Geschichten die das Leben schrieb: wenn die Nacht am tiefsten

Nachts, wenn alles schläft, erhalte ich Besuch von Wesen aus der Zwischenwelt. Sie stehen meistens nur da und verschwinden so lautlos, wie sie erschienen sind.

Manchmal flimmern sie kurz, wie eine Störung im Fernseher, so als würden sich die Photonen, aus denen ihre Erscheinung besteht, neu ordnen. Einmal flüsterte einer: „Warum schläfst du nicht…“, worauf ich ins Bett ging.

Also auch in der Geisterwelt alles wie immer.

Geschichten die das Leben schrieb: fussballphilosophische Betrachtungen, die nichts mit Fußball zu tun haben (Folge 2)

Es ist mal wieder gemeinsamer Fußballabend angesagt. Da die Liebste entschieden hat, dass bis zum Urlaub im August kein Alkohol mehr getrunken wird, ein fast esoterisches Event bei Kräutertee und Duftkerze.

Das Spiel beginnt und Aussehen und Outfits der Spieler werden kritisch unter die Lupe genommen.

Die Frau so, beim Anblick von Sabitzer: „Wie sieht der denn aus?! Der könnte echt bei irgend so einem österreichischen Krimi mitspielen… aber als Verbrecher!“

Ich: „Hm, ja.. ich muss sagen, rein von der Optik her spielen bei der Türkei die attraktiven Männer als bei den Österreichern.“

Die Frau nickt zustimmend.
„Die Ösis sehen halt alle Scheiße aus“, sagt sie kategorisch bzw. kategorisierend.

Ich frage: „Hast du noch nie einen österreichischen Lover gehabt?“

Sie: „ Um Gottes willen! ich bin doch nicht bescheuert!“

Ich: „Naja, der Singsang, den die da unten sprechen, der klingt doch ganz sexy…“

Sie, gewohnt logisch: „Ja, das nützt mir aber nichts, wenn die nicht sexy aussehen..“

Jetzt wird der österreichische Torwart Pentz eingeblendet. „Boah, selbst der Torwart sieht scheiße aus!“ läßt sich die Liebste vernehmen.

Dann ist das Spiel aus, die Türkei hat ein wenig überraschend, aber verdient gewonnen, und meine Herzdame – die zu Beginn des Matches noch die Österreicher favorisiert hatte – freut sich mit den begeisterten Fans des Teams mit dem besser ausschauenden Männermaterial über den ehrlich erkämpften Einzug ins Viertelfinale. „Ich bleib noch ein bißchen auf und guck mir das an“, verkündet sie, „die feiern so schön!“

Geschichten die das Leben schrieb: Mein Freund Gernot im Bardo

Mit Gernot Hergenröder verbindet mich eine sehr lange, mindestens vierzigjährige Freundschaft und viele Jahre gemeinsamer Arbeit im Garten- und Landschaftsbau. Seit ich nicht mehr in Langen lebe oder gelegentlich mal dort zu Besuch bin, haben wir kaum noch Kontakt gehabt – doch vor einer Woche ungefähr erschien der plötzlich in meinen Gedanken und ich nahm mir vor, ihn endlich mal wieder anzurufen und zum treffen.

Das war genau der Zeitpunkt, an dem er gestorben ist. Am 26. Juni 2024 hat Gernot diese Welt verlassen und seine Reise durch den Zwischenzustand angetreten, auf den er sich hoffentlich in seiner buddhistischen Praxis der vergangenen zwanzig Jahre oder so gut vorbereitet hat.

Es fühlt sich so an, als wäre ein Verwandter gestorben.

Ambrosia der Götter Marke „Toter Fisch“

Ein ganzer Brocken Ambrosia der Götter, Marke toter Fisch, liegt am Rheinufer: unwiderstehlicher Anziehungspunkt für jeden Hund.

Diesmal allerdings war ich schneller. Da der weiß leuchtende Fischkadaver schon von weitem sichtbar war, konnte ich den Hund davon abhalten, sich genüsslich darin zu wälzen.

Und während ich mich noch freute, war er ein paar hundert Meter weiter gelaufen und hat den nächsten stinkenden Kadaver gefunden, mit dem er sich ausgiebig einparfümieren konnte.


Edit:
Zuhause gleich in die Wanne und den Kumpel drei Durchgängen mit Mandarinenshampoo unterzogen. Jetzt riecht er wie toter Fisch in Mandarinendressing.

Geschichten die das Leben schrieb: die zerrissene Bettdecke und die Zumutungen der Lohnarbeit

Der Hund hat ein Loch in die Bett-Überdecke gekratzt. Wenn er es sich bequem machen will, kratzt er meistens hundemäßig mit den Vorderpfoten an seinem beabsichtigten Liegeplatz herum (manche sagen, das seien canine Instinkte aus Zeiten, als die wilden Hunde ihre Schlafstellen in der Natur von gefährlichen Insekten und ähnlichem befreien mussten).

Nichts Dramatisches, sicherlich stopfbar von einem geschickten Schneider (zum Beispiel dem sympathischen, freundlichen Türken um die Ecke, zu dem ich alle durchlöcherten Hosen und sonstige reparaturbedürftigen Klamotten bringe) aber die Frau ist aufs äußerste aufgebracht, gereizt und missmutig ob des Schadens:

„Also, du erlaubst dem Hund wirklich alles! Was soll der denn noch alles kaputtmachen?!“

Ich sage gar nichts, denn die Liebste kommt nach einem anstrengenden Tag von der Arbeit und hat gerade die letzten anderthalb Stunden in überfüllten, unklimatisierten öffentlichen Verkehrsmitteln verbracht. Wer hätte da kein Mitgefühl mit einer Lohnarbeitskraft, die zwar ausbildungs- und einkommensmäßig zur gehobenen Mittelschicht zählt, aber dennoch wie der letzte Hilfsarbeiter jedem Befehl ihres Arbeitgebers zu folgen hat – zum Beispiel der völlig unsinnigen Order, die ausschließlich am PC verrichtete Arbeit ein- bis zweimal pro Wiche physisch in einem 60 km entfernten Großraumbüro statt im heimischen Home Office zu verrichten.

Ich bleibe also gelassen sitzen, während aus dem Schlafzimmer weiteres verärgertes Schimpfen und Zetern zu vernehmen ist. Mein Schweigen wird mir jetzt allerdings als Komplizenschaft, wenn nicht sogar Mittäterschaft ausgelegt. „Für dich ist das alles egal, oder wie?“ kriege ich zu hören. „Nur ein bißchen Kratzi-Kratzi? Macht nichts? Sollen wir hier leben wie die Asozialen, mit lauter kaputten und geflickten Sachen?? Und dann deine Ruhe dabei! Du sitzt da einfach und sagst nichts…!!“

Ich überlege kurz, ob ich jetzt aufspringen und eine schauspielerische Einlage hinlegen soll, bei der ich in lautes und intensives Wehklagen über die eingerissene Tagesdecke einstimme. Ich entscheide mich dagegen, um nicht Öl ins Feuer zu gießen und versuche es stattdessen mit Diplomatie: „Das kann man doch stopfen! Ich nehme die Decke morgen mit zum Schneider, wenn ich meine Jeans abhole…“

Zu spät! „Ich hab die Scheissdecke jetzt ganz zerrissen!!“, höre ich vom anderen Ende der Wohnung. Die entnervte Liebste hat tatsächlich aus Ärger und Daffke die Decke endgültig terminiert, während sich der eigentlich Schuldige, mein zotteliger Kratzi-Kratzi-Kumpel, vorsichtshalber in seine bei uns so bezeichnete „Sprich-mich-nicht-an“-Hundehütte verkrochen hat.

Wobei, der EIGENTLICHE eigentlich Schuldige schein doch eder ich zu sein, denn ich hab‘s ja nicht verhindert. Was all solche Vorkommnisse, jedenfalls aber die emotional herausfordernde Reaktion darauf, mit dem Ausbeutersystem und dessen unerbittlichen Anforderungen an die Arbeitskräfte zu tun haben, was sie mit dem erbarmungswürdigenZustand des öffentlichen Nahverkehrs i. Deutschland und mit der Tatsche zutun hat, dass Leute wenige Jahre vor ihrer Verrentung in kaum zu bewältigende Arbeitsumgebungen gezwungen werden- all das spreche ich vielleicht mal zu einem geeigneten Zeitpunkt an, momentan aber auf gar keinen Fall.

Ich will schließlich in Ruhe heute abend Fußball gucken.

Geschichten die das Leben schrieb: Betriebsrente finanziert Nobelfriseur

Die Frau hat zu meiner Freude beschlossen, „die Haare wieder wachsen zu lassen“, ist aber der Meinung, dass ab und zu die Spitzen geschnitten werden müssen. Sie kommt von ihrem Termin bei ihrem Leibfriseur zurück, dem sie diese verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut hat.

Der Friseur, der zwei äußerst erfolgreiche Salons in Düsseldorf betreibt, ist ein furchtbar sympathischer Kerl, der nebenbei jedes Klischee über Friseure erfüllt: schwul, modisch extrem bewandert, kommunikativ bis zum Exzeß und scheinbar auch ein recht guter Geschäftsmann. Jedenfalls drängelt sich die wohlhabendere Oberkasseler Damenwelt, um bei ihm einen Termin zu bekommen.

Die Gattin betritt also mit frisch geschnittenen Spitzen die Küche und sieht mich erwartungsvoll an. Ich sage das Richtige, nämlich: „Sieht klasse aus!“ und frage: „Und? Quanto costa?“, wobei ich die Geldzählgeste mit Daumen und Zeigefinger mache.

„Hundertzwanzig“, antwortet meine sowieso gutaussehende, jetzt aber dank längerer Haare noch attraktivere Liebste beiläufig.

Ich bohre mir mit den Zeigefingern in den Ohren, als müsste ich dort Ohrstöpsel oder irgendwelche Ablagerungen von Ohrenschmalz entfernen und entgegne: „Ich hab eben tatsächlich ‚Hundertzwanzig‘ verstanden, irgendwas ist wohl mit meinen Ohren nicht in Ordnung…“

Die Frau bleibt unbeeindruckt und antwortet charmant: „Ja, ganz schön teuer, oder? Die Preise sind halt so…“

Damit lasse ich mich noch nicht abspeisen und hake nach: „Hat der dir jede Spitze einzeln berechnet oder wie?“.

„Schatzi, ich gehe einmal im Quartal zum Friseur, das sind vierzig Euro im Monat. Das ist doch nicht viel!“, kriege ich zu hören.

Ich geb‘s auf, da ich die Einstellung meiner Liebsten bezüglich die Lebensqualität steigernder Annehmlichkeiten genau kenne und weiß, dass sie – als archetypische Vertreterin der bürgerlichen Mittelschicht mit dem sehr soliden Mittelschichtseinkommen einer Controllerin bei einem großen internationalen Finanzdienstleister – ohne weiteres auch die Mittel hat, um sich den Genuss dieser Annehmlichkeiten zu gönnen.

Etwas später sitzt sie in ihrem Home Office Arbeitszimmer und ruft: „Komm mal gucken!“

Ich folge der Aufforderung und sie zeigt mir ein Dokument ihres Arbeitgebers auf dem Bildschirm. „Guck mal, alleine meine Betriebsrente ist höher deine gesetzliche Rente!“. Tatsächlich ist die Betriebsrente, die sie in wenigen Jahren aus der über vierzigjährigen Beschäftigung bei ihrem Arbeitgeber erhalten wird, um ca 50% höher als die Armutsrente, die ich beziehe. 

Die Frau, sicherheitsorientiert, vorsorgebewußt und finanzkapitalistisch mit allen Wassern ihres erlernten Berufes gewaschen, hat natürlich schon vor Jahrzehnten die drei soliden Säulen ihrer Altersvorsorge (gesetzliche Rente, Betriebsrente und Direktversicherung)  eingetütet – zu einer Zeit, als ich die Welt bereiste, zu Füßen des Gurus saß und mich nebenbei als Lohnarbeiter oder selbstausbeutender kleiner Selbständiger durchschlug.

Dabei liegt ihr jede Herablassung oder Arroganz fern; sie freut sich nur, dass wir dem Anschein nach auch im Alter ausreichende Einkommensquellen haben werden, um uns ein erträgliches Leben leisten zu können. Zwar machen wir im Grunde keine Trennung zwischen „dein Geld“ und „mein Geld“. Meine Erfahrung als Lohnarbeiter am unteren Ende der Einkommensskala hat mir aber eine gewisse Zurückhaltung bei „unnötigen“ Ausgaben beigebracht, die ich nach wie vor einhalte. Der Liebsten gönne ich ihre kleinen Ausflüge ins Luxusleben von Herzen, sie kann es sich leisten und braucht es wohl auch für ihr seelisches Gleichgewicht. 

Geschichten die das Leben schrieb: Man wird nicht jünger

Ich glaube, ich werde wunderlich. Meine Kräfte lassen nach, ich hangele mich meisten von einem Tag zum nächsten. Morgens tun mir alle Knochen weh und ich bin froh, wenn ich mittags schlafen kann und nicht zur Arbeit muss. Abends geht’s besser, meistens mit Hilfe von Wein, Whisky und anderen Drogen.

Ich beobachte Wortfindungsschwierigkeiten, ein nachlassendes Namensgedächtnis, sowie eine allgemeine Müdigkeit oder Unwilligkeit, mich überhaupt noch mit den Belangen der hoffnungslosen weltlichen Angelegenheiten zu befassen. Der Irrsinn, der einem aus Medien und Politikermündern von allen Seiten anspringt, ist einfach zu gewaltig als dass man gegen diese Windmühlenflügel anrennen möchte wie ein moderner Don Quichotte der Aufklärung.

Immer öfter fühle ich mich, als ob sich in meinem Schädel eine Gehirnschmelze vollzieht; jedoch kommt es mir so vor, also ob – während das Erzeugen klarer, strukturierter und wissenschaftlicher Gedanken schwieriger wird und die Konzentrationsfähigkeit nachläßt – sich ein Raum von Weite und Tiefe auftut, der zwar Details nicht so präzise erfasst, dafür aber das Gesamtbild in seinen Konturen und seinen Entwicklungstendenzen um so klarer hervortreten lässt.

In diversen Internetformaten sehe ich junge Menschen, die intelligent und überzeugt wirken, die ihren Platz in der düsteren Dystopie des 21. Jahrhunderts gefunden zu haben scheinen bzw. die Welt wohl gar nicht als dystopischen Ort wahrnehmen. Oder wenn, dann mit jugendlichem Elan daran glauben, dass man aus ihr einen angenehmen, für alle erträglichen Ort machen kann und muß. Und das möchte ich gerne mit ihnen glauben.

Die massenhafte Proteste der Studenten und andere junger Menschen gegen den Völkermord in Gaza stimmen mich hoffnungsvoll. Der aktive militärische Einspruch der Russischen Föderation gegen den ukrainischen und NATO-Faschismus stimmt mich hoffnungsvoll. Die unaufhaltsame Herausbildung der multipolaren Welt außerhalb des US-Imperiums stimmt mich hoffnungsvoll. Mein Hund, der mir wie ein Schatten folgt und jeden Morgen aufs Neue guter Dinge einem Tag voller Abenteuer entgegenzusehen scheint, stimmt mich hoffnungsvoll.

Meine beiden direkten blutsverwandten Vorgänger, Vater und Großvater väterlicherseits, starben beide jeweils mit Anfang Siebzig. Nach dieser Tradition hätte ich noch etwa fünf Jahre. Ich dachte immer, ich könnte diese merkwürdige Familiensitte durchbrechen und Achtzig oder älter werden. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Mein neues Ziel ist, noch solange zu leben, wie der Hund voraussichtlich leben wird, also noch ca. 7 – 10 Jahre. Man wird bescheidener.

Wie gesagt: Ich glaube,  ich werde wunderlich. Ich fange an, mich über mich selbst zu wundern. 

Vielleicht werde ich aber bloß alt. 

Geschichten die das Leben schrieb: wie ein Flachzange den Abend rettete

Schreck in der Abendstunde: beim Öffnen des vorzüglichen „Plage Blanche“ des verdienstvollen Weingutes Lionel Osmin bricht der Korkenzieher schon beim Hineindrehen am Griff ab!

Eine hektische Suche nach weiteren Korkenziehern in Schubladen und sonstigen Winkeln der Wohnung (irgendwo vermute ich auch ein Schweizer Armeemesser, an dem garantiert massenhaft Schrauben-, Korken- und sonstige Zieher befestigt sind) bleibt ergebnisoffen.

Den Korken in die Flasche eindrücken oder mittels irgendwelcher spitzen Instrumente zu durchstechen, um den edlen Rebensaft als Rinnsal ausgießen zu können, verbietet sich für Weinästheten.

Schon wird die Frau nervös und will mich zum Büdchen schicken, um dort Weißwein mit Schraubverschluss zu kaufen. Aber ein Profi wie ich hat auch für solche extremen Notlagen eine Lösung parat. Flugs ist die Werkzeugtasche hervorgeholt, eine Flachzange entnommen und schon geht es dem abgebrochenen Teilstück des ehemaligen Korkenziehers ans Gewinde.

Der Korken wird sauber und professionell entfernt und der 2023er Plage Blanche rinnt geschmeidig in die Gläser und ohne weitere Umstände in unsere durstigen Kehlen. Der Abend ist gerettet, und mein binnen-beziehungsmäßiges Ansehen als Handwerkergott ist wieder mal aufs Vortrefflichste bestätigt.

Geschichten die das Leben schrieb: Murmelndes Stimmengewirr aus den Straßenrestaurants

Das murmelnde Stimmengewirr aus den Straßenrestaurants begleitet jeden Schritt nach Hause.  Überall Menschen, die wichtigen oder unwichtigen Tätigkeiten nachgehen, alle mit ihren persönlichen Plänen, Wünschen und Hoffnungen beschäftigt. 

Wozu all das? Gibt es irgendeinen Zweck hinter all der Geschäftigkeit, außer den unmittelbaren Ergebnissen, die jeder einzelne anstrebt? Gelderwerb, voller Bauch, gesicherte Nahrungsmittelversorgung, Obdach; Sexualtrieb, Partnerschaft, Vermehrung, Nistbau und Brutpflege; beruflicher Erfolg um all das zu ermöglichen…. Darin erschöpfen sich menschliche Aktivitäten. Nirgendwo ist irgendein Sinn zu entdecken außer dem, das Leben – individuell und kollektiv – um jeden Preis zu erhalten und so komfortabel wie möglich zu gestalten.

Das Leben hat den einzigen „Zweck“ darin, sich selbst zu erhalten und zu reproduzieren. Glück im Unglück hat, wem das als Sinn des Lebens reicht. Alle anderen müssen einen „Sinn im Leben“ suchen und in irgendeinem Surrogat finden.

Deshalb gibt es jede Menge Sinn-Angebote weltlicher und außerweltlicher Art. Von Konsumismus bis Spiritualität boomt der Sinnstiftungsmarkt wie nichts Gutes. Alles Un-Sinn, alles Copingversuche.

Trügerische Realität: Nichts ist wie es scheint

Die Ankunft zuhause, vor allen Dingen nach einem arbeitsreichen Tag, birgt mitunter Überraschungen, denen selbst der erfahrene Erforscher innerer Welten noch Neues abgewinnen kann. So gelangte ich heute erschöpft, aber zufrieden, nach einem durchwachsenen Tag vielfältiger Pflichten und Aufgaben in meine privaten Gemächer, die mir jedoch seltsam verändert erschienen.

Dieses Gefühl setzte sich fort mit jedem Schritt, den ich vom Entrée zum Salon, vom Salon ins Wohnzimmer und von dort schließlich ins Ankleidezimmer machte, in welchem ich vor der Anrichte zu sitzen kam. Mit jedem Meter schien sich das Gefüge der Realität zum weniger Greifbaren, zum Fremdartigeren zu verändern. Der kurze Weg, den ich zurücklegte, wurde orchestriert von zunehmenden Auflösungerscheinungen des Gewebes der Erscheinungswelt selbst, das sich fortwährend in- und umeinander wickelte, desintegrierte und zu neuen Formen zusammenfloss.

Der Anblick war durchaus faszinierend, hinterließ in mir aber den Eindruck, dass etwas Fundamentales am Zusammenhalt der Dinge unterbrochen oder manipuliert worden war. Wer oder was steckte dahinter? Wer hatte die Macht und Möglichkeit, solche tiefgreifenden Eingriffe in die Raum-Zeit-Koordinaten der physischen Realität vorzunehmen?

Ich beschloß, erstmal gar nichts zu unternehmen und abzuwarten, bis die Wirkung der Droge nachließ. Dann dass ich unter dem Einfluß einer Droge stand, schien mir außer Frage zu stehen. Wer mir was wann und wo untergeschmuggelt hatte, entzog sich allerdings meiner Kenntnis.

War es die Kollegin, die mir nachmittags den Kaffee brachte? Ein Einrichtungsbewohner, der mir seine Medikamente aus seinem Pillenbecherchen in den Kaffee gekippt hatte? Hatten Mitarbeiter eines selbst mir unbekannten, ultra-geheimen staatlichen Dienstes die Klimaanlage meines Autos mit Halluzinogenen versetzt, um mittels eines fingierten Unfalls einen „Putinknecht“ im wahrsten Sinne des Wortes „aus dem Verkehr zu ziehen“?

Während ich mir noch all diese Fragen stellte, schien sich der Zirkus auf der Netzhaut zu beruhigen und in die zuvor schwarz-weiß bzw. grau-in-grau gehaltene Halluzination zog langsam Farbe und Kontur ein. Auch saß ich wieder in meinem Küchensessel, das Tablet in der Hand, angetan mit der Bekleidung des 21. Jahrhunderts. Ich war nicht mehr der Grandseigneur, der nach ausgiebigen Besprechungen mit seinesgleichen zurückkehrt in seine Pariser Stadtwohnung im 7. Arrondissement, sondern ein armutsverrenteter Proletarier in einer Dachwohnung einer westdeutschen Großstadt.

Alles war also wieder normal. Verdutzt blieb ich sitzen und hub an zu sinnieren. Ob diese Normalität mir als Erklärung der Realität genügen sollte, war die Fragestellung meiner Untersuchung; ich gelangte aber zu keinem stringenten Schluss.

Als am nächsten liegende Erklärung für das soeben Erlebte deuchte mich die altersbedingte Veränderung von Geist und Wahrnehmung, der ich mich seit geraumer Zeit unterworfen sehe. Grund dafür, so meine Erkenntnis nach einigem Nachdenken: ein ungnädiges Schicksal hatte mich in eine vergängliche physische Hülle eingesperrt, deren Substanz mehr und mehr verfällt und generell zu wünschen übrig lässt. Meine Hand dafür ins Feuer legen würde ich jedoch nicht.