Etwas übermüdet und ausgelaugt (Frühdienst meiner wegen Armutsrente nötigen Lohnarbeit) einer netten Dame von hinten aufgefahren – Auto ziemlich kaputt, aber fahrtüchtig. Komme jedoch dank meiner übervorsichtigen und massiv vorsorgeaffinen Liebsten, die sogar dieses 14 Jahre alte Auto noch vollkaskoversichert, mit 300 Euro Selbstbeteiligung für den Eigenschaden davon.
Die Unfallbeteiligte, eine Mitbürgerin mit türkischen oder arabischen Wurzeln, war durch das Schleudertrauma so schockiert und nahezu hysterisch, dass sie nur noch schluchzen und zittern konnte. Ich musste sie erstmal beruhigen und ihr das Fahrzeug an den Straßenrand fahren. Sie wurde dann vom RTW abtransportiert und ihre beiden flugs herbeigerufenen Söhne kümmerten sich um ihr Auto.
Als ich mich nochmals bei der Familie und der Dame entschuldigte und bedauerte, sie bei dem Auffahrunfall verletzt zu haben, zeigten sich die zwei äußerlich ziemlich ausländisch wirkenden Jungs von ihrer nettesten Seite, boten mir Zigaretten an und sagten Sachen wie „Komm, kein Stress, ist gut, dass nicht mehr passiert ist“ und „Alles korrekt, kannst ja nichts dafür..“
Ich bin sicher, dass ich im Falle einer biodeutschen Sippe als Unfallgegner ganz andere Sachen zu hören bekommen hätte.
Die den Unfall aufnehmenden Ordnungshüter, junge Leute um die Dreißig, waren übrigens zwei ausnehmend höfliche und freundliche Zeitgenossen. Alles in allem, trotz des leider eingetretenen Personenschadens bei der Dame im Auto vor mir, eine beinahe erfreuliche Begebenheit, die ein bißchen Hoffnung aufkeimen lässt in Bezug auf einen zivilisierten und freundlichen Umgang miteinander auch in Notsituationen.
Zurückgekehrt von der letzten Runde mit dem Hund entledigen die Frau und ich uns unserer mehrstufigen Schichten winterlicher Bekleidung, versorgen den Hund und begeben uns ins geräumige Wohnzimmer, um verschiedenen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen. Diese bestehen, in meinem Fall, aus Musik hören, Zeichnen und mich im Internet amüsieren, im Falle der Liebsten in der Einnahme einer zentralen Sofa-Position, diverse Fernbedienungen zur Hand, im endlosen Bemühen, die Mediatheken leerzugucken.
Diesmal scheint ihre Auswahl bereits auf eine Sendung oder Übertragung gefallen zu sein. „Ich guck dann mal schön meine Sendung weiter!“, verkündet sie, auch um mir klar zu signalisieren, dass der Platz vor dem monumentalen Bildschirm auf jeden Fall vergeben ist.
Das ficht mich nicht an, da ich sowieso lieber in meiner Ecke sitze und bei guter Musik zeichne und surfe. Bevor ich allerdings die Kopfhörer aufgesetzt habe und mir eine geeignete Playlist aufrufen kann, dringt der Ton der Fernsehsendung ungefiltert an mein Ohr.
Klangfarbe und Intonation ist die eines professionellen Spaßmachers, heutzutage „Comedian“ genannt, der seine einstudierten Witzchen mit möglichst wirksamer Lacheffektivität beim Publikum platzieren will. Das scheint ihm auch zu gelingen: „Was sollen wir nun aber machen, wenn Putin seine Raketen auf UNS schießt?“ fragt der Hofnarr scheinheilig, wie selbstverständlich unterstellend, dass das Publikum ohnehin soweit NATOisiert ist, dass es umstandslos „Putin“ erstens als Chiffre für alles Böse auf der Welt übersetzt und zweitens deswegen natürlich nicht weiter darüber aufgeklärt werden muss, dass dieser iwanesische Erzschurke, wenn ihm danach ist, einfach mal Deutschland bombardiert statt die Ukraine.
Die Antwort auf die selbstgestellte Frage des Possenreißers ist mir entfallen, aber sie geht in die Richtung „Unsere Truppe ist ein Memmenhaufen, der gar nicht richtig zu- bzw. zurückschlagen kann, Ausrüstung und Material kaputt oder fehlt! Alles Bruch bei der Truppe! Politik versagt, indem sie unserer Wehr nicht genügend Kriegsmaterial an die Hand gibt!“.
Haha, klatsch-klatsch, das Publikum versteht, was gemeint ist und applaudiert dem als Spaß verkleidetem Vorwurf an die Verantwortlichen, zu wenig Kriegsbereitschaft zu finanzieren. Was zwar überhaupt nicht stimmt – schließlich hat der deutsche Imperialismus gerade ein gigantisches Aufrüstungspaket von 100 Mrd. Euro geschnürt, um nach eigener Aussage die führende Militärmacht Europas zu werden – aber Hofnarren im Schließmuskel der Herrschenden erfüllen ihre humortherapeutische Zäpfchenfunktion gerne durch das mentale und verbale Einrennen offener Türen.
Jedenfalls wende ich mich der Frau zu und raunze sie einigermaßen bissig an „Was ist das denn für eine Scheisse? Der Russe will uns mal wieder bombardieren und unsere Truppe ist nicht schlagkräftig genug oder was erzählt der Möchtergernwitzbold da? Mach das bitte aus oder stell es leise!“
Damit mache ich keine Pluspunkte bei ihr, im Gegenteil: “Spinnst du?! Ich will das gucken! Weißt du eigentlich, wie das nervt, wenn ich was gucke und du quatscht ständig dazwischen? Ich guck das jetzt und du hältst die Schnauze!“
Das sitzt, denn natürlich hat sie recht – ihre Programmwahl geht mich nichts an, zumal ich sowieso vorhatte, den Rest des Abends unter Kopfhörern zu verbringen. Ich werfe erst ihr einen (so hoffe ich) vernichtenden Blick zu und schaue dann in Richtung Fernseher, wobei ich den „Comedian“ sowie die Einblendung „Nuhr 2022“ sehen muss.
Das Entsetzen verleiht mir wieder die Sprache: „Achduscheisse, Dieter Nuhr..“, bringe ich hervor. „Dann wundert mich gar nichts mehr. Das Humorzäpfchen im Rektum der Herrschenden! Aber wenn du demnächst dann Rosamunde Pilcher guckst, warne mich bitte vorher, das ist nämlich die nächste Stufe…“
Meine Liebste bleibt ungerührt und ignoriert mich erstmal. Inzwischen habe ich mir Kopfhörer übergestreift und verdränge den Nuhr-Müll mit lauter Rockmusik. Nach einer Weile erhebt sich die Gattin – die Sendung scheint vorbei zu sein – und verschwindet in der Küche. Nach kurzer Zeit erscheint sie mit zwei Gläsern Wein, gibt mir einen Kuss und flötet: „War doch gar nicht so schlimm, oder?“
Ich bin versöhnt und beschließe, nie wieder ihre Fernsehgewohnheiten und Programmentscheidungen zu bekritteln.
Ich sitze in einer Ecke des Wohnzimmers und lese oder zeichne irgendwelches Zeug. Am anderen Ende lungert die Frau auf dem Sofa und läßt sich von den dahin plätschernden und immergleich intonierten Fernsehstimmen einer Talkrunde auf Phoenix in den Schlaf labern – sie schaltet diese Sendungen oft nur deswegen ein, weil sie „so schön dabei einschlafen kann“.
Das ist tatsächlich auch das einzige, was einem bleibt (außer um- oder abschalten), denn WAS da gesagt wird, ist so fürchterlich, dass es zumindest mich um jeden Schlaf bringen würde. Es geht mal wieder um die Ukraine, bzw. laut offizieller Sprachregelung, den „russischen Angriffskrieg in der Ukraine“ und die Teilnehmer beantworten gerade die besorgte Frage des Moderators, was „die Menschen in der Ukraine“ jetzt am dringendsten bräuchten.
Was brauchen Menschen in einem Land, das gerade von seinem neo-nazistischen Regime in einem aussichtslosen Stellvertreterkrieg verheizt wird? Was brauchen Menschen in einer zusammengebrochenen Ökonomie, einem kollabierten Elektrizitätsnetz, weitgehend ohne Strom, Wasser und Heizung im kalten Winter? Frieden zum Beispiel?
Weit gefehlt. Dieser geplagte Menschenschlag braucht vor allem eins: WAFFEN! Die Talkshowgäste sind sich einig: das dringlichste Bedürfnis „der Menschen in der Ukraine“ sind Waffen, und zwar ganz viel davon und a.s.a.p.! Der Moderator wendet sich an eine Dame in der Runde: Frau Sowieso, Sie waren kürzlich noch in der Ukraine und können mit den Menschen dort sprechen. Was ist deren Meinung, was sagen die Menschen dort, was sie als erstes brauchen?“
Die Dame zögert keine Sekunde mit ihrem authentischen First-Hand-Bericht: „Ja, das ist natürlich ganz eindeutig; bei allen Entbehrungen, die diese Menschen mitmachen müssen, ist doch ein gemeinsamer Nenner, dass jetzt dringend Waffen gebraucht werden..“
Wen die Waffenfetischistin vor Ort in Kiew befragt hat, wird nicht verraten. Für sie und die Runde steht fest, dass nur Waffen, noch mehr Waffen, und das möglichst zackig, den Frieden in unserem ukrainischen Protektorat schaffen können. Die übrigen Diskussionsteilnehmer sekundieren ihr: Ja, auf jeden Fall Waffen! Das ist das erste und wichtigste. Bevor über irgend etwas anderes überhaupt zu reden ist, muß die reibungslose und großzügige Versorgung mit Waffen gewährleistet sein!
Die Begeisterung für Krieg und noch mehr Krieg steht ihnen ins bürgerlich-vernünftige Gesicht geschrieben; sie orgasmieren innerlich ob der einmaligen Gelegenheit, sich ganz legal und offiziell der von der offiziellen Regierungs- und Medienmeinung nicht nur bestätigten, sondern GEFORDERTEN Kriegsbegeisterung hinzugeben.
Der kranke Zynismus ihres Rufes nach mehr Waffen, noch mehr Waffen, mehr Krieg, mehr toten Russen verwandelt sich für sie in ein Gebot humanitärer Verantwortung für UNSERE Werte, die schließlich da hinten in der Ukraine gegen den Russen verteidigt werden. Schon wieder verteidigen Nazis unsere europäischen Werte gegen den Russen, und noch nicht einmal das fällt den wackeren Talkrunden-Demokaten auf.
Der Sportpalast ist die Wohnstube, und das „Wollt ihr den totalen Krieg“ des Reichspropagandaministers ist zum sachlich erörterten Austausch geworden, wie der Feind im Osten am besten zu besiegen ist. Das Resultat ist dasselbe: totaler Krieg. Das offizielle und mediale Deutschland will ihn, jedenfalls solange Ukrainer ihn kämpfen. Da darf einfach nicht nachgegeben werden, da muß um jeden Preis bis zum Endsieg gekämpft werden. Dass es dazu massenhaft Waffen braucht, gebietet schon der bürgerliche Sachverstand.
Wie vor achtzig Jahren verschwenden die totalen Krieger keinen Gedanken daran, wie er enden könnte. Wie er enden WIRD. Sie wissen sich auf der Seite der überlegenen Macht; wenn schon nicht militärisch, dann eben immerhin wertemäßig.
Während ich mich angesichts des gerade Gehörten mal wieder verstärkt wie ein Alien in einer primitiven und barbarischen Welt von Irren fühle, ist die Frau darüber sanft eingedöst.
Je älter ich werde, umso mehr reduzieren sich meine Ideen über das Leben auf ein paar Essentials. Wo ich früher die Welt revolutionieren, die Himmel erstürmen und alle „Alten Gedanken“ herausfordern und abschaffen wollte, hin ich heute froh, ein Dach überm Kopf zu haben (und kein schlechtes!), in einer warmen Bude sitzen zu können und genug zu essen zu haben. (Dazu genieße ich dank einer modernen Erfindung namens Internet nahezu unbegrenzten Zugang zu sämtlichen Quellen kultureller und politischer Bildung, zu Unterhaltungsmedien und allen heutzutage via Internet angebotenen Dienstleistungen.)
All das hört sich nach Rückzug, nach Altersresignation oder nach erschlaffender geistiger Aktivität an. Mag sein. Ich sehe es anders: gerade die erwähnten Essentials, die Grundbedürfnisse eines menschlichen Wesens als Teil des Kollektivs, das „Gesellschaft“ genannt wird, sind ja keine Selbstverständlichkeiten. Müssten sie aber sein!
Ein Staat als Organisationsform des Kollektivs hätte dafür zu sorgen, dass ausnahmslos jeder, der es will, mit Obdach, Nahrung, Schutz vor Kälte und Hitze, mit Zugang zu Bildung, Kultur usw. versorgt ist.
Nun weiß aber jeder, dass ein kapitalistischer Staat genau das überhaupt nicht auf der Agenda hat. Im Gegenteil, seine ultimative ratio, seine conditio sine qua non ist der AUSSCHLUSS riesiger Massen von Leuten von den elementarsten Bedürfniserfüllungsmöglichkeiten. Die Scheidung der Gesellschaft in arm und reich, in Arbeit und Reichtum, in Besitzlose und Besitzende, ist das Treibmittel der gesellschaftlichen Reproduktion. Sie ist auch das Mittel, über das der Staat seine Ausgaben – nicht zuletzt diejenigen für sein herrschaftliches„Gewaltmonopol“ über die Gesellschaft – finanziert.
Und da schließt sich der Kreis zu meiner weltrevolutionären Himmelsstürmerei jüngerer Tage: die simplen Anforderungen, die für ein anständiges und überlebenswertes menschliches Dasein erfüllt sein müssen, werden im Kapitalismus niemals erfüllt. Für einige schon, klar. Für viele aber schon weniger und für Millionen gar nicht.
Darum finde ich die Forderung nach Brot, Obdach, Kultur und Frieden revolutionär. Um auch nur diese Forderungen durchzusetzen, um nur diese Grundbedürfnisse zu erfüllen, MUSS der bürgerliche Staat samt seinem Kapitalismus gestürzt werden. Wie das gehen soll, weiß ich auch nicht. Ich weiß nicht, wie der Imperialismus in seiner gegenwärtigen, völlig heruntergekommenen, gewalttätigen und absolut perversen zynischen Phase ertragen, geschweige denn gestürzt werden kann.
Hoffnungslosigkeit als Kampfposition? Warum nicht. Die eigene innere Balance durch Schönheit, Kunst und Literatur befördern ist eine Option. Drogen eine andere. In der Natur sein und Augen, Ohren und Herz offen zu halten. Letztlich scheint es mir auf gute Freunde, gute Gespräche und guten Wein hinauszulaufen.
USA (zu Europa): „Ich bring dich mit meinem Ukraine-Projekt an den Rand eines Krieges mit Russland, so dass du deine Wirtschaftsverbindungen mit Russland kappst und das zuverlässige, billige russische Erdgas verlierst, das bisher deine Industrie erfolgreich gemacht hat.“
Europa: „Hm, ja, muss wohl sein – Russland böse!!“
USA: „Dann verkauf ich dir mein dreckiges Frackinggas zum Vierfachen meines heimischen Marktpreises und erlasse ein Gesetz zur Deindustrialisierung Europas, das ich „Inflation Reduction Act“ nenne. Da schreib ich rein, dass bei mir zukünftig nur noch im Inland produzierte E-Auto-Komponenten verkauft werden dürfen, so dass deine Industrie, die ohnehin kaum noch unter den hohen Energiekosten produzieren kann, gezwungen ist, ihre Produktion zu mir zu verlagern.“
Europa: „Och, das ist aber nicht so nett von dir, wie sind doch Freunde und Verbündete!“
USA: „Haha. Und damit die Sache klar ist, sprenge ich die Gas-Pipelines weg, die deine bisher stärkste Wirtschaftsmacht mit Russland verbindet. Denk also nicht mal dran, irgendwie wieder zurück zum vorigen status quo zu kommen.“
Europa: (schweigt)
Europa (zur Bevölkerung): „Liebes Volk, leider können wir da gar nichts machen, die Zeiten sind hart, euer Leben wird ziemlich ungemütlich werden! ABER: Russe böse, Putin schuld!“
Europas Bevölkerung mehrheitlich (verarmt, friert, hungert, wird massenhaft arbeitslos, grummelt vor sich hin): „Ist schon scheisse, Leben wird immer ungemütlicher, ABER: Russe böse, Putin schuld!“
Einkauf beim REWE. An der Kasse will mir die Verkäuferin ein paar dieser Sammelbildchen zuschieben, auf denen Bilder der deutschen Fußballnationalmannschaft zu sehen sind. Ich lehne dankend ab und sage ihr: „ Ach nee, damit kann ich nichts anfangen. Geben Sie das irgendwelchen Kindern, die das gut finden.“
Sie lacht und sagt, halb bedauernd, halb scherzhaft: „Das war ja auch nichts, mit dem Spiel gegen Japan.“
„Tja, nur mit gratismoralischen Gesten und alberner politischer Schauspielerei gewinnt man eben keine Spiele“, antworte ich.
„Da sagen Sie was“, entgegnet sie mir, „das ist keine Mannschaft für die Fans mehr. Das ist nur noch Politik.“
Ich sitze mit dem Hund auf einer Bank vorm REWE im Oberkassel Neubaugebiet und warte auf die Liebste, die noch ein paar Dinge im Supermarkt einkauft.
Ein etwa 30-40jähriger Mann mit Krücke stochert in den Papierkörben nach Pfandflaschen. Um zu sehen, ob sich das Rumstochern lohnt, leuchtet er in der beginnenden Dunkelheit in das Innere der Papierkörbe hinein – mit der Taschenlampenfunktion seines Smartphones.
Der eigenartige Kontrast berührt und fasziniert mich: die modernste Konsumentenelektronik kann von der gesellschaftlichen Produktionsweise zur Verfügung gestellt werden – aber nur zur technologischen Verzierung von Verhältnissen, die dieselben sind wie vor 100 oder 200 Jahren: Die Reichen werden reicher, die Armen bleiben arm und werden immer ärmer.
Leute suchen im Abfall nach Verwertbarem, weil sie sich sonst ein Überleben in dieser Gesellschaft nicht leisten können.
Die Frau kommt mit ihrer Beute beladen heraus und wir ziehen heimwärts, einen mehr am Schnüffeln als am Weitergehen interessierten Hund im Schlepptau. Sie räsoniert über die Teuerung und berichtet, dass sie für ein bißchen Brot, Getränke und ein paar Würstchen schon wieder knapp 50 Euro losgeworden ist und drückt mir die Einkaufstasche in die Hand.
Ich erzähle von der Begegnung (besser Beobachtung) bei den Abfallbehältern und füge an. „Wir haben uns in den letzten 25 Jahren ziemlich dran gewöhnt…“
„Woran?“, kommt die Gegenfrage, „An die Smartphones?“
„Nein, an Leute, die in Papierkörben nach Flaschen suchen müssen…“
Mitte der 1990er Jahre wurden die Mobiltelefone als Konsumelektronik für die Massen eingeführt, keine zehn Jahre später machten die Hartz4-Gesetze aus Arbeitslosigkeit staatlich verordnete und betreute Armut unter verschärften Bedingungen.
Ich vermute, in 10-15 Jahren laufen die Flaschensammler mit VR-Brillen durch die Fußgängerpassagen, aber an ihrer Armut wird sich nichts geändert haben.
Erinnert mich an ein fiktives PC-Game, das ich mal konzipiert habe: Bottle Collect Challenge!
Fast noch bemerkenswerter als der Klartext von Kujat ist die grenzdebile Fragestellung der maximal unbedarften Jungmoderatorin. Man erkennt an ihrer Formulierung und am Inhalt ihrer Nachfrage, dass das Mädchen sich nicht für zwei Pfennig selbst Gedanken zu machen in der Lage ist, sondern besinnungslos nachplappert, was die aktuelle Sprachregelung wertewestlicher Kriegführung ist.
Ich befürchte, diese inkarnierte sprechende Plakatsäule der NATO-Ideologie steht prototypisch für eine ganze Generation junger Erwachsener in den imperialistischen Ländern.
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EX-GENERAL KUJAT: MAN KANN EINE NUKLEARMACHT NICHT BESIEGEN
Und nochmals einer, der die Sackgassenstrategie des Westens an den Pranger stellt. Harald Kujat, General a.D, verurteilt des westlichen Leitfaden , den Krieg fortzusetzen und Verhandlungen zu verhindern, obwohl Russland diese wiederholt vorgeschlagen hat:
“Putin hat angeboten, die Verhandlungen fortzuführen…. Aussicht auf einen totalen Sieg über Russland, das ist völlig ausgeschlossen. Man kann eine Nuklearmacht nicht besiegen.”
Die Brisanz: Der Westen erlaubt der Ukraine nicht, mit Moskau zu verhandeln. Er hatte schon die Gespräche im März abgebrochen, als es durchaus Chancen für eine Friedenslösung gab:
„Bis Ende März, die dann auf Druck des Westens von der Ukraine nicht fortgesetzt wurden. Diese Ergebnisse waren gar nicht so schlecht für die Ukraine.”
Bei der gemeinsamen Hunderunde im Düsseldorfer Nobelviertel Oberkassel klärt mich die Liebste auf über diverse Immobilienobjekte und deren Preise, die sie aufgrund ihrer beständigen Recherche in den einschlägigen Web-Portalen alle kennt. Wir kommen an einem Gründerzeit-Altbau am Luegplatz vorbei, welcher vor fünf Jahren – als ich aus dem Annexionsgebiet ins West-Exil zog – in die engere Auswahl einer gemeinsamen Behausung geraten war.
„Die Wohnung ist total beschissen geschnitten und besteht nur aus Einbauschränken“, klärt mich meine Herzdame auf. „Und das für 1.400 kalt. Außerdem haben die da wohl mittlerweile noch einen Aufzug eingebaut – was meinst du, was du für eine Wohnung mit Aufzug zahlen musst!?“
Während der Hund an eine alte Eiche vor dem ansehnlichen Gebäude pisst, klingt mir ihr letzter Satz in den Ohren und im Geiste nach. „Was meinst du, was du für X oder Y zahlen musst!“ Die Selbstverständlichkeit erschreckt mich. Die Selbstverständlichkeit, in einer Welt zu leben, in der ALLES bezahlt werden muss, und in der jedes bißchen mehr Komfort und Annehmlichkeit selbstverständlich seinen PREIS hat. Dass diesen Preis nicht alle, genau genommen die wenigsten, zahlen können, ist ebenfalls eine Selbstverständlichkeit, die jeder akzeptiert.
Für Insassen der Marktwirtschaft steht überhaupt nicht in Frage, dass menschliches Leben und seine Erhaltung auf diesem Planeten und in dieser Gesellschaft nur gewährleistet ist, nur aushaltbar gestaltet werden kann, wenn man GELD genug hat – Betonung auf „genug“.
Es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, dass die ultima ratio der Konkurrenzgesellschaft das Geld und dessen Erwerb ist – und zwar sein Erwerb IN der Konkurrenzgesellschaft (die ebenfalls nicht in Frage gestellt wird) GEGEN die konkurrierenden Interessen der anderen „Marktteilnehmer“, die alle auch zum Zuge kommen wollen und müssen, um an den essentiellen Rohstoff dieser Welt heranzukommen.
Wir gehen weiter, und in meinem Geist entfaltet sich das gesamte Drama, das umfassende Elend einer Gesellschaft, die jedes ihrer Mitglieder von Beginn an auf Konkurrenz programmiert und damit den Überlebensimperativ der Spezies auf einen Zustand reduziert, der für Lebewesen vorgesehen ist, die kein entwickeltes Großhirn haben, die keine Sprache, keine Vorausplanung, keine industrielle Produktion kennen. Die einzige Abstraktionsleistung, die das menschliche Gehirn in der Konkurrenzgesellschaft leisten muss, ist der Transfer des animalischen Überlebensinstinktes auf die Ebene des Gelderwerbs, des Gegeneinanders und des Beutemachens.
Während wir uns der heimischen Altbausubstanz nähern, kommen wir an den Schaufenstern allerlei Banken und Sparkassen vorbei, die ebenfalls die letzte Wahrheit und höchsten Werte dieser Welt in dieselbe hinausposaunen: „Ideale Kapitalanlage für Investoren“ und „Renditestarkes Mehrfamilienhaus“ werden die Immobilien beworben, die die Finanzinstitute ihrer betuchteren Klientel anbieten. Auch hier – erst recht hier!! – ist klar, dass nur finanzielle Solvenz und der Erfolg im Konkurrenzkampf, der einem diese gewährt, zu einem anständigen Leben in Wohneigentum und vergleichsweiser Sicherheit und Unabhängigkeit verhilft.
Wir haben es in die mentale Gensubstanz eingebrannt: GELD gibt’s nur bei ERFOLG in der KONKURRENZ.
Über KONKURRENZ läßt sich debattieren; viele marktwirtschaftliche Rädchen im Betrieb empfinden sich gar nicht unbedingt als harte Frontkämpfer des allgegenwärtig beschworenen und tobenden „Wettbewerbs“, sondern betrachten ihre berufliche und finanzielle Selbstbehauptung als Resultat eines idealisierten persönlichen Durchsetzungswillens, unschlagbarer Talente oder einfach schlichten Glücks.
Und was ERFOLG bedeutet, darüber gehen erst recht die Ansichten auseinander. Für viele wird es die Tatsache sein, überhaupt in dieser Welt, quasi als Goldfisch im Haifischbecken, über die Runden zu kommen. Andere wollen selber der Haifisch sein und geben keine Ruhe, bis sie es auf dem einen (legalen) oder anderen (kriminellen) Wege – oder drittem (einer Mischung aus beiden) – dazu gebracht haben.
Doch GELD, Ziel und Zweck all der privaten, kollektiven und sonstigen Bestrebungen, der Fetisch, um den sich alles dreht – GELD (und die Jagd danach) wird nie in Frage gestellt. Für den marktwirtschaftlichen Sachverstand reicht es auch, wenn er über Geld weiß, dass er es eben braucht. Und zwar so viel wie möglich davon und am besten in ständigem, wachsenden Zufluss. DANACH richtet er seine Wirklichkeit ein, oder besser: danach ist die Welt eingerichtet, die er vorfindet und die er nie anzweifelt. Alles was er anzweifelt ist die Tatsache, dass er genügend „Biss“ hat, um sich in dieser Welt zu behaupten.
Von diesen Reflexionen in schweigsame Nachdenklichkeit versetzt, lenke ich meine Schritte zum Hauseingang hin.
Ein kurzer Abstecher in den Keller überzeugt mich, dass ich über eines froh sein kann: meine bescheidenen Fähigkeiten im verseuchten Haifischbecken der Realität haben immerhin dazu gereicht, mich bereits im siebten Lebensjahrzehnt aus der Reichweite der schlimmsten Raubfische zu bringen. Was nicht immer einfach war. Und das bißchen Gelderwerb, zu dem ich mich gezwungen sah (und sehe) reicht aus, um – spätestens mit dem im Dezember anstehenden Pflegebonus – den Weinkeller mal wieder aufzustocken.