Geschichten, die das Leben schrieb: Konkurrenz um Almosen

Beim Einkaufen im Düsseldorfer High-End-Stadtteil Oberkassel.

Vorm Rewe sitzt heute die “rechtmäßige” Inhaberin des Bettler- und Obdachlosenzeitungsverkäufer-Platzes, eine biodeutsche Arbeiterin, die sich nach eigener Aussage in 45 Jahren Akkordarbeit die Knochen ruiniert hat. Sie sitzt auf einem sehr guten mobilen behindertengerechten Elektromobilroller, ihr Hündchen in eine Decke eingepackt im Fussbereich des Gefährtes, und verkauft die Düsseldorfer Obdachlosenzeitung “Fifty-Fifty”.

Ihre Standplatzkonkurrentin, eine etwa gleichaltrige Frau aus Tschechien, hat sich angesichts der unbestreitbaren Platzhirschrechte der E-Mobilrollerfahrerin zwanzig Meter weiter in Richtung der Marktbuden vor der St. Antonius-Kirche verzogen.

Ich begrüße die eindeutig gesundheitlich beeinträchtigte Zeitungsverkäuferin mit einem scherzhaften “Na, wieder die Konkurrenz vom angestammten Platz verscheucht?”.

Daraufhin erklärt sie mir erst mal die Sachlage, jedenfalls aus ihrer Sicht:

Die weiss genau, dass das hier mein Platz ist! Die kommt ja auch gerade aus dem Urlaub… Hab ich doch gesehen, wie die sie hier gerade abgesetzt haben… Die hat übrigens eine Eigentumswohnung in Neuss: ist kein Wunder, dass die hier bettelt und nicht in Neuss…” usw.

Das mit dem Urlaub kann ich schon mal anhand eigener Anschauung widerlegen, da die Tschechin seit Wochen und Monaten jeden Tag vorm Rewe zu sehen ist (ausser ihre deutsche Konkurrentin taucht auf). Daher erscheinen mir auch die anderen Behauptungen eher auf Gerüchten, Neid und übler Nachrede zu beruhen und ich frage die “Fifty-Fifty”-Verkäuferin, woher sie das wisse. Die Antwort bleibt aus, dafür klärt mich die Elektrorollstuhlfahrerin über ein paar Gepflogenheiten ihres Gewerbes auf, die die tschechische Konkurrentin tatsächlich nicht einhält, wie z.B. Leute ansprechen.

Grundregel der Zeitungsverkäufer ist nämlich , die Leute nicht anzusprechen. “Fifty-Fifty”-Verkäufer haben sich mit dem Blatt einfach nur hinzustellen und auf aktive Ansprache durch interessierte Käufer zu warten. Sie tragen einen Ausweis sichtbar bei sich, der sie als berechtigte Zeitungsverkäufer kennzeichnet. Dieser Ausweis, so erfahre ich von meiner Gesprächspartnern, wird natürlich gern gefälscht. Die tschechische Konkurrentin hat allerdings, im Gegensatz zu den rumänischen Wettbewerbern, die ebenfalls bei Rewe (allerdings am Hinterausgang) und gegenüber vor der Post, auf Kundschaft warten, einen echten “Fifty-Fifty”-Ausweis. “Den benutzt die aber nicht, das Zeitungsverkaufen bringt der nicht genügend ein”, informiert mich meine Gesprächspartnerin. Es folgt noch eine Tirade von Anschuldigungen und Unterstellungen über die anderen Deklassierten, vorzugsweise aus anderen EU-Staaten, die sich aus ihrer Sicht hier alle unberechtigterweise in den Konkurrenzkampf um Almosen begeben und – sofern sie jung genug sind – sowieso “lieber arbeiten gehen sollten”

Mein Einwand, dass Lohnarbeit heutzutage nicht so einfach verfügbar sei, kontert sie marktwirtschaftlich adäquat mit der finalen Bemerkung: “Wer arbeiten will, findet auch eine Arbeit!”

Dass das auf sie selbst schon altersbedingt nicht mehr zutrifft, ist mir klar, aber wie um mich auf die rechte Spur zu bringen, schickt sie noch hinterher “Ich hab mein Leben lang gearbeitet, 45 Jahre, jetzt hab ich die Knochen kaputt und kann hier ‘Fifty-Fifty’ verkaufe…”

Ich verabschiede mich und gehe meiner Wege, dabei über die Verhältnisse sinnierend, in denen selbst die Verarschten und Deklassierten sich gegenseitig nicht die Butter aufs Brot gönnen.

Gundermann – noch ein Beweis, wie böse der Stasi-Staat war

Gundermann.

Nachdem ich mehr mit halbem Ohr das lobpreisende Rauschen im Medienwald mitbekommen hatte und nachdem in den letzten Tagen hier in FB sich einige Freunde austauschten über dieses mit Preisen überschüttete angeblich “authentische”, “differenziert betrachtende”, “objektive DDR-Geschichtsaufarbeitung betreibende” Werk, war ich – als ich den Film bei Netflix entdeckte – neugierig genug, mal reinzuschauen.

Die Einstiegsszene zeigt einen zerknirschten Protagonisten, ehemals MfS-Mitarbeiter, NACH der Konterrevolution, zu Besuch bei einem Bekannten, über den er zu DDR-Zeiten Informationen an das MfS gab.

Die dramatische Rollenverteilung ist klar und wird von Filmemachern und -finanziers auch beim Publikum vorausgesetzt: MfS-Mitarbeiter (“Stasi-Spitzel”) sind das Letzte schlechthin; die moralische Verurteilung ist schon gar nicht mehr nötig, weil ohnehin in der bloßen Tatsache der Kooperation mit dieser Behörde begründet, wodurch sich ganz grundsätzlich auch 40 Jahre Wühltätigkeit, Sabotage, wirtschaftliche Erpressung, Terror und Subversion gegen den sozialistischen Staat (also all das, wogegen eine Behörde wie das MfS nötig war) noch im Nachhinein rechtfertigt, denn dadurch wurde ja schließlich dem erzbösen Gegner der Garaus gemacht. Und das hat der – wie der Film wieder mal zu beweisen hat – mehr als verdient.

Jedenfalls war ich bereits nach etwa 5 Minuten soweit, dass ich lieber abschalten wollte, da ich kein Bedarf an einem weiteren anti-sozialistischen Propagandaschinken habe – wie subtil und “authentisch” er auch daherkommt (und subtil war da eigentlich gar nichts).

Ich schaute dann aber doch noch eine gute halbe Stunde weiter ein Machwerk an, dass mit guten Schauspielern eine Idee bebildert, an deren massenwirksamer Perfektionierung die Staatsmacht des Eroberers seit nunmehr dreissig Jahren unermüdlich arbeitet: die Verdammung des Sozialismusversuches in dem Teil Deutschlands, der nach dem Weltkrieg Ernst machte mit dem antifaschistisch-demokratischen Neubeginn und eine Gesellschaft errichten wollte und errichtete, die Ausbeutung und Krieg ein Ende setzte und den Leuten die grundlegenden Menschenrechte auf Arbeit, Wohnung, Bildung und Erholung und vor allem: Frieden garantierte.

Dass so eine Gesellschaft sich die Feindschaft des Weltimperialismus und speziell des um seine östlichen Pfründe gebrachten BRD-Kapitals zuzog, muss nicht extra erwähnt werden.

Dass diese sehr konkrete und sehr tödliche Feindschaft eine äußerst wachsame Verteidigung nötig machte und der sozialistische Staat für die Sicherheit seiner Existenz (die die Sicherheit der Arbeiterklasse war, eben NICHT wieder zu lebenden Anhängseln eines profitablen Kapitalstandortes zu werden) ein ganzes MINISTERIUM schuf, muss angesichts der geschichtslosen, absichtlich herbeigeführten Massenhypnose des Anti-Kommunismus scheinbar immer wieder erklärt werden.

Ich würde gerne einen Film über die deutsche Geschichte sehen, der den propagandamedial inszenierten Gleichklang “DDR = Stasi = böse + darum Kapitalismus das einzig Senkrechte” auflöst und seinen Ex-MfS-Mitarbeiter sagen lässt:

“Ja! Ich war beim MfS, weil ich dazu beitragen wollte, dass die Freiheit von Ausbeutung, Not und Krieg, die unser Sozialismus garantierte, geschützt wird. Geschützt vor denen, die Kriege führen, die Leute hungern lassen, die Arbeit für den Reichtum anderer als Almosen vergeben, für das man dankbar zu sein hat… All das wollte ich meinem Volk ersparen und einer Truppe angehören, die sich als Schild und Schwert derjenigen Partei versteht, unter deren Führung der Sozialismus gegen die Todfeindschaft des Imperialismus aufgebaut wurde. Dass das nicht geklappt hat, finde ich selber scheisse. Ebenso finde ich scheisse, dass Überheblichkeit, Schikane und Bürokratismus bei uns eingerissen ist und so viele Karrieristen und Ja-Sager in Partei und MfS mitmischten. Trotzdem lagen und liegen wir in der Sache richtig und kein Eroberer, kein BRD-Funktionär, kein Wendehals und kein Apostel der Freiheit westlicher Weltbeherrschung kann sich auf den moralischen Richterstuhl setzen und mit seinen bluttriefenden Fingern auf unsere bescheidenen Versuche zeigen, uns ihn und seinesgleichen vom Halse zu halten.”

DAS würde ich wie gesagt gerne einmal im Kino sehen. Aber dafür gäb’s natürlich keine Filmförderung.

Familiengeschichte: Der kommunistische Onkel

Der Bruder meines Großvaters war ein sympathischer, humorvoller Mann. Er sprach französisch, konnte gut Gitarre spielen und hatte reichlich Geschichten auf Lager. Als in Deutschland die Faschisten an die Macht kamen, ging er nach Frankreich und schloß sich dort der Résistance an.

Eine Geschichte, an die ich mich erinnere, geht so: als die Gestapo im besetzten Frankreich in dem Ort erschien, wo mein Onkel (in Wahrheit mein Großonkel, aber wir nannten ihn nur “Onkel W.”) untergetaucht war und nach deutschen Deserteuren und Widerstandskämpfern suchte, wurde auch er kontrolliert. Er sprach zu dem Zeitpunkt allerdings schon so gutes Französisch, dass er als Franzose durchging und so der Verhaftung entging.

Mein Onkel hatte einen Makel: er war Kommunist. Was genau das war, wurde uns Kindern nicht erklärt, aber es wurde gewissermaßen hinter vorgehaltener Hand kolportiert, quasi als wichtige, wenn nicht entscheidende Zusatzinformation zu der Person Onkel W.

Für mich hatte er dadurch immer ein unsichtbares Hologramm über sich schweben, in dem abwechselnd Stalin, Ulbricht, Mauer & Stacheldraht und arme, graue, unterdrückte Menschen auftauchten, die alle nach Freiheit lechzten (allerdings wußte ich genauso wenig, was “Freiheit” war; außer das sie – die Freiheit – “bei uns” auf jeden Fall herrschte und von Kommunisten aus reiner Bösartigkeit abgeschafft werden sollte).

All das brachte ich nicht mit dem sympathischen, großzügigen, humorvollen Onkel zusammen, zumal er obendrein ein Eigenheim in einem Hamburger Vorort besaß. Und das passte nun GAR NICHT zusammen mit dem, was ich über den Kommunismus wusste. Wollten denn die Kommunisten nicht allen alles wegnehmen und das Eigentum abschaffen? Was mir auch nicht klar war: wieso kämpften die Kommunisten gegen die Nazis, wenn doch Kommunismus und Nationalsozialismus das Gleiche und beide darauf aus waren, die Menschen zu unterdrücken, einzusperren und ihrer Freiheit zu berauben?

So richtig erklärt wurde das nie; Familienkonsens war allerdings, dass die Kommunisten (jedenfalls in Gestalt von Onkel W.) insofern besser sind als die Nazis, als sie diese abgelehnt und bekämpft haben. Ganz so, wie die WIRKLICHEN Widerstandskämpfer, die Sozialdemokraten, zu denen mein heldenhafter Großvater mütterlicherseits gehörte, der dafür in Gestapo-Haft und im Strafbatallion 999 büßen musste.

Unter der Hand schwang in den (seltenen) familiären Gesprächen über dieses Thema immer mit: Beide, Sozialdemokraten und Kommunisten, haben Widerstand geleistet, aber den Kommunisten haftet der Makel an, dass sie ja im Grunde totalitär sind, eine Diktatur anstreben und überhaupt gegen “die Freiheit” sind.

Leider ergab sich selten ein Besuch beim Onkel; er schwebte zwar wie ein roter Satellit im Orbit der Familie, hatte aber wenig Kontakt zu den Enkelkindern seines Bruders. Sein Nimbus als Kommunist hatte für mich gleichzeitig eine gefährliche und faszinierende Aura. Durch den Wegzug aus Hamburg (zu dem Zeitpunkt war ich 13 Jahre alt) verlor sich der Kontakt ganz. Ein paar Jahre später starb er und anschließend erfuhren wir, dass er jedem von uns 10.000 DM vererbt hatte. Einfach so.
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Ich glaube, heute bin ich für meine Verwandtschaft “der kommunistische Onkel”. Leider hab ich außer ein paar Zeichnungen nichts zu vererben, aber das wird von Kommunisten ja auch nicht erwartet.

Beobachtungen im Gentrifizierungscluster

Straßenszene Oberkassel, direkt vor meiner Haustür:

Ein superflacher orangener Lotus Rennwagen kommt die Straße entlang gerollt. Das Röhren seines Motors ist meilenweit zu hören und erinnert an ein Flugzeugtriebwerk.

Der stiernackige, kahlköpfige Fahrer fährt Schritttempo, damit alle ihn und seine Geschlechtsteilerweiterung bewundern können. Wahrscheinlich ist er überzeugt, im unausgesprochenen aber umso sichtbareren Stadtteil-Wettbewerb um das dickste und teuerste Auto fett zu punkten. Gegen DIESE röhrende Mordsmaschine sind all die Porsche Cayennes, Luxus-BMWs, Protz-Daimler und sonstigen SUVs, die hier die Straßen säumen, Allerweltsautos.

Mein Hündchen ist entsetzt und verkriecht sich unter der Bank, auf der ich sitze.

Kaum verklingt das infernalische Motorengeräusch in der Ferne, taucht ein riesiger schwarzer Jeep oder Landrover auf. Das Fahrzeug ist nagelneu, die Räder so sauber als kämen sie direkt aus der Fertigung. Mit riesiger weißer Schrift steht „ALL TERRAIN DRIVE“ oder sowas auf jedem einzelnen Reifen. Der Geländewagen (der erkennbar nie auch nur einen Feldweg von weitem gesehen hat) hält vorschriftswidrig aber wirkungsvoll an der Straßenecke, wo er durch seine schiere Masse die halbe Straße versperrt.

Heraus steigt ein Stadtmännchen mit weißem Hemd und feinen Schuhen, zurückgegelte Haare in der etwas zu langen Länge, die Medienschaffende und Freiberufler gerne als Ausweis ihrer Unangepaßtheit und Individualität tragen. Es öffnet wichtigtuerisch die Heckklappe und entnimmt ihr irgendwelche Tüten, die es in die Boutique an der Ecke bringt.

Hündchen und ich betrachten uns das Ganze wie eine Vorabend-Soap. Ich stelle Überlegungen an über die Korrelation zwischen Penislänge und Fahrzeuggröße (ich vermute einen umgekehrt proportionalen Zusammenhang) und sinniere über den Seelenzustand von Zeitgenossen, die solche Wagen als Blechkleider nutzen.

Ergebnis: ich freue mich jetzt schon auf die heraufdämmernden Zeiten, in denen der Individualverkehr mit von fossilen Brennstoffen angetriebenen Fortbewegungsmitteln Geschichte ist.

Die hilflosen Versuche bürgerlicher Demokratie-Fans, ihr Reich der Freiheit gegen die dummen AfD-wählenden Ossis moralisch aufzurüsten

Mein Kommentar zu einem grundbescheuerten Text auf der liberal-freiheitlich-anständigen anti-rassistischen Facebookseite „Hooligans gegen Satzbau“:

Hilfloser Versuch, dem berechtigten Unmut der Leute (nicht nur im Annektionsgebiet) über die Herrichtung ihres Landes zum BRD-Protektorat mit Dauerniedriglöhnen mit den abgestandenen neoliberalen Floskeln von der „Demokratie“ als einzigem Hort von Selbstverantwortung und Lebenschancen zu kommen, in dem es leider „keine Sicherheit“ und „keine Garantie“ geben könne und – dümmer geht immer – „keinen der für euch denkt und für euch lenkt“.

Als ob nicht jeder großdeutsche Lohnabhängige ganz genau diejenigen kennenzulernen gezwungen ist, die für ihn denken und lenken: die heißen nämlich „Vorgesetzte“, „Chef“, „Firmenleitung“ usw.

Und wird der Lohnabhängige im Reich der Freiheit von der Freiheit befreit, sich für einen Dienstherrn nützlich zu machen, erfährt er erst recht, wer da ziemlich umfassend für ihn denkt und lenkt: nämlich das Jobcenter, das Sozialamt und andere Einrichtungen der staatlichen Armutsbetreuung.

Texte wie dieser läppische Moralappell lesen sich wie Pfeifen im Walde von Blinden, die sich verlaufen haben und jedes „Huhu“ eines Käuzchens fürchten; vor lauter Unverständnis und Desorientiertheit sagen sie sich und anderen ihren marktwirtschaftlichen Katechismus von „Freiheit! Selbstverantwortung! Jeder seines Glückes Schmied!“ auf.

NICHT tauglich ist der Text als Hinweis an die Verarschten und Enteigneten im Osten, dass die Unterstützung einer protofaschistischen völkischen Partei wie der AfD ein Fehler ist, wenn sie ihre Interessen gegen diejenigen durchsetzen wollen, die ihnen Land und (Volks-)Eigentum geraubt und sie in die BRD-Kapitalverwertung eingegliedert haben.

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Der Text von „Hooligans gegen Satzbau::

Wer heute im Osten die AfD wählt, hat die vor 30 Jahren errungene Freiheit nicht verstanden. Damals wolltet ihr im Osten dasselbe haben, was es im Westen gab. Ihr wolltet all die tollen Produkte, ihr wolltet reisen. Dass der Preis dafür die Sicherheit ist, kam euch damals nicht in den Sinn. Die Sicherheit, dass es zwar nicht viel, das aber wenigstens zuverlässig gibt. Unter der Woche arbeiten, am Wochenende Würstel grillen. Die perfekte Kleinbürgerlichkeit. 

Auf einmal hattet ihr die große Freiheit, mit allem was dazugehört. Aber so habt ihr euch das doch nicht vorgestellt. Eure kleine Wochenend-Grillwurst-Welt ist plötzlich in Gefahr, weil mit der großen Freiheit eben nichts mehr selbstverständlich war. Vielmehr müsst ihr euch nun auf dem Spielfeld der Demokratie bewegen, die so viel mehr zu bieten hat, als euch lieb ist. Sie macht euch nun Angst und ihr versteht das alles nicht. Ihr versteht die Draufsicht auf dieses Land nicht, auf Europa und die Welt. Genauso wenig, wie ihr sie damals verstanden habt. Ihr wolltet einfach nur mehr haben. Nichts anderes wollt ihr jetzt. Mehr für euch, und das mit Sicherheit. All das, was euch angeblich zusteht. Doch so läuft es in einer Demokratie nunmal nicht. Es gibt keine Garantien und keine Sicherheit. 

Keinen, der für euch handelt und entscheidet. Keinen, der für euch denkt und euch lenkt, aber genau das scheint es ja zu sein, was ihr wollt. Und weil ihr das nicht zugeben könnt, bezeichnet ihr die Freiheit als Diktatur, eure Unfähigkeit als Unterdrückung, eure Unwissenheit als Indoktrination. Dabei liegt es nur an euch! Eure Neid-getriebene Weltsicht ist es, die euch beschränkt. Nicht der Fremde, der hier „nicht hingehört“ und nicht der Andere, der „mehr hat als ich“. Der Neid – damals wie heute – ist es, der euch verdirbt. Zum großen Leidwesen der Nicht-AfD-Wähler, die es im Osten sehr wohl auch gibt. Liebe Nicht-AfD-Wähler, gebt noch nicht auf. Redet, überzeugt, diskutiert, seid lauter als das Bier und die Würstel.

Nächtliche Einsicht: Lachen über Russophobie

Die in fast allen staatlichen und privaten Medien verbreitete Russophobie, mit all ihrer hysterischen (aber vorgetäuscht sorgenvollen) Paranoia vor der russischen – Subtext: bolschwistischen – Bedrohung aus dem Osten nehme ich hauptsächlich als bizarre, groteske Comedy-Show-Dauersendung wahr.

Es ist so offensichtlich berechnend und erlogen, dass mich jede neue Meldung über „russischer Einflußnahme“, jede neue Räuberpistole zur Begründung der NATO-Kriegsplanung eher zum Schmunzeln bringt. Das ist so ähnlich wie „Titanic“-Lesen; man weiß dass es Satire ist und freut sich über gelungene Witze.

Heute ereilte mich plötzlich der Schrecken, dass diejenigen, die diese Hysterie schüren, selber durchaus nicht hysterisch sind. Sie bereiten strategisch, planvoll und überlegt ihren großen Krieg vor (kleinere führen sie die ganze Zeit schon), der Ihnen – so denken sie offensichtlich – den Ausweg aus der Krise ihrer Kapitalakkumulation weisen und ihre ins Wanken geratene Weltordnung wieder zur unangefochtenen Herrscherin des Globus machen soll (und nebenher sorgt die wahnwitzige Hochrüstung auch noch für schöne Gewinne auf den Konten der einschlägigen Konzerne).

Sie sind keine anonymen, ungreifbaren, reptiloiden Verschwörer, die heimlich die Welt regieren. Es sind die demokratischen Machthaber und die überschaubare und bekannte Klasse von Oligarchen, Superreichen, Konzernlenkern, Führungskadern internationaler Organisation des Finanzkapitals, für die die gewählten Staatslenker des Freien Westens die staatlichen Rahmenbedingungen organisieren.

Wir können lachen über die Absurdität der Lügen und die durchgeknallte Russophobie (es deutet sich an, dass diese demnächst durch eine ebenso irre Sinophobie ergänzt wird) der politischen Verwalter des Imperialismus und der eingebetteten Medien; Kapital und Bourgeoisie lachen auch: über die Untertanen, die sich von derart durchschaubarer Kriegspropaganda einseifen und sich demnächst wohl auch willig zur Schlachtbank führen lassen.

Arbeit und Leben. An Stelle eines Lebenslaufes.

Als Heranwachsender in einer aus der Arbeiterklasse in die bürgerliche obere Mittelschicht aufgestiegenen Familie konnte ich weder mit den Werten meiner Eltern etwas anfangen noch meinen Platz in der Gesellschaft sehen und finden, in der sie und alle anderen sich scheinbar so zuhause fühlten.

Ich durchlief die Schule, bestand mit sowenig Aufwand wie möglich das Abitur und begann – mangels anderer Ideen und unter Ausnutzung einer gewissen künstlerischen Begabung – ein Grafik-Studium, das ich ganze drei Semester durchhielt. Von da an reihte sich ein Gelegenheitsjob an den nächsten, darunter auch hochkarätige bzw. besser bezahlte, als ich einige Jahre für Versicherungskonzerne (u.a. in Portugal) tätig war. Im Grunde war aber mein ganzes Leben, und darin insbesondere die Gelderwerbstätigkeiten, nur die Kulisse meiner Selbstfindungsversuche. Es spielte keine Rolle, womit ich Geld verdiente, solange ich in meinem selbstgewählten Lebensumfeld, das der Alternativentwurf zur Monotonie der bürgerlichen Tristesse sein sollte, bleiben und meine Suche nach der Wahrheit des Ganzen fortsetzen konnte.

Für die kapitalistische Version der Normalität hegte ich schon immer tiefste Verachtung, aber auch die sozialistische Variante war mir wegen ihrer Spießigkeit und Beengtheit ein Graus, auch wenn ich für ihre sozialen Errungenschaften Respekt hatte. Ein Staat allerdings, in dem es keinen Raum für gute Musik, gute Drogen und die Erforschung des menschlichen Geistes gab, erschien mir nicht wünschenswert. Das galt zwar auch für die BRD, aber im sozialistischen Staatswesen im Osten vermutete ich noch weniger Verständnis für mein dringlichstes Anliegen: die radikale individuelle Freiheit zur Sinnsuche in alle Richtungen.

Als in den 1970er-Jahren im BRD-Kapitalismus sozialisierter Jugendlicher konnte ich also gar nicht anders, als in den 1980ern beim Guru in Indien bzw. In Oregon, USA, zu landen.

Die Suche schien erfüllt, der Sinn sich in realer Gestalt vor mir zu manifestieren und ich blieb diesem mystischen Ort – in Oregon, in Poona, in Wahrheit aber in mir selbst – bis in die 2000er-Jahre treu. In all der Zeit spielte die berufliche Tätigkeit eine völlig untergeordnete Rolle, nämlich die des Gelderwerbs für den höheren Zweck: der Reise nach Innen und zur Erfüllung meiner menschlichen Bestimmung, der Erleuchtung und des ewigen Glücks.

Es war mir im Grunde egal, womit ich Geld verdiente, Hauptsache es reichte irgendwie, um meinem eigentlichen Streben nachzugehen. Im selben Maße, wie der Job irrelevant war (von “Beruf” konnte und wollte ich nicht einmal sprechen; normale bürgerliche Erwerbsbiographien mit ihrem erbarmungswürdigen Stolz auf irgendwelche Ausbildungen und Karrieren erschienen mir lächerlich und unwesentlich im Vergleich zu den hohen und hehren Anliegen, denen ich mich verschrieben hatte!), war mir auch das Gefüge der äußeren Welt egal, die soziale Struktur der Klassengesellschaft, die Einteilung in Herrschende und Beherrschte, in arm und reich usw.

Mein Fokus war nahezu ausschließlich bei der INNEREN Wirklichkeit, alles Äußere reduzierte sich in meiner Wahrnehmung auf eine kontinuierliche Fata Morgana illusionärer Erscheinungen, die ernst zu nehmen nur weltliche Narren fertig brachten.

Das änderte sich erst mit dem Quereinstieg in ein Berufsfeld, das – wie sich herausstellte – sowohl meiner „sozialen Ader“ wie meinen künstlerischen Neigungen Raum zur Entfaltung bot: der sozialen Betreuung alter und dementiell veränderter Menschen. Zum ersten Mal spürte ich in ganz normaler (Lohn-)Arbeit einen Sinn. Erst durch diese konkrete Arbeit mit und für Menschen, die auf Hilfe durch Dritte angewiesen sind, öffnet sich für mich der Zugang zu der Realität der wirklichen sozialen – und damit menschlichen – Sphäre der bestehenden Gesellschaft. Damit natürlich auch der unmittelbare Einblick in diejenigen Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion, die sich dem unerbittlichen Gesetz der Verwertbarkeit weitgehend entziehen und vom bürgerlichen Staat als Kostgänger der Kapitalakkumulation durchgefüttert werden müssen.

Mit der Einbindung in ein Berufsfeld, das mir entspricht, in dem ich mich wohl fühle, und in dem ich die paar Fähigkeiten und Begabungen, die mir in die Wiege gelegt wurden – plus die, die ich mir angeeignet habe – nutzbringend für andere einsetzen kann, hat sich mein Blick auf das Verhältnis Individuum/Gesellschaft, Einzelner/Kollektiv gewandelt. Nicht in dem Sinne, das jetzt die Gesellschaft, das Kollektiv „wichtiger“ als der Einzelne geworden wäre, sondern dass endlich eine Balance eingetreten ist, eine Balance jedenfalls in meiner inneren Wahrnehmung.

Beide gehören zueinander. Sie sind komplementär, sie bedingen sich gegenseitig. Mir wurde die Täuschung klar, die darin liegt, die gesellschaftliche Wirklichkeit auszublenden zugunsten einer inneren Erforschung – die für ein menschliches Wesen wichtig und erforderlich ist, die aber nicht die Einbettung des Individuums in den sozialen Verbund ignorieren darf (was sie in meinem Fall mit Gewissheit tat). Auch das reflexionslose Mitmachen im sozialen Räderwerk einer gegebenen Gesellschaftsordnung gehört übrigens zu dieser einseitigen Ignoranz; das Individuum muss die Gesellschaft radikal in Frage stellen und die Gesellschaft muss dem Individuum insoweit Schranken setzen, als niemand sich auf Kosten anderer bereichern und, ja, „selbst verwirklichen“ kann.

Weltklugheit

Um mich herum lauter weltkluge Menschen. Sie eilen zu ihren wichtigen Gelderwerbstätigkeiten, sie sprechen wichtige Sachen in ihre Telefone, dass der und der soundsoviel Geld hätte/bekäme/zu zahlen hätte, dass man in dieses oder jenes JETZT! investieren solle…

Sie sind alle so klug und wissen genau Bescheid, wie man sich – und alle anderen Waren dieser Welt – verkaufen muss, wenn man es zu etwas bringen will.

Sie richten ihren Ehrgeiz darauf, im Getriebe der Konkurrenzgesellschaft gut geschmiert zu sein und gut zu schmieren.
Weltklugheit eben!

Fehlt mir leider völlig; ich werde aus dieser Welt nicht schlau. Und je länger ich mir das alles anschaue, umso dümmer komme ich mir – oder die Welt mir – vor.

Diskussionen mit DDR-Gegnern sind Diskussion mit GLÄUBIGEN (des bürgerlichen Narrativs über den Hort der Unfreiheit)

Wenn man sich mit DDR-Gegnern auf Diskussionen einlässt, muss man damit rechnen, dass man es mit GLÄUBIGEN zu tun bekommt.

Das Abwägen, die sachliche Betrachtung, das Vergleichen von Errungenschaften und Fehlern – all das ist nichts für Leute, die sich entschieden haben, dass es sich bei dem 1949 begonnen (und 1989 durch die Konterrevolution beendeten) antifaschistischen Sozialismusversuch auf dem Gebiet der DDR nur um eine fiese und im Grunde völlig unerklärliche Unterdrückungsunternehmung handelte, bei der grundlos ein herzensgutes Volk an seinem unternehmerischen Drang, seinem gesunden Reichtumserwerb und überhaupt seinem menschennatürlichen Freiheitsdurst gehindert wurde.

Das Erstaunliche ist für mich, dass vergleichbare Ungerechtigkeiten, Mangelerscheinungen, Fehler dem einen System (Sozialismus) als Nachweis seiner grundsätzlichen Untauglichkeit und Widernatürlichkeit ausgelegt werden, während sie bei dem anderen System (Kapitalismus) immer nur als Kollateralschäden einer unschlagbar guten und effizienten Ordnung verstanden werden.

Ein kürzlicher Thread hat mir all das mal wieder vor Augen geführt und mich zum Versuch einer Illustration dieses Phänomens inspiriert:

Es fällt jedenfalls schwer, dem mentalen Jucken NICHT nachzugeben und flapsig oder unhöflich zu werden, wenn man mit Antikommunisten diskutiert (wobei „diskutieren“ eigentlich unzutreffend ist, den ein Diskurs setzt zwei sich und die historischen Tatsachen respektierende Gesprächspartner voraus).

Die Verneinung von Faktizität, die fast immer zutiefst subjektiv-emotionale Bekenntnishaftigkeit der Ideologen der „Freiheit“ (womit immer die bürgerliche Eigentumsordnung, vulgo Kapitalismus, gemeint ist) , verleitet zu verbalem facepalming, oft auch Sarkasmus (der gerne als Zynismus missverstanden wird).

Ich selber stelle fest, dass ich die DDR umso entschlossener verteidige, je mehr ich diese emotional-hysterische anti-faktische Gläubigkeit bei meinem Gegenüber spüre. Dass ich selber zu DDR-Zeiten unter Garantie mit der Staatsmacht aneinandergeraten wäre, steht auf einem anderen Blatt – Kritik am deutschen Sozialismusversuch gab es schon vor der Konterrevolution und das war auch nötig, bei aller grundsätzlichen Solidarität mit dem Sozialismus als gesellschaftliche Reproduktionsform.

Was mir die Fußnägel aufrollt, ist die explizite Weigerung speziell von Antikommunisten und DDR-Dissern, sich mit historischen Fakten und klassengesellschaftlichen Machtfragen zu befassen; stattdessen höchst individuell, subjektiv (und durch und durch den ideologischen Narrativ der Herrschenden Klasse wiederkäuend), einen Staat, eine Eigentumsordnung, ein Gesellschaftssystem auf ein paar negative Erscheinungen zu reduzieren und auf dieser fiktiven Basis ein eschatologisches Verdammungsurteil zu fällen.

Was dies so absurd macht, ist vor allem der offenkundige Logikbruch, der Widerspruch zu der ebenso grundsätzlich-gläubigen ZUSTIMMUNG zum Imperialismus in seiner demokratisch-kapitalistischen Form: dieser nämlich kann Fehler haben und begehen soviel er will, er kann buchstäblich in Blut waten und Leichenberge auftürmen, er kann Millionen und Abermillionen von Bewohnern dieses Planeten mit Not, Elend, Krieg und Terror überziehen – niemals würde das einen Antikommunisten zum Infragestellen der kapitalistischen Ordnung veranlassen.

Und das ist das, was ich Gläubigkeit nenne.

Grundsätzliche Zusammenfassung des wertewestlichen Moralkanons zur Verwendung in Talkshows, Leitartikeln, Feuilletons und Bildungseinrichtungen der freiheitlichen Demokratie

Politiker aus Staaten, die “der Westen” (sprich: USA, EU und NATO) gerade auf seiner Feindschafts- und Abschussliste hat, handeln immer aus Machthunger, Bösartigkeit und Unterdrückungsgelüsten, oft auch aus schierer Gier nach persönlicher Bereicherung. Ihre Entscheidungen bezüglich des Staatswohls und bezüglich der Stellung ihres Landes in der Staatenwelt sind grundsätzlich von ihren schweren psychologischen Defekten bestimmt, niemals von der Rationalität und der dem Staatswohl verpflichteten Vernunft, die unsere westlichen Staatsmänner und -frauen auszeichnet.

Darum sind politische Führer aus Ländern, die sich nicht in die westliche Ordnung einfügen, auch nicht Staatschefs, Präsidenten, Ministerpräsidenten usw., sondern “Machthaber”, “Herrscher”, “Autokraten” und “Diktatoren”. Ihre Regierung ist ein “Regime”, eine “Diktatur”, ihr Land ein “Unrechtsstaat”.

Rücken sie auf der westlichen Abschussliste weiter nach oben, wird auch schon mal der direkt auf ihren psychopathologischen Zustand deutende Zusatz “irre” oder “blutrünstig” vorangestellt. Ganz bedenklich wird es für den so kategorisierten Staatsführer und sein Gemeinwesen, wenn die Schlagzeilen-Tatbestände “Schiesst auf sein eigenes Volk” oder “Lässt sein eigenes Volk hungern” hinzukommen.

Dann ist in der Regel über kurz oder lang die Bekehrung des betroffenen Volkes zur “Demokratie” und für den Staatsführer ein Platz im Gefängnis oder auf dem Friedhof fällig .

Anmerkung: Ist der entsprechende Politiker allerdings ein “Freund” des Westens und fügt sich in die NATO-Weltordnung ein, ganz besonders, wenn er ein guter und zahlungskräftiger Abnehmer westlicher Rüstungsgüter ist, kann er so blutrünstig und irre sein wie er will, sein Volk kann hungern oder bombardiert werden – er bleibt ein (vielleicht “schwieriger”, aber:) Partner der “Internationalen Staatengemeinschaft”, wie die Selbstbezeichnung von USA/EU/NATO lautet.

Die führenden Politiker des Westens dagegen sind allesamt wohlmeinende ehrliche Arbeiter am Gemeinwohl, die sich schweren Herzens auch in die Niederungen der politischen Machtspiele begeben müssen, um uns allen ein sicheres Leben zu ermöglichen.

Für diese hervorragenden Vertreter abendländischer Gesamt-Vernunft gilt auch bei unübersehbaren Psychomacken die Unterstellung, dass diese unter Umständen das Regieren etwas schwer machen mögen – niemals aber die “Demokratie”, die diese Politiker regieren, irgendwie zur Diskussion stellen könnten. Denn die ist schließlich der Weisheit letzter Schluss, der Endpunkt menschlicher Geschichte und unantastbare Welt- und Gesellschaftsordnung wenn nicht von Gottes, dann aber von Ratios Gnaden.

Es gibt nichts danach.

Was immer sich menschheitshistorisch noch tun wird, wird immer nur den im Prinzip erreichten paradiesischen Endzustand der Geschichte optimieren und von seinen bedauerlicherweise hier und da noch auftretenden Unzulänglichkeiten reinigen.