Geschichten, die das Leben schrieb: Sie wissen es alle und trotzdem hat keiner eine Ahnung 

Heute früh in der Schlange beim Metzger.

Eine sehr rüstige, sehr elegant gekleidete alte Dame sagt, als ich mich neben sie stelle, mit einem Seufzer: „Da stehen wir schon wieder in der Schlange…“

Ich: „Ja, aber nicht wegen Mangel, sondern wegen Überfluss!“

Ich kann mir nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Wer weiß, wie lange noch?“

Sie schaut mich kurz an, um einzuschätzen, mit wem sie es hier zu tun hat, ordnet mich offensichtlich unter die Kategorie „Zurechnungsfähiger Mitbürger“ ein und sagt, erneut tief seufzend: „Ja, man kann nur hoffen, dass möglichst alles irgendwie so bleibt, wie‘s ist…“

„Das glauben Sie doch nicht wirklich, oder?“ entgegne ich ihr.

Jetzt nimmt sie mich genauer in Augenschein, guckt mir in die Augen und sagt: „Nein.“  Sie ergänzt: „Ich sag mir immer, ich bin nur froh, dass ich so alt geworden bin. Das was jetzt kommt, möchte ich nicht erleben müssen.“

Dem kann ich mich natürlich anschließen, auch wenn ich etwa zehn Jahre jünger bin als die alte Dame. Wir plaudern noch ein bisschen über die kommenden harte Zeiten und das Elend einer verrückt gewordenen Welt, bis wir an der Reihe sind und uns endlich wieder nahe liegenden und praktischen Dingen des Lebens widmen können, wie dem Einkauf das Hackfleisches und der Auswahl des Aufschnitts.

Ich verlasse den Laden mit der Bestätigung meines Eindrucks, dass die Leute ziemlich genau wissen, was los ist. Nur haben sie – wenn überhaupt – lauter falsche Erklärungen dafür.

Philosophisch-medizinische Betrachtung II: Krankheit und Ehe

Ringsherum ist jetzt der Lenz da, 
in mir drin die Influenza.
Alles tut mir weh,
vom Kopf bis in den Zeh.

Ganz oben, wo der Denkbereich,
erscheint es mir besonders weich:
dort wabert dumpfer grauer Nöbel –  
Großer Gott, was ist mir öbel!

Das Delirium wird schlimmer.
Plötzlich steht die Frau im Zimmer:
„Ich sag es dir nicht erst seit heute:
Du bist für Viren leichte Beute,

Weil du nichts isst und kaum was wiegst – 
Kein Wunder, dass du jetzt hier liegst!
Jetzt hör gefälligst auf zu flennen,
Männergrippe ist für Memmen!
Nimm mal zwei Ibuprofen,
der Hund muss gleich nach draußen gehen!“

Kann ich meinen Ohren trauen?
Aber ja, so sind die Frauen:
Mit dem Gatten geht‘s zuende – 
sie freut sich auf die Witwenrente.

Geschichten die das Leben schrieb: Alle tanzen munter in den Faschismus hinein, alle wollen auf Kreuzfahrt

Als Fernsehfeind komme ich nur selten in die Verlegenheit, die serielle Verdummung der Bevölkerung durch Propaganda, Ablenkung, Betäubung und Konsumaufforderungen mitzubekommen, aus denen das Zeug besteht, das aus den Flachbildaltaren in deutschen Wohnzimmern quillt. Wenn ich jedoch gelegentlich eine Lampe anschalten, einen Vorhang oder ein Fenster öffnen bzw. schließen will, kann es vorkommen, dass ich mich in die von meiner Liebsten dominierte Fernsehzone begebe. Dann kann es passieren, dass ich im Vorübergehen die stummen Bewegtbilder mitbekomme, die auf dem Fernsehschirm zu sehen sind. Stumm, weil die Gattin aus Rücksicht auf mich Kopfhörer benutzt, wenn sie sich der rituellen Berieselung durch staatlich gelenkte und Konzernmedien hingibt.

Heute ist wieder so ein Moment. Im ZDF läuft gerade irgendein Werbeblock zwischen zwei vorabendlichen Unfugssendungen. Aus dem Augenwinkel kriege ich zehn oder fünfzehn Sekunden mit. Es handelt sich offensichtlich um Werbung für einen Kreuzfahrtangebot namens „Bella Vita“.

Gezeigt wird ein hochhausgroßes Kreuzfahrtschiff, das in einer idyllischen Küstenlandschaft – vermutlich Mittelmeer – unterwegs ist und in den Sonnenauf- oder untergang hinein fährt. Romantische Berge, spiegelglattes Meer, bestes Wetter, die ganze Idylle eines sorgenfreien Lebens wird in einem einzigen Kameraschwenk eingefangen.

Nun kommt das Oberdeck ins Bild, wo einige Leute an großzügig verteilten Tischen sitzen. Die Kamera zoomt näher heran und zeigt uns ein junges Paar, wie die anderen abgebildeten Passagiere in ihren frühen Dreißigern, luftig und elegant in abgestimmt dezente Farbtöne gekleidet, angenehm anzuschauen und unglaublich guter Dinge.

Es handelt sich um ein oder zwei Handvoll Personen, die auf diesem Oberdeck, in der milden Luft eines sommerlichen Morgens oder frühen Abends, bei einer Tasse Kaffee oder Wein das gepflegte Nichtstun genießen. Man wundert sich, wieso auf so einem riesigen Schiff, auf so einer großen Fläche nur zehn oder zwölf Leute zu sehen sind. Die gesamte Szenerie erinnert eher an das Deck einer Luxusyacht, die ihre vermögenden Passagiere zwischen zwei Galas von A nach B bringt, als an ein Angebot für die Massen.

Die Protagonisten selber sind durchweg gut aussehend, mit dem Erscheinungsbild der seltsamen werbetypischen Mischung aus Durchschnittlichkeit und Attraktivität. Auch der Kellner, der hinzukommt, um den Passagieren zu servieren, ist aus der selben Altersgruppe, ein gut aussehender Bursche, der sich anscheinend unbändig freut, dass er diesen tollen Job ergattert hat und nun seinesgleichen zuvorkommend und mit eleganter Leichtigkeit zu Diensten sein darf.

Alle scheinen diese Kreuzfahrt, diese Szenerie und diesen Moment aufs Äußerste zu genießen. Man merkt das daran, dass sie alle von einem offenbar kaum aushaltbaren tiefen Glück erfüllt sind: sie strahlen unablässig um die Wette, werfen den Kopf zurück, die Frauen schütteln das gut gepflegte, wallende Haupthaar, jeder zeigt bei fröhlichem Lachen die perfekten Zähne, und durch die Bank sind alle dermaßen gut drauf, dass man sich als Zuschauer im Grunde gezwungen fühlt, sofort bei diesem Anbieter anzurufen und eine ähnliche Kreuzfahrt zu buchen. 

Ob die werbepsychologischen Feldstudien der Marktforscher und Marketingexperten diesem Unternehmen nahelegten, dass genau solche Bilder und Aufnahmen das Unterbewußte, die Sehnsüchte, die Wünsche der Zielgruppen ansprechen und bedienen? Alles, was ich in den wenigen Sekunden, die ich von dem Werbeclip mitbekommen habe, sehen konnte, war extrem professionell gemacht, alles entsprach den Glanzbildern aus Urlaubsprospekten, alles hatte den überall propagierten und absolut verlogenen Zuckerguß jener dümmlichen Oberflächlichkeit, die Geld für Glück und Dauergrinsen für Freude hält.

Es mag sein, das das, was in mir Brechreiz auslöst, bei anderen Leuten den Kaufimpuls bewirkt, den sich die werbetreibenden Unternehmen davon versprechen. Schließlich lautet eines der ältesten Paradigmen der Werbebranche: Wenn du ein Produkt oder eine Dienstleistung verkaufen willst, bewerbe nicht das Produkt oder die Dienstleistung, sondern appelliere an das Unterbewusstsein, sprich die Wünsche und Träume der Leute an.

Funktioniert das noch in einer Zeit des Niedergangs, des knapperen Geldes, des immer ungemütlicheren Lebens in der Vorkriegszeit? Vielleicht da erst recht. 

Die flüchtige Betrachtung solcher Werbefilmchen (und der genauere Blick auf das westliche Imperium in seinem hoffentlich finalen Stadium) versetzt mich in einen Zustand verwunderter Hoffnungslosigkeit. Nein, es vertieft diesen Zustand nur, der ja wie ein Hintergrundrauschen dieser Ära ist. Alle tanzen munter in den Faschismus hinein, alle wollen wenigstens ein Zipfelchen vom guten Leben mitkriegen, alle fordern ihr gutes Recht ein, sich umfassend verdummen und verarschen zu lassen. 

Geschichten die das Leben schrieb: Mein Hund auf CBD

Mein Hund musste heute zum Check-Up zum Tierarzt. Die Höchststrafe für ihn. Er lässt zwar brav alles über sich ergehen, führt sich aber auf, als wenn man ihn direkt zur Schlachtbank führen würde. Um seinen Stress ein bißchen zu mildern, bot ich ihm vorher einen CBD-Riegel an. Solche Dinger werden in den Futterläden als Beruhigungs-Snacks für Hunde verkauft, die von der Sylvesterknallerei gestresst sind.

Er war aber schon zu aufgeregt, um den Riegel zu essen, weil es zur ungewohnten Mittagszeit raus ging. Jedenfalls lief alles glatt, der Kamerad ist in Topform, und als wir wieder zuhause waren, ließ er sich dann endlich den Hanf-Riegel schmecken.

Was soll ich sagen: selten erschien mir der Kumpel so gechillt und gleichzeitig etwas fahrig wie auf der abendlichen Runde. Sein Radius blieb klein, dafür uferten die Untersuchungen von Markierungen anderer Hunde, Sandhaufen an Baustellen und dergleichen zu ausgiebigen Schnüffelorgien aus, die sich immer weiter in die Länge zogen und nach Abschluß direkt von neuem begonnen wurden.

Er wirkte, als sähe (bzw. rieche) er alles mit erweiterter Wahrnehmung und müsste erstmal die vielfältig intensivierten sensorischen Eindrücke verarbeiten.

Zu meiner Überraschung kam er noch 40 Minuten freiwillig mit nach Hause, während er sich sonst wie ein Löwe in die Leine wirft, um nicht die Treppenstufen zum Hauseingng mitkommen zu müssen.

Das Zeug kriegt er jetzt öfters.

Geschichten, die das Leben schrieb: ein mediales Selbstexperiment

Heute habe ich zum ersten Mal seit – gefühlt – Jahren die „Tagesthemen“ der ARD gesehen. Meine Liebste schaut sich diese oder vergleichbare „Nachrichtensendungen“ fast jeden Tag an, oft sogar mehrfach. Ich hatte seit einigen Tagen krankheitsbedingt nichts mehr essen können und verspürte heute erstmalig wieder ein bißchen Appetit, so dass ich mir ein trockenes Brot mit Olivenöl beträufelte und mich gesellig zur Frau aufs Sofa verfügen wollte.

Mit der Bemerkung „Mach mal laut, ich will auch mal ‚tagesthemen‘ gucken!“, setze ich mich zu ihr (sie guckt aus Rücksicht auf mich immer mit Kopfhörern Fernsehen). „Nee, ich mach nicht laut, dann muss ich mir deine Kommentare anhören!“ kriege ich zur Antwort. 

Dem hab ich wenig entgegenzusetzen, denn ob ich es schaffe, mir 30 Minuten die merkwürdige Mischung aus Heile Welt, Sportnachrichten, Wetterbericht und Kriegspropaganda anzusehen, die in solchen „Nachrichten“-Sendungen zusammengerührt wird, ist wirklich äußerst zweifelhaft. 

Weise und beziehungserfahren wie ich nun mal bin, trolle ich mich wieder aufs Bett und überlege, aus lauter Jux und Dollerei mir doch mal zu Gemüte zu führen, womit meine bei weitem bessere Hälfte sich Tag für Tag berieselt. Nach kurzem Nachdenken ist die Entscheidung gefallen: Ich werde es tun. Ich werde mir persönlich und eigenäugig, unter Missachtung aller Konventionen mentaler Hygiene und psychischer Balance, die „Tagesthemen“ anschauen!

Wie werde ich es verkraften? Wird ein solches Experiment meinen ohnehin angeschlagenen Gesundheitszustand nicht endgültig in lethale Bereiche versetzen? Ich bin risikofreudig genug um es dennoch zu versuchen, denn ich sage mir „Millionen von Menschen sehen sich das Zeug an und überstehen es auch irgendwie! Sei keine Memme und gib es dir! Augen auf und durch!!“

Gedacht, getan. Die ARD-App auf dem iPad hat einen „Live-TV“-Bereich, soeben hat die Sendung begonnen, ein Moderator namens Ingo Zappelphilipp oder so steht in einem grauen Anzug mit Hochwasserhosen vor einem gebogenen Riesenbildschirm und berichtet von einem Holocaust-Gedenken im Bundestag. Ich ahne Fürchterliches. Und richtig: Gezeigt wird die politische Elite der BRD, die Amtsträger und Abgeordneten, die in der Ukraine echten Faschisten zur Macht verholfen haben und deren Stellvertreterkrieg gegen Russland ausrüsten und finanzieren. Also die politische Klasse, die sich nicht daran stört, dass ukrainische Nazis mit SS- und Hakenkreuztattoos sich beim Russenmorden auf ihre historischen und ideologischen deutschen Vorbilder beziehen.

Die politischen Charaktermasken werden mit ernsten, schwerste Betroffenheit signalisierenden Gesichtsausdrücken gezeigt – und in Begleitung einer alten Dame, die als kleines Kind in einem deutschen Konzentrationslager war. Sie darf sogar im Bundestag sprechen und schildert das Grauen, dem die Insassen dieser Aufbewahrungs- und Vernichtungsstätten für Abweichler von der staatlich verordneten Ideologie ausgesetzt waren. 

So wie sie es schildert, hat es anscheinend nur Juden in den KZ gegeben und nur jüdische Menschen wurden dort getötet. Die Hunderttausende von Kommunisten, Sozialdemokraten, Humanisten, sowjetischen Soldaten und anderem unerwünschten Menschenmaterial werden nicht erwähnt. Natürlich erzählt die Frau nur über ihr eigenes persönliches Schicksal, und es ist kein historischer Vortrag von ihr zu erwarten. Ihre Rede dient aber der Bestätigung des erbärmlichen, verlogenen, offiziellen „Antifaschismus“ eines Staates, der nicht nur der direkte Nachfolger des faschistischen „Deutschen Reiches“ ist, sondern diesem unterhalb der direkten physischen Menschenvernichtung mittlerweile in einigen Bereichen zum Verwechseln ähnelt.

Vorrangig in Bezug auf den durch nichts mehr gebändigten Russenhaß, die hysterische Russophobie, die das Denken und Handeln der politischen Eliten bestimmt. Ebenso durch manche Aspekte der Repression, die staatlicherseits gegen abweichende Meinungen und Kritiker in Anschlag gebracht wird.

All dies habe ich im Hinterkopf, während ich mir das bizarre Schauspiel höchster politischer Heuchelei im Bundestag anschaue und frage mich: Glauben die sich selbst ihre so aufdringlich dargestellte Betroffenheit? Oder wissen die einfach, dass dies das Gesicht ist, das man zu machen hat, wenn mal wieder die Rede vom Holocaust ist? 

Der Fernsehbürger muss aus dieser Art Vergangenheitsbewältigung vor allem eins zum Thema Faschismus und Holocaust mitnehmen: da gab’s mal eine Vernichtung um der Vernichtung willen, ohne jeden staatlichen und politischen strategischen Willen dahinter. Es war unerklärlich und abgrundtief böse, weil der Mann mit dem Bärtchen an der Staatsspitze unerklärlich böse war. Dieses Böse lauert irgendwie immer, heute vor allem bei der AfD, aber wir haben es ein für allemal überwunden, weshalb es nie wieder vorkommen kann und darf.

Die Lebenslüge und die Ohnmacht des bürgerlichen Antifaschismus besteht ja vor allem da drin, dass kein Demokrat zugeben kann und darf, dass der Faschismus nur die härtere Variante seines geliebten Kapitalismus ist. Er möchte sich gerne in der Illusion wiegen können, dass die mildere Variante – die bürgerliche Demokratie – so etwas wie der Gegensatz zum Faschismus wäre.

Nach diesen Bericht aus dem Bundestag kommt unvermittelt und übergangslos, wie es nun mal die Art dieser Sendungen ist, ein Sportbericht über irgendeinen Handball-Wettbewerb. Es scheint eine Weltmeisterschaft zu sein, denn es geht weniger um Spielberichte, sondern um das sehr emotionale Anheizen nationaler Gefühle. Man soll sich als Zuschauer mit dem deutschen Team identifizieren, weshalb dieses ausführlich, sogar noch in seiner Umkleidekabine, in seiner Freude nach irgendeinem gewonnenen Spiel gezeigt wird. Die Milchgesichter des Handballteams werden „interviewt“ und geben den unwesentlichen Quatsch zum Besten, der von Sportlern nach solchen Spielen zu erwarten ist.

Dann folgen Bilder aus Sizilien, wo an der Südküste ein Erdrutsch über einige Kilometer mehrere Häuser in den Abgrund gerissen hat und die Leute zu tausenden ihre Wohnungen und Häuser verlassen mussten. Wir kriegen gezeigt, wie Maria und Fabrizio – ein älteres Ehepaar, dessen Haus direkt am Abgrund steht – in Begleitung der örtlichen Feuerwehr einiges an Zeug aus ihrem Häuschen in Sicherheit bringt. Solche Protagonisten als Sympathieträger dürfen anscheinend in keinem Bericht über Naturkatastrophen und dergleichen fehlen. Sie sollen wohl die Reportage menschlicher, nachvollziehbar und emotionaler machen. Ganz am Ende dieses Berichts erfährt man noch in einem Nebensatz, dass es unter den Bewohnern der Ortschaft zu Protesten kam, weil die Erdrutschgefahr seit Jahren bestanden hätte und jede Vorbereitung darauf oder Schutz dagegen von politischer Seite vernachlässigt worden sei. 

Und nun zum Wetter. Auch und selbst hier wird es sofort emotional und gefühlig. Der Moderator spricht von der weichen Schneedecke, die jeder lieben würde, weil sie selbst Innenstädte von urbanen Zentren zu magischen Orten machen würde usw.  Letztlich kriegt man dann aber doch einen einigermaßen akkuraten Wetterbericht.

Die fast 30 Minuten Tagesthemen, die ich mir jetzt angeschaut habe, hinterlassen bei mir den Eindruck, gerade ein süßliches, völlig von Zusatzstoffen und künstlichen Aromen durchzogenes Tütengericht konsumiert zu haben, das zwar den Eindruck vermittelt, man habe etwas gegessen, aber das Bedürfnis nach echter Nahrung – an Informationen, wenn man so will – überhaupt nicht stillen kann..

Irgendwo habe ich kürzlich gehört oder gelesen: „Je härter die Zeiten sind, umso weicher werden die Geschichten darüber“. Das scheint mir das Prinzip all der Fernsehsendungen zu sein, die in die Gehirne derjenigen Leute eingeträufelt werden, die sich freiwillig diesem Medium aussetzen. Es betrifft ja nicht nur die so genannten Nachrichtensendungen. Viel wirkmächtiger aufgrund ihres weichgespülten propagandistischen Storytellings sind die endlosen Fernsehfilme, die Krimis (ja, auch die) und die Unterhaltungssendungen, die tagein, tagaus, rund um die Uhr, in den staatlichen und kommerziellen Kanälen gezeigt werden.

Die Parallelrealität, die man durch den Fernseher betritt, ist eine Teletubbie-Welt bürgerlicher Behaglichkeit, in der die Schrecken einer zunehmend dystopischen imperialistischen Realität zwar nicht ganz ausgeblendet werden (das ginge auch gar nicht, angesichts der täglichen Erfahrungen, die die Leute in ihrem Lebens- und Arbeitsalltag machen). Sie werden aber eingebettet, eingehegt und weichgespült durch die ERZÄHLUNG darüber als einer fortlaufenden Geschichte im Grunde wohlgeordneter, eigentlich idealer Verhältnisse, die leider – So ist der Mensch nun mal! – immer wieder vom unerklärlich Bösen – Nazis! Trump!! Putin!!! – aufgestört und durcheinandergebracht werden.

Zum Glück aber haben zumindest wir in Deutschland verantwortungsvolle Politiker, die alle unser Bestes wollen und in deren Händen unser Wohlergehen, die wirtschaftliche Prosperität, der Frieden und im Grunde die Welt außerhalb unseres familiären Umfeldes und unserer persönlichen Ziele bestens aufgehoben ist.

Soweit mein Bericht über das Selbstexperiment „30 Minuten staatliche Nachrichtensendung“. Nach dieser Grenzerfahrung jedenfalls verspüre ich das dringende Bedürfnis nach Drogen.

Philosophisch-medizinische Betrachtung I: Influenza und Canis lupus familiares

Ich liege auf dem Krankenbett
kurz vor dem Exitus.
Knochen schmerzen, Luft ist knapp –
bald ist mit mir wohl Schluss.
Ich sehe schon das frühe Grab
in das ich steigen muss.

Was bringt mich wieder auf die Beine?
Der guten Wünsche leider keine!
Doch schleunigst muss ich senkrecht stehen,
will der Hund mal Gassi gehen.

Geschichten die das Leben schrieb: Home Sweet Home

Gestern fand ein weihnachtliches Treffen des Sozialen Dienstes meiner Arbeitsstätte statt. Vordergründig sollte es die marktwirtschaftlichen Ansprüche an „Teambildung“, Stiftung von Zusammenhalt und persönlicher Kontaktpflege und dergleichen mehr erfüllen, in der Praxis ist es einfach die Gelegenheit, die vom Unternehmen für solche „Events“ zur Verfügung gestellten 25 Euro pro Kopf auf denselben zu hauen.

Mein Erscheinen stieß auf Verwunderung, denn in den vergangenen Jahren hatte ich mich von solchen Treffen ferngehalten. Ich erklärte den anderen, dass ich mich entschieden hätte, einmal zu schauen, was Erdlinge anlässlich solcher Zusammenkünfte so treiben würden – eine Auskunft, die nicht gelogen war und die die Kollegen zufriedenstellte, denn sie bestätigte ihnen das Bild vom schrulligen Teamsenioren mit dem Künstlertick, das sie von mir haben.

Als ich anschließend nach Hause fuhr, stand ich noch ganz unter dem Eindruck der dort stattgefundenen Interaktionen: man gab sich kollegial und kommunikativ, aber die Kommunikation beschränkte sich auf Anekdoten rund ums Trinken und auf die Art von lustigen Episoden und Ereignissen, die der Smalltalk solcher Treffen erfordert.

Heikle Themen v.a. politischer Art wurden – wie auf der Arbeitsstelle – bewusst vermieden. In den Gesprächen herrschte die vorsichtige Rede von Menschen, die seit einigen Jahren in einer gesellschaftlichen Realität leben, wo falsche Meinungen nicht nur geächtet, sondern mit spürbaren Nachteilen verbunden sind. Die Verhältnisse sind so, dass konträre Standpunkte nicht mehr diskutiert werden, sondern in der Regel sofort zu Streit und moralischer Verurteilung führen, sofern der geäußerte Standpunkt abweicht von der offiziell verkündeten regierungsseitig und medial verbreiteten Sichtweise.

Dabei sind die Kollegen allesamt sympathische und patente Menschen (wie man sie überdurchschnittlich häufig in den sozialen Berufen findet) und im direkten Gespräch durchaus in der Lage, den sozialen und politischen Niedergang des Landes, Kriegskurs, Verarmung und Arbeiterverarsche zu erkennen und zu kritisieren (besonders meine russische Kollegin, die natürlich immun ist für die allgegenwärtige russophobe Hysterie). In der Gruppe aber, in der Öffentlichkeit der Arbeitsstelle oder solch semi-privater Treffen, ist jede(r) bemüht, Vorsicht walten zu lassen, nichts „Falsches“ zu sagen und bei kontroversen Themen nicht anzuecken.

Diese die gesellschaftliche Debatte durchdringende Begrenzung und Einengung reicht in die Arbeitskollektive und bis in die Familien und Beziehungen hinein. Jedenfalls war die heutzutage übliche Zurückhaltung, ja Angst, etwas Falsches zu sagen, sich vielleicht sogar als Abweichler vom politischen und medialen Mainstream zu outen, in der Runde zum Greifen spürbar. Dadurch war das Ganze geprägt von einer gewissen Oberflächlichkeit und Beliebigkeit, in der jede(r) darauf achtete, der Fassade zu entsprechen, die er oder sie sich fürs Zurechtkommen in der rauer werdenden Welt aufgebaut hat.

Um all diese unerfreulichen Umstände möglichst wenig ins Bewusstsein dringen zu lassen, sprach man in unterschiedlichem Umfang gekauften und selbstgebrannten alkoholischen Getränken zu, die einige Kollegen stolz zur Verkostung mitgebracht hatten. Auch ich kostete von Himbeerschnaps und Honigmet und fand nichts zu bemängeln an den hochprozentigen Privatbränden meiner Kollegen. Dieser Umstand mag dazu beigetragen haben, dass ich spätabends bei meiner Rückkehr eine höchst seltsame Szene beobachten konnte, die sich direkt vor meinem Zuhause abspielte:

Ein überdimensionierter Hund spazierte alleine und in aller Seelenruhe die D***-Straße entlang, schnüffelte an den Bäumen und schien sich recht gut auszukennen. Ich hatte mich noch nicht von meiner Verwunderung erholt, als es endgültig bizarr wurde: ein gigantischer Kaffeebecher folgte dem Hund auf dem Fuße und zwinkerte mir schelmisch zu. Inzwischen war ich überzeugt, entweder zu halluzinieren oder mal wieder einer Verschiebung des Raum-Zeit-Kontinuums beizuwohnen, mittels derer kurzzeitig Phänomene aus den diversen Quantenrealitäten in unsere Welt gelangen können.

Der Kaffeebecher schwankte also vorüber, aber was dann kam, war noch merkwürdiger in dieser an merkwürdigen Erscheinungen reichen Szenerie vor meiner Haustür. Zunächst hüpfte ein Känguruh vorbei und ließ sich dabei auch nicht von vorüberfahrenden Autos stören (noch rätselhafter: die Autofahrer umgekehrt auch nicht von dem erstaunlich großen australischem Beuteltier).

Dann kam eine Ameise gemächlich anspaziert, aber eine von der Größe eines Pferdes. Nicht nur ihr Körper war um ein Hundertfaches vergrößert im Vergleich zu normalen Ameisen, sondern auch die Laute, die sie vernehmen ließ. Zum ersten Mal hörte ich die Geräusche, die „Sprache“ der Ameisen – eine Art schabendes Krächzen, eindeutig insektoid und ein bißchen unheimlich.

Es wurde dann aber noch unheimlicher. Gevatter Tod selbst erschien, diesmal aus der entgegengesetzten Richtung, und eilte einigermaßen zielstrebig einem – wie ich vermutete – „Kunden“ zu. Er war fast an mir vorüber, als der angstvolle Ausruf eines von dem Anblick erschrockenen nächtlichen Passanten ihn ablenkte und zum Innehalten veranlaßte. Der Passant allerdings hatte sich blitzartig verkrümelt und ich blieb als einziger Zeuge der heiklen Situation übrig.

Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch mit dem Sensenmann, meine Zeit war meiner Auffassung nach noch lange nicht gekommen (aber das denkt sicher jeder, dem Freund Hein seine Aufwartung macht). Er hatte mich jedoch schon bemerkt, wandte mir sein Knochengesicht zu und kam immer näher, wie um mich genauer in Augenschein zu nehmen (wenn er denn Augen gehabt hätte). Es war klar, dass ich keinerlei Chance zur Flucht mehr hatte, und außerdem war ich paralysiert wie in einem jener Träume, in denen man angesichts drohender Gefahr kein Glied und keinen Muskel mehr bewegen kann.

Dann aber geschah etwas so Unerklärliches, dass mein Verstand aussetzte und selbst der einfache Vorgang der Wahrnehmung dessen, was sich vor meinen Augen abspielte, mir kaum noch möglich war – so absurd und abrupt war es. Unter der schwarzen Kutte des Knochenmannes nämlich verwandelte sich sein gräßlicher Totenschädel in ein pralles und properes Babygesicht. Das Kleinkind – oder was immer das jetzt war – lächelte mich freundlich, vielleicht auch etwas spöttisch, an und war fast im selben Moment verschwunden, und mit ihm der ganze Spuk auf der D***-Straße.

Ich befand mich plötzlich in meiner Wohnung im oberen Stockwerk, wo mich der Hund schwanzwedelnd begrüßte und alles wie immer wirkte.

Geschichten die das Leben schrieb (bzw. zeichnete): Belsenplatz

Direkt bei mir um die Ecke liegt der Belsenplatz, ein Verkehrsknotenpunkt in Oberkassel, an dem Busse und Straßenbahn aus allen Richtungen halten, sich umschauen und auf Fahrgäste warten, um anschließend weiterzufahren nach Neuss, Krefeld, rüber in die Innenstadt oder in andere unbekannte, rätselhafte und seltsame Gefilde. 

Wenn man in die falsche – manche sagen „in die richtige“ – Straßenbahn einsteigt, gerät man gelegentlich in eine Art Zeitdilatation, die einen in eine parallel Realität befördert, wo sich Häuser bewegen, Menschen fliegen und generell Dinge nicht das sind, was sie zu sein scheinen.

Wer das Glück hat, Zeuge dieser erstaunlichen Begebenheiten zu werden, darf sich als Gesegneter des Daseins bezeichnen. Aber er kann’s auch lassen und wieder nach Hause gehen.