Geschichten die das Leben schrieb: Häuslicher Hitzedialog 

Die Frau sitzt im heimischen Home-Office vor ihren finanzkapitalistischen Tabellen, Wichtig-Wichtig-Emails und -Videokonferenzen und sonstigen Zahlenakrobatikaufgaben, die ihre Tätigkeit als Controllerin so mit sich bringt; ich lungere auf dem Bett und döse zwischen gelegentlichen Checks von Weltmeisterschafts- und Weltkriegsinfo immer wieder ein. In unserer Dachwohnung ist es solide 28 Grad warm und außer gelegentlichen Gängen zum Klo oder zum Kühlschrank besteht keine Veranlassung, sich zu bewegen.

Wir sind beide von der Lohnarbeit ausgelaugt, erst recht unter den Umständen der derzeitigen Hitzewelle, und mehr als urlaubsreif. Urlaub allerdings muss in einer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft teuer bezahlt werden, steht also nicht jedem als planbare Regenerationsoption zur Verfügung. 

„Wir müssen bis Monatsende das Geld für den Urlaub überweisen!“ ruft die Frau überflüssigerweise aus ihrer Schaltzentrale im Arbeitszimmer, denn der Termin dieser bedrohlich näherrückenden Deadline ist mir natürlich bekannt. Das Problem ist, dass das für diese Zahlung veranschlagte Geld, ein mehrfach vierstelliger Betrag, erstmal in Form der jährlichen Lohnsteuerrückzahlung auf unser Konto eingehen muss. 

Ein Anruf bei der IDL ist fällig. Dieser verdienstvolle Verein – die „Interessengemeinschaft der Lohnsteuerzahler NRW e.V.“ – wirft uns den jährlichen Rettungsring in das Haifischbecken des örtlichen Finanzamtes. Das Telefonat ergibt, dass man zwar die Unterlagen an das Finanzamt übergeben hat, allerdings weiß keiner, wie schnell dort gearbeitet wird und wann der Bescheid kommt. Der freundliche Mitarbeiter der Düsseldorfer IDL bietet jedoch an, im Finanzamt anzurufen („Lassen Sie mich das machen, ich hab da andere Möglichkeiten und spreche deren Sprache!“) und mir bis morgen den Stand der Dinge mitzuteilen – sofern er etwas rauskriegt.

Ich teile der Liebsten die Sachlage mit. Eine Controllerin schaut auf Kontostände und Zahlungsziele natürlich nicht wie das Kaninchen auf die Schlange, sondern leitet aus dem Stand schadensbegrenzende Maßnahmen ein. „Dann muß ich eben im schlimmsten Fall mein Konto überziehen, wenn das Steuergeld nicht rechtzeitig da ist“ konstatiert sie, und fügt an: „Also, ich buche keinen Urlaub mehr, bei all den Kosten, die jetzt überall anfallen! Ich genieße diesen Urlaub noch; aber das war‘s dann, für nächstes Jahr buchen wir da nichts mehr!“

Der Wechsel vom „Ich“ zum „Wir“ verdeutlicht, dass hier die Richtlinien der Fiskalpolitik für die gesamte gemeinsame Haushaltskasse abgesteckt werden. „Wir können dann ja mal zwei Wochen spontan irgendwo hinfahren, aber ein ganzer Monat Ostsee ist nicht mehr!“

Dann entdeckt sie mal wieder ein weiteres bisher ungenutztes Sparpotential: das Auto! „Das Auto ist ein Faß ohne Boden! Das kostet alleine an Versicherung über tausend Euro im Jahr!“ Ich sage lieber nichts; ich will ungern auf den Komfort des Pendelns mit dem eigenen Kfz verzichten, schaue aber vorsichtshalber auf rheinbahn.de schon mal nach den Verbindungen von zuhause zur Arbeit. Die Fahrplanauskunft bestätigt meine Befürchtungen: mit öffentlichen Verkehrsmitteln verlängert sich mein (einfacher) Arbeitsweg von zwanzig Minuten auf eine dreiviertel bis zu anderthalb Stunden – je nach Verbindung.

Ich spiele den Desinteressierten und bitte die Frau „Bring mir mal bitte so ein grünes Aloe-Getränk aus dem Kühlschrank!“. Sie holt es, bringt es mir ans Bett und kommentiert: „Das wird auch abgeschafft. Du bist im Unterhalt zu teuer. Du kriegst ab jetzt Leitungswasser zu trinken!“

Der fidele Spruch signalisiert mir, dass die Gelddramatik der Liebsten mitnichten den Humor verdorben hat. Und richtig: „Ich geh mal zu den Schwulen und besorge mir eine neue Körpercreme. Das brauch‘ ich jetzt, noch all den nervigen Geldsachen!“ „Die Schwulen“ sind die sympathischen und offen homosexuellen Betreiber der Parfümerie an der Ecke. Im Unterschied zum betont seriösen Inhaber der luxuriösen Teuer-Parfümerie an der ANDEREN Ecke (bei dem die Frau natürlich auch Stammkundin ist) führen sie ihr Business betont smart und zeitgemäß, streamen Kosmetik-Tips auf Instagram oder Facebook und sind insgesamt eine andere Generation von Geschäftsleuten.

„Bleib am besten auf dem Bett liegen und rühr dich nicht weg, da kannst du am wenigsten Schaden anrichten!“ zwitschert die merkwürdigerweise bestens gelaunte Gattin. „Ich geh jetzt spazieren und komm vielleicht nicht wieder!“

Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen und entgegne: „Alles klar, mach‘s gut! Sorg‘ bitte dafür, dass die Miete weiter überwiesen wird. Ich nehme mir dann eine Jüngere!“

Die Frau: „Haha. Meinst du, du kriegst noch eine ab?“

Ich: „Was denkst du denn? An jedem Finger fünf, wenn ich wollte…!“

Sie: „Ja? Wen denn? So Achtzigjährige, aus deinem Heim?“

Damit ist die Sache geklärt. – ich will gar keine andere, solange ich so offensichtlich die Richtige abgekriegt habe.

Lass uns auf die Reise gehen, andres Land zu suchen

Ferien auf Kreuzfahrtschiffen 
erträgt man nur mit Dauerkiffen

Das Mittelmeer, so hör ich klagen,
lässt sich nur noch mit Hasch ertragen

Auch raucht man beim alpinen Wandern
einen Grass-Joint nach dem andern

Der Badeurlaub an der See
erfordert Speed und LSD

Du musst nach Köln oder Berlin?
Dann hilft dir höchstens Mescalin

Bretagne oder Normandie:
Nicht ohne reichlich Ecstasy!

Der Nordmann bleibt in seiner Kate,
denn er bevorzugt Opiate.

Die vier Meere

Die Nordsee ist ein wildes Wasser. 
Ihre Fluten sind viel nasser 
als die der Ostsee beispielsweise: 
die ist dagegen lahm und leise.

Und erst die Südsee! Faul und stumm
plätschert sie in den Tropen rum.
All diese Meere kennt man bestens. 
Doch was ist mit der See des Westen?

Die Westsee wird gern totgeschwiegen
und das kann nur an einem liegen:
Im Gegensatz zu and‘ren Meeren 
Liegt sie im vagen Ungefähren.

Dort wo, weit hinterm Horizont
(und auch davor) das Rätsel wohnt,
das letzte Wort, der Grund des Seins,
wo aufgehoben „deins“ und „meins“,
wo schaurig-tief der Abgrund gähnt
und ewig-still die Leere stiert –
drum wird die Westsee ignoriert,
verleugnet, nirgendwo erwähnt.

Jetzt wisst ihr es. Doch wisst ihr NICHTS!
Das ist der Zweck dieses Gedichts.

Geschichten die das Leben schrieb: Attraktivität als Begnadigungsgrund

Urlaubszeit ist Lesezeit. Während ich mir eine solide Mischung aus Fachliteratur und Belletristik mitgenommen habe, hat sich die Frau mit einem Berg Krimis ausgestattet, 19 Bücher insgesamt, die sie eins nach dem anderen weg liest.

Die Werke haben Titel wie „Die Tote am Meer“, „Die Leiche im Watt“, „Strandmord“ usw. und befassen sich samt und sonders mit den Leichenbergen, die offensichtlich an deutschen, dänischen und schwedischen Küsten ständig anfallen und die von wackeren, aber bindungsunfähigen Kriminalisten mit Alkoholproblemen im Laufe von 200 – 500 Seiten stets gelöst werden.

Nach zwei Wochen intensiver Leserei ist sie schon beim zwölften oder dreizehnten Buch angekommen. Ich biete ihr, mehr spaßhaft, an, sich an meinem Bücherstapel zu bedienen.

„Was hast du denn so?“ fragt sie. Ich antworte wahrheitsgemäß „Dies und das, von klassischer Literatur wie „Nathan der Weise“ von Lessing, einem Buch über Goethe in Weimar bis zu einem belletristisch aufgemachten KI-Sachbuch zweier chinesischer Autoren…“

„Oh nee, bloß nicht…“ lässt sie sich vernehmen und verdreht die Augen.

Ich erzähle ihr von Renate Dillmanns Buch, das ich gerade lese und beschreibe es so: „Richtig gutes Buch über Medien und Meinungsherstellung, eine echt kompakte und kenntnisreiche Zusammenfassung der Art und Weise, wie hierzulande der Regierungsstandpunkt verbindlich gemacht werden soll und wie abweichende Meinungen zensiert werden…im Grunde nichts, was ich nicht schon wüßte, aber in seiner Verdichtung und Übersicht sehr gut und sehr nützlich…“

„Das könnte ich tatsächlich auch mal lesen“, merkt die Liebste an. Für meinen letzten Satz allerdings ernte ich eine noch auffälligere Verdrehung der Augen. „Ja klar, du bist der Oberschlauberger, der alles schon weiß..“ bekomme ich zu hören. „Zum Glück bist du attraktiv, sonst wär‘ das nicht auszuhalten.“

„Naja, du kennst doch meine Auffassungen und meine kommunistischen Ansichten“ halte ich zu Gnaden. „Wenn ich jetzt hässlich wäre UND so schlaue Sachen sagen würde, dann würdest du dich trennen?“

„Ja, dann kämst du auf die Abschußliste!“ ist die klare Antwort.

Aber schon muss sie lachen und sagt: „Nee, ich weiß ja, dass du schlau bist, aber das hört sich manchmal so an, als ob du ALLES besser weißt…“

Ich verkneife mir eine Bemerkung wie „Was soll ich machen, so ist es eben“ oder „Was kann ich denn dafür, dass die meisten so dumm sind“ und stoße lieber mit ihr an auf die Tatsache, dass wir noch eine weitere glorreiche Urlaubswoche vor uns haben.

Verpasste Erleuchtung

Man hat rein gar nichts in der Hand
in diesem kurzen Leben.
Doch sitzt du mal am Ostseestrand,
den treuen Hund daneben,

strömt dir in jede Ader
ein jenseitiger Frieden.
Gestillt ist aller Hader
mit dem Betrieb hienieden.

Schon wähnst du dich im Einklang
mit Gott, Natur und Welt –
bis dass der Hund auf Möwenfang
sehr laut und kräftig bellt.