Die Liebste kommt am Ende eines langen Arbeitstages, der um 5:00 Uhr morgens begann und mit der letzten Runde mit dem Hund endete, zur Tür herein. Der Hund stürzt sich nach Hundeart auf mich, als hätte er mich Jahre nicht gesehen. Die Frau nicht – sie wischt sich den Schweiß von der Stirne, kickt sich die Schuhe von den Füßen und setzt diverse Taschen und Beutel ab.
„Ich hab was eingekauft!“ verkündet sie, „Obwohl ich eigentlich pleite bin.“ Damit weiß ich schon mal, dass sie nicht Lebensmittel oder Drogerieartikel besorgt hat, sondern irgendetwas für ihr eigenes Wohlbefinden, also Kleidung oder Kosmetik.
„Bekleidung, oder?“ frage ich überflüssigerweise. „Ja! Komm mal her. Ich werde die schönste Frau an der Ostsee!“ Die Gattin steht vor dem riesigen Ganzkörperspiegel neben dem Kleiderschrank, hat sich inzwischen bis auf die Unterwäsche entkleidet und schlüpft nun in niedliche graue Strand-Shorts, die unten an den Beinöffnungen in weißen Spitzenbordüren enden, und in ein ärmelloses Nichts von einer Sommerbluse mit einer großen Stoffblume auf der rechten Schulter.
Sie zupft ein bißchen an den neu erworbenen Kleidungsstücken herum, dreht sich vor dem Spiegel in allerlei Positionen, um die Wirkung des Outfits zu überprüfen und fragt mich auffordernd. „Ist doch toll, oder?!“
Natürlich ist das keine Frage, sondern mein Stichwort für ein solides, anerkennendes, keinesfalls jedoch zu überschwängliches, sondern faktisch begründbares, ehrliches Lob ihrer Erscheinung. Tatsächlich sieht sie hinreißend aus in dem Fummel, sozusagen zum Stehlen süß.
Ich lobe ihre Neunschaffung und preise ihre Erscheinung in wohl bedachten und -gewählten Worten. Nach einer Weile frage ich. „Und kostenmäßig? Was hast du in dem Laden gelassen? So dreistellig, oder?“ Zufällig weiß ich nämlich, dass „der Laden“ zu den nicht ganz preisgünstigen Edelboutiquen unseres Nobelstadtteils gehört.
„Will ich überhaupt wissen, was das gekostet hat?“ setze ich hinzu, nachdem sie mit einem Kopfnicken und einem affirmativem „Mmm…“ die Frage nach der Dreistelligkeit beantwortet hat.
„Nee, willst du nicht. Du willst eine schöne Frau, das kostet eben.“
„Die oder keine!“ war und ist seit jeher das Leitmotto meiner Verbindung mit dieser Vertreterin des anderen Geschlechts. Darum ist bei mir auch diesmal wieder Kritikfähigkeit, Rationalität und Kostenbewusstheit ausgesetzt und ich freue mich mit ihr über die fesche Neuanschaffung für ihre Garderobe.
In der Hitzehölle unserer Dachwohnung, die wir das Glück haben, im linksrheinischen Düsseldorfer Edelviertel Oberkassel bewohnen zu dürfen (für teures Geld natürlich), sind die alten Fenster inzwischen vom Verschleiß im Mitleidenschaft gezogen.
Diejenigen Fenster, die zur Südwestseite zeigen – die also die meiste Sonne abkriegen – lassen sich nur noch sehr schwer, oft nur mit allerlei Tricks, und manchmal überhaupt nicht mehr öffnen. Undicht sind sie zum Teil auch noch. Immerhin schickt die Hausverwaltung auf unsere Beschwerde hin umgehend einen Handwerker, der sich der Sache annehmen soll.
Dieser – ein sympathischer bosnischer Serbe – untersucht die Problemfenster von vorn bis hinten, von innen und von außen, wobei er sich lebensgefährlich mutig auf die Dachschräge begibt, und zieht dann sein Fazit: „Da ist nichts mehr zu machen. Da fehlen Teile; die sind auch einfach zu alt, diese Fenster. Die müssen ausgetauscht werden und zwar vor dem Winter.“
Er will alles dokumentieren und der Hausverwaltung beziehungsweise direkt den Eigentümern zur Kenntnis bringen. Denn diese sind diejenigen, die die aus ihrer Sicht unerwünschte Ausgabe zu stemmen haben. Während der Mann sein Handwerkszeug zusammenpackt, fachsimpeln wir ein bisschen über Ausgaben, Kosten und deren Bedeutung für die verschiedenen Gesellschaftsschichten.
„Das sind ja Adlige“ klärt er mich auf, „Die haben viele Häuser; ich bin bei dreien davon beschäftigt, da gibt’s immer was zu tun. Die haben schon ganz schön hohe Kosten…“
Diese Art, sich den Kopf der Grundrente beziehenden Eigentümerklasse zu zerbrechen, kann ich nicht unwidersprochen lassen: „Naja, die haben Kosten, vielleicht manchmal auch hohe – aber die haben sie, weil sie hohe Gewinne machen wollen mit den Häusern!“
Das Haus, in dem wir wohnen, hat erst im vorletzten Jahr den Eigentümer gewechselt und gehört jetzt einer Familie, deren Einkommensgrundlage der Immobilienbesitz ist. Jede Ausgabe für die diversen Mehrfamilienhäuser, jede Investitionen in ihre Renditeobjekte, wird von den Besitzern marktwirtschaftsgerecht als Abzug vom Gewinn betrachtet.
„Klar haben die keine Lust, einen Großteil der jährlichen Miete, die sie von uns für diese Dachbude abkassieren, für neue Fenster auszugeben. Die wollen ja möglichst viel Geld verdienen mit ihrer Immobilie und möglichst wenig reinstecken…“
Der serbische Hsndwerker nickt zustimmend. „Die haben einfach andere Maßstäbe als Leute, die normal Geld verdienen. Die machen sich immer nur Sorgen wie sie ihr Gekd vermehren, nicht ob‘s reicht…“
Ich bin einigermaßen platt über die einfachen Worte, mit denen der Mann das Grundprinzip kapitalistischer Verhältnisse nahezu marxistisch auf den Punkt bringt. Die Arbeiterklasse weiß ziemlich genau, wie der Hase läuft! Sie weiß, wer in dieser feinen Welt des freien Eigentums stets der Gewinner und wer der Verarschte ist. Warum nur zieht sie nie die naheliegenden Schlüsse aus diesem Wissen?
Für einen Grundkurs in politischer Ökonomie und Klassenanalyse ist es aber definitiv zu heiß, und der Genosse Handwerker muss auch zu einem weiteren Einsatz.
Er bekräftigt nochmal, dass er die Gesamtsituation der Fenster in unserer Dachwohnung den Eigentümern zur Kenntnis bringen wird, wünscht mir alles Gute zum Überstehen der Hitze in der Wohnung (die er gerade eine Dreiviertelstunde lang selbst erleben konnte) und wir verabschieden uns freundlich.
Die Frau so: „Der Ronaldo, der hat diese Reichenzähne. So wie der Klopp. Das sieht so künstlich aus… finde ich furchtbar!“
Jetzt wo sie es sagt – diese blendend weißen Porzellanzähne von irgendwelchen Celebrities oder von Leuten, die‘s sich leisten können, sehen tatsächlich extrem künstlich aus und machen dadurch erst recht darauf aufmerksam, dass sie künstliche Gebisse in der Schnüss haben. Irgendwie lächerlich.
In den letzten Wochen und Monaten macht sich nicht nur die gefühlte Teuerung verstärkt bemerkbar (man merkt es z.B. am Einkaufswagen, den man mit 100 Euro nur noch zur Hälfte füllt im Vergleich zu dem, was noch vor ein oder zwei Jahren dafür zu bekommen war), sondern eine Extra-Ausgabe jagt die nächste:
Die Nachzahlung der Nebenkosten geht ins fast Vierstellige. Die Nebenkostenvorauszahlung wird deswegen vom Vermieter gleich mal um zusätzliche 100 Euro im Monat angepasst.
Das Auto muss nicht nur über den TÜV, sondern hat diverse Macken, da die alte Möhre mittlerweile auch schon 17 Jahre hinter sich hat . Wieder ein niedriger vierstelliger Betrag dahin.
Meine eigene Blödheit bzw. lohnarbeitsbedingte Überarbeitung hat mich in den letzten 6 Wochen knapp 400 Euro Blitzer-Bußgeld gekostet.
Einige Bekleidungsstücke und Schuhe mussten neu angeschafft werden: 300 Euro dahin (bei mir), dies allerdings nur ein Bruchteil des Betrags, den die Liebste („Das MUSSTE ich einfach kaufen, sieht toll aus, oder?!“) für Betuchung investiert hat.
Inzwischen aber stellen wir fest, dass unsere Konten nicht nur viel schneller leer werden als früher, dass also „immer mehr Monat am Ende des Geldes übrig bleibt“, sondern dass der Geldabfluss jetzt dauerhaft den Zustrom übersteigt. Die Konten sind bis auf eine kurze Phase direkt nach Gehalts-, Lohn- oder Renteneingang fast permanent am Anschlag oder überzogen.
Das ist erstaunlich, denn laut KI stehen wir mit unserem kumulierten Haushaltsnettoeinkommen recht gut da:
„Euer Äquivalenzeinkommen liegt knapp oberhalb der Mittelschicht, also im Bereich der sogenannten “oberen Mitte” oder unteren Oberschicht.
Die Einkommensungleichheit in Deutschland, gemessen am Gini-Koeffizienten, beträgt laut aktueller Datenlage rund 0,31 für verfügbare Haushaltseinkommen. Auf der Verteilungskurve dürftet ihr in etwa im 75.–80. Perzentil liegen, also besser als rund drei Viertel aller Haushalte in Deutschland.
Fazit in der Praxis: Ihr lebt komfortabel über dem Median, habt keine finanziellen Engpässe bei normalen Lebenshaltungskosten, gehört aber nicht zur eigentlichen Einkommenselite (die erst jenseits des 90. Perzentils beginnt). Gerade im Rhein-Ruhr-Raum, wo die Lebenshaltungskosten moderat sind verglichen mit München oder Frankfurt, ist das eine solide, entspannte Ausgangslage.“
Die Frau, ihres Zeichen Diplom-Betriebswirtin und Controllerin bei einem internationalen Finanzdienstleister, sieht uns aber bereits mit einem Bein unter der Rheinknie-Brücke lebend und mit dem anderen am Hungertuch nagen. Sie läutet eine neue Zeit äußerster Haushaltsdisziplin ein und bestimmt, dass „ab jetzt die Moppen zusammengehalten werden!“
Sogleich lässt sie ihren Worten Taten folgen, erfaßt sämtliche Ausgaben in einem Haushaltsbuch, und verkündet mir schon nach ein paar Tagen, dass ihr die Augen geöffnet worden seien. Nämlich wie schnell das Geld weg geht und für wieviel Unsinn man es ausgibt. Vor allem aber dafür, wie teuer alles geworden sei! Deswegen würden hinfort nur noch die wirklich nötigen Dinge eingekauft, vor allem aber – das gilt mir – „kein Scheiß im Internet bestellt!“
Als armutserprobter Proletarier bin ich natürlich abgebrühter als die Liebste, habe mich aber zwischenzeitlich an das komfortable Mittelschichtsleben gewöhnt, in dem man fast immer finanziellen Spielraum hat und auch mal eben 50 Euro auf den Kopf hauen kann, ohne groß drüber nachzudenken.
Jetzt allerdings sind ganz neue Töne zu vernehmen seitens meiner berufsbedingt Controlling-affinen Gattin: das Auto ist ein einziger Kostenfaktor! Die Versicherung! Die Steuern! Der Unterhalt! Für den Urlaub könnten wir uns doch auch eins leihen und warum ich das Auto für den Arbeitsweg nutze, will sich ihr ebenfalls nicht recht erschließen – sie fährt ja auch per ÖPNV zur Arbeit, und ich hätte es doch viel kürzer als sie.
Jetzt wird’s also ernst und geht direkt an meine essentiellen Bequemlichkeiten: mit Bahn und Bus in die Pflegeeinrichtung fahren und – zusätzlich zu der Zumutung, mit streng riechenden Idioten unentrinnbar in stickigen Zügen und (noch schlimmer) Bussen eingepfercht zu sein – auch noch jedesmal zehn Minuten oder mehr zu den jeweiligen Haltestellen zurücklegen zu müssen? Das ist ein Dasein, das mir nicht erstrebenswert erscheint. Es gilt, dieses Disaster abzuwenden. Mein schwaches Gegenargument ist, dass so ein altes Auto doch noch vergleichsweise günstig sei. Wir sollten es doch fahren, bis es auseinander fällt, fände ich. Und außerdem müsse man wirklich keine Vollkaskoversicherung bei so einer alten Kiste bezahlen.
Damit beiße ich allerdings auf Granit bei meiner Liebsten, die ihre finanz- und betriebswirtschaftliche Expertise einem Versicherungskonzern zur Verfügung stellt: „Ach ja? Denk doch mal vor ein paar Jahren, als du den Wagen fast geschrottet hast. Hätten wir keine Vollkasko, hätten wir jetzt kein Auto mehr!“ Dem kann ich schlecht widersprechen. Ich hoffe, dass das Thema erstmal in Vergessenheit gerät und ich weiter mit dem Auto zur Arbeit fahre.
Aber auch sich selbst schont sie nicht, denn eine Controllerin hat vor allem sachlich, neutral und ohne Ansehen der Person zu agieren. Ihre Ausgaben für die Volksdroge Alkohol haben sich in letzter Zeit bereits deutlich reduziert (ich selber, habe ganz damit aufgehört), jetzt aber macht sie Nägel mit Köpfen oder hört sich jedenfalls so an: „Ich glaube, ich komm nicht drum herum: ich muss mit der Raucherei aufhören.“
Sie hat nämlich festgestellt, dass sie jeden Monat mehrfach dreistellig für die schädlichen Nikotinstengel ausgibt. Da ich diese Ankündigung allerdings seit vielen Jahren immer mal wieder höre, ist mein Glaube gering, dass dem diesmal Taten folgen werden. Immerhin ist Nikotin nicht nur eine Droge, die fest in Kreislauf und Stoffwechsel der Abhängigen eingebunden, sondern die eben auch eine Kompensation für alles mögliche, vor allen Dingen aber für jede Art von Stress ist.
Zur Feier all diese Entscheidungen und als Inauguration der neuen Zeiten , die jetzt in unserer privaten Volkskommune anbrechen, geht sie runter zum Kiosk an der Ecke, kauft sich eine Flasche italienischen Rotwein und raucht sich erstmal eine. „That’s my girl!“ denke ich bei mir und sinniere über die seltsamen Zeiten, in denen wir leben und die schlechter statt besser, dümmer statt intelligenter, gefährlicher statt friedlicher werden. Vor allem aber teurer.
Was macht angesichts der immer ungemütlicheren Vorkriegszeiten diejenige Gesellschaftsklasse, die keinen Puffer, keine Substanz, keine Ressourcen hat, auf die sie zur Abfederung der permanenten Kostensteigerungen in allen Lebensbereichen zurückgreifen kann? Einfache Antwort: den Lebensunterhalt kürzen, verarmen.
Die bürgerliche Mittelschicht ist noch nicht ganz so weit, aber ich habe das Gefühl, sie ist sind auf dem Weg dorthin.
Wenn man einen zotteligen Hund hat, achtet man darauf, dass dessen Ausscheidungen sauber abgesetzt werden können und man den Kumpel nicht nach dem Spaziergang in die Badewanne setzen muss.
Zu diesem Zweck ist es vorteilhaft, die Darmflora des vierbeinigen Freundes mit ballaststoffreicher Nahrung zu stabilisieren, zum Beispiel Körnerbrot. Körnerbrot allerdings ist nicht gerade die Lieblingsspeise von Hunden. Lecker Leberwurst obendrauf macht es aber schon akzeptabler.
Mein Hund jedoch ist ein ganz schlauer – oder versuchts zumindest zu sein – und bemüht sich nach Kräften, die Leberwurst von den Brotstückchen abzulecken. Weil ihm das aber nicht gelingt, weil zu viel von der schmackhaften Leberwurst auf den einzelnen Stückchen übrig bleibt, isst er das Brot notgedrungen mit – was der Zweck der Übung war.