Veterinäre Kapitalismuskritik aus gegebenem Anlass

Tierarztbesuch mit Hündchen, das wegen erkennbarer Schmerzen im rechten Hinterlauf aus der Hundebetreuung genommen werden musste. Hund wird sediert und Röntgenaufnahmen von Hüfte und Hinterläufen gemacht (zum Erstaunen der Tierärztin wacht mein hochdynamischer Kumpel superschnell wieder auf und ist im Handumdrehen ganz der Alte – „der ist ja eine Rakete,“ kommentiert die Veterinärin).

Da bei Tierärzten immer direkt und bevorzugt in Cash bezahlt werden muss, erledigt die Frau das beim Verlassen der Praxis, während ich schon draußen mit Hündchen warte.

Wie sich herausstellt, hat die Praxis auf die erwartbaren Kosten für Röntgenbilder und Sedierung noch einmal fast das Doppelte für dubiose Nahrungsergänzungsmittel und noch dubiosere „chinesische Kräuter“ draufgeschlagen – Posten, die man gerne übersieht im ersten Schreck und der Sorge um den vierbeinigen Kumpel und die deshalb umso leichter den ahnungslosen Tierhaltern aufgedrückt werden können.

„Das ist der Praxis-Inhaber, der verlangt das von seiner Angestellten“, klärt die Frau mich auf. „Die Tierärztin ist ja auch nur angestellt…“.

Dasselbe hätte die Praxis bei dem und dem gemacht, dem hätten sie für 50 Euro „chinesische Kräuter“ angedreht. Der Schwägerin ginge es im übrigen genauso; die würde als angestellte Fachärztin in einer Privatpraxis arbeiten und müsste dort ebenfalls den Leuten Medikamente und Behandlungsmethoden aufschwatzen, die dem Inhaber Umsatz und Gewinn bringen.

Manchmal weiß ich nicht, ob die Wut oder die Müdigkeit in mir überwiegt, wenn ich wieder und wieder, täglich und stündlich, tagein, tagaus mit den Widerlichkeiten der Marktwirtschaft konfrontiert bin.

Mit diesem Drecks-Kapitalismus, in dem jeder nur für seinen eigenen Vorteil agiert, jeder jedem irgendwas verkaufen will, in der es niemals darum geht, das sachlich Gebotene zu tun sondern immer nur das Gegeiere, die Abzocke, die eigennützige Vorteilsnahme das Maß aller Dinge ist.

Es kotzt mich so maximal an, den Irrsinn dieses unmenschlichen, unpraktischen, unintelligenten Scheißsystems mitkriegen zu müssen, und ich bin maximal ermüdet davon.

Auch bei Wahlen: Alles falsch beim Russen!

Die „Tagesschau“ informiert den demokratischen Untertanen über die Wahlen in Russland: Alles falsch beim Russen!

Nawalny, ein krimineller (und deswegen nicht zugelassener) – aber von den Westmedien zum „Putingegner“ und Musterdemokraten aufgebauter – Bewerber erhält soviel Sendezeit wie die restliche ebenso tendenziöse Propagandaberichterstattung.

Eine stammelnde Reporterin bemüht sich angestrengt, die erwünschten negativen Sprachregelungen rüberzubringen.

Wohliges Erschauern beim Zivilgesellschaftsbürger: Gottseidank gibt’s SOWAS in unserer Superdemokratie nicht. Jetzt müssen wir dem Russen nur noch eine richtige demokratische Regierung spendieren, zur Not auch gegen seinen Willen.

Facebookinduzierte Samstagsmittagsgedanken zu Fragen von Armut, Nationalismus und Konkurrenz

Oder: Wenn sich die Hunde um die Krümel streiten, die vom Tisch der Herrschaften fallen

Immer wieder lese ich in verschiedenen Threads, in denen es um die Armut hierzulande geht, eklige Kommentare á la „Ja, aber den Flüchtlingen stopfen sie’s vorne und hinten rein, und die fahren sogar Bus ohne Fahrkarte“ und ähnlichen Schwachsinn.

Manche Mitmenschen – und leider auch etliche, die (sich) selber eher zu den Verarschten dieser feinen Leistungsgesellschaft zählen – scheinen schon zufrieden zu sein, wenn es anderen noch schlechter geht.

Sie scheinen anderen das zu neiden, was sie selber bekommen möchten, aber nicht (oder nicht in dem Maße wie sie’s bräuchten) zu kriegen meinen – und zwar WEGEN der anderen, die mit ihnen um die schmalen Almosen konkurrieren, die der Staat den hiesigen Armen gewährt.

Diese Zeitgenossen gleichen Hunden, die bei der Mahlzeit der Herrschaften hechelnd auf die Krümel warten, die vom üppig gedeckten Tisch herabfallen. Und weil man von Krümeln schlecht satt wird, achten sie darauf, anderen Hunden – die aus ihrer Hundesicht gar nicht ins Haus gehören – noch die paar Krümel streitig zu machen, die vielleicht in deren Mägen landen statt in den Mäulern derjenigen Hunde, die von alters her zu Haus und Hof gehören.

Was ihr Hundeverstand nicht auf die Reihe kriegt:

Auch die anderen Hunde sind nur da, weil sie sich ein paar Brosamen vom Mahl der Herren versprechen. Die meisten streunenden Hunde, die eine erbärmliche und mitunter tödliche Odyssee hinter sich haben, waren ihrerseits ebensolche Haus- und Hofhunde wie die einheimischen Köter und waren es zufrieden, am Tisch IHRER Herren um Beachtung und Fressen zu betteln.

Sie sind von ihrer heimischen Tafel abgehauen, weil dort aufgrund von Krieg und Elend kaum noch ein Krümelchen abzubekommen war (und weil die hiesige Hofverwalterin sich einen Schub an billigen und genügsamen Arbeitshunden versprach, wenn sie reichlich viele von denen auf den heimischen Hof liess).

Der Futterneid ist, bei einheimischen wie hinzugekommenen Krümelaspiranten, nichts anderes als eine Sklaven- und Untertanenmentalität, die sich gewaschen hat.

KEINER kommt auf den Gedanken, die Herrschaft zu verjagen und all dass Zeug, für dessen Erzeugung man in den Dienst der Herren zu treten hat (wodurch es durch die gesetzliche Gewalt automatisch ins Eigentum der Herren übergeht), in eigener Regie herzustellen und zu verteilen.

Dann wäre Schluss mit der Krümelwirtschaft, die für die Mehrheit Knappheit und lebenslange Dienstverhältnisse an fremdem Reichtum bedeutet.

Dann wäre auch Schluss mit dem Futterneid gegenüber den Untertanen anderer Herren, wenn sich die Krümeljäger aller Höfe zusammentäten, um nicht länger von den Krümeln und der huldvollen Gnade der Tischbesitzer abhängig zu sein.

Futter gibt’s nämlich genug und reichlich. Für alle, egal woher.

Nationalisten und Rassisten sind aber zu beschränkt, um zu sehen, dass das angebliche Problem der knappen Mittel nicht eine Frage der Verteilung, sondern des EIGENTUMS ist:

Das Zeug, das für ein halbwegs anständiges Leben gebraucht wird, so zu verteilen, dass alle was davon haben – kein Problem in einer hochtechnologischen digitalen Gesellschaft an der Schwelle zur „Industrie 4.0“.

Die Schranke, die den Bedarf von den Bedürftigen wirksam trennt, heißt EIGENTUM; als erstes wird ohne einen Eigentümer, der an der Verteilung (dem Verkauf) verdient, schon mal gar nichts hergestellt, egal wie sehr es benötigt wird. Zum zweiten heißt die Tatsache, dass etwas produziert und theoretisch verfügbar ist, noch lange nicht, dass es zu denjenigen kommt, die es brauchen – man muss schon Geldeigentümer sein, um sich das Leben und die dafür benötigten Dinge leisten zu können.

Und wie wird man Geldeigentümer, wenn man nicht schon so viel Geld hat, dass man „das Geld“ (sprich: andere) für sich arbeiten lassen kann? Richtig: man verdingt sich bei den EIGENTÜMERN der Betriebsstätten, Dienstleistungsbüros und Produktionshallen. Sofern die einen gerade brauchen und selbstverständlich nur zu deren Bedingungen, und immer in Konkurrenz mit anderen ebenso besitzlosen „Marktteilnehmern“.

Nationalisten hätten gerne Konkurrenten beseitigt, die sie,als „nicht wirklich von hier“ identifizieren. Mit der Konkurrenz selber bzw. mit den Verhältnissen, die ihnen und dem gesamten lebenden Inventar der Marktwirtschaft diese Konkurrenz aufgefrischten, sind sie dagegen sehr einverstanden.

Ausbeutung und Lohnsystem, Kapitalherrschaft, Klassengesellschaft und Krieg finden Sie schwer in Ordnung, solange die Herrschaft streng national ist und sie in ihrem völkischen Gemüt nicht durch zu viele andersvölkische Untertanen erschreckt werden.

Geschichten die das Leben schrieb: Wohnungslosigkeit ist lebensgefährlich

Morgenspaziergang mit Hund zum Bäcker. Auf dem Rückweg kommen wir an einem noch geschlossenen Buchladen vorbei, vor dem fast immer – so auch heute – ein älterer Mann sitzt. Neben ihm liegt eine Gehhilfe, vor ihm steht eine kleine Plastikdose als Almosenschale.

Seit ich hier im stinkreichen Oberkassel wohne, fallen mir die paar Armen und Bettler umso mehr auf; sie stechen sozusagen hervor aus der saturierten bourgeoiser Oberschichtumgebung dieses heftig gentrifizierten Düsseldorfer Stadtviertels.

Den Mann vor dem Buchladen habe ich gelegentlich etwas Geld gegeben, aber mich nie länger mit ihm unterhalten. Er fällt v.a. dadurch auf, dass er nicht auffällt. Er bettelt nicht, spricht niemanden an, sondern sitzt nur da. Dabei wirkt er freundlich, vielleicht ein bißchen wie jemand, der bessere Zeiten gekannt hat.

An diesem eisig kalten Samstagmorgen, als ich mit meinem Hund an ihm vorbeilaufen will, bleibe ich stehen und frage ihn erst mal, wie er die Kälte verkraftet. Er antwortet, er wäre warm genug, das würde schon gehen.

Ich: „Und, wo schlafen Sie? Haben Sie eine Wohnung?“

Er: „Nein, ich bin wohnungslos. Ich hab ein Zelt am Rhein, da schlaf ich drin.“

Auf meine Nachfrage, warum er bei solchen Minustemperaturen nicht lieber eine der Obdachlosen-Schlafstellen aufsucht, winkt er ab: „Nee, da wacht man morgens auf und hat keine Schuhe mehr… da wird mir zuviel geklaut.“

Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass er seit sechs Jahren wohnungslos ist. Nachdem er aufgrund eines Schlaganfalles seine Arbeit verloren hat, wurde ihm auch die Wohnung gekündigt, als er die Miete nicht mehr aufbringen konnte. Inzwischen hat er auch einen Herzinfarkt überstanden.

Ich frage ihn nach seinem Alter und höre zu meinem Schrecken, dass er sechs Jahre jünger ist als ich – aussehen tut er allerdings zehn Jahre älter.

Ich gebe ihm natürlich Geld und erzähle ihm von dem Obdachlosenhilfswerk Fifty-Fifty, das in Düsseldorf ein „Housing First“-Projekt betreibt, in Anlehnung an ähnliche erfolgreiche Initiativen in USA und Österreich.

Außerdem nehme ich mir vor, ihm zuhause erst mal alle Kontaktdaten der einschlägigen Nothilfe-Adressen aufzuschreiben, wie Kältebus, Notschlafstellen usw.

Leute wie dieser Mann werden in diesem Land, in diesem System, ohne Not und Grund in Lebensgefahr gebracht – einzig und allein durch die Art und Weise, wie hierzulande (und global, bis auf wenige Ausnahmen) Wirtschaft und Gelderwerb organisiert ist.

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich diesen Drecks-Kapitalismus hasse, der Menschen dazu zwingt, so leben zu müssen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Wann fängt der Film an?

Die Kino-Nachmittage im Heim sind beliebt bei den BewohnerInnen.
Im Gegensatz zu meiner vorigen Arbeitsstelle, an der wir cineastische Schonkost verabreichten und aus Rücksicht auf Aufnahmekapazität und Ausdauer vor allem der dementeren HeimbewohnerInnen nur Geo- oder Natur-Dokus bzw. alte TV-Serien von maximal 45 Minuten zeigten, kommen an meiner jetzigen Wirkungsstätte vor allem Filmklassiker der 1930er- 1960er-Jahre zur Aufführung.

Diesmal steht “Liebe will gelernt sein” auf dem Programm, die Verfilmung eines Theaterstückes von Erich Kästner, zu der Kästner selbst das Drehbuch geaschrieben hatte. (Nebenbei bemerkt ein Film, dessen peinliche, teilweise grottig sexistische Darstellung von Geschlechterrollen und Moralvorstellungen derart von überkommenen Klischees strotzt, dass man sich in gottseidank längst vergangee Zeiten zurückversetzt fühlt – Zeiten, nach denen sich bekanntlich AfD-Spacken und andere Heimatfreunde gerne sehnen).

Im Wohnbereich 2 frage ich die gottesfürchtige Frau M. (ihre Lieblingsbeschäftigung ist das monotone Hersagen des Vaterunsers), ob sie
zur Kinovorstellung mitkommen möchte. “Ja, fahr mich mal hin!”, erhalte ich zur Antwort.

Zeitsprung in die ca. 60. Minute des Films:
Frau M. wird zusehends unruhig, ein paar andere Kinobesucher ebenso; ich ergreife die Gelegenheit und unterbreche, um denjenigen, die nicht mehr bleiben wollen oder können, die Möglichkeit zum Verlassen des Saales zu geben.

Ich frage Frau M., ob ich sie zurück in den Wohnbereich bringen soll. “Ja, ja… das ist ja eine Scheiße hier! Wann fängt denn der Film an?!” kriege ich von der sichtlich missgelaunten Frau zu hören.
Ich so: “Äh… Frau M., den kucken wir hier seit einer Stunde…”
Frau M.: “Ja, egal, fahr mich nach hause!”

Ich bringe sie durch die langen Flure zurück auf ihren Wohnbereich und kehre zurück, um einen weiteren “Abbrecher” desselben Wohnbereiches zu holen. Als ich mit diesem im Gemeinschaftsraum ankomme und ihn auf seinen Platz bugsiere, wird Frau M., die gerade mal wieder Fragmente des Vaterunsers vor sich hin gemurmelt hatte, plötzlich munter. Vermutlich ausgelöst durch mein Erscheinen fällt ihr ein, dass das Nachmittagsangebot ansteht.

“Wann fängt denn nun dieser Film an?”, fragt sie mich in einer Ahnungslosigkeit und Unschuld, die mir deutlich machen, dass Frau M. nicht weiss, wo sie die letzte Stunde verbracht hat. Gleichzeitig kommt in ihrer Frage die Vorfreude auf Abwechslung im öden Heimalltag zum Ausdruck; jedenfalls bringe ich es nicht übers Herz, ihr mit Fakten Zeiten und Zahlen zu kommen und antworte freundlich: “Den zeigen wir nächste Woche, Frau M.!”

“Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.”

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Eltern der fast Hundertjährigen

Die 99-jährige Frau B. ist vergleichsweise rüstig, aber räumlich wie zeitlich oft desorientiert. Nachdem ich ihr im Speisesaal das Essen gebracht habe (sie isst selbständig und mit Appetit) bedankt sie sich für die leckere Mahlzeit und möchte nun „nach Hause gehen“.

Dass ihr Zimmer 15m entfernt um die Ecke desselben Wohnbereiches liegt, hat Frau B. nicht parat. Überhaupt ist sie mit einem Mal völlig ratlos inmitten eines Raumzeitgefüges, das sich ihr nicht erschließt.

„Wo bin ich denn hier eigentlich?“ fragt sie mich erstaunt, aber ruhig. „Ich muss doch nach Hause…“

Ich antworte „Sie sind hier im Alten- und Pflegeheim Sowieso-Haus, Frau B. Ihr Zimmer ist hier um die Ecke.“ (ich deute in Richtung Tür).

„Ah, das trifft sich gut! Da wohne ich nämlich“, fällt ihr wieder ein. „Aber wie komm ich denn dahin?“

Ich biete ihr an, sie zum Zimmer zu begleiten, was sie dankbar annimmt.

So ganz ist ihre Besorgnis aber noch nicht verschwunden, denn unterwegs erzählt sie mir:

„Ich muss wirklich nach Hause… Meine Eltern sind auch schon alt, denen geht es nicht so gut…“

Ich frage sie: „Wie alt sind SIE denn, Frau B.?“, um sie vielleicht darauf zu bringen, dass eine fast Hundertjährige kaum Eltern haben kann, die noch am Leben sind.

„Die sagen mir hier immer, ich bin fast 100“, antwortet meine Begleiterin, „aber das stimmt gar nicht. Ich bin Jahrgang Neunzehn.“

„Naja, Frau B., wir haben jetzt 2018. Demnach werden Sie nächstes Jahr tatsächlich 100 Jahre alt“, antwortete ich – hoffend, dass ich ihr jetzt nicht ein eventuelles jüngeres Eigenbild zerstöre.

Sie wirkt verdutzt, ist aber bereit, diese Information zu akzeptieren. „Also, wenn Sie das auch sagen, wird’s wohl stimmen…. Dann muss ich mich eben damit abfinden.“

Geschichten die das Leben schrieb: Einkauf im Drogeriemarkt

An der Kasse bei Rossmann. Nachdem ich mir unter einigen Mühen diverse sonst nicht von mir gekaufte Kosmetik- und Hygieneartikel zusammengesucht habe – fragen kann man niemanden, denn es scheint nur eine einzelne Verkäuferin in dem riesigen Laden zu geben, und die sitzt an der Kasse – frage ich die Kassenkraft mit dem türkischen Namen, ob sie die einzige Mitarbeiterin ist.

„Ja, einige sind krank oder haben frei; bleibt alles an mir hängen…“ sagt sie, scheinbar bester Dinge.

„Kassieren, einräumen, Kundenfragen beantworten, und das alles im Schichtbetrieb – Respekt!“ bemerke ich.

„Ach, mir geht’s hier richtig gut“, antwortet meine Gesprächspartnerin, erkennbar zu einem Schwätzchen aufgelegt. „Ich war vorher 12 Jahre beim DM im Düsseldorfer Hauptbahnhof, dagegen ist das hier der reinste Urlaub…“

Ich bin verdutzt. „Wie jetzt? Ich dachte, DM wäre so ein guter Arbeitgeber…?

Stimmt auch“, sagt sie; „zahlen tun die gut und das Arbeitsklima ist nicht schlecht. Aber das Publikum im Hauptbahnhof…. das ist die Hölle.“

Sie hat sich in Fahrt geredet und lädt nach: „Also hier hat man echt seine Ruhe im Vergleich zum Hauptbahnhof. Und nach DM war ich bei ALDI…“ Sie wedelt mit der Hand vorm Gesicht, als wollte sie sich Luft zufächeln. „Ich sag Ihnen: nie wieder.“

Ich bin neugierig: „Inwiefern denn? Ist ALDI nicht besser als LIDL etc was das Arbeitsklima angeht?“

Sie: „Die zahlen ganz gut, aber dafür ist die Hetze enorm….Wenn wir da so geredet hätten wie wir jetzt, hätte ich schon einen Anschiß gekriegt. So wenig wie möglich sprechen, so so viel wie möglich arbeiten, das war da Vorschrift…Aber das ist ja überall so heutzutage. Und sparen wollen die alle immer an allen Ecken und Enden. Warum wohl?“

Die Frage geht an mich. „Damit möglichst viel für die Eigentümer und Aktionäre übrig bleibt“, gebe ich mich klassenbewusst.

Sie lacht wissend: „Genau! Ich sag Ihnen was: ich weiß Bescheid! Ich hab Bücher gelesen, wie wir verarscht werden. Über das Finanzsystem und so. Also, von mir aus kann die Revolution sofort kommen.“

Das höre ich natürlich gerne. „Ich bin dabei!“ entgegne ich ihr fröhlich und bedanke mich für die nette Unterhaltung, die von den mittlerweile fünf, sechs Leuten in der Kassenschlange mit größtem Erstaunen mitgehört wurde.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Ziviler Orden für die Küche

Bunte Runde am zweiten Weihnachtstag im Wohnbereich. Wie immer entsteht aus Zurufen und Anmerkungen der Anwesenden ein Bild, dazu entspinnt sich eine Geschichte. Ebenfalls wie immer kommen wir dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen und landen schließlich über „Mal´ mal ´ne Eiche!“ beim Eichenlaub und dessen Verwendung in militärischen Rangabzeichen, Orden usw.


Ich schlage eine zivile Umwidmung vor, die nach einhelliger
Ansicht der BewohnerInnen an die Küche gehen muss. Im Gegensatz zu sehr vielen anderen Einrichtungen, die aus Kostengründen lieblos und billig
zusammengepantschtes Großküchenfutter anbieten, leistet sich mein diakonischer Arbeitgeber nämlich eine eigene Küche mit den nötigen Fach- und Servicekräften. Das wird von den Heimbewohnern sehr geschätzt und bis auf ganz seltene Ausnahmen sind alles des Lobes voll für die tägliche Verpflegung.

Es wird beschlossen, dass das so entstandene Bild der Küche übergeben werden muss. „Heimlich nachts aufhängen!“, schlägt Herr R. vor. Aber
da er das nicht selber übernehmen will und wir der Meinung sind, dass man sich mit Lob nicht verstecken muss, überreiche ich die Auszeichnung anschließend – im Namen der BewohnerInnen des Wohnbereiches – dem Küchenchef. Strahlende Augen und breites Grinsen bei ihm und seiner Truppe, die sich wirklich täglich den Arsch aufreißen, um für die Leute lecker Essen hinzustellen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Wo bin ich hier?”

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„Besondere Zeitungsschau“ am ersten Weihnachtsfeiertag:
Frau P., die das Plakat betrachtet, fragt mich: „Ist das was für alle oder ist das
sowas Intellektuelles?“

Frau P. ist dement, aber in ihren klareren Momenten merkt man, dass sie eine gewisse Bildung genossen hat. Ich antworte ihr nach einem kurzen Zögern: „Beides, Frau P.! Bei mir ist es immer für alle, aber auch die Intellektuellen kommen auf ihre Kosten!“ Die Antwort stellt sie zufrieden, denn sie entgegnet: „Na gut. Dann werd´ ich mir das mal anhören.“

Die Runde verläuft gut und die Anwesenden 14 oder 15 BewohnerInnen hören fast alle mit Aufmerksamkeit und Interesse zu. Viele tragen mit eigene Wortmeldungen zum Thema (Ein Artikel namens „Wie wir 2037 leben werden“) bei.

Nach Abschluss der Runde bringe ich die BewohnerInnen auf ihre Wohnbereiche zurück. In WB 1 ruft mich Frau M. zu sich: „Komm mal her!“.
Frau M. ist die bibelfeste Katholikin, die vielfach am Tag das Vaterunser vor sich hin murmelt. Heute scheint sie etwas verloren und verwirrt, aber auch geistig reger als sonst. Sie hatte heute Weihnachtsbesuch einiger Verwandter.

„Was mache ich eigentlich hier?“, fragt sie mich. „Wieso bin ich hierher gebracht worden?“ Sie wirkt, als sei sie gerade aus einem Traum aufgewacht und müsse sich erst mal orientieren. Sie sitzt angespannt und nach vorne gebeugt in ihrem Rollstuhl Ich schaue sie mir eine kurze Weile an, versuche, ihre Gefühlslage zu erfassen und erkläre ihr, dass sie im Heim ist: „Frau M., sie sind hier, weil Ihnen hier geholfen wird mit den Dingen, die Sie alleine nicht mehr hinkriegen. Außerdem sind sie hier nicht alleine…“

Sie schaut mich aufmerksam und mit großen Augen an. Die Erklärung sinkt in sie ein. Ich hake nach: „Können Sie sich noch erinnern, wie Sie zuletzt in Ihrer eigene  Wohnung waren?“

Frau M. denkt  nach. „Hm… das ist lange her…“ Sie hat erkennbar keinen Zugang zu den Erinnerungsdatenbanken in ihrem Gedächtnis. Ich sage ihr: „Sie sitzen ja im Rollstuhl und schon dadurch ist es schwierig, in der eigenen Wohnung zurechtzukommen…“

Das leuchtet ihr scheinbar ein; über ihr Gesicht huscht ein Ausdruck von Erkenntnis und gleichzeitiger Entspannung und sie lehnt sich entspannt zurück.

Nach ein paar Sekunden weiteren Nachdenkens schaut sie mich an und sagt: „Danke!“

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Los, mach weiter!”

Bei der Weihnachtsfeier des Wohnbereiches sitzt die 90-jährige Frau M. mit einer weiteren Bewohnerin an einem Einzeltisch. Offensichtlich haben die beiden keine Angehörigen oder Freunde zu Besuch bei dieser jährlichen Begegnungsfeier.

Frau M. ist dement, hat allerdings mitunter überraschend klare Momente. Sie nimmt kaum an Gemeinschaftsaktivitäten teil und verbringt die meiste Zeit im Rollstuhl im Speisesaal des Wohnbereiches, wo sie gerne und häufig das Vaterunser aufsagt.

Heute ist sie allerdings augenscheinlich ziemlich fit und genießt das weihnachtliche Programm des Nachmittags. Nur vom besonderen (und nach einhelliger Meinung der Bewohner und Besucher spitzenmäßig köstlichen) Essen scheint Frau M. nicht viel abgekriegt zu haben.

Ich frage sie, ob sie schon vom Hauptmenü abbekommen hat. „ Nee, sie hat nur etwas Gemüse bekommen“, wirft ihre Tischnachbarin ein.

„Ich brauch‘ Hilfe beim Essen!“, sagt Frau M. erklärend.

Ich vergewissere mich, dass Frau M. ihre Zahnprothese im Mund hat. Dann bringe ich ihr eine (kleine) Portion Wildragout mit Kartoffelklößen und Rotkohl, die ich ihr klein schneide und anreiche.

Frau M. ißt mit gutem Appetit; obwohl sie noch kaut, fordert sie mich nach jedem Bissen auf: „Mach weiter!“ oder: „Los, weiter!“

Es schmeckt ihr richtig gut, auch wenn sie mit dem Fleisch so ihre Probleme hat. Das, was sie nicht gekaut kriegt, befördert sie mit der Zunge wieder nach draußen, wo ich es gekonnt mit einer Serviette von ihrer Mundpartie absammle. Mitfühlend bemerke ich: „Gar nicht so einfach mit dem Fleisch, Frau M., oder?“

„Ja, das lässt du jetzt mal weg!“, erhalte ich zur Antwort, und gleich darauf: „Und jetzt mach weiter!“

Die restlichen Knödel samt Rotkohl sind im Nu weggeputzt und Frau M. hat nicht nur deutlich mehr als sonst zu sich genommen, sondern wirkt auch extrem zufrieden. „Vielen Dank!“, sagt sie zu mir, und wirkt in dem Moment überhaupt nicht dement.

Ich bringe ihr noch den Nachtisch (Mousse au Chocolat und Vanille-Schaumcreme), der für sie einfacher zu handhaben ist und den sie daher selber löffelt. Sie ißt eine Riesenschale fast leer. Mit den letzten Reste aus der Schale tut sie sich jedoch wieder schwer und bittet mich erneut um Hilfe.

Ich tue ihr den Gefallen, reiche ihr den Rest an und wische ihr die erweiterte Mundpartie ab, auf der ein beträchtlicher Teil des Nachtischs gelandet ist.

All das lässt sie mit einer Mischung aus Anmut und Gelassenheit mit sich geschehen, beinahe wie eine hochgestellte Persönlichkeit edlen Geblüts, die es gewohnt ist, das Essen serviert und gereicht zu bekommen.

Zum Schluß schaut sie mich mit klarem Blick an, bedankt sich nochmals und ich wundere mich aufs Neue über diese seltsame Gehirnveränderung namens Demenz, die von manchen Experten nicht als Krankheit bezeichnet wird.