Erwerbsarmut, Diebstahl, Zeitungsschlagzeilen: Alles in Butter in der Freien Welt

Bild so: „Armut immer schlimmer! Auch wer arbeitet ist arm!“

Express so: „Bettler immer schlimmer!“

Ich so: „Könnte das eine wohl mit dem anderen zu tun haben?“

Kapitalismus samt Insassen unisono:
„Nö, alles Schicksal, jeder seines Glückes Schmied, der Fleißige hat Erfolg, Leistung lohnt sich, Armut leider Naturgesetz wie Regen und Schnee.“

Geschichten aus dem Pflegeheim: Keiner da, drinnen wie draußen

Auf dem Gang vor seinem Zimmer treffe ich Herrn J.

Er sitzt in seinem Rollstuhl und versucht, das Namensschild mit seinem Vor- und Nachnamen zu lesen, das neben der Tür befestigt ist. Er winkt mich heran: „Können Sie mir mal helfen? Ich muss nachsehen, ob der zuhause ist…“

Einen kurzen Moment lang überlege ich, ob er mich jetzt veräppeln will, aber der tägliche Umgang mit dementen Menschen hat mich eins gelehrt: die Auflösung des Ich-Bewusstseins, von spirituellen Suchern im Rahmen meistens östlicher Weisheitslehren angestrebt, passiert bei Dementen oft krankheitsbedingt und ist volatil und situationsbedingt, für die Betroffenen oft verwirrend und verstörend.

Ich öffne also die Zimmertür, schaue hinein und rufe Herrn J. zu. „Keiner da!“

Diese Information nimmt er zur Kenntnis, denkt kurz nach und erklärt mir dann: „Ich war doch die letzten beiden Tage zu Hause, in der Eifel, in meinem Heimatort bei Gerolstein. Da muss ich mich ja jetzt zurückmelden, damit ich wieder eingetragen bin.“

Dieser Logik kann ich mich nicht entziehen, versuche es aber zunächst mit einer „normalen“ Antwort:

Herr J., Sie sind doch jetzt hier. Sieht ja jeder und weiß auch jeder. Damit ist alles in Ordnung!“

Das genügt Herrn J. allerdings nicht; er will sich unbedingt „zurück melden“, „registrieren“, seine Rückkehr offiziell bestätigen lassen.

Ok“, gehe ich auf ihn ein, „warten Sie bitte hier, ich gehe vor und trage Sie in das Anwesenheits-Register ein!“ Ein solches habe ich soeben erfunden, gehe den Gang hoch, verschwinde kurz im Schwesternzimmer und kehre dann zu Herrn J. zurück mit der guten Nachricht, dass er jetzt wieder offiziell eingetragen ist.

Herr J. lächelt zufrieden, lässt sich von mir in sein Zimmer schieben und wirkt rundum zufrieden, dass nun wieder alles seine Ordnung hat.

Geschichten aus dem Pflegeheim: sediertes Lamento

Frau M. aus der „Tagesgruppe Demenz“ ist nach einem Sturz, bei dem sie sich den Arm brach, schlecht beieinander und klagt immer wieder über Schmerzen (einer OP haben ihre Töchter nicht zugestimmt, aus Angst, dass die Mutter nicht mehr aus der Narkose aufwacht).

So wehklagt und lamentiert Frau M. fast unablässig über ihr schweres Los, wobei sie in einen melodiösen, aber monotonen Singsang verfällt, der durch ihren rumäniendeutschen Akzent noch besondere Eindringlichkeit gewinnt.

Demente Menschen empfinden in ihrer orientierungslosen Bedrängnis (gerade, wenn sie in psychisch angespannte Situationen geraten) oftmals die unverständliche, nicht mehr durchschaubare Umwelt als Quell des Übels und Ort vielfältiger Boshaftigkeiten. Insbesondere vermuten sie bei jedem verlegten Gegenstand, bei jeder Desorientiertheit bei der Lokalisierung irgendwelcher Dinge, diebische Aktivitäten und rufen in ihrer Hilflosigkeit nach Polizei, Strafe und Vergeltung.

Bei Frau M. fällt alles in eins: ihr Sturz, der gebrochene Arm, die folgende nahezu komplette Desorientiertheit kann ihr dementer Verstand sich nur so erklären, dass feindliche Mächte ihr Böses wollten:

Diese Schweine! Wenn ich die erwische, die mir das angetan haben, dann werde ich sie alle der Polizei übergeben!“, deklamiert sie; dabei erhebt sie sich mit einiger Mühe von ihrem Stuhl und schwingt ihren Krückstock durch die Luft.

Unvermittelt verfällt sie dann in ein Lamento der tragischen Art, wobei sie die Regeln der Grammatik souverän missachtet: „Ich arm und krank! Mein Arm hängt nur noch an einem Faden, ich habe immer Schmerzen…Die behaupten, ich habe sie bestohlen! Ich schwöre bei Gott (sie zeigt mit dem Krückstock gen Himmel), das ich nie einen anderen Menschen belogen oder bestohlen habe!

„Die“ sind keine definierten Personen, sondern stehen stellvertretend für die riesigen unverständlichen Abgründe, die sich in ihrem dementen Geist auftun.

Inzwischen wird es den anderen Tagesgruppen-Teilnehmerinnen, die sich seit einer Weile Frau M.s Deklamationen zunehmend genervt angehört haben, zu bunt, und ihre Sitznachbarin, die 90-jährige Frau M., holt aus und verpasst ihr mit Schwung einen Schlag auf den ihr zugewandten (gebrochenen) Arm:

„Gib jetzt mal Ruhe!“.

Die Sitznachbarin ist sonst eine sehr freundliche und ausgeglichene Dame, aber diesmal ist ihr offensichtlich der Kragen geplatzt.

Von gegenüber tönt die ebenfalls maximal genervte Frau K.: „Jetzt HALT endlich das Maul, du blöde Kuh!“

Frau M. (mit dem gebrochenen Arm) ist für ein paar Sekunden perplex. Dann beginnt sie, noch weinerlicher, ein neues Lamento: „Was machen Sie da? Fassen Sie meinen Arm nicht an! Den haben sie mir abgeschnitten!! Ich blute überall….“

An dieser Stelle sehe ich, das ich trotz der proportional ansteigenden Situationskomik eingreifen muss und setze mich zu Frau M. (mit dem gebrochenen Arm), nehme sie (vorsichtig) in den Arm, spende ihr Trost und sage den anderen, das Frau M. es gerade nicht leicht hat. Da ich nicht mit der Einsichtsfähigkeit der anderen Gruppenteilnehmer rechnen kann, nehme ich Frau M. aus der Gruppe raus, bringe sie auf auf ihr Zimmer und versuche, ihr ein Gefühl von Aufgehobensein und Verständnis zu vermitteln.

Die desorientierte und von ihrem gesundheitlichen Zustand zusätzlich verwirrte alte Dame ist froh, der Gruppe und den vielfältigen konfusen Eindrücken entkommen zu sein. Da ich wieder zurück in die Gruppe muss, verabschiede ich mich erst mal von ihr; sie schaut mich hilflos an und fragt „Kommst du wieder?“

Natürlich sage ich ja, obwohl ich nicht weiß, ob ich das im Laufe des Morgens schaffe. (Ich sehe sie an diesem Morgen nicht wieder.)

Später erzählt mir die Wohnbereichsleiterin, die ich auf Frau M. anspreche: „Die wird jetzt sediert.“ Obwohl ich kein Freund chemischer Ruhigstellung bin, muss ich einsehen, das es in diesem Fall für die Bewohnerin selber und für die Gruppe das Beste ist.

Verteidigung der DDR

Aus einem Facebook-Thread, der sich an dem Posting des obigen Memes entzündete:

Für Anti-Kommunisten ist es egal, welche Errungenschaften die DDR vorzuweisen hatte (neben ihren Fehlern und Fehlentwicklungen, die es selbstverständlich – wie in jedem Staatswesen – auch gab). Die DDR-Hasser sind in ihrer Dämonisierung dieses kleinen wackeren Landes – das in so kurzer Zeit, trotz solcher feindseligen Umstände, so viel erreichte – Argumenten nicht zugänglich, weil ihr URTEIL schon feststeht: verdammungswürdig, weil kommunistisch! Und was „Kommunismus“ ist, wissen die Anti-Kommunisten besser als Marx, nämlich das, was in den bürgerlichen Geschichts- und Philosophiebüchern steht: ein Gesellschaftssystem, das „dem Menschen“ die Freiheit raubt und für lauter Mangel überall sorgt.

Ende der Debatte.

Interessant übrigens:

Selbst wenn man etwas zur Verteidigung des Sozialismusexperimentes auf deutschem Boden zu sagen hat, hat sich die Unsitte eingeschlichen, dieses Positive zunächst mit einer Distanzierung von den negativen Seiten des Arbeiter- und Bauernstaates zu beginnen, um der ideologischen Inquisition der bürgerlichen Meinungsdiktatoren zu entgehen.

Ich für meinen Teil mache diese servile Untertanengeste nicht mit, obwohl ich natürlich auch am Realsozialismus einiges zu kritisieren habe; ich halte es aber mit Peter Hacks: Lieber der schlechteste Sozialismus als der beste Kapitalismus.

Die DDR gehört verteidigt, mit all ihren Irrtümern, all ihren unschönen Aspekten, all ihrer menschlich-allzumenschlichen einengenden Spießigkeit, weil sie eines NICHT war: ein kriegführender aggressiver imperialistischer Staat, der nach innen seine Arbeitsmannschaft als verfügbare Lohnsklavenmasse für den Dienst am Kapital rannimmt (und nach Belieben bzw. Konjunktur in die Armut entlässt) und nach außen andere Völkerschaften und Landstriche ausplündert bis aufs Blut und nach Bedarf auch mit Bomben und Soldaten.

Was dieser kleine Staat im Herzen Europas 40 Jahre lang gezeigt hat, ist dass es auch anders geht, dass man ohne Kapitalisten, ohne Ausbeuterei und ohne permanente Angst vor Arbeitsplatz- und Wohnungsverlust ein produktives und kreatives Leben führen kann.

DAFÜR wird die DDR so gehasst, DAFÜR sind 30 Jahre nach der Konterrevolution Medien, Politik, Historiker und die ganze Hofnarrentruppe des bürgerlichen Theaters noch immer damit beschäftigt, diesen Staat in den düstersten Farben zu malen und so gut wie jeden Aspekt seines gesellschaftlichen Lebens zu dämonisieren und zu delegitimieren – nicht für die paar Leute, die vielleicht durch ungerechte Behandlung seitens einiger Parteibonzen negative Erfahrungen machen mussten.

Wie mal (fast) meine kapitalistische Gier über meine kommunistische Solidarität siegte

DHL-Paket laut DHL-App seit 10:12 im Fahrzeug, Auslieferung “wahrscheinlich heute“. Frau und ich beide zuhause (extra, um das Paket in Empfang zu nehmen). Um 15:34 meldet die App: „Zustellung vergeblich“, das Paket könnte morgen ab 15:00 in einer entfernten Packstation abgeholt werden.

Der Fahrer hat also nachweislich nicht geklingelt, das Paket auch nicht beim per DHL-Portal benannten „Wunschnachbarn“ abgegeben, sondern hat fälschlich „Kunde nicht angetroffen“ in seinen gefakten Zustellversuchsreport geschrieben.

Zunächst bin ich stinksauer und rufe bei der DHL-Kundenhotline an, um mich über die faulen Aushilfsfahrer zu beschweren, die keine Lust haben, beim Kunden anzuhalten, geschweige denn zu klingeln.

Noch während ich dem ausländischen Call-Center-Mitarbeiter mein Anliegen schildere, wird mir bewusst, als was für ein arbeiterfeindliches Arschloch ich gerade dabei bin, mich aufzuführen; mir fällt nämlich ein, unter welchen Bedingungen die Paketfahrer arbeiten müssen, wie groß Druck und Arbeitslast ist, unter welcher Hetze die Jungs (und Mädels) stehen.

Da liegt es vermutlich nahe, das man – wenn man absehbarerweise bei einem weiteren Stopp die Tour unmöglich schaffen kann – einfach einen oder ein paar Empfänger übergeht und die Sendungen abends bei der Packstation abgibt.

Als Packstation wird ein Kiosk in etwa 2km Entfernung genannt. Ich rufe dort an und frage, ob die Fahrer schon zurück sind. „Nein, erst zwei“, sagt die Kioskbetreiberin, „fünf fehlen noch“.

Ich sage ihr kurz mein Anliegen, sie bestätigt mir, das ich die Sendung noch heute abholen könnte (statt erst morgen, wie auf dem Zustellversuchsbescheid angegeben).

Dann fügt sie noch an: „Den Job, den die machen, möchte ich nicht machen! Die armen Kerle kommen hier manchmal erst um acht Uhr an nachdem sie den ganzen Tag gefahren sind…“

Ich bin entsprechend beschämt und verspreche mir selbst, mich in Zukunft nie wieder über die DHL-Zustellung zu beschweren.

Öffentlichkeit empört: Kapitalismus tatsächlich kapitalistisch!

Krankheitsbedingt auf dem Sofa begehe ich den Fehler, den Fernseher anzuschalten.

Die staatliche Sendenanstalt bringt in ihren Nachrichten einen Bericht zu einem steuervermeidenden Geschäftsmodell für Reiche, Oligarchen und Konzerne, bei dem die einschlägig betuchte Klientel mit tatkräftiger Hilfe der demokratischen Finanzwelt des Bankensektors europaweit insgesamt 55 Mrd. Euro „auf Kosten des Steuerzahlers“ abgesahnt hat (Im Klartext also die systemübliche Umverteilung von unten nach oben, denn „der Steuerzahler“ ist ja im Wesentlichen der LOHNSTEUER-Zahler).

Das Staatsfernsehen klopft sich auf die Schulter für „die monatelange Recherche“ einer ganzen Truppe von Journalisten, der zuständige EU-Kommissar äußert Verständnis für „die Bürger, die dieses unmoralische Verhalten nicht mehr tolerieren“ wollen, der Nachrichtensprecher trägt dies alles vor wie der Verbrecherjäger von „Aktenzeichen XY“.

Kurzum, die Heuchelei schlägt wieder Purzelbäume, denn die jetzt empört verdammten Cum-Cum- und Cum-Ex-Geschäfte waren bis vor kurzen ganz legaler Bestandteil der üblichen Bereicherung derjenigen, denen die finanzkapitalistischen Verhältnisse das Privileg einräumen, aus Privateigentum und Ausbeutung fremder Arbeitskraft sich diese Tricks und Schlupflöcher der bankenaufsichtsrechtlichen Regularien zunutze zu machen.

Die Profiteure dieser Art Geschäfte, egal ob vermögende Privatleute, unternehmerische Leistungsträger oder die für die Abwicklung unerlässlichen Banker – allesamt Vorzeigebürger der freiheitliches Demokratie, die nur das taten (und immer noch munter weiter tun, laut Auskunft des Nachrichtenmannes), was in dieser Eigentumsordnung zur Natur der Sache gehört: Geld vermehren auf Kosten derjenigen, die für die Geldvermehrung mit ihrer Arbeit und letztlich ihrem Überleben geradestehen müssen.

Letztlich tun jetzt alle schwer verwundert, dass Kapitalismus tatsächlich kapitalistisch funktioniert. Allzu auffällige Disproportionalitäten – vor allem solche, die potentiell den Unmut des beherrschten Volkes hervorrufen könnten – werden allerdings im Nachhinein als Fehlverhalten einzelner Individuen dargestellt (statt als vorschriftsmäßiges Funktionieren des finanzkapitalistischen Systems), das durch Anpassung der entsprechenden Gesetze demnächst ein bißchen verhindert werden soll.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Muckefuck

Beim Frühstück in der Tagesgruppe Demenz.

Ich frage Frau M., ob sie noch eine Tasse Kaffee möchte; mit einer abschlägigen Antwort rechnend, da sie in der Regel kaum die erste Tasse leer trinkt.

Zu meiner Überraschung sagt sie „Ja bitte“, was ich mit einem erstaunten „Echt jetzt?“ quittiere.

Frau M. mustert mich, als ob ich nicht ganz zurechnungsfähig wäre und sagt mit einem Grinsen: „Ja. Unecht gibt’s ja nicht, oder?

Nee, das wäre dann ja Muckefuck“ fällt mir als Antwort noch ein.

Sehen Sie!“ stellt Frau M. abschließend fest und freut sich über ihre gelungene Replik.

Bürgerliche Wahlen und ihre Vor- und Nachbereitung: Noch eine Beleidigung der Intelligenz, allerdings mit unfreiwilligem Humorfaktor

Bürgerliche Wahlen haben – neben der offensichtlichen Idiotie der Wählerbetörung durch das berechnende Anbiedern der um die Macht konkurrierenden Vereine VOR der Wahl – immer auch einen (ungewollt) komischen Aspekt. Der tritt vor allem zutage, wenn im Anschluß an die Abstimmung die Vertreter der diversen Politsekten ihre Einschätzung zum Besten geben – ähnlich wie Fußballer direkt nach Abpfiff stammeln dann entweder niedergeschlagene oder euphorisierte Charaktermasken ihre vorgestanzten Sprechblasen in die Kameras und Mikrofone.

Vor allem im ersten Fall darf auf keinen Fall das Nullwort “Analyse” fehlen, vorzugsweise zu dem Satz “Wir werden das Ergebnis gründlich und in Ruhe analysieren” ergänzt. Die journalistischen Hofschranzen, die in devoter Untertanengeste den (bislang oder demnächstigen) Mächtigen die Fragen stellen dürfen, machen dazu gewichtige und ernste Mienen, geben sich den Anschein, als ob sie die inhaltsleeren Verlautbarungen der gewählten oder abgewählten Machthaber für Offenbarungen erster Güte halten und lassen sich freiwillig und gerne von den politischen Profis einseifen – ganz so wie das Wahlvolk selbst, zu dem die Hofberichterstatter ja auch gehören.

Kurz nach Schließung der Wahllokale und Veröffentlöichung der ersten Hochrechnungen tritt Andrea Pippi Bätschi N. vor die Kameras, Vorsitzende einer Kleinpartei mit einer historisch bedingten größeren Rolle in Deutschland. In ihrem ca. 3-minütigen Statement kommt das Wort “Analyse” und “analysieren” in allen möglichen Kombinationen vor, die sichtlich überforderte und schmallippige Vorsitzende gibt sich Mühe, mit Politsprech-Versatzstücken schnell die Zeit über die Runden zu bringen und dabei möglichst nichts zu sagen. Soweit alles also normaler demokratischer Wahlzirkus. Während aber Frau Bätschi noch “Analysen” ANKÜNDIGT, ist für die Vertreter der politischen Geschmackstester von der journalistischen Zunft die Ankündigung identisch mit der Tat: dasselbe Statement der Bätschi-Frau wird im Radio von der Nachrichtensprecherin so abmoderierend eingerahmt: “… analysierte Andrea Nahles”.

So schließt sich der Kreis der heißen Luft völliger Debilität als Auswuchs
der Verachtung, die Politiker wie Journalisten mittlerweile für das ohnehin für dumm gehaltene Publikum haben.

Und während die Öffentlichkeit Befindlichkeiten der Machthaber und kaffeesatzmäßig erforschte Konstellationen möglicher künftiger Regierungskoalitionen kennerisch wie illusionslos begutachtet und kommentiert, läuft die eine Sache, die weder zur Wahl noch zur Debatte steht, unverändert und effektiv wie eh und je weiter: die hocheffiziente Verwaltung des Kapitalstandortes BRD zugunsten der Eliten, der Konzerne und Oligarchen, der Ausbau seiner imperialistische Ausrichtung und Ausrüstung und die zunehmend brutaler Sortierung seiner Untertanen in nützlich und nutzlos für das Kapitalwachstum.

#unteilbar für den imperialistischen Staat, ohne es zu wollen

240.000 Leute demonstrieren in Berlin „gegen rechts„ und „für eine offene Gesellschaft“. Organisiert wird das Ganze höchst professionell von Campact, MoveOn und anderen Assozierten der Soros-Stiftung „Open Society“, unterstützt allerdings von jeder Menge Gruppen, Initiativen, Parteien von ganz neoliberal (Grüne, SPD) bis kommunistisch (DKP). Als krönender Abschluss lobt Außenminister Maas die Demonstration als „ein großartiges Signal“.

Dass bürgerliche Politiker, die knietief in den NATO-Kriegsvorbereitungen stecken und jede ganz normale Sauerei des kapitalistischen Normalbetriebs von Geschäft und Gewalt vertreten, diese Demo hochleben lassen, spricht nicht gegen die vermutlich ehrlichen Absichten einer Mehrzahl der Demonstrierenden.

Es hinterlässt aber mehr als ein Geschmäckle, weil es belegt, das die ganze Veranstaltung im Grunde eine Selbstbestätigung derjenigen ist, die Rassismus, Ausgrenzung usw. für einen psychologischen Defekt unverbesserlicher Trottel halten. Imperialistischer Krieg nach innen und außen, Krise als Normalzustand des Kapitalismus, gezielte Verarmung der Lohnabhängigen und Aussortierten – spielt alles keine Rolle bei diesem Schulterschluss der Edelmütigen gegen die Dumpfbacken, einem Schulterschluss für den bürgerlichen Staat und seine „offene Gesellschaft“.

Wer unter den Demonstranten auf die wirklichen Ursachen und Verursacher von Flucht, Rassismus und Migration hinwies, zieht sich schnell den Verdacht zu, nicht zur Mehrheit der Guten zu gehören; im Radio wird berichtet, dass die Demonstration überwältigenden Zuspruch erfuhr und insgesamt eine ganz tolle Sache gewesen sei, obwohl sich auch „linksextreme Gruppierungen“ unter die guten Demonstranten gemischt hätten.

Unter Strich bleibt für den „normalen“ Medien- und Politikkonsumenten folgende Erkenntnis: „Riesendemo in Berlin zur Unterstützung der Regierung, die ja auch immer voll für offene Gesellschaft, Demokratie und gegen Rechts ist.“

„Deutschland spricht“ auf jeden Fall nicht von Kapitalismus, Ausbeutung und Krieg

Die demokratischen Gleichschaltung der Gesellschaft kommt ganz dialogmäßig und „Lasst uns miteinander sprechen“-ideologisch daher. Den Machthabern und ihren Hofschranzen aus Politik und Medien ist aufgefallen, dass die Zumutungen, die sie den Unterschichten aufhalsen, nicht mehr so ganz unwidersprochen hingenommen werden.

Diejenigen Untertanen, die aus dem brutaler gemachten Konkurrenzkampf um die optimale Kapitalverwertung aussortiert wurden oder mit Niedriglohn, Leih- und Zeitarbeit über die Runden kommen müssen, beschweren sich gelegentlich bei ihrer Obrigkeit – was soweit in Ordnung geht, denn so bleiben sie weiterhin auf die alternativlose Einkommensquelle Lohnarbeit als Dienst an fremdem Reichtum festgelegt.

Einige von ihnen werden – aus Sicht der Machthaber – allerdings frech und laufen statt den regierenden „Verantwortung für Deutschland“-Nationalisten den falschen Propheten hinterher, nämlich den „Verantwortung für Deutschland, aber ohne falsche Rücksichten auf Ausländer und andere Schädiger des nationalen Vorankommens“-Nationalisten.

Flugs hat man ein Format erfunden, dass Untertanen per Austausch von belangloser Meinung gegen belanglose Meinung einlullt und für die herrschende demokratisch-liberale Form des nationalen Kapitalismus einspannen soll:

https://www.heise.de/tp/features/Steinmeier-Es-sind-zu-viele-die-sich-wohlfuehlen-im-Schlechtreden-unseres-Landes-4174727.html