Die Frau berichtet über irgendwelche Meetings auf ihrer Arbeitsstelle und das männliche Kollegenumfeld im Allgemeinen. „Du glaubst nicht, wie fett die alle sind!“, erzählt sie. „die sind keine 50 Jahre alt und haben alle Bäuche! So richtig kugelrunde…“
Sie formt mit den Händen eine Kugel vor dem Bauch, die etwa die Dimensionen einer im 9 Monat Schwangeren hat. „Dann hängt denen der Bauch teilweise über den Hosenbund. Die können ihre Füße nicht sehen, wenn sie nach unten kucken!“
Sie begutachtet mich mit wohlgefälligem Blick: „Ich bin so froh, dass du nicht so eine Wampe hast. Das ist ja sowas von unerotisch…“
Ich so: (versuche, den Bauchansatz von innen bis zur Wirbelsäule einzuziehen).
Auf dem Weg zur Arbeit höre ich im Autoradio meistens WDR3, den Kultursender des WDR. Neben in der Regel gut ausgewählter (meist klassischer) und kommentierter Musik wird man von diesem aus GEZ-Zahlungen finanzierten Radiosender allerdings unter dem Stichwort „kulturelle Information“ mit einer gehörigen Portion der staatsoffiziellen Sichtweise auf die Welt versorgt.
Heute klinke ich mich bei Fahrtantritt in einen Gesprächsbeitrag ein, der das mobile lateinamerikanische Poesiefestival „Latinale“ in Berlin und Osnabrück kommentiert, das gerade zu Ende ging. Der Sprecher redet in gönnerhafter Herablassung über die Qualität der dort dargebotenen Poesie. Eine der Poetinnen, so erfährt man, hätte gesagt, sie müsse beim Vortragen ihrer Gedichte tanzen. Der Kommentator: „Tatsächlich schwang sie dann beim Lesen ihre Hüften – besser wurden ihre Verse dadurch allerdings nicht.“
Auch die anderen Dichter von da unten kommen beim westlichen Kulturscharfrichter schlecht weg: „Hilflose Wortwiederholungen hier, exzessive Länge der Gedichte dort – als Besucher der Latinale konnte man schon den Wunsch entwickeln, manch ein Gedicht vom überflüssigen Wortballast zu befreien.“
Zuerst denke ich, hier würden Reaktionen neo-kolonialer Hybris zitiert, merke aber schnell, dass der Beitrag sich ganz ernsthaft die Pose des europäischen Kultur- und Sittenwächters anmaßt, verbunden mit dem Richteramt über die Güte des dortigen künstlerischen Schaffens.
Damit ist es aber noch nicht genug. Zu richtiger Fahrt läuft der Kommentator erst auf, als es um die seiner Ansicht nach unzulässige politische Ausrichtung und Einmischung der auf der Latinale vertretenen Künstler und Kuratoren geht. Eine Künstlerin: „Seit 1973 sind wir vom neoliberalen Wirtschaftsmodell eingezwängt worden, und in diesen Tagen ist die Zwangsjacke zerplatzt. Den Frauen ist es gelungen, sich zu befreien und den Staat als ihren Hauptunterdrücker auszumachen.“
Damit hat sie eindeutig die Geschmacksgrenze des kulturellen Sittenwächters überschritten, der sich jetzt zur ganzen Höhe seiner Mainstream-Arroganz emporschwingt und die aufmüpfige Latina radiokommentatorisch und westlich-paternalistisch zur Besinnung und Ordnung ruft: „Der chilenische Staat als Hauptunterdrücker der Frauen?? Da durfte man sich als Zuhörer schon wundern“, lässt der Sprecher mit bemüht ironischem Unterton seine Zuhörer wissen.
Danach wird im Originalton eine Moderatorin zitiert, die ein paar richtige Sätze sagt zum Aufstand der lateinamerikanischen Völker gegen die neoliberalen Regimes der Region und die brutale Herrschaft, die in Ländern wie Chile und Bolivien gegen die Bevölkerung exekutiert wird. Sie benennt diese Zustände korrekt als Folgen von Imperialismus und Kolonialismus.
Auch hier wird der Kommentar seinem Klassenauftrag gerecht und kanzelt solche Anwandlungen ab: „Soll ein Beispiel dafür etwa auch der durch die Proteste in Bolivien herbeigeführte Rücktritt von Präsident Morales sein?… Etwas komplexer, als sich das manche Vertreter der Post-Kolonialismus-Forschung und Gender Studies wünschen ist die Welt dann leider oder zum Glück doch.“
Zum Schluss lässt er die geneigte Zuhörerschaft noch wissen, dass die einzig taugliche Poesie auf der „Latinale“ – Überraschung! – die unpolitische gewesen sei, nämlich ein Gedicht über das Aussterben des Patios (typische Innhöfe z.B. in Kolumbien).
Man spürt förmlich, wie sich der Autor mental gemütlich in seinen Club-Sessel zurücklehnt, eine Zigarre anzündet und sich virtuell selber auf die Schulter dafür klopft, wie gut er es diesen schwarzhaarigen revoluzzenden Latino-Kulturbanausen mal wieder gezeigt hat.
Auf dem Weg zur Arbeit mittwochs morgens bemerke ich schon auf den ersten Metern Fahrt, dass das Auto nicht wie sonst fährt. Der Motor rumpelt und pumpelt in einer anderen Frequenz als sonst, so als führe er nur mit zwei Ventilen, Zylindern oder wie immer die entsprechenden Einzelteile der Maschinerie benannt sind, die in dem Motorblock verbaut sind. Fast wie ein Asthmatiker, der nur noch mit eingeschränkter Lungenfunktion atmet. Im Leerlauf vor jeder roten Ampel fürchte ich, dass das asthmatische Stottern des Motors in ein verendendes Röcheln übergeht und mir die Weiterfahrt unmöglich macht, beschleunigen kann ich nur noch auf maximal 60 km/h.
Kurzum, der vierrädrige Untersatz, das unerlässliche Transportgerät für Arbeitsweg, Hundetagesstätte und Einkäufe, schwächelt – und bedroht dadurch den ganzen geregelten Ablauf der Lohnarbeiterexistenz von gleich zwei Personen und einem Hund. Denn obwohl ich der alleinige Fahrer bin (die Frau benutzt öffentliche Verkehrsmittel für ihren 60 km langen Arbeitsweg), ist die gemeinsame werktägliche Routine so abgestimmt und austariert, dass ein Ausfall des Kfz sofort mit schwierigsten logistischen Problemen einhergeht.
Hinzu kommt, dass das Auto erst vor fünf Monaten im Rahmen einer aufwendigen Reparatur einen Betrag verschlungen hat, der zweien meiner Netto-Monatslöhne entspricht und nun mit exakt demselben Problem erneut auffällig wird. Es hilft aber alles nichts, ich muss laut Fehlermeldung im Display und Hinweis der Betriebsanleitung zügig die nächste Werkstatt des bayerischen Herstellers ansteuern. Da es weit und breit nur eine einzige gibt – eben die, welche uns vor kurzem noch 2.500 Euro abgeknöpft hat – bringe ich den Wagen dorthin; auch in der Annahme und Erwartung, dass ein identischer Fehler, der innerhalb eines halben Jahres nach Reparatur auftritt, ja wohl irgendwie unter „Gewährleistung“ oder wenigstens „Kulanz“ verbuchbar ist.
Zu irgendwelchen Preisverhandlungen komme ich aber gar nicht; die nette Dame am Empfang nimmt nur meine Autoschlüssel entgegen und sagt, man würde mich anrufen, wenn die Fahrzeugdaten ausgelesen worden seien. Nach zwei Tagen ohne Rückmeldung der Händlerwerkstatt rufe ich an, um den Stand der Dinge in Erfahrung zu bringen. Man vertröstet mich auf den Beginn kommender Woche und versichert mir, dass mein Fahrzeug nur eins von vielen defekten und Pannenfahrzeugen sei, die alle der Reihe nach abgearbeitet würden.
In der Zwischenzeit muss ich mit Bahn und Bus zur Arbeit fahren, die Frau sich einen Tag zur Hundebeaufsichtigung frei nehmen, ein Auto für Montag und Dienstag der kommenden Woche angemietet und eine Menge logistischer Überlegungen angestellt werden.
„Können wir nicht auch mal Glück haben?“ stöhnt die Frau entnervt. „Immer, wenn man grad mal denkt, es geht wieder, kommt der nächste Hammer!“
Außer „Heute ist Freitag der Dreizehnte…“ fällt mir dazu nichts ein.
Mich als armutsgewohnten Niedriglohnbezieher läßt die Situation kälter, da das Damoklesschwert plötzlicher, unerwarteter Ausgaben sowieso beständig über mir schwebte, bis ich vor zweieinhalb Jahren mein ostdeutsches Single-Leben aufgab und zur Frau ins westdeutsche Exil umzog. Trotzdem ist mir natürlich mulmig beim Gedanken an eine eventuelle weitere vierstellige Rechnung für eine Autoreparatur. Im Geiste durchdenke ich schon mal die Möglichkeiten eines Lebens ohne Auto: keine schönen Aussichten.
Wir stehen in der Küche vor der laufenden Geschirrspülmaschine und sind uns schnell darüber einig, dass KEIN Auto keine Option ist, als plötzlich aus dem Inneren des hochwertigen Haushaltshelfers ein knarzendes und schepperndes Geräusch ertönt. Die Frau, aufs Höchste alarmiert, unterbricht den Spülvorgang durch Öffnen der Gerätetür. Am Boden der Spülmaschine hat sich eine Menge Wasser angesammelt, von der wir nicht sicher sind, ob die da hingehört oder Anzeichen einer Fehlfunktion ist.
Die Frau schöpft das Wasser ab, wir räumen das Geschirr vorsichtshalber raus und starten den Spülvorgang neu. Es scheppert und klappert weiter. An dieser Stelle denken wir beide „Auch das noch!“ und sehen vor unserem inneren Auge Geldströme von substantieller Größe von unseren Konten in Richtung Händlerwerkstatt und Geschirrspüler-Kundendienst fließen .
„Ich geh erstmal einkaufen“, verkünde ich, um an der frischen Luft die Sachlage neu zu bewerten. „Ja, bring mir einen Weißwein mit!“ ruft die Frau mir hinterher. Ich lasse mir Zeit mit dem Einkauf und finde, als ich zurückkomme, eine bestens gestimmte Frau vor, die mir als erstes verkündet: „Ich weiß, was mit der Spülmaschine los ist!“. Sie hat nämlich in der Zwischenzeit – blond, aber nicht blöd – auf YouTube Erklärvideos zur Behebung von Verstopfungen des Rücklaufventils bei unserem Spülmaschinentyp gefunden.
Ich soll mir das jetzt auch angucken und nach den Anweisungen des Herstellerprofis im Video das Rücklaufventil säubern. Tatsächlich kriege ich das trotz zwei linker Hände auch hin, das dreckige Geschirr wird wieder eingeräumt, die Maschine gestartet und alsbald erklingt das vertraute leise Rumpeln des Spülvorganges durch die Küche.
Daraufhin die Frau so: „Boah, gieß‘ uns mal von dem Wein ein, darauf müssen wir anstoßen!“. Ich entspreche ihrem Wunsch und nach dem ersten Schluck schickt sie noch folgenden Stoßseufzer hinterher: „Also, wenn die jetzt auch noch kaputtgegangen wäre und Geld gekostet hätte, dann hätte ich mir die Pulle direkt an den Mund gesetzt und leer getrunken und gedacht ‘Nach mir die Sintflut!‘“
Frau: (lamentiert aus einem anderen Zimmer über Hausstaub und diesbezüglich zu treffende Maßnahmen)
Ich so: „ Dir ist schon klar, dass dein Putz- und Sauberkeitsfimmel leicht neurotische Züge aufweist…?“
Frau: „Man könnte auch sagen, dass du nichts siehst und nichts sehen willst! Überall breitet der Herr Gemahl sich aus und verteilt seine Elektrogeräte, und die machen nämlich den Dreck! Du und der Hund, ihr seid die Dreckschleudern hier!“
Ich so: (bedanke mich innerlich beim Universum, dass mir der Röntgenblick für einzelne Staubkörner NICHT in die Wiege gelegt wurde)
Häusliche Debatte über Medienkonsum und abendliche Bildschirmalternativen an diesem ersten kalten, regnerischen und ungemütlichen Novembertag.
Frau so: „Kuck mal, was es im Fernsehen gibt. Ich brauch was Leichtes zur Ablenkung…“
Ich (alarmiert): „O nee, aber nicht irgendsoeinen Volksverblödungsscheiss von der Degeto-Stange! Es gibt genügend gute Filme auf Netflix oder Prime oder YouTube, es muss doch nicht das staatliche Massenmedium sein…“
Frau (unbelehrbar): „Nee, ich kann mit diesem Serienkram und Ami-Filmen nichts anfangen. Ich will leichte Unterhaltung! Auf deutsch!“
Ich (schon resigniert): „Du bist unverbesserlich, was cineastische Rezeption und Zugang zu guten Filmen betrifft…“
Frau so (grinsend): „Ja, du hättest dir ja so eine Intellektuelle zulegen können, die mit dir deine komischen Filme kuckt. Dafür kann sie dann nicht kochen. Ein bißchen Verschnitt ist halt immer.“
Nach einer Runde Zeichnen in der WLAN-entferntesten Ecke der Wohnung will ich die Resultate als PSD Dateien exportieren, damit ich sie später drucktauglich aufbereiten kann.
Frau so: „Was machst du?“
Ich: „Ich bring das Tablet in die Nähe der WLAN-Quelle, damit die Bilddateien schneller hochgeladen werden.“
Frau, unbeeindruckt: „Interessiert sich eigentlich jemand dafür? Bestellt das jemand?“
Ich: „Ich zeichne doch nicht, damit das jemand kauft… ich zeichne, weil ich es gern tue; mir doch egal, ob es verkäuflich ist… Das wäre ja so, als ob ich dich fragen würde, ob das Essen, das du kochst, irgendjemand bestellt hat und dafür bezahlt…“
Frau so: „Das isst du ja immerhin, und dir schmeckt‘s!“
Einmal die Woche geht die Frau abends in Neuss zum Yoga. Danach fährt sie mit der Straßenbahn zurück nach Oberkassel.
Diesmal berichtet sie von folgender Begebenheit: am Neusser Hauptbahnhof wartet sie, begleitet von einer Freundin, auf die U75 nach Düsseldorf. Die beiden stehen am Ende des Bahnsteigs und unterhalten sich, weitere Wartende stehen ca. 20m entfernt.
Ein Jugendlicher oder junger Mann, ca 20 Jahre alt, spricht sie an mit den Worten: „Ey deutsche Frau, ich will mit dir reden!“
Die Frau so: „Ich aber nicht mit Dir“.
Der Jungspund wiederholt seine Forderung mit mehr Nachdruck. Jetzt mischt sich die Freundin ein: „Siehst du nicht dass wir uns unterhalten? Wir wollen nicht mit dir reden!“
Daraufhin setzt der Belästiger zu einer Beschimpfungskanonade an, die sich gewaschen hat. Es fallen Worte wie „Ihr Scheiss-Schlampen“ und zahllose mit als Schimpfwort intendierten Nennungen weiblicher Sexualorgane. Das Ganze zieht sich über etliche Minuten hin, die beiden Frauen versuchen, den Belästiger zu ignorieren, keiner der anderen Wartenden greift ein.
Am selben Tag erfährt man aus der Zeitung, dass der Polizei ein Fahndungserfolg im Fall einer 51-jährigen Düsseldorferin gelungen ist, die von mehreren Jugendlichen in den Stadtpark gelockt und dort vergewaltigt, beraubt und verletzt wurde. Alle Täter Ausländer, zwei davon sogenannte Intensiv-Straftäter (weshalb die Polizei ihre DNA bereits in den einschlägigen Datenbanken hatte, was jetzt zur Festnahme führte).
Ich erzähle das nicht, um Stimmung gegen Ausländer oder Flüchtlinge zu machen (solche Belästigungen können auch durch biodeutsche Jungmänner mit Hormonstau erfolgen), sondern als Beispiel der Verrohung der Sitten in der Konkurrenzgesellschaft. Der öffentliche Raum ist für Frauen kein sicherer Ort, jederzeit müssen sie mit sexualisierter Gewalt (wozu auch verbale Anmache und Beschimpfung gehört) rechnen.
Fazit: ab sofort hole ich die Frau abends nach dem Sport mit dem Auto ab. Sicher ist sicher.
Beim Einkaufen im Düsseldorfer High-End-Stadtteil Oberkassel.
Vorm Rewe sitzt heute die “rechtmäßige” Inhaberin des Bettler- und Obdachlosenzeitungsverkäufer-Platzes, eine biodeutsche Arbeiterin, die sich nach eigener Aussage in 45 Jahren Akkordarbeit die Knochen ruiniert hat. Sie sitzt auf einem sehr guten mobilen behindertengerechten Elektromobilroller, ihr Hündchen in eine Decke eingepackt im Fussbereich des Gefährtes, und verkauft die Düsseldorfer Obdachlosenzeitung “Fifty-Fifty”.
Ihre Standplatzkonkurrentin, eine etwa gleichaltrige Frau aus Tschechien, hat sich angesichts der unbestreitbaren Platzhirschrechte der E-Mobilrollerfahrerin zwanzig Meter weiter in Richtung der Marktbuden vor der St. Antonius-Kirche verzogen.
Ich begrüße die eindeutig gesundheitlich beeinträchtigte Zeitungsverkäuferin mit einem scherzhaften “Na, wieder die Konkurrenz vom angestammten Platz verscheucht?”.
Daraufhin erklärt sie mir erst mal die Sachlage, jedenfalls aus ihrer Sicht:
“Die weiss genau, dass das hier mein Platz ist! Die kommt ja auch gerade aus dem Urlaub… Hab ich doch gesehen, wie die sie hier gerade abgesetzt haben… Die hat übrigens eine Eigentumswohnung in Neuss: ist kein Wunder, dass die hier bettelt und nicht in Neuss…” usw.
Das mit dem Urlaub kann ich schon mal anhand eigener Anschauung widerlegen, da die Tschechin seit Wochen und Monaten jeden Tag vorm Rewe zu sehen ist (ausser ihre deutsche Konkurrentin taucht auf). Daher erscheinen mir auch die anderen Behauptungen eher auf Gerüchten, Neid und übler Nachrede zu beruhen und ich frage die “Fifty-Fifty”-Verkäuferin, woher sie das wisse. Die Antwort bleibt aus, dafür klärt mich die Elektrorollstuhlfahrerin über ein paar Gepflogenheiten ihres Gewerbes auf, die die tschechische Konkurrentin tatsächlich nicht einhält, wie z.B. Leute ansprechen.
Grundregel der Zeitungsverkäufer ist nämlich , die Leute nicht anzusprechen. “Fifty-Fifty”-Verkäufer haben sich mit dem Blatt einfach nur hinzustellen und auf aktive Ansprache durch interessierte Käufer zu warten. Sie tragen einen Ausweis sichtbar bei sich, der sie als berechtigte Zeitungsverkäufer kennzeichnet. Dieser Ausweis, so erfahre ich von meiner Gesprächspartnern, wird natürlich gern gefälscht. Die tschechische Konkurrentin hat allerdings, im Gegensatz zu den rumänischen Wettbewerbern, die ebenfalls bei Rewe (allerdings am Hinterausgang) und gegenüber vor der Post, auf Kundschaft warten, einen echten “Fifty-Fifty”-Ausweis. “Den benutzt die aber nicht, das Zeitungsverkaufen bringt der nicht genügend ein”, informiert mich meine Gesprächspartnerin. Es folgt noch eine Tirade von Anschuldigungen und Unterstellungen über die anderen Deklassierten, vorzugsweise aus anderen EU-Staaten, die sich aus ihrer Sicht hier alle unberechtigterweise in den Konkurrenzkampf um Almosen begeben und – sofern sie jung genug sind – sowieso “lieber arbeiten gehen sollten”
Mein Einwand, dass Lohnarbeit heutzutage nicht so einfach verfügbar sei, kontert sie marktwirtschaftlich adäquat mit der finalen Bemerkung: “Wer arbeiten will, findet auch eine Arbeit!”
Dass das auf sie selbst schon altersbedingt nicht mehr zutrifft, ist mir klar, aber wie um mich auf die rechte Spur zu bringen, schickt sie noch hinterher “Ich hab mein Leben lang gearbeitet, 45 Jahre, jetzt hab ich die Knochen kaputt und kann hier ‘Fifty-Fifty’ verkaufe…”
Ich verabschiede mich und gehe meiner Wege, dabei über die Verhältnisse sinnierend, in denen selbst die Verarschten und Deklassierten sich gegenseitig nicht die Butter aufs Brot gönnen.
Der letztwöchige Besuch bei der Verwandtschaft der Frau war ein Ausflug in das Leben der Oberschicht. Die besuchte Cousine bewohnt eine gigantische Villa mit riesigem Garten in einer der Oberklassen-Gemeinden nördlich von Frankfurt. Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann arbeitet in den USA im finanzkapitalistischen Sektor für einen Investmentkonzern, das Vermögen ist in einer Stiftung angelegt.
Im Gegensatz zu der in ähnlichen Klassenprivilegien lebenden Schwester der Frau (die vor lauter Klassenarroganz ihren – angeheirateten – Wohlstand nicht nur für ihr höchst eigenes Verdienst hält, sondern als Ausweis ihrer menschlichen und moralischen Überlegenheit über monetär minderbemitteltere Zeitgenossen sieht), ist die Cousine allerdings „normal“ geblieben, hat Humor und das Herz auf dem rechten Fleck. Die Tatsache, dass sie sich sowohl ihre Empfindsamkeit wie eine gewisse unverstellte Sicht auf die Conditio Humana bewahrt hat, manifestiert sich allerdings in einem ausgiebigen Gebrauch legaler Drogen.
Umgang und Gespräche mit ihr sind jedoch erfrischend, unterhaltsam und mitunter tiefgründig. Anläßlich eines bei ihr im Hause vergessenen Anoraks kommt es zu einem Telefonat, indem sie mir folgende Anekdote mitteilt: „Weisst du was das Beste ist? Pass auf, der J. (Ihr Mann) und ich haben uns fast eingenässt vor Lachen: Deine Schwiegermutter hat meine Mutter angerufen, damit die mich warnt. ‚Sag mal deiner Tochter, dass der Kay ein Kommunist ist. Also nicht nur irgendsoein Linker, sondern Kommunist durch und durch!‘“
Ich muss ebenfalls loslachen und fühle mich wie in einem bizarren antikommunistischen Film aus der McCarthy-Ära. Ich schlage meiner Gesprächspartnerin vor, lieber vorsichtig zu sein und schnell aufzulegen – sonst würde ihr nachts noch Stalin erscheinen oder plötzlich „Die Internationale“ als Klingelton ihres Smartphones ertönen…
Wir reden dann aber doch noch eine Weile weiter und amüsieren uns gemeinsam über den putzigen Versuch ihrer Tante/meiner Schwiegermutter, unter dem Vorwand der wohlmeinenden Warnung vor abweichenden Meinungen Zwietracht zu stiften und sich selbstwichtig in Szene zu setzen. Da mir durch meinen täglichen Umgang mit Hochaltrigen, Dementen und altersbedingt verwirrten Menschen sowieso nichts Menschliches fremd ist, weiss ich die Einlassung meines alten Schwiegermütterchens – Produzentin der republikweit allerbesten Blaubeer-Pfannkuchen – richtig einzuschätzen und beschließe, beim nächsten Besuch mal mein DDR-blaues T-Shirt mit der Aufschrift „Brigade der sozialistischen Arbeit“ anzuziehen.
Für mich interessant: meine anthropologischen Feldstudien in EINER Familie mit zwei Sorten Bourgeois durchführen zu können. Sowohl die klassischen Exemplare voller Standesdünkel und Klassenarroganz als auch menschlich korrekte Vertreter ihrer Klasse, die einfach Fachleute der kapitalistischen Geldvermehrung sind, weil das die Welt ist, in die sie geboren wurden und in der sie für sich das Beste rausholen. Opfer des Ausbeutersystems sind sie (genau wie die lohnabhängige Klasse sowieso) beide, selbst wenn sie sich auf der Gewinnerseite der gesellschaftlichen Hierarchie wähnen.