Es war alles ein Irrtum!

Mein ganzer Berufsweg in diesem Leben war, vom Ende her betrachtet, dann doch ein ziemliches Chaos. Deswegen habe ich mich jetzt zu guter Letzt doch noch entschlossen, zurück zur „Zürich“ zu gehen, um dort in die Fußstapfen meines Vaters zu treten und Vorstand zu werden.

Es soll dort die Position des Frühstücksdirektors frei geworden sein und ich denke, ich qualifiziere mich aufs Hervorragendste dafür!

Man hat mir versichert, dass das Anforderungssprofil auch durch meinen KI-Avatar zu erfüllen sei und dass es ausreiche, wenn dieser einmal im Quartal die Qualität der Croissants in der Zürich-Cafeteria überprüfe!

Als erste Maßnhame werde ich eine neue Versicherung, einen Rundum-Schutz gegen Dummheit und Kriegslust anschieben. Das neue Produkt soll eine glorreiche Zukunft für alle Menschen garantieren und wird – soweit die bisherigen Absprachen mit der BaFin (Bundesaufsichtsbehörde für das Finanzwesen) – eine Pflichtversicherung, ähnlich der KfZ-Haftpflicht und der Krankenversicherung werden.

Geschichten, die das Leben schrieb: ein mediales Selbstexperiment

Heute habe ich zum ersten Mal seit – gefühlt – Jahren die „Tagesthemen“ der ARD gesehen. Meine Liebste schaut sich diese oder vergleichbare „Nachrichtensendungen“ fast jeden Tag an, oft sogar mehrfach. Ich hatte seit einigen Tagen krankheitsbedingt nichts mehr essen können und verspürte heute erstmalig wieder ein bißchen Appetit, so dass ich mir ein trockenes Brot mit Olivenöl beträufelte und mich gesellig zur Frau aufs Sofa verfügen wollte.

Mit der Bemerkung „Mach mal laut, ich will auch mal ‚tagesthemen‘ gucken!“, setze ich mich zu ihr (sie guckt aus Rücksicht auf mich immer mit Kopfhörern Fernsehen). „Nee, ich mach nicht laut, dann muss ich mir deine Kommentare anhören!“ kriege ich zur Antwort. 

Dem hab ich wenig entgegenzusetzen, denn ob ich es schaffe, mir 30 Minuten die merkwürdige Mischung aus Heile Welt, Sportnachrichten, Wetterbericht und Kriegspropaganda anzusehen, die in solchen „Nachrichten“-Sendungen zusammengerührt wird, ist wirklich äußerst zweifelhaft. 

Weise und beziehungserfahren wie ich nun mal bin, trolle ich mich wieder aufs Bett und überlege, aus lauter Jux und Dollerei mir doch mal zu Gemüte zu führen, womit meine bei weitem bessere Hälfte sich Tag für Tag berieselt. Nach kurzem Nachdenken ist die Entscheidung gefallen: Ich werde es tun. Ich werde mir persönlich und eigenäugig, unter Missachtung aller Konventionen mentaler Hygiene und psychischer Balance, die „Tagesthemen“ anschauen!

Wie werde ich es verkraften? Wird ein solches Experiment meinen ohnehin angeschlagenen Gesundheitszustand nicht endgültig in lethale Bereiche versetzen? Ich bin risikofreudig genug um es dennoch zu versuchen, denn ich sage mir „Millionen von Menschen sehen sich das Zeug an und überstehen es auch irgendwie! Sei keine Memme und gib es dir! Augen auf und durch!!“

Gedacht, getan. Die ARD-App auf dem iPad hat einen „Live-TV“-Bereich, soeben hat die Sendung begonnen, ein Moderator namens Ingo Zappelphilipp oder so steht in einem grauen Anzug mit Hochwasserhosen vor einem gebogenen Riesenbildschirm und berichtet von einem Holocaust-Gedenken im Bundestag. Ich ahne Fürchterliches. Und richtig: Gezeigt wird die politische Elite der BRD, die Amtsträger und Abgeordneten, die in der Ukraine echten Faschisten zur Macht verholfen haben und deren Stellvertreterkrieg gegen Russland ausrüsten und finanzieren. Also die politische Klasse, die sich nicht daran stört, dass ukrainische Nazis mit SS- und Hakenkreuztattoos sich beim Russenmorden auf ihre historischen und ideologischen deutschen Vorbilder beziehen.

Die politischen Charaktermasken werden mit ernsten, schwerste Betroffenheit signalisierenden Gesichtsausdrücken gezeigt – und in Begleitung einer alten Dame, die als kleines Kind in einem deutschen Konzentrationslager war. Sie darf sogar im Bundestag sprechen und schildert das Grauen, dem die Insassen dieser Aufbewahrungs- und Vernichtungsstätten für Abweichler von der staatlich verordneten Ideologie ausgesetzt waren. 

So wie sie es schildert, hat es anscheinend nur Juden in den KZ gegeben und nur jüdische Menschen wurden dort getötet. Die Hunderttausende von Kommunisten, Sozialdemokraten, Humanisten, sowjetischen Soldaten und anderem unerwünschten Menschenmaterial werden nicht erwähnt. Natürlich erzählt die Frau nur über ihr eigenes persönliches Schicksal, und es ist kein historischer Vortrag von ihr zu erwarten. Ihre Rede dient aber der Bestätigung des erbärmlichen, verlogenen, offiziellen „Antifaschismus“ eines Staates, der nicht nur der direkte Nachfolger des faschistischen „Deutschen Reiches“ ist, sondern diesem unterhalb der direkten physischen Menschenvernichtung mittlerweile in einigen Bereichen zum Verwechseln ähnelt.

Vorrangig in Bezug auf den durch nichts mehr gebändigten Russenhaß, die hysterische Russophobie, die das Denken und Handeln der politischen Eliten bestimmt. Ebenso durch manche Aspekte der Repression, die staatlicherseits gegen abweichende Meinungen und Kritiker in Anschlag gebracht wird.

All dies habe ich im Hinterkopf, während ich mir das bizarre Schauspiel höchster politischer Heuchelei im Bundestag anschaue und frage mich: Glauben die sich selbst ihre so aufdringlich dargestellte Betroffenheit? Oder wissen die einfach, dass dies das Gesicht ist, das man zu machen hat, wenn mal wieder die Rede vom Holocaust ist? 

Der Fernsehbürger muss aus dieser Art Vergangenheitsbewältigung vor allem eins zum Thema Faschismus und Holocaust mitnehmen: da gab’s mal eine Vernichtung um der Vernichtung willen, ohne jeden staatlichen und politischen strategischen Willen dahinter. Es war unerklärlich und abgrundtief böse, weil der Mann mit dem Bärtchen an der Staatsspitze unerklärlich böse war. Dieses Böse lauert irgendwie immer, heute vor allem bei der AfD, aber wir haben es ein für allemal überwunden, weshalb es nie wieder vorkommen kann und darf.

Die Lebenslüge und die Ohnmacht des bürgerlichen Antifaschismus besteht ja vor allem da drin, dass kein Demokrat zugeben kann und darf, dass der Faschismus nur die härtere Variante seines geliebten Kapitalismus ist. Er möchte sich gerne in der Illusion wiegen können, dass die mildere Variante – die bürgerliche Demokratie – so etwas wie der Gegensatz zum Faschismus wäre.

Nach diesen Bericht aus dem Bundestag kommt unvermittelt und übergangslos, wie es nun mal die Art dieser Sendungen ist, ein Sportbericht über irgendeinen Handball-Wettbewerb. Es scheint eine Weltmeisterschaft zu sein, denn es geht weniger um Spielberichte, sondern um das sehr emotionale Anheizen nationaler Gefühle. Man soll sich als Zuschauer mit dem deutschen Team identifizieren, weshalb dieses ausführlich, sogar noch in seiner Umkleidekabine, in seiner Freude nach irgendeinem gewonnenen Spiel gezeigt wird. Die Milchgesichter des Handballteams werden „interviewt“ und geben den unwesentlichen Quatsch zum Besten, der von Sportlern nach solchen Spielen zu erwarten ist.

Dann folgen Bilder aus Sizilien, wo an der Südküste ein Erdrutsch über einige Kilometer mehrere Häuser in den Abgrund gerissen hat und die Leute zu tausenden ihre Wohnungen und Häuser verlassen mussten. Wir kriegen gezeigt, wie Maria und Fabrizio – ein älteres Ehepaar, dessen Haus direkt am Abgrund steht – in Begleitung der örtlichen Feuerwehr einiges an Zeug aus ihrem Häuschen in Sicherheit bringt. Solche Protagonisten als Sympathieträger dürfen anscheinend in keinem Bericht über Naturkatastrophen und dergleichen fehlen. Sie sollen wohl die Reportage menschlicher, nachvollziehbar und emotionaler machen. Ganz am Ende dieses Berichts erfährt man noch in einem Nebensatz, dass es unter den Bewohnern der Ortschaft zu Protesten kam, weil die Erdrutschgefahr seit Jahren bestanden hätte und jede Vorbereitung darauf oder Schutz dagegen von politischer Seite vernachlässigt worden sei. 

Und nun zum Wetter. Auch und selbst hier wird es sofort emotional und gefühlig. Der Moderator spricht von der weichen Schneedecke, die jeder lieben würde, weil sie selbst Innenstädte von urbanen Zentren zu magischen Orten machen würde usw.  Letztlich kriegt man dann aber doch einen einigermaßen akkuraten Wetterbericht.

Die fast 30 Minuten Tagesthemen, die ich mir jetzt angeschaut habe, hinterlassen bei mir den Eindruck, gerade ein süßliches, völlig von Zusatzstoffen und künstlichen Aromen durchzogenes Tütengericht konsumiert zu haben, das zwar den Eindruck vermittelt, man habe etwas gegessen, aber das Bedürfnis nach echter Nahrung – an Informationen, wenn man so will – überhaupt nicht stillen kann..

Irgendwo habe ich kürzlich gehört oder gelesen: „Je härter die Zeiten sind, umso weicher werden die Geschichten darüber“. Das scheint mir das Prinzip all der Fernsehsendungen zu sein, die in die Gehirne derjenigen Leute eingeträufelt werden, die sich freiwillig diesem Medium aussetzen. Es betrifft ja nicht nur die so genannten Nachrichtensendungen. Viel wirkmächtiger aufgrund ihres weichgespülten propagandistischen Storytellings sind die endlosen Fernsehfilme, die Krimis (ja, auch die) und die Unterhaltungssendungen, die tagein, tagaus, rund um die Uhr, in den staatlichen und kommerziellen Kanälen gezeigt werden.

Die Parallelrealität, die man durch den Fernseher betritt, ist eine Teletubbie-Welt bürgerlicher Behaglichkeit, in der die Schrecken einer zunehmend dystopischen imperialistischen Realität zwar nicht ganz ausgeblendet werden (das ginge auch gar nicht, angesichts der täglichen Erfahrungen, die die Leute in ihrem Lebens- und Arbeitsalltag machen). Sie werden aber eingebettet, eingehegt und weichgespült durch die ERZÄHLUNG darüber als einer fortlaufenden Geschichte im Grunde wohlgeordneter, eigentlich idealer Verhältnisse, die leider – So ist der Mensch nun mal! – immer wieder vom unerklärlich Bösen – Nazis! Trump!! Putin!!! – aufgestört und durcheinandergebracht werden.

Zum Glück aber haben zumindest wir in Deutschland verantwortungsvolle Politiker, die alle unser Bestes wollen und in deren Händen unser Wohlergehen, die wirtschaftliche Prosperität, der Frieden und im Grunde die Welt außerhalb unseres familiären Umfeldes und unserer persönlichen Ziele bestens aufgehoben ist.

Soweit mein Bericht über das Selbstexperiment „30 Minuten staatliche Nachrichtensendung“. Nach dieser Grenzerfahrung jedenfalls verspüre ich das dringende Bedürfnis nach Drogen.

Marktbereinigung und Zerschlagung des deutschen Krankenhaussystems – und private Investoren, die sich ihren Einstieg teuer bezahlen lassen werden

„Gerade kleine frei-gemeinnützige, also kirchliche Krankenhäuser sowie kommunale Kliniken (werden) zunächst vereinzelt geschlossen. Die Anzahl der drohenden Schließungen steigt zeitgleich in extreme Höhen.“

Meine Schwägerin arbeitet als Fachärztin und Psycho-Onkologin in einem kirchlichen Krankenhaus, das Opfer dieser Marktbereinigung wird. Der Umstand, dass sie ihr lieb gewordenes und mit viel Einsatz betriebenes Tätigkeitsfeld demnächst verlieren könnte, versetzt sie verständlicherweise in Stress und Unsicherheit und konfrontiert sie und ihre Familie mit der realen Bedrohung, demnächst deutlich weniger Geld und/oder deutlich andere und mehr Arbeitsbelastung zu bekommen.

Aber versteht sie die gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen, die sie und alle Lohnarbeitenden immer wieder und ihr ganzes Leben lang zu abhängigen Variablen der Gewinnberechnungen Dritter machen? Sie sieht die Möglichkeit der Krankenhausschließung und des Jobverlustes wohl mehr als persönlichen Schicksalsschlag, als force majeure, die nun leider sie getroffen hat.

So sieht es auch die Mehrheit der lohnabhängigen Bevölkerung. Und deshalb geht‘s immer so weiter, bis der gesamtgesellschaftliche Leidensdruck und Frustrationsgrad hoch genug ist, um sich der widersinnigen Barbarei zu entledigen, die im Kapitalismus selbst grundlegende Versorgungsleistungen für die Bevölkerung noch der privaten Geschäftemacherei unterwirft. Ob dieser Punkt jemals gekommen sein wird, bezweifle ich allerdings inzwischen, denn mittlerweile scheint mir die kollektive Gemütsverfassung und der Bewusstseinsstand der Lohnarbeiter vergleichbar dem des berühmten Frosches, de im langsam erhitzten Wasser weiter versucht, sich wohlzufühllen und einzurichten und erst merkt, dass er langsam gekocht wir, wenn es zu spät ist.

„Wer in einigen Jahren auf die Veränderungen im deutschen Krankenhaussystem zurückblickt, wird zweierlei feststellen können. Erstens: Es ist eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung für die Bürgerinnen und Bürger sowie eine Arbeitsverdichtung für die Beschäftigten organisiert worden, die mit einer Öffnung des Krankenhaussektors für Privatkonzerne und neuen Möglichkeiten zur Erzielung von Profit einhergeht. Zum Zweiten war eine Regierungsführung oder -beteiligung der SPD für relevante Schritte in diese Richtung notwendig, um diese gegen die objektiven Inte­ressen der Bevölkerung durchzusetzen und Widerstand aus den Gewerkschaften möglichst klein zu halten. (…)

Seit Januar 2024 ist das KHVVG nun in Kraft. Die darin enthaltenen Regelungen führen seitdem und in Summe zu einem maximalen planerischen und finanziellen Druck auf die Krankenhausträger, selbst wenn viele Regelungen erst in mehreren Jahren finanziell wirksam werden. Kritik daran formulierten nicht nur die Gewerkschaften oder Bündnisse wie Krankenhaus statt Fabrik, sondern auch und massiv die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Am 9. September erklärte Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG: „Wirtschaftlich stehen die Krankenhäuser so schlecht da wie noch nie. Die Defizite sind in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen, die Krankenhausträger müssen Personal entlassen und Versorgungsangebote streichen, um Insolvenzen und Standortschließungen zu vermeiden.“

Gaß lässt dabei außer Acht, dass diese Option für viele und gerade kleinere Krankenhausträger gar nicht besteht, weshalb gerade kleine frei-gemeinnützige, also kirchliche Krankenhäuser sowie kommunale Kliniken zunächst vereinzelt geschlossen werden. Die Anzahl der drohenden Schließungen steigt zeitgleich in extreme Höhen. ver.di fordert deshalb eine Finanzierung aus Steuermitteln, um das ungesteuerte Schließen von Kliniken zu vermeiden: „Wenn nicht bald eine Brückenfinanzierung für wirtschaftlich angeschlagene Krankenhäuser kommt, droht ein Kliniksterben mit fatalen Folgen für die flächendeckende Versorgung““

Geschichten die das Leben schrieb: Weihnachten, Familienidylle und der Weinschlauch

Weihnachten! Das Fest der Liebe und der familiären Harmonie! Die Heilige Zeit von Eintracht, Gemütlichkeit und gemeinsamer Besinnlichkeit! Einklang bei Speis‘ und Trank unterm Tannenbaum und am Gabentisch! Einmal im Jahr wenigstens Friede, Freude, Fröhlichkeit!

Seit dem ersten Weihnachtsfeiertag klingelt bei uns mehrfach am Tag das Telefon und die Sippschaft der Liebsten, vorrangig meine 86jährige Schwiegermutter, meldet sich mit den neuesten

Berichten zu dem wunderbaren Fest, das alle wieder mal gehabt haben und noch haben. Sie vermeldet, wie sehr „sich die Kinder gefreut haben“, wie (nach einigen kritischen Phasen) gelungen der Sauerbraten war und wie er allen geschmeckt hat, wie rundum schön also alles wieder war.

Überflüssig zu erwähnen, dass sämtliche Geschichten, die sie erzählt, zum Großteil Fake News sind, denn die extrem gut situierte Verwandtschaft meiner Frau ist ein streitsüchtiger Haufen cholerischer Bourgeois – ich selbst bin dort einst aus guten Gründen als unsicherer kommunistischer Kantonist mit Hausverbot belegt worden, und ziehe es auch nach offizieller Aufhebung dieser mir höchst willkommenen Maßnahme vor, mich komplett von dem ganzen Verein fernzuhalten.

Neben dem ausführlichen Eigenlob der Schwiegermutter, das ca. drei Viertel ihrer Reportagen von der Weihnachstfront einnimmt, erfährt man aber auch Begebenheiten vom Fest, die für diese bürgerlichen Charaktermasken anscheinend untrennbar dazugehören: wer sich mit wem wieder wie laut gestritten hat, welches Geschenk komplett fehl am Platze und Auslöser für weiteren Streit war, und dergleichen mehr.

Aktuell gibt es ein Riesendrama um eine der Enkelinnen, die das Auto ihrer Eltern in ein anderes gecrasht hat, ohne in die Versicherungspolice eingeschlossen zu sein. Da meine Herzdame nicht nur hochkarätige Assekuranzfachfrau ist, sondern in solchen Situationen stets Nüchternheit, Übersicht und kühlen Kopf bewahrt, ist sie einen Nachmittag lang quasi die telefonische Auskunftszentrale für ihre Sippe.

Ich selbst bin Zweit- oder Drittkonsument all dieser Informationen, denn auch vom häuslichen Festnetzanschluß halte ich mich wohlweislich konsequent fern. Wenn das Festnetztelefon klingelt, kann es nämlich nur die Verwandtschaft der Frau sein. Letztere allerdings setzt mich gelegentlich ins Bild über die wüsten Vorkommnisse und Insider-Reports aus dem Familiensumpf – weniger, weil es mich interessieren würde als um selber Dampf abzulassen und sich eine Atempause zu verschaffen.

Diesmal stürmt sie entnervt in die Küche, nachdem sie sehr hörbar den Hörer zurück auf die Station befördert hat. „Alkohol!“, lautet ihr Stoßseufzer, obwohl sie mal wieder der Figur wegen (unnötig) und überhaupt (erst recht unnötig) zumindest bis zum Jahresende drogenfrei leben wollte. Sie informiert mich, dass „die alle irre sind“ und es „kein Wunder ist, wenn man sein Leben auf der Überholspur lebt und sich in der Realität nicht auskennt“. Sie beendet ihre Ausführungen mit der bildhaften Schilderung ihres Bedürfnisses, Gehörtes und Restfamilie seelisch zu verarbeiten: „Die sind alle so gestört, dass es nicht zu fassen ist. Und dann rufen sie MICH an, wenn sie in ihrem Irrsinn wieder Scheiße gebaut haben. Ich brauch‘ jetzt kein Glas Wein, ich könnte mich direkt unter einen Weinschlauch legen…“

Einen solchen haben wir zwar nicht vorrätig, aber ihrem Wunsch kann auch auf andere Weise entsprochen werden, denn das Weinregal ist gut gefüllt und der Abend jung. Nach der abendlichen Hunderunde stoße ich gerne mit ihr an – auf den Umstand, dass wir uns aus weihnachtlichen Zusammenkünften dieser Art raushalten. 

Familiäre Träume

Letzte Nacht im Traum musste ich unsere Mutter über eine Bahnlinie, deren Schranke ständig unten war, in das Haus in der Heinrich-Hertz-Straße bringen.

Die Fahrt mit ihr hinten auf dem Gepäckträger war anstrengend, aber sie war gut gelaunt und genoß die Fahrt.

In der Heinrich-Hertz-Straße 40 lag alles brach, obwohl Familienmitglieder teilweise das Haus noch bewohnten, oder zumindest dort übernachteten. Die Küche unten links vom Eingang war groß und vernachlässigt, überall lagen Lebensmittel und Geschirr rum, Schubladen und Schränke waren mit Vorräten vollgestopft.

Erkennbarerweise hatte sich lange Zeit niemand um Ordnung und Sauberkeit gekümmert. Ich ahnte, wie sehr der Anblick Lilo mitnehmen würde und wollte ihr irgendetwas Beschwichtigendes sagen, aber als ich mich zu ihr umdrehte, war sie verschwunden.


Ich muss dazu sagen, dass dies vielleicht das zweite oder dritte Mal usw, dass sie mir nach ihrem Tod vor fast zwanzig Jahren im Traum erschienen ist. Unser Vater dagegen ist mir ein häufiger Begleiter und Ratgeber in dem Zwischenzustand, den Menschen „träumen“ nennen.

Geschichten, die das Leben schrieb: Warnung vor dem Kommunisten

Der letztwöchige Besuch bei der Verwandtschaft der Frau war ein Ausflug in das Leben der Oberschicht. Die besuchte Cousine bewohnt eine gigantische Villa mit riesigem Garten in einer der Oberklassen-Gemeinden nördlich von Frankfurt. Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann arbeitet in den USA im finanzkapitalistischen Sektor für einen Investmentkonzern, das Vermögen ist in einer Stiftung angelegt.

Im Gegensatz zu der in ähnlichen Klassenprivilegien lebenden Schwester der Frau (die vor lauter Klassenarroganz ihren – angeheirateten – Wohlstand nicht nur für ihr höchst eigenes Verdienst hält, sondern als Ausweis ihrer menschlichen und moralischen Überlegenheit über monetär minderbemitteltere Zeitgenossen sieht), ist die Cousine allerdings „normal“ geblieben, hat Humor und das Herz auf dem rechten Fleck. Die Tatsache, dass sie sich sowohl ihre Empfindsamkeit wie eine gewisse unverstellte Sicht auf die Conditio Humana bewahrt hat, manifestiert sich allerdings in einem ausgiebigen Gebrauch legaler Drogen.

Umgang und Gespräche mit ihr sind jedoch erfrischend, unterhaltsam und mitunter tiefgründig. Anläßlich eines bei ihr im Hause vergessenen Anoraks kommt es zu einem Telefonat, indem sie mir folgende Anekdote mitteilt:
„Weisst du was das Beste ist? Pass auf, der J. (Ihr Mann) und ich haben uns fast eingenässt vor Lachen: Deine Schwiegermutter hat meine Mutter angerufen, damit die mich warnt. ‚Sag mal deiner Tochter, dass der Kay ein Kommunist ist. Also nicht nur irgendsoein Linker, sondern Kommunist durch und durch!‘“

Ich muss ebenfalls loslachen und fühle mich wie in einem bizarren antikommunistischen Film aus der McCarthy-Ära. Ich schlage meiner Gesprächspartnerin vor, lieber vorsichtig zu sein und schnell aufzulegen – sonst würde ihr nachts noch Stalin erscheinen oder plötzlich „Die Internationale“ als Klingelton ihres Smartphones ertönen…

Wir reden dann aber doch noch eine Weile weiter und amüsieren uns gemeinsam über den putzigen Versuch ihrer Tante/meiner Schwiegermutter, unter dem Vorwand der wohlmeinenden Warnung vor abweichenden Meinungen Zwietracht zu stiften und sich selbstwichtig in Szene zu setzen. Da mir durch meinen täglichen Umgang mit Hochaltrigen, Dementen und altersbedingt verwirrten Menschen sowieso nichts Menschliches fremd ist, weiss ich die Einlassung meines alten Schwiegermütterchens – Produzentin der republikweit allerbesten Blaubeer-Pfannkuchen – richtig einzuschätzen und beschließe, beim nächsten Besuch mal mein DDR-blaues T-Shirt mit der Aufschrift „Brigade der sozialistischen Arbeit“ anzuziehen.

Für mich interessant: meine anthropologischen Feldstudien in EINER Familie mit zwei Sorten Bourgeois durchführen zu können. Sowohl die klassischen Exemplare voller Standesdünkel und Klassenarroganz als auch menschlich korrekte Vertreter ihrer Klasse, die einfach Fachleute der kapitalistischen Geldvermehrung sind, weil das die Welt ist, in die sie geboren wurden und in der sie für sich das Beste rausholen. Opfer des Ausbeutersystems sind sie (genau wie die lohnabhängige Klasse sowieso) beide, selbst wenn sie sich auf der Gewinnerseite der gesellschaftlichen Hierarchie wähnen.

Familiengeschichte: Der kommunistische Onkel

Der Bruder meines Großvaters war ein sympathischer, humorvoller Mann. Er sprach französisch, konnte gut Gitarre spielen und hatte reichlich Geschichten auf Lager. Als in Deutschland die Faschisten an die Macht kamen, ging er nach Frankreich und schloß sich dort der Résistance an.

Eine Geschichte, an die ich mich erinnere, geht so: als die Gestapo im besetzten Frankreich in dem Ort erschien, wo mein Onkel (in Wahrheit mein Großonkel, aber wir nannten ihn nur “Onkel W.”) untergetaucht war und nach deutschen Deserteuren und Widerstandskämpfern suchte, wurde auch er kontrolliert. Er sprach zu dem Zeitpunkt allerdings schon so gutes Französisch, dass er als Franzose durchging und so der Verhaftung entging.

Mein Onkel hatte einen Makel: er war Kommunist. Was genau das war, wurde uns Kindern nicht erklärt, aber es wurde gewissermaßen hinter vorgehaltener Hand kolportiert, quasi als wichtige, wenn nicht entscheidende Zusatzinformation zu der Person Onkel W.

Für mich hatte er dadurch immer ein unsichtbares Hologramm über sich schweben, in dem abwechselnd Stalin, Ulbricht, Mauer & Stacheldraht und arme, graue, unterdrückte Menschen auftauchten, die alle nach Freiheit lechzten (allerdings wußte ich genauso wenig, was “Freiheit” war; außer das sie – die Freiheit – “bei uns” auf jeden Fall herrschte und von Kommunisten aus reiner Bösartigkeit abgeschafft werden sollte).

All das brachte ich nicht mit dem sympathischen, großzügigen, humorvollen Onkel zusammen, zumal er obendrein ein Eigenheim in einem Hamburger Vorort besaß. Und das passte nun GAR NICHT zusammen mit dem, was ich über den Kommunismus wusste. Wollten denn die Kommunisten nicht allen alles wegnehmen und das Eigentum abschaffen? Was mir auch nicht klar war: wieso kämpften die Kommunisten gegen die Nazis, wenn doch Kommunismus und Nationalsozialismus das Gleiche und beide darauf aus waren, die Menschen zu unterdrücken, einzusperren und ihrer Freiheit zu berauben?

So richtig erklärt wurde das nie; Familienkonsens war allerdings, dass die Kommunisten (jedenfalls in Gestalt von Onkel W.) insofern besser sind als die Nazis, als sie diese abgelehnt und bekämpft haben. Ganz so, wie die WIRKLICHEN Widerstandskämpfer, die Sozialdemokraten, zu denen mein heldenhafter Großvater mütterlicherseits gehörte, der dafür in Gestapo-Haft und im Strafbatallion 999 büßen musste.

Unter der Hand schwang in den (seltenen) familiären Gesprächen über dieses Thema immer mit: Beide, Sozialdemokraten und Kommunisten, haben Widerstand geleistet, aber den Kommunisten haftet der Makel an, dass sie ja im Grunde totalitär sind, eine Diktatur anstreben und überhaupt gegen “die Freiheit” sind.

Leider ergab sich selten ein Besuch beim Onkel; er schwebte zwar wie ein roter Satellit im Orbit der Familie, hatte aber wenig Kontakt zu den Enkelkindern seines Bruders. Sein Nimbus als Kommunist hatte für mich gleichzeitig eine gefährliche und faszinierende Aura. Durch den Wegzug aus Hamburg (zu dem Zeitpunkt war ich 13 Jahre alt) verlor sich der Kontakt ganz. Ein paar Jahre später starb er und anschließend erfuhren wir, dass er jedem von uns 10.000 DM vererbt hatte. Einfach so.
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Ich glaube, heute bin ich für meine Verwandtschaft “der kommunistische Onkel”. Leider hab ich außer ein paar Zeichnungen nichts zu vererben, aber das wird von Kommunisten ja auch nicht erwartet.