Rheinkirmes droht

Ab morgen wieder neun Tage Ausnahmezustand.

Das größte Volksfest in NRW direkt vor meiner Haustür. Heerscharen von vergnügungswütigen Ruhrpotteinwohnern, die zu allem entschlossen sind, um ihre tiefergelegte, übermotorisierte Karre irgendwo in Fusswegnähe der Rheinkirmes abzustellen (ÖPNV ist für einen gewissen sozialen Cluster tabu bzw. ihm unbekannt), sind schon in den Startlöchern.

Zum Glück sperrt die Düsseldorfer Stadtverwaltung unser elitäres Viertel weiträumig ab, so dass die Oberkasseler zumindest parkplatzmässig noch mehr unter sich bleiben als gewohnt.

Die babarischen Horden der Duisburger, Krefelder und Bchumer Unterschichten werden uns dennoch heimsuchen, die Straßen vermüllen und uns nachts keine Ruhe gönnen.

Ambrosia der Götter Marke „Toter Fisch“

Ein ganzer Brocken Ambrosia der Götter, Marke toter Fisch, liegt am Rheinufer: unwiderstehlicher Anziehungspunkt für jeden Hund.

Diesmal allerdings war ich schneller. Da der weiß leuchtende Fischkadaver schon von weitem sichtbar war, konnte ich den Hund davon abhalten, sich genüsslich darin zu wälzen.

Und während ich mich noch freute, war er ein paar hundert Meter weiter gelaufen und hat den nächsten stinkenden Kadaver gefunden, mit dem er sich ausgiebig einparfümieren konnte.


Edit:
Zuhause gleich in die Wanne und den Kumpel drei Durchgängen mit Mandarinenshampoo unterzogen. Jetzt riecht er wie toter Fisch in Mandarinendressing.

Geschichten die das Leben schrieb: die zerrissene Bettdecke und die Zumutungen der Lohnarbeit

Der Hund hat ein Loch in die Bett-Überdecke gekratzt. Wenn er es sich bequem machen will, kratzt er meistens hundemäßig mit den Vorderpfoten an seinem beabsichtigten Liegeplatz herum (manche sagen, das seien canine Instinkte aus Zeiten, als die wilden Hunde ihre Schlafstellen in der Natur von gefährlichen Insekten und ähnlichem befreien mussten).

Nichts Dramatisches, sicherlich stopfbar von einem geschickten Schneider (zum Beispiel dem sympathischen, freundlichen Türken um die Ecke, zu dem ich alle durchlöcherten Hosen und sonstige reparaturbedürftigen Klamotten bringe) aber die Frau ist aufs äußerste aufgebracht, gereizt und missmutig ob des Schadens:

„Also, du erlaubst dem Hund wirklich alles! Was soll der denn noch alles kaputtmachen?!“

Ich sage gar nichts, denn die Liebste kommt nach einem anstrengenden Tag von der Arbeit und hat gerade die letzten anderthalb Stunden in überfüllten, unklimatisierten öffentlichen Verkehrsmitteln verbracht. Wer hätte da kein Mitgefühl mit einer Lohnarbeitskraft, die zwar ausbildungs- und einkommensmäßig zur gehobenen Mittelschicht zählt, aber dennoch wie der letzte Hilfsarbeiter jedem Befehl ihres Arbeitgebers zu folgen hat – zum Beispiel der völlig unsinnigen Order, die ausschließlich am PC verrichtete Arbeit ein- bis zweimal pro Wiche physisch in einem 60 km entfernten Großraumbüro statt im heimischen Home Office zu verrichten.

Ich bleibe also gelassen sitzen, während aus dem Schlafzimmer weiteres verärgertes Schimpfen und Zetern zu vernehmen ist. Mein Schweigen wird mir jetzt allerdings als Komplizenschaft, wenn nicht sogar Mittäterschaft ausgelegt. „Für dich ist das alles egal, oder wie?“ kriege ich zu hören. „Nur ein bißchen Kratzi-Kratzi? Macht nichts? Sollen wir hier leben wie die Asozialen, mit lauter kaputten und geflickten Sachen?? Und dann deine Ruhe dabei! Du sitzt da einfach und sagst nichts…!!“

Ich überlege kurz, ob ich jetzt aufspringen und eine schauspielerische Einlage hinlegen soll, bei der ich in lautes und intensives Wehklagen über die eingerissene Tagesdecke einstimme. Ich entscheide mich dagegen, um nicht Öl ins Feuer zu gießen und versuche es stattdessen mit Diplomatie: „Das kann man doch stopfen! Ich nehme die Decke morgen mit zum Schneider, wenn ich meine Jeans abhole…“

Zu spät! „Ich hab die Scheissdecke jetzt ganz zerrissen!!“, höre ich vom anderen Ende der Wohnung. Die entnervte Liebste hat tatsächlich aus Ärger und Daffke die Decke endgültig terminiert, während sich der eigentlich Schuldige, mein zotteliger Kratzi-Kratzi-Kumpel, vorsichtshalber in seine bei uns so bezeichnete „Sprich-mich-nicht-an“-Hundehütte verkrochen hat.

Wobei, der EIGENTLICHE eigentlich Schuldige schein doch eder ich zu sein, denn ich hab‘s ja nicht verhindert. Was all solche Vorkommnisse, jedenfalls aber die emotional herausfordernde Reaktion darauf, mit dem Ausbeutersystem und dessen unerbittlichen Anforderungen an die Arbeitskräfte zu tun haben, was sie mit dem erbarmungswürdigenZustand des öffentlichen Nahverkehrs i. Deutschland und mit der Tatsche zutun hat, dass Leute wenige Jahre vor ihrer Verrentung in kaum zu bewältigende Arbeitsumgebungen gezwungen werden- all das spreche ich vielleicht mal zu einem geeigneten Zeitpunkt an, momentan aber auf gar keinen Fall.

Ich will schließlich in Ruhe heute abend Fußball gucken.

Waldspaziergang II

Ich glaub, ich geh nicht mehr in den Wald mit dem Hund.

Wenn wir dort sind, ist es zwar äußerst faszinierend, oft überraschend, immer merkwürdig bunt und pulsierend, und die Zeit scheint wie im Fluge zu vergehen – doch hinterher, wenn wir nach etlichen Stunden wieder herauskommen, sind oft nur wenige Minuten vergangen…

Dann doch lieber wieder an den Rhein.

Geschichten die das Leben schrieb: Betriebsrente finanziert Nobelfriseur

Die Frau hat zu meiner Freude beschlossen, „die Haare wieder wachsen zu lassen“, ist aber der Meinung, dass ab und zu die Spitzen geschnitten werden müssen. Sie kommt von ihrem Termin bei ihrem Leibfriseur zurück, dem sie diese verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut hat.

Der Friseur, der zwei äußerst erfolgreiche Salons in Düsseldorf betreibt, ist ein furchtbar sympathischer Kerl, der nebenbei jedes Klischee über Friseure erfüllt: schwul, modisch extrem bewandert, kommunikativ bis zum Exzeß und scheinbar auch ein recht guter Geschäftsmann. Jedenfalls drängelt sich die wohlhabendere Oberkasseler Damenwelt, um bei ihm einen Termin zu bekommen.

Die Gattin betritt also mit frisch geschnittenen Spitzen die Küche und sieht mich erwartungsvoll an. Ich sage das Richtige, nämlich: „Sieht klasse aus!“ und frage: „Und? Quanto costa?“, wobei ich die Geldzählgeste mit Daumen und Zeigefinger mache.

„Hundertzwanzig“, antwortet meine sowieso gutaussehende, jetzt aber dank längerer Haare noch attraktivere Liebste beiläufig.

Ich bohre mir mit den Zeigefingern in den Ohren, als müsste ich dort Ohrstöpsel oder irgendwelche Ablagerungen von Ohrenschmalz entfernen und entgegne: „Ich hab eben tatsächlich ‚Hundertzwanzig‘ verstanden, irgendwas ist wohl mit meinen Ohren nicht in Ordnung…“

Die Frau bleibt unbeeindruckt und antwortet charmant: „Ja, ganz schön teuer, oder? Die Preise sind halt so…“

Damit lasse ich mich noch nicht abspeisen und hake nach: „Hat der dir jede Spitze einzeln berechnet oder wie?“.

„Schatzi, ich gehe einmal im Quartal zum Friseur, das sind vierzig Euro im Monat. Das ist doch nicht viel!“, kriege ich zu hören.

Ich geb‘s auf, da ich die Einstellung meiner Liebsten bezüglich die Lebensqualität steigernder Annehmlichkeiten genau kenne und weiß, dass sie – als archetypische Vertreterin der bürgerlichen Mittelschicht mit dem sehr soliden Mittelschichtseinkommen einer Controllerin bei einem großen internationalen Finanzdienstleister – ohne weiteres auch die Mittel hat, um sich den Genuss dieser Annehmlichkeiten zu gönnen.

Etwas später sitzt sie in ihrem Home Office Arbeitszimmer und ruft: „Komm mal gucken!“

Ich folge der Aufforderung und sie zeigt mir ein Dokument ihres Arbeitgebers auf dem Bildschirm. „Guck mal, alleine meine Betriebsrente ist höher deine gesetzliche Rente!“. Tatsächlich ist die Betriebsrente, die sie in wenigen Jahren aus der über vierzigjährigen Beschäftigung bei ihrem Arbeitgeber erhalten wird, um ca 50% höher als die Armutsrente, die ich beziehe. 

Die Frau, sicherheitsorientiert, vorsorgebewußt und finanzkapitalistisch mit allen Wassern ihres erlernten Berufes gewaschen, hat natürlich schon vor Jahrzehnten die drei soliden Säulen ihrer Altersvorsorge (gesetzliche Rente, Betriebsrente und Direktversicherung)  eingetütet – zu einer Zeit, als ich die Welt bereiste, zu Füßen des Gurus saß und mich nebenbei als Lohnarbeiter oder selbstausbeutender kleiner Selbständiger durchschlug.

Dabei liegt ihr jede Herablassung oder Arroganz fern; sie freut sich nur, dass wir dem Anschein nach auch im Alter ausreichende Einkommensquellen haben werden, um uns ein erträgliches Leben leisten zu können. Zwar machen wir im Grunde keine Trennung zwischen „dein Geld“ und „mein Geld“. Meine Erfahrung als Lohnarbeiter am unteren Ende der Einkommensskala hat mir aber eine gewisse Zurückhaltung bei „unnötigen“ Ausgaben beigebracht, die ich nach wie vor einhalte. Der Liebsten gönne ich ihre kleinen Ausflüge ins Luxusleben von Herzen, sie kann es sich leisten und braucht es wohl auch für ihr seelisches Gleichgewicht. 

Die allumfassende Idiotie bürgerlicher Propaganda: bei Wahlen und im Krieg noch debiler als sonst

In Wahlkampfzeiten wird die allgegenwärtige Beleidigung der Intelligenz, die das politische Leben eines bürgerlichen Staates ohnehin darstellt, noch einmal potenziert. Die unfreiwillig satirischen Slogans und Parolen speziell auf Plakaten von Parteien, die gar nicht genug Krieg führen und darüber den eigenen Standort deindustrialisieren können, erklimmt himalayaeske Höhen. 

Wie immer ganz vorne mit dabei: die ökoimperialistische Fraktion der Faschisierung, genannt „Grüne“. Ob diesen Moralaposteln und Verzichtspredigern, diesen Russenhassern und China-Bashern, überhaupt auffällt, wie bizarr ihre Schlagzeile „Wirtschaft stärken“ wirkt? 

Haben sich die „Grünen“ als Speerspitze von Faschisierung und Krieg den Bundeswehr-Werbeslogan „Mach, was wirklich zählt“ absichtlich (nur leicht abgewandelt) zu eigen gemacht („Machen, was zählt“)? Soll das die unbedingte Kriegstüchtigkeit und -Bereitschaft dieser Ostlandkrieger unterstreichen? 

All dies im Umkreis einer Straße, deren höchstes Wohnhaus eine große Statue des Vogels ziert, der seit alters her Weisheit und Klugheit symbolisiert: die Eule. Heute wacht sie über den Abgrund von Dummheit und über die bellizistische Idiotie, die sich unweigerlich einstellt, wenn die Dummen sich für klug halten und die Machthaber Idioten sind.