Geschichten die das Leben schrieb: Altersarmut live

Begegnung am Düsseldorfer Hauptbahnhof: eine ältere Frau, keine „Pennerin“, eher Typ einfache Rentnerin, spricht mich und fragt, ob ich etwas Kleingeld für sie hätte. Ich gebe ihr einen Euro und frage, warum sie hier auf dem Bahnsteig bettelt.

Sie: „Ich sag Ihnen die Wahrheit: ich bekomme 730 Euro Rente, ich zahle 500 Euro Miete. Ich will meine Wohnung nicht verlieren. Ich komme jeden Tag aus Bochum hier nach Düsseldorf, weil hier das Geld ist. Hier sind die Leute reich.“

Ich frage, wieviel sie am Tag auf diese Weise erwirtschaftet und erhalte zur Antwort:

„Also, 15 Euro so etwa…“

Ich verstehe zunächst „Fünfzig“, aber sie erklärt, dass das Betteln ein hartes Geschäft ist und dass sie sich mehr Abfuhren und dumme Kommentare anhören muss als dass sie an freigiebige Leute gerät.

Natürlich frage ich sie auch, ob sie nicht Wohngeld beantragen oder die Grundsicherung für Rentner in Anspruch nehmen kann. Sie läge mit ihrer Rente oberhalb irgendwelcher Bemessungsgrenzen, erklärt sie mir, und hätte von dieser Seite nichts zu erwarten.

Diese Rentnerin kommt also beinahe täglich von Bochum in die reiche Landeshauptstadt (per Anhalter, erzählt sie mir, „die Fahrkarte könnte ich mir gar nicht leisten“) um zu betteln, damit sie sich das Leben leisten kann – Kapitalstandort Deutschland 2017.

Ich gebe ihr noch einen Fünfer, damit sie schneller ihr selbstgestecktes 15-Euro-Minimalziel erreicht, und sie verabschiedet sich mit einer Umarmung und dem Wunsch für ein frohes Weihnachtsfest.

Ich brauch erst mal eine Zigarette; da kommt schon der nächste Bedürftige, diesmal dem Eindruck nach ein obdachloser älterer Mann in immerhin warmer, aber schäbiger Kleidung. Er will aber kein Geld: „Haste mal ne Zigarette für mich?“

Wir rauchen zusammen unsere Zigaretten und betrachten schweigend die Menschenmassen auf dem Bahnsteig.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Endstation Altersheim

Wohnbereichsübergreifende Zeitungsrunde mit ca. 12 oder 14 Bewohnern. Die Meldung, dass ein israelischer Forscher die These aufstellt, Menschen könnten durch Veränderungen der Ernährung, gentechnischen Eingriffen und medikamentöser Behandlung bis zu 140 Jahre alt werden, löst lebhafte und ehrliche Diskussion aus.

Frau N., Anfang Neunzig, wirft ein: “Wozu denn? Damit man noch länger im Pflegeheim lebt? Ich hab mich jetzt an das Leben hier gewöhnt, aber glauben Sie mir, ich wollte oft genug Schluß machen, besonders anfangs, als ich herkam.”

Herr T., Ende Siebzig: “Im Pflegeheim zu landen ist das Ende. Man verliert seine Wohnung, und damit sein ganzes Leben. Alle Erinnerungen, der Ort, an dem man die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat, Kinder großgezogen hat – alles weg.”

“Wenn man auf die Hilfe von anderen angewiesen ist, verliert man seine Freiheit”, meldet sich die 75-jährige Frau W, “Meinen Sie, mir macht das Spaß, für jeden Toilettengang klingeln zu müssen? Was denken Sie, wie oft ich mich schon gefragt habe, was das für ein Leben ist und warum ich das ertragen muss. Das ist das Entwürdigendste überhaupt, wenn man sich selber nicht mehr helfen kann bei den einfachsten und intimsten Dingen.”

Ich frage in die Runde, ob die anderen das auch so sehen, und erhalte einhellige Zustimmung zur Antwort. Nach und nach reden fast alle über ihre Erfahrungen und Gefühle im Zusammenhang mit dem Verlust der Selbständigkeit, der Selbstbestimmung, der körperlichen Funktionsfähigkeit – vor allem aber über den Verlust der eigenen vier Wände und der Reduzierung des Lebensumfeldes auf ein Zimmer, das jederzeit von Dritten betreten werden kann und bei dem man sich oft genug Bad und Toilette mit einer weiteren Person teilen muss. Mehrfach höre ich Sätze über das Empfinden von Sinnlosigkeit, Depressionen, Selbstmordgedanken, inneren Rückzug bis hin zum Sich-Aufgeben und auf den Tod warten.

Offensichtlich ist es allen ein Bedürfnis, einmal Klartext zu sprechen über das grundlegende Gefühl von Verlust von Freiheit und Würde, Einschränkung und Entmündigung. Unter dem alltäglichen Sich-Arrangieren mit den Gegebenheiten und der “Besser als gar nichts”-Motivation fürs Mitmachen bei allen möglichen Angeboten und Aktivitäten im Heim bestimmt dies scheinbar die Erfahrung der BewohnerInnen.

Ich überlege, ob der innnere und äußere Raum für das Zulassen, Aussprechen und Anerkennen dieser Gefühle – idealerweise in einem professionellen psychologischen Rahmen – nicht eigentlich in jedes Alten- und Pflegeheim gehört. So wie die Dinge liegen, ist das Arbeiten oder der Umgang mit den teilweise traumatisierenden Erfahrungen Glückssache bzw. abhängig von der individuellen Befähigung und der Empathie der Pflege- und Betreuungskräfte.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Verliebt

Die 103-jährige Frau S. strahlt mich an, als ich mit dem Mittagessen zu ihr ins Zimmer komme und frage “Und, Frau S., möchten Sie was zu essen?”

“Wenn Sie kommen, hab ich immer Hunger!”

Ich betrachte mir ihr püriertes Essen und versuche herauszufinden, um was es sich dabei ursprünglich handelte. “Hm, also, Frau S., ich glaube, heute gibt es Kartoffelbrei mit Brokkoli… jedenfalls Gemüse… und… tja, könnte Frikadelle sein. Oder Roulade.”

“Ach, egal! Immer rein damit! Ich bin ein guter Esser!”

Frau S. isst heute wirklich mit Appetit und Lust und hat im Nu die ganze Portion aufgegessen, einen ganzen Teller voll.

Es ist eher selten, dass bettlägerige Heimbewohner, die nicht alleine essen können, mit Appetit und vor allem in solcher Geschwindigkeit essen. Außerdem essen Hochbetagte in der Regel sehr wenig. Als ich das anerkennend erwähne und meinem Gegenüber sage, wie klasse ich finde,
dass sie trotz ihres Alters so guten Appetit hat, antwortet sie:

“Ja, ich bin 74 Jahre alt!”

Das ist nicht das erste Mal, dass ich diese Zahl von ihr genannt kriege. Ich mache einen vorsichtigen Versuch, ihr wahres Alter zu erwähnen:
“Frau S., wenn ich ich Ihnen sage, wie alt sie wirklich sind, würden Sie mir das nicht glauben! Sie sind 103 Jahre alt!”

“Nein, ich bin 74”, antwortet Frau S. wie aus der Pistole geschossen und ohne jede Spur von Zweifel. Es ist klar, dass dies für ihr inneres Empfinden ihr Alter IST; aus irgendeinem Grund hat ihr Geist dieses Alter als permanenten Jetzt-Zustand gespeichert.

Zeit, zurückzurudern: ich versuche es mit einem “Hm… achso, ja, vielleicht hab ich da was durcheinandergebracht..”
“Da haben Sie ganz sicher was durcheinandergebracht!”, klärt sie mich auf und streichelt milde gestimmt meine Hand. Plötzlich strahlt sie mich wieder an: “Und wissen Sie, warum ich so gut esse? Ich bin verliebt!!”

Ich ahne schon, was kommt, frage aber trotzdem: “In wen denn?”

“In Sie!” antwortet sie und schenkt mir ihr herzlichstes Lächeln.

Situation gerettet, und ich habe eine Verehrerin, deren gefühltes Alter gar nicht mal so weit von meinem entfernt ist…

 

Geschichten aus dem Pflegeheim: Von Ost nach West

Pausenschwätzchen mit Kollegin G., die als einzige außer mir  von Ost- nach Westdeutschland gekommen ist (und im Gegensatz zu mir gelernte DDR-Bürgerin ist).

“Na, hast du dich schon eingelebt in NRW?” fragt sie mich.
Ich so: “Ach ja, geht so..” und erwähne, dass mir die Arbeitsatmosphäre im Osten besser gefallen hat. Dort war es meinem Gefühl nach kollegialer, menschlicher und kollektiver in der Zusammenarbeit, es herrschte einfach ein anderes zwischenmenschliches Klima unter den KollegInnen.
Ich bin noch nicht halb fertig mit meinem Satz, da kriegt sie schon den
“Ja, sag ich doch, du sprichst aus, was ich auch meine”-Blick.

Dann holt sie aus: “Ich bin jetzt sechs Jahre hier. In der Zeit hab ich eins gelernt:
jeder ist sich hier selbst der nächste. Und mein Vertrauen in die Menschen hab ich komplett verloren. Jeder denkt hier nur an sich, erzählt überall, wie toll er ist und weiss überhaupt nicht, was ein Kollektiv ist. Deswegen müssen sie das ja auch „Team” nennen.“


Ich bin ganz Ohr. Als nächstes erzählt sie mir, was ich oft im Osten gehört habe: „Wir haben ja früher StaBü (Staatsbürgerkunde) in der Schule gehabt. War ja viel Propaganda, aber im Wesentlichen, das ist mir jetzt klar, hat das alles gestimmt.”

In der Hoffnung auf weitere kapitalismuskritische Suaden nicke ich zustimmend. Sie redet weiter: “Wir haben drüben zusammengehalten gegen die Obrigkeit. Hier buckeln sie alle vor der Obrigkeit und treten gegen die Kollegen. Die sagen dir die freundlichsten Sachen und wenn du dich umdrehst, rammen sie dir das Messer in den Rücken.”

Ich frage nicht nach, ob das ihre persönliche Erfahrung ist oder ob sie nur das generelle Klima von Gegeneinander, Missgunst, Druck und Vereinzelung ist, das von der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft gestiftet und immer weiter verschärft wird. Und offensichtlich auch im Sozialbereich, oder gerade da – weil dort Arbeitsbedingungen und Entlohnung besonders mies sind.

Ich gebe ihr den guten Rat, den ich auch mir selber gebe: lieber grundlos vertrauen als dass man als mißtrauischer Konkurrenzdepp durch die Welt läuft. Das verhärtet nur die Seele.

Insgeheim vergeude ich ein paar wehmütige Gedanken an meine frühere Arbeitsstelle im Annektionsgebiet und wünsche mir einmal mehr, ich wäre nie nachm Westen gegangen.

 

Wählen zur Ermächtigung solider Herrschaft über die Gewählten

Facebook-Post zu den im Zuge der BTW17 anschwellenden und nervtötenden Nichtwähler-Bashing:

Ich hab nicht gesagt, dass ich nicht wählen gehe. Ich weise nur gerne
darauf hin, dass das Wesentliche der gegenwärtigen Gesellschaft NICHT
zur Wahl steht: die Eigentumsordnung, also die Herrschaft des Kapitals
und die Benutzung von Mensch, Tier und Natur für die Bereicherung
einiger weniger.

Wenn man daran was ändern möchte, wenn man im Interesse der Bewohner dieses Planeten die Barbarei dieser Ordnung beseitigen möchte, sollte man sich nicht über geschmackliche DETAILS der Herrschaftsausübung auslassen und mehr oder weniger sachkundig darüber debattieren, welches Herrschaftspersonal nun am besten “Deutschland” voranbringt und zum wuchtigsten Kapitalstandort weit und breit machen kann.

Man sollte dann erstens – durch Aufklärung und Information – dafür sorgen, dass möglichst viele Leute die sie schädigenden Verhältnisse umstürzen und so einrichten, dass ein anständiges Leben für alle dabei rauskommt. Dass das im Kapitalismus nicht zu haben ist: darin besteht die Aufklärung.

Zweitens muss einem klar sein, dass die Auswahl des Herrschaftspersonals der bestehenden Ordnung ganz bestimmt kein Mittel ist, diese abzuschaffen.
In diesem Rahmen kann man, wenn’s einem Spaß macht, an der
Ermächtigungsveranstaltung bürgerlicher Herrschaftsausübung teilnehmen
und sein wirklich nutzloses Kreuzchen hinter irgendeiner
Buchstabenkombination machen.

Zum Beispiel bei der Oppositionspartei, die zumindest ansatzweise antikapitalistische Positionen im Parlament vertritt und den Entrechteten und Ausgebeuteten manchmal Gehör verschafft. Oder gleich bei der Kommunistischen Partei (meine Präferenz).

Aber noch mal: mit dem Wählen von Funktionsträgern in die vom Staat vorgegebenen Ämter ändert man nicht diesen Staat sondern festigt eher die im Staat manifestierte Herrschaft des Privateigentums über die Gesellschaft.

 

Schreck in der Abendstunde

Oh Gott.
Nach dem “Tatort” aus reflexhaftem Schreck umgeschaltet, weil in der Anne-Will-Laber- und “Ich hör dir nicht zu, lass dich nicht ausreden und achte nur darauf, meine eigenen Sprechblasen aufzusagen”-Talksimulation wieder irgendein nationalistisches Türken-Bashing angekündigt wurde; noch größerer Schreck bzw. fasziniert-gruseliges Befremden bei zwei Nachrichten aus einem bizarren Paralleluniversum:

Zuerst ein FDP- (irgendeine Kleinstpartei, die früher sogar mal im Parlament war) Parteitag. Der Parteivorsitzende steht an einem Rednerpult, das mit dem teletubbybunten Schriftzug “Es geht um unser Land” beklebt ist. Also nicht um Frankreich, Angola oder Montenegro, sondern “um unser Land” – diese Politsekte für Besserverdienende hält Ihr Klientel scheinbar für so blöd, dass sie ihm extra mitteilen muss, dass es um Deutschland geht und nicht um ein anderes Land. Mehr interessiert sowieso schon nicht mehr – dass es “um unser Land” geht, muss den Wahlschafen genügen.

Dann ein Bericht über eine ähnliche Veranstaltung der neoliberalen Konkurrenz, und zwar derjenigen mit der sozialen Maske: ein unsympathischer Bartträger selbsthypnotisiert sich und den erkennbar debilen Parteianhang (der in seiner Not, endlich mal wieder einen Kanzler stellen zu wollen, sich jeden verlogenen Heuchler als Messias zurecht deliriert) mit seltsamsten Beschwörungen: “… dass die SPD stärkste Partei wird und ich Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland” – die berechnende auswendig gelernte Floskel einer Standardansprache offensichtlich, denn Mimik und Tonfall des bärtigen Unsympathen ist das glatte Gegenteil der pseudo-enthusiastischen Mutmache; das Parteitagsvolk klatscht pflichtgemäß, kuckt aber so bedröppelt und mutlos aus der Wäsche wie Sonntagschristen, die dem Pfarrer ohnehin nicht glauben, wenn er vom Himmelreich salbadert.

Nachdem mir kurzzeitig vor entsetzter Faszination Hirn und Hand paralysierten, funktionieren meinen Überlebensinstinkte wieder, als zu allem gruseligen Überfluss auch noch die kongenial verlogene NRW-Merkel Hannelore Kraft auf dem Bildschirm erscheint – eine Frau, deren bloßer Anblick schon eine unverschämte Beleidigung menschlicher Intelligenz und jedes höheren Empfindens ist (was sie allerdings gemeinsam hat mit dem übrigen Führungspersonal der Kapitalstandortverwalter von der Arbeiterverräterpartei).

Schnell den Abschaltknopf gedrückt und erneuter Schwur, nie wieder länger als 30 Sekunden Politnachrichten im Staatsfernsehen zu kucken.

„Weltspiegel“-Propaganda

Meine Herren. Gerade nebenbei ARD-“Weltspiegel” beim Bügeln mitgehört. Danach muss ich glaub’ ich duschen gehen, um all den Schmutz, die Hetze und die russophobe Propaganda abzuspülen. Zuerst ein 20-minütiger Bericht über einen (dem Anschein nach psychisch gestörten) Querulanten, der sich mit pro-ukrainischen Schildern in Moskau hinstellt und das für politischen Protest hält. Der also Partei ergreift für ein Regime, das in Russland, so wie die deutschen Faschisten, den Feind sieht und die russische Bevölkerung im Donbass mit Krieg terrorisiert.

Dass der Provokateur dafür im Einklang mit russischen Gesetzen Lagerhaft aufgebrummt bekommt, gilt ihm und der empörten Berichterstatterin als “Folter”, “immer noch wie die Gulags der Sowjetunion” usw. Dass der Mann mittlerweile durch Gerichtsbeschluss freikam, kann der Bericht allerdings nicht verschweigen.

Anschließend ein ähnlich verstrahlter “Die gefährlichen und merkwürdigen Russen sind nun mal unberechenbar und eigentlich immer noch Kommunisten”-Bericht über eine Feier zum 64. Todestag Stalins. Unaufhaltsam und schleichend, jeden Tag in neuen Variationen, tröpfelt die anti-russische Propaganda aus den Medien – so wird der Krieg vorbereitet.

Abt. Frontberichte aus der Vorkriegszeit

Beim Abendbrot MDR Kultur angestellt, es läuft ein Themenabend “Litauen”. Ausgiebig wird die West-Orientierung des Landes und seiner baltischen Nachbarn beschworen, gewürdigt und mit geschichtklitternden Fakten (“Litauen ist ja katholisch wie Polen, somit also immer schon ein Teil des Westens…”) “untermauert”.

Dass das Land sich mangels Masse und eigenem Gewicht im imperialistischen Zweckbündnis der EU seit Jahr und Tag als russophober Wadenbeisser der NATO hervorzutun versucht, erklärt ein professoraler Interviewpartner wie folgt: Litauen hätte “berechtigte Ängste” angesichts der “ja nun doch massiven Konzentration von militärischen Kräften Russlands in der Region”. Dass diese Maßnahme Russlands vielleicht eine REAKTION ist auf den zunehmend dreisteren Aufmarsch der NATO vor Russlands Westgrenze, auf die Eingemeindung der baltischen Staaten in das westliche Kriegsbündnis, auf die bellizistische Rhetorik, das Säbelrasseln, die Kriegshetze insbesondere der baltischen Mini-Staaten – geschenkt, mit diesen Informationen will man den MDR-Kultur-Hörer offensichtlich nicht überfordern.

Dann wird´s allerdings ganz bizarr: die betont ahnungslose Interviewerin fragt den Experten, ob er den militärischen Aufmarsch – nein, nicht der NATO, sondern Russlands – etwas detaillierter beschreiben könnte. Die Antwort des wackeren Mannes: Ja, da wären also in der Enklave Kaliningrad “unglaublich viele Luftabwehrraketen stationiert” – schöner kann sich der kriegslüsterne NATO-Narrativ von der “russischen Gefahr” ja gar nicht blamieren, aber gehört hat´s sicher wieder keiner: defensive Maßnahmen Russlands gegen die zunehmend aggressive Bedrohung durch die NATO – Luftabwehrraketen in Kaliningrad! Klarer Beleg für russische Aggression!! – müssen auch noch herhalten als Begründung für den Kriegskurs der NATO.

Ich muss an meinen Großvater denken, dem seine antifaschistische Arbeit Gestapo-Haft und Zwangsrekrutierung für das Strafbataillon 999 eingebracht hatte und der mir gelegentlich sagte: “Ich wusste doch, dass Hitler Krieg bedeutet. Jeder der es wissen wollte, konnte es wissen. Aber es wollte kaum jemand wissen.”

Ich fühle mich heutzutage ähnlich.

Radio hören

Nicht nur im öffentlichen Raum, auch beim Radiohören wird man ständig von mehr oder weniger (meist mehr) idiotischen Kauf- und Konsumaufforderungen belästigt. Schon um das wenigstens beim Radiohören zu umgehen, höre ich fast ausschließlich MDR Kultur oder ähnliche Sender. Wenn man diese allerdings streamt, z.B. über die TuneIn App, muss man zu Beginn einen Werbespot ertragen.

Die Ohren kann man nicht verschließen wie die Augen, und woanders hinhören geht auch nicht so einfach wie woanders hingucken, also höre ich gezwungenermaßen die 20- oder 30-sekündige Ansprache einer (nach Stimmlage, Intonation und gefakeder Begeisterung zu urteilen) etwa 24-Jährigen, die mir in sehr direkter, persönlicher, unangenehm aufdringlicher Art und Weise zuruft – nein, mich ungefragt verbal bedrängt – dass nur ich aussuchen könnte oder würde, wie mein Diesunddas aussehen oder gestaltet würde (die beworbene Sache habe ich vor lauter Ekel über diese Aufdringlichkeit gar nicht mitbekommen), “du allein entscheidest!!!” und ähnliche Jubelschreie, die mir nahelegen sollen, dass meine persönliche (Entscheidungs-)Freiheit mit dem Erwerb dieses Gegenstandes oder dieser Dienstleistung ihre letztendliche Bestimmung und Erfüllung gefunden hätte.

Bevor ich in die Kaffeetasse kotze, besinne ich mich, dass diese akustische Umweltverschmutzung ja in wenigen Sekunden vorüber ist und weigere mich innerlich ein weiteres Mal, die allgegenwärtige Werbeberieselung als unvermeidlichen Preis für diverse Annehmlichkeiten des Lebens im Kapitalismus (und damit diesen gleich mit) zu akzeptieren.

Und ich wundere mich, wie IRGENDJEMAND sich jemals daran gewöhnen kann, in einer Welt zu leben, die “Freiheit” mit der Fähigkeit gleichsetzt, sich sklavisch jeglicher Freiheit zu entäußern, um als funktionierendes Rädchen der marktwirtschaftlichen Konsumwelt zu funktionieren – eben so, wie es die Werbetreibenden brauchen, um bei Strafe des wirtschaftlichen Untergangs ihre Produkte und Dienste in der Konkurrenz um Kaufkraft abzusetzen.
Erstmal noch’ n Kaffee.

Eine Parabel

In der einzigen Kantine, die alle zum Essen aufsuchen müssen, bereitet ein Koch feinste Speisen zu: erlesene Menüs mit 5 und mehr Gängen, schmackhafte und gesunde Kost wie auch üppige und herzhafte Leckereien aller Art. Da bleiben keine Wünsche offen.

Einziges Problem: diese kulinarische Rundumversorgung ist nur einem kleinen Gästekreis zugänglich.

Die große Anzahl der Esser wird mit sattmachenden, aber billig produziertem Zeug abgefüttert, das weder Mensch noch Tier noch Natur bekommt. Aber sie können aus einem Angebot wählen, das vom Umfang her so üppig aussieht wie das der privilegierten Speisenden.

Eine weitere nicht unbeträchtliche Anzahl erhält Reste, Abfälle, gelegentliche Nahrungsmittelspenden, die ein unmittelbares Verhungern verhindern.

Dann gibt es noch – saisonal variierend – einen ordentlichen Prozentsatz an Leuten, die zwar gerne essen würden, aber gar nicht erst in die Kantine gelassen werden. Die müssen leider verhungern.

Der Koch, angesprochen auf die ziemliche ungleiche Versorgung der Gäste, zuckt die Achseln, murmelt etwas von “die abgewiesenen Gäste können sich ja mehr anstrengen, an die Tafel mit den Sterne-Menüs zu kommen!” oder “Ja, unschön, aber so ist leider nun mal die Natur des Restaurantkunden…” und widmet sich wieder seinen Töpfen und Pfannen.

Nun begab es sich, dass ein Teil der Hungrigen beschloss, fortan auf die “Dienste” des Kochs zu verzichten, einen eigenen Koch anzuheuern und selbst eine Kantine aufzumachen.

Das klappte mal gut, mal weniger gut; es gab keine solch überwältigende Auswahl wie in der Kantine des Sternekochs, aber alle hatten zu essen und alle wurden satt. Die Speisekarte wurde gemeinsam erstellt, musste aber mit weniger Gerichten zurechtkommen, denn der Sternekoch der anderen Kantine – bis zur Weißglut erbost über die neue Konkurrenz – hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, der neuen Kantine und ihren Gästen das Leben so schwer wie möglich zu machen, in dem er dafür sorgte, dass die Neuen so wenig wie möglich Lebensmittel, Zutaten und Material zur Verfügung hatten. Sein erklärtes Ziel: alle Gäste sollten wieder in SEINER Kantine speisen!

Nach einigen Jahrzehnten war er am Ziel: die neue Kantine musste schließen, denn die Gäste, die einmal stolz darauf waren, dass in ihrer eigenen Kantine jeder satt wurde, waren in ihrer Unzufriedenheit über die einfachen Teller und Speiseangebote so ärgerlich mit ihrem Koch, dass sie nach dem alten Koch verlangten und erlesene Gerichte von edlen Porzellantellern zu speisen wünschten – obwohl sie wissen mussten (leider aber nicht wissen wollten), dass in der alten Kantine dieses Privileg nur wenigen vorbehalten ist und die Mehrheit eher vom Küchenassistenten Schmalhans bedient wird.

Seitdem gehen wieder alle in die alte Kantine, in der die Gerichte für die Wenigen immer üppiger werden, die Suppe für die Mehrheit immer dünner und weniger nahrhaft, und die Anzahl der Verhungernden stetig steigt.

Diesmal hat der Koch der grassierenden Unzufriedenheit aber vorgebeugt. “Ihr seht ja”, sagt er zu den Gästen, “dass das nichts wird mit eurem alternativen Koch! Der will nämlich auch nur Chef in der Küche sein und euch die Suppe einbrocken! Und ihr wisst ja wohl noch, wie DIE geschmeckt hat! Eine andere Kantine ist wider die Essnatur, und das bleibt für alle Zeiten so.”

Und weil fast alle Gäste dies glaubten – und die paar, die es nicht glauben wollten, ebenfalls auf das Essen der einzigen Kantine angewiesen waren – gaben alle Restaurantkritiker ihm recht.

Nur ein alter Feinschmecker, dessen Restaurantkritiken bereits vor 150 Jahren erschienen und u.a. auch den Koch der neuen Kantine zu seinem reduzierten, aber für alle sättigenden Speiseangebot inspiriert hatten, wiegte bedenklich sein bärtiges Haupt und sprach: “Kommunismus heißt nicht, den KOCH auszutauschen, sondern SELBER die Küche zu übernehmen. Wann kapiert ihr das endlich?”