Geschichten, die das Leben schrieb: die Hitze, die Fenster und der immobilienbesitzende Adel

In der Hitzehölle unserer Dachwohnung, die wir das Glück haben, im linksrheinischen Düsseldorfer Edelviertel Oberkassel bewohnen zu dürfen (für teures Geld natürlich), sind die alten Fenster inzwischen vom Verschleiß im Mitleidenschaft gezogen.

Diejenigen Fenster, die zur Südwestseite zeigen –  die also die meiste Sonne abkriegen – lassen sich nur noch sehr schwer, oft nur mit allerlei Tricks, und manchmal überhaupt nicht mehr öffnen. Undicht sind sie zum Teil auch noch. Immerhin schickt die Hausverwaltung auf unsere Beschwerde hin umgehend einen Handwerker, der sich der Sache annehmen soll.

Dieser – ein sympathischer bosnischer Serbe – untersucht die Problemfenster von vorn bis hinten, von innen und von außen, wobei er sich lebensgefährlich mutig auf die Dachschräge begibt, und zieht dann sein Fazit: „Da ist nichts mehr zu machen. Da fehlen Teile; die sind auch einfach zu alt, diese Fenster. Die müssen ausgetauscht werden und zwar vor dem Winter.“

Er will alles dokumentieren und der Hausverwaltung beziehungsweise direkt den Eigentümern zur Kenntnis bringen. Denn diese sind diejenigen, die die aus ihrer Sicht unerwünschte Ausgabe zu stemmen haben. Während der Mann sein Handwerkszeug zusammenpackt, fachsimpeln wir ein bisschen über Ausgaben, Kosten und deren Bedeutung für die verschiedenen Gesellschaftsschichten.

„Das sind ja Adlige“ klärt er mich auf, „Die haben viele Häuser; ich bin bei dreien davon beschäftigt, da gibt’s immer was zu tun. Die haben schon ganz schön hohe Kosten…“

Diese Art, sich den Kopf der Grundrente beziehenden Eigentümerklasse zu zerbrechen, kann ich nicht unwidersprochen lassen: „Naja, die haben Kosten, vielleicht manchmal auch hohe – aber die haben sie, weil sie hohe Gewinne machen wollen mit den Häusern!“

Das Haus, in dem wir wohnen, hat erst im vorletzten Jahr den Eigentümer gewechselt und gehört jetzt einer Familie, deren Einkommensgrundlage der Immobilienbesitz ist. Jede Ausgabe für die diversen Mehrfamilienhäuser, jede Investitionen in ihre Renditeobjekte, wird von den Besitzern marktwirtschaftsgerecht als Abzug vom Gewinn betrachtet.

„Klar haben die keine Lust, einen Großteil der jährlichen Miete, die sie von uns für diese Dachbude abkassieren, für neue Fenster auszugeben. Die wollen ja möglichst viel Geld verdienen mit ihrer Immobilie und möglichst wenig reinstecken…“

Der serbische Hsndwerker nickt zustimmend. „Die haben einfach andere Maßstäbe als Leute, die normal Geld verdienen. Die machen sich immer nur Sorgen wie sie ihr Gekd vermehren, nicht ob‘s reicht…“

Ich bin einigermaßen platt über die einfachen Worte, mit denen der Mann das Grundprinzip kapitalistischer Verhältnisse nahezu marxistisch auf den Punkt bringt. Die Arbeiterklasse weiß ziemlich genau, wie der Hase läuft! Sie weiß, wer in dieser feinen Welt des freien Eigentums stets der Gewinner und wer der Verarschte ist. Warum nur zieht sie nie die naheliegenden Schlüsse aus diesem Wissen?

Für einen Grundkurs in politischer Ökonomie und Klassenanalyse ist es aber definitiv zu heiß, und der Genosse Handwerker muss auch zu einem weiteren Einsatz.

Er bekräftigt nochmal, dass er die Gesamtsituation der Fenster in unserer Dachwohnung den Eigentümern zur Kenntnis bringen wird, wünscht mir alles Gute zum Überstehen der Hitze in der Wohnung (die er gerade eine Dreiviertelstunde lang selbst erleben konnte) und wir verabschieden uns freundlich.