Erfolgsmenschen und Profibettler

Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen in diesem merkwürdigen Leben gehört das Betreiben anthropologischer Feldstudien unter der terrestrischen humanoiden Population. Dazu muss ich keinerlei Aufwand treiben, sondern bloß Augen und Ohren offenhalten.

Die bizarre Absurdität menschlichen Strebens und Verhaltens offenbart sich in fast jeder Handlung und Interaktion dieser Spezies.

Heute, letzte Runde mit dem Hund, beim Öffenen der Haustür auf die Straße:

Auf dem Parkplatz direkt vor dem Haus und unmittelbar gegenüber dem Hauseingang, keine 2m von mir entfernt, steht ein weißes Porsche-Cabriolet mit heruntergelassenem Verdeck. Drinnen sitzt ein weißbehemdeter Mittdreißiger mit Spiegelsonnenbrille und telefoniert über die Freisprechanlage seines Luxusfahrzeuges. Der Sound ist so laut eingestellt, dass wirklich jeder im Umkreis von 50m die Konversation mitkriegt; ein Umstand, der dem Porschefahrer sichtlich gefällt: er strahlt über beide Backen und versucht dabei, möglichst cool auszusehen. Sein Gesprächspartner lässt sich derweil lang und breit über Bankgeschäfte oder irgendwelche finanziellen Kniffe und Tricks aus.

Ich stehe mit meinem Hund einige Augenblicke lang da und schaue mir den Erfolgsmenschen an, dessen Bedürfnis, seine erfolgreiche Wichtigkeit der Umwelt mitzuteilen, wohl sehr groß ist. Dann frage ich ihn, ob er etwas lauter stellen kann, da ich einige Details der Unterhaltung nicht mitbekommen hätte.

Er grinst, keineswegs peinlich berührt oder schuldbewußt, dreht aber leiser und lässt das automatische Verdeck des Wagens hochfahren.

Die anschließende Hunderunde führt mich durchs Oberkasseler Neubaugebiet mit seiner Fußgängerzonen-Ladenzeile. Vorm REWE kniet ein osteuropäisch aussehender Profi-Bettler und hält den Herauskommenden stumm seine umgedrehte Schirmmütze entgegen. Er kniet so, dass er etwa ein Viertel des Eingangs blockiert, so dass er nicht nur auf jeden Fall bemerkt wird, sondern man ihm ausweichen muß. Die ganze Haltung, die ganze Person ein einziger Appell an das schlechte Gewissen der konsumkräftigeren Marktkunden, eine stumme Aufforderung, dieses Gewissen zu entlasten, indem man sich mit einer milden Gabe Ablaß erkauft.

Gleichzeitig allerdings geht von dem Bettler – ein gesund wirkender Mann desselben Alters wie der Porschefahrer von vorhin – eine aufdringliche Mitleidsheischerei aus, die einer subtilen Nötigung nahekommt; ich meine ihr anmerken zu können, dass Haltung, Outfit (ärmlich, aber nicht schmutzig) und das kniende Beharrungsvermögen die Geschäftsgrundlage dieses Mannes ist, so wie Geld-, Kredit- und Spekulationsgeschäfte diejenige des Porschefahres.

In beiden manifestiert sich dasselbe Ego, einmal wichtigtuerisch und prahlerisch, und einmal demütig und bescheiden. Der Macher und das Opfer. Das offensichtliche und das subtile Ego. ERFOLG wollen sie beide, in ihrem jeweiligen Geschäftsbereichen. Wären sie in den jeweils anderen sozialen Umständen der Klassengesellschaft sozialisiert worden, würde vielleicht der Bettler den Porsche fahren und der Businessangeber vorm Supermarkt betteln.

Beide scheinen mir Täter und Opfer zugleich zu sein, nämlich der Klassengesellschaft und der ihr eigenen Freiheit, sich ganz demokratisch einen Dreck um ein Verständnis ihrer Mechanismen und Prinzipien zu scheren, um sich ausschließlich ums Zurechtkommen in ihr kümmern zu können.

So wie Ameisen, die die Welt ihres Hügels für Anfang und Ende des Universums halten und auch halten MÜSSEN, wenn sie als Ameise überleben wollen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Virus und/oder die Maßnahmen zu dessen Eindämmung fahren wie ein Schwert in die Risikogruppe in den Pflegeheimen

„Soziale Distanz“ bestand für mich in letzter Zeit vor allem in der Entwöhnung von der ständigen Online-Aktivität in Sozialen Medien. Nach einigen Wochen digitaler Entgiftung erscheint mir Facebook nach wie vor als Irrenhaus, das immer lauter und irrer wird. Ganz und gar war die Entwöhnung allerdings nicht; ab und zu hab ich mal reingeschaut. Was ich sah, bestätigte meinen Entschluss, mich vorerst von diesem Marktplatz der Meinungen fernzuhalten.

Die Welt dreht sich auch ohne Facebook weiter; sie dreht sich auch weiter, ohne dass ausgerechnet ich meinen Senf zu jeder politischen oder sonstigen Wurst gebe, die in der virtuellen Öffentlichkeit der Filterblase gebraten bzw. ausgeschieden wird.

Abgeschreckt hatte mich vor einigen Wochen die zunehmende Hysterie und Irrationalität in meiner Timeline. Selbst Leute, die ich im Allgemeinen für zurechnungsfähig halte, werden angesichts der gegenwärtigen Pandemie offenbar reihenweise nicht nur zu Experten aller möglichen wissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen, sondern geben ihren gesunden Menschenverstand an der Garderobe der rechthaberischen Missioniererei ab.

Am erstaunlichsten finde ich die Zeitgenossen, denen am leichenträchtigen Funktionieren des ganz normalen kapitalistischen Geschäftsganges nie und nimmer etwas auffällt; denen die demokratischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft wie Überwachungsstaat, Aufrüstung, Kriege und Kriegsvorbereitung, Hetze gegen Rußland und China, Verarmung und Ausbeutung allesamt und ganz grundsätzlich am Arsch vorbei gehen, solange sie (die besagten Zeitgenossen) in ihrer Nische ein Geld verdienen können.

Kaum sollen sie aber mal eine Zeitlang zur Eindämmung einer Pandemie eine Atemschutzmaske aufsetzen und sich von den lieben Mit-Untertanen etwas entfernt halten, werden dieselben Zeitgenossen zu Rebellen und Revolutionären (oder halten sich dafür), weil sie plötzlich an den staatlichen Maßnahmen lauter Freiheitseinschränkungen und Eingriffe in ihr höchst individuelles Meinen und Konsumieren entdecken.

Die Lautstärke, mit denen diese Freiheitshelden ihre „Freiheit“ zu verteidigen wähnen, steht nicht nur in auffallendem Gegensatz zu ihrem sonstigen Schweigen, wenn es um den freiheitlichen Normalbetrieb ihres geliebten (mitunter auch kritisierten) Kapitalismus geht – der unterwirft sie nämlich ebenfalls lauter Zwängen, zuallererst dem des Geldverdienenmüssens mit all seiner Ungemütlichkeit der Einsortierung der Klassengesellschaft in Arbeit und Reichtum, in Besitzende und Lohnarbeiter, in Leute, die sich das Leben leisten können und solche, die das nicht oder nur unter beständigen Härten und Nöten hinkriegen.

Sie macht auch deutlich, was für die jetzt so Empörten „FREIHEIT“ ist:

der normale Geschäftsbetrieb der Kapitalakkumulation, von dessen Zwängen und Schäden sie aber nichts wissen wollen. Dass diese schöne Freiheit DAS Herrschaftsinstrument derjenigen Interessen ist, die in einer kapitalistisch verfaßten Gesellschaft nun mal das Sagen haben, will ihnen weder im bürgerlichen Normalbetrieb noch im pandemiebedingten Lockdown auffallen – zumal sie ja ohnehin glauben, dass Demokratie keine Herrschaftsform, sondern reine Volksbeglückung ist, da man ja wählen darf. Schon der Hinweis auf Machtausübung und Herrschaftsinstrumentarium, die hierbei in dem Wörtchen „darf“ enthalten sind, entgeht einem freiheitlichen Bürger in der Regel.

Als Beschäftigter in einer Pflegeeinrichtung erlebe ich seit ca. 6 Wochen, welche Schneise die Corona-Pandemie in die Risikogruppe schlägt. Die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter verschlechtern sich mit jeder neuen Regelung, die dem Schutz der Bewohner dienen sollen – und es wohl auch tun, wenn man die Situation in Ländern wie Italien oder USA in Betracht zieht. Das Virus und/oder die Maßnahmen zu dessen Eindämmung fahren wie ein Schwert in die Risikogruppe in den Pflegeheimen. Sofern nicht daran gestorben wird, werden die Lebensbedingungen der Bewohner auf eine Weise eingeschränkt, die von immer mehr alten Menschen kaum noch ausgehalten werden.

Nicht nur, dass keinerlei Besuche von außen mehr möglich sind (weder Verwandte, noch Friseur, Fußpflege, Unterhaltungskünstler usw.), auch innerhalb der Einrichtung selber werden die Bewohner, aber auch die Mitarbeiter, auf die Wohnbereiche beschränkt und selbst diese noch einmal in Untergruppen aufgeteilt. Die Begründung dafür ist die Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten, sofern es zu einer Ansteckung kommt.

Obendrein wird jeder, der außerhalb des Geländes unterwegs war – egal ob Arztbesuch oder eine Runde um den Block – zu einer zweiwöchigen Isolation auf sein Zimmer verbannt. Mehr als einmal habe ich in den vergangenen Wochen weinende Alte vor mir gehabt, die die Situation kaum ertragen und darunter leiden, ihre Kinder, Enkel usw. nicht zu sehen.

Für die Mitarbeiter gilt inzwischen Maskenpflicht bei allen Tätigkeiten. Wer eine ganze Schicht über einen Atemschutz tragen muß, kann nur den Kopf schütteln über Maulhelden, die wegen einer einigermaßen sinnvollen Vorschrift, nämlich im ÖPNV und in Geschäften Atemschutzmasken oder -schals zu benutzen, einen Radau machen, als ob die Diktatur ausgebrochen wäre.

Ja, sie IST ausgebrochen, aber von jeher als conditio sine qua non der kapitalistischen Herrschaft: als Diktatur der Bourgeoisie, die Freiheit als Herrschaftsinstrument ihrer Macht über die Reproduktion der Gesellschaft schätzt und einsetzt. Und deren Staat diese Freiheit eben bei Bedarf auch mal einschränkt, wenn es die Aufrechterhaltung dieser Herrschaftsform zu erfordern scheint.

Man muss kein Regierungsanhänger oder Fan der bürgerlichen Staatsmacht sein, um die Maßnahmen zur Begrenzung der Infektionswege weitgehend nachzuvollziehen. Dass ein kapitalistischer Staat- zumal einer von der Wucht und dem imperialistischen Anspruch der BRD – die Gelegenheit nicht verstreichen lässt, um auch aus dieser Krise „gestärkt hervorzugehen“, wie es die Regierung verkündet, und deswegen gleich noch mal die ohnehin laufende Umverteilung von unten nach oben sowie die Überwachung und Einschränkung bürgerlicher Rechte ein paar Umdrehungen weiter schraubt: das sollte nicht überraschen.

Wie gesagt habe ich gelegentlich doch mal in die Facebook-Timeline reingeschaut. So schnell wie ich bei den hysterischen Besserwissern und Freiheitsaposteln weiter gescrollt habe, so lange bin ich verharrt bei den – nicht so zahlreichen, aber durchaus vorhandenen – Beiträgen, die sozusagen die Weltvernunft widerspiegeln. Bei letzteren handelt es sich ausnahmslos um solche, die die derzeitige Situation in den Zusammenhang stellen mit dem umfassenden Anschlag der herrschenden Klasse auf die Lebensbedingungen und ideologische Gesundheit der lohnabhängigen Klasse, der schon vor der Pandemie epidemisch war.

Als Quelle einer für medizinische Laien wie mich vernünftig erscheinenden Einschätzung der Pandemie haben sich für mich die Veröffentlichungen von Prof. Paul R. Vogt in der „Mitteländischen Zeitung“ erwiesen:

https://www.mittellaendische.ch/2020/04/20/covid-19-update-von-prof-paul-r-vogt

Ebenso die Beiträge „Pandemie I“ bis „Pandemie V“ des GEGENSTANDPUNKT, die politische Einordnung der Pandemie betreffend:

https://de.gegenstandpunkt.com

An answer to a friend who claims that the solution to mankind’s problems is “our primitive consciousness” and that “we should listen to people of higher consciousness”

N., you are just relocating ordinary submissiveness to authority to a “spiritual” level.

First of all, there’s no “we” (I am reminded of Osho, who used to say something like “there’s no humanity, only individual human beings”).

There are, however, different and antagonistic interests und purposes within a class society.

I know that you “spiritual” people hate to swallow this, but when all your talk of esotericism and “higher consciousness” is stripped naked, there’s nothing there to answer the simple, ordinary human beings who struggle to make a living in a world of abundant resources.

It is NOT because they don’t listen to some Gurus higher consciousness that living on a paradisiacal planet is a living hell for too many fellow human beings (and animals).

It is because they are being used for the enrichment of the ruling class, forced under the rule of wage labour and capitalist growth, in short: exploited.

No secrets around this.

Instead of belly-gazing and speculating about “primitive” and “higher” consciousness I’d rather recommand the consciousness of toppling an economic system which by its very principle (unlimited growth at the expense of the dispossessed classes) cannot supply a decent living for the majority of people.

THAT’s the consciousness which can be used for the creation of a planned economy controlled by the producers, where no esoteric ballyhoo is needed.

„Ein Volk, eine Regierung, ein Virus!!“

Fünf Minuten öffentlich-rechtliches Fernsehen und ich bin überwältigt von soviel Volksgemeinschaft und Heldentum.

Ein Land, das sowieso schon zu den Besten der Welt gehört, wächst in der Krise zusammenhaltsmäßig über sich hinaus, steht astrein da und hat im Grunde trotz kleinerer Engpässe alles voll im Griff. Natürlich dank seiner entschlossen zupackenden Politiker, die in dieser Stunde der Not keine Parteien mehr kennen, sondern nur noch die deutsche Wirtschaft, also uns alle, die wir von deren Wachstum abhängig sind.

Am schönsten aber die vielen Beispiele aufrechter Volksgenossen, die vorbildlich die nationale Gemeinschaft mit Initiative, Tatkraft, Selbstlosigkeit und Hilfsangeboten aller Art bereichern. Man möchte Schluchzen vor Rührung über derart zahlreiche Beispiele patriotischer Größe und Opferbereitschaft.

Die öffentlich-rechtliche Erbauungssendung erreicht schier kirchenfunkmäßige Dimensionen, als am Beispiel eines Krankenhauses das deutsche Gesundheitssystem besichtigt wird, und außer sauberen Fluren, leeren Betten und wunderbar beruhigenden Zahlenbeispielen („nur 100 von 10.000 freien Intensivstationsbetten mit Corona-Patienten belegt!!“) nur die wahrhaft makellose Güte der nationalen Rundum-Versorgung des Volkskörpers gefeiert wird.

All diese guten Nachrichten leuchten auch dem stets dienstbereiten und gehorsamen Volk schwer ein; es honoriert sie medial vermittelte Qualität seiner Wirtschaft und Infrastruktur und die einsame Klasse der politischen Macher, die erstere kommandieren, mit satten Zustimmungsraten.

Am Ende dieser paar Minuten Qualitätsmedienkonsum widerstehe ich gerade noch so dem Impuls, stramm zu stehen und in den Ruf „Ein Volk, eine Regierung, ein Virus!!“ auszubrechen.

Das Sandfrauchen ist da

Eben die letzten zwei, drei Minuten der Merkel-Ansprache an die Nation gehört. Ich weiß ja nicht, was die Frau vorher gesagt hat – das, WAS ich gehört habe, hat mich ziemlich sprachlos gemacht. Sprachlos nicht wegen des belanglosen, pfaffenhaftem Beschwörens der Volksgemeinschaft, die nun zusammenstehen müsse und dergleichen Politikersprech mehr, das man gewohnt ist von den regierenden Nationalisten.

Sprachlos gemacht hat mich der Tonfall, die Sprechmelodie, das aufgesetzte beruhigen-wollende Salbadern dieser Machtpolitikern: sie spricht zu ihren Untertanen wie eine Pflege- oder Betreuungskraft zu schweren Fällen von Demenz. Oder wie eine Kindergärtnerin zu ihren Vorschulhosenscheissern.

Offensichtlich hält diese Herrscherin ihr Volk für durchweg debil, unmündig und begriffsstutzig – und deshalb einer Ansprache bedürftig, die mit langsamen, kindgerechten Gemeinplätzen die Gemüter beruhigt und alle schön schlafen läßt.

Mag sein, dass ich beruflich vorbelastet bin. In der Arbeit mit dementen Menschen nennt man das Eingehen auf ihre dementiell veränderte Welt, das Bestätigen ihrer orientierungslosen Verlorenheit in einer zunehmend fragmentierten subjektiven Wirklichkeit, „Validation“ – eine zugewandte Kommunikationstechnik, die dem Gegenüber nicht Widerspruch (auch bei eindeutigen nicht in der „normalen“ Realität fundierten oder Wahnvorstellungen) zumutet, sondern es dort „abholt“, wo es sich befindet.

Dieser Technik bedient sich Merkel in ihrer Ansprache an die Beherrschten.

Ideologie.

Feindwort bei Leuten, die sich für ideologiefrei halten. Keine Ideologie zu haben, unideologisch an die Sachen heranzugehen, ist ihre Ideologie. Ideologen sind nur die anderen – und die sind durch diesen Zustand bereits so abqualifiziert, dass man sich jede Erörterung der Inhalte ihrer Ideologie im Grunde ersparen kann.

Dass das Wort bloß „Ideenlehre“ bedeutet und einfach die Ausstattung mit Anschauungen, Werten usw. bezeichnet, die sich ein Verstand im Laufe seines Daseins unter dem Einfluß seiner Umwelt und seiner Erfahrungen so zurechtlegt, ist unseren ideologiefreien Ideologen zu einfach – für sie ist „Ideologe!“ ein Kampfbegriff, der den begrenzten geistigen Horizont des so Benannten kennzeichnen soll.

Die Ideologie, derzufolge Kapitalismus die natürliche Ordnung des Menschen und seiner Wolfsnatur sein soll und als solche auch noch gleich den alternativlosen Endzustand der menschlichen Geschichte darstellt, weist empört die Unterstellung zurück, Ideologie zu sein: gerade sie nimmt sich ja die Freiheit, die Welt unideologisch anzuschauen, ohne die Scheuklappen einer bestimmten Ideologie – und kommt so frei und vorurteilslos zu dem Schluss, dass nur die kapitalistische Ordnung der Welt dem freien, nicht von einer Ideologie eingezwängten Bürger gemäß ist.

So hat sich das bürgerliche Gemüt ganz ideologiefrei zu der Erkenntnis vorgearbeitet, dass es in dieser wunderbaren Welt der (Ideologie-)Freiheit bestens aufgehoben ist und singt, frei wie ein Vögelchen, das Lied der Freiheit noch, während die Käfigbesitzer schon im Kochbuch blättern.

Umweltsau, Böllerverbot und Klassenkampf

Diese Umweltsau- und Böllerverbotsaufregermeldungen wirken auf mich wie eine weitere Sau, die durch das (Soziale-)Mediendorf getrieben wird. Jeder kann seinen ehrlich empörten oder locker abwinkenden Senf dazugeben.

Die wenigsten bemerken die ideologische Gesamt-Orchestrierung des Ganzen, die eine bestimmte Sichtweise ins Recht setzen will; und zwar die, die im selbstgerechten Brustton der Weltretter ein „Houlier-than-thou“, ein Besserwissertum im Namen der guten Sache proklamiert.

Es gleicht einer Rekrutierung von genügend Dummen (und zwar solchen, die sich für schlau halten, weil sie „aufgeklärte Bürger“ sind) durch die Medienmacher und ihrer politischen und wirtschaftlichen Auftraggeber. Eine Rekrutierung für den ältesten aller kapitalistischen Zwecke: stramm stehen für den Erfolg der nationalen Kapitalvermehrung in den Händen derer, die sich „die Wirtschaft“ nennen, und die alle anderen von ihrem Erfolg abhängig machen.

Jetzt haben sie bemerkt, das ein versauter Planet letzten Endes zu hohe Kosten verursacht und ihre Kapitalakkumulation in Zukunft am besten mit „Green Deal“ und massenhaftem Investment in emissionsfreie bzw. erneuerbare Energien zu realisieren ist. Dafür braucht man ein gelehriges demokratisches Volk, dass sich seinen eigenen Schaden einleuchten lässt, wenn’s denn um die Rettung der Welt geht und „jeder seine Beitrag leisten kann (Subtext: und muß)“.

Denn dass die normale Bevölkerung den Schaden hat, indem sie die anfallenden Summen in Form von CO2-Steuern und diversen Abstrichen am Lebensstandard zu zahlen hat (und nicht etwa diejenigen, in deren Besitztum das gesamte Produktionsinventar ist, mit dem neben nützlichem und überflüssigem Zeug in nie gekanntem Maße Umwelt und Gesundheit von Mensch, Vieh und Fauna ruiniert wird) – das steht in dieser Gesellschaftsordnung von vornherein fest.

Das Schöne für die herrschenden Ideologen der jetzt demnächst aber garantiert ökomässig vorbildlichen Reichtumsvermehrung ist, das ihr eigennütziger Schmarrn als höchst gerechtes Menschheitsanliegen daherkommt und sich in den Köpfen der Leute bereits als dicke Nebelwand vor jede freie Sicht auf den immer notwendigeren Klassenkampf gelegt hat.

Die blaue Pille

Manchmal überlege ich mir – nein, ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich nichts wüsste von all dem, was täglich und grundsätzlich an Informationen aus der sozialen Realität auf mich einstürmt. Wenn ich so täte, als existierten die barbarischen Verhältnisse nicht, die zum Nachteil der Leute (jedenfalls derjenigen, deren Lebensunterhalt in den Berechnungen der Kapitaleigentümer als Kostenfaktor auftaucht) jedem Insassen der Marktwirtschaft als Sachzwänge gegenübertreten.

Offensichtlich kriegen recht viele Zeitgenossen das bestens hin; die Mehrzahl von ihnen, wenn ich mich so umschaue.

Ich könnte doch von jetzt auf gleich so tun, als lebte ich in der besten aller Welten. Ich könnte aufhören, Zeitungen zu lesen (kommunistische zumal), Fernsehen zu schauen (außer unterhaltsame Filme dann und wann); ich könnte die ganze Beschäftigung mit Hintergründen und Erklärungen für den Wahnsinn der Welt, das Interesse an Erkenntnissen und Erklärungen der politische Ökonomie drangeben und ein friedliches, selbstgenügsames Leben in der bürgerlichen Filterblase führen.

Dank der staatlich besiegelten Partnerschaft mit der besten Frau der Welt, mit der ich Bett, Wohnstatt und Kosten des Lebens teile, könnte ich ein von größeren Sorgen unberührtes Leben am unteren Rand der Mittelschicht führen; ein Leben in einer komfortablen Altbauwohnung im besten Viertel der Landeshauptstadt, mit ausreichend Geld für die monatlichen Fixkosten und – wenn nichts kaputt geht (Auto, Waschmaschine oder so) – alle zwei Jahre vielleicht sogar in Urlaub fahren.

Statt mich jedesmal von neuem aufzuregen über die immer dreisteren Sauereien der herrschenden Klasse könnte ich einfach sagen „Politik? Interessiert mich nicht!“ und mich damit von einer Menge innerer Unbehaglichkeit und Unzufriedenheit befreien.

Anstelle des Wunsches nach Abschaffung der Verhältnisse, die zum Schaden von Leuten wie mir, also der lohnabhängigen Mehrheit der Bevölkerung, eingerichtet sind, könnte ich den Wunsch nach komfortablerer EINRICHTUNG in diesen Verhältnissen kultivieren und mir damit eine Art seelisches Valium verpassen, mit dem es sich bestimmt reibungsfreier leben läßt. Kurzum: ich könnte die blaue Pille nehmen und vergessen, dass ich jemals andere Verhältnisse als die bestehenden angestrebt habe.

Aber ich kann’s nicht (mehr). Leider hab ich schon die rote Pille geschluckt. Und die besteht aus ein paar Erklärungen der gesellschaftlichen Reproduktion namens Kapitalismus, die zu Argumenten FÜR ein anständiges Leben für alle werden. Der Wirkstoff in der roten Pille besteht aus der Einsicht, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse von Menschen gemacht werden und keine Naturgesetze sind.

Geschichten die das Leben schrieb: revoluzzende Kulturbanausen

Auf dem Weg zur Arbeit höre ich im Autoradio meistens WDR3, den Kultursender des WDR. Neben in der Regel gut ausgewählter (meist klassischer) und kommentierter Musik wird man von diesem aus GEZ-Zahlungen finanzierten Radiosender allerdings unter dem Stichwort „kulturelle Information“ mit einer gehörigen Portion der staatsoffiziellen Sichtweise auf die Welt versorgt.

Heute klinke ich mich bei Fahrtantritt in einen Gesprächsbeitrag ein, der das mobile lateinamerikanische Poesiefestival „Latinale“ in Berlin und Osnabrück kommentiert, das gerade zu Ende ging. Der Sprecher redet in gönnerhafter Herablassung über die Qualität der dort dargebotenen Poesie. Eine der Poetinnen, so erfährt man, hätte gesagt, sie müsse beim Vortragen ihrer Gedichte tanzen. Der Kommentator: „Tatsächlich schwang sie dann beim Lesen ihre Hüften – besser wurden ihre Verse dadurch allerdings nicht.“

Auch die anderen Dichter von da unten kommen beim westlichen Kulturscharfrichter schlecht weg: „Hilflose Wortwiederholungen hier, exzessive Länge der Gedichte dort –  als Besucher der Latinale konnte man schon den Wunsch entwickeln, manch ein Gedicht vom überflüssigen Wortballast zu befreien.“

Zuerst denke ich, hier würden Reaktionen neo-kolonialer Hybris zitiert, merke aber schnell, dass der Beitrag sich ganz ernsthaft die Pose des europäischen Kultur- und Sittenwächters anmaßt, verbunden mit dem Richteramt über die Güte des dortigen künstlerischen Schaffens.

Damit ist es aber noch nicht genug. Zu richtiger Fahrt läuft der Kommentator erst auf, als es um die seiner Ansicht nach unzulässige politische Ausrichtung und Einmischung der auf der Latinale vertretenen Künstler und Kuratoren geht.  Eine Künstlerin: „Seit 1973 sind wir vom neoliberalen Wirtschaftsmodell eingezwängt worden, und in diesen Tagen ist die Zwangsjacke zerplatzt. Den Frauen ist es gelungen, sich zu befreien und den Staat als ihren Hauptunterdrücker auszumachen.“


Damit hat sie eindeutig die Geschmacksgrenze des kulturellen Sittenwächters überschritten, der sich jetzt zur ganzen Höhe seiner Mainstream-Arroganz emporschwingt und die aufmüpfige Latina radiokommentatorisch und westlich-paternalistisch zur Besinnung und Ordnung ruft: „Der chilenische Staat als Hauptunterdrücker der Frauen?? Da durfte man sich als Zuhörer schon wundern“, lässt der Sprecher mit bemüht ironischem Unterton seine Zuhörer wissen.

Danach wird im Originalton eine Moderatorin zitiert, die ein paar richtige Sätze sagt zum Aufstand der lateinamerikanischen Völker gegen die neoliberalen Regimes der Region und die brutale Herrschaft, die in Ländern wie Chile und Bolivien gegen die Bevölkerung exekutiert wird. Sie benennt diese Zustände korrekt als Folgen von Imperialismus und Kolonialismus.

Auch hier wird der Kommentar seinem Klassenauftrag gerecht und kanzelt solche Anwandlungen ab: „Soll ein Beispiel dafür etwa auch der durch die Proteste in Bolivien herbeigeführte Rücktritt von Präsident Morales sein?… Etwas komplexer, als sich das manche Vertreter der Post-Kolonialismus-Forschung und Gender Studies wünschen ist die Welt dann leider oder zum Glück doch.“


Zum Schluss lässt er die geneigte Zuhörerschaft noch wissen, dass die einzig taugliche Poesie auf der „Latinale“ – Überraschung! – die unpolitische gewesen sei, nämlich ein Gedicht über das Aussterben des Patios (typische Innhöfe z.B. in Kolumbien).

Man spürt förmlich, wie sich der Autor mental gemütlich in seinen Club-Sessel zurücklehnt, eine Zigarre anzündet und sich virtuell selber auf die Schulter dafür klopft, wie gut er es diesen schwarzhaarigen revoluzzenden Latino-Kulturbanausen mal wieder gezeigt hat.

BRD 2019

Auf der einen Seite Aufrüstung, annähernde Verdoppelung des Militärhaushalts („2 % Ziel“), immer freches und anspruchsvolleres Auftreten im imperialistischen Hauen und Stechen bei der Weltaufteilung.

Auf der anderen Seite – nach innen – eine immer rücksichtslosere Verarmung der Bevölkerung (Hartz4-Entrechtung der Aussortierten, Niedriglöhne die zum Leben nicht reichen, Arbeiten bis ins Grab), Verhökern der öffentlichen Infrastruktur und Dienstleistungen an die privaten Geier um den Preis des Wegfalls vieler essentiellen Leistungen (flächendeckende Ausdünnung der Kliniklandschaft, Post demnächst nicht mehr montags usw.).

Wie kann man den komplementären Zusammenhang dieser beiden Entwicklungen NICHT sehen? Wie kann man die Augen und den Verstand davor verschließen, dass die herrschende Klasse mit voller Kraft Staat und Volk in Dienst nimmt für den nationalen Erfolg (heutzutage übersetzt in „Deutschland kann nur mit Europa erfolgreich sein!“) in der imperialistischen Konkurrenz?

Dass die Opfer, die die Bauern in diesem äußerst leichenträchtigen Schachspiel zu erbringen haben, dass also die Ausbeutung der in ihren kompletten Lebens- und Daseinsplänen von der Kalkulation der Kapitalbesitzer Abhängigen, ausdrücklich auch den Übergang einschließt vom Verheizen im Dienst an fremdem Reichtum in Fabriken und Büros zum Verheizen der menschlichen Manövriermasse auf den zukünftigen Schlachtfeldern?

Diesen Sachverhalt machen die herrschenden Eliten ihren Untertanen gerade deutlich, und ihre Medien und Clacqueure stehen Gewehr bei Fuß zur geneigten Unterstützung bereit.