Geschichten die das Leben schrieb: Fußballerinnerungen und Bickbeeren

Winsen (Luhe), magisches Kleinod norddeutscher Provinzialität im Landkreis Harburg. Mir noch in Erinnerung als Schauplatz hitzeflimmernder sommerlicher Fußballturniere mit der D- und C-Jugend des VfL Marmstorf, in der ich in der Verteidigung und im defensiven Mittelfeld meinen Mann zu stehen versuchte.

In den Halbzeitpausen und zwischen den Spielen übergossen wir uns mit kaltem Wasser aus Eimern. Von Hitzewellen sprach keiner und Klimahysterie gab es noch nicht, es war einfach Sommer und es war heiß.

Als Harburger, also Süd-Hamburger, sahen wir uns als großstädtisches Team und fürchteten die ungesunde Härte und technische Unbedarftheit der Dorfjugend in den Bolztruppen aus der Heide. Meistens gingen wir als Turniersieger, oder wenigstens Endspielteilnehmer nach Hause, mitunter gab es aber auch erbitterte Kampfspiele gegen die ungeschlachten Bauernjungs der umliegenden Vereine, die wir psychisch nur deswegen verkrafteten, weil wir uns mit dem Bewusstsein unserer größeren Spielintelligenz und theoretisch überlegenen Spielkultur trösten konnten.

Eins hat sich nicht geändert: auch nach mehr als fünfzig Jahren gibt’s immer noch leckere Bickbeeren (Blaubeeren) in Winsen und den anderen Orten der Umgebung.

See the sky about to rain: individuelle Stimmungsschwankungen auf dem Strafplaneten Erde 

Das Leben fließt dahin und ich treibe mitten drin. Immer öfter kostet es mich Anstrengung, die Balance zu wahren zwischen meiner angeboren Neugier auf alles Lebendige und dem Staunen über dieses Wunder, das man Leben nennt einerseits – und andrerseits dem bodenlosen Ekel über die menschengemachten Zustände in einer Welt, die arm und reich, oben und unten, Arbeit und Ausbeutung nicht nur kennt, sondern als Grundprinzip der gesellschaftlichen Reproduktion festschreibt.

Wo man hinguckt, versucht einer auf Kosten des anderen voranzukommen, seine Schäfchen ins Trockenen zu bringen, sich einen Vorteil zu verschaffen und mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln an den Stoff zu kommen, der in dieser Welt benötigt wird, um das eigene Überleben halbwegs erträglich zu gestalten: Geld.

Eine Welle von Betrügereien bringt hunderte oder tausende Kunden von Postbank, Deutsche Bank, Commerzbank um ihre Ersparnisse. Ob sie das Geld wiedersehen? Man weiß es nicht. Die Bankmitarbeiter berichten nahezu bewundernd von dem Einfallsreichtum und der technologischen Ausgefeiltheit der Phischer, Scammer, Hacker und wie die Online-Kriminellen sonst noch genannt werden.

Selbst in der für viele kostbarsten Zeit des Jahres, den wenigen Wochen des Urlaubs, in dem lohnarbeitende Menschen versuchen müssen, irgendwie wieder zu Kräften zu kommen um den Arbeitsalltag zu bewältigen und zu überstehen – selbst und gerade hier wird der erholungsbedürftige Kunde erbarmungslos zur Kasse gebeten. Bei der Buchung der Ostsee-Ferienwohnung, in der Frau, Hund und ich seit Jahren die Mühe und Last eines Lohnarbeitsjahres zu kompensieren versuchen, wird uns umstandslos mitgeteilt, dass frische Handtücher und allerlei andere bisher kostenlose Selbstverständlichkeiten fortan mit Extragebühren berechnet würden; auch würde der Tagespreis für Hunde von 10 auf 20 Euro angehoben. Damit sind alleine für den Hund, der – wenn wir nicht unterwegs sind mit ihm – buchstäblich den ganzen Tag auf der Terrasse der FeWo rumliegt, gute 400 Euro fällig.

Ein Blick in die weite Welt läßt solche unappetitlichen Abgreifereien allerdings geradezu harmlos erscheinen: schon eine kurze Befassung mit dem perversen und durch und durch zynisch-brutalen Kolonialismus Frankreichs und anderer europäischer Mächte in Afrika macht klar, in was für einer absolut kranken Gefangenschaft und Abhängigkeit ganze Völkerschaften von den westlichen Herren der Welt gehalten werden. Seit Jahrhunderten transportieren die Ex-Kolonialmächte, allen voran Frankreich, unglaubliche Reichtümer in Form von Rohstoffen und Bodenschätzen direkt aus den afrikanischen Ländern in ihre Tresore in Paris und sonst wo, zwingen den Nationen des Françafrique über die CFA-Franc-Zone eine ökonomische Stellung auf, die die Afrikaner auf ewig zu abhängigen Dienern an den französischen Räubern  ihres Reichtums macht. Ganze Nationen werden so in ihrer Entwicklung gehindert, auf den Status eines Armenhauses und Elendsgebietes reduziert, während die Machthaber in den kultivierten, demokratischen, freiheitlichen, gender-diversen Zentralen des europäischen Imperialismus auf Kosten dieser Nationen ihre Ökonomie päppeln.

Oft neigt sich meine innere Balance angesichts all dieser Sauereien hin zu einem fundamentalen  Pessimismus. Die überall herrschende Gier, die gesamtgalaktische Verarsche, die rücksichtslose Vorteilsnahme, die unbedingte Dominanz der schrankenlosen Ausbeutung von Mensch und Natur wirkt abstoßend bis zur Lebensmüdigkeit auf mich. Nur eines empfinde ich als noch übler, noch kränker, noch zynischer: dass das Prinzip der kapitalistischen Ausbeutung und Vernutzung allen Inventars dieser Welt auch noch als conditio sine qua non des Lebens abgefeiert wird und die gültige Ideologie des wertewestlichen Herrschaftsbereiches, wenn nicht fast der gesamten Welt ist.

Wozu noch hier Gast sein? Wozu sich das antun? Man wäre doch eindeutige besser dran, nichts von der Vorhölle mitzukriegen, die Lohn, Preis und Profit aus dem Paradies machen, das die Welt nicht nur sein könnte, sondern IST.

Geschichten, die das Leben schrieb: wie gewonnen, so zerronnen

Tja.

Da macht man seit 25 Jahren Online-Banking, hält immer alle Sicherheitsmaßnahmen ein, macht Überweisungen nur im heimischen WLAN – und kriegt dann das Konto leergeräumt aufgrund eines Datenlecks bei irgendeinem Subunternehmen der Deutschen Bank, der die Postbank inzwischen gehört. Vermutlich wurden Kundendaten und sonstige bankrelevanten Vorgänge kostengünstig outgesourced.

Getroffen hat’s ausgerechnet das Sparkonto, auf dem der Notgroschen, die Eiserne Reserve, der „Unerwartete-Ausgaben“-Puffer in Höhe eines mittleren vierstelligen Betrages liegen. Bzw. lagen, bis gestern oder vorgestern. Nun ist das ganze Geld auf einem Konto einer Bank in Irland, wohin böse Buben es ohne mein Wissen überwiesen haben.

„Unauthorisierte Abbuchung“ heißt das im Bankjargon, und die Bankangestellte am Telefon berichtet von Hunderten von Postbankkunden, die auch gerade diese ambivalente Erfahrung machen dürfen. Auf die Frage, wer mir die schöne Kohle nun ersetzt und wie lange das dauern wird, druckst die Mitarbeiterin etwas rum und sagt, das wird jetzt erstmal alles „von der Sicherheitsabteilung geprüft“, und die werde sich dann „postalisch melden“.

Mit anderen Worten: das kann dauern; und ob ich das Geld wiedersehen werde, entscheidet die Bank nach ihren Erkenntnissen (über die Begleitumstände des Betruges bzw. ob es ein technischer Fehler der Banknoten Blödheit des Kunden war), also nach Gutdünken.

Erstaunlicherweise nimmt die Liebste das Ganze gelassen und abgeklärt. „Da kann man sich jetzt ärgern, aber man kann’s auch lassen“, sagt sie weise. Einen kleinen „I told you so“-Hinweis kann sie sich aber nicht verkneifen: „Siehste, ich hab dir schon immer gesagt, dass diese ganze Onlinescheiße nicht sicher ist. Was meinst du, warum ich immer ganz old school zur Bank gehe und dort Kontoauszüge hole und Überweisungen mache…?“

Auch wenn’s ein unangenehmes Gefühl ist, um seine Ersparnisse gebracht zu werden, ist es letzten Endes nur Geld. Und vielleicht sehen wir es ja am Ende doch wieder! Angeblich sind Banken verpflichtet, den Kunden den unauthorisiert abgebuchten Betrag zu ersetzen, wenn diese sich nicht durch Leichtsinn oder Fahrlässigkeit den Schaden selber zuzuschreiben haben.

Allen Freunde, die ein Konto bei Deutscher Bank oder Postbank unterhalten, rate ich jedenfalls zu erhöhter Wachsamkeit und zum eventuellen Verzicht aufs Online Banking für eine Weile, oder ganz.

Das ist der Lauf der Welt: wie gewonnen, so zerronnen.

https://www.spiegel.de/netzwelt/web/deutsche-bank-und-postbank-kunden-werden-ueber-datenleck-informiert-a-c06d099a-bcaf-453c-936f-9c767aa60881

Geschichten die das Leben schrieb: Flucht aus (Ideologie-)Alcatraz

Ich sitze am Arbeitsplatz im Wohnzimmer und bastele an irgendwelchen PHP-Scripten rum, während die Liebste auf dem Sofa vor dem Riesenfernseher lümmelt und sich durchs Programm zappt.
Normalerweise dringen in solchen Situationen die erträglichen (weil leicht zu verdrängenden) Klänge von Reisereportagen, Kochsendungen oder Tier-Dokus an mein Ohr. Heute jedoch nicht.

Dummerweise hat meine fernseherfahrene Liebste entschieden, sich diesmal von der dahinplätschernden Klangkulisse einer gesellschaftsphilosophischen (sprich: hochgradig ideologischen und imperialismusaffirmativen) Sendung in den Mittagsschlaf wiegen zu lassen. Sie schätzt den monotonen Singsang solcher Programme, weil sie dabei am besten chillen und dösen kann.

Ich dagegen werde nun gezwungen – solange ich nicht unter die Kopfhörer fliehe – mir Sätze wie diesen anzuhören:
„Neid, Mißgunst, Kritik – Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem ERFOLG anderer um?“

Vorausgegangen ist ein bewundernder Bericht über eines der gängigen kapitalistischen role models, einen Selfmade-Millionär, der „zwei Millionen Follower auf Instagram hat“ und der der unterwürfig lobhudelnden „Reporterin“ in Form einiger Poesiealbumssprüche aus der Erfolgsmenschenfibel großzügig das Schatzkästchen seiner marktwirtschaftlichen Selbstwichtigkeit öffnet.

Nun wird ein leibhaftiger Philosoph befragt, warum die lieben Mitmenschen den Erfolgreichen bloß immer den Erfolg neiden – vor allem aber den Stoff, aus dem dieser besteht: dem Geld, welches sich in Form von Vermögen auf den Konten und in den Investmentportfolios der (Erfolg-)Reichen ansammelt.

Dieses ungelöste Rätsel der Menschheit weiß der Premiumdenker staats- und ökonomiekompatibel zu beantworten: es ist der psychologische Defekt des Neides! Wenn Karl Lohnarbeiterarsch sich nämlich mit den ECHTEN Erfolgsmenschen vergleicht, wird sein eigenes eher bescheidenes Durchwursteln zum vergleichsweisen Scheitern!

Eine Lösung hält der Philosoph nicht parat, weil es gar keine gibt: die Welt ist nun mal so!

Inzwischen bin ich in den Zustand geraten, in dem die aufsteigende Übelkeit und Wut auf die unverfrorene, widerliche und perfide Abrichtung der Leute auf die Bereicherungsideologie der Konkurrenzgesellschaft sich untrennbar vermischt mit einer apokalyptischen Traurigkeit, in solch einer Welt leben zu müssen.

Die Liebste hingegen hört sowieso nicht hin, ist nahezu in den Schlaf gewiegt und wundert sich noch nicht mal (sie kennt mich ja), warum ich fluchend das Zimmer verlasse und mich mitsamt Hund in mein Schlafzimmerrefugium verflüchtige.

Geschichten die das Leben schrieb: Die Botoxbourgeoisie

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Die Bourgeois-Verwandtschaft meiner Liebsten hat mich vor Jahr und Tag wegen unbotmäßiger Äußerungen mit Villenverbot belegt – ein Bannfluch, der mir nur recht kam, da ich mit der elitären Oberschichtsmischpoke nichts zu tun haben wollte und will. Obwohl man mich offiziell rehabilitiert hat und wieder zu Zusammenkünften einlädt, ist mir nichts gelegen am Kontakt mit Leuten, die ihren Klassendünkel und ihre erfolgszertifizierte marktwirtschaftliche Selbstgerechtigkeit wie ein Banner vor sich hertragen.

So geht die Frau also stets alleine zu den allfälligen Familientreffen. Für mich ein wunderbarer Zustand, der mir einerseits den Umgang mit der bessergestellten angeheirateten Verwandtschaft erspart, andrerseits mir und dem Hund ein paar Stunden unserer gemeinsamen Lieblingsbeschäftigung, der Trend-Sportart „Advanced Extreme Chillaxing“, beschert.

Wenn die Frau zurückkehrt, erfahre ich meistens die neuesten Nachrichten aus der Welt der akademisch-unternehmerischen Bourgeoisie bzw. die privaten Nöte und Eskapaden der Schwägerin, ihres Mediziner-Gatten und deren Kindern, den Nichten und Neffen meiner Liebsten.

Diesmal weiß sie zu berichten, dass die beiden erwachsene Nichten, beide Anfang bis Mitte Zwanzig, beide Medizinerinnen, sich jetzt einer Botox-Kur unterziehen. Man müsse dies, so wurde ihr versichert, auf jeden Fall „jetzt schon machen“ und nicht erst im Alter damit beginnen. Dann wäre es zu spät und sowieso nichts mehr zu retten. Obendrein lässt sich die ältere der beiden Nichten, das Patenkind meiner Frau, Hyaloron in die Nase spritzen. Warum, wusste sie nicht zu berichten. Vielleicht gefällt der beileibe nicht häßlichen Mittzwanzigerin ihre Nase nicht, vielleicht hat sie ähnliche Stimulierungsgewohnheiten wie Selenskij oder Hunter Biden und will auf diese Weise für Ausgleich in der nasalen Flora sorgen.

Ich frage nach ein paar Sekunden der Sprachlosigkeit, in denen ich das Gehörte einsinken lasse, warum zwei junge Frauen so etwas machen. Irgendwo hatte ich auch gehört oder gelesen, dass Botox-Behandlungen alle paar Monate erneuert werden müssten (was im Falle der beiden Nichten jedenfalls schon mal NICHT am Geld scheitern würde). Die Erklärung meiner Liebsten ist so schlicht wie einleuchtend: „Die sind eben so! Die sind einfach anders!“

Junge Menschen, die in der Wohlstandsblase einer begüterten Klasse aufwachsen, die keine finanziellen Sorgen kennt; Twens, die sich höchstens überlegen, ob drei Wochen Bali oder ein Luxuswochenende in New York attraktiver für die eigene soziale Performance und die Karriereplanung ist; Menschen, die durch familiäre Herkunft und Klassenlage von Anfang an Zugang zu Geld, Bildung, Reisen usw. hatten und durch die elterlichen Verbindungen zugleich in das politische, ökonomische und soziale Netzwerk der Entscheider dieser Gesellschaft eingebunden sind – diese jungen Menschen haben keine Veranlassung, sich über die Nöte und den Überlebenskampf der weniger privilegierten Mehrheit Gedanken zu machen. Ihre Welt ist die des Zugriffs auf die Reichtumsquellen, die ein angenehmes Leben in relativem Luxus und im Überfluß ermöglichen. 

In dieser Welt kommt es darauf an, die entsprechende Charaktermaske zur Schau zu tragen, und dazu gehört heutzutage scheinbar eine möglichst makellose äußere Erscheinung. Die Identifikation, die jedem bürgerlichen Verstand automatisch einleuchtet, ist die mit den Kräften und  Mechanismen des ERHALTES all dieser schönen Annehmlichkeiten und des abgesicherten Komforts, also ein rein äußerliche. da liegt es nahe, sich bzw. den eigenen Körper an das gültige Schönheitsideal anzupassen: „Die sind eben so!“

Geschichten die das Leben schrieb: Talkrunden im Staatsfernsehen sind nicht gut für die geistige Gesundheit

Ich sitze in der Wohnzimmerecke, höre Musik über Kopfhörer und zeichne. Irgendwann kriege ich Durst, setze die Kopfhörer ab und stehe auf, um mir etwas zu trinken zu holen.

Das hätte ich nicht tun sollen, denn nun dringen an meine unschuldigen Ohren Gesprächsfetzen einer Diskussionsrunde bei Maybritt Illgner, einer bekannten und hochbezahlten Mietpropagandistin des Staatsfernsehens. Zu Gast diesmal erstaunlicherweise der AfD-Chef Chrupalla und ein aalglatter FDP-Funktionär, ersterer vermutlich aufgrund des Umfragehochs seiner Partei, das die etablierten bürgerlichen Parteien in helle Panik versetzt.

Was ich in den etwa fünf Minuten mitbekomme, die ich fassungslos der „Debatte“ – in Wirklichkeit eine Art medialer Pranger, an den Moderatorin und Establishment-Politiker das „rechte“ Schmuddelkind der DEMOKRATIE stellen wollen – lausche, ist folgendes:

Alle sprechen sehr schnell, scheinen also zu denken, dass sie lieber eine gewaltige Menge an Behauptungen, Sprechblasen und Sprachregelungen unter- oder „rüber“bringen müssen statt ein paar vernünftige Argumente. Ausnahme der AfD-Mann. Er redet zwar auch vergleichsweise schnell, scheint aber noch der Coolste der Drei zu sein. Er wird immer wieder unterbrochen, man läßt ihn so gut wie nie ausreden und seine Sätze zuende bringen.

Chrupalla ist der einzige in der Runde, der auf ein paar Fakten hinweist: der Sanktionskrieg gegen Russland schadet vor allem dem Westen, Deutschland solle wieder russisches Gas beziehen, die Ampelregierung ruiniert und deindustrialisiert den Standort Deutschland, der Ukraine-Krieg ist nicht ausschließlich Schuld Russlands etc.

Damit ist er – was zu beweisen war – entlarvt als Demokratiefeind und Putinfreund. Überhaupt scheinen alle – besonders der FDP-Mann – zu wissen, was Demokratie ist: sie tragen den Begriff wie einen Fetisch vor sich her, erläutern ihn nie und setzen voraus, dass alle sich einig sind, dass DEMOKRATIE natürlich nur erstens und allgemein die wertewestliche Lebensart und Staatsform sein kann, zweitens und im Besonderen aber die wunderbaren Verhältnisse, die dank ihr in dem wunderbaren und gewissermaßen erz- und urdemokratischen Deutschland herrschen.

Die Ausgrenzung der AfD aus dieser gedachten Idealform bürgerlicher Herrschaft erfolgt heute vor allem durch den Nachweis mangelnder Russophobie und Kriegsbereitschaft seitens der Partei und ihrer Vertreter. Chrupalla weist auf den verlogenen Selbstbetrug der Sanktionskrieger hin, die mit dem Verzicht auf russisches Erdgas eine „Abhängigkeit“ von Russland beenden wollen und sich dafür in die viel drastischere Abhängigkeit von amerikanischem LNG begeben. Er hat kaum „Russland“ und „Gas“ in einem Atemzug gesagt, als die FDP-Charaktermaske ihm triumphierend in die Parade fährt und die ganz dicke Moralkeule auspackt: „Wollen Sie etwa diesen schrecklichen Angriffskrieg Putins relativieren? Da sterben FRAUEN und KINDER!“ Jetzt hat er ihn!

Das scheinbar handverlesene Publikum scheint zu 90% aus Gläubigen der Staatsmedien zu bestehen, denn es applaudiert dem liberalen Moralprediger und seiner höchst verlogenen Nummer. Der AfD-Chef kontert ziemlich abgebrüht mit dem Hinweis bzw der Frage, was denn sein Gegenüber zu den Kriegen der USA im Irak („Fünfhunderttausend tote Kinder!“) sagen würde, gibt also die Moralheuchelei des Regierungsheinis in gleicher Münze zurück.

So geht es in den paar Minuten, die ich auf den Fernseher starre, hin und her. Die Liebste, die sich diese Art Sendungen öfters antut, zieht die richtigen Schlüsse und bemerkt: „Die haben den AfD-Typen doch nur eingeladen, um ihn fertigzumachen. Dabei ist der der einzige, der die Wahrheit sagt. Stimmt doch alles, was der sagt!“

Wenn es die Absicht des Staatsfernsehen sein sollte, die AfD durch zähneknirschend eingeräumte Sendezeit in Kreuzverhören und lächerlichen Moralanwürfen wie in dieser Talkrunde bloßzustellen und die Zuschauer als Wähler wieder auf die regierungsamtliche Linie der Kriegs- und Verarmungsbefürwortung zu bringen, dann ist dieser Plan gründlich schief gegangen.

Wieder meine ansonsten streng unpolitische Gattin: „Mit jedem solcher Auftritte sorgen die doch bloß für noch mehr Stimmen für die AfD…“

Es ist leider so: die AfD ist momentan die einzige wahrnehmbare politische Gruppierung, die Kritik am Regierungskurs, an der Russophobie, an Krieg und Verarmung, an Deindustrialisierung und der rotgrüngelben Klima- und Wokeness-Ideologie überhaupt noch artikuliert.

Was Aufgabe einer sozialistischen Opposition sein müsste, wird im Deutschland des Jahres 2023 wahrgenommen von einer Partei, die nach herkömmlichen Maßstäben „ganz rechts“ im politischen Spektrum angesiedelt ist und – soweit ich es verstehe – einen völkischen statt eines neoliberalen „grünen“ Kapitalismus (mit ganz bestimmt nicht weniger Ungemütlichkeiten für die Arbeiterklasse als der der Regierung) anstrebt.

Man möchte dran irre werden.

Geschichten die das Leben schrieb: China droht und die Seele baumelt

Ein fauler arbeitsfreier Gründonnerstag. Bei einem meiner Streifzüge vom Schlafzimmer (mein heutiges Hauptquartier ausgedehnten Chillaxings) ins Wohnzimmer (Basislager der Liebsten, die ihren Home Office Job zugunsten diverser TV-Unterhaltungssendungen frühzeitig beendet hat) dringt, kaum dass ich durch die Wohnzimmertür trete, folgender im Nachrichtensprechertonfall vorgetragener Satz an mein Ohr: „China droht mit der Invasion Taiwans!“

„tagesschau24“ nennt sich der Propagandasender, der diese absurde Formulierung als Nachricht vermeldet. Dass China mitnichten „droht“, sondern bekräftigt, dass es immer für eine friedliche Wiedervereinigung mit Taiwan eintritt (im Falle einer US-Intervention separatistische Bestrebungen der zu China gehörenden Insel aber auch militärisch unterbinden wird), spielt für NATO-Journalisten keine Rolle.

Auch dass einzig und allein die USA in dieser inner-chinesischen Angelegenheit mit dem Feuer spielen, zündeln und provozieren was das Zeug hält und dabei ganz offen von dem Krieg sprechen, den sie bis spätestens 2025 gegen China zu führen gedenken (und wofür sie die Taiwan-Frage instrumentalisieren), muß der westliche Fernsehkonsument nicht wissen.

Erst recht nicht, dass die Insel nur deswegen als „unsinkbarer Flugzeugträger“ und US-Stützpunkt gegen die Volksrepublik China dient, weil die US Navy 1949 den unterlegenen Resttruppen der Kunomindang die Flucht über die Formosastraße (die Meerenge zwischen China und seiner größten Insel Taiwan) ermöglicht hat.

Dieser eine Satz – „China droht mit der Invasion Taiwans!“ – steckt so voller Desinformation und absichtlicher Falschmeldung, dass es ein Mehrfaches an zeitlichem und gedanklichem Aufwand kostet, diese mit Fakten zu entkräften, als es braucht , die unablässig wiederholte Lüge von der „chinesischen Aggression“ einfach zu schlucken. Denn wenn die das im Fernsehen sagen, und die Zeitungen das auch alle schreiben, dann wird’s schon stimmen. Und ist nicht der Chinese sowieso eine Bedrohung „für uns“? Sagt doch auch die Regierung!

All diese Gedanken gehen durch meinen Kopf in den paar Sekunden, die der Satz braucht, der da von der „Tagesschau“-Sprecherin vorgetragen wird. Ich überlege kurz, ob ich meine Liebste über das Ausmaß verlogener imperialistischer Propaganda aufkläre, das uns da aufgetischt wird. Damit würde ich allerdings keine Pluspunkte bei ihr verdienen, wie ich aus Erfahrung weiß. So wiederhole ich nur leicht spöttisch und mit fragender Intonation am Satzende besagten Satz und wende mich meinem im Wohnzimmer ladenden Endgerät zu.

Mein Kommentar hat aber bereits ihr nachmittägliches Entspannungsritual gestört und ich kriege zu hören „Ach, lass mich doch mit deinem (Pause)… Intellekt! Das interessiert mich sowieso nicht, ich hab schon umgeschaltet. Ich will die Seele baumeln lassen!“

Ich muss lachen und rate ihr, ganz unintellektuell: „Dann pass auf, dass sie nicht runterfällt beim Baumeln, deine Seele!“ und verziehe mich wieder zum Hund in mein mainstreamfreies Schlafzimmerrefugium.

Geschichten die das Leben schrieb: Pawlow reloaded

Mein Hund kommt, wenn Herrchen und Frauchen in der Küche bei einem Glas Wein sitzen, schneller an ein Leckerchen als gewöhnlich. Die gelöste Stimmung nach “a hard days night” mündet meistens in der Haltung “Ach, was soll’s, wir tun uns was Gutes, soll der Hund doch auch was Gutes kriegen und nicht wie ein Hund leben…!” und schon wird die Schublade mit den Hunde-Leckerlis geöffnet.

Das weiß der vierbeinige Kamerad ganz genau, weshalb er sich nach einer Weile stets in der Küche einfindet, wenn seine Menschen abends dort beim Weine sitzen.

Neu ist eine Konditionierung, die ich bei ihm noch nicht beobachtet hatte: Wir stoßen aus Gewohnheit und rituell mit den Gläsern an, wenn es gilt, einen guten Tropfen zu verkosten. Dieser Klang ist es scheinbar, der dem Hundekumpel signalisiert, dass es hier jetzt was abzustauben gibt.

Heute saßen wir nämlich im Wohnzimmer und beim Klang der Gläser kam er nach 5 Sekunden angetrabt, gähnte kurz und stellte sich dann erwartungsvoll in Position. Natürlich war ich darauf vorbereitet und hatte mir heute schon das Leckerchen in die Hosentasche getan, als ich in der Küche mit dem Wein hantierte.

Geschichten die das Leben schrieb: Putin blickt zu Boden!!

Im Fernsehen läuft WDR aktuell, eine Nachrichtensendung. Mit folgenden Worten wird das Treffen zwischen dem russischen und dem chinesischen Staatspräsidenten anmoderiert:

„Würden SIE jemanden besuchen, der seinen Nachbarn brutal überfallen hat und gegen den ein Haftbefehl vom Internationalen Strafgerichtshof vorliegt?“ Die Ansagerin, eine Mittdreißigerin mit keiner anderen Qualifikation außer einem netten Gesicht und der Fähigkeit, fehlerfrei vom Blatt abzulesen, macht eine Kunstpause. „Die Antwort ist natürlich. NEIN! Außer man ist Xi und braucht das russische Öl“ usw.

Es folgen ein paar Aufnahmen des Treffens der beiden Präsidenten und ein, höchstens zwei Sätze zu der Tatsache, dass jeder von ihnen in den Zeitungen des anderen Landes einen Artikel veröffentlicht hat. Was da drin steht, braucht den deutschen Fernsehmichel in NRW schon nicht mehr interessieren, denn dafür ist der Experte zuständig, der jetzt hinzugeschaltet wird.

Er erzählt uns, dass Chinas Wirtschaft zehnmal größer als die russische ist und kommt dann auf den für westliche Journalistenhirne eigentlichen Knackpunkt solcher Besuche: Wer ist der Stärkere und kann so den anderen erfolgreicher erpressen?

„Putin ist diesmal der Unterlegene – er wirkt verunsichert, blickt zu Boden bei der Begrüßung des Staatsgastes. Russland muß um Chinas Unterstützung für seinen Krieg in der Ukraine werben.“

Nach solchen profunden psychologischen Analysen bleiben für den fernsehkonsumierenden Westbürger keine Fragen offen. Die Begegnung der Staatsoberhäupter und die Beziehung der beiden Länder wird noch ein paar Sätze lang unter dem Aspekt „Wer wen?“ abgehandelt und am Ende ist Journalisten und Zuschauern klar, das hier ein psychologisch schwer verstörter Diktator der geballten wirtschaftlichen Macht des anderen Diktators schwanzwedelnd zu huldigen hat, damit seine bösen Schliche von letzterem irgendwie abgenickt werden und beide weiter Geschäfte machen können.

Nichts anderes als Hegemonie und Unterordnung, Erpressung und Einknicken, Machtkampf um Kontrolle des anderen und der Staatenwelt können und wollen sich die journalistischen Hofnarren des US-Imperiums vorstellen. Ihre Welt ist die eines erbarmungslosen Kampfes um den eigenen Vorteil GEGEN den Rest der Welt; ein Kampf, der jedes Mittel rechtfertigt, bei Bedarf auch Krieg, wenn’s der Überlegenheit und Hegemonie des eigenen Lagers dient.

Die Projektion des archetypisch Bösen auf den Feind gehört zur journalistischen Routine wie das Bäuerchen nach dem Brei bei Babys. Auch und gerade in Nachrichtensendungen werden nicht Nachrichten gesendet, sondern Meinungen und Urteile kolportiert: faktische Meldungen nehmen bestenfalls den Platz von Aufhängern ein, an denen die unbedingt zu erfolgende Dämonisierung des Gegenspielers festgemacht wird. „Experten“ sortieren jede Information ein in den Kontext allumfassender Verurteilung abweichender Standpunkte und einer eins-zu-eins mit der Regierungspolitik identifizierten Berichterstattung.

Deutsche Medien sind die Fankurve der Staatsmacht und ihr Publikum hat gefälligst die richtigen Fahnen zu schwenken und die richtigen Sprechchöre zu brüllen.

Geschichten die das Leben schrieb: Vom Vermieter lernen heißt siegen lernen

Dieses freundliche Schreiben unseres Vermieters lag heute im Briefkasten. Vermutlich liegt der Mann sogar richtig mit der Annahme, dass eine Mieterhöhung von 100 Euro nach sechs Jahren „moderat“ ist.

Jedenfalls war mir seine höfliche Bitte Inspiration und Anlaß, für meinen diakonischen Arbeitgeber eine auf dem Vermieter-Wording basierende Aufforderung zur Lohnanpassung zu verfassen. Eine so unschlagbare Ansprache lässt sich ja gar nicht ablehnen:

„Sehr geehrte Personalabteilung der Diakonie,

nach nun fast 6 Jahren der allgemeinen Teuerung und vieler neuer Kosten für Mieter und Arbeitnehmer möchte ich nunmehr meinen Lohn an die Gegebenheiten anpassen.

Bei einer Lohnerhöhung von 10% liegt der Lohn immer noch nur unwesentlich über dem Mindestlohn und ist damit niedriger als der Durchschnittslohn.

Das entspräche bei einer Stundenanzahl von 13,5/Woche einem monatlichen Nettolohn von ca. 900,00 euro.

Ich würde daher den Netto-Lohn ab 01.07.2023 auf 900,00 Euro zuzüglich Sonn- und Feiertagszuschlägen anheben wollen.

Ich würde Sie höflich bitten, diese durchaus moderate und angemessene Erhöhung nach nun rund 6 Jahren anzunehmen.

Diesem Schreiben liegt ein Vorabdruck für die Zustimmung bei. Bitte senden Sie dieses Formblatt bis spätestens 18.04.2023 zurück.

Bei Fragen stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen“

Ich freue mich schon auf das zusätzliche Geld ab Juli!