“Dem Westen steht eine traumatische Erfahrung bevor“

„Dem Westen steht eine traumatische Erfahrung bevor, da er sich an die neue internationale Machtverteilung anpassen muss und Regeln akzeptieren muss, die von nicht-westlichen Mächten festgelegt oder beeinflusst werden.“ (Glenn Diesen)

Ich übersetze hier mal auszugsweise das Schlusskapitel von Glenn Diesens exzellentem Buch „Der Ukraine-Krieg und die Eurasische Weltordnung“. Wenn man sich mit Hintergründen und Historie, mit Jahrhunderte umspannenden Zeitbögen und zivilisatorischen Entwicklungen beschäftigt und die dahinter stehenden geoökonomischen und -politischen Interessen und Konzepte begreift, erscheint die absolut desaströse und infantile Barbarei umso grotesker, die heutzutage immer noch – wenn auch glücklicherweise im Niedergang – die Weltgeschäfte und -Geschichte bestimmt.

Zum Begriff der „Westfälischen Weltordnung“, die Diesen in dem Buch ausführlich erwähnt und – wohl etwas naiv bzw.. zu idealistisch in Bezug auf die angenommen Vorzüge dieser Ordnung – der hegemonialen Ordnung des westlichen Weltsystems entgegenstellt, wobei Diesen implizit gleichsetzt, dass eine multipolare Ordnung automatisch eine westfälische, also auf gleichberechtigter Souveränität beruhende, Ordnung wäre.

Der Begriff geht auf den Westfälischen Frieden von 1648 zurück, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Daraus wird ein Ordnungsmodell abgeleitet, das bis heute als Grundmuster des internationalen Staatensystems gilt.

Kernprinzipien:

- Souveränität: Jeder Staat hat die alleinige Hoheit über sein Territorium, keine äußere Macht darf sich einmischen

- Nichteinmischung: In innere Angelegenheiten anderer Staaten wird nicht eingegriffen

-Rechtliche Gleichheit der Staaten: Formal sind alle Staaten gleichberechtigte Akteure, unabhängig von Größe oder Macht

- Territoriale Integrität: Grenzen sind unverletzlich, Gebietsansprüche werden nicht mit Gewalt durchgesetzt

Bedeutung: Das Konzept löste die mittelalterliche Vorstellung einer übergeordneten religiösen oder imperialen Autorität (Papst, Kaiser) ab und etablierte den Nationalstaat als zentrale Einheit der internationalen Ordnung. Es bildet bis heute die normative Grundlage des Völkerrechts und der UN-Charta.

Kritischer Punkt: In der Praxis war und ist das Prinzip immer selektiv angewendet worden. Die Kolonialmächte, die dieses Ordnungsmodell für sich beanspruchten, haben es außerhalb Europas systematisch missachtet, kolonisierte Gebiete galten nicht als souverän. Auch heute wird Souveränität von den dominanten Mächten oft situativ ausgelegt, etwa wenn militärische Interventionen mit “Responsibility to Protect” oder ähnlichen Konstrukten begründet werden, während gegenüber anderen Staaten strikt auf Nichteinmischung gepocht wird. Stimmen aus Russland, China und Teilen des Globalen Südens verweisen zunehmend gerade auf die “wertewestliche” Aushöhlung dieses Prinzips, während sie selbst eine strengere, buchstäbliche Auslegung staatlicher Souveränität als Gegenmodell zur unipolaren Ordnung vertreten.

Zusammenfassend lässt sich schließen, dass die Wiederherstellung einer westfälischen Weltordnung nicht nur eine multipolare Verteilung der Wirtschaftskraft erfordert, sondern auch die Achtung der zivilisatorischen Vielfalt, um sicherzustellen, dass der Grundsatz der unteilbaren Sicherheit gewahrt bleibt.

Zu diesem Zweck sollte die internationale Ordnung den ruchlosen Ansprüchen auf zivilisatorische Überlegenheit entgegenwirken, die sich hinter der wohlklingenden Rhetorik universeller Werte und Entwicklungsmodelle verbergen.

Durch dieses Prisma betrachtet können die Bemühungen der USA, die Welt in Demokratie und Autoritarismus zu spalten, eher als Rezept für Hegemonie und souveräne Ungleichheit denn für Harmonie und menschlichen Fortschritt angesehen werden.

Xi Jinping hat daher das hegemoniale Modell der USA zurückgewiesen und stattdessen das westfälische Argument vorgebracht, dass Staaten „davon Abstand nehmen müssen, anderen ihre eigenen Werte oder Modelle aufzuzwingen“. (…)

Der Ukraine-Krieg war eine vorhersehbare Folge einer unhaltbaren Weltordnung und wurde zum Schauplatz für die Gestaltung einer zukünftigen Weltordnung, die entweder auf globaler Hegemonie oder auf westfälischer Mehrparteiengleichheit beruht.

Die Ziele, Russland militärisch, wirtschaftlich oder politisch zu besiegen, indem man es weltweit isoliert, sind alle gescheitert. Die Reaktion der NATO bestand in einer kontinuierlichen Eskalation und theatralischen Gesten. Da die Ukraine durch unermessliches Leid verwüstet wurde und ihre Unfähigkeit, ihre militärischen Ziele zu erreichen, zu einer anerkannten Tatsache geworden ist, besteht die einzig mögliche Lösung des Konflikts darin, dass der Westen die legitimen Sicherheitsbedenken Russlands anerkennt und so das Sicherheitsdilemma entschärft.

Die Schwierigkeit dabei liegt darin, dass dies das Ende der Ära der liberalen Hegemonie bedeuten würde.(…)

Die Hegemonie hat die Rivalität der Großmächte nicht gemildert, sondern es der dominierenden Macht ermöglicht, ohne Rücksicht auf andere zu handeln und die Diplomatie durch die Sprache der Ultimaten zu ersetzen. Was der Öffentlichkeit als „pro-ukrainische“ Politik und „Hilfe für die Ukraine“ verkauft wurde, beinhaltete den Sturz der demokratisch gewählten Regierung ohne mehrheitliche Unterstützung durch die Ukrainer; die Unterstützung einer „Anti-Terror-Operation“ gegen ukrainische Bürger im Osten; die Säuberung der politischen Opposition und den Abbau der Demokratie; die Stärkung militanter Gruppen; die Sabotage von Friedensabkommen, die von Kiew unterstützt wurden; sowie den Druck auf die ukrainischen Streitkräfte, eine verheerende Gegenoffensive zu starten, die kaum bis gar keine Aussicht auf Erfolg hatte.

Ein friedliches Ende des Ukraine-Kriegs ist schwer vorstellbar. (…)

Eine politische Lösung des Krieges erfordert, dass der NATO-Expansionismus und der Zusammenbruch der paneuropäischen Sicherheitsarchitektur als die zugrunde liegenden Ursachen des Krieges angegangen werden.(…)

Die NATO muss entweder eine demütigende Niederlage hinnehmen oder sich direkt auf einen Konflikt einlassen, der schnell zu einem Atomkrieg eskalieren könnte. Der Ukraine-Krieg, der den Planeten in einem atomaren Holocaust zu vernichten droht, ist ein Symptom einer umfassenderen Krise des internationalen Systems.

Nachdem der Westen fünf Jahrhunderte lang die Hegemonie genossen und globale Regeln im Dienste westlicher Interessen geschaffen und durchgesetzt hat, findet nun eine spektakuläre Neuordnung der Machtverhältnisse in der Welt statt. Die globale Mehrheit strebt nach Multipolarität im Sinne einer westfälischen Weltordnung, während der Westen und die Führung in Washington versuchen, ihre dominante Position in der Welt wiederherzustellen. (…)

Da es nicht gelingt, China und Russland mit wirtschaftlichen Mitteln zu Fall zu bringen, werden die Konflikte um die zukünftige Weltordnung weiterhin militärischer Natur sein. Die Angst vor einem Atomkrieg scheint verschwunden zu sein, und Kriege zwischen den Großmächten sind nicht mehr undenkbar. (…)

Dem Westen steht eine traumatische Erfahrung bevor, da er sich an die neue internationale Machtverteilung anpassen muss und Regeln akzeptieren muss, die von nicht-westlichen Mächten festgelegt oder beeinflusst werden. Es sieht jedoch nicht so aus, als würden die USA einen friedlichen Übergang zu einer westfälischen Weltordnung akzeptieren. Der Mangel an politischer Vorstellungskraft in Washington hat zu einer Weltanschauung geführt, in der Chaos die einzige Alternative zur globalen Vorherrschaft der USA ist (…)

Sollte dies weiterhin die Sichtweise des Westens sein, werden wir Zeugen einer großen Tragödie für die Menschheit werden.“

https://www.hugendubel.de/de/taschenbuch/glenn_diesen-the_ukraine_war_the_eurasian_world_order-47039877-produkt-details.html

Buch auf Deutsch: https://mangroven-verlag.de/publikation/der-ukraine-krieg-und-die-eurasische-weltordnung/

Urlaubslektüre: „ The Ukraine War & the Eurasian World Order” von Glenn Diesen

Ich hab dieses Buch tatsächlich von vorne nach hinten, Kapitel für Kapitel, Abschnitt für Abschnitt durchgearbeitet.

Es ist zwar schon Ende 2023 erschienen und ist insofern nicht wirklich aktuell, was das westliche Ukraine-Projekt betrifft – aber das will es auch nicht vorrangig sein (auch wenn seine Voraussagen für den Verlauf des Krieges und die unaufhaltsame Entstehung der multipolaren Weltordnung zutreffend sind).

Es will vor allen Dingen die Entstehung und den historischen Kontext des Ukraine-Konflikts und des strategischen westlichen Weltordnungsvorhabens skizzieren, mit dem die NATO, vor allem aber die USA, den als schwächer gesehenen geopolitische Rivalen Russland auszuschalten beabsichtigten, um sich danach mit umso größerer Wucht ihrem – aus ihrer Sicht – gefährlichsten Rivalen China zuzuwenden.

Dass das alles so gewaltig in die Hose ging, dass sich amerikanische Hegemonie, dass sich Einfluss und geopolitisches Standing der Vormacht selbst und das ihrer europäischen und sonstigen Vasallen jetzt auf einer steilen Rutschbahn in den welthistorischen Abgrund befinden, das war 2023 schon absehbar und ist jetzt überdeutlich und unumkehrbar geworden.

Dieses Buch ordnet den Konflikt in ein historisches Gesamtbild ein und skizziert die gegensätzlichen Weltordnungsvorstellungen, die den europäischen Kontinent (spätestens ab Ende des 19. Jahrhunderts, auch unter massivem Einfluss des aufstrebenden amerikanischen Imperialismus) bestimmt und definiert haben.

Ich kann das Buch nur jedem empfehlen, der sich jenseits und abseits der hechelnden moraltriefenden Empörungsindustrie der westlichen Kriegspropaganda einmal über das Gesamtbild, die Hintergründe und vor allen Dingen die Geschichte dieser Entwicklungen sachkundig machen möchte.

Spoiler: Glenn Diesen ist kein Marxist, sondern einer der sachlichsten und kenntnisreichsten bürgerlichen Gesellschaftswissenschaftler, die sich in diesem Zusammenhang geäußert haben.

Kriegsbegeisterte deutsche Edeljournaille will mehr „Russen töten“

FAZ-Journalist Michael Martens fragt ukrainischen Machthaber, wie man ihm dabei helfen kann, „mehr Russen zu töten“:

Das ist die Geisteshaltung der deutschen politischen und journalistischen Eliten.

Wäre das Setting nicht eindeutig im 21. Jahrhundert angesiedelt, könnte es so auch eine Pressekonferenz aus dem Jahr 1941 sein, in der der Frontreporter des „Völkischen Beobachters“ den OUN-Führer Bandera fragt, wie man ihm beim Russenmetzeln unterstützen kann.

Sie WOLLEN den Krieg gegen Russland, und sie werden uns in diese von Anfang an verlorene Auseinandersetzung – in die sie uns mit jedem Tag, mit jeder neuen Meldung, hysterischer hineinhetzen – führen, weil ihnen kein anderer Weg mehr bleibt, um ihr kollabierendes, faulendes, neoliberales westliches Hegemonialsystem zu retten – und weil sie viel zu viel reales und politisches Kapital in ihren Krieg gegen Russland investiert haben.

Mangels ausbleibendem Widerstand seitens der schafsmäßig folgsamen deutschen Bevölkerung bleibt nur die Hoffnung auf die (unterhalb der Nuklearschwelle) überlegene Militärtechnik der russischen Streitkräfte und die völlige Unfähigkeit der westlichen Kriegstreiber, ihre vielbeschworene Hochrüstung so umzusetzen, dass sie ernsthaft daran denken könnten, es mit Russland aufnehmen zu können.

Martens ist der typische (deutsche) Untertan, der sich im Windschatten der offiziellen Kriegsbereitschaft traut, seine rassistische Mordfantasie öffentlich zu verkünden.

Wäre das Russentöten nicht offizielle Politik der BRD als des inzwischen ersten und größten Sponsors der ukrainischen Faschisten, würden Sofa-Strumtruppler wie Martens sich gar nicht trauen, derlei Sprüche zu machen.

Es ist die geborgte „Stärke“ von Chihuahuas, die schräg hinter dem Pitbull stehen und Riesenalarm machen, aber blitzartig verschwunden sind, sobald der Bär knurrt und der Pitbull den Schwanz einklemmt.

Wie auch immer, der Mann gehörte in einer verständigen Welt wegen Volksverhetzung und Aufruf zu Mord und Totschlag angezeigt, bestraft und aus dem Verkehr gezogen. Nach Lage der Dinge jedoch gibt es genügend Fanatiker, die seine primitiven Gewaltfantasien teilen – einschließlich der Regierenden, die, ermächtigt von der Bevölkerung, diesen blutrünstigen Irrsinn ermöglichen.

Deutschland und der gesamte kollektive Westen hat längst das Reich der Verständigkeit und des gegenseitigen Ausgleichs verlassen und befindet sich im hysterischen Taumel der aggressiven Konfrontationssucht – das Verständnis des Konzepts der unteilbaren Sicherheit, nach dem die Sicherheit des einen nicht auf Kosten der Sicherheit des anderen gehen kann, ist in die Tonne getreten worden.

Einerseits bekommt man oft den Eindruck, als hätten wesentliche Teile der herrschenden Eliten nur darauf gewartet, dass sie endlich wieder unverhohlen auf Kriegskurs gegen Russland gehen können, andererseits spricht aus dem Verhalten der neuen Kalten Krieger mittlerweile auch eine ordentliche Portion Verzweiflung und Panik über ihr gescheitertes Ukraine-Projekt.

Das ist eine gefährliche Mischung, da der vergebliche Versuch, an der hegemonialen Aufsicht über die globalen Geschäfte festzuhalten, sogar um den Preis des eigenen Untergangs verfolgt wird.

Dass rassistische Bellizisten wie Martens in diesem Biotop knarzender Kampfkröten sich wie die Goliathfrösche vorkommen und entsprechend laut und blutrünstig daherquaken, passt dazu.

Politische Ökonomie von Gefühlssozialisten: Schuld an allem ist die Gier

„“Gierige Manager“, das Hauptwerk von Karl Marx, jetzt endlich neu aufgelegt, als schreiendes Hörbuch – und garantiert ohne Kommunismus!

Verfolgen Sie mit, wie Marx seine berühmte Zauberformel G – W – G‘ entwickelt: Gier – Wirtschaft – mehr Gier.

Geplant ist auch eine Wiederveröffentlichung seiner Polemik: „Vergessene aller Länder – wenn ihr sparsam seid, seid ihr die Dummen!“ Sie beginnt so: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Kämpfen zwischen Gierigen und Ehrlichen, an die wieder niemand denkt.“

Lesen Sie nächste Woche: Hat Martin Schulz recht? Führt der Weg in den Sozialismus nur über die kollektive Aneignung der Produktionsmittel?“

(Danilel Kulla auf Facebook, Januar 2017)


Eins, zwei, drei, vier,
Schuld an allem ist die Gier
Fünf, sechs, sieben, acht,
Weil Reichtum nun mal gierig macht

Die Marktwirtschaft ist uns schon recht,
doch zu viel GIER bekommt ihr schlecht.
Der Manager muss sich bescheiden,
Dann können wir ihn bestens leiden.

NATO-Sprachregelungen: Angriffskrieg auf die Intelligenz des Lesers

Seit Jahren in den Ohren liegt
Die Presse uns mit „ANGRIFFSKRIEG!“:
Das Wort hat jeder hier im Ohr
Man wirft es gern dem Russen vor!

Man sagt, es ist total verkehrt,
Wenn der sich gegen Nazis wehrt
Und NATO in der Ukraine.
Zum bösen Spiel die gute Miene:

DAS soll er machen, und am besten
Sich ausverkaufen an den Westen.
Der Russenkrieg ist deshalb SCHLECHT,
Nur UNSRE Kriege sind gerecht.

„Angriff“ gibt es bei uns nie,
Wir sind ja für Demokratie.
Belgrad, Kabul und Teheran
Die haben uns sehr wehgetan,

Auf unsre Werte frech gepfiffen,
Weshalb wir sie dann ange….
Halt, nein, ein Angriff war das nie!
Die Schuld hatten natürlich DIE:

Durch Eigensinn uns provozieren?
Da müssen wir halt bombardieren.
Dass dies nicht „Angriffskriege“ sind
Das weiß bei uns noch jedes Kind,

WIR: die Guten. DIE: die Bösen.
So steht‘s in der „FR“ zu lesen.
Denn ANGRIFFSKRIEG, jetzt gebt fein acht,
Ist nur, wenn es der Russe macht!

Die Krise hat die Urlaubsorte erreicht: Ein ganz merkwürdiges Jahr

Seit wir vor einer knappen Woche in unserem Urlaubsort in der holsteinischen Probstei, wo wir seit sieben Jahren unseren Jahresurlaub verbringen, angekommen sind, fällt uns auf, dass es hier seltsam leer ist.

Viele Ferienwohnungen sind gar nicht belegt, das Hotel neben unserem Ferienhaus, in dessen Restaurant man morgens die Gäste frühstücken sieht, hat kaum Urlauber im Frühstückssaal, der Strand wirkt selbst am Wochenende geräumig und keineswegs so voller Badegäste wie sonst. Das ist einerseits angenehm, weil man mehr Platz am Strand hat und der Ort nicht so quirlig und belebt ist wie sonst – andrerseits wirkt es mitten in der Sommersaison sehr ungewohnt.

Heute, beim ersten Gang mit dem Hund, unterhalten wir uns über dieses Phänomen. „Ich schätze, die haben hier einen Rückgang von 20 – 25% im Tourismus, so wie das hier aussieht“, sage ich. Die Liebste hält das noch für untertrieben: „Nee, guck doch mal, hier ist doch kaum einer – das müssen um die 40% weniger Leute sein!“

Nun sind solche subjektiv empfundenen Veränderungen natürlich keine Erhebung mit belastbaren Zahlen, aber klar ist, dass deutlich weniger los ist als in den Vorjahren. Wir beschließen, eine zuverlässige Quelle zum Thema zu befragen und begeben uns zum einzigen Supermarkt des Örtchens, dem legendären „Edeka Alpen“. Dort sitzt morgens seit Jahr und Tag eine Rentnerin auf der Bank vor dem Markt, trinkt ihren Kaffee, den sie ab und zu in der angeschlossenen Bäckerei nachschenken lässt und raucht sich eine (manchmal auch mehrere).

Die Dame ist eine wettergegerbte Camperin aus Hamburg, die ihren Wohnwagen das ganze Jahr über auf dem Campingplatz „Grasbleek“ stehen hat und dort von Mai bis September residiert. Sie ist ca. achtzig Jahre at, kommt schon seit über zwanzig Jahren hierher und zählt im Grunde als Einheimische – jeder kennt sie, sie kennt jeden und von ihrem Platz vor dem „Edeka Alpen“ kommentiert sie mit verschiedenen Sitznachbarn schonungslos die Lage und die Leute.

Ich setze mich neben sie, während die Liebste im Markt ein paar Einkäufe erledigt. „Kommt mir das nur so vor, oder ist es hier tatsächlich viel leerer geworden?“ frage ich sie nach dem üblichen Austausch der Begrüßungs- und Höflichkeitsfloskeln (die aus einem kurzen „Moin!“ bestehen).

„Ja, ist wirklich so. Dieses Jahr ist das ganz merkwürdig. Das ist beinah nur halb so viel sonst.“ Sie weist auf den großen leeren Parkplatz, auf den wir gucken. „Kein einziges Auto. Der war sonst voll um diese Jahreszeit. Es ist Hochsaison und kaum jemand ist da. Die leben ja vom Tourismus hier – das werden die zu spüren kriegen!“

Auf Nachfrage berichtet sie, dass es auf ihrem Campingplatz ähnlich ist. Am Wochenende kämen immer noch ein paar Einheimische aus der Umgebung, aber ansonsten ist ein enormer Rückgang an Besuchern zu verzeichnen. „Ich war noch nie so viel alleine in meinem Wohnwagen wie dieses Jahr. Ganz merkwürdig.“

„Die Leute haben kein Geld mehr. Die Alten, die die immer da waren, die sterben weg. Aber die Jungen? Die müssen arbeiten… wenn sie Arbeit haben!“ fügt sie hinzu. „Das ist ein ganz merkwürdiges Jahr“, wiederholt sie noch einmal und zündet sich noch eine Zigarette an.

Ja, es ist ein merkwürdiges Jahr. Finde ich auch.