Altersweisheit

Je älter ich werde, je länger ich mich auch selber hab sagen hören „Ist alles nicht so einfach, es gibt keine einfachen Lösungen, man muss die Komplexität der Erscheinungsformen berücksichtigen, Ismen sind keine adäquaten Lösungsansätze für die immensen Probleme dieser Spezies und der Welt“ – umso mehr komme ich auf die unumstößliche simple Tatsache, dass ein Umsturz der Eigentumsverhältnisse nötig ist und dass dazu eine kommunistische Partei gebraucht wird, die die Klasse, die als einzige diesen Umsturz durchführen kann, dabei anleitet und anschließend die Ergebnisse gegen die Kräfte des Alten sichert und verteidigt.

Nennt sich auch Diktatur des Proletariats, und wenn sich jetzt bei manchen die Fußnägel nach oben krümmen vor Grausen über diesen schlimmen Ausdruck: ja, anders geht’s nicht, und lieber das Proletariat vermittels seiner Partei beim Diktieren der Lebens- und Produktionsverhältnisse als – wie jetzt – der Imperialismus bzw. die Bourgeoisie.

Danke für die Aufmerksamkeit

Euer Politkommissar

Geschichten aus dem Pflegeheim: Der Lesbier beim Duschen

In der „Tagesgruppe Demenz“ beschwert sich Frau H. über Begleitumstände des Duschens vom vorigen Abend.

Ich musste da völlig nackt in die Dusche! Der hat mich einfach ausgezogen und unter die Dusche gestellt!“

„Wer jetzt?“, frage ich nach.

Na, einer von den Langen!“, lautet die Antwort, womit sie die männlichen Pfleger meint.

Ich so: „Sind Sie denn noch nie von einem der Pfleger geduscht worden, Frau H.? Haben das immer die Schwestern gemacht? Sie können sagen, wenn sie nicht von Männern, sondern nur von Frauen geduscht und gepflegt werden wollen…“

Frau H., die trotz ihrer Demenz schlagfertig und nicht konfliktscheu ist, schaut mich verschmitzt an und berichtet: „Weißt du, was ich dem am Ende gesagt habe? Das hat richtig gesessen! Ich hab dem gesagt: Sie sind wohl ein LESBIER!!“

Zufrieden mit der Erinnerung an diese brillante Replik grinst sie mich an und zündet sich eine Zigarette an.

#Pflegeheim #dementabernichtdoof

Geschichten aus dem Pflegeheim: Drei Aquarelle meiner Schützlinge aus der Kunst- und Kreativrunde

Die ersten beiden von Herrn H., dessen starke Demenz ihn nicht daran hindert (ihn vielleicht erst dazu befähigt), einen ausgiebigen sinnlichen Genuss aus der Haptik von Wasser, Farben und Papier zu ziehen. Oft verbringt er bis zu einer halben Stunde mit nur einer Farbe an einem Fleck des Aquarellpapiers. Manchmal auch auf der darunter liegenden Pappe, was für ihn keinen Unterschied macht. Er ist glücklich über die Farbigkeit der Farben und scheint den „Geschmack“ und die „Sattheit“ eines Farbtons zu fühlen.

Das dritte Bild ist von dem 71-jährigem Herrn K., der in seiner mentalen Entwicklung etwa auf dem Stand eines Siebenjährigen steckengeblieben ist. Zusätzlich ist er sprach- und körperbehindert und scheint jetzt auch eine dementielle Veränderung zu erfahren. Er ist der fröhlichste in unserer Runde, begrüßt stets jeden mit Handschlag und produziert 5 Bilder, während die anderen noch ihre Pinsel sortieren.

Heute machte er sich eine Tüte Gummibärchen auf, die ihm aufs Blatt purzelten. Als ich ihn fragte, ob er die Gummibärchen essen oder sie in sein Bild integrieren wollte, sagte er sofort „Ins Bild!“.

Gesagt, getan, und mit etwas Kleber haben wir nun das erste Gummibärchenbild der Runde (es gibt schon ein Kaffeebild einer Dame, die den Pinsel immer in die Kaffeetasse statt in den Wasserbecher tunkte).

Geschichten aus dem Pflegeheim: Uhrentest und Juckreiz

Meine Neugierde und Faszination mit den Funktionsweisen des menschlichen Geistes erfährt durch den täglichen Umgang mit dementiell veränderten Menschen eine Vertiefung und Erweiterung, die mich selber manchmal überrascht.

In all dem kommt nie der Humor zu kurz, weil gerade Demente neben Musik und Bildsprache sehr empfänglich für Humor sind.

Heute mussten wir bei zwei Teilnehmerinnen unserer “Tagesgruppe Demenz” den “Uhrentest” durchführen. Dabei wird der Person eine Uhr ohne Ziffernblatt und Zeiger vorgelegt, auf der die Zahlen eingetragen und eine bestimmte Uhrzeit mit den Zeigern markiert werden soll.

Frau K., die mir schon immer schlauer vorkam als sie in der Gruppe tat, löste die Aufgabe problemlos und schnell.

Danach war unsere “Demenzkönigin” Frau S. dran. Diese kleine, gutmütige Frau aus Westpommern hat in den letzten paar Monaten mehr und mehr inneren Boden unter den Füßen verloren und wirkt in der Welt ihrer dementiellen Isolierung oft wie Alice im Wunderland, allerdings ohne ein Kaninchen, das sie aus dem Bau führen könnte. Zudem macht sie das innere Erleben der zunehmenden Fragmentierung ihrer Wahrnehmungen und Erinnerungen manchmal aggressiv. Sie wird dadurch zur Gefahr für sich und andere und erhält deshalb seit einiger Zeit starke Psychopharmaka.

Als ich mit dem Uhrentest zu Frau S. komme und ihr in sehr einfachen Worten erkläre, worum es geht (ich nehme sogar die Wanduhr unseres Gruppenraumes ab und zeige ihr, wie eine Uhr normalerweise aussieht), schaut sie mich mit großen Augen an. Um es nicht zu kompliziert für sie zu machen, frage ich sie, ob sie mir zeigen kann, wo die Uhrzeiger stehen, wenn es zwölf Uhr ist.

“Nein, das kann ich nicht”, antwortet Frau S. und schüttelt den Kopf. “Ich war doch nicht dabei!”, fügt sie an, und wirkt wie jemand, der einem Schulbuben Selbstverständliches erklären muss.

Ich belasse es bei dem Versuch und denke mir, dass sie gar nicht so unrecht hat. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Einteilung und Messung des Zeitablaufes sind Konzepte, die (abgesehen von den frühen Erinnerungen an Kindheit und Jugend, die auch bei schwerer Demenz nie ganz verblassen) für Frau S. keine Bedeutung mehr haben.

Frau K. hat sich indessen lautstark und fordernd immer wieder über einen Juckreiz an der Hüfte beschwert. Glaubt man ihrem Wehklagen, steht sie kurz vor dem Exitus. “Warum hilft mir den keiner?!” jammert sie und beklagt ausgiebig das fiese Jucken. Den naheliegenden Vorschlag, sich doch mal an der Stelle zu kratzen, tut sie ab: “Das hilft nicht”, wehklagt sie. “Kratz du mich mal, Liebchen!” (Liebchen sind bei ihr alle Pflege- und Betreuungskräfte).

Ich tue ihr den Gefallen, weil ich weiß, dass sonst erst mal für 20 Minuten Juckalarm in der Gruppe ist und keiner zur Ruhe kommt.

Damit hat mich Frau K. allerdings auch auf eine Idee gebracht und schon haben wir ein Thema für die anstehende “Bunte Runde”: die verschiedenen Arten von körperlichen Beschwerden und Schmerzen – ein Thema, das allen GruppenteilnehmerInnen bestens vertraut ist.

Schon ist ein Blatt des Flipcharts vollgemalt und die Runde debattiert, welche Schmerzen die lästigsten sind. Auch Frau K. beteiligt sich mit Leidenschaft an der Debatte – der Juckreiz ist vergessen – und stimmt wie die Mehrheit der Anwesenden der Ansicht zu, dass der schlimmste Schmerz doch der Herzschmerz sei.

An die Rassisten und Hetzer

RT berichtet über die Eröffnung des bayerischen Abschiebezentrums. Ein Blick in die Kommentare erzeugt sofortigen Brechreiz über die tatsächlich AUSSCHLIESSLICHE Hetze, Feindseligkeit und Vernichtungsphantasien der Kommentatoren gegen die Protestierenden gegen diese Einrichtung.

Ich kann mich nicht zurückhalten und kotz mich auch mal aus:

Hey, Rassisten und Überfremdungsschißhasen!

Schon mal überlegt, eure Feindseligkeit und „Haut bloß ab!“-Parolen zur Abwechslung mal an DEN RICHTIGEN auszulassen?

Zum Beispiel an eurer Obrigkeit (ja, das ist die Verwaltung eures feinen Kapitalstandortes, die Regierung der BRD und ihre Politik für die, die das Geld haben und denen die Unternehmen gehören; diejenigen, die Afrika und den Nahen Osten mit ihrer Wirtschaftspolitik und ihren Kriegen zu den Elends- und Kriegsgebieten gemacht haben, aus denen die Leute jetzt abhauen).

Die braucht ca. 12,5 Mrd. Euro pro Jahr für 1 Mio Flüchtlinge. Hört sich viel an?

Dann passt mal auf, werte blaubraune Volksgenossen:

Durch die Steuerflucht der Reichen und Konzerne gehen Staat und Steuerzahlern etwa 100 (hundert) Mrd. Euro jährlich verloren (Quelle: Hans-Böckler-Stiftung)

Und dieselben Reichen und Konzerne samt ihren politischen Standortverwaltern, die ihr so gerne wählt (ja, ihr vaterländischen Vollpfosten, eure AfD gehört auch dazu, die will euren schönen Kapitalismus nämlich nur völkisch durchsortieren und ansonsten den Unternehmen bei der dann ganz deutschnationalen Ausbeuterei alle Hindernisse aus dem Weg räumen) sind es übrigens auch, die euch als willige aufgehetzte Fremdenfeinde brauchen, damit ihr euch nicht fragt, WEM es eigentlich nützt, massenhaft Konkurrenz um Arbeit und Wohnungen ins Land zu holen, die den Arbeitslohn billiger und die Mieten teurer macht. Wem es nützt, wenn die Unterklassen sich gegenseitig anfeinden und die Köpfe einschlagen.

Ach, solange ihr davon profitiert, weil ihr ein paar Brosamen von der kapitalistischen Tafel abkriegt, juckt euch das nicht?

Und jetzt, wo eure Herrschaft die Daumenschrauben anzieht, euch immer ärmer machen und euch, wenn ihr nicht spurt, unter das Hartz4-Regime zwingt;

jetzt, wo die Herren aus den Unternehmerverbänden der Massenmigration aus den Ländern, die sie selber durch ihr Profitstreben und ihre Rohstoffkriege ruiniert haben, das Wort reden, weil sie willige und billige Arbeitskräfte brauchen;

jetzt richtet ihr eure Gegnerschaft IMMER noch nicht gegen die, die euch das alles einbrocken, sondern lasst eure ganze beschissene Überlebensangst an den armen Säuen aus, die genauso wie ihr Opfer desselben kapitalistischen Berechnung seid?

Ja? Hab ich mir gedacht.

Dann hetzt doch munter weiter und wundert euch aber bitte nicht, wenn ihr in eurem zukünftigen blaubraunen Deutschland ganz ohne Flüchtlinge und „Asylanten“ immer noch als brave Untertanen und Lohnsklaven auf Gedeih und Verderb davon abhängig seid, dass ein Unternehmen eure Dienste braucht, um den Reichtum seiner Shareholder zu mehren.

Und wenn ihr dann in der Schlange im Jobcenter steht und nur noch deutsch gesprochen wird und lauter Arier um euch rum auf ihren Aufruf warten, könnt ihr richtig stolz auf eure Glanzleistung sein, ein paar Konkurrenten vertrieben zu haben und ansonsten weiter als fügsame Untertanen zu funktionieren.“

 

Die Banken so: Weniger als Fünfzig Euro? Nicht mit uns!

Der Geldautomat meldet mir beim Versuch der Barabhebung, dass meine„Karte ungültig“ sei.

Die freundliche Dame in der Hotline der Bank erklärt mir auf Nachfrage: „Sie haben versucht, 20 Euro abzuheben. Sie müssen mindestens 50 Euro abheben, weniger geht nicht mehr. Darauf haben sich die Banken geeinigt.“

Mit mir haben die sich nicht geeinigt“, liegt mir auf der Zunge, aber ich will die Servicekraft nicht unnötigerweise verwirren.

Niedrigere Beträge sind nur noch verfügbar, wenn man weniger als 50 Euro auf dem Konto hat“, fügt die Bankdame noch hinzu. Kein Problem bei meinen Einkommensverhältnissen, denke ich im Stillen und bedanke mich für die Auskunft.

Immerhin ist meine Karte nicht ungültig, sondern mein gewünschter Geldbetrag verweist mich per Auszahlungsverweigerung auf meinen Status als armer Schlucker, der sich noch nicht mal einen Fünfziger ziehen kann. Wahrscheinlich muss ich im Grunde dankbar sein, überhaupt noch das Privileg eines Bankkontos zu bekommen.

Die Bevölkerung wird immer ärmer und muss mit immer weniger zurechtkommen, teilt sich das wenige Geld entsprechend knapp ein – aber die Geldinstitute dieser besten aller Welten setzen den Mindest-Auszahlungsbetrag mal eben auf mehr als das Doppelte hoch und zeigen damit die ganze institutionelle Verachtung für die ärmeren und unteren Klassen, bei denen ein Fünfziger u.U. schon das Wochenbudget zum Überleben ist.

Erinnert an den fälschlicherweise Marie Antoinette zugeschriebenen Satz, dass die Armen, wenn sie kein Brot hätten, doch Kuchen essen sollten.

„Ihr Versager wollt bloß zwanzig Euro ziehen? Davon kann man doch nix kaufen – nehmt bitte FÜNFZIG!“

Von den Schönheiten der Marktwirtschaft

Kollegin, examinierte Pflegekraft, wechselt von der Pflege in die Betreuung, weil ihr Rücken nach 30 Jahren im Unternehmen (Diakonie) nicht mehr mitmacht.

Statt um die Betten, die Medikamente, die Hygiene und die Ausscheidungen der Heimbewohner kümmert sie sich jetzt um die kulturelle und soziale Betreuung der Leute.

Auf dem monatlichen Lohnzettel macht sich das mit 500 (Fünfhundert) Euro weniger bemerkbar, da sie von Lohngruppe 10 nach Lohngruppe 2 runtergestuft wird. Damit erhält sie immer noch etwa 150 Euro mehr als die anderen Betreuungskräfte im Sozialen Dienst der Einrichtung, weil es dem allerchristlichsten Arbeitgeber per Gesetz untersagt ist, Arbeitskräfte um mehr als acht Lohngruppen runterzustufen.

Gewollt hätten sie schon“, so die Kollegin (nämlich sie in die niedrigste Lohngruppe 1 einzusortieren), „aber sie dürfen halt nicht…“

Nach über 30 Jahren beim selben „Arbeitgeber“ in der Pflege tätig, im Dauerdienst den Rücken kaputt gearbeitet, hat sie jetzt noch weitere 15 Jahre für lausigen Niedriglohn vor sich.

Im Foyer und in den Fluren der Einrichtung hängen die Losungsplakate mit der christlichen Botschaft:

„Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus, 25/40)

#niedriglohnistausbeutungpur
#frommeheuchelei
#pflegeundbetreuungbesserbezahlen

Vorkriegszeit, Faschisierung, Einheitsfront

Mein Gefühl ist, dass wir nicht nur in einer Vorkriegszeit leben, sondern auch in einer Gesellschaft, die teils schleichend und unmerklich, teils offen und sichtbar in Richtung Faschismus gleitet. Nicht der alte Braunhemd- und Hakenkreuzfaschismus. Sondern der moderne, freiheitlich-demokratische, völlig legale und mit rechtsstaatlichem Prozedere institutionalisierte Faschismus.

Dagegen müssen alle Leute, die die menschliche Verrohung des Neoliberalismus, die ganze brutale Verachtung der sozial Benachteiligten des bürgerlichen Staates in der Krise (ausgedrückt z.B. durch das Hartz4-Regime) wahrnehmen können, gemeinsam opponieren und wenigsten an dieser Stelle den Vormarsch der kapitalistischen Unmenschlichkeit stoppen. Und wenn’s geht umkehren.

Dabei können wir – sofern wir uns als Kommunisten empfinden – nicht die sozialistische Rechtgläubigkeit der Bündnispartner einfordern oder voraussetzen.

Das heißt aber ja nicht, dass man nicht bei jeder Gelegenheit die Klassengegensätze und die Eigentumsfrage thematisiert, denke ich.

Ich meine es ernst: ich denke, wir befinden uns in einem antifaschistischen Abwehrkampf und brauchen eine Einheitsfront aller linken, humanistischen, im guten Sinne demokratischen Kräfte gegen den Rollback zur gnadenlos brutalen Version der Kapitalherrschaft.

In meiner Familie gab es vor 1933 dieselben Diskussionen zwischen den sozialdemokratisch und den kommunistisch orientierten Antifaschisten (Großvater und Großonkel). Ergebnis: der eine landete in Gestapo-Haft und im Strafbataillon 999 (der Sozialdemokrat), der andere tauchte nach Frankreich ab und schloss sich dort der Résistance an.

Beide überlebten, zum Glück.

Was ich sagen will: in einer solchen geschichtlichen Situation haben wir keine Zeit für ideologische Streitereien und Rechthabereien sondern sollten alle Menschen guten Willens sammeln, um Bürger- und Arbeiterrechte zu verteidigen und zumindest die Voraussetzungen für Klassenkampf unter bürgerlich-demokratischen Bedingungen zu erhalten.