Auf den Hund gekommen: Begegnungen in der Klassengesellschaft

Begegnung 1

Vorm Gemüsestand auf dem Wochenmarkt liegt ein mittelgroßer, langhaariger Hund am Boden und beobachtet die Umgebung. Seine Halterin, Typ feine Dame, ist ins Gespräch mit der Verkäuferin vertieft. Die Dame gehört erkennbar zu der in diesem Viertel überproportional ansässigen wohlhabenden Oberschicht: Edelklamotten, Echtschmuck, 800-Euro-Stiefelettchen, nur ganz dezent gesichtsoperiert.

Mein anarchistisches Gute-Laune-Hündchen (an der Leine) zerrt freudig zu dem Langhaarhund, in der Hoffnung, einen Kumpel aufgetan zu haben. Dieser will aber nicht in seiner Ruhe gestört werden, knurrt grimmig und stellt mit einem kurzen Beller die Machtverhältnisse klar.

Ich ziehe meinen Hund von dem anderen weg .

Die feine Dame hat den Vorfall registriert, mustert mich und Hündchen kurz und bemerkt dann so eiskalt wie herablassend: “Das macht man ja auch nicht!”

Ich (verdutzt): “Wie bitte?”

Feine Dame (nun sichtlich indigniert, dass man ihr Widerworte gibt): “Man geht nicht zu einem Hund, der so da liegt.”

Ich überlege kurz, ob ich mich auf eine Diskussion mit der Dame einlassen will, beschliesse dann aber, ihrer gehobenen gesellschaftlichen Einsortierung Tribut zu zollen und antworte mit einer leichten Verbeugung und den Worten: “Oh, vielen Dank für die Belehrung, Euer Durchlaucht!”

Begegnung 2

Mit Hündchen unterwegs zum Hunde-Schnickschnackladen des Viertels, wo ich eine Leine reparieren lassen will. Mein vierbeiniger Kumpel kennt den Weg und zerrt mich zielstrebig in Richtung seines Lieblingsladens.

Wir sind noch etwa 30 Meter entfernt, als vor dem Laden ein Porsche in eine freie Parkbucht einbiegt. Es entsteigt eine Dame mit einem zotteligen Kleinhund, die Hundehalterin auch hier mit Kleidung und Schmuck im vermutlich fünfstelligen Bereich behängt.

Im Laden selber lässt sie sich ausführlich über die Kauknochen beraten, da ihr Zottelhund “so Probleme mit Straußenknochen hat, das hat er noch vom Züchter; die machen ihm den Hals kaputt”. Schließlich kauft sie für ein paar Euro irgendwelche Pferdesehnen.

Beim  Rausgehen fällt ihr eine frische Pieselspur innen neben der Eingangstür auf. Einer der beiden Hunde muss also gerade dort hingepinkelt haben.

Die Dame verzieht ihr Gesicht, rümpft die Augenbrauen und sagt: “Oh! Da hat ihr Hund wohl gerade hingemacht. Das macht man aber GAR nicht!”

Ich hab zwar nicht gesehen, WER da hingemacht hat (und es ist mir auch herzlich egal), aber weil mir hier schon wieder eine Bourgeois-Ziege erklären will, was “man” macht und was nicht, antworte ich wahrheitsgemäß:

“Tja. Das machen Hunde nunmal gelegentlich.”

Sie daraufhin: “MEINER nicht!”

Ich (schon leicht genervt): “Selbstverständlich nicht, gnä´Frau. Ihrer hat ja die hohe Hundeschule genossen.”

Sie (zieht beleidigt ab): “Auf Wiedersehen”.

Die Ladenkraft lacht, bringt mir eine Papierrolle und Hygienespray und in 5 Sekunden ist das kleine Malheur beseitigt.

Nationale Katastrophe: Niederlage in WM-Auftaktspiel

Nach verlorenen Turnierspielen der BRD-Auswahl schaue ich gerne mal bei der völkischen Presse rein, um die Schmach fürs nationale Gemüt von allen Seiten auszukosten. Besonders das Springer-Hetzblatt „Bild“ tut sich da hervor, in der Regel mit dem „Bild“-typisch unappetitlichen Rangewanze an die von „Bild“ mitgezüchtete rabiate Volksseele.

Dieses Schundblatt kombiniert gerne die Artikulation des kollektiven Frustgefühle einer auch beim Fußball weltmachtmäßig anspruchsvollen Nation mit ultimativen „Jetzt erst recht!“- und „Arsch zusammenkneifen und ab in die Schützengräben!“-Appellen an die Versager, die es gewagt haben, Deutschlands Ehre auf dem Fussballfeld zu beflecken.

Und richtig, ich werde gleich fündig:

Schon die Balkenüberschrift des Frontberichts aus Moskau klärt auf, dass es jetzt um nichts anderes als Sein oder Nichtsein geht:

„DARUM geht es jetzt schon ums WM-Überleben“, wird der deutsche Fernseh-Landser von seiner gedruckten Wochenschau informiert.

Ein paar Absätze weiter unten erfährt man dann, welch unglaublichen Mangel an Ernsthaftigkeit sich manche der deutschen Truppenteile erlauben: da nimmt doch tatsächlich einer der jungen Fußballer kurz nach dem vergeigten Spiel ein Selfie mit einem Fan auf, statt in Sack und Asche gehüllt sofortiges Medizinballtraining aufzunehmen, damit WIR beim nächsten Spiel wenigstens dem Schweden zeigen können, wo die Glocken hängen.

Urteilsverkündung der nationalen Sportpropagandastelle der „Bild“-Zeitung: Peinlich!

Julian Brandt kann sozusagen froh sein, der Todesstrafe wegen Zersetzung entgangen zu sein.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Lohnsklaventum – Es geht immer noch ein bißchen billiger

In einem Pflegeheim gibt es drei Säulen, drei Professionen, die den Betrieb aufrecht halten: Pflege, Sozialer Dienst/Betreuung, Hauswirtschaft.

In dem Heim, in dem ich (im Sozialen Dienst) tätig bin, wird der Küchendienst auf den Wohnbereichen von FSJlern erledigt (17 – 18jährige, die ein „Freiwilliges Soziales Jahr ableisten, das Äquivalent zu den früheren Zivildienstleistenden).

Grund: die Servicekräfte aus dem Hauswirtschaftsbereich wurden Arbeitgeber-intern in eine GmbH ausgegliedert, wodurch man Ihnen leider den Mindestlohn zahlen muss. Um diese Unzumutbarkeit für einen kostenbewussten Arbeitgeber zu vermeiden, werden die Jugendlichen in ihrem FSJ für die Hauswirtschaft vernutzt. Da wird, ganz marktwirtschaftlich, eben auch vom konfessionellen Arbeitgeber auf die „betriebswirtschaftliche Rentabilität“ bzw. „Wirtschaftlichkeit“ des eigenen sozialen Ladens geachtet

Diese Art von Ausnutzung jugendlich-freiwilliger Billigarbeitskäfte spricht sich anscheinend in der Region rum; bisher liegen jedenfalls KEINE Bewerbungen für die Neubesetzung der FSJ-Stellen vor.

Das bedeutet, dass der Soziale Dienst des Pflegeheims für hauswirtschaftlichen Aufgaben wie Küchendienst herangezogen wird (falls sich nicht noch ein paar gutwillige Teenager einfinden, die ihr Soziales Jahr auf diese Weise verbringen möchten), da die Planstellen für Servicekräfte in der Hauswirtschaft alle schon belegt sind.

Die Betreuung der alten Menschen im Heim bleibt dadurch natürlich teilweise auf der Strecke, aber das Primat der betriebswirtschaftlichen Rechnungslegung ist gewahrt – und darauf kommt’s schließlich an, auch beim allerchristlichsten Arbeitgeber.

Wenn (selbst-)gerechte Empörung und Betroffenheitsduselei biologistischen Rachedurst wachrufen

Ein Facebook-Kontakt schreibt folgendes (und verlinkt auf ein Interview mit dem notorischen Berliner Law&Order-SPD-Rechten Buschkowsky, in welchem letzterer den noch notorischeren Volksverhetzer Sarrazin rehabilitiert; Zitat: „Es wird die Zeit kommen, da werden sich noch viele die geschimpft haben bei Thilo Sarrazin zu entschuldigen haben!“):

„Ich bitte alle Realitätsverweigerer, Whataboutism’er oder möchtegern-Meinungsregulatoren mich zu entfreunden oder zumindest auf meiner Seite die Schnauze zuhalten. Seid offen für die Realität oder trollt euch. Ich bin Vater einer minderjährigen Tochter und eines adoleszenten Sohnes und möchte gerne vor ihnen sterben.“

Ich konnte natürlich die Schnauze NICHT halten und bin fast sicher, dass mein Kommentar mich für den Urheber des Zitates zum realitätsverweigernden Meinungsregulator machen wird, der sich zu trollen hat:

„Endlich mal wieder eine Gelegenheit, das eigene Gefühl von gerechter Empörung und Betroffenheit ganz grundsätzlich („Bin Vater von Kindern!!“) zum Maßstab gesunden Volksempfindens zu machen und gleich mal per Re-Post eine Ehrenrettung des völkischen Hetzers Sarrazin vorzunehmen.

Abgesehen davon, dass es in der Justiz nie um das Gerechtigkeits- und schon gar nicht um das Rachebedürfnis des einfachen Untertans geht, sondern um den Ordnungs- und Strafanspruch und das Gewaltmonopol des Staates, ist es bezeichnend, anhand WELCHER Straftaten und Täter der empörte Bürger hier nach Tabula Rasa und Schluss mit jedem Einwand und jeder Bedenkenträgerei ruft.

Der fremdländische Einzeltäter, der eine Minderjährige vergewaltigt und ermordet, dient dem betroffenheitsentschlossenem Gemüt allemal als Aufhänger für zornige Hinweise an die geneigte Leserschaft, jetzt frag- und kritiklos die biologischen Nistbau- und Brutpflegeinstinkte des Empörten zu teilen: „Ich will meine Kinder überleben!“

Ja, wer will das nicht?

Und was soll ausgerechnet in diesem Zusammenhang dieser Hinweis?

Die selektive Empörung, die bei dieser Art Statements zum Vorschein kommt, ist umso verlogener, je kategorischer sie sich Widerspruch von vorneherein verbittet („Entfreunde mich oder halt die Klappe, wenn du es anders siehst!“), denn sie bleibt aus, sobald es sich um andere Opfer der täglich anfallenden Gewaltverhältnisse handelt, z.B um von israelischen Scharfschützen ermordete Krankenschwestern, von US-Drohnen umgebrachte Kinder und Frauen oder andere Kollateralschäden imperialistischer Weltbeaufsichtigung.

Aber das ist sicher schon wieder „Whataboutism“, richtig?“

Zweimal über das Alter

1.
Meine juvenile Chefin (die 30-jährige Leiterin des Sozialen Dienstes des Pflegeheims) spricht mich an wegen der vielen Personalausfälle im Pflege- und Hauswirtschaftsbereich.
Ob ich an mein Samstags-Gruppenangebot noch eine Küchenschicht anhängen könne; der Wohnbereich stünde ohne Hauswirtschafts- oder FSJ-Kräfte fürs Abendbrot da und zwei Pflegekräfte könnten unmöglich 25 Leute pflegen UND für das Abendessen sorgen.
Da dies die Art Fragen sind, auf die man nicht „Nein“ antworten kann, wenn man die Situation in Pflegeheimen kennt (außer es ist einem egal, ob die Bewohner zu Abend essen oder nicht), sage ich also zu.
Meine Chefin so: „Du bist mit Swetlana im Wohnbereich. Das ist so eine Ältere, ganz Nette….“
Ich kenne und schätze die fragliche Kollegin und muss lachen, weil sie aus Sicht einer Dreißigjährigen wohl tatsächlich „eine Ältere“ ist. Ich frage aber trotzdem aus Neugierde mal nach: „Was meinst du denn mit ‚Ältere‘?“
„Na, so ca. 45…“
„Hm… für mich ist die im besten Alter!“, gebe ich zu bedenken, „du sagst das so, als ob die kurz vor der Pensionierung steht…“
Darauf die mir hierarchisch Vorgesetzte: „Ja, aber du bist sowieso ein Rätsel. Du siehst nicht aus wie Sechzig und du benimmst dich auch nicht so. Ich weiß nicht, wie du das machst….“

2.
Vor Dienstbeginn im Getränkemarkt. Ein älterer Herr, ca. Mitte Siebzig, und ich biegen mit unseren Einkaufswagen gleichzeitig von verschieden Seiten in die Zielgerade vor der Kasse ein. Ich will ihn vorlassen, doch er bietet mir den Vortritt an und sagt: „Wir haben doch Zeit! Bei uns kommt’s doch auf ein paar Minuten nicht an…“
Ich wunder mich über das „wir“ und frage:
„Wieso? Seh‘ ich aus wie ein Rentner?“
Er, ohne zu zögern: „Ja.“

Zusammengefasstes Geschichtsbild eines nur in staatlichen Schulen „informierten“ BRD-Bürgers Jahrgang 1957

Da war mal ein böser Hitler, der kam plötzlich an die Macht (keiner weiß warum) und verführte alle Deutschen. Dann passierten ein paar schlimme Dinge und auch ein Weltkrieg. Aber da war der Hitler dran schuld; die Deutschen waren eigentlich friedlich, aber sie mussten ihm ja gehorchen.

Genaueres über den Krieg steht in den „Landser“-Heftchen, die‘s am Kiosk gibt. Die deutschen Soldaten waren sehr tapfer, aber haben dann den Krieg verloren.

War auch irgendwie gerecht, weil der schlimme Hitler eigenhändig sechs Millionen Juden umgebracht hat.

Heute ist alles gut und wir leben in der besten aller Welten. Warum dieser Hitler plötzlich über Deutschland herrschte, kann keiner erklären. Was die Kommunisten erzählen ist glatt gelogen, denn die Unternehmer und die Reichen wollen nur unser Bestes und schaffen Arbeitsplätze.

Und jetzt große Pause!

Vorkriegsgedanken

Ich frage mich, ob sich die Menschen, die beim letzten Mal vor einem Krieg gewarnt haben, auch so gefühlt haben wie die paar Leute heutzutage, die noch alle Latten am Zaun haben und sehen können, mit welchen unsagbar dämlichen Lügen der Weg in militärische Abenteuer und potentiell in einen globalen Krieg beschritten wird:

Inmitten einer Mehrheitsbevölkerung, die so mit Überlebenmüssen, Geldverdienen und Kompensationskonsum beschäftigt ist, das kaum Zeit bleibt, über den Tellerrand des unmittelbar Persönlichen zu schauen;

die gleichzeitig so tiefgreifend und gründlich mit dem Narrativ der herrschenden Kriegstreiber gehirngewaschen ist, dass sie jede neue Lüge, jede noch so absurde Verhöhnung jeglicher Logik und Plausibilität frag- und klaglos schluckt, solange das ihnen vermittelte Feindbild stimmt (welches mit dem FREUND-Bild komplementär ist, dass die Masse von sich als Nation und den imperialistischen Verbündeten hat: WIR sind die Guten!).

Vielleicht ist es heutzutage noch einsamer für die wenigen Warner. Beim letzten Mal herrschte offener Faschismus, viele Parteien und Organisationen waren verboten, es gab eine mundtot gemachte und ins Exil oder die Emigration vertriebene Arbeiterbewegung. Es war offensichtlich, dass man in einer Diktatur lebte.

Heute hält sich jeder für frei und die staatlichen Akteure und das staatliche Handeln für demokratisch. Ständig ist nach außen hin von Werten wie Demokratie, Freiheit, Individuum, Selbstbestimmung usw. die Rede. Dass dies nur die Fassade ist für die Machthaber, für die Klasse, die für ihr eigenes bzw. für das Fortbestehen ihrer profitablen Benutzung von Land und Leuten eben auch Kriege in die marktwirtschaftliche Berechnung einbezieht – das scheint wohl den meisten Zeitgenossen zu weit hergeholt.

Und da täuschen sie sich gewaltig.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Im Oster-Gottesdienst

Der Sonntagsdienst besteht heute aus der Begleitung der HeimbewohnerInnen zum evangelischen Gottesdienst in die auf demselben Gelände gelegenen Kirche. Zwölf Heiminsassen wollen dabei sein, die meisten in Rollstühlen, die Mehrheit dement.

Ich nehme zum ersten Mal an einer solchen religiösen Zeremonie teil und harre neugierig der Dinge, die da kommen.

Die Pfarrersfrau setzt sich zu Beginn der Veranstaltung eine rote Kappe auf, nimmt ein überdimensionales „Taschentuch“ zur Hand und beginnt, auf laienhaft-übertriebene schauspielernde Art die Maria zu geben, die am Grab Jesu trauern will, dann aber von einer Stimme beim Namen gerufen wird. Wie sich herausstellt, bzw. wie sie kindergartenpädagogisch erklärt, soll diese Stimme die von Jesus sein (kleine Kinder in der ersten Sitzreihe antworten ihr auf die Suggestivfrage, wessen Stimme das wohl sei, mit einem lauten „Jesus!!“).

Ihre Stimme ist etwas quieckend und schwer zu ertragen, das Mikrofon weiß sie nicht richtig zu handhaben und die Gemeinde versteht kaum ein Wort dieser Darbietung.

Meine dementen Begleiterinnen sitzen einigermaßen gebannt da; meine Sitznachbarin Frau S., die nur dabei ist, weil sie zu jedem Angebot mitkommt, schaut sich die Vorstellung an, schaut dann mich an und sagt nur: „Oh Gott.

Der Rest der Veranstaltung besteht im Singen von Liedern, deren erschreckend debile Texte („Je-Je-Jesus ist besser, Je-Je-Jesus ist größer, Je-Je-Jesus ist stärker“) zu den Schlager-artigen Softpop-Melodien passen wie der Becher zum Henkel; außerdem noch aus dem Hersagen von Glaubenssätzen, die wirken wie affirmative Kühlschranksprüche: man möchte gerne dran glauben, weil die ZWEIFEL so riesig sind, dass man sie immer wieder mit der Beschwörung einer weder selbst erfahrenen noch irgendwie greifbaren „Wahrheit“ vertreiben möchte.

Alles in allem bin ich erschüttert über das Niveau und frage mich, ob das hier vielleicht hat ein Kindergottesdienst ist. Insgesamt komme ich mir nämlich eher vor wie im Kindergarten als in einem Ort der Einkehr, der Besinnung oder gar der Meditation; von einer würde- und weihevollen Feier eines Ereignisses, dass sich immerhin um Leben, Tod und Wiedergeburt/Auferstehung dreht, ist nichts zu spüren.

Der religiöse Anlaß der Feier wird gnadenlos infantilisiert und seines spirituellen Gehaltes und damit seiner Botschaft beraubt – zugunsten einer krampfhaft auf modern getrimmten Show auf Vorschulniveau, die nur ein Vehikel darstellt für die Propagierung von Dogmen und Sprechblasen der Rechtgläubigkeit.

Zurück zu meinen dementen Schützlingen:

Am Ende des Gottesdienstes geht die Pfarrerin reihum, gibt jedem die Hand und sagt dabei „Frohe Ostern! Jesus ist wahrhaftig auferstanden!“

Als sie bei meiner Sitznachbarin angekommen ist, lässt sich diese bereitwillig die Hand schütteln, hört sich den Spruch an und schaut die Kirchenfrau neugierig an. Dann antwortet sie: „Gut! Kann ich mitkommen?

Geschichten aus dem Pflegeheim: Wie ich einmal Hilfspfarrer wurde

Morgens bei Dienstbeginn informiert mich die Wohnbereichsleitung, dass Frau P., die seit ca. zwei Wochen immer mehr abgebaut hat, jetzt wohl im Sterben läge. Der Atem gehe ganz flach, sie wäre nicht mehr ansprechbar – kurzum: es wäre schön, wenn ich mir die Zeit nehmen könnte, um bei ihr zu sein. Die Töchter von Frau P. seien schon informiert und würden demnächst kommen.

Die Kollegin selber hat auch für Sterbende höchstens mal 5 Minuten zwischendurch Zeit, da sie feiertagsbedingt mit zwei FSJlerinnen 20 Leute versorgen muss.

Ich selber habe erst ab 10:00 „Programm“, so dass ich mich ins Zimmer von Frau P. begeben kann. Auf den ersten Blick ist erkennbar, dass ihr Geist und ihr Körper nur noch an einem dünnen Faden miteinander verbunden sind und dass dieser Mensch nur noch sehr kurze Zeit zu leben hat. Frau P. atmet kaum noch, ihr Kopf ist leicht seitwärts gedreht, der Blick ist auf einen imaginären Punkt an der weißen Zimmerwand gerichtet.

Ich setze mich zu ihr, nehme ihre Hand und bleibe erst mal eine Weile still neben ihr sitzen. Frau P. ist knapp 80 Jahre alt und seit etwa vier Jahren diagnostiziert dement. Seit ich sie kenne, beobachte ich ihre fortschreitende Desorientierung und zunehmende körperliche Schwächung. Sie wirkt auf mich wie jemand, dessen innere Wirklichkeit, dessen Selbstwahrnehmung und Erinnerungsvermögen einstmals ein Kontinent war, jetzt aber nur noch aus lauter Inseln besteht, die von einem Ozean des Vergessens immer mehr überspült werden.

Dabei ist Frau P. in aller Desorientiertheit und inneren Verlorenheit stets bemüht, „Haltung“ zu bewahren und fast immer freundlich zu allen. Sie ist mir ans Herz gewachsen, weil sie manchmal auf rührende Weise resolut sein kann; wenn sie zum Beispiel mal wieder vergessen hat, was der Essvorgang bedeutet und wie man sich Nahrung zuführt, hört man beim Versuch, ihr den Gebrauch eines Löffels nahezulegen, schon mal ein entschiedenes „Also, das ist doch totaler Unsinn jetzt!!“, so als ob sie einem unverständigem Kinde streng, aber nicht unfreundlich eine Flause austreiben muss.

Nach einer Weile folge ich einem Impuls und beuge mich über Frau P.s Bett, so dass ich Augenkontakt mit ihr aufnehmen kann. Ich habe das Gefühl, dass sie in diesen letzten Momenten ihres Lebens Zuspruch braucht, dass sie in dem Alleinsein der Sterbestunde dennoch nicht allein ist. Ich spreche sie mit ihrem Vornamen an und sage ihr sinngemäß: „Sie können nicht mehr lange in diesem Körper bleiben… aber Sie brauchen keine Angst zu haben, ihn zu verlassen – es ist alles in Ordnung. Alles, was Ihnen jetzt passiert, ist völlig natürlich. Sie gehen dahin zurück, wo alles herkommt und in dem alles aufgehoben ist…“.

Frau P.s Augen wenden sich mir zu, sie wirkt wach, aufnahmebereit und ansprechbar. Für weitere Reaktion fehlen ihr die physischen und psychischen Kräfte. Ich bleibe weiter bei ihr sitzen; nach ca. 20 Minuten erscheinen ihre beiden Töchter.

Eine gute halbe Stunde später stirbt Frau P. im Beisein ihrer Töchter. Auf ihrem Gesicht liegt ein schöner und friedlicher Ausdruck.

Das Prozedere des Heimes sieht für Todesfälle vor, dass noch am selben Tag ein sogenanntes Abschiedsritual für Angehörige, Freunde, Bekannte sowie für Pfleger und Betreuer stattfindet. Da der Pfarrer der auf demselben Gelände liegenden Kirchengemeinde meistens nicht abkömmlich ist, wird dieses Ritual von Mitarbeitern des Hauses durchgeführt, die sich das zutrauen und eine entsprechende Schulung erfahren haben.

Heute trifft es mich, bzw. die diensthabende Pflegekraft ist froh, dass ich die Sache übernehme, da sie selber sich mit dem Thema unsicher fühlt und obendrein jede Menge zu tun hat im Wohnbereich, auf dem das Leben der restlichen BewohnerInnen ja weiter geht.

Ich erfahre, dass Frau P. eine gläubige Katholikin war. Damit ist schon mal entschieden, dass das Abschiedsritual in seiner religiösen Variante ausgeführt wird. Ein paar Stunden später haben sich Angehörige und Bekannte versammelt, ein paar Pflege- und Betreuungskräfte kommen hinzu und ich beginne mit der Zeremonie.

Wir beten zusammen den Psalm 23 („…Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich…“), das Vaterunser, zum Abschluss spreche ich einen  Segen und zwischendrin erinnern wir uns gemeinsam an Begebenheiten mit Frau P. Dabei kommen lustige Ereignisse zutage und die Atmosphäre von Trauer und Verlust wird auf schöne und fröhliche Weise von Lachen und Heiterkeit ergänzt.

Nun halte ich von organisierter Religion, vor allem aber von ihrer Ideologie von Angst, Schrecken, Schuld und Furcht, weniger als gar nichts. Allerdings beobachte ich zwei Dinge bei diesem Prozedere:

Erstens die Versuchung, die schockierten, betroffenen und dadurch extrem beeinflussbaren Trauernden mit Floskeln und leeren Sprüchen zu „trösten“
und dabei die eigene Selbstwichtigkeit zu füttern; eine Falle, in die sicherlich zahlreiche religiöse Amtsinhaber laufen (wollen).

Zweitens die Wirksamkeit der Rituale – auch der kirchlichen –
bei der unmittelbaren Bewältigung eines derart einschneidenden Lebensereignisse wie dem Sterben und dem Tod eines nahen Menschen. Die Gebete, das Ambiente, der ritualisierte Ablauf, all das setzt dem Ereignis einen für die Psyche Orientierung gebenden Rahmen und bettet es ein in etwas Umfassenderes, Größeres als das einzelne individuelle Leben und Sterben. Und das scheint der Mensch zu brauchen.

Witziges Nebendetail: aus unerfindlichen Gründen habe ich heute eine schwarze Hose und ein dunkel-anthrazitfarbenes Edelhemd angezogen.
Eine Kollegin hinterher zu mir: „Das hast du richtig gut gemacht, du sahst ja schon aus wie ein Pfarrer!“

In Ewigkeit, Amen!

An der Ideologiefront der Marktwirtschaft: Armut ist ein Naturgesetz, aber die Lehrer sollen gefälligst Mobbing verhindern.

Am freien Freitag beim Zeichnen.

Frau kuckt sich zur Entspannung irgendeine Diskussionsrunde auf 3sat über „Armut“ an, die ich mit halbem Ohr mitzuhören gezwungen bin.

Die Diskutanten – ein sozial engagierter „Liedermacher“, eine österreichische Politikerin und noch die unvermeidliche Alice Schwarzer – wenden das Thema hin und her, man meint und gibt zu bedenken, äußert Verständnis und diskutiert engagiert usw.

Kurzum, der bürgerliche Sachverstand nimmt sich des Themas „Armut“, speziell wohl des betroffenheitsmäßig noch brisanteren Unterthemas „Kinderarmut“ an. Das Gespräch in der Runde plätschert so hin und her, alle finden Kinderarmut nicht so gut und ergehen sich in Vorschlägen, Konzepten, Ideen und guten Tipps, was „man dagegen tun“ könnte und müsste.

Dass Armut einfach dazugehört zu dieser Gesellschaft, dass Kapitalismus ohne massenhafte Not und Armut nicht zu haben ist, wird von keinem der Gäste thematisiert – so selbstverständlich ist für diese marktwirtschaftlich geschulten Ideologen die täglich erfahrbare Gleichung von Reichtum auf der einen (überschaubaren) Seite und der immerzu fälligen und zunehmenden Armut der Nicht-Besitzenden auf der anderen Seite.

Die Erkenntnislage der Runde endet in dem dringenden Aufruf an die Schulen, ihre Lehrkräfte dahingehend zu schulen, dass sichtbar arme Kinder nicht von den anderen gemobbt werden, denn „Kinder können grausam sein“.

Soviel psychologische Einsicht wird den Armen und ihrem Nachwuchs sicher helfen, ihre Einsortierung in die „sozial schwache“ Kategorie der Klassengesellschaft klaglos und untertänig zu akzeptieren, und das staatliche Fernsehen hat seinen Bildungsauftrag wieder bestens erfüllt.