Sentimental Journey

( Eintrag in der Familien-Facebookgruppe):

Ich war übrigens vor ein paar Tagen in Marmstorf, im Osterfeldweg 64a.

Außer Torsten und mir werden sich die wenigsten konkret daran erinnern, aber das war unser Wohnort ab 1964 oder 1965 bis wir 1970 nach Langen zogen.

Es war der Ort, wo Torsten sich im Lichtschacht versteckte, weil er dachte, dass unsere Mutter nicht mehr wiederkommt, als sie mal einkaufen war und länger fortblieb.

Die Reihenhäuser waren neu erstellt als Sozialwohnungsbau-Projekt, es war der Erstbezug als wir dort hinkamen. Außer uns waren dort eine Reihe andere „sozial schwacher“ Familien untergebracht, u.a. uns gegenüber „die Schrottieś“, eine Roma-Familie mit mindestens sieben oder acht Kinder, die wir oft beobachteten, wie sie beim Gruppenfernsehen im Wohnzimmer rhythmisch die Oberkörper bewegten.

Hinter den Reihenhäusern gabˋs eine Wendeschleife, wo wir Fußball spielten, und einen Parkplatz, über den manchmal der Ball flog. Dann musste einer über das stacheldrahtbewehrte Tor klettern um den Ball zu holen. Die Narbe am rechten Unterarm von einer solchen Aktion hab ich heute noch.

Dahinter sind sechsgeschossige Häuser, wo wir gelegentlich „Bimmelstreich“ machten (für die in Hessen aufgewachsenen: Schellekloppe), weil die Leute nicht so schnell unten sein konnten und ihre Wut über den Türlautsprecher abließen.

Heute wirkt das Ganze wie eine solide bürgerliche Mittelschichtsgegend, in der man gerne wohnen würde. Nach sechzig Jahren ist alles gut eingewachsen und sieht freundlich und gepflegt aus. Ich glaube nicht, dass die ursprünglichen Sozialwohnungen noch als solche genutzt werde, es sah eher so aus, als ob die einzelnen Reihenhäuser ins Eigentum der Bewohner (derjenigen, die sich‘s leisten konnten) übergegangen wären.

Aus heutiger Sicht jedenfalls erstaunlich wohlhabend und beinahe schon gutbürgerlich. Und viel, viel kleiner und enger als man es aus der Kindheit und Jugend in Erinnerung hat.

Für unsere Eltern muss es ein zwiespältiger Umzug gewesen sein; Marmstorf war und ist immer noch sehr dörflich. Aus der Innenstadt (Barmbek) in dieses Kaff zu ziehen, war zwar platzmäßig (und bestimmt von den Kosten her) gut für die zuerst sechs-, dann siebenköpfige Familie, aber ich vermute, Hermann und Lilo kriegten erstmal den Kulturschock, da im ländlichen Süden Hamburgs.

Ich fand’s gut, besonders als wir dann in den VfL Marmstorf eintraten und stolz das Grün-Weiße Trikot tragen durften.

Soweit der Bericht von einer Sentimental Journey in die entfernte Vergangenheit in der Hansestadt. Fotos gibtˋs keine, weil wir nur im Auto umhergekurvt sind. Ach doch, die Narbe kann ich euch zeigen:

Familiäre Träume

Letzte Nacht im Traum musste ich unsere Mutter über eine Bahnlinie, deren Schranke ständig unten war, in das Haus in der Heinrich-Hertz-Straße bringen.

Die Fahrt mit ihr hinten auf dem Gepäckträger war anstrengend, aber sie war gut gelaunt und genoß die Fahrt.

In der Heinrich-Hertz-Straße 40 lag alles brach, obwohl Familienmitglieder teilweise das Haus noch bewohnten, oder zumindest dort übernachteten. Die Küche unten links vom Eingang war groß und vernachlässigt, überall lagen Lebensmittel und Geschirr rum, Schubladen und Schränke waren mit Vorräten vollgestopft.

Erkennbarerweise hatte sich lange Zeit niemand um Ordnung und Sauberkeit gekümmert. Ich ahnte, wie sehr der Anblick Lilo mitnehmen würde und wollte ihr irgendetwas Beschwichtigendes sagen, aber als ich mich zu ihr umdrehte, war sie verschwunden.


Ich muss dazu sagen, dass dies vielleicht das zweite oder dritte Mal usw, dass sie mir nach ihrem Tod vor fast zwanzig Jahren im Traum erschienen ist. Unser Vater dagegen ist mir ein häufiger Begleiter und Ratgeber in dem Zwischenzustand, den Menschen „träumen“ nennen.

Walter Strathus

Mein Großvater und ich.
Der Mann, der schon 1930 Veganer war, dann aber im Zuge des nationalsozialistischen Arbeitsdienstes ausgerechnet im Hamburger Schlachthof zur Arbeit verpflichtet wurde: Walter Strathus (1908 – 1978). Fast mehr Vaterfigur als mein leiblicher Vater. Als Fünfjähriger verlor er bei einem Unfall sein rechtes Auge. Für mich war er der einäugige König in einer Welt von Blinden.

Verdächtige Russlandfreundlichkeit war schon vor achtzig Jahren in Deutschland ein Thema

Beim Aufräumen gefunden: Rubelscheine aus dem Großen Vaterländischen Krieg.

Mein Großvater hatte sie mitgebracht, als er Ende der 1940er Jahre us russischer Kriegsgefangenschaft zurückkam. Zu Kriegszeiten hatten seine Feldpostbriefe aus Russland meiner Großmutter den Besuch der Hamburger Gestapo eingebracht, denen das Lob für die russischen Schulen und Kinderheime, die mein Großvater hinter der Front (er war als „bedingt Wehrtauglicher“ für den Flugplatzbau und ähnliches abkommandiert) kennenlernen durfte, zu russenfreundlich war.

Wie man sieht, war verdächtige Russlandfreundlichkeit schon vor achtzig Jahren in Deutschland ein Thema.

Familiengeschichte: Der kommunistische Onkel

Der Bruder meines Großvaters war ein sympathischer, humorvoller Mann. Er sprach französisch, konnte gut Gitarre spielen und hatte reichlich Geschichten auf Lager. Als in Deutschland die Faschisten an die Macht kamen, ging er nach Frankreich und schloß sich dort der Résistance an.

Eine Geschichte, an die ich mich erinnere, geht so: als die Gestapo im besetzten Frankreich in dem Ort erschien, wo mein Onkel (in Wahrheit mein Großonkel, aber wir nannten ihn nur “Onkel W.”) untergetaucht war und nach deutschen Deserteuren und Widerstandskämpfern suchte, wurde auch er kontrolliert. Er sprach zu dem Zeitpunkt allerdings schon so gutes Französisch, dass er als Franzose durchging und so der Verhaftung entging.

Mein Onkel hatte einen Makel: er war Kommunist. Was genau das war, wurde uns Kindern nicht erklärt, aber es wurde gewissermaßen hinter vorgehaltener Hand kolportiert, quasi als wichtige, wenn nicht entscheidende Zusatzinformation zu der Person Onkel W.

Für mich hatte er dadurch immer ein unsichtbares Hologramm über sich schweben, in dem abwechselnd Stalin, Ulbricht, Mauer & Stacheldraht und arme, graue, unterdrückte Menschen auftauchten, die alle nach Freiheit lechzten (allerdings wußte ich genauso wenig, was “Freiheit” war; außer das sie – die Freiheit – “bei uns” auf jeden Fall herrschte und von Kommunisten aus reiner Bösartigkeit abgeschafft werden sollte).

All das brachte ich nicht mit dem sympathischen, großzügigen, humorvollen Onkel zusammen, zumal er obendrein ein Eigenheim in einem Hamburger Vorort besaß. Und das passte nun GAR NICHT zusammen mit dem, was ich über den Kommunismus wusste. Wollten denn die Kommunisten nicht allen alles wegnehmen und das Eigentum abschaffen? Was mir auch nicht klar war: wieso kämpften die Kommunisten gegen die Nazis, wenn doch Kommunismus und Nationalsozialismus das Gleiche und beide darauf aus waren, die Menschen zu unterdrücken, einzusperren und ihrer Freiheit zu berauben?

So richtig erklärt wurde das nie; Familienkonsens war allerdings, dass die Kommunisten (jedenfalls in Gestalt von Onkel W.) insofern besser sind als die Nazis, als sie diese abgelehnt und bekämpft haben. Ganz so, wie die WIRKLICHEN Widerstandskämpfer, die Sozialdemokraten, zu denen mein heldenhafter Großvater mütterlicherseits gehörte, der dafür in Gestapo-Haft und im Strafbatallion 999 büßen musste.

Unter der Hand schwang in den (seltenen) familiären Gesprächen über dieses Thema immer mit: Beide, Sozialdemokraten und Kommunisten, haben Widerstand geleistet, aber den Kommunisten haftet der Makel an, dass sie ja im Grunde totalitär sind, eine Diktatur anstreben und überhaupt gegen “die Freiheit” sind.

Leider ergab sich selten ein Besuch beim Onkel; er schwebte zwar wie ein roter Satellit im Orbit der Familie, hatte aber wenig Kontakt zu den Enkelkindern seines Bruders. Sein Nimbus als Kommunist hatte für mich gleichzeitig eine gefährliche und faszinierende Aura. Durch den Wegzug aus Hamburg (zu dem Zeitpunkt war ich 13 Jahre alt) verlor sich der Kontakt ganz. Ein paar Jahre später starb er und anschließend erfuhren wir, dass er jedem von uns 10.000 DM vererbt hatte. Einfach so.
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Ich glaube, heute bin ich für meine Verwandtschaft “der kommunistische Onkel”. Leider hab ich außer ein paar Zeichnungen nichts zu vererben, aber das wird von Kommunisten ja auch nicht erwartet.