Geschichten die das Leben schrieb: Weihnachten, Familienidylle und der Weinschlauch

Weihnachten! Das Fest der Liebe und der familiären Harmonie! Die Heilige Zeit von Eintracht, Gemütlichkeit und gemeinsamer Besinnlichkeit! Einklang bei Speis‘ und Trank unterm Tannenbaum und am Gabentisch! Einmal im Jahr wenigstens Friede, Freude, Fröhlichkeit!

Seit dem ersten Weihnachtsfeiertag klingelt bei uns mehrfach am Tag das Telefon und die Sippschaft der Liebsten, vorrangig meine 86jährige Schwiegermutter, meldet sich mit den neuesten

Berichten zu dem wunderbaren Fest, das alle wieder mal gehabt haben und noch haben. Sie vermeldet, wie sehr „sich die Kinder gefreut haben“, wie (nach einigen kritischen Phasen) gelungen der Sauerbraten war und wie er allen geschmeckt hat, wie rundum schön also alles wieder war.

Überflüssig zu erwähnen, dass sämtliche Geschichten, die sie erzählt, zum Großteil Fake News sind, denn die extrem gut situierte Verwandtschaft meiner Frau ist ein streitsüchtiger Haufen cholerischer Bourgeois – ich selbst bin dort einst aus guten Gründen als unsicherer kommunistischer Kantonist mit Hausverbot belegt worden, und ziehe es auch nach offizieller Aufhebung dieser mir höchst willkommenen Maßnahme vor, mich komplett von dem ganzen Verein fernzuhalten.

Neben dem ausführlichen Eigenlob der Schwiegermutter, das ca. drei Viertel ihrer Reportagen von der Weihnachstfront einnimmt, erfährt man aber auch Begebenheiten vom Fest, die für diese bürgerlichen Charaktermasken anscheinend untrennbar dazugehören: wer sich mit wem wieder wie laut gestritten hat, welches Geschenk komplett fehl am Platze und Auslöser für weiteren Streit war, und dergleichen mehr.

Aktuell gibt es ein Riesendrama um eine der Enkelinnen, die das Auto ihrer Eltern in ein anderes gecrasht hat, ohne in die Versicherungspolice eingeschlossen zu sein. Da meine Herzdame nicht nur hochkarätige Assekuranzfachfrau ist, sondern in solchen Situationen stets Nüchternheit, Übersicht und kühlen Kopf bewahrt, ist sie einen Nachmittag lang quasi die telefonische Auskunftszentrale für ihre Sippe.

Ich selbst bin Zweit- oder Drittkonsument all dieser Informationen, denn auch vom häuslichen Festnetzanschluß halte ich mich wohlweislich konsequent fern. Wenn das Festnetztelefon klingelt, kann es nämlich nur die Verwandtschaft der Frau sein. Letztere allerdings setzt mich gelegentlich ins Bild über die wüsten Vorkommnisse und Insider-Reports aus dem Familiensumpf – weniger, weil es mich interessieren würde als um selber Dampf abzulassen und sich eine Atempause zu verschaffen.

Diesmal stürmt sie entnervt in die Küche, nachdem sie sehr hörbar den Hörer zurück auf die Station befördert hat. „Alkohol!“, lautet ihr Stoßseufzer, obwohl sie mal wieder der Figur wegen (unnötig) und überhaupt (erst recht unnötig) zumindest bis zum Jahresende drogenfrei leben wollte. Sie informiert mich, dass „die alle irre sind“ und es „kein Wunder ist, wenn man sein Leben auf der Überholspur lebt und sich in der Realität nicht auskennt“. Sie beendet ihre Ausführungen mit der bildhaften Schilderung ihres Bedürfnisses, Gehörtes und Restfamilie seelisch zu verarbeiten: „Die sind alle so gestört, dass es nicht zu fassen ist. Und dann rufen sie MICH an, wenn sie in ihrem Irrsinn wieder Scheiße gebaut haben. Ich brauch‘ jetzt kein Glas Wein, ich könnte mich direkt unter einen Weinschlauch legen…“

Einen solchen haben wir zwar nicht vorrätig, aber ihrem Wunsch kann auch auf andere Weise entsprochen werden, denn das Weinregal ist gut gefüllt und der Abend jung. Nach der abendlichen Hunderunde stoße ich gerne mit ihr an – auf den Umstand, dass wir uns aus weihnachtlichen Zusammenkünften dieser Art raushalten.