Geschichten die das Leben schrieb: Der Extremismus der Mitte – die mentale Mobilmachung ist bei den Gassirunden angelangt


Seit über einem Jahr bin ich bei den Spaziergängen mit meinem Hund ein bis zweimal die Woche in Begleitung seines besten Kumpels und dessen Halterin.

Die beiden Hunde hatten sich am Rhein kennen gelernt, und der liebenswerte hyperaktive schwarze Mops war sofort von meinem Zottelhippiehund so begeistert, dass er überhaupt nicht mehr von ihm lassen wollte.

Seitdem sind die beiden dickste Freunde, best buddies, zwei wie Pech und Schwefel, und es ist rührend und witzig, sie zusammen umherstrolchen und Abenteuer bestehen zu sehen.

Die Halterin des Kumpels ist eine wohlbestallte Oberkasseler Bürgerin: kultiviert, gebildet, eloquent, kunstsinnig, überdies auch noch schlank, gut aussehend und angetan mit jenen Kleidungsstücken der Frauen der gehobenen Mittel- bis Oberschicht, denen man das teure Understatement ansieht. 

Sie könnte vom Alter her meine Tochter sein und hat sich auf den gemeinsamen Gassirunden als angenehme Gesprächspartnerin mit einem sympathischen Sinn für Humor und Absurdität erwiesen. Unsere Gespräche drehten sich im Wesentlichen um Hunde – und um Hochbetagte, nämlich um ihre ca. 70km entfernt lebende Oma, um deren Angelegenheiten sie sich kümmert und die sie regelmäßig besucht, sowie um meine Schützlinge im Pflegeheim. 

Wenn wir mal – selten genug – das Politische streiften, war schnell zu merken, dass jede Abweichung vom amtlich und mainstreammedial kolportierten Narrativ über die Verhältnisse auf der Welt meine Begleiterin stutzig machte und sie zu verunsichern schien – eine Reaktion, die irgendwie nicht passte zu dem Bild der aufgeschlossenen, intellektuell beweglichen Frau von Welt, das sie erkennbar zu vermitteln bemüht war. 

Ich führte dies zurück auf einen Umstand, mit dem sie mich eine Weile nach Beginn unserer gemeinsamen Hunderunden bekannt gemacht hatte: ihre gesundheitliche Gesamtsituation ist von der Art, die selbst schicksalsgeprüfte ältere Menschen nicht ohne weiteres wegstecken. Sie aber ließ sich nichts davon anmerken, erwähnte nur gelegentlich, wieviel Kraft sie ihr Alltag kostete und wieviel Mühe sie sich geben müsse, den Eindruck funktionierender Normalität zu erwecken. Jedenfalls war klar, dass meine Hunderundenpartnerin ein Päckchen tragen musste, das es in sich hatte.

Für mich erklärte sich damit auch der etwas ambivalente Eindruck, den sie, vor allem in der Kommunikation, auf mich machte: nämlich den einer Person, die aufgrund äußerst labiler und instabiler Gesundheit sich umso rigidere („stabilere“, wenn man so will) Überzeugungen oder innere Haltungen zugelegt hat – vielleicht aus der subjektiv verspürten Notwendigkeit, ohne eine solche Haltung schnell von ihren diversen gesundheitlichen Problemen und Einschränkungen überrollt zu werden. Meine Liebste, die meine Gassibegleiterin kennengelernt hatte, gelegentlich mit ihr smalltalkte und sie sympathisch fand, brachte diesen Eindruck wie folgt auf den Punkt: „Die ist ja echt nett, die Francis*, aber die ist bestimmt auch ganz schön schwierig und anstrengend!“.

* Name geändert

Vergangenen Dienstag nun gingen wir wie üblich eine ausgiebige Runde am Rhein mit unseren beiden Vierbeinern, besuchten noch zusammen den Wochenmarkt und verabschiedeten uns mit den Worten „Bis übermorgen!“. 

Am Tag danach erhielt ich abends folgende WhatsApp-Nachricht von ihr: 

„Hallo Kay,

ich habe in den letzten Tagen viel über unsere Gespräche und den Kontakt nachgedacht. Mir ist dabei klar geworden, dass unsere politischen Ansichten einfach zu unterschiedlich sind und mich das zunehmend belastet. Vor allem deine Haltung in politischen Themen, sowohl was den Nahostkonflikt betrifft als auch deine Sichtweise auf Putin, ist für mich ehrlich gesagt grenzwertig und nicht vereinbar mit meinen Werten.

Ich merke, dass ich mich so nicht mehr wohlfühle, auch weil du deine Haltung sehr offen nach außen zeigst. Es tut mir wirklich leid, auch im Hinblick auf die Hunde, aber ich habe für mich entschieden, den Kontakt zu beenden. Ich respektiere, dass du deine Meinung hast, aber ich kann und möchte sie für mich so nicht mittragen oder weiterhin in dieser Spannung stehen.

Ich wünsche dir trotzdem alles Gute und hoffe, du nimmst mir die Entscheidung nicht übel.“

Was war passiert? Die Anzahl der Erwähnungen irgendwelcher im weitesten Sinne „politischen“ Sachverhalte auf den gemeinsamen Hunderunden lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Über den russischen Präsidenten mag ich bei Gelegenheit gesagt haben, dass es ihm zu verdanken ist, wenn Europa bisher noch keine umfassende Kriegszone ist. Der israelische Völkermord in Palästina war meiner Erinnerung nach nie Thema, allerdings trage ich einen Anstecker mit der palästinensischen Flagge an meiner Jacke.

Andrerseits mache ich natürlich aus meinem Herzen keine Mördergrube, wenn es um Eigentumsfrage und Klassengesellschaft geht. So erinnere ich mich, in einem Gespräch über dubiose Nebenkosten-Nachzahlungen erwähnt zu haben, dass in meiner Sicht niemand mehr Wohnraum besitzen sollte, als er selber nutzen könnte. Ich weiß noch, dass meine Begleiterin mit der Aura erkennbarer Missbilligung reagierte, auch wenn sie nichts dazu sagte. Später fiel mir ein, dass sie und ihr vermögender Gatte nicht nur eine schicke Eigentumswohnung in unserem Edelviertel bewohnen, sondern eine weitere in der Nähe besitzen, die sie vermietet haben. 

All das aber erklärte für mich noch nicht die selbstauferlegte plötzliche Kontaktsperre. Meine Vermutung: sie hat im Internet, in dem ich zahllose Spuren staats- und imperialismuskritischer Art hinterlassen habe, Dinge von mir oder über mich gefunden, die – wie sie so unnachahmlich formuliert – „nicht mit ihren Werten vereinbar sind“. Möglicherweise Berichte über den Strafprozess wegen „Befürwortung eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges (der gängige Euphemismus der imperialistischen Ideologen für den Stellvertreterkrieg ihres Kiewer Regimes gegen Russland), den die kriegführende Staatsmacht aufgrund einer Denunziation gegen mich anstrengt hatte – und verlor. Das würde den Hinweis auf „Putin“ erklären. Aber der „Nahostkonflikt“ (auch schon wieder so ein schönes Wording, mit dem ethnische Säuberung und  Genozid an der einheimische Bevölkerung des okkupierten Landstriches durch eine von jeder Rücksichtnahme befreite Besatzungsmacht als irgendwie unverständliche Rempelei zweier rauflustiger Rabauken dargestellt wird)? Dieses Thema wurde meines Wissens nach nie in unseren Unterhaltungen erwähnt.

Woher der überraschende Kontaktabbruch kommt, ist letztlich auch egal. Zwei Aspekte scheinen mir zu seinem Verständnis erwähnenswert:

Einmal die psychische Anspannung, in die sich meine Hunderundenbegleiterin durch das bloße Wissen (oder den Verdacht) versetzt sieht, dass es sich bei meinen „politischen Ansichten“, die ich auch noch „sehr offen nach außen zeige“ um einen Fall von Putinismus oder „Antisemitismus“ handelt. Sie schreibt von „zunehmender Belastung“ und dass sie nicht „weiterhin in dieser Spannung stehen“ möchte. Das ist die subjektiv „reale“ Seite, also die negativen Gemütszustände, die in manchen Zeitgenossen durch die Konfrontation mit als „grenzwertig“ definierten Standpunkten ausgelöst werden – und die das betreffende Individuum instinktiv, so wie jede andere negative Emotion, vermeiden und abblocken will.

Zum zweiten scheint mir dieses Verhalten symptomatisch für das geistige Klima der totalen mentalen Mobilmachung hierzulande. Konträre Standpunkt, abweichende Meinungen, Einspruch, Widerspruch, Dissens werden nicht als Gelegenheit zur Diskussion gesehen, vielleicht sogar begrüßt als Ausgangspunkt faktischer Ergründung eines Sachverhaltes. Nein, sie werden als GEFAHR betrachtet und ausgegrenzt, ohne auf ihren Inhalt auch nur einzugehen.

Dieses Muster zieht sich durch alle öffentlichen (und in ihrem Gefolge auch privaten) Debatten in einer Gesellschaft, die nach dem Willen der Regierenden und den hinter diesen stehenden Eliten für den kommenden Krieg gegen Russland ertüchtigt und willig gemacht wird.

Es wird nicht mehr diskutiert, es wird befohlen. Widerspruch wird ausgegrenzt und bestraft, sofern er staatlichen Stellen auffällt. Im privaten Bereich bleibt es (noch) bei der Ausgrenzung. 

Wenn einmal der Luftzug der Realität in ihre wohl geordnete Welt von Besitz und Privilegien dringt, stecken bürgerliche Gemüter schnell die gut frisierten Köpfe in den Sand ihrer Ideologie (die sie niemals so nennen würde, denn Ideologen sind für sie immer nur die Kritiker der als „gegeben“ empfundenen Verhältnisse, in denen sie sich so komfortabel eingerichtet haben). 

Kann man ihnen das vorwerfen? Kann man, macht aber wenig Sinn. Dass jeder Insasse eines kapitalistisch geführten Staatswesens immerzu versuchen muss, in den vorgefundenen Umständen zurechtzukommen, ist nunmal so. Dass die inhärente Inhumanität und Verlogenheit einer Welt, in der die Armut der vielen die Bedingung des Reichtums der wenigen ist, leichter zu ertragen ist, wenn man sich lauter gute Gründe dafür zurechtlegt oder einleuchten lässt, ist auch verständlich. Intelligent ist es nicht. 

Man versteht das Schutzbedürfnis des individuellen Verstandes vor dem ungeheuren Zynismus, vor der rücksichtslosen Brutalität der privatwirtschaftlich eingerichteten Welt. Heute, 2025, scheinen alle selbst im westlichen Kapitalismus bisher geltenden Gesetze einer im Sinne der Besitzenden geordneten politischen Ökonomie dort außer Kraft gesetzt, wo sie für die Herren der Welt keinen Vorteil versprechen oder deren Zielen im Weg stehen: Erpressung, Korruption, schrankenlose Gewalt, extralegale Morde, staatlich erlaubte und gedeckte Serienvergewaltigungen, Folter, Kriege, Genozid: die „Shining City on the Hill“, der Hort der Freiheit und westlichen Liberalität – ob in Washington oder London, ob in Berlin oder Jerusalem, in Kiew oder Paris – hat sich in eine dystopische Zone von Terror, Überwachung, Verfolgung und Lüge verwandelt. 

Gleichzeitig wird die Transformation zur technokratischen Diktatur, die prä-diktatorische Herrschaftsform, in der sich die westlichen Demokratien momentan befinden, begründet mit dem Schutz der Freiheiten, die gerade sukzessive abgeschafft werden. “Unsere westliche Lebensweise”, die „von Putin bedroht“ wird, wie die westlichen Machthaber nicht müde werden zu verkünden, wird verstanden als (und reduziert auf) die Machtsicherung der globalistischen Eliten, der Oligarchie und ihrer ideologischen Hofprediger. 

Die von Sonntagsrednern und Kriegstüchtigkeitstrommlern beschworenen Vorzüge dieser Lebensweise jedoch, sofern sie für die normalen Bürger der westlichen Konkurrenzgesellschaften relevant sind (funktionierende Infrastruktur, bezahlbarer Wohnraum, gutes Bildungs- und Gesundheitssystem, Löhne von denen man leben kann…) gibt es nicht mehr oder sie schwinden schnell dahin.

Man kann die Hilflosigkeit nachvollziehen, die der Einzelne angesichts  dieser deprimierenden Zustände empfindet. Vermutlich kennt sie jeder von sich selbst. Vermischt sich diese Hilflosigkeit mit dem Gefühl, in die Enge gedrängt zu sein, bedroht zu werden vom Verlust der bisher gewohnten Lebensweise (und das heißt vor allem: der gewohnten Einkommensgrundlage, sofern diese ausreichend genug ist für ein gutes Leben) – dann wird‘s oft häßlich. Schnell ist dann menschlicher Anstand, Freundlichkeit, Verständnis für andere Sichtweisen, Einfühlungsvermögen, schnell sind die zwischenmenschlichen Umgangsformen, die gesellschaftliches Miteinander einfacher machen (wenn nicht erst ermöglichen) vergessen. 

Der „Extremismus der Mitte“, die Radikalisierung der selbsternannten amtlichen Demokratieschützer, die die Demokratie verteidigen wollen, indem sie sie sukzessive abbauen, ist zwar noch nicht mal (mehr) „die Mitte“, die er zu sein beansprucht (so wie die „Volksparteien“ längst keine solchen mehr sind), er behauptet aber von sich, die Mehrheitsgesellschaft zu repräsentieren (rein legalistisch gesehen, ausweislich des Ergebnisses der letzten Bundestagswahl, stimmt das sogar). Die unerbittliche Verschärfung der Zensurgesetze, die Aushöhlung der bürgerlichen Freiheiten, die Verfolgung von Kritik, das ganze politische Walten von moralisch selbstgerechten staatlichen Tugendwächtern (einer Tugend, die sie selbst definieren und bei deren Durchsetzung sie sich zu Anklägern, Richtern und Vollstreckern in einem machen) kennzeichnet diesen Extremismus, der sich in machtbewußtem Selbstbetrug als Bollwerk gegen Extremismus sieht. 

Ausgrenzung sagt jedenfalls immer mehr über den Ausgrenzenden als über die ausgegrenzte Sichtweise oder Person. Im privaten Bereich ist so etwas verletzend, aber verkraftbar. Im öffentlichen Bereich  kann es im Extremfall tödlich sein. Der Schritt vom privaten zum öffentlichen Bereich ist ein sehr kleiner: die Feedbackschleife des staatlich erwünschten Feindbilddenkens bestätigt immer wieder die bestehenden (Vor-)Urteile der entsprechend propagandisierten Individuen, und wenn diese Individuen Ämter und Positionen innehaben, die ihnen die Macht geben, das als störend empfundene Denken auszugrenzen, dann Gute Nacht. 

Sie machen es ja bereits: 

Das „Deine Haltung in politischen Themen (…) ist für mich (…) grenzwertig und nicht vereinbar mit meinen Werten“ meiner Hundegassi-Freundin ist ja bereits offizielle Politik der Staatsmacht. Nach innen mit Polizei und Justiz, nach außen mit Rüstung und Krieg (vorerst noch durch Stellverteterarmeen, demnächst wohl durch die Bundeswehrmacht selber) machen die Machthaber in Berlin und Brüssel klar, dass und wie sehr ihre „Werte“ unvereinbar sind mit Kriegsgegnern und jeglicher fundamentaler Kritik an ihrer Herrschaft.

Geschichten die das Leben schrieb: Mi sono innamorato di Marina

Noch eine Animation einer Zeichnung, die ich vor einigen Jahren angefertigt habe und die immer zu meinen Favoriten zählte.

Jedenfalls hatte ich das Gefühl, Rocco Granatas „Marina“ würde als Begleitmusik gut dazu passen. Die beschwingte alte Schnulze handelt von einer dunkelhaarigen Schönheit namens Marina, die der Sänger aufs Inbrünstigste anschmachtet. Während er im ersten Vers noch von ihr zurückgewiesen wird, gibt sie ihm im nächsten einen Kuss und er will sie sofort heiraten..

Naja, der Text dürfte egal sein, Hauptsache irgendwas mit Liebe und Romantik. Auf die Melodie kommt‘s an. Die kann, weil sie klare Ohrwurmqualität hat, jeder mitsingen, -summen oder -pfeifen.

Als ich genau das tue, während ich an dem Filmchen arbeite, werde ich von der Liebsten streng zur Ordnung gerufen: „Mach das aus! Hör auf zu singen! Solche Musik kann ja keiner aushalten!“

Doch, ich schon – aber der Troubadour gilt halt nichts in den eigenen vier Wänden.

Auch du hast dein Schicksal in der Hand: gesungene Lebensweisheit für die Konkurrenzgesellschaft

Man muss dagegen arbeiten, man darf sich nicht aufgeben“, sagt mir ein Freund und Genosse, und meint es in aller Freundschaft und Solidarität.

Das klingt in den Ohren eines Menschen, der sich mit dem abmüht, was bürgerliche Psychologen Depression nennen, natürlich wie Hohn, da diese Appelle für ihn zu der Welt gehören, deren absolute und ultimative Sinnlosigkeit ihn erst in den Zustand befördert hat, in dem er steckt.

Einer meiner liebsten Sprüche stammt tatsächlich von der ehemaligen Chefin der evangelischen Großsekte, Margot Kässmann (die ihren Job verlor, weil sie besoffen Auto fuhr, dabei einen Unfall baute und damit „nicht mehr tragbar“ war als Vorsitzende der EKD). Sie kommentierte das Ganze mit dem Satz:

„Man fällt niemals tiefer als in Gottes Hand“.

Das ist ein Juwel der Weisheit; man muss nicht mal gläubig sein, um die Weisheit darin zu entdecken. Nichts Menschliches sollte uns fremd sein, gerade wenn wir uns als Kommunisten bezeichnen…

Die unerklärliche Erhabenheit von Bäumen und Gras 

In meiner Wahrnehmung wechselt sich die Präsenz abgrundtiefer Sinnlosigkeit ab mit derjenigen der schier unglaublichen Schönheit der natürlichen Welt um mich herum. 

Ein simpler Spaziergang im Park lässt mich der filigranen und unerklärlichen Erhabenheit von Bäumen und Gras, der Wolken am Himmel, des Bellens der Hunde und des Gekrächzes der Krähen gewahr werden. Man muss nicht im Himmel oder nach dem Tod nach einem Gott suchen, wenn man diese überwältigende Schönheit der Erscheinungsformen rings um sich hat. Gleichzeitig ist das alles extrem zerbrechlich, vergänglich und flüchtig, und vielleicht ist es genau das, was in mir den Eindruck einzigartiger harmonischer Glorie auslöst.

Man möchte durch das Wunder dieser Welt schreiten, behutsam wie durch einen phantastischem Traum, mit dicken, weichen Pantoffeln an den Füßen, um nichts zu zerstören. Und auch, um nicht ins Nichts zu fallen, wenn sich die scheinbare Festigkeit der Welt auflöst in ihre molekularen, atomaren, sub-atomaren und Quantenstrukturen – was gefühlt in jedem Moment passieren könnte. Es gab irgendeinen theoretischen Physiker, ich glaube es war Heisenberg, der die subatomare Realität erforschte und von den gewaltigen Räumen und Distanzen zwischen Atomkernen und den sie umkreisenden Elektronen so beeindruckt war, dass er das Gefühl entwickelte, jederzeit in die Leere dazwischen fallen zu können – er schlurfte daraufhin nur noch mit dicken Filzpantoffeln durchs Haus, erzählt man sich. Jedenfalls ist es das, was bei mir von der Anekdote hängengeblieben ist.

Mir fehlt heute die Faszination, der intellektuelle Genuss, die ich früher bei solchen Geschichten und Erkenntnissen empfunden habe. Die Wahrnehmung ist direkter und nimmt keinen Umweg über den Intellekt, laienhaft ausgedrückt. Natürlich ist mir klar, dass Gefühl und Verstand nicht zu trennen sind und dass die auf Wahrnehmung beruhende Einordnung und Benennung einer Sache bereits ein intellektueller Vorgang ist.

Ich glaube, früher habe ich versucht, alle Erfahrungen in Bezug zu meinem Bedürfnis nach Erklärung und Erleuchtung zu setzen. Danach, nach dem Ziel „Höchste Erkenntnis“ bzw. „Wahrheitsfindung“, habe ich sie bewertet und absortiert; auf diese Weise wurden alle Erfahrungen und Erlebnisse (innen wie außen) zu Futter und Brennmaterial für das Streben nach Erkenntnis, nach Erleuchtung. Auf deutsch: sie wurden einem Konzept untergeordnet, und passend gemacht, wenn sie dem Konzept widersprachen. Ich hätte eher die Erfahrungen bezweifelt als das Konzept.

Und heute? Die Konzepte haben ausgedient, die Erfahrungen bleiben. Das ist häufig unangenehm und verwirrend. Wenn man von der Empfindung von galaktischer Sinn- und Aussichtslosigkeit, von bodenloser schwärzester Irrelevanz ALLER Erscheinungen und Phänomene niedergedrückt wird und keine Erklärung spiritueller, psychologischer, religiöser oder anderer konzeptioneller Art dafür hat, manifestiert sich die ganze Wucht dieses Zustandes im Gemüt. Darauf hab ich keinerlei Antwort, keinen Trick, keine Methode, keinen Rat, nichts.

Diese Empfindung scheint jedoch so etwas zu sein wie die andere Seite der Empfindung mysteriöser und kaum zu glaubender Schönheit, die sich an anderer Stelle einstellt. Möglicherweise muss man sich als Inhaber eines menschlichen Körper-Geist-Organismus daran gewöhnen, dass dies eben der Stand der Dinge, die Lage der Nation, die Conditio humana bzw. der Henkel des Bechers ist. Damit leben muss man (also ich) ja sowieso, ob man (also ich) will oder nicht.

Marxisten kämen mir jetzt vermutlich mit „Dialektik, mein Junge, Dialektik!“, Esoteriker mit dem Verweis auf das tiefe dunkle Tal, das auf dem Weg zum Licht zu durchschreiten ist. Am Ende haben sie alle recht und am allerletzten Ende sind auch das alles nur Konzepte, mit denen sich der Verstand abmüht. Oder grämt, oder frustriert, oder unterhält, je nachdem. Der Abgrund ultimativer Sinnlosigkeit lauert an jeder Ecke und hinter jedem Grashalm und umgibt einen auf einmal wie ein kalter Windhauch, der eben noch nicht da war. Und während man noch schauert und sich eventuell selbst bedauert, wird man ebenso unerwartet der gloriosen Schönheit und der zerbrechlichen Harmonie der lebendigen Natur gewahr, die man für eine SEHR kurze Weile das Privileg hat, mit ansehen zu dürfen.

„Soon we all will die.“

From Here to Here: Von der Höhlenmalerei zum iPad Pro

Von den ersten Höhlenmalereien zu iPad Pro und Apple Pencil – die knapp fünfzigtausend Jahre, die dazwischen liegen, sind ein Wimpernschlag in der Geschichte der Spezies. Erst recht in der des Planeten, auf dem die Spezies sich entwickelt hat. Die Empfindungen des Frühmenschen, wenn er mit Ocker, Eisenoxid und Holzkohle Dinge aus seiner inneren und äußeren Erfahrungswelt auf Felswände aufbrachte, dürften nicht viel anders gewesen sein als die des homo sapiens sapiens des 21. Jahrhunderts, der dasselbe mit der Technologie von heute macht.

Lebte der Frühmensch in einer Art Urkommunismus? Gab es Eigentum an „Produktionsmitteln“? Und was sollten diese gewesen sein, außer den gemeinschaftlichen Vorräten, Behausungen usw., die die damaligen Menschen zum Überleben brauchten? Es gab keine Klassen, keinen Staat, es gab keine Produktivkräfte, die Privateigentum und damit eine Klassengesellschaft hervorbringen konnten.

In der kurzen Zeitspanne eines menschlichen Lebens ist es selten, dass das individuelle Denken die Gelegenheit ergreift, sich über den engen Rahmen der unmittelbaren (Über-)Lebensverhältnisse der Konkurrenzgesellschaft zu erheben. Der Verstand ist fast immerzu mehr damit beschäftigt, die zahlreichen Herausforderungen der Anpassung an die menschengemachten Verhältnissen zu meistern, als dass er Muße hat, die menschliche Existenz, vor allem aber die der Spezies als solche, in ihrer Entwicklung über die Jahrtausende zu betrachten. Solche Betrachtungen gelten als sinnlose Zeitverschwendung, als ergebnislose philosophische Nabelschau von Leuten, die zu viel Zeit oder zu viel Geld haben, oder am besten gleich beides. Dabei ist die Neugierde, die zu solchen Überlegungen führt, ein wesentliches Element der Spezies. Ohne sie würden wir vermutlich noch in den Bäumen sitzen oder wären schon ausgestorben.

Die humanoide Sorte Säugetier, die sich gerne als Krone der Schöpfung sieht, ist nicht der Abschluss der Evolution – weder als Spezies noch als Individuum. Warum sollte sie das auch sein? Was Jahrmillionen gedauert hat, um vom behaarten Steppenbewohner, der es mal mit dem aufrechten Gang probiert, beim internetgeprägten Zivilisationsbürger anzugelangen, soll ausgerechnet jetzt, als von der eigenen Auslöschung bedrohter „Menschenaffe mit Atombomben“ evolutionsmäßig zum Stillstand gekommen sein und den Abschluss der biologischen und mentalen Entwicklung der Art darstellen? Sowas gibt’s nicht in der Biologie und in den Naturwissenschaften. Erst recht nicht in den Gesellschaftswissenschaften, die genau die Entwicklungen und Veränderungen untersuchen, die Individuen als Kollektiv durchlaufen.

Dennoch wird – jedenfalls in dem kleiner werdenden Teil der Menschheit, der mental und ideologisch noch von der fünfhundertjährigen westlichen Dominanz bestimmt wird – in der Regel so getan, als wäre der heutige Kapitalismus der endgültige Ausdruck menschlichen Lebens auf diesem Planeten. Diese Ignoranz werden zukünftige Generationen einmal mit leichtem Amüsement verwundert belächeln und sie als Ausdruck einer vor-zivilisatorischen Etappe der Menschheitsgeschichte einordnen, ähnlich wie wir heute die Stammesgruppen des Paläolithikums als Vorstufe der entwickelten technologisch Phase der Spezies betrachten.

Eines fernen oder vielleicht nicht allzu fernen Tages wird die gesellschaftliche Reproduktion der menschlichen Gesellschaften auf dem dritten Planeten nicht mehr von „zivilisierter Barbarei“, also von Privateigentum an Produktionsmitteln und der daraus resultierenden, von Konkurrenz und Ausbeutung geprägten, Überlebenskämpfe bestimmt sein.

Eines Tages wird eine regional organisierte, aber global funktionierende vernünftige Organisation des gemeinsamen Überlebens auf der begrenzten Ressource Erde den Alltag und das Zusammenleben der Spezies bestimmen. Eine geplante Ökonomie, die Raum lässt für individuelle Kreativität auch in unternehmerischer Hinsicht, wird nicht bloß utopische Träumerei weltfremder Idealisten sein, sondern Notwendigkeit und Erfordernis einer Spezies, die – wenn sie nicht den Schritt heraus aus der privatwirtschaftlich organisierten Frühphase der menschlichen Gesellschaft tut – die eigenen Überlebensgrundlagen zerstört.

Dass das kein Wunschtraum bleibt, sondern praktische Schritte in diese Richtung unternommen werden können – das ist das Anliegen der Kommunisten.

Geschichten die das Leben schrieb: Attraktivität als Begnadigungsgrund

Urlaubszeit ist Lesezeit. Während ich mir eine solide Mischung aus Fachliteratur und Belletristik mitgenommen habe, hat sich die Frau mit einem Berg Krimis ausgestattet, 19 Bücher insgesamt, die sie eins nach dem anderen weg liest.

Die Werke haben Titel wie „Die Tote am Meer“, „Die Leiche im Watt“, „Strandmord“ usw. und befassen sich samt und sonders mit den Leichenbergen, die offensichtlich an deutschen, dänischen und schwedischen Küsten ständig anfallen und die von wackeren, aber bindungsunfähigen Kriminalisten mit Alkoholproblemen im Laufe von 200 – 500 Seiten stets gelöst werden.

Nach zwei Wochen intensiver Leserei ist sie schon beim zwölften oder dreizehnten Buch angekommen. Ich biete ihr, mehr spaßhaft, an, sich an meinem Bücherstapel zu bedienen.

„Was hast du denn so?“ fragt sie. Ich antworte wahrheitsgemäß „Dies und das, von klassischer Literatur wie „Nathan der Weise“ von Lessing, einem Buch über Goethe in Weimar bis zu einem belletristisch aufgemachten KI-Sachbuch zweier chinesischer Autoren…“

„Oh nee, bloß nicht…“ lässt sie sich vernehmen und verdreht die Augen.

Ich erzähle ihr von Renate Dillmanns Buch, das ich gerade lese und beschreibe es so: „Richtig gutes Buch über Medien und Meinungsherstellung, eine echt kompakte und kenntnisreiche Zusammenfassung der Art und Weise, wie hierzulande der Regierungsstandpunkt verbindlich gemacht werden soll und wie abweichende Meinungen zensiert werden…im Grunde nichts, was ich nicht schon wüßte, aber in seiner Verdichtung und Übersicht sehr gut und sehr nützlich…“

„Das könnte ich tatsächlich auch mal lesen“, merkt die Liebste an. Für meinen letzten Satz allerdings ernte ich eine noch auffälligere Verdrehung der Augen. „Ja klar, du bist der Oberschlauberger, der alles schon weiß..“ bekomme ich zu hören. „Zum Glück bist du attraktiv, sonst wär‘ das nicht auszuhalten.“

„Naja, du kennst doch meine Auffassungen und meine kommunistischen Ansichten“ halte ich zu Gnaden. „Wenn ich jetzt hässlich wäre UND so schlaue Sachen sagen würde, dann würdest du dich trennen?“

„Ja, dann kämst du auf die Abschußliste!“ ist die klare Antwort.

Aber schon muss sie lachen und sagt: „Nee, ich weiß ja, dass du schlau bist, aber das hört sich manchmal so an, als ob du ALLES besser weißt…“

Ich verkneife mir eine Bemerkung wie „Was soll ich machen, so ist es eben“ oder „Was kann ich denn dafür, dass die meisten so dumm sind“ und stoße lieber mit ihr an auf die Tatsache, dass wir noch eine weitere glorreiche Urlaubswoche vor uns haben.

Geschichten die das Leben schrieb: Häuslicher Urlaubsdialog

Nach einem weiteren Tag am Meer, den ich gewohnheitsmäßig mit viel Lektüre, guter Musik und ausgiebiger Faulenzerei verbracht habe, begebe ich mich in die Küche der Ferienwohnung, wo die Frau bereits eine Flasche Grauburgunder aus dem Kühlfach holt.

Ich scrolle durch den Newsfeed der diversen Substack-, Telegram- Facebook- und X-Postings und stelle nach einer ersten oberflächlichen Einschätzung fest, dass sich an EINER unausweichlichen Tatsache nichts geändert hat:

Wir leben auf einem Strafplaneten, dessen Bewohner einem Abgrund kollektiver Idiotie entgegen taumeln, die das Zeug zu einer Tragödie nie gekannten Ausmaßes hat.

Soweit also alles wie immer.

Ich stelle das mobile Endgerät beiseite, lasse mich wie ein nasser Sack in den Küchenstuhl fallen und stoße einen Seufzer aus, der direkt der tiefsten Quelle meiner empfindsamen Ästhetenseele entspringt.

Die Frau fragt: „Was ist los?“

„Wo soll ich anfangen?“ antworte ich. „Soll ich mit dem Drama der menschlichen Existenz beginnen? Dem Abgrund des Irrsinns, der einem in dieser Welt ständig ins Gesicht schaut? Den Zuständen, die Menschen zu Sklaven der Verhältnisse machen ohne dass sie sich dessen bewusst sind? Du weißt doch, womit ich mich immer beschäftige und was mich so umtreibt…“

„Wir haben zu essen für die nächsten vier, fünf Tage!“ verkündet die Frau, die vor dem geöffneten Kühlschrank steht, als Antwort, und ich weiß mal wieder, wer der Stein an der Schnur des Luftballons meines Daseins ist und mich auf der Erde hält.

Darauf können wir anstoßen, und das tun wir auch.

Geschichten die das Leben schrieb: Es kommt immer alles anders als man denkt, oder auch nicht

Die Frau so, heute morgen, nachdem sie die Meldungen aus Teheran mitgekriegt hat: „Hoffentlich können wir unseren Urlaub noch antreten!“

Ich ärgere mich, das ich am gestrigen Donnerstag die Summe für einen Monat Ferienwohnung an der Ostsee überwiesen habe. Andrerseits: sollten die zionistischen Irren und ihre amerikanischen und europäischen Freunde tatsächlich nukleare Waffen einsetzen, wären ein paar Tausend verlorene Euro wohl das geringste unsere Probleme.


Angelo Guiliano (Italienisch-schweizerischer Journalist und Unternehmer, Hongkong):

„Israel ist die furchterregendste Nation der Welt.

Es begeht aktiv Völkermord, völlig unerschrocken – ohne zu zögern, ohne Angst vor den Folgen, ohne Rücksicht auf seinen ruinierten Ruf.

Stellen Sie sich nun Folgendes vor: Der Iran schlägt zurück und versetzt Israel einen schweren Schlag. Glauben Sie wirklich, dass dieses Regime auch nur eine Nanosekunde zögern würde, bevor es seine Atomwaffen einsetzt? Denken Sie gut darüber nach.

Dies ist ein Staat, der bewusst 2 Millionen wehrlose Zivilisten hungern lässt.
Welches Ausmaß an Vernichtung würde Ihrer Meinung nach auf den Iran niedergehen – einen Feind, der tatsächlich zurückschlagen kann?

Wenn sich die Lage weiter zuspitzt, steuern wir geradewegs auf einen Atomkrieg zu. Und die Allianz zwischen den USA und Israel wird die Zündschnur anzünden und sich dabei hinter ihren üblichen Lügen über eine „iranische Bedrohung” verstecken.“