAS möchte ich malen!“ sagt sie. Dank Internet und Apple Music kann ich schnell feststellen, dass es sich hier um ein Gedicht von Ludwig Uhland handelt und kann es zur ungläubigen Freude von Frau W. auch gleich aufrufen und abspielen. Wir hören eine Version vom Montanara-Chor und eine von den Fischer-Chören, und nicht nur Frau W. ist restlos glücklich über die Wiederbegegnung mit diesen Versen und dieser Melodie.

Ihr kommen die Tränen, sie schwelgt in Erinnerungen – „Sie glauben gar nicht, in wievielen Bergen und Tälern ich gewandert bin…!“ – und malt währenddessen beschwingt weiter. Ihre Sitznachbarin kann mit soviel Sentimentalität wenig anfangen und betrachtet sich das Bild kritisch. „Und warum ist da jetzt oben auf dem Berg das Haus? Wieso ist das so rund? Das sieht aus wie ne Kartoffel…“ Frau W. in ihrer exaltierten Gemütsverfassung ist unbeeindruckt und erklärt freundlich, dass das eben das Lied sei und in dem Lied stünde die Kapelle nun mal oben auf dem Berg. Obwohl bereits das Kreuz auf dem Haus auf eine Kirche oder Kapelle hinweist, zeichnet sie jetzt noch Kirchenfenster rein, so das auch Restzweifel an der höheren Weihe des Gebäudes oben auf dem Berg ausgeräumt sind.

Frau W. ist die zweite Teilnehmerin heute, die die kreative Aktivität nutzt, um in die tiefen Wasser der Erinnerungen hinabzutauchen. Auch Frau K., dienstälteste Teilnehmerin der Runde und seit 2017 dabei, kommt mit einer ziemlich konkreten Idee. Sie will den Gutshof zeichnen, den sie als junge Frau mit ihrer Familie, nach Krieg und Vertreibung aus Hinterpommern, als „Neubauern“ bewohnten. Die Gutsbesitzer waren von der sowjetischen Militäradministration oder der DDR-Regierung enteignet worden und nach dem Westen abgehauen. Besonders angetan hat es ihr in ihrer Erinnerung der Eingangsbereich und die Veranda des Gutshauses, wo Tanzveranstaltungen und Feste stattfanden.

Frau K. zeichnet am liebsten mit Ölpastellkreiden und ähnlichen, das Aquarellieren liegt ihr nicht, sie will den klaren, akzentuierten Strich. Ihre Bildideen entnimmt sie ihrer Erinnerung und plant die Umsetzung mit Akribie. Diesmal hat sie sich vorgenommen, alles auf schwarzem Papier zu machen und beschäftigt sich die gesamte anderthalbstündige Zeit unserer Gruppe mit einer Bleistift-Vorskizze und einer weiteren mit weißem Buntstift auf schwarzem Karton. Ich muss innerlich schmunzeln, denn ich weiß, das Frau K. sich hier wieder eine Aufgabe vorgenommen hat, die sie vermutlich bis zum Frühjahr in Anspruch nehmen wird.

Gegen Ende der Runde, als ich schon mit dem Aufräumen beginne, sagt mir Frau W. „Hätte ich gewußt, was Sie hier machen, wäre ich früher schon mal gekommen… Dass ich DAS Lied nochmal höre…!“

„Ja ja, schon klar“, ist meine Antwort. „Sie dachten, das ist so ein langweiliger Malkurs wo man irgendwas lernen und abmalen soll…“

Frau W. nickt. „Ja, dachte ich, aber Frau B. hat mir gesagt, das ich unbedingt mal mitkommen soll, und deswegen bin ich heute mitgegangen. Ich bin froh darüber! Bis nächste Woche!“

Als ich alle auf ihre Wohnbereiche gebracht habe und die Reste unserer Runde aufräume, Tische abwische usw., kommt ein Kollege vom Sozialen Dienst vorbei und bemerkt „Deine Malgruppe wird ja immer größer! Aber Frau B. verbreitet auch überall, wie toll das ist und dass du in jedem Bild alle möglichen Dinge siehst…“ das bezieht sich auf meine Angewohnheit, die in der Runde produzierten Bilder und Zeichnungen allen vorzuzeigen und sie zu kommentieren. Bei den Aquarellen ergibt das, in Kombination mit meiner reichlich vorhandenen Imagination und einem gewissen Hang zum Konfabulieren, oft fantastische Interpretation der Formen und Figuren, die man aus den Bildern herauslesen kann.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Solemnias Omnium Sanctorum

In dem diakonischen Pflegeheim, in dem ich arbeite, haben sich Einrichtungsleitung und Sozialer Dienst das ehrgeizige Ziel gesetzt, an jedem Tag zwei Gruppenveranstaltungen – eine vormittags, eine nachmittags – für die Bewohner anzubieten. Das ist nicht immer einzuhalten, da die bekannt üble Arbeitssituation in den Heimen die Mitarbeiter in Pflege und Betreuung gleichermaßen beansprucht. Immer ist irgendjemand gerade krank, hat Urlaub oder fällt aus anderen Gründen aus. Außerdem muß ja auch noch die Einzelbetreuung, vor allem der bettlägerigen Bewohner, abgedeckt werden.

An diesem Feiertag jedenfalls hat’s mich getroffen, als einziger Mitarbeiter des Sozialen Dienstes für das Vormittagsprogramm zu sorgen. Vorsichtshalber habe ich in den Wochenplan „Bunte Runde“ geschrieben. Damit halte ich mir alle Möglichkeiten offen, mit den Leuten Zeit zu verbringen, ohne mich auf irgendeine langweilige Beschäftigungsstunde oder -methodik festzulegen. So kann ich spontan entscheiden, was das Thema ist, kann aktuelle Ereignisse aufgreifen und auf mein Publikum reagieren.

Das Publikum in einem Pflegeheim besteht nun allerdings aus Menschen, die sowieso schon mal alle die eine oder andere substantielle Einschränkung haben – sonst wären sie nicht im Pflegeheim. Ein erheblicher Anteil der Bewohner ist dement, gefühlt mehr als die Hälfte. Das führt manchmal zu Situationen, wo sich die Minderheit der orientierten Bewohner beschwert, dass es für ihre Bedürfnisse und Interessen kaum Angebote gibt. Da fast immer sowohl demente wie orientierte Bewohner zu den Gruppenveranstaltungen kommen, neigen die Angebote zu einer gewissen „Niedrigschwelligkeit“: Singen, Sitztanz, Filmvorführungen, Spielerunden, wenn’s hoch kommt mal Gedächtnistraining (was dementiell veränderte Menschen, je nach Demenzgrad, häufig als Teilnehmer ausschließt).

Als Kunstgeragoge bin ich vor allem für die Kreativangebote zuständig, kann mich in meinen Diensten aber nicht immer vor der Einteilung für andere Angebote drücken. Diese allerdings mache ich nach Möglichkeit mittels meines „Bunte Runde“-Kniffs zu offenen, spontanen Treffen, in denen ich erstens situationsbezogen auf die Anwesenden eingehen kann und zweitens beiden Bewohnergruppen, Dementen wie Orientieren, gerecht zu werden versuche – durch einerseits viel Musik, Bilder und Geschichten und andererseits einer guten Dosis Fakten, Informationen und Betrachtungen aus Kunst, Kultur, Geschichte, Religion und Politik.

Was bietet sich also an einem christlichen Feiertag in einer diakonischen Einrichtung an? Genau: wir schauen uns mal an, was es mit diesem „Allerheiligen“ eigentlich auf sich hat. Das fängt an mit der naheliegenden, aber meist nicht gestellten Frage, was überhaupt ein „Heiliger“ ist. Verdutzte Gesichter, ratlose Blicke, bestätigendes Kopfnicken – mein Publikum zeigt eine Bandbreite von Reaktionen. SO haben sie die Sache noch gar nicht betrachtet. Frau W., eine orientierte Mitt-Achtzigerin, meldet sich zu Wort und berichtet (wobei sie fast erleichtert wirkt), dass sie „an diesen Kram mit den Heiligen“ sowieso noch nie glauben konnte. Sie würde lieber der nicht so heiligen und verstorbenen Menschen gedenken, die hätten‘s ja wohl nötiger.

Das findet die Zustimmung der anderen, die sich nun scheinbar alle überlegen, wieso eigentlich einige heilig sind und andere nicht. Jemand wirft ein, dass es der Papst ist, der die Heiligkeit erklärt. Wir stellen uns gemeinsam vor, wie eine Gruppe alter, bizarr bekleideter Männer sich versammelt, um auf der Grundlage von wilden Geschichten und Erzählungen irgendwelchen armen Schweine, die für ihren Glauben starben oder sich aufgrund ihrer guten Werke einen Namen gemacht haben, posthum eine offizielle Heiligkeitsurkunde zu verleihen. „Da haben die ja auch nicht mehr viel von“, merkt Frau D. an, womit sie zweifellos richtig liegt.

Wo wir schon mal dabei sind, zeige ich jetzt ein paar Bilder der typischen Ikonographie, mit der die Allerheiligenthematik traditionell illustriert wird: Die Heiligen sind in der Regel konzentrisch um Gott oder Jesus versammelt und beten und jubilieren was das Zeug hält. Gerne werden sie auch von Engeln begleitet, die unablässig Lob und Preis singen. Nach einiger Betrachtung und Erörterung kommen wir zu dem Schluß, dass diese Heiligen ziemlich gut drauf sind. Sie haben ja auch allen Grund dazu: sie sind im Himmel, an der Seite des göttlichen Vaters oder seines Sohnes, es fehlt ihnen an nichts, alle finden sie ganz klasse und beten sie an – da gibt’s im Grunde nichts zu meckern, so ein Leben lässt sich aushalten.

Warum also ist Allerheiligen dann „stiller Feiertag“ mit Tanzverbot und Verbot lauter Musik? Auf den Bildern sieht man doch Engel mit Posaunen, und die sind bestimmt nicht leise. Jetzt meldet sich erneut Frau W.: „Da sieht man doch, was für ein Unsinn das ist. Allerheiligen sollte man lieber fröhlich sein und feiern, Tanz und Musik sollten erlaubt sein. Das stille Gedenken ist für Allerseelen, wo man an die Verstorbenen denkt und Kerzen anzündet.“

Dem hab ich wenig hinzuzufügen, außer dass nach soviel Reden und Information jetzt erstmal wieder Musik und Tanz ansteht. Das Tänzchen führe ich mit meiner heutigen ehrenamtlichen Assistentin aus, die zufällig Michaela heißt – was mir Gelegenheit gibt, meiner schlager-affinen Runde Bata Ilic‘s gleichnamigen Hit von 1972 vorzuspielen: „ Ich tue alles für dich, denn ich liebe nur dich, Michaela-a-ha…!“. Das kennt jeder, fast alle singen begeistert mit und ich sinniere vor mich hin, ob ich auch heute wieder die nötige Balance zwischen Religionskritik und arbeitsvertraglicher Jobdefinition gewahrt habe. Da es jetzt munter mit Schlagerklassikern weitergeht, Erinnerungen an die Musik der Jugend und des jungen Erwachsenenalters der Leute die Runde machen, und alle immer fröhlicher und gelöster zu werden scheinen, beantworte ich mir das selber mit „Ja“. 

Nach Ende der Runde haben die Assistentin und ich den Rücktransfer unserer Gäste auf vier Wohnbereiche in zwei Stockwerken zu bewältigen. Als wir uns wieder unten im Veranstaltungssaal zum Aufräumen treffen, sagt mir Michaela, die gerade Frau W. hoch gebracht hat: „Ich soll dir von Frau W. sagen, dass das die beste Veranstaltung war, bei der sie bisher war – sie hat so viel gelernt und sich so gut unterhalten gefühlt, dass ich dir das nochmal sagen soll!“