Im Norden löpt dat

Auch im Norden müssen die Leute sich versorgen, und das macht man in Schönberg am besten bei Familie Zupkes REWE oder natürlich bei ALDI NORD, außer man hat Geld genug und geht zum Edel-Edeka hinterm „Penny“.

Der einheimische Nordmann und seine Nordfrau kaufen hier ein, oft begleitet von den gemeinsam gezeugten Nordkindern. Ebenso zahlreiche Touristen, die kistenweise „Flensburger Pils“ aus der REWE-Getränkeabteilung abschleppen und im ALDI den legendären und günstigen Deichkäse und viele andere gute Dinge erstehen, die es nur im Nord-Aldi gibt.

Auffällig ist, dass unglaublich viele Leute – Einheimische wie Touristen – massiv übergewichtig sind, teilweise schon die Kinder. Auch scheint es mittlerweile ein ungeschriebenes Gesetz für Menschen unter vierzig zu geben, das mindestens Oberarm- Tätowierungen vorschreibt.

Gekleidet ist die überwiegende Mehrheit der Besucher dieses hervorragenden Einkaufszentrums anscheinend mit der schlichten, aber sehr preiswerten Mode von STOLZ, dem „Kaufhaus des Nordens“. T-Shirts für 3 Euro, Windjacken für 15 Euro, Jeans ab 20 Euro gehen weg wie geschnitten Brot, wahrscheinlich auch deshalb, weil die Auswahl an großen und Übergrößen sehr reichlich ist.

Über allem schwebt und zirkuliert der wunderbare Klang des nordischen Singsangs, manchmal auch Platt, der die Seele labt und das Herz erfrischt: „Noch‘n büschen mehr?“, wird man an der Wurst- und Käsetheke gefragt, und man weiß: im Norden löpt dat.

Geschichten die das Leben schrieb: Häuslicher Urlaubsdialog

Nach einem weiteren Tag am Meer, den ich gewohnheitsmäßig mit viel Lektüre, guter Musik und ausgiebiger Faulenzerei verbracht habe, begebe ich mich in die Küche der Ferienwohnung, wo die Frau bereits eine Flasche Grauburgunder aus dem Kühlfach holt.

Ich scrolle durch den Newsfeed der diversen Substack-, Telegram- Facebook- und X-Postings und stelle nach einer ersten oberflächlichen Einschätzung fest, dass sich an EINER unausweichlichen Tatsache nichts geändert hat:

Wir leben auf einem Strafplaneten, dessen Bewohner einem Abgrund kollektiver Idiotie entgegen taumeln, die das Zeug zu einer Tragödie nie gekannten Ausmaßes hat.

Soweit also alles wie immer.

Ich stelle das mobile Endgerät beiseite, lasse mich wie ein nasser Sack in den Küchenstuhl fallen und stoße einen Seufzer aus, der direkt der tiefsten Quelle meiner empfindsamen Ästhetenseele entspringt.

Die Frau fragt: „Was ist los?“

„Wo soll ich anfangen?“ antworte ich. „Soll ich mit dem Drama der menschlichen Existenz beginnen? Dem Abgrund des Irrsinns, der einem in dieser Welt ständig ins Gesicht schaut? Den Zuständen, die Menschen zu Sklaven der Verhältnisse machen ohne dass sie sich dessen bewusst sind? Du weißt doch, womit ich mich immer beschäftige und was mich so umtreibt…“

„Wir haben zu essen für die nächsten vier, fünf Tage!“ verkündet die Frau, die vor dem geöffneten Kühlschrank steht, als Antwort, und ich weiß mal wieder, wer der Stein an der Schnur des Luftballons meines Daseins ist und mich auf der Erde hält.

Darauf können wir anstoßen, und das tun wir auch.

Vorfreude

Der Juli geht zum Glück zu Ende,
der Lohnarbeiter reist behende
am ersten Tag schon vom August
ins Mekka seiner größten Lust:

Zum Ostseestrand, wo Fischer Kruse
in seiner blau gestreiften Bluse
dem Fisch seine Bestimmung schenkt,
ihn zwischen Brötchenhälften zwängt,

um ihn dann mir und meinesgleichen
aus seiner Bude zuzureichen.
Wer dies nicht schätzt, der ist gewiß
kein Kenner (und kein Kommunist!).

Geschichten die das Leben schrieb: Schreck in der Abendstunde

Abendrunde mit dem Hund: Wir treten aus dem Gartentor der Ferienwohnung, um zum Strand zu gehen, da kommt uns eine Gruppe von acht bis zehn merkwürdig wirkender Menschen entgegen: alle völlig un-urlaubsmäßig städtisch gekleidet, in den betont lässigen, aber höchstens durch ein weißes Hemd unterbrochenen dunklen förmlichen Outfits, in die junge urbane Erfolgsmenschen sich kleiden, um sich selbst und der Umwelt zu signalisieren, dass sie in all ihrer karrieremäßigen Angepasstheit ganz viel „Individualität“ besitzen. Einige tragen wichtige Aktentaschen, Laptop cases und Klemmbretter mit sich.

Macht die Kreissparkasse einen Betriebsausflug? Sind die Mitarbeiter der lokalen Gemeindeverwaltung auf Inspektionstour?

Nicht ganz. In der Mitte der an diesem Ort völlig deplatziert wirkenden Truppe läuft niemand anders als Corona-Karlchen, der Bundesminister für Klinikschließung und Pharmakapitalprofite. Offensichtlich kommt er samt Entourage aus der direkt neben unserer FeWo gelegenen „Barkasse“, dem besten (hauptsächlich Fisch-)Restaurant am Platz.

Man bleibt noch nicht mal im Urlaub von diesen Figuren verschont! Sowas wie Mietminderung kann ich wohl beim Ferienhausvermieter nicht geltend machen, oder?

Linguistische Urlaubserkenntnis: „Ick heff mol en Hamborger platt schnacken hör‘n…“

„Steife Brise und Achternwind
Macht’n krusen Büdel und’n lütten Pint“

Als ich mit 12 Jahren aus meiner Hamburger Proletenumgebung nach Südhessen verpflanzt wurde (Jobwechsel des Vaters), wurde ich von den neuen Mitschülern ausgelacht wegen meines hamburgischen Tonfalls. (Überflüssig zu erwähnen, dass ich mir das blitzschnell abgewöhnt habe, bis hin zu der selbstverleugnenden Lächerlichkeit, mich des südhessischen Hobbit-Dialektes – „Ei horschemol“ – zu bedienen).

Über fünfzig Jahre später ist es eine der angenehmsten Erfahrungen des Urlaubs, hier oben im Norden den vertrauten norddeutschen Singsang zu hören – und zu sprechen, weil ich wie automatisch in dieselbe Mundart verfalle, wenn ich sie um mich herum höre.

Ich vermute, in den Fischbrötchen ist eine Substanz enthalten, die bei gebürtigen Norddeutschen die dialektmäßigen Wurzeln reaktiviert. Ja, das wird’s sein.