Geschichten, die das Leben schrieb: All things must pass

Ich schalte den Fernseher ein, um einen Film auf PRIME zu schauen. Bis der FireTV-Stick regiert und Prime aufgerufen ist, vergeht eine Weile. Währenddessen ist auf dem Bildschirm der LiveStream von „Tagesschau24“ zu sehen, das Lieblings-Berieselungsprogramm meiner Liebsten („Da kann man so schön bei dösen, wenn da immer einer redet!“)

Ein dunkelhäutiger Anchor man interviewt einen „China-Experten“ irgendeiner Stiftung, also eines regierungsnahen Think-Tanks. Der Nachrichtensprecher fragt: „Bei dem, was der chinesische Ministerpräsident und auch der Außenminister sagen, ist ja immer viel von weltweiten Einflüssen und Aktivitäten die Abrede. Betrachtet China die Welt, aus seiner neuen Stärke heraus, imperialistisch? Müssen wir jetzt von einem chinesischem Imperium ausgehen?“

Der Interviewpartner antwortet nicht mal ungescheit, entkräftet die dumme Frage des Sprechers und hinterlässt insgesamt den Eindruck eines zwar in die transatlantisch-hegemonialen Lügenmärchen eingebetteten, aber halbwegs kenntnisreichen Gesprächspartners.

Darum geht es mir an dieser Stelle allerdings gar nicht. Die Fragestellung des Nachrichtenmannes, seine überhaupt nicht gespielte ideologische Borniertheit, seine gesamthaft herrschaftsbuckelnde Idiotie setzt irgendeinen Mechanismus in meinem Gemüt außer Kraft. Oder in Kraft?

Den Mechanismus jedenfalls, einfach nicht mehr zu können. Genug ist genug.

Zum ersten Mal denke ich, dass es so völlig hoffnungs- und aussichtslos ist mit dieser komplett verblödeten und gegen jedes ernsthafte Nachdenken immunisierten Herde von indoktrinierten freien Untertanen, dass jede Beschäftigung mit politischen und ökonomischen Fragen im Grunde verschwendete Zeit ist. Eine Zeit, die man besser mit schönen Dingen verbringt.

Die Kunst, die Drogen, die guten Freunde, die Natur – das, was einem Genuss und Frieden verschafft, anstatt einer politischen Realität Aufmerksamkeit zu schenken, die einen fast körperlich leiden läßt an der absichtlichen, inszenierten, gewollten, von Millionen geteilten Verdummung und Abstumpfung.

Ist man dann selber verdummt und abgestumpft, wenn man sich einfach absondert und isoliert von dem Wahnsinn, der in der gesellschaftlichen Realität als normal gilt? Oder tut man damit etwas für die eigene geistige Gesundheit?

Ich weiß es nicht. Ich warte jetzt, bis der Anfall wieder vorbei geht. Eines wenigstens haben mich fünfundsechzig Jahre Existenz unter Wahnsinnigen gelehrt: All things must pass.

Geschichten die das Leben schrieb: Philosophische Betrachtungen im Park

Bei der morgendlichen Runde mit dem Hund kommen der Frau, dem Kumpel und mir im Park zwei Jung-Eltern mit Kinderwagen entgegen. Beide bereits an der dezenten, teuren Bekleidung unschwer als Vertreter der hippen, aber nicht zu flippigen urbanen oberen Mittel- bis Oberschicht zu erkennen, die den Oberkasseler Gentrifizierungscluster bevölkert. In Berlin träfe man diese Schicht vermutlich vorzugsweise am Prenzlauer Berg an.

„Der Kinderwagen! Der ist von Bugaboo, das sind die teuersten, da gibt’s auch noch jede Menge sauteures Zubehör für!“ klärt mich die Frau auf, nachdem die junge Familie uns passiert hat. Sie hat nämlich registriert, dass am Griff des Wagens eine Art Muff für die Hände der Elternperson angebracht ist, damit die zarten Hände der Schiebenden nicht kalt und rissig werden.

Ich wundere mich, woher die Liebste solche Detailkenntnisse über Kinderwägen hat und bin insgeheim froh, dass wir die Nistbau- und Brutpflegephase kinderlos hinter uns gebracht haben. Mir klingt ein Gesprächsfetzen im Ohr, den ich beim Vorübergehen des Paares aufgeschnappt habe: „… und alles doppelt verglast, das muss man auch beachten…“

„Somebody spoke and I went into a dream…“ – Blitzartig entsteht vor meinem inneren Auge das Panorama der Menschheitsgeschichte, der Weg der Spezies vom Einzeller zum Kinderwagenschieber oder Hundeausführer. Männliches und weibliches Prinzip, das Yin und Yang der Natur, die die Fortpflanzung gewährleistende komplementäre Aufteilung der Spezies in zwei Geschlechter – all das liegt wie ein offenes Buch vor mir.

Das weibliche Prinzip dient der Erhaltung, der Hege und Pflege, der Einrichtung und Sicherung der unmittelbaren Umgebung, der Feuerstätte, der Behausung; es ist die Hüterin des individuellen Lebens und primär nach innen gerichtet. Das männliche Prinzip ist auf die Bewahrung des kollektiven Lebens gerichtet, auf Eroberung und Verteidigung des territorialen und mentalen Gruppenverbundes, seine Bewegung geht vorrangig nach draußen, in die Beherrschung der äußeren Bedingungen des Überlebens. Beide Prinzipien sind in beiden Geschlechtern angelegt, manifestieren sich aber in der Regel in den jeweiligen Exemplaren der Spezies entlang des biologischen Geschlechts.

Meine Betrachtung geht weiter: im Grunde ist die gesamte Spezies immer noch im Kindheitsstadium. Kinder nehmen die Welt so hin, wie sie ist, sie fragen nicht nach dem Warum, sie interessieren sich nicht für Ursachen und Hintergründe der Erscheinungen. Für Kinder IST die Welt eine unverrückbare Realität, in die die Natur oder das Leben sie hineingestellt hat.

Der moderne Mensch, genau wie der Höhlenbewohner vor 500.000 Jahren, ist sein Leben lang damit beschäftigt, in einer unverständlichen und ihm vor die Nase gesetzten Welt sein Überleben zu sichern. Auch die schlauen Anzug- und Krawattenträger, die unsere Welt beherrschen und die Ökonomie kommandieren, wissen zwar, WIE man die vorgefundene Welt zu seinem Vorteil (oder dem seiner Gruppe) benutzt. Sie WOLLEN aber überhaupt nicht wissen, WARUM das so ist. Ganz besonders wollen sie nichts davon wissen, wie sehr dieses WARUM mit Eigentumsverhältnissen und Geldvermögen als Kapital verknüpft ist.

Die Menschheit, so scheint mir, wird den Schritt in die Adoleszenz erst machen können, wenn sie ihre Reproduktion geplant und bedürfnisorientiert organisiert und die infantile, primitive Einteilung in Besitzende und Besitzlose, in arm und reich, in Kapital und Arbeit endgültig hinter sich läßt. Bis dahin bleibt die Spezies als solche auf der Stufe eines unmündigen Kindes, das so gut es eben geht versucht, mit der Welt, die es vorfindet, zurecht- und in ihr auszukommen.

Aus der Inneren Reise durch Raum und Zeit, vom Morgengrauen des Homo sapiens bis in eine hoffentlich nicht noch einmal eine Million Jahre entfernte Zukunft gesellschaftlicher Vernunft und Freiheit, komme ich zurück in den menschlichen Körper, der, einen Hund an der Leine führend, mit einem anderen Exemplar der Spezies durch einen Düsseldorfer Park läuft.

Ich versuche, der Liebsten meine Gedankengänge nahezubringen und berichte ihr von meiner Reise durch die Menschheitsgeschichte, die insgesamt höchstens ein paar Sekunden Erdzeit gedauert hat.

Sie hört zu. Am Ende schweigt sie eine kurze Weile und verkündet dann: „Also, ich sag dir jetzt mal was: Ich hab Hunger!“

Quod erat demonstrandum.

Geschichten die das Leben schrieb: Flucht aus dem Wohnzimmer

Ich sitze in meiner Mittelschichts-Altbau-Dachwohnung am Rechner, versuche ein bißchen zu arbeiten und erfreue mich an dem sonnigen Wetter draußen. Aus dem Fernseher dringen Soundbits einer Übertragung der Wagenknecht-Schwarzer-Veranstaltung in Berlin – offensichtlich kann das staatliche Fernsehen nicht umhin, von diesem Ereignis zu berichten.

Ein ARD-Angestellter befragt einen Sprecher der Friedensbewegten und gibt bei jedem Satz, mit jeder Frage drüber Auskunft, dass er sich nicht als Reporter oder gar Journalist sieht, sondern als Propagandist der regierungsamtlichen Sichtweise (auf Nachfrage würde der Mann sicher behaupten, dass dies seine ganz eigene, selbstermittelten “Meinung“ wäre). Seine Suggestivfragen geben die Sprachregelungen und die Denkrichtung vor, mit denen BRD-Bürger das Geschehen in der Ukraine einzuordnen haben: ob es sich für Demokraten nicht verbieten würde, „den Aggressor mit dem Angegriffenen gleichzusetzen“; ob man für einen Waffenstillstand, gar ein Friedensabkommen, nicht „Putin vertrauen müsste“ und ob der Befragte dies denn könne „nachher all dem was in der Ukraine passiert ist“ usw.

Das Niveau des Kenntnisstandes über den Konflikt, die historische Ahnungslosigkeit, besonders aber die unbedingte Parteilichkeit und der moralisierende Fanatismus des Fragestellers ist zum Fremdschämen lächerlich. Man muss wohl davon ausgehen, dass dies schon die informiertere Version der generellen Verdummung ist, die im aufgeklärten demokratischen Faschismus der BRD 2023 vom mündigen Untertanen erwartet wird.

Nach diesem Vorortbericht aus Berlin, der den Informationsauftrag des Staatsfernsehens erfüllt und dem Zuschauer gleichzeitig mit Wucht die staatlich gewollte Sicht der Dinge aufdrückt, wird ins Studio geschaltet, wo ein „Experte“ sich zum Thema äußert. Sein Expertentum beläuft sich auf das ziemlich zusammenhanglose Aneinanderreihen einiger NATO-Talking Points, die man rund um die Uhr so oder leicht variiert von jedem politischen und medialen Propagandisten der US-Hegemonie und des NATO-Krieges gegen Russland untergejubelt kriegt. Wichtiger als der Hinweis auf die Schurkenrolle Putins, die bei solchen Papageien der Herrschaft nie fehlen darf, ist dem „Experten“ heute aber ein beinahe genauso schlimmes Gedankenverbrechen gegen die ideologische Landschaftspflege der BRD im Krieg: die Demonstranten – Organisatoren wie Teilnehmer – sind ziemlich eindeutig der KONTAKTSCHULD überführt!

Es ist nämlich so, das auch Rechte, also „AfD-Mitglieder, Verachwörungstheoretiker, Schwurbler“ und ähnlich vaterlandslose Gesellen zu dieser Demo aufgerufen haben und am Ende sogar mitlaufen. Damit ist erwiesen, dass sich hier ein im Grunde staatsabträgliches und gänzlich verurteilungswürdiges Völkchen tummelt, von dem alle anständigen Demokraten tunlichst die Finger lassen sollten.

Diese These wird hin- und her gewälzt, ausgebreitet, von allen Seiten betrachtet und beleuchtet, und dem Zuschauer ist spätestens jetzt klar, dass schon durch die Kontaktschuld mit „Rechten“ der Zweck und die Forderungen der Demo zum einen gar nicht mehr zu interessieren haben, andernfalls aber – wenn man sie dann trotzdem noch aufgreift – auf jeden Fall entwertet und diskreditiert sind.

Ich bitte die Liebste, die sich seit einer geschlagenen Stunde diese Berieselung antut, um Gnade: „Mach bitte mal aus. Das will ich mir nicht anhören.“

„Ich will aber die Reden hören!“, entgegnet sie.

Mein Einwand „Dann stell doch solange den Ton ab, bis das gesendet wird…“ wird erhört und sie stellt leiser.

Nach all der begleitenden und einbettenden Aufklärung und Einordnung besinnt sich der Staatsfunk aber jetzt wieder auf seinen Informationsauftrag: „Wir schalten sofort nach Berlin, wenn die Reden auf der Demo beginnen!“, hatte der Mann vor Ort versichert, und nun ist es soweit.

Eine vom Blatt ablesende Friedensbewegte erzählt irgendwas von „Heute ist der 365. Tag des Beginns des Krieges und des Mordens in der Ukraine“ und angesichts von so viel geballter Moral und Lüge (heute, also Ende Februar 2023, ist ca. schon der dreitausendste Tag des seit acht Jahren währenden Krieges dort) fliehe ich aus dem Wohnzimmer und überlasse die Frau der Übertragung des „Aufstands für den Frieden“, der mindestens genauso moralisch, verlogen und berechnend ahnungslos ist wie die staatliche Version der Friedensstiftung. Nur dass die Wagenknechts und Schwarzers dieser Republik statt mit Panzern und Bomben den Russen mit Verhandlungen und Verträgen einhegen wollen.

Dass letzterer – als Russe an sich und als Feind unserer regelbasierten NATO nämlich – sowieso an allem schuld ist, sieht der Aufruf zu dieser Demonstration bekanntlich genauso wie die große staatliche Friedensbewegung namens Bundesregierung: „Die von Russland brutal überfallene ukrainische Bevölkerung braucht unsere Solidarität.“ Wer so etwas schreibt, will nichts von Ursachen und Entstehung des Konflikts wissen, sondern schließt sich den Lügen der einen Kriegspartei, nämlich der NATO, an.

Das viele schöne Geld für Kriegsgerät und Unterstützungszahlungen, mit dem die Berliner Friedenspolitiker die Befriedung der Ukraine auf Kosten Russlands durchsetzen wollen, sähen die friedensbewegten Demokraten um Wagenknecht und Schwarzer lieber in nationale Vorhaben wie Klimaziele, Armutsbekämpfung, Wohnungsau etc. investiert.

Und das ist auch schon der einzige Unterschied zu den von ihnen Kritisierten. Beide sind sie Nationalisten, die sich über den besseren Weg zu Deutschlands Erfolg in der Staatenkonkurrenz streiten. Die Regierung hat da allerdings eindeutig die besseren Karten, da sie per definitionem die Entscheidungen trifft und obendrein noch – wie gerade in solchen Berichterstattungen wie der zur Wagenknecht-Schwarzer -Demo deutlich wird – die öffentliche Meinung dominiert und kontrolliert.

Trotz meiner festen Absicht, mich aus dem Fernsehkonsum meiner Liebsten rauszuhalten, kann ich bei meinem Fluchtversuch nicht an mich halten und mache eine Bemerkung zur Falschheit solcher Aussagen wie „Der Krieg hat vor einem Jahr begonnen“.

„Geh Mittagsschlaf machen“, kriege ich freundlich geantwortet. „Und nimm den Hund gleich mit!“

Geschichten die das Leben schrieb: Verrückte aller Länder, vereinigt euch!

Zwei Reden, zwei Präsidenten, zwei Welten:

Während der russische Präsident in Moskau, vor der Bundesversammlung der Russischen Föderation eine in würdigem und maßvollen Tonfall vorgetragene, mit Fakten und Detailwissen über die ökonomische, kulturelle und soziale Entwicklung des Landes gespickte Rede hält, hört man vom US-Präsidenten in der Warschauer Burg eine Ansprache, die – die Kenntnis des demenzbedingten Geisteszustandes des Mannes vorausgesetzt – in ihrer Substanzlosigkeit und Inhaltsleere nicht überrascht.

Auffällig ist sie eher dadurch, dass sie neben den üblichen Sprechblasen und Versatzstücken aus dem Zettelkasten der Neocon-Propaganda (im wesentlich: „wir sind die Guten, der Feind hingegen das Böse schlechthin“) eine erstaunliche Menge an beleidigenden und herabsetzenden Bemerkungen über den russischen Präsidenten enthält, dessen strategisches und psychologisches Denken der US-Präsident (oder die Leute, die seinen Teleprompter füttern) andrerseits erkannt und durchschaut haben will.

Die undiplomatische, primitive und faktenfreie Respektlosigkeit Bidens kontrastiert nicht nur mit der Tatsache, dass Putin in seiner Rede vor der Föderativen Versammlung keinen einzigen westlichen Führer beim Namen nennt, sondern vor allem damit, dass der senile Biden seinen vor dem Warschauer Showauftritt erfolgten Kurzbesuch in Kiew überhaupt nur antreten konnte, weil derselbe Putin, über den er auf so unangemessene und despektierliche Weise beleidigend herzieht, es ihm erlaubt hat.

Insgesamt zeigt die Biden-Rede, insgesamt zeigt vor allem auch deren Rezeption in den westlichen Medien, in welchem himalayaesken Ausmaß die seltsame Mischung aus Verrohung, Verdummung und gänzlicher Inhaltsleere, mit der der demokratische NATO-Faschismus die westlichen Gesellschaften in Wagenburgen der Feindbildpflege umgewandelt hat, bereits den öffentlichen Diskurs bestimmt. Es wird überhaupt nicht mehr der Versuch gemacht, einen Ausgleich der strategischen Interessen der USA mit denen Russlands zu suchen (zugebenermaßen auch schwierig, wenn das eigene strategische Ziel die Eliminierung des Gegners ist), die Tür zu Gesprächen wenigstens nicht zuzuschlagen oder den Konflikt perspektivisch durch Verhandlingen mit der Gegenseite zu lösen. Es wird nur noch agitiert, emotionalisiert und ein Feindbild beschworen, das in seiner grotesken Überzeichnungen und Verzerrung die Intelligenz jedes Beobachters mit einem IQ oberhalb der Teppichhöhe aufs Schärfste beleidigt.

Möglicherweise ist das aber auch alles, wozu der demenzkranke Achtzigjährige im Weißen Haus noch fähig ist. Ein früher für die Begutachtung des Gesundheitszustandes der Amtsinhaber zuständiger Mediziner soll gesagt haben, dass Biden überhaupt nicht mehr in der Lage ist, komplexere Zusammenhänge zu erfassen, strategische Überlegungen anzustellen oder kohärente Reden zu halten (und das, obwohl er alles, wirklich alles, vom Teleprompter abliest – weshalb seine Umgebung ständig in Angst und Schrecken lebt, dass er von Manuskript abweichen und frei reden könnte).

Gleichwohl werden seine beschämenden und inkohärenten Äußerungen von westlichen Medien kolportiert wie die Offenbarungen eines Messias; es wird in einem Umfang berichtet, der umgekehrt proportional zum Inhalt des Gesagten ist.

Es fällt schwer, angesichts der in bitterer Entschlossenheit von Politik und Medien vorgetragenen Sprachhülsen – von der „Demokratie“, die angeblich in der Ukraine verteidigt wird, vom „Diktator“ und „Autokraten“ Putin, von der Entscheidungsschlacht zwischen „Demokratie und Autokratie“, als die die westlichen Propagandisten den Angriff des Imperiums der Lügen auf Russland vermarkten – ernst zu bleiben.

Noch schwerer fällt es (mir), angesichts all dessen nicht das Gefühl zu kriegen, den Verstand zu verlieren. Wenn alle Welt um dich herum, oder der Großteil davon, dem Wahnsinn huldigt bzw. so tut, als ob es diesen Wahnsinn gar nicht gäbe, drängt sich dem Einzelnen, der nicht vom allgemeinen Irrsinn befallen ist, leicht der Eindruck auf, dass vielleicht nicht all die vielen anderen verrückt (geworden) sind, sondern er selber der Verrückte ist.

Dann sei es so. Ich erkläre hiermit, dass ich in einer Welt, in der die Bidens, Barbocks, Scholzens und Selenskijs die Kriterien der „Normalität“ sind, lieber der Verrückte bin. Wenn Millionen Mitbürger und Zeitgenossen nichts anderes zu tun haben, als sich mit ihrem bißchen Zurechtkommen unter immer ungemütlicheren Umständen abzumühen; wenn jeder sich dabei, ohne innezuhalten oder aufzublicken, von seiner Herrschaft in den Abgrund schicken läßt und das alles für normal hält – dann bin ich lieber verrückt. Zumal ich weiß, dass es noch ein paar andere Verrückte da draußen gibt.

Verrückte aller Länder, vereinigt euch!

Geschichten die das Leben schrieb: sechs Tage Delirium, offiziell genehmigt

Die schlecht bezahlte Lohnarbeitskraft im REWE setzt sich im Matrosenkostüm ihre ganze Schicht über an die Kasse, „weil Karneval ist“. Eine ihrer Hauptaufgaben als Kassiererin in diesen Tagen: die Identitätsnachweise (die echten diesmal, nicht irgendwelche eingebildeten sexuellen Vorlieben oder Abwege der Persönlichkeitsfindung) der Jugendlichen prüfen, die in Horden in die Supermärkte strömen. Ihr Ziel: soviel Alkohol wie möglich zu kaufen, um sich so voll wie möglich zu saufen.

Das scheint tatsächlich der eigentliche Inhalt der „tollen Tage“ für die erbittert feiernde Jugend zu sein: in allen möglichen Verkleidungen – die Jungs bevorzugt im Ganzkörper-Tierkostüm, die Mädchen meist in lustigen Röckchen und mit auf Katze, Zombie oder Teufelchen geschminkten Gesichtern – im öffentlichen Raum soviel Alkohol wie irgend geht zu trinken. Während und nach diesem Vorgang ist es oberste Pflicht, im Pulk so lautstark wie möglich auf das eigene adoleszente Vorhandensein aufmerksam zu machen.

Dankbar, im Zeitraum von Altweiber bis Faschingsdienstag für dieses Vorhaben generelle soziale Genehmigung und Absolution erhalten zu haben, versuchen sich hunderte oder tausende von Jugendlichen in ernsthaftem Komasaufen – der Erfolg sind die von morgens um zehn bis spät in die Nacht heulenden Sirenen der Rettungswagen, die die Schnapsleichen einsammeln müssen.

Anschließend machen die massenhaft herumliegenden Müllhaufen und Scherben von zerschmissenen Bier- und Weinflaschen die Hundespaziergänge zu einem Slalomlauf und den Anblick der Straßen und Bürgersteige des Viertels zu einem der traurigeren Art.

Ja, der Karneval gehört zum Rheinland wie die Pickel zur Teenager-Haut.

Geschichten die das Leben schrieb: Hütt es ons alles ejal, mir fiere Karneval

Mein Tablet meldet mir kritischen Batteriestand und Ich gehe ins Wohnzimmer, um es dort aufzuladen. Die Frau sitzt auf dem Sofa und schaut ausnahmsweise mal nicht Fernsehen, sondern liest ein Buch, weshalb es angenehm still ist. „Ich hab mein iPad leer gedaddelt!“, gebe ich ihr den Grund meines Auftauchen bekannt. Sie schaut auf und fragt: „Und, was hast du Neues erfahren?“

Ich gebe ihr einen kurzen Zwischenstandsbericht über die Lage, diesmal mit Fokus auf der Geschichte, die eigentlich auf jeder Titelseite, in jeder Nachrichtensendung, jeder Talkshow, im „Presse-Club“, „Brennpunkten“ usw. diskutiert werden müsste: den Akt staatlichen Terrorismus, den die USA, unterstützt von Norwegen, an der deutschen Energie-Infrastruktur mittels Sprengung der NordStream Pipelines durchgeführt haben. Eigentlich. Bekanntlich herrscht weitgehendes Schweigen im Medienwalde, und die derzeitige Nachrichtenlage wird bestimmt von UFOs, die auf einmal überall auftauchen und von den NATO-Luftraumschützern abgeschossen werden müssen – ein Schelm, wer „Ablenkungsmanöver“ dabei denkt.

Die Frau hört interessiert zu und meint: „Also eins verstehe ich nicht: das müsste doch ein gefundenes Fressen für jede Opposition sein! Warum hört man da nichts? Wieso bleiben die stumm?“

„Wenn die ‚Opposition‘ noch transatlantischer ist als die Regierung – was soll man da erwarten?“, versuche ich eine Erklärung.

Ich räsoniere noch ein bißchen weiter: „In einer normale Welt wäre so ein Vorgang – eine Regierung lässt sich von den eigenen Verbündeten die lebenswichtige Infrastruktur wegbomben, weiß davon und schweigt dazu – mindestens eine Absetzung der Regierung wert. Sowas ist im Grunde Hochverrat, Landesverrat.. jedenfalls nichts, was sich mit dem Amtseid selbst einer bürgerlichen Regierung vereinbaren lässt…“

„Das interessiert keinen, Kay“, stellt die Liebste mit definitivem Gestus fest. Sie denkt kurz nach und kommt dann mit der ultimativen Begründung für diese Einschätzung: „Außerdem haben wir KARNEVAL!“

Da hat sie natürlich recht. An Karneval könnte Deutschland offiziell in den Krieg eintreten und die ersten Zirkons und Iskanders in Berlin einschlagen – in Köln und Düsseldorf würden die Jecken trotzdem feiern. DIESE Auszeit vom Leben unter den immer ungemütlicheren Umständen des bundesdeutschen Freiheitsladens will sich hier keiner nehmen oder verderben lassen.

Nicht umsonst heisst es im bekanntesten Düsseldorfer Karnevalslied: „Die Sterne funkele, mir Düsseldorfer schunkele, hütt es ons alles ejal, mir fiere Karneval!“

Geschichten die das Leben schrieb: Der Charme des Verfalls ist gar keiner, sondern Bote des bevorstehenden Untergangs

Ein ausgedehnter Spaziergang durchs Wohnviertel und die angrenzenden Parkanlagen bringt mich in Kontakt mit dem Grad an Vermüllung und Achtlosigkeit, der einem überall begegnet. Selbst in einem Oberschichtsviertel wie Oberkassel liegen in auffallender Menge Flaschenscherben, Essensverpackungen, Masken, und jedweder sonstiger Müll herum. Ist die Stadtreinigung im Streik? Kommen die nur noch einmal die Woche? Ist sowieso schon alles egal?

Es scheint so, als ob sehr viele Zeitgenossen sämtliche Utensilien, alles Material, was nicht mehr gebraucht wird, unter sich fallen lassen, ohne Achtung und ohne Respekt für Umgebung und andere Leute, die sich den Dreck dann angucken müssen. Und – sofern sie Hundehalter sind – auch noch aufzupassen haben, dass der Vierbeiner nicht in die Scherben tritt.

Auf gewisse Weise ist ein solches Verhalten natürlich sehr passend zum Credo des kapitalistischen Menschenbildes des homo oeconomicus, der eben nur das tut (und tun MUSS, wenn er Erfolg in der Konkurrenz haben will!) was seinem eigenen unmittelbaren Vorteil dient.

Ich wende mich an die Liebste: „Sag mal, kriege ich jetzt das Alter-Mann-Meckersyndrom und maule über etwas, was ich früher gar nicht wahrgenommen habe, oder ist das in den letzten Jahren tatsächlich so deutlich mehr geworden mit dem Müll, der hier überall rumliegt?“

Die Frau, im Gegensatz zu mir nicht erst seit fünf, sondern seit 35 Jahren im Viertel wohnhaft, überlegt kurz und antwortet: „Nee, das stimmt schon. Ich würde sagen, seit Corona hat das so zugenommen. Das ist schon auffällig.“

Wir unterhalten uns über den schleichenden, aber sichtbaren Verfall in unserem vergleichsweise wohlhabenden Stadtteil. Neben einer Menge Bau- und Renovierungstätigkeit an der vierteltypischen Altbausubstanz (ganze Altbauten werden entmietet und kernsaniert, um sie in hochpreisige Eigentumswohnungen für die nach wie vor zahlungsfähige Oberschicht umzuwandeln) springen einem überall Geschäftschließungen und leere Läden ins Auge.

Selbst der große Bio-Supermarkt im Neubaugebiet, Anlaufstelle der grünen Jungmütter mit ihren Lastenfahrädern, musste schließen – der Umsatz ließ aus Sicht der Geschäftsleitung an diesem Standort nicht mehr genug Profit übrig, um die Ladenmiete von monatlich 20.000,00 Euro zu stemmen.

Was nachkommt, sind in der Regel Filialen und Franchises von bundes- oder NRW-weit tätigen Ketten, manchmal auch extrem hochpreisige Modegeschäfte, die ihr Glück in diesem immer noch überdurchschnittlich kaufkraftstarken Viertel versuchen.

Insgesamt komme ich mir bei diesen Rundgängen (und generell in diesem Leben) mehr und mehr vor wie jemand, dem ein gut geschminkter und parfümierter Adliger begegnet, der trotz etwas in die Jahre gekommener Klamotten noch recht ansehnlich aussieht – aber nur von weitem. Kommt man näher, sieht man die Pestbeulen und die offenen Geschwüre unter der Schminke, und der Gestank von Fäulnis dringt einem in die Nase. Als ob es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich dies alles – dann endgültig für jeden sichtbar und erkennbar – in Richtung Kollaps, Untergang und Tod bewegt.

Und das ist genau das Ende, das ich diesem Gesellschaftssystem, diesem Kapitalismus wünsche und gönne – auch wenn mir vor den Begleiterscheinungen dieser Entwicklung für die lohnarbeitende Klasse gruselt.

Geschichten die das Leben schrieb: Newsflash von der Kapitalfront

Während ich nach Mittagschlaf und ausgiebigen Hunderunden meiner täglichen Informationsrecherche nachgehe, sitzt die Frau dank eines Streiks bei der Rheinbahn statt in ihrem Kölner Großraumbüro am heimischen Home Office Arbeitsplatz, um allerdings genau dasselbe wie im Gebäude ihres finanzkapitalistischen Arbeitgebers zu machen: mit ihrer Tätigkeit für die Vermehrung von Umsatz und Gewinn des Unternehmens und seiner Aktionäre zu sorgen.

Normalerweise sitze ich unter Kopfhörern und schaue bzw. höre mir diverse News aus allen möglichen Quellen an (die meisten von ihnen verlinke ich hier regelmäßig), schon um mit dem ausländischen Gebrabbel nicht die konzentrierte Prozeßsteuerung (oder was immer meine betriebswirtschaftlich tätige Liebste dort treibt) im Arbeitszimmer zu stören. Die Frau ist nämlich gegen die Weltsprache Nummer Eins ein bißchen allergisch, obwohl sie sie aus Jobgründen öfters sprechen muss.

In einer Kaffeepause höre ich allerdings aus dem Arbeitszimmer Englisch; eine Männerstimme mit schweizerischem Akzent trägt etwas vor, was mit Geschäft und Gewinn und der großartigen „Performance“ des tollen Unternehmens zu tun hat, für das er spricht. Die Frau sitzt aufmerksam zuhörend vor dem Bildschirm. Ich trete näher und schaue mir an, wer da so erfolgsbesoffen und wichtigtuerisch, aber gleichzeitig seriös bis zur Langweiligkeit, daherpalavert.

„Größter Profit seit 2007“ steht auf dem Screen über dem Videofenster mit dem Sprecher.

„Ist das euer Oberchef?“ frage ich. „Ja“, ist die Antwort. Es handelt sich um den Vorstand der internationalen finanzkapitalistischen Gruppe, in deren Diensten meine Liebste seit Jahrzehnten steht. Sie grinst und macht mit Daumen und Zeigefinger das Geldzählen-Zeichen: „Das gibt fettes Extrageld! Wir kriegen ja alle eine Bonuszahlung bei entsprechendem Unternehmensgewinn…“

Mir wäre eine Gesellschaft ohne diese kleinen Bestechungen der Lohnarbeiter zwar lieber, aber auch ich freue mich natürlich über die Aussicht auf Extrageld zur Bewältigung eines immer teureren und schwieriger zu bewältigenden Alltags. Nach dieser guten Nachricht jedenfalls sieht auch mein praktische und bodenständige Gattin keine Veranlassung mehr, weiter auf Posten zu bleiben. Sie beendet ihren Home Office Arbeitstag zufrieden, um sich ebenfalls den Nachrichten zu widmen, in ihrem Fall aber diejenigen, die dem staatlichen Fernsehen zu entnehmen sind. “Für die anderen hab ich ja dich!“ bekomme ich zu hören, wenn ich gelegentlich mal nachfrage, warum sie sich das antut.

Da hat sie auch wieder recht.

Geschichten die das Leben schrieb: wie Unpolitische politisch werden

Als ich von der Arbeit nach Hause kommen, empfängt mich die Frau, kaum dass ich Mantel und Tasche abgelegt habe, mit einer Kurzzusammenfassung ihres neben dem Home Office erledigten nachmittäglichen Fernsehkonsums, der in der Regel aus Mediathek-Krimis oder Prominenten-und-Klatsch-Fornmaten besteht. Heute nicht:

“Also, ich hab mir auf Phoenix mal diese Bundestagsdebatte angesehen. Die EINZIGEN, die noch irgendwas Vernünftiges sagen zum Krieg und all dem Zeug, ist die AfD. Und so ein fraktionsloser Abgeordneter, der auch gesagt hat, dass man diesen ganzen Wahnsinn stoppen muss. Dem haben sie gleich das Wort abgeschnitten und gefragt, ob ihm Putin die Rede geschrieben hätte…”

Ich schaue erstaunt meine eigentlich jeder politischen Diskussion abholde Gattin an und wundere mich über soviel Aufmerksamkeit für Dinge, die sie sonst eher langweilen oder abstoßen. Und sie ist noch nicht fertig:

“Das ist so deprimierend… Jeder, der nicht für den Krieg ist und für Waffenlieferungen, wird als Putinfreund bezeichnet. Das soll Meinungsfreiheit sein? Eine richtige Debatte ist überhaupt nicht möglich, alle sind kriegsbesessen und haben ihr Feindbild festzementiert. Der Schlimmste ist übrigens dieser Merz von der CDU… Es ist alles nur noch deprimierend!”

Ich gebe ihr recht und beschließe, diese grundsätzlich korrekte Wahrnehmung bei nächster Gelegenheit durch passende Gegeninformationen zu unterstützen.

Wenn fundamental unpolitische Personen wie meine Liebste schon darauf kommen, dass kriegslüsterne Verbrecher dieses Land regieren und jegliche abweichende Meinung aus dem öffentlichen Diskurs ausgegrenzt und diskreditiert wird, ist vielleicht noch nicht alles verloren, was die Opposition gegen die rotgelbgrüne Faschisierung und das Unternehmen Barbarossa 2.0 betrifft.

Geschichten die das Leben schrieb: Weltkriegsnews und Weinfragen

Auf dem Abendspaziergang mit dem Hund sprechen die Frau und ich über eine Nachrichtensendung, die sie gerade im WDR gesehen hat. Es ging mal wieder um den Krieg in der Ukraine und um das Bestreben der westlichen Sponsoren des Krieges, ihrer ukrainischen Stellvertreterarmee immer mehr und weitere Kriegswaffen zu liefern. Inzwischen stehen Kampfpanzer und Kampfflugzeuge und andere schöne Gerätschaften aus dem Arsenal der NATO zur Debatte; in den Mainstream-Nachrichten werden solche Dinge ausschließlich parteiisch aus ukrainischer Sicht vermeldet und immer ein ohnehin vorhandenes Einverständnis des Zuschauers mit der NATO-Version der Ereignisse vorausgesetzt.

Ich erwähne das kürzlichen Statement des stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, der auf den Irrsinn hinwies, einer Nuklearmacht eine militärische Niederlage zufügen zu wollen. Wörtlich sagt Medwedew: „Die drohende Niederlage einer Atommacht in einem konventionellen Krieg kann den Ausbruch eines Atomkriegs provozieren. Die Atommächte haben die großen Konflikte, von denen ihr Schicksal abhängt, nicht verloren.

Aber das sollte jedem klar sein. Sogar einem westlichen Politiker, der sich wenigstens eine Spur von Intelligenz bewahrt hat.“

Meine in ihrer Selbsteinschätzung und ganzen Lebenshaltung „unpolitische“ Gattin seufzt tief auf und bemerkt: „Wenn ich sowas höre, möchte ich sofort wieder eine Flasche Wein aufmachen. Das ist so schrecklich und deprimierend, diese ganzen Nachrichten…“

Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass der heutige Tag unser selbsterklärter drogenfreier Tag ist, damit wir einen alternierenden Rhythmus von einem Abend mit und dem nächsten Abend ohne Wein einhalten. Diese hehre Vorhaben wird nun von meiner Liebsten infrage gestellt. Sie führt weiter aus: „ich verstehe diese Leute nicht, die so etwas planen und machen! Ich verstehe überhaupt die ganze Welt nicht mehr!“

„Hast du sie denn vorher verstanden?“ frage ich, auf einen ausführlicheren Austausch über weltanschauliche und politische Fragen spekulierend.

„Vorher hat es mich nicht interessiert!“ erhalte ich zur Antwort. „Ich versuche erst seit ich sechzig bin, die Welt zu verstehen. Aber ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe die Leute nicht, die darüber jammern, dass alles so teuer ist und dann zwei- oder dreimal im Jahr in Urlaub fahren!“

Dieser abrupte Schwenk zu den Sorgen der bessergestellten Mittelschichtsangestellten aus ihrem beruflichen Umfeld zeigt mir, dass das Fenster zu einer substantiellen Diskussion imperialistischer Geopolitik schon wieder verschlossen ist und dass meine Herzdame in ihrer typischen Art und Weise bei den ganz bodenständigen und elementaren Fragen gelandet ist, die in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis diskutiert werden: reicht das Nettoeinkommen für die zahlreichen Annehmlichkeiten des bürgerlichen Lebens, an die ich mich als Mitglied der gehobenen Mittelschicht gewöhnt habe oder muß ich mich am Ende gar irgendwo einschränken?

Sämtliche politischen Fragen, inklusive der Frage von Krieg und Frieden, werden ausschließlich unter diesem Aspekt betrachtet und bewertet, und die politische Präferenz ihrer Klasse liegt dort, wo ihr ein möglichst störungsfreies „Weiter so“ dieses komfortablen Daseins versprochen wird.

Ich seufze ebenfalls, aber mehr innerlich, und beschließe, an dieser Stelle keine weiteren Agitprop-Anstrengungen zu unternehmen und als Diskussionspunkt nur noch einen einzigen aufrechtzuerhalten: den nach der Frage „Weißwein oder Rotwein“.