Börse aktuell

Unsere Korrespondentin Wagenknecht macht sich große Sorgen über Shareholder Value und Kapitalisierung; Aktionäre haben schließlich ein Anrecht auf gesunde Profitabiltät der Unternehmen, in die sie investieren!

Die toughe Anlageberaterin weiß, wo in der Marktwirtschaft nicht nur die Gewinne, sondern auch die Entscheidungen gemacht werden müssen – nämlich dort, wo aus Geld Vermögen und aus Vermögen Kapital wird.

Und KAPITAL ist ein scheues Reh, weiß Försterin Sahra.
Andrerseits ist Kapital nicht so scheu, dass es nicht ständig rammeln, also sich vermehren wollte – auch dieses Naturgesetz kennt unsere kompetente und sympathische Börsenspezialistin.

Die neue Bundesregierung ist da leider überhaupt nicht auf der Höhe und lässt nur zögerliche Bereitschaft erkennen, die Profitabilität des Kapitalstandortes so zu optimieren, dass die Börsen durchs Dach gehen statt in den Keller zu rauschen. Da ist leichtfertig, unsolide und grenzt an sozialistische Verantwortungslosigkeit, wie Frau Wagenknecht aus eigener Erfahrung weiß.

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Systemfehler

Ein Bernd Haake (mir bislang unbekannt) schreibt auf X diesen (längeren) Text.

Dass Geld „der neue Gott“ sei, wie er schreibt, bezweifle ich, denn Geld und dessen Vermehrung war schon von alters her der zentrale Götze der Spezies. Solche esoterischen Verallgemeinerungen sind allerdings ohnehin nicht tauglich für ein Verständnis der politischen Ökonomie einer gegebenen Gesellschaft.

Ansonsten aber ein recht lesenswerter Beitrag.

SYSTEMFEHLER:

Unbeirrt wird im ausgehenden Kapitalismus an der Erzählung der grenzenlos möglichen Geldvermehrung, unabhängig von irgendwelchen realen Werten, festgehalten.

Der gegenwärtige, irrsinnige Börsen Hype wird damit beschrieben und begründet, dass „die Zukunft“ gehandelt werde.

Gelddruckmaschinen laufen sinnbildlich heiß. Kredite werden mit Krediten bezahlt. Schuldenstände der Industrienationen, insbesondere der USA, erreichen astronomische Höhen.

Jetzt erweitert Trump die Finanzblase, das Schneeballsystem dadurch, dass Gewinne aus rein spekulativem Krypto-Währungs-Handel steuerfrei bleiben sollen. Um dieses Krypto-Geld zu erzeugen, verschwendet man sinnfrei Unmengen an Energie.

Das Phantasie Geld System insgesamt müsste augenblicklich zusammenbrechen, würden zu Viele gleichzeitig auf Rückzahlung ihrer Einlagen und/oder Kredite bestehen; würden vermehrt Ordentliche Buchhalter Bilanzen von „Finanzdienstleistern“ und Konzernen einmal eigenmächtig genauer durchforsten, und auf Werthaltigkeit und Sicherheit überprüfen.

Das schier endlose Spielgeld landet selbstverständlich vorrangig in den Händen der Superreichen, der Upperclass, der angeblichen „Leistungsträger“. Dies würde sicherstellen, dass das niedere Volk stets genug nach unten durchrieselnde Krümel zum Erhalt seiner Arbeitskraft zur Verfügung hätte. Groteske, durch nichts begründete Vermögensungleichheiten werden als Gott gegeben angesehen.

Die entstandene Finanzoligarchie zieht logischerweise längst alle Fäden in der sogenannten „Liberalen Demokratie“. In dieser Scheindemokratie geben die Menschen alle 4 oder 5 Jahre ihre Stimme im wahrsten Sinne des Wortes an sogenannte „Repräsentanten“ ab. Die sind abhängig, oft korrumpiert von der besitzenden Klasse und handeln entsprechend.

Die beschriebene, finanzbasierte Ordnung funktioniert genau so lange, wie die Menschen daran glauben. Deshalb veranstalten Banken in den Schulen Kurse wie „Die Broker von morgen“. Deswegen schwurbeln Börsenberichterstatter vor den Hauptnachrichten, von einer „Finanzbildung“, die es gelte auszuweiten.

Um den Schein der Sinnhaftigkeit und irgendeinen Bezug zur Realwirtschaft zu wahren, wird Überfluss und Wegwerfware produziert, was das Zeug hält. Neu erschaffene Dinge werden teilweise gleich im Anschluss wieder vernichtet. (Von den „kostenlosen“ Rücksendungen, die arme Kurier Sklaven wieder mit ins Lager bringen, ganz abgesehen.) Würden alle Menschen so verschwenderisch leben wollen, wie die in den „reichen“ Industrieländern, bräuchten wir drei bis vier Erdbälle.
Wenn gar nichts mehr hilft, werden Kriege inszeniert, die den Militärisch-Industriellen Komplex am Laufen halten, und im Anschluss fette Profite beim Wiederaufbau generieren.

Geld ist der neue Gott. Der Tanz ums Goldene Kalb wird immer exzessiver. Banker, Börsen Broker, Fondsverwalter sehen sich öffentlich als „gottgleich“.
Kommt es zum Absturz, zum Crash, werden die Findigen, die Insider durch den Staat, also die Bürger, gerettet und machen genauso weiter, bzw. beginnen von vorn (Lehman Pleite). In der nun anbrechenden Trump Ära ist von einer weitgehenden Deregulierung der „Finanzmärkte“ auszugehen.

Diese Zustände sollen den „Endpunkt der Geschichte“ darstellen, an dem es nichts Wesentliches mehr zu verbessern gebe. Von klein auf wird das den Menschen, durch Kapital hörige Medien eingeimpft. Jeder Gedanke daran, dass eine andere Organisation der gesellschaftlichen Arbeit als abhängige Beschäftigung möglich ist, wird unterdrückt und unter Umständen vom Geheimdienst verfolgt. (Wie die, auf Klassenstrukturen hinweisende, Tageszeitung „Junge Welt“)

Es ist bedauerlich dass sich ehemals aufrechte Kommunisten zu systemtreuen Sozialdemokraten wandeln, wie Sahra Wagenknecht; sich im Schosse des Kapitalismus einrichten, wie die Linken. Der Kapitalismus könne reformiert werden, ohne grundlegend an die Eigentumsfrage heranzugehen. Die Superreichen müssten nur ausreichend besteuert werden. Einige würden schließlich bereits ihre Vermögen an Stiftungen übertragen, dort die volle Kontrolle behalten und sich dann gnädig (steuersparend) als Wohltäter einbringen.

Die wirkliche Zeitenwende fand vor gut 30 Jahren statt. Sich im Aufbau befindliche sozialistische Gesellschaften mit Volkseigentum und all ihren Fehlern wurden vom reaktionären, längst überlebten Westen überrollt, und dann rigoros ausgemerzt. Abgelöst wurden sie von einer angeblichen Leistungsgesellschaft. In der hat permanente Gehirnwäsche nahezu gleichgeschalteter Systemmedien und Fehlbildung in den Schulen folgenden festen Glauben in die Gehirne eingepflanzt: „Ein jeder, der es nicht schaffe, sei ganz sicher selbst schuld daran. Er habe sich eben nicht genug angestrengt.“

Nun gut. Es ist nicht das erste Mal in der langen Geschichte des Menschen, dass er in einen Zweig der Evolution, in eine Sackgasse gerät, oder sich sogar zurückentwickelt.

Es besteht also Hoffnung; wenngleich die Rufe von Stephane Hessel „Empört Euch“, oder Mélenchon „Bringt das System zu Fall“ scheinbar ungehört verhallen….

Die Unantastbarkeit des Eigentums ist die Geschäftsgrundlage der bürgerlichen Demokratie: ein Besuch im Kino kapitalistischer Realität

Wahlen in bürgerlichen Demokratien zeichnen sich zuallererst durch das aus, was NICHT zur Wahl steht: die unbedingte Herrschaft des Privateigentums über Staat und Gesellschaft. Über die staatliche Verwaltung des Standortes, an dem die Kapitalvermehrung stattfindet, darf sich ausgiebig und konträr gestritten werden, doch die Eigentumsordnung als Geschäftsgrundlage allen staatlichen und sozialen Lebens ist sakrosankt. Ebenso die Methode, mit der die Umwandlung von Geld(vermögen) in Kapital und die Kapitalvermehrung selbst stattfindet: Lohnarbeit für diejenigen, die KEIN Eigentum besitzen, Aneignung der Resultate ihrer Arbeit durch die Besitzenden.

Auf der Basis dieser nicht in Frage zu stellenden conditio sine qua non von Geschäft und Gewalt in der bürgerlichen Gesellschaft findet ein munteres Hauen und Stechen unter den verschiedenen Aspiranten aufs Mitmachen bei der anspruchsvollen Aufgabe der politischen Standortverwaltung statt.

Das wird oft als Unterhaltungsprogramm betrachtet, besonders in Wahlkampfzeiten und an Wahlabenden. Als verständiger Mensch und kritischer Zeitgenosse wird man – sofern man an Wahlen teilnimmt – in die Lage eines Kinobesuchers versetzt, der einem ganz besonderen Kinosaal einen Besuch abstattet: der Film, der in dem einzigen Saal gezeigt wird, ist abhängig von den Eintrittskarten verschiedener Art, die verkauft werden.

Wenn man also eine Karte für einen rasanten Actionfilm oder eine muntere Komödie erwirbt, ist keinesfalls gesagt, dass man den Film auch zu sehen bekommt.

In der Regel geht die Geschichte so aus: Sobald man im Saal Platz genommen hat, das Licht ausgeht und der Film beginnt, merkt man, dass man wieder mal die „falsche“ Eintrittskarte hatte. Gezeigt wird, wenn man in Deutschland ist, wie seit hundert Jahren derselbe uralte Heimatfilm mit Musikbegleitung, der schon immer lief.

Darin sieht man Konrad Adenauer in Rhöndorf Rosen schneiden, die Sonne scheint über dem Rhein und Schafe grasen friedlich auf grünen Weiden. Dazu spielt eine hypnotische Melodie ein Wiegenlied schlichter Harmonien, komponiert, um Gefühle von Vertrautheit und Sicherheit auszulösen.

Statt einer Eisverkäuferin geht eine Dame mit einer Sammelbüchse durch die Reihen und bittet um freiwillige Spenden für die Wehr, die diese Idylle vor allerlei Feinden beschützen muss.

Wer nicht freiwillig gibt, dem wird sein Konto trotzdem belastet, den die Eintrittskarte ist gleichzeitig eine Abbuchungserlaubnis zugunsten des Kinobetreibers, mit dem dieser nach eigenem Gusto Preise bestimmen und Abgaben erheben kann.

Spätestens an dieser Stelle steht der verständige Mensch auf und verlässt den Saal, nicht ohne sich kurz über sich selbst zu ärgern, weil er schon wieder mitgemacht und den Weg zum Kino auf sich genommen hat.

Ein Herz für Aktionäre: das müssen die Lohnarbeiter schon haben

1,58 Milliarden Gewinn! Pro Quartal!!

Hört sich super an? Nicht wenn man größter deutscher Automobilhersteller ist und wenn dieses Geschäftsergebnis einen Gewinneinbruch um zwei Drittel bedeutet – und wenn anspruchsvolle Aktionäre sich damit um ihr gutes Recht auf Bereicherung betrogen fühlen.

WER jetzt durch ganz viel Verzicht für einen Gewinn geradezustehen hat, der 1,58 Milliarden Euro im Quartal um ein Mehrfaches übersteigt, ist in der besten aller möglichen Welten sowieso von vorneherein klar:

„Wenn ein deutscher Industriekonzern vom Schlage VW erklärt, sich in einer Krise zu befinden, wenn er sodann die Katastrophe meldet, dass sein Gewinn um zwei Drittel eingebrochen ist und jetzt nur noch bei 1,58 Milliarden Euro pro Quartal liegt, dann gibt das interessierten Wirtschaftsexperten viel Gelegenheit, sich über die Versäumnisse zu verbreiten, aufgrund derer unser einstiger Vorzeigeautobauer den Anschluss im internationalen Wettbewerb zu verlieren droht: Er hat eine falsche Modellpolitik betrieben, zu einseitig auf den chinesischen Markt gesetzt, die Transformation zur E-Mobilität verschlafen usw. Darüber lässt sich offenbar trefflich streiten. Über eines streitet man sich dabei nicht: Für die Sanierung seiner Gewinne wird sich der Konzern an seine Belegschaft halten.“

https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/sozialpartnerschaft-zwischen-vw-ig-metall

Bewusstsein und Krisenkapitalismus

„Das philosophische Krisenbewusstsein ist in seinen beiden Beziehungen ein falsches Bewusstsein: es fasst. die Krise der bürgerlichen Philosophie als die der Philosophie auf, und als Krisenphilosophie wandelt es die Krise des Kapitalismus in die fatale Krise des menschlichen Seins um…

Das Negieren der Möglichkeit eines wissenschaftlich-philosophischen Wissens widerspiegelt die reale Krise durch Vermittlung des Krisenbewusstseins, indem die Dialektik von objektiver Realität, gesellschaftlicher Praxis und wissenschaftlicher Erkenntnis unterschlagen wird, die Folgen der kapitalistischen Entfremdung als Merkmale der Zerbrochenheit der Welt auftreten…

Das bürgerliche Bewusstsein ist nicht fähig, die grundlegenden Bewegungsgesetze des in seine allgemeine Krise geratenen Kapitalismus zu erkennen, die Wesenszusammenhänge der objektiven Totalität zu begreifen, dem dialektischen Materialismus gegenüber eine umgreifende philosophische Konzeption zu bilden.“

András Gedó (* 1932, ungarischer Philosoph)

Forken, Mistgabeln und Guillotinen

Hope I die before I get old.“ (The Who)

Leider zu spät, bin schon Armutsrentner. Die nachrückenden Lohnarbeitergenerationen dürfen sich schon auf ein Leben als Flachensammler freuen:

Fast die Hälfte aller heute sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten wird sich später mit monatlichen Altersbezügen von unter 1.500 Euro begnügen müssen.“

Von diesen wird ein erklecklicher Anteil mit Renten von deutlich unter 1000 Euro über die Runden kommen müssen. Für einige sicher ein Grund, sich freiwillig vorzeitig aus dem irdischen Dasein zu verabschieden.

Ich fürchte, auch diese für fast die Hälfte der BRD-Bürger garantierte spätere Armut wird die Leute nicht dazu bringen, die naheliegenden Fragen zu stellen:

  • Wieso vermehrt sich der gesellschaftliche Reichtum, während wir immer ärmer werden?

  • Wieso landet der von uns erarbeitete Reichtum bei einer kleinen Elite, während die Masse leer ausgeht und inzwischen kaum noch die grundlegendsten Dinge des Lebensunterhalts bezahlen kann?

  • Wer bestimmt über diese Verteilung und wem GEHÖRT all das Zeug wie Fabriken, Büros, Unternehmen usw., Indexen der Reichtum produziert wird und nie bei denen ankommt, die dort lohnarbeiten?

(Wieviel „verdient“ BMW-Erbin Susanne Kladden nochmal pro Tag? 3 Millionen Euro? 3,2 Millionen? Pro Tag. 365 mal im Jahr.)

Ich muss an Forken, Mistgabeln und Guillotinen denken.

https://www.jungewelt.de/artikel/458844.sozialpolitik-habenichtse-im-alter.html

Öffentlichkeit empört: Kapitalismus tatsächlich kapitalistisch!

Krankheitsbedingt auf dem Sofa begehe ich den Fehler, den Fernseher anzuschalten.

Die staatliche Sendenanstalt bringt in ihren Nachrichten einen Bericht zu einem steuervermeidenden Geschäftsmodell für Reiche, Oligarchen und Konzerne, bei dem die einschlägig betuchte Klientel mit tatkräftiger Hilfe der demokratischen Finanzwelt des Bankensektors europaweit insgesamt 55 Mrd. Euro „auf Kosten des Steuerzahlers“ abgesahnt hat (Im Klartext also die systemübliche Umverteilung von unten nach oben, denn „der Steuerzahler“ ist ja im Wesentlichen der LOHNSTEUER-Zahler).

Das Staatsfernsehen klopft sich auf die Schulter für „die monatelange Recherche“ einer ganzen Truppe von Journalisten, der zuständige EU-Kommissar äußert Verständnis für „die Bürger, die dieses unmoralische Verhalten nicht mehr tolerieren“ wollen, der Nachrichtensprecher trägt dies alles vor wie der Verbrecherjäger von „Aktenzeichen XY“.

Kurzum, die Heuchelei schlägt wieder Purzelbäume, denn die jetzt empört verdammten Cum-Cum- und Cum-Ex-Geschäfte waren bis vor kurzen ganz legaler Bestandteil der üblichen Bereicherung derjenigen, denen die finanzkapitalistischen Verhältnisse das Privileg einräumen, aus Privateigentum und Ausbeutung fremder Arbeitskraft sich diese Tricks und Schlupflöcher der bankenaufsichtsrechtlichen Regularien zunutze zu machen.

Die Profiteure dieser Art Geschäfte, egal ob vermögende Privatleute, unternehmerische Leistungsträger oder die für die Abwicklung unerlässlichen Banker – allesamt Vorzeigebürger der freiheitliches Demokratie, die nur das taten (und immer noch munter weiter tun, laut Auskunft des Nachrichtenmannes), was in dieser Eigentumsordnung zur Natur der Sache gehört: Geld vermehren auf Kosten derjenigen, die für die Geldvermehrung mit ihrer Arbeit und letztlich ihrem Überleben geradestehen müssen.

Letztlich tun jetzt alle schwer verwundert, dass Kapitalismus tatsächlich kapitalistisch funktioniert. Allzu auffällige Disproportionalitäten – vor allem solche, die potentiell den Unmut des beherrschten Volkes hervorrufen könnten – werden allerdings im Nachhinein als Fehlverhalten einzelner Individuen dargestellt (statt als vorschriftsmäßiges Funktionieren des finanzkapitalistischen Systems), das durch Anpassung der entsprechenden Gesetze demnächst ein bißchen verhindert werden soll.

Radio hören

Nicht nur im öffentlichen Raum, auch beim Radiohören wird man ständig von mehr oder weniger (meist mehr) idiotischen Kauf- und Konsumaufforderungen belästigt. Schon um das wenigstens beim Radiohören zu umgehen, höre ich fast ausschließlich MDR Kultur oder ähnliche Sender. Wenn man diese allerdings streamt, z.B. über die TuneIn App, muss man zu Beginn einen Werbespot ertragen.

Die Ohren kann man nicht verschließen wie die Augen, und woanders hinhören geht auch nicht so einfach wie woanders hingucken, also höre ich gezwungenermaßen die 20- oder 30-sekündige Ansprache einer (nach Stimmlage, Intonation und gefakeder Begeisterung zu urteilen) etwa 24-Jährigen, die mir in sehr direkter, persönlicher, unangenehm aufdringlicher Art und Weise zuruft – nein, mich ungefragt verbal bedrängt – dass nur ich aussuchen könnte oder würde, wie mein Diesunddas aussehen oder gestaltet würde (die beworbene Sache habe ich vor lauter Ekel über diese Aufdringlichkeit gar nicht mitbekommen), “du allein entscheidest!!!” und ähnliche Jubelschreie, die mir nahelegen sollen, dass meine persönliche (Entscheidungs-)Freiheit mit dem Erwerb dieses Gegenstandes oder dieser Dienstleistung ihre letztendliche Bestimmung und Erfüllung gefunden hätte.

Bevor ich in die Kaffeetasse kotze, besinne ich mich, dass diese akustische Umweltverschmutzung ja in wenigen Sekunden vorüber ist und weigere mich innerlich ein weiteres Mal, die allgegenwärtige Werbeberieselung als unvermeidlichen Preis für diverse Annehmlichkeiten des Lebens im Kapitalismus (und damit diesen gleich mit) zu akzeptieren.

Und ich wundere mich, wie IRGENDJEMAND sich jemals daran gewöhnen kann, in einer Welt zu leben, die “Freiheit” mit der Fähigkeit gleichsetzt, sich sklavisch jeglicher Freiheit zu entäußern, um als funktionierendes Rädchen der marktwirtschaftlichen Konsumwelt zu funktionieren – eben so, wie es die Werbetreibenden brauchen, um bei Strafe des wirtschaftlichen Untergangs ihre Produkte und Dienste in der Konkurrenz um Kaufkraft abzusetzen.
Erstmal noch’ n Kaffee.

Eine Parabel

In der einzigen Kantine, die alle zum Essen aufsuchen müssen, bereitet ein Koch feinste Speisen zu: erlesene Menüs mit 5 und mehr Gängen, schmackhafte und gesunde Kost wie auch üppige und herzhafte Leckereien aller Art. Da bleiben keine Wünsche offen.

Einziges Problem: diese kulinarische Rundumversorgung ist nur einem kleinen Gästekreis zugänglich.

Die große Anzahl der Esser wird mit sattmachenden, aber billig produziertem Zeug abgefüttert, das weder Mensch noch Tier noch Natur bekommt. Aber sie können aus einem Angebot wählen, das vom Umfang her so üppig aussieht wie das der privilegierten Speisenden.

Eine weitere nicht unbeträchtliche Anzahl erhält Reste, Abfälle, gelegentliche Nahrungsmittelspenden, die ein unmittelbares Verhungern verhindern.

Dann gibt es noch – saisonal variierend – einen ordentlichen Prozentsatz an Leuten, die zwar gerne essen würden, aber gar nicht erst in die Kantine gelassen werden. Die müssen leider verhungern.

Der Koch, angesprochen auf die ziemliche ungleiche Versorgung der Gäste, zuckt die Achseln, murmelt etwas von “die abgewiesenen Gäste können sich ja mehr anstrengen, an die Tafel mit den Sterne-Menüs zu kommen!” oder “Ja, unschön, aber so ist leider nun mal die Natur des Restaurantkunden…” und widmet sich wieder seinen Töpfen und Pfannen.

Nun begab es sich, dass ein Teil der Hungrigen beschloss, fortan auf die “Dienste” des Kochs zu verzichten, einen eigenen Koch anzuheuern und selbst eine Kantine aufzumachen.

Das klappte mal gut, mal weniger gut; es gab keine solch überwältigende Auswahl wie in der Kantine des Sternekochs, aber alle hatten zu essen und alle wurden satt. Die Speisekarte wurde gemeinsam erstellt, musste aber mit weniger Gerichten zurechtkommen, denn der Sternekoch der anderen Kantine – bis zur Weißglut erbost über die neue Konkurrenz – hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, der neuen Kantine und ihren Gästen das Leben so schwer wie möglich zu machen, in dem er dafür sorgte, dass die Neuen so wenig wie möglich Lebensmittel, Zutaten und Material zur Verfügung hatten. Sein erklärtes Ziel: alle Gäste sollten wieder in SEINER Kantine speisen!

Nach einigen Jahrzehnten war er am Ziel: die neue Kantine musste schließen, denn die Gäste, die einmal stolz darauf waren, dass in ihrer eigenen Kantine jeder satt wurde, waren in ihrer Unzufriedenheit über die einfachen Teller und Speiseangebote so ärgerlich mit ihrem Koch, dass sie nach dem alten Koch verlangten und erlesene Gerichte von edlen Porzellantellern zu speisen wünschten – obwohl sie wissen mussten (leider aber nicht wissen wollten), dass in der alten Kantine dieses Privileg nur wenigen vorbehalten ist und die Mehrheit eher vom Küchenassistenten Schmalhans bedient wird.

Seitdem gehen wieder alle in die alte Kantine, in der die Gerichte für die Wenigen immer üppiger werden, die Suppe für die Mehrheit immer dünner und weniger nahrhaft, und die Anzahl der Verhungernden stetig steigt.

Diesmal hat der Koch der grassierenden Unzufriedenheit aber vorgebeugt. “Ihr seht ja”, sagt er zu den Gästen, “dass das nichts wird mit eurem alternativen Koch! Der will nämlich auch nur Chef in der Küche sein und euch die Suppe einbrocken! Und ihr wisst ja wohl noch, wie DIE geschmeckt hat! Eine andere Kantine ist wider die Essnatur, und das bleibt für alle Zeiten so.”

Und weil fast alle Gäste dies glaubten – und die paar, die es nicht glauben wollten, ebenfalls auf das Essen der einzigen Kantine angewiesen waren – gaben alle Restaurantkritiker ihm recht.

Nur ein alter Feinschmecker, dessen Restaurantkritiken bereits vor 150 Jahren erschienen und u.a. auch den Koch der neuen Kantine zu seinem reduzierten, aber für alle sättigenden Speiseangebot inspiriert hatten, wiegte bedenklich sein bärtiges Haupt und sprach: “Kommunismus heißt nicht, den KOCH auszutauschen, sondern SELBER die Küche zu übernehmen. Wann kapiert ihr das endlich?”