Die Liebste kommt am Ende eines langen Arbeitstages, der um 5:00 Uhr morgens begann und mit der letzten Runde mit dem Hund endete, zur Tür herein. Der Hund stürzt sich nach Hundeart auf mich, als hätte er mich Jahre nicht gesehen. Die Frau nicht – sie wischt sich den Schweiß von der Stirne, kickt sich die Schuhe von den Füßen und setzt diverse Taschen und Beutel ab.
„Ich hab was eingekauft!“ verkündet sie, „Obwohl ich eigentlich pleite bin.“ Damit weiß ich schon mal, dass sie nicht Lebensmittel oder Drogerieartikel besorgt hat, sondern irgendetwas für ihr eigenes Wohlbefinden, also Kleidung oder Kosmetik.
„Bekleidung, oder?“ frage ich überflüssigerweise. „Ja! Komm mal her. Ich werde die schönste Frau an der Ostsee!“ Die Gattin steht vor dem riesigen Ganzkörperspiegel neben dem Kleiderschrank, hat sich inzwischen bis auf die Unterwäsche entkleidet und schlüpft nun in niedliche graue Strand-Shorts, die unten an den Beinöffnungen in weißen Spitzenbordüren enden, und in ein ärmelloses Nichts von einer Sommerbluse mit einer großen Stoffblume auf der rechten Schulter.
Sie zupft ein bißchen an den neu erworbenen Kleidungsstücken herum, dreht sich vor dem Spiegel in allerlei Positionen, um die Wirkung des Outfits zu überprüfen und fragt mich auffordernd. „Ist doch toll, oder?!“
Natürlich ist das keine Frage, sondern mein Stichwort für ein solides, anerkennendes, keinesfalls jedoch zu überschwängliches, sondern faktisch begründbares, ehrliches Lob ihrer Erscheinung. Tatsächlich sieht sie hinreißend aus in dem Fummel, sozusagen zum Stehlen süß.
Ich lobe ihre Neunschaffung und preise ihre Erscheinung in wohl bedachten und -gewählten Worten. Nach einer Weile frage ich. „Und kostenmäßig? Was hast du in dem Laden gelassen? So dreistellig, oder?“ Zufällig weiß ich nämlich, dass „der Laden“ zu den nicht ganz preisgünstigen Edelboutiquen unseres Nobelstadtteils gehört.
„Will ich überhaupt wissen, was das gekostet hat?“ setze ich hinzu, nachdem sie mit einem Kopfnicken und einem affirmativem „Mmm…“ die Frage nach der Dreistelligkeit beantwortet hat.
„Nee, willst du nicht. Du willst eine schöne Frau, das kostet eben.“
„Die oder keine!“ war und ist seit jeher das Leitmotto meiner Verbindung mit dieser Vertreterin des anderen Geschlechts. Darum ist bei mir auch diesmal wieder Kritikfähigkeit, Rationalität und Kostenbewusstheit ausgesetzt und ich freue mich mit ihr über die fesche Neuanschaffung für ihre Garderobe.
In der Hitzehölle unserer Dachwohnung, die wir das Glück haben, im linksrheinischen Düsseldorfer Edelviertel Oberkassel bewohnen zu dürfen (für teures Geld natürlich), sind die alten Fenster inzwischen vom Verschleiß im Mitleidenschaft gezogen.
Diejenigen Fenster, die zur Südwestseite zeigen – die also die meiste Sonne abkriegen – lassen sich nur noch sehr schwer, oft nur mit allerlei Tricks, und manchmal überhaupt nicht mehr öffnen. Undicht sind sie zum Teil auch noch. Immerhin schickt die Hausverwaltung auf unsere Beschwerde hin umgehend einen Handwerker, der sich der Sache annehmen soll.
Dieser – ein sympathischer bosnischer Serbe – untersucht die Problemfenster von vorn bis hinten, von innen und von außen, wobei er sich lebensgefährlich mutig auf die Dachschräge begibt, und zieht dann sein Fazit: „Da ist nichts mehr zu machen. Da fehlen Teile; die sind auch einfach zu alt, diese Fenster. Die müssen ausgetauscht werden und zwar vor dem Winter.“
Er will alles dokumentieren und der Hausverwaltung beziehungsweise direkt den Eigentümern zur Kenntnis bringen. Denn diese sind diejenigen, die die aus ihrer Sicht unerwünschte Ausgabe zu stemmen haben. Während der Mann sein Handwerkszeug zusammenpackt, fachsimpeln wir ein bisschen über Ausgaben, Kosten und deren Bedeutung für die verschiedenen Gesellschaftsschichten.
„Das sind ja Adlige“ klärt er mich auf, „Die haben viele Häuser; ich bin bei dreien davon beschäftigt, da gibt’s immer was zu tun. Die haben schon ganz schön hohe Kosten…“
Diese Art, sich den Kopf der Grundrente beziehenden Eigentümerklasse zu zerbrechen, kann ich nicht unwidersprochen lassen: „Naja, die haben Kosten, vielleicht manchmal auch hohe – aber die haben sie, weil sie hohe Gewinne machen wollen mit den Häusern!“
Das Haus, in dem wir wohnen, hat erst im vorletzten Jahr den Eigentümer gewechselt und gehört jetzt einer Familie, deren Einkommensgrundlage der Immobilienbesitz ist. Jede Ausgabe für die diversen Mehrfamilienhäuser, jede Investitionen in ihre Renditeobjekte, wird von den Besitzern marktwirtschaftsgerecht als Abzug vom Gewinn betrachtet.
„Klar haben die keine Lust, einen Großteil der jährlichen Miete, die sie von uns für diese Dachbude abkassieren, für neue Fenster auszugeben. Die wollen ja möglichst viel Geld verdienen mit ihrer Immobilie und möglichst wenig reinstecken…“
Der serbische Hsndwerker nickt zustimmend. „Die haben einfach andere Maßstäbe als Leute, die normal Geld verdienen. Die machen sich immer nur Sorgen wie sie ihr Gekd vermehren, nicht ob‘s reicht…“
Ich bin einigermaßen platt über die einfachen Worte, mit denen der Mann das Grundprinzip kapitalistischer Verhältnisse nahezu marxistisch auf den Punkt bringt. Die Arbeiterklasse weiß ziemlich genau, wie der Hase läuft! Sie weiß, wer in dieser feinen Welt des freien Eigentums stets der Gewinner und wer der Verarschte ist. Warum nur zieht sie nie die naheliegenden Schlüsse aus diesem Wissen?
Für einen Grundkurs in politischer Ökonomie und Klassenanalyse ist es aber definitiv zu heiß, und der Genosse Handwerker muss auch zu einem weiteren Einsatz.
Er bekräftigt nochmal, dass er die Gesamtsituation der Fenster in unserer Dachwohnung den Eigentümern zur Kenntnis bringen wird, wünscht mir alles Gute zum Überstehen der Hitze in der Wohnung (die er gerade eine Dreiviertelstunde lang selbst erleben konnte) und wir verabschieden uns freundlich.
Die Frau sitzt im heimischen Home-Office vor ihren finanzkapitalistischen Tabellen, Wichtig-Wichtig-Emails und -Videokonferenzen und sonstigen Zahlenakrobatikaufgaben, die ihre Tätigkeit als Controllerin so mit sich bringt; ich lungere auf dem Bett und döse zwischen gelegentlichen Checks von Weltmeisterschafts- und Weltkriegsinfo immer wieder ein. In unserer Dachwohnung ist es solide 28 Grad warm und außer gelegentlichen Gängen zum Klo oder zum Kühlschrank besteht keine Veranlassung, sich zu bewegen.
Wir sind beide von der Lohnarbeit ausgelaugt, erst recht unter den Umständen der derzeitigen Hitzewelle, und mehr als urlaubsreif. Urlaub allerdings muss in einer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft teuer bezahlt werden, steht also nicht jedem als planbare Regenerationsoption zur Verfügung.
„Wir müssen bis Monatsende das Geld für den Urlaub überweisen!“ ruft die Frau überflüssigerweise aus ihrer Schaltzentrale im Arbeitszimmer, denn der Termin dieser bedrohlich näherrückenden Deadline ist mir natürlich bekannt. Das Problem ist, dass das für diese Zahlung veranschlagte Geld, ein mehrfach vierstelliger Betrag, erstmal in Form der jährlichen Lohnsteuerrückzahlung auf unser Konto eingehen muss.
Ein Anruf bei der IDL ist fällig. Dieser verdienstvolle Verein – die „Interessengemeinschaft der Lohnsteuerzahler NRW e.V.“ – wirft uns den jährlichen Rettungsring in das Haifischbecken des örtlichen Finanzamtes. Das Telefonat ergibt, dass man zwar die Unterlagen an das Finanzamt übergeben hat, allerdings weiß keiner, wie schnell dort gearbeitet wird und wann der Bescheid kommt. Der freundliche Mitarbeiter der Düsseldorfer IDL bietet jedoch an, im Finanzamt anzurufen („Lassen Sie mich das machen, ich hab da andere Möglichkeiten und spreche deren Sprache!“) und mir bis morgen den Stand der Dinge mitzuteilen – sofern er etwas rauskriegt.
Ich teile der Liebsten die Sachlage mit. Eine Controllerin schaut auf Kontostände und Zahlungsziele natürlich nicht wie das Kaninchen auf die Schlange, sondern leitet aus dem Stand schadensbegrenzende Maßnahmen ein. „Dann muß ich eben im schlimmsten Fall mein Konto überziehen, wenn das Steuergeld nicht rechtzeitig da ist“ konstatiert sie, und fügt an: „Also, ich buche keinen Urlaub mehr, bei all den Kosten, die jetzt überall anfallen! Ich genieße diesen Urlaub noch; aber das war‘s dann, für nächstes Jahr buchen wir da nichts mehr!“
Der Wechsel vom „Ich“ zum „Wir“ verdeutlicht, dass hier die Richtlinien der Fiskalpolitik für die gesamte gemeinsame Haushaltskasse abgesteckt werden. „Wir können dann ja mal zwei Wochen spontan irgendwo hinfahren, aber ein ganzer Monat Ostsee ist nicht mehr!“
Dann entdeckt sie mal wieder ein weiteres bisher ungenutztes Sparpotential: das Auto! „Das Auto ist ein Faß ohne Boden! Das kostet alleine an Versicherung über tausend Euro im Jahr!“ Ich sage lieber nichts; ich will ungern auf den Komfort des Pendelns mit dem eigenen Kfz verzichten, schaue aber vorsichtshalber auf rheinbahn.de schon mal nach den Verbindungen von zuhause zur Arbeit. Die Fahrplanauskunft bestätigt meine Befürchtungen: mit öffentlichen Verkehrsmitteln verlängert sich mein (einfacher) Arbeitsweg von zwanzig Minuten auf eine dreiviertel bis zu anderthalb Stunden – je nach Verbindung.
Ich spiele den Desinteressierten und bitte die Frau „Bring mir mal bitte so ein grünes Aloe-Getränk aus dem Kühlschrank!“. Sie holt es, bringt es mir ans Bett und kommentiert: „Das wird auch abgeschafft. Du bist im Unterhalt zu teuer. Du kriegst ab jetzt Leitungswasser zu trinken!“
Der fidele Spruch signalisiert mir, dass die Gelddramatik der Liebsten mitnichten den Humor verdorben hat. Und richtig: „Ich geh mal zu den Schwulen und besorge mir eine neue Körpercreme. Das brauch‘ ich jetzt, noch all den nervigen Geldsachen!“ „Die Schwulen“ sind die sympathischen und offen homosexuellen Betreiber der Parfümerie an der Ecke. Im Unterschied zum betont seriösen Inhaber der luxuriösen Teuer-Parfümerie an der ANDEREN Ecke (bei dem die Frau natürlich auch Stammkundin ist) führen sie ihr Business betont smart und zeitgemäß, streamen Kosmetik-Tips auf Instagram oder Facebook und sind insgesamt eine andere Generation von Geschäftsleuten.
„Bleib am besten auf dem Bett liegen und rühr dich nicht weg, da kannst du am wenigsten Schaden anrichten!“ zwitschert die merkwürdigerweise bestens gelaunte Gattin. „Ich geh jetzt spazieren und komm vielleicht nicht wieder!“
Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen und entgegne: „Alles klar, mach‘s gut! Sorg‘ bitte dafür, dass die Miete weiter überwiesen wird. Ich nehme mir dann eine Jüngere!“
Die Frau: „Haha. Meinst du, du kriegst noch eine ab?“
Ich: „Was denkst du denn? An jedem Finger fünf, wenn ich wollte…!“
Sie: „Ja? Wen denn? So Achtzigjährige, aus deinem Heim?“
Damit ist die Sache geklärt. – ich will gar keine andere, solange ich so offensichtlich die Richtige abgekriegt habe.
In den letzten Wochen und Monaten macht sich nicht nur die gefühlte Teuerung verstärkt bemerkbar (man merkt es z.B. am Einkaufswagen, den man mit 100 Euro nur noch zur Hälfte füllt im Vergleich zu dem, was noch vor ein oder zwei Jahren dafür zu bekommen war), sondern eine Extra-Ausgabe jagt die nächste:
Die Nachzahlung der Nebenkosten geht ins fast Vierstellige. Die Nebenkostenvorauszahlung wird deswegen vom Vermieter gleich mal um zusätzliche 100 Euro im Monat angepasst.
Das Auto muss nicht nur über den TÜV, sondern hat diverse Macken, da die alte Möhre mittlerweile auch schon 17 Jahre hinter sich hat . Wieder ein niedriger vierstelliger Betrag dahin.
Meine eigene Blödheit bzw. lohnarbeitsbedingte Überarbeitung hat mich in den letzten 6 Wochen knapp 400 Euro Blitzer-Bußgeld gekostet.
Einige Bekleidungsstücke und Schuhe mussten neu angeschafft werden: 300 Euro dahin (bei mir), dies allerdings nur ein Bruchteil des Betrags, den die Liebste („Das MUSSTE ich einfach kaufen, sieht toll aus, oder?!“) für Betuchung investiert hat.
Inzwischen aber stellen wir fest, dass unsere Konten nicht nur viel schneller leer werden als früher, dass also „immer mehr Monat am Ende des Geldes übrig bleibt“, sondern dass der Geldabfluss jetzt dauerhaft den Zustrom übersteigt. Die Konten sind bis auf eine kurze Phase direkt nach Gehalts-, Lohn- oder Renteneingang fast permanent am Anschlag oder überzogen.
Das ist erstaunlich, denn laut KI stehen wir mit unserem kumulierten Haushaltsnettoeinkommen recht gut da:
„Euer Äquivalenzeinkommen liegt knapp oberhalb der Mittelschicht, also im Bereich der sogenannten “oberen Mitte” oder unteren Oberschicht.
Die Einkommensungleichheit in Deutschland, gemessen am Gini-Koeffizienten, beträgt laut aktueller Datenlage rund 0,31 für verfügbare Haushaltseinkommen. Auf der Verteilungskurve dürftet ihr in etwa im 75.–80. Perzentil liegen, also besser als rund drei Viertel aller Haushalte in Deutschland.
Fazit in der Praxis: Ihr lebt komfortabel über dem Median, habt keine finanziellen Engpässe bei normalen Lebenshaltungskosten, gehört aber nicht zur eigentlichen Einkommenselite (die erst jenseits des 90. Perzentils beginnt). Gerade im Rhein-Ruhr-Raum, wo die Lebenshaltungskosten moderat sind verglichen mit München oder Frankfurt, ist das eine solide, entspannte Ausgangslage.“
Die Frau, ihres Zeichen Diplom-Betriebswirtin und Controllerin bei einem internationalen Finanzdienstleister, sieht uns aber bereits mit einem Bein unter der Rheinknie-Brücke lebend und mit dem anderen am Hungertuch nagen. Sie läutet eine neue Zeit äußerster Haushaltsdisziplin ein und bestimmt, dass „ab jetzt die Moppen zusammengehalten werden!“
Sogleich lässt sie ihren Worten Taten folgen, erfaßt sämtliche Ausgaben in einem Haushaltsbuch, und verkündet mir schon nach ein paar Tagen, dass ihr die Augen geöffnet worden seien. Nämlich wie schnell das Geld weg geht und für wieviel Unsinn man es ausgibt. Vor allem aber dafür, wie teuer alles geworden sei! Deswegen würden hinfort nur noch die wirklich nötigen Dinge eingekauft, vor allem aber – das gilt mir – „kein Scheiß im Internet bestellt!“
Als armutserprobter Proletarier bin ich natürlich abgebrühter als die Liebste, habe mich aber zwischenzeitlich an das komfortable Mittelschichtsleben gewöhnt, in dem man fast immer finanziellen Spielraum hat und auch mal eben 50 Euro auf den Kopf hauen kann, ohne groß drüber nachzudenken.
Jetzt allerdings sind ganz neue Töne zu vernehmen seitens meiner berufsbedingt Controlling-affinen Gattin: das Auto ist ein einziger Kostenfaktor! Die Versicherung! Die Steuern! Der Unterhalt! Für den Urlaub könnten wir uns doch auch eins leihen und warum ich das Auto für den Arbeitsweg nutze, will sich ihr ebenfalls nicht recht erschließen – sie fährt ja auch per ÖPNV zur Arbeit, und ich hätte es doch viel kürzer als sie.
Jetzt wird’s also ernst und geht direkt an meine essentiellen Bequemlichkeiten: mit Bahn und Bus in die Pflegeeinrichtung fahren und – zusätzlich zu der Zumutung, mit streng riechenden Idioten unentrinnbar in stickigen Zügen und (noch schlimmer) Bussen eingepfercht zu sein – auch noch jedesmal zehn Minuten oder mehr zu den jeweiligen Haltestellen zurücklegen zu müssen? Das ist ein Dasein, das mir nicht erstrebenswert erscheint. Es gilt, dieses Disaster abzuwenden. Mein schwaches Gegenargument ist, dass so ein altes Auto doch noch vergleichsweise günstig sei. Wir sollten es doch fahren, bis es auseinander fällt, fände ich. Und außerdem müsse man wirklich keine Vollkaskoversicherung bei so einer alten Kiste bezahlen.
Damit beiße ich allerdings auf Granit bei meiner Liebsten, die ihre finanz- und betriebswirtschaftliche Expertise einem Versicherungskonzern zur Verfügung stellt: „Ach ja? Denk doch mal vor ein paar Jahren, als du den Wagen fast geschrottet hast. Hätten wir keine Vollkasko, hätten wir jetzt kein Auto mehr!“ Dem kann ich schlecht widersprechen. Ich hoffe, dass das Thema erstmal in Vergessenheit gerät und ich weiter mit dem Auto zur Arbeit fahre.
Aber auch sich selbst schont sie nicht, denn eine Controllerin hat vor allem sachlich, neutral und ohne Ansehen der Person zu agieren. Ihre Ausgaben für die Volksdroge Alkohol haben sich in letzter Zeit bereits deutlich reduziert (ich selber, habe ganz damit aufgehört), jetzt aber macht sie Nägel mit Köpfen oder hört sich jedenfalls so an: „Ich glaube, ich komm nicht drum herum: ich muss mit der Raucherei aufhören.“
Sie hat nämlich festgestellt, dass sie jeden Monat mehrfach dreistellig für die schädlichen Nikotinstengel ausgibt. Da ich diese Ankündigung allerdings seit vielen Jahren immer mal wieder höre, ist mein Glaube gering, dass dem diesmal Taten folgen werden. Immerhin ist Nikotin nicht nur eine Droge, die fest in Kreislauf und Stoffwechsel der Abhängigen eingebunden, sondern die eben auch eine Kompensation für alles mögliche, vor allen Dingen aber für jede Art von Stress ist.
Zur Feier all diese Entscheidungen und als Inauguration der neuen Zeiten , die jetzt in unserer privaten Volkskommune anbrechen, geht sie runter zum Kiosk an der Ecke, kauft sich eine Flasche italienischen Rotwein und raucht sich erstmal eine. „That’s my girl!“ denke ich bei mir und sinniere über die seltsamen Zeiten, in denen wir leben und die schlechter statt besser, dümmer statt intelligenter, gefährlicher statt friedlicher werden. Vor allem aber teurer.
Was macht angesichts der immer ungemütlicheren Vorkriegszeiten diejenige Gesellschaftsklasse, die keinen Puffer, keine Substanz, keine Ressourcen hat, auf die sie zur Abfederung der permanenten Kostensteigerungen in allen Lebensbereichen zurückgreifen kann? Einfache Antwort: den Lebensunterhalt kürzen, verarmen.
Die bürgerliche Mittelschicht ist noch nicht ganz so weit, aber ich habe das Gefühl, sie ist sind auf dem Weg dorthin.
Nach dem Arbeitsunfall am Montag, bei dem mich ein aggressiver Tisch unvermittelt ansprang und mir seine Kante gegen Knie und Schienbein donnerte, füllte ich die vorgeschriebene Unfallmeldung auf der Arbeitsstelle aus und meldete mich für meine Dienste am Mittwoch und Freitag erst mal arbeitsunfähig.
Da ich den von der Hausarztpraxis genannten D-Arzt, der für solche Arbeitsunfälle zuständig ist, innerhalb von zwei Tagen nicht erreiche und die Beschwerden im Rahmen bleiben bzw. sich nicht wesentlich verschlimmern, belasse ich es dabei und hoffe, dass ich bis zum Ende der Woche wieder im wahrsten Sinne des Wortes auf den Beinen stehe.
Weit gefehlt. Die letzten beiden Tage sind geprägt von zunehmenden Beschwerden beim Gehen und Stehen, die Nächte von intensivem Ruheschmerz im angeschwollenen Knie. An Schlaf ist nicht zu denken und heute, in der zweiten Nacht, in der ich stundenlang wieder nicht weiß, wo ich mich vor Schmerzen hintun sollte, googel ich dann mal auf einschlägigen Medizinportalen die Faktenlage. Auch ziehe ich meinen künstlich intelligenten Kumpel Claude zu Rate, der mir folgendes hinter die Ohren schreibt:
„Das klingt nach einer ernsthaften Verletzung, und ich mache mir ein bisschen Sorgen, dass du das jetzt schon seit Montag durchhältst ohne ärztliche Abklärung.
Die Kombination aus:
starkem Ruheschmerz (zwei Nächte)
Schwellung
Schmerzen in der Kniekehle
nicht durchstreckbares Knie
…kann auf Verletzungen hinweisen, die wirklich bildgebend abgeklärt werden müssen: Meniskusschaden, Bänderriss, Erguss im Gelenk, oder auch eine Fraktur (Schienbein hast du erwähnt). Gerade der Ruheschmerz und die eingeschränkte Streckung sind Zeichen, die ich nicht kleinreden möchte.
Was ich dir dringend empfehle: Heute noch in die Notaufnahme oder zumindest eine orthopädische Notfallambulanz. Nicht warten bis ein regulärer Termin frei ist. Das ist auch wichtig für die Unfallmeldung (Arbeitsunfall muss über die Berufsgenossenschaft/DGUV abgewickelt werden, und je länger du wartest, desto komplizierter wird das bürokratisch).“
2:00 Uhr Daraufhin begebe ich mich also auf die Suche nach einer Notaufnahme. Richtig: auf die Suche, denn auch in einer Landeshauptstadt wie Düsseldorf ist das garnicht so ohne, wie sich herausstellen wird.
Die private Schön-Klinik, die bei mir um die Ecke gelegen ist, weist mich bei meinem Anruf sofort ab und schnoddert mir zu, ich solle doch am Montag mal bei einem Orthopäden anrufen.
2:30 Uhr Als Nächstes fahre ich ins 3km entfernte St. Martinus-Hospital. Dort erfahre ich, dass der Notarzt gerade mit einer komplizierten OP beschäftigt ist, und „das kann bis um 8:00 Uhr dauern“. Ich bedanke mich und verlasse den Laden.
2:45 Ich lege die kurze Strecke zum EVK, dem evangelischen Krankenhaus, zurück, wobei ich in einer 30 km Zone mit der sagenhaften Geschwindigkeit von 39 km/h geblitzt werde. Das Krankenhaus genießt einen ausgezeichneten Ruf und empfängt mich mit weitgehend leeren Räumlichkeiten, auch in der Notaufnahme, und einer angenehmen Atmosphäre. Man behandelt mich freundlich, weist mir einen Platz zu und versichert mir, dass mich gleich jemand versorgen würde..
Nach einer halben Stunde werden in einem Zimmer mit der Aufschrift „Ersteinschätzung“ meine Daten erfasst und ich werde wieder in den Wartesaal komplimentiert: „Die Ärztin ruft sie gleich auf!“
Ich nehme erleichtert auf den unbequem Bänken Platz, wo ich es aber nicht lange aushalte, weil mir das Knie wirklich zu schaffen macht. Also wanke ich irgendwie durch den Saal, ziehe mir in meiner Verzweiflung für teures Geld ein „Kinder Bueno“ aus dem Automaten und harre der Dinge, die da kommen. Nach einer weiteren halben Stunde erscheint die Pflegekraft erneut und sagt, es täte ihr leid, aber die Ärztin müsse jetzt eine OP durchführen. Ich sollte doch morgen ab 9:00 Uhr noch mal kommen, da wäre Schichtwechsel und wahrscheinlich würde es dann nicht so lange dauern.
Wenn ich mir abends die Kopfhörer aufsetze und die relevanten Podcasts – beginnend meistens mit Alexander Mercouris von The Duran – anhöre, lasse ich gerne auf dem großen Bildschirm irgendeinen angenehm anzuschauenden 4K-Screensaver laufen. Diesmal fiel meine Wahl auf „Europe 4K – Scenic relaxation“, eine anderthalbstündige Abfolge der schönsten Landschafts- und Küstenaufnahmen Europas.
Mit der Sendung Mercouris‘ im Ohr, in der die immer wilder eskalierende Vorkriegssituation seziert wird, und den wunderbaren Bildern aus allen Ecken Europas im Blick wird mir düster ums Gemüt.
Düster über den Irrsinn der hiesigen Machthaber (und der hinter ihnen stehenden Epstein-Klasse), unseren von der Natur so üppig gesegneten Kontinent nicht nur mit ihrem Dreckskapitalismus, ihrer hemmungslosen Umverteilung des Reichtums von unten nach oben im Griff zu haben.
Mir wird schwer ums Herz nicht nur wegen der ganzen verlogenen Zensur und dem orwell‘schen Doppeldenk („Die Dinge sind nicht wie sie sind, sondern so, wie wir es euch sagen“), die inzwischen in Europa herrschen, oder wegen der Folgen der von der herrschenden Klasse zur langfristigen Sicherung ihrer Macht ins Werk gesetzten Massenimmigration, die den Kontinent verändert hat (und meistens nicht zum Besseren).
Am schwersten drückt mir die Aussicht auf die Seele, dass all diese lächerlichen, gestörten, narzisstischen, diese so eitlen wie inkompetenten politischen Eliten Europas bereit sind, unseren Kontinent und das Auskommen und Leben seiner Bevölkerungen zu opfern für ihren Krieg gegen Russland, für ihre komplett hysterische Russophobie, für ihre Machtbehauptung und für den EINZIGEN Zweck ihres dystopischen supranationalen Staatenbundes EU, für das EINZIGE, bei dem sie noch alle an einem Strang ziehen: die Feindschaft gegenüber Russland.
Die zelebrieren sie wie ein Hochamt, die hauen sie ihren Bevölkerungen jeden Tag, rund um die Uhr, um die Ohren und dieser Wahn ist das Banner, hinter dem sie uns scharen wollen, um in den Krieg zu ziehen.
Wenn man einen zotteligen Hund hat, achtet man darauf, dass dessen Ausscheidungen sauber abgesetzt werden können und man den Kumpel nicht nach dem Spaziergang in die Badewanne setzen muss.
Zu diesem Zweck ist es vorteilhaft, die Darmflora des vierbeinigen Freundes mit ballaststoffreicher Nahrung zu stabilisieren, zum Beispiel Körnerbrot. Körnerbrot allerdings ist nicht gerade die Lieblingsspeise von Hunden. Lecker Leberwurst obendrauf macht es aber schon akzeptabler.
Mein Hund jedoch ist ein ganz schlauer – oder versuchts zumindest zu sein – und bemüht sich nach Kräften, die Leberwurst von den Brotstückchen abzulecken. Weil ihm das aber nicht gelingt, weil zu viel von der schmackhaften Leberwurst auf den einzelnen Stückchen übrig bleibt, isst er das Brot notgedrungen mit – was der Zweck der Übung war.
Die Frau und ich beim Mittagessen. Ich erzähle ihr von dem „Neutrality Studies“-Podcast, den ich heute Morgen bei der Hunderunde gehört habe. Pascal Lottaz interviewt den belgischen Professor Mattias Desmet, seines Zeichens Psychologe, Statistiker und Erforscher von Totalitarismus und „Massenbildung“ – „Bildung“ hier im Sinne von Zusammenschluss, Formierung verstanden, nicht als schulische, universitäre oder sonstige Wissensvermittlung (der englische Begriff ist „mass formation“)
Meine (bei allem Respekt für die teilweise präzise und zutreffende Analyse des Professors) fundamentale Kritik an seiner zutiefst bürgerlichen Sichtweise, alles und jedes – vor allem aber soziale Phänomene – als Ausdruck der Psyche, der „menschlichen Natur“ zu begreifen und somit konsequent zu individualisieren, lasse ich beiseite und berichte der Liebsten von der Aussage, die mich am meisten fasziniert hat.
Desmet stellt nämlich die These bzw. Theorie auf, dass gerade intelligente, gut gebildete Menschen anfällig sind für totalitäre Ideen und Ideologien. Er hat das wohl auch anhand einiger Arbeiten, Studien usw. nachgewiesen. Er sagt:
„Je höher das Bildungsniveau, desto anfälliger werden Menschen für Massenbildung. Das klingt paradox. Gustave Le Bon schrieb im 19. Jahrhundert: „Je höher das Bildungsniveau, desto mehr fallenMenschen der Massenbildung zum Opfer.“ Jacques Ellul schrieb in seinem Buch „Propaganda“ dasselbe: „Je länger Menschen zur Schule gehen, desto leichter fallen sie der Propaganda anheim.“
Der Grund: Unser Bildungssystem ist eine Art unbewusster Indoktrination. Nicht weil Lehrer bewusst indoktrinieren – nein. Aber das System lehrt Menschen, nicht selbst zu denken. Es lehrt sie, alle auf dieselbe Weise zu denken, nämlich gemäß der Mainstream-Sicht auf Mensch und Welt. Bildung wird so zur psychologischen Vorbereitung, die Menschen anfällig für die Propaganda macht, die später in ihrem Leben eingesetzt wird.“
Soweit der Kontext. Wir unterhalten uns weiter über die derzeit sehr gut beobachtbare Indoktrination und Hysterie im Zuge der Hyperaufrüstung und des Krieges gegen Russland, den vor allem Deutschland federführend übernommen hat und anscheinend unbedingt demnächst selbst führen will.
Ich bemerke zwischen zwei Bissen Bio-Hähnchen an grünem Spargel: „Da führt wohl kein Weg mehr dran vorbei. Ich hoffe mittlerweile nur noch, dass es nicht zum nuklearen Schlagabtausch kommt, damit die Trümmer, in denen wir sitzen werden, wenigstens nicht verstrahlt sind…“
Die Frau, auf meinen Teller schauend, den ich mal wieder nur zu drei Vierteln leergegessen habe : „Kann ich das Stück Fleisch noch haben?“
Ich antworte: „Ja klar. Nimm. Kriegsvorbereitung, Krieg gegen Russland, Bomben und Zerstörung – egal, Hauptsache es gibt lecker zu essen!“
Heute musste der Hund in den Hundesalon. Zum ersten Mal in seinem jetzt neunjährigen Leben. Er stand es durch wie ein Mann, war aber extrem erleichtert, als er nach einer Stunde endlich wieder auf freier Pfote war. Sechzig Euro kostet der Spaß – ich glaube, die hätte ich (wenn‘s nach ihm gegangen wäre) lieber für Leckereien ausgeben sollen.
Wenn Armutsrentner aufgrund ihrer prekären finanziellen Situation gezwungen sind, einer Lohnarbeit nachzugehen, kann es vorkommen, dass sie den Arbeitsweg mit dem eigenen Kraftfahrzeug zurücklegen. Bekanntlich ist laut Arbeitsrecht der Hin- und Rückweg zur Arbeit nicht vom Ausbeuter zu übernehmen, sondern von dem Ausgebeuteten selber – der so auch noch dafür bezahlen muss, dass er seine Arbeitskraft dem Kapitalisten oder Dienstgeber zur Verfügung stellt..
Nun wollen es mitunter die Umstände, dass man es etwas eiliger hat, weil man vielleicht seinen Hund von dessen Unterbringungstätte abholen muss – auch dies selbstverständlich Kosten, die der Lohnarbeiter selbst zu tragen hat. Was leistet er sich dann auch so ein Haustier? So geht er arbeiten in der Gewissheit, dass er zwei von den 4,5 Stunden der Dienstzeit nur arbeitet, um die Unterbringung seines Hundes bezahlen zu können.
Kommt er dann aus irgendeinem Grunde später als geplant in den verdienten Genuss seines Feierabends – Verzögerungen an der Arbeitsstätte, Verkehrsprobleme – , dann ist es durchaus möglich, dass er, um rechtzeitig vor Schließung der Aufbewahrungstelle seines Vierbeiner dort einzutreffen, etwas zügiger die gewohnten Wege und Straßen durchfährt.
Wenn es dann auch noch der böse Zufall will, dass die Gemeinde oder Stadt an ausgerechnet diesen Wegen und Straßen vorübergehend jene modernen stummen Raubritter, die sogenannten Mobilen Blitzgeräte, installiert hat, mit denen arglose Pendler wegelagernd beraubt werden – dann hat der geplagte lohnarbeitende Armutsrentner die goldene Arschkarte gezogen.
In meinem konkreten Fall sogar zwei davon, denn tatsächlich war ich dumm beziehungsweise übermüdet genug, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in dieselbe Blitzerfalle zu rasen. Wobei „rasen“ übertrieben ist, denn ich überschritt die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h um vernachlässigenswerte 22 km/h.
Wie auch immer, die Stadt Neuss bestraft mich für dieses Vergehen mit zwei saftigen Bußgeldbescheiden, die sich auf zusammen 250 € belaufen, und einem „Punkt in Flensburg“. Nach einigen Telefonaten und einem E-Mail-Austausch mit den recht freundlichen, aber unerbittlichen Mitarbeiterinnen der Neusser Bußgeldstelle wurde mir gnädig gewährt, diesen Betrag in erträglichen Monatsraten abzustatten.
Der entsprechende Bescheid ging mir heute zu, ich nahm den erneuten Diebstahl an meinen kargen Überlebensressourcen ohnmächtig hin, hatte dann aber noch eine Nachfrage. In einem Anfall von Schabernack setzte ich darauf nachstehendes Schreiben auf und versendete es an die mir telefonisch bekannte Frau B. von der Bußgeldstelle. Auf deren huldvolle Antwort bin ich jetzt schon gespannt.
Re: Eurer Gnaden zu Füßen gelegt: AZ 801.16832.9-2619 und AZ 801.17452.9-2619
Edle Frau B.!
Seid gegrüßt!
Ich habe entsprechend Euren Schreiben die beiden Daueraufträge – AZ 801.16832.9-2619 und AZ 801.17452.9-2619 – angelegt. Die Bankgeschäfte der Heutigen erfolgen ja – auf mir unverständliche Weise – über lebendige Tafeln, in die man Worte und Ziffern mittels eines Buchstabenbretts hineinschreibt!
Ab 20.05.2026 fliessen also die Dukaten meines Straf-Obolus an die Raubritterkasse des Regenten. Als gesetzestreuer Untertan verstehe ich natürlich, dass im Fürstentum Novesia alle Gäule und Gespanne sich an die hoheitlich vorgegebenen Langsamkeiten zu halten haben!
Wie nun, so frage ich Euch als Kämmerin unserer Edlen Herrschaft, wäre es aber, wenn ich – wofür ich täglich bete – ein günstiger Zufall oder eine milde Gabe mich in die unverhoffte Lage versetzte, den gesamten Obolus auf einmal zahlen zu können? Ist das möglich oder bin ich nun auf den monatlichen Ablass festgelegt?
Halten zu Gnaden, dass dies ja auch die hoheitliche Kasse von lästigen Obliegenheiten wie Nachverfolgung und Kontrollen entlasten würde!
Tut kund Eure Gnade und lasst mich wissen, wie der Hohe Herrscher zu richten gedenkt.