Familiengeschichte: Der kommunistische Onkel

Der Bruder meines Großvaters war ein sympathischer, humorvoller Mann. Er sprach französisch, konnte gut Gitarre spielen und hatte reichlich Geschichten auf Lager. Als in Deutschland die Faschisten an die Macht kamen, ging er nach Frankreich und schloß sich dort der Résistance an.

Eine Geschichte, an die ich mich erinnere, geht so: als die Gestapo im besetzten Frankreich in dem Ort erschien, wo mein Onkel (in Wahrheit mein Großonkel, aber wir nannten ihn nur “Onkel W.”) untergetaucht war und nach deutschen Deserteuren und Widerstandskämpfern suchte, wurde auch er kontrolliert. Er sprach zu dem Zeitpunkt allerdings schon so gutes Französisch, dass er als Franzose durchging und so der Verhaftung entging.

Mein Onkel hatte einen Makel: er war Kommunist. Was genau das war, wurde uns Kindern nicht erklärt, aber es wurde gewissermaßen hinter vorgehaltener Hand kolportiert, quasi als wichtige, wenn nicht entscheidende Zusatzinformation zu der Person Onkel W.

Für mich hatte er dadurch immer ein unsichtbares Hologramm über sich schweben, in dem abwechselnd Stalin, Ulbricht, Mauer & Stacheldraht und arme, graue, unterdrückte Menschen auftauchten, die alle nach Freiheit lechzten (allerdings wußte ich genauso wenig, was “Freiheit” war; außer das sie – die Freiheit – “bei uns” auf jeden Fall herrschte und von Kommunisten aus reiner Bösartigkeit abgeschafft werden sollte).

All das brachte ich nicht mit dem sympathischen, großzügigen, humorvollen Onkel zusammen, zumal er obendrein ein Eigenheim in einem Hamburger Vorort besaß. Und das passte nun GAR NICHT zusammen mit dem, was ich über den Kommunismus wusste. Wollten denn die Kommunisten nicht allen alles wegnehmen und das Eigentum abschaffen? Was mir auch nicht klar war: wieso kämpften die Kommunisten gegen die Nazis, wenn doch Kommunismus und Nationalsozialismus das Gleiche und beide darauf aus waren, die Menschen zu unterdrücken, einzusperren und ihrer Freiheit zu berauben?

So richtig erklärt wurde das nie; Familienkonsens war allerdings, dass die Kommunisten (jedenfalls in Gestalt von Onkel W.) insofern besser sind als die Nazis, als sie diese abgelehnt und bekämpft haben. Ganz so, wie die WIRKLICHEN Widerstandskämpfer, die Sozialdemokraten, zu denen mein heldenhafter Großvater mütterlicherseits gehörte, der dafür in Gestapo-Haft und im Strafbatallion 999 büßen musste.

Unter der Hand schwang in den (seltenen) familiären Gesprächen über dieses Thema immer mit: Beide, Sozialdemokraten und Kommunisten, haben Widerstand geleistet, aber den Kommunisten haftet der Makel an, dass sie ja im Grunde totalitär sind, eine Diktatur anstreben und überhaupt gegen “die Freiheit” sind.

Leider ergab sich selten ein Besuch beim Onkel; er schwebte zwar wie ein roter Satellit im Orbit der Familie, hatte aber wenig Kontakt zu den Enkelkindern seines Bruders. Sein Nimbus als Kommunist hatte für mich gleichzeitig eine gefährliche und faszinierende Aura. Durch den Wegzug aus Hamburg (zu dem Zeitpunkt war ich 13 Jahre alt) verlor sich der Kontakt ganz. Ein paar Jahre später starb er und anschließend erfuhren wir, dass er jedem von uns 10.000 DM vererbt hatte. Einfach so.
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Ich glaube, heute bin ich für meine Verwandtschaft “der kommunistische Onkel”. Leider hab ich außer ein paar Zeichnungen nichts zu vererben, aber das wird von Kommunisten ja auch nicht erwartet.

Beobachtungen im Gentrifizierungscluster

Straßenszene Oberkassel, direkt vor meiner Haustür:

Ein superflacher orangener Lotus Rennwagen kommt die Straße entlang gerollt. Das Röhren seines Motors ist meilenweit zu hören und erinnert an ein Flugzeugtriebwerk.

Der stiernackige, kahlköpfige Fahrer fährt Schritttempo, damit alle ihn und seine Geschlechtsteilerweiterung bewundern können. Wahrscheinlich ist er überzeugt, im unausgesprochenen aber umso sichtbareren Stadtteil-Wettbewerb um das dickste und teuerste Auto fett zu punkten. Gegen DIESE röhrende Mordsmaschine sind all die Porsche Cayennes, Luxus-BMWs, Protz-Daimler und sonstigen SUVs, die hier die Straßen säumen, Allerweltsautos.

Mein Hündchen ist entsetzt und verkriecht sich unter der Bank, auf der ich sitze.

Kaum verklingt das infernalische Motorengeräusch in der Ferne, taucht ein riesiger schwarzer Jeep oder Landrover auf. Das Fahrzeug ist nagelneu, die Räder so sauber als kämen sie direkt aus der Fertigung. Mit riesiger weißer Schrift steht „ALL TERRAIN DRIVE“ oder sowas auf jedem einzelnen Reifen. Der Geländewagen (der erkennbar nie auch nur einen Feldweg von weitem gesehen hat) hält vorschriftswidrig aber wirkungsvoll an der Straßenecke, wo er durch seine schiere Masse die halbe Straße versperrt.

Heraus steigt ein Stadtmännchen mit weißem Hemd und feinen Schuhen, zurückgegelte Haare in der etwas zu langen Länge, die Medienschaffende und Freiberufler gerne als Ausweis ihrer Unangepaßtheit und Individualität tragen. Es öffnet wichtigtuerisch die Heckklappe und entnimmt ihr irgendwelche Tüten, die es in die Boutique an der Ecke bringt.

Hündchen und ich betrachten uns das Ganze wie eine Vorabend-Soap. Ich stelle Überlegungen an über die Korrelation zwischen Penislänge und Fahrzeuggröße (ich vermute einen umgekehrt proportionalen Zusammenhang) und sinniere über den Seelenzustand von Zeitgenossen, die solche Wagen als Blechkleider nutzen.

Ergebnis: ich freue mich jetzt schon auf die heraufdämmernden Zeiten, in denen der Individualverkehr mit von fossilen Brennstoffen angetriebenen Fortbewegungsmitteln Geschichte ist.

Nächtliche Einsicht: Lachen über Russophobie

Die in fast allen staatlichen und privaten Medien verbreitete Russophobie, mit all ihrer hysterischen (aber vorgetäuscht sorgenvollen) Paranoia vor der russischen – Subtext: bolschwistischen – Bedrohung aus dem Osten nehme ich hauptsächlich als bizarre, groteske Comedy-Show-Dauersendung wahr.

Es ist so offensichtlich berechnend und erlogen, dass mich jede neue Meldung über „russischer Einflußnahme“, jede neue Räuberpistole zur Begründung der NATO-Kriegsplanung eher zum Schmunzeln bringt. Das ist so ähnlich wie „Titanic“-Lesen; man weiß dass es Satire ist und freut sich über gelungene Witze.

Heute ereilte mich plötzlich der Schrecken, dass diejenigen, die diese Hysterie schüren, selber durchaus nicht hysterisch sind. Sie bereiten strategisch, planvoll und überlegt ihren großen Krieg vor (kleinere führen sie die ganze Zeit schon), der Ihnen – so denken sie offensichtlich – den Ausweg aus der Krise ihrer Kapitalakkumulation weisen und ihre ins Wanken geratene Weltordnung wieder zur unangefochtenen Herrscherin des Globus machen soll (und nebenher sorgt die wahnwitzige Hochrüstung auch noch für schöne Gewinne auf den Konten der einschlägigen Konzerne).

Sie sind keine anonymen, ungreifbaren, reptiloiden Verschwörer, die heimlich die Welt regieren. Es sind die demokratischen Machthaber und die überschaubare und bekannte Klasse von Oligarchen, Superreichen, Konzernlenkern, Führungskadern internationaler Organisation des Finanzkapitals, für die die gewählten Staatslenker des Freien Westens die staatlichen Rahmenbedingungen organisieren.

Wir können lachen über die Absurdität der Lügen und die durchgeknallte Russophobie (es deutet sich an, dass diese demnächst durch eine ebenso irre Sinophobie ergänzt wird) der politischen Verwalter des Imperialismus und der eingebetteten Medien; Kapital und Bourgeoisie lachen auch: über die Untertanen, die sich von derart durchschaubarer Kriegspropaganda einseifen und sich demnächst wohl auch willig zur Schlachtbank führen lassen.

Arbeit und Leben. An Stelle eines Lebenslaufes.

Als Heranwachsender in einer aus der Arbeiterklasse in die bürgerliche obere Mittelschicht aufgestiegenen Familie konnte ich weder mit den Werten meiner Eltern etwas anfangen noch meinen Platz in der Gesellschaft sehen und finden, in der sie und alle anderen sich scheinbar so zuhause fühlten.

Ich durchlief die Schule, bestand mit sowenig Aufwand wie möglich das Abitur und begann – mangels anderer Ideen und unter Ausnutzung einer gewissen künstlerischen Begabung – ein Grafik-Studium, das ich ganze drei Semester durchhielt. Von da an reihte sich ein Gelegenheitsjob an den nächsten, darunter auch hochkarätige bzw. besser bezahlte, als ich einige Jahre für Versicherungskonzerne (u.a. in Portugal) tätig war. Im Grunde war aber mein ganzes Leben, und darin insbesondere die Gelderwerbstätigkeiten, nur die Kulisse meiner Selbstfindungsversuche. Es spielte keine Rolle, womit ich Geld verdiente, solange ich in meinem selbstgewählten Lebensumfeld, das der Alternativentwurf zur Monotonie der bürgerlichen Tristesse sein sollte, bleiben und meine Suche nach der Wahrheit des Ganzen fortsetzen konnte.

Für die kapitalistische Version der Normalität hegte ich schon immer tiefste Verachtung, aber auch die sozialistische Variante war mir wegen ihrer Spießigkeit und Beengtheit ein Graus, auch wenn ich für ihre sozialen Errungenschaften Respekt hatte. Ein Staat allerdings, in dem es keinen Raum für gute Musik, gute Drogen und die Erforschung des menschlichen Geistes gab, erschien mir nicht wünschenswert. Das galt zwar auch für die BRD, aber im sozialistischen Staatswesen im Osten vermutete ich noch weniger Verständnis für mein dringlichstes Anliegen: die radikale individuelle Freiheit zur Sinnsuche in alle Richtungen.

Als in den 1970er-Jahren im BRD-Kapitalismus sozialisierter Jugendlicher konnte ich also gar nicht anders, als in den 1980ern beim Guru in Indien bzw. In Oregon, USA, zu landen.

Die Suche schien erfüllt, der Sinn sich in realer Gestalt vor mir zu manifestieren und ich blieb diesem mystischen Ort – in Oregon, in Poona, in Wahrheit aber in mir selbst – bis in die 2000er-Jahre treu. In all der Zeit spielte die berufliche Tätigkeit eine völlig untergeordnete Rolle, nämlich die des Gelderwerbs für den höheren Zweck: der Reise nach Innen und zur Erfüllung meiner menschlichen Bestimmung, der Erleuchtung und des ewigen Glücks.

Es war mir im Grunde egal, womit ich Geld verdiente, Hauptsache es reichte irgendwie, um meinem eigentlichen Streben nachzugehen. Im selben Maße, wie der Job irrelevant war (von “Beruf” konnte und wollte ich nicht einmal sprechen; normale bürgerliche Erwerbsbiographien mit ihrem erbarmungswürdigen Stolz auf irgendwelche Ausbildungen und Karrieren erschienen mir lächerlich und unwesentlich im Vergleich zu den hohen und hehren Anliegen, denen ich mich verschrieben hatte!), war mir auch das Gefüge der äußeren Welt egal, die soziale Struktur der Klassengesellschaft, die Einteilung in Herrschende und Beherrschte, in arm und reich usw.

Mein Fokus war nahezu ausschließlich bei der INNEREN Wirklichkeit, alles Äußere reduzierte sich in meiner Wahrnehmung auf eine kontinuierliche Fata Morgana illusionärer Erscheinungen, die ernst zu nehmen nur weltliche Narren fertig brachten.

Das änderte sich erst mit dem Quereinstieg in ein Berufsfeld, das – wie sich herausstellte – sowohl meiner „sozialen Ader“ wie meinen künstlerischen Neigungen Raum zur Entfaltung bot: der sozialen Betreuung alter und dementiell veränderter Menschen. Zum ersten Mal spürte ich in ganz normaler (Lohn-)Arbeit einen Sinn. Erst durch diese konkrete Arbeit mit und für Menschen, die auf Hilfe durch Dritte angewiesen sind, öffnet sich für mich der Zugang zu der Realität der wirklichen sozialen – und damit menschlichen – Sphäre der bestehenden Gesellschaft. Damit natürlich auch der unmittelbare Einblick in diejenigen Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion, die sich dem unerbittlichen Gesetz der Verwertbarkeit weitgehend entziehen und vom bürgerlichen Staat als Kostgänger der Kapitalakkumulation durchgefüttert werden müssen.

Mit der Einbindung in ein Berufsfeld, das mir entspricht, in dem ich mich wohl fühle, und in dem ich die paar Fähigkeiten und Begabungen, die mir in die Wiege gelegt wurden – plus die, die ich mir angeeignet habe – nutzbringend für andere einsetzen kann, hat sich mein Blick auf das Verhältnis Individuum/Gesellschaft, Einzelner/Kollektiv gewandelt. Nicht in dem Sinne, das jetzt die Gesellschaft, das Kollektiv „wichtiger“ als der Einzelne geworden wäre, sondern dass endlich eine Balance eingetreten ist, eine Balance jedenfalls in meiner inneren Wahrnehmung.

Beide gehören zueinander. Sie sind komplementär, sie bedingen sich gegenseitig. Mir wurde die Täuschung klar, die darin liegt, die gesellschaftliche Wirklichkeit auszublenden zugunsten einer inneren Erforschung – die für ein menschliches Wesen wichtig und erforderlich ist, die aber nicht die Einbettung des Individuums in den sozialen Verbund ignorieren darf (was sie in meinem Fall mit Gewissheit tat). Auch das reflexionslose Mitmachen im sozialen Räderwerk einer gegebenen Gesellschaftsordnung gehört übrigens zu dieser einseitigen Ignoranz; das Individuum muss die Gesellschaft radikal in Frage stellen und die Gesellschaft muss dem Individuum insoweit Schranken setzen, als niemand sich auf Kosten anderer bereichern und, ja, „selbst verwirklichen“ kann.

Geschichten, die das Leben schrieb: Der Rotwein mit der Goldmedaille

Feierabendliche Küchenszene: Frau bringt vom örtlichen Weinhändler unseres Vertrauens zwei Flaschen Daõ (kräftiger portugiesischer Rotwein aus der Region Beira) mit, zusammen mit einem 5-Liter-Weißweinschlauch.

Ich will mal den portugiesischen Wein probieren, der hat eine Goldmedaille“, verkündet sie.

Ich (tudo entusiasmado com essa perspectiva gratificante) entkorke professionell die Flasche und kredenze jedem ein Glas.

Frau kostet und setzt ihr Feierabendritual – das Putzen des Küchenfußbodens – fort. Sie trinkt ihr Glas leer und kommt ins Philosophieren:

Also Rotwein ist doch irgendwie schwerer als Weißwein. Der macht müde…“

Ich (drogenerfahren): „Ja, das ist wie bei Haschisch und Marihuana. Gras mach high, wach und munter, Haschisch macht dich eher schwer und langsam… ist aber irgendwie profunder, gewissermaßen fundamentaler. So wie Rotwein im Vergleich zu Weißwein.“

Frau so (putzt weiter): „Nee, ich trink lieber Weißwein. Rotwein macht müde, das beeinflußt meine Putzqualität.“

Geschichten die das Leben schrieb: Weihnachtliches Drama um Widerworte gegen wohltätige Bourgeois

Die wohlhabende Verwandtschaft (Ärzte und Klinikbetreiber) der Frau ist unter ihresgleichen bestens vernetzt und spendet dank der Bekanntschaft mit einem örtlichen Keksfabrikanten dem Pflegeheim, von dem ich meinen Niedriglohn beziehe, zwei Umzugskisten mit allerlei Weihnachtsgebäck.

Seit ich wieder im Leben meiner Herzensdame aufgetaucht bin und dann auch noch mit ihr zusammen eine Wohnung bezogen habe, lassen sich gelegentliche Treffen mit diesen wohlbestallten Oberschichtsbürgern nicht vermeiden (auch wenn ich das versuche). Bei jeder dieser Begegnungen spüre ich die Herablassung und soziale Verachtung, mit der die Leistungsträger der Klassengesellschaft diejenigen betrachten, die in der Berufe- und Einkommenshierarchie so weit unter ihnen angesiedelt sind wie ich.

Keine 24 Stunden nachdem die Kekslieferung (in meiner Abwesenheit) bei mir abgegeben wurde, erhalte ich eine Nachricht der Schwägerin, dass sie für diese gute Tat „schon ein Wort des Dankes verdient“ hätte, jetzt aber durch dessen Ausbleiben „enttäuscht“ sei.

Es entspannt sich innerhalb von wenigen Messages ein Dialog, in dem ich sie informiere, dass ich ihre Spende durchaus zu würdigen weiß, mich meine Arbeitsbelastung speziell um Weihnachten herum bislang aber daran gehindert hat, die gesellschaftlichen Höflichkeitskonventionen zu beachten.

Außerdem kann ich es mir nicht verkneifen, die villenbesitzende Bildungsbürgerin mit einem Seneca-Zitat vertraut zumachen: „Der Lohn einer guten Handlung liegt darin, dass man sie vollbracht hat“.

An dieser Stelle entgleist die Konversation, und meine Gesprächspartnerin zeigt sich empört über meine unbotmäßige Frechheit; sie fühlt sich bemüßigt, mir meine standesgemäßen Grenzen aufzuzeigen. „Überheblichkeit!“, „Das ist eine Ohrfeige!“, „Übers Ziel hinausgeschossen!“ erscheint auf dem Screen meines Telefons.

Erfreut über die Wirksamkeit meiner Anmerkung auf die wohltätigkeitige Selbstwichtigkeit meiner Schwägerin setze ich gleich noch einen drauf und erläutere ihr, dass das gute alte „Tu Gutes und rede drüber“ auch mir bekannt sei und ich verstünde, dass sie einen diesbezüglichen Hinweis nicht gerne hört.

Jetzt ist der Ofen aus bei meiner Chat-Partnerin und mit einem empörten „Es reicht!“ und der Nachfrage, für wen ich mich eigentlich halten würde, beendet sie die Konversation.

Dass SIE sich offenbar für jemanden hält, der nicht nur für seine Almosen (die sie noch nicht mal selbst gespendet hat) gefeiert werden möchte, sondern auch noch jeglichen Widerspruch gegen diese Milde-Gabe-Ego-Erhöhungs-Nummer als Unverschämtheit betrachtet, ist außerhalb ihrer Reflektionskapazität.

Damit ist die Geschichte jedoch nicht beendet. Als die Frau von diesem Dialog erfährt, platzt sie wütend heraus, ob ich es darauf anlegen würde, dass sie ihre Familie fortan nur alleine besucht oder diese nur noch komme, wenn ich nicht da wäre. Das war zwar keineswegs meine Absicht, aber wenn ich’s recht bedenke, ist mir diese Konsequenz sehr recht. Auf den Umgang mit arroganten Bourgeois, die sich etwas darauf einbilden, wenn sie mit ein bißchen Wohltätigkeit ihr soziales Gewissen beruhigen, lege ich tatsächlich keinen Wert.

Der ganze Vorgang zeigt (mir jedenfalls), dass die Grenzen innerhalb der Klassengesellschaft vor allen von denen gezogen werden, die oben in der sozialen Hierarchie angesiedelt sind; außerdem, dass die bürgerlichen Höflichkeits- und Benimmregeln vorrangig dazu da sind, diese Einteilung in Oben und Unten, in Besitzende und Besitzlose festzunageln und niemals anzutasten.

Ende vom Lied übrigens: bin exkommuniziert und darf den herrschaftlichen Villen-Bungalow nicht mehr betreten.

Ich kann mir schlimmere Sanktionen vorstellen.

Erwerbsarmut, Diebstahl, Zeitungsschlagzeilen: Alles in Butter in der Freien Welt

Bild so: „Armut immer schlimmer! Auch wer arbeitet ist arm!“

Express so: „Bettler immer schlimmer!“

Ich so: „Könnte das eine wohl mit dem anderen zu tun haben?“

Kapitalismus samt Insassen unisono:
„Nö, alles Schicksal, jeder seines Glückes Schmied, der Fleißige hat Erfolg, Leistung lohnt sich, Armut leider Naturgesetz wie Regen und Schnee.“

Wie mal (fast) meine kapitalistische Gier über meine kommunistische Solidarität siegte

DHL-Paket laut DHL-App seit 10:12 im Fahrzeug, Auslieferung “wahrscheinlich heute“. Frau und ich beide zuhause (extra, um das Paket in Empfang zu nehmen). Um 15:34 meldet die App: „Zustellung vergeblich“, das Paket könnte morgen ab 15:00 in einer entfernten Packstation abgeholt werden.

Der Fahrer hat also nachweislich nicht geklingelt, das Paket auch nicht beim per DHL-Portal benannten „Wunschnachbarn“ abgegeben, sondern hat fälschlich „Kunde nicht angetroffen“ in seinen gefakten Zustellversuchsreport geschrieben.

Zunächst bin ich stinksauer und rufe bei der DHL-Kundenhotline an, um mich über die faulen Aushilfsfahrer zu beschweren, die keine Lust haben, beim Kunden anzuhalten, geschweige denn zu klingeln.

Noch während ich dem ausländischen Call-Center-Mitarbeiter mein Anliegen schildere, wird mir bewusst, als was für ein arbeiterfeindliches Arschloch ich gerade dabei bin, mich aufzuführen; mir fällt nämlich ein, unter welchen Bedingungen die Paketfahrer arbeiten müssen, wie groß Druck und Arbeitslast ist, unter welcher Hetze die Jungs (und Mädels) stehen.

Da liegt es vermutlich nahe, das man – wenn man absehbarerweise bei einem weiteren Stopp die Tour unmöglich schaffen kann – einfach einen oder ein paar Empfänger übergeht und die Sendungen abends bei der Packstation abgibt.

Als Packstation wird ein Kiosk in etwa 2km Entfernung genannt. Ich rufe dort an und frage, ob die Fahrer schon zurück sind. „Nein, erst zwei“, sagt die Kioskbetreiberin, „fünf fehlen noch“.

Ich sage ihr kurz mein Anliegen, sie bestätigt mir, das ich die Sendung noch heute abholen könnte (statt erst morgen, wie auf dem Zustellversuchsbescheid angegeben).

Dann fügt sie noch an: „Den Job, den die machen, möchte ich nicht machen! Die armen Kerle kommen hier manchmal erst um acht Uhr an nachdem sie den ganzen Tag gefahren sind…“

Ich bin entsprechend beschämt und verspreche mir selbst, mich in Zukunft nie wieder über die DHL-Zustellung zu beschweren.

Die Banken so: Weniger als Fünfzig Euro? Nicht mit uns!

Der Geldautomat meldet mir beim Versuch der Barabhebung, dass meine„Karte ungültig“ sei.

Die freundliche Dame in der Hotline der Bank erklärt mir auf Nachfrage: „Sie haben versucht, 20 Euro abzuheben. Sie müssen mindestens 50 Euro abheben, weniger geht nicht mehr. Darauf haben sich die Banken geeinigt.“

Mit mir haben die sich nicht geeinigt“, liegt mir auf der Zunge, aber ich will die Servicekraft nicht unnötigerweise verwirren.

Niedrigere Beträge sind nur noch verfügbar, wenn man weniger als 50 Euro auf dem Konto hat“, fügt die Bankdame noch hinzu. Kein Problem bei meinen Einkommensverhältnissen, denke ich im Stillen und bedanke mich für die Auskunft.

Immerhin ist meine Karte nicht ungültig, sondern mein gewünschter Geldbetrag verweist mich per Auszahlungsverweigerung auf meinen Status als armer Schlucker, der sich noch nicht mal einen Fünfziger ziehen kann. Wahrscheinlich muss ich im Grunde dankbar sein, überhaupt noch das Privileg eines Bankkontos zu bekommen.

Die Bevölkerung wird immer ärmer und muss mit immer weniger zurechtkommen, teilt sich das wenige Geld entsprechend knapp ein – aber die Geldinstitute dieser besten aller Welten setzen den Mindest-Auszahlungsbetrag mal eben auf mehr als das Doppelte hoch und zeigen damit die ganze institutionelle Verachtung für die ärmeren und unteren Klassen, bei denen ein Fünfziger u.U. schon das Wochenbudget zum Überleben ist.

Erinnert an den fälschlicherweise Marie Antoinette zugeschriebenen Satz, dass die Armen, wenn sie kein Brot hätten, doch Kuchen essen sollten.

„Ihr Versager wollt bloß zwanzig Euro ziehen? Davon kann man doch nix kaufen – nehmt bitte FÜNFZIG!“

Auf den Hund gekommen: Begegnungen in der Klassengesellschaft

Begegnung 1

Vorm Gemüsestand auf dem Wochenmarkt liegt ein mittelgroßer, langhaariger Hund am Boden und beobachtet die Umgebung. Seine Halterin, Typ feine Dame, ist ins Gespräch mit der Verkäuferin vertieft. Die Dame gehört erkennbar zu der in diesem Viertel überproportional ansässigen wohlhabenden Oberschicht: Edelklamotten, Echtschmuck, 800-Euro-Stiefelettchen, nur ganz dezent gesichtsoperiert.

Mein anarchistisches Gute-Laune-Hündchen (an der Leine) zerrt freudig zu dem Langhaarhund, in der Hoffnung, einen Kumpel aufgetan zu haben. Dieser will aber nicht in seiner Ruhe gestört werden, knurrt grimmig und stellt mit einem kurzen Beller die Machtverhältnisse klar.

Ich ziehe meinen Hund von dem anderen weg .

Die feine Dame hat den Vorfall registriert, mustert mich und Hündchen kurz und bemerkt dann so eiskalt wie herablassend: “Das macht man ja auch nicht!”

Ich (verdutzt): “Wie bitte?”

Feine Dame (nun sichtlich indigniert, dass man ihr Widerworte gibt): “Man geht nicht zu einem Hund, der so da liegt.”

Ich überlege kurz, ob ich mich auf eine Diskussion mit der Dame einlassen will, beschliesse dann aber, ihrer gehobenen gesellschaftlichen Einsortierung Tribut zu zollen und antworte mit einer leichten Verbeugung und den Worten: “Oh, vielen Dank für die Belehrung, Euer Durchlaucht!”

Begegnung 2

Mit Hündchen unterwegs zum Hunde-Schnickschnackladen des Viertels, wo ich eine Leine reparieren lassen will. Mein vierbeiniger Kumpel kennt den Weg und zerrt mich zielstrebig in Richtung seines Lieblingsladens.

Wir sind noch etwa 30 Meter entfernt, als vor dem Laden ein Porsche in eine freie Parkbucht einbiegt. Es entsteigt eine Dame mit einem zotteligen Kleinhund, die Hundehalterin auch hier mit Kleidung und Schmuck im vermutlich fünfstelligen Bereich behängt.

Im Laden selber lässt sie sich ausführlich über die Kauknochen beraten, da ihr Zottelhund “so Probleme mit Straußenknochen hat, das hat er noch vom Züchter; die machen ihm den Hals kaputt”. Schließlich kauft sie für ein paar Euro irgendwelche Pferdesehnen.

Beim  Rausgehen fällt ihr eine frische Pieselspur innen neben der Eingangstür auf. Einer der beiden Hunde muss also gerade dort hingepinkelt haben.

Die Dame verzieht ihr Gesicht, rümpft die Augenbrauen und sagt: “Oh! Da hat ihr Hund wohl gerade hingemacht. Das macht man aber GAR nicht!”

Ich hab zwar nicht gesehen, WER da hingemacht hat (und es ist mir auch herzlich egal), aber weil mir hier schon wieder eine Bourgeois-Ziege erklären will, was “man” macht und was nicht, antworte ich wahrheitsgemäß:

“Tja. Das machen Hunde nunmal gelegentlich.”

Sie daraufhin: “MEINER nicht!”

Ich (schon leicht genervt): “Selbstverständlich nicht, gnä´Frau. Ihrer hat ja die hohe Hundeschule genossen.”

Sie (zieht beleidigt ab): “Auf Wiedersehen”.

Die Ladenkraft lacht, bringt mir eine Papierrolle und Hygienespray und in 5 Sekunden ist das kleine Malheur beseitigt.