Geschichten die das Leben schrieb: Der Extremismus der Mitte – die mentale Mobilmachung ist bei den Gassirunden angelangt


Seit über einem Jahr bin ich bei den Spaziergängen mit meinem Hund ein bis zweimal die Woche in Begleitung seines besten Kumpels und dessen Halterin.

Die beiden Hunde hatten sich am Rhein kennen gelernt, und der liebenswerte hyperaktive schwarze Mops war sofort von meinem Zottelhippiehund so begeistert, dass er überhaupt nicht mehr von ihm lassen wollte.

Seitdem sind die beiden dickste Freunde, best buddies, zwei wie Pech und Schwefel, und es ist rührend und witzig, sie zusammen umherstrolchen und Abenteuer bestehen zu sehen.

Die Halterin des Kumpels ist eine wohlbestallte Oberkasseler Bürgerin: kultiviert, gebildet, eloquent, kunstsinnig, überdies auch noch schlank, gut aussehend und angetan mit jenen Kleidungsstücken der Frauen der gehobenen Mittel- bis Oberschicht, denen man das teure Understatement ansieht. 

Sie könnte vom Alter her meine Tochter sein und hat sich auf den gemeinsamen Gassirunden als angenehme Gesprächspartnerin mit einem sympathischen Sinn für Humor und Absurdität erwiesen. Unsere Gespräche drehten sich im Wesentlichen um Hunde – und um Hochbetagte, nämlich um ihre ca. 70km entfernt lebende Oma, um deren Angelegenheiten sie sich kümmert und die sie regelmäßig besucht, sowie um meine Schützlinge im Pflegeheim. 

Wenn wir mal – selten genug – das Politische streiften, war schnell zu merken, dass jede Abweichung vom amtlich und mainstreammedial kolportierten Narrativ über die Verhältnisse auf der Welt meine Begleiterin stutzig machte und sie zu verunsichern schien – eine Reaktion, die irgendwie nicht passte zu dem Bild der aufgeschlossenen, intellektuell beweglichen Frau von Welt, das sie erkennbar zu vermitteln bemüht war. 

Ich führte dies zurück auf einen Umstand, mit dem sie mich eine Weile nach Beginn unserer gemeinsamen Hunderunden bekannt gemacht hatte: ihre gesundheitliche Gesamtsituation ist von der Art, die selbst schicksalsgeprüfte ältere Menschen nicht ohne weiteres wegstecken. Sie aber ließ sich nichts davon anmerken, erwähnte nur gelegentlich, wieviel Kraft sie ihr Alltag kostete und wieviel Mühe sie sich geben müsse, den Eindruck funktionierender Normalität zu erwecken. Jedenfalls war klar, dass meine Hunderundenpartnerin ein Päckchen tragen musste, das es in sich hatte.

Für mich erklärte sich damit auch der etwas ambivalente Eindruck, den sie, vor allem in der Kommunikation, auf mich machte: nämlich den einer Person, die aufgrund äußerst labiler und instabiler Gesundheit sich umso rigidere („stabilere“, wenn man so will) Überzeugungen oder innere Haltungen zugelegt hat – vielleicht aus der subjektiv verspürten Notwendigkeit, ohne eine solche Haltung schnell von ihren diversen gesundheitlichen Problemen und Einschränkungen überrollt zu werden. Meine Liebste, die meine Gassibegleiterin kennengelernt hatte, gelegentlich mit ihr smalltalkte und sie sympathisch fand, brachte diesen Eindruck wie folgt auf den Punkt: „Die ist ja echt nett, die Francis*, aber die ist bestimmt auch ganz schön schwierig und anstrengend!“.

* Name geändert

Vergangenen Dienstag nun gingen wir wie üblich eine ausgiebige Runde am Rhein mit unseren beiden Vierbeinern, besuchten noch zusammen den Wochenmarkt und verabschiedeten uns mit den Worten „Bis übermorgen!“. 

Am Tag danach erhielt ich abends folgende WhatsApp-Nachricht von ihr: 

„Hallo Kay,

ich habe in den letzten Tagen viel über unsere Gespräche und den Kontakt nachgedacht. Mir ist dabei klar geworden, dass unsere politischen Ansichten einfach zu unterschiedlich sind und mich das zunehmend belastet. Vor allem deine Haltung in politischen Themen, sowohl was den Nahostkonflikt betrifft als auch deine Sichtweise auf Putin, ist für mich ehrlich gesagt grenzwertig und nicht vereinbar mit meinen Werten.

Ich merke, dass ich mich so nicht mehr wohlfühle, auch weil du deine Haltung sehr offen nach außen zeigst. Es tut mir wirklich leid, auch im Hinblick auf die Hunde, aber ich habe für mich entschieden, den Kontakt zu beenden. Ich respektiere, dass du deine Meinung hast, aber ich kann und möchte sie für mich so nicht mittragen oder weiterhin in dieser Spannung stehen.

Ich wünsche dir trotzdem alles Gute und hoffe, du nimmst mir die Entscheidung nicht übel.“

Was war passiert? Die Anzahl der Erwähnungen irgendwelcher im weitesten Sinne „politischen“ Sachverhalte auf den gemeinsamen Hunderunden lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Über den russischen Präsidenten mag ich bei Gelegenheit gesagt haben, dass es ihm zu verdanken ist, wenn Europa bisher noch keine umfassende Kriegszone ist. Der israelische Völkermord in Palästina war meiner Erinnerung nach nie Thema, allerdings trage ich einen Anstecker mit der palästinensischen Flagge an meiner Jacke.

Andrerseits mache ich natürlich aus meinem Herzen keine Mördergrube, wenn es um Eigentumsfrage und Klassengesellschaft geht. So erinnere ich mich, in einem Gespräch über dubiose Nebenkosten-Nachzahlungen erwähnt zu haben, dass in meiner Sicht niemand mehr Wohnraum besitzen sollte, als er selber nutzen könnte. Ich weiß noch, dass meine Begleiterin mit der Aura erkennbarer Missbilligung reagierte, auch wenn sie nichts dazu sagte. Später fiel mir ein, dass sie und ihr vermögender Gatte nicht nur eine schicke Eigentumswohnung in unserem Edelviertel bewohnen, sondern eine weitere in der Nähe besitzen, die sie vermietet haben. 

All das aber erklärte für mich noch nicht die selbstauferlegte plötzliche Kontaktsperre. Meine Vermutung: sie hat im Internet, in dem ich zahllose Spuren staats- und imperialismuskritischer Art hinterlassen habe, Dinge von mir oder über mich gefunden, die – wie sie so unnachahmlich formuliert – „nicht mit ihren Werten vereinbar sind“. Möglicherweise Berichte über den Strafprozess wegen „Befürwortung eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges (der gängige Euphemismus der imperialistischen Ideologen für den Stellvertreterkrieg ihres Kiewer Regimes gegen Russland), den die kriegführende Staatsmacht aufgrund einer Denunziation gegen mich anstrengt hatte – und verlor. Das würde den Hinweis auf „Putin“ erklären. Aber der „Nahostkonflikt“ (auch schon wieder so ein schönes Wording, mit dem ethnische Säuberung und  Genozid an der einheimische Bevölkerung des okkupierten Landstriches durch eine von jeder Rücksichtnahme befreite Besatzungsmacht als irgendwie unverständliche Rempelei zweier rauflustiger Rabauken dargestellt wird)? Dieses Thema wurde meines Wissens nach nie in unseren Unterhaltungen erwähnt.

Woher der überraschende Kontaktabbruch kommt, ist letztlich auch egal. Zwei Aspekte scheinen mir zu seinem Verständnis erwähnenswert:

Einmal die psychische Anspannung, in die sich meine Hunderundenbegleiterin durch das bloße Wissen (oder den Verdacht) versetzt sieht, dass es sich bei meinen „politischen Ansichten“, die ich auch noch „sehr offen nach außen zeige“ um einen Fall von Putinismus oder „Antisemitismus“ handelt. Sie schreibt von „zunehmender Belastung“ und dass sie nicht „weiterhin in dieser Spannung stehen“ möchte. Das ist die subjektiv „reale“ Seite, also die negativen Gemütszustände, die in manchen Zeitgenossen durch die Konfrontation mit als „grenzwertig“ definierten Standpunkten ausgelöst werden – und die das betreffende Individuum instinktiv, so wie jede andere negative Emotion, vermeiden und abblocken will.

Zum zweiten scheint mir dieses Verhalten symptomatisch für das geistige Klima der totalen mentalen Mobilmachung hierzulande. Konträre Standpunkt, abweichende Meinungen, Einspruch, Widerspruch, Dissens werden nicht als Gelegenheit zur Diskussion gesehen, vielleicht sogar begrüßt als Ausgangspunkt faktischer Ergründung eines Sachverhaltes. Nein, sie werden als GEFAHR betrachtet und ausgegrenzt, ohne auf ihren Inhalt auch nur einzugehen.

Dieses Muster zieht sich durch alle öffentlichen (und in ihrem Gefolge auch privaten) Debatten in einer Gesellschaft, die nach dem Willen der Regierenden und den hinter diesen stehenden Eliten für den kommenden Krieg gegen Russland ertüchtigt und willig gemacht wird.

Es wird nicht mehr diskutiert, es wird befohlen. Widerspruch wird ausgegrenzt und bestraft, sofern er staatlichen Stellen auffällt. Im privaten Bereich bleibt es (noch) bei der Ausgrenzung. 

Wenn einmal der Luftzug der Realität in ihre wohl geordnete Welt von Besitz und Privilegien dringt, stecken bürgerliche Gemüter schnell die gut frisierten Köpfe in den Sand ihrer Ideologie (die sie niemals so nennen würde, denn Ideologen sind für sie immer nur die Kritiker der als „gegeben“ empfundenen Verhältnisse, in denen sie sich so komfortabel eingerichtet haben). 

Kann man ihnen das vorwerfen? Kann man, macht aber wenig Sinn. Dass jeder Insasse eines kapitalistisch geführten Staatswesens immerzu versuchen muss, in den vorgefundenen Umständen zurechtzukommen, ist nunmal so. Dass die inhärente Inhumanität und Verlogenheit einer Welt, in der die Armut der vielen die Bedingung des Reichtums der wenigen ist, leichter zu ertragen ist, wenn man sich lauter gute Gründe dafür zurechtlegt oder einleuchten lässt, ist auch verständlich. Intelligent ist es nicht. 

Man versteht das Schutzbedürfnis des individuellen Verstandes vor dem ungeheuren Zynismus, vor der rücksichtslosen Brutalität der privatwirtschaftlich eingerichteten Welt. Heute, 2025, scheinen alle selbst im westlichen Kapitalismus bisher geltenden Gesetze einer im Sinne der Besitzenden geordneten politischen Ökonomie dort außer Kraft gesetzt, wo sie für die Herren der Welt keinen Vorteil versprechen oder deren Zielen im Weg stehen: Erpressung, Korruption, schrankenlose Gewalt, extralegale Morde, staatlich erlaubte und gedeckte Serienvergewaltigungen, Folter, Kriege, Genozid: die „Shining City on the Hill“, der Hort der Freiheit und westlichen Liberalität – ob in Washington oder London, ob in Berlin oder Jerusalem, in Kiew oder Paris – hat sich in eine dystopische Zone von Terror, Überwachung, Verfolgung und Lüge verwandelt. 

Gleichzeitig wird die Transformation zur technokratischen Diktatur, die prä-diktatorische Herrschaftsform, in der sich die westlichen Demokratien momentan befinden, begründet mit dem Schutz der Freiheiten, die gerade sukzessive abgeschafft werden. “Unsere westliche Lebensweise”, die „von Putin bedroht“ wird, wie die westlichen Machthaber nicht müde werden zu verkünden, wird verstanden als (und reduziert auf) die Machtsicherung der globalistischen Eliten, der Oligarchie und ihrer ideologischen Hofprediger. 

Die von Sonntagsrednern und Kriegstüchtigkeitstrommlern beschworenen Vorzüge dieser Lebensweise jedoch, sofern sie für die normalen Bürger der westlichen Konkurrenzgesellschaften relevant sind (funktionierende Infrastruktur, bezahlbarer Wohnraum, gutes Bildungs- und Gesundheitssystem, Löhne von denen man leben kann…) gibt es nicht mehr oder sie schwinden schnell dahin.

Man kann die Hilflosigkeit nachvollziehen, die der Einzelne angesichts  dieser deprimierenden Zustände empfindet. Vermutlich kennt sie jeder von sich selbst. Vermischt sich diese Hilflosigkeit mit dem Gefühl, in die Enge gedrängt zu sein, bedroht zu werden vom Verlust der bisher gewohnten Lebensweise (und das heißt vor allem: der gewohnten Einkommensgrundlage, sofern diese ausreichend genug ist für ein gutes Leben) – dann wird‘s oft häßlich. Schnell ist dann menschlicher Anstand, Freundlichkeit, Verständnis für andere Sichtweisen, Einfühlungsvermögen, schnell sind die zwischenmenschlichen Umgangsformen, die gesellschaftliches Miteinander einfacher machen (wenn nicht erst ermöglichen) vergessen. 

Der „Extremismus der Mitte“, die Radikalisierung der selbsternannten amtlichen Demokratieschützer, die die Demokratie verteidigen wollen, indem sie sie sukzessive abbauen, ist zwar noch nicht mal (mehr) „die Mitte“, die er zu sein beansprucht (so wie die „Volksparteien“ längst keine solchen mehr sind), er behauptet aber von sich, die Mehrheitsgesellschaft zu repräsentieren (rein legalistisch gesehen, ausweislich des Ergebnisses der letzten Bundestagswahl, stimmt das sogar). Die unerbittliche Verschärfung der Zensurgesetze, die Aushöhlung der bürgerlichen Freiheiten, die Verfolgung von Kritik, das ganze politische Walten von moralisch selbstgerechten staatlichen Tugendwächtern (einer Tugend, die sie selbst definieren und bei deren Durchsetzung sie sich zu Anklägern, Richtern und Vollstreckern in einem machen) kennzeichnet diesen Extremismus, der sich in machtbewußtem Selbstbetrug als Bollwerk gegen Extremismus sieht. 

Ausgrenzung sagt jedenfalls immer mehr über den Ausgrenzenden als über die ausgegrenzte Sichtweise oder Person. Im privaten Bereich ist so etwas verletzend, aber verkraftbar. Im öffentlichen Bereich  kann es im Extremfall tödlich sein. Der Schritt vom privaten zum öffentlichen Bereich ist ein sehr kleiner: die Feedbackschleife des staatlich erwünschten Feindbilddenkens bestätigt immer wieder die bestehenden (Vor-)Urteile der entsprechend propagandisierten Individuen, und wenn diese Individuen Ämter und Positionen innehaben, die ihnen die Macht geben, das als störend empfundene Denken auszugrenzen, dann Gute Nacht. 

Sie machen es ja bereits: 

Das „Deine Haltung in politischen Themen (…) ist für mich (…) grenzwertig und nicht vereinbar mit meinen Werten“ meiner Hundegassi-Freundin ist ja bereits offizielle Politik der Staatsmacht. Nach innen mit Polizei und Justiz, nach außen mit Rüstung und Krieg (vorerst noch durch Stellverteterarmeen, demnächst wohl durch die Bundeswehrmacht selber) machen die Machthaber in Berlin und Brüssel klar, dass und wie sehr ihre „Werte“ unvereinbar sind mit Kriegsgegnern und jeglicher fundamentaler Kritik an ihrer Herrschaft.