Warum ich während der Lindenblüte nicht vor der Haustür parke

Tauben lieben scheinbar Lindenblüten. Jedenfalls sitzen die vollgefressenen „Ratten der Lüfte“ während der Blüte dieser Bäume zuhauf auf den Ästen, laben sich an den Blüten und Blättern und lassen ihren ätzenden Kot in noch enormeren Mengen als ohnehin schon üblich unter sich.

Als schlauer Anwohner weiß ich das natürlich und parke das Auto ein paar Wochen lang in Nebenstraßen ohne Bäume oder gleich am Rhein. Auswärtige dagegen, oder Anwohner, die in ihrer Verzweiflung und nach endlosen Runden um den Block ihren Wagen doch unter den Bäumen parken, erwartet am nächsten Morgen ein grauenvoller Anblick.

Wie mir eine sachkundige Nachbarin erzählte, verursacht der Taubenkot tatsächlich solche Lackschäden, dass die Leasing-Unternehmen die Schlusszahlung ohne mit der Wimper zu zucken um teilweise vierstellige Beträge erhöhen, wegen Wertminderung des Kfz. Die einzige Methode, sich anschließend des Alien-mäßigen Säurefraßes zu entledigen ist geduldiges Einweichen und Entfernen mit in kaltes Wasser getunktem Zeitungspapier.

Den Besitzern der einschlägigen SUVs gönne ich allerdings von ganzem Herzen den Wertverlust ihrer Schlachtschiffe und Hausfrauenpanzer, mit denen sie ihre Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsbereitschaft demonstrieren und die Parkflächen vollstellen.

Hausgemeinschafts-Alarm: Wohnen muss man sich leisten können

Die Mieterin im 1. Stock im Vier-Parteien-Haus zieht aus. Nach dem Auszug ihrer beiden erwachsenen Töchter kann sie alleine sich die Miete nicht mehr leisten.

Hinzu kommt, dass der Vermieter, der das Haus vor einigen Jahren als Einkommensquelle erworben hat, den gesetzlichen Rahmen für Mietsteigerungen ausnutzt und alle drei Jahre die Miete um die maximal erlaubten 15% erhöht.

Die Mieterin im zweiten Stock, ebenfalls alleinstehend und seit über 30 Jahren hier wohnhaft, kann sich nach den diversen Mieterhöhungen der letzten Jahre gerade noch so über Wasser halten, wenn sie auf alle persönlichen Aufwendungen verzichtet, die nicht zum unmittelbaren Überleben notwendig sind.

Sie steht allerdings kurz vor der Aufgabe, weil sie es einfach nicht mehr gebacken kriegt. Mehrfache Eingaben an und Gespräche mit dem Vermieter haben ihr gezeigt, dass der Mann sein Investment in die Immobilie marktwirtschaftlich sachgerecht als Revenuequelle nutzt und systemgemäß keine Rücksicht auf die finanzielle Situation seiner Mieter zu nehmen bereit ist.

Wir selber – die Frau und ich – sind als zuletzt hinzugekommene Mieter von vornherein schon mit einer „ortsüblichen Miete“ bedacht worden, müssen uns nach nunmehr drei Jahren aber ebenfalls auf eine Mieterhöhung einstellen.

Dass der Eigentümer seine Einkommensquelle optimiert, indem er seine Mieter soweit ausquetscht, wie es die Gesetzeslage zulässt (selbst seine Grundsteuer und Gebäudeversicherung darf er – so sorgt der Staat für die Klasse der Grundbesitzer – auf die Mieter abwälzen), liegt in der Natur der Eigentumsordnung in diesem Reich der Freiheit.

Mein erster Gedanke angesichts der Option, demnächst an die 150 Euro mehr Miete zahlen zu müssen: dem Vermieter zu sagen, dass ich gerne bereit bin, ihm durch diesen Mehrbetrag zu weiteren Reichtum zu verhelfen – vorausgesetzt, mein Lohn erhöht sich ebenfalls alle drei Jahren um 15%.

Da dies vor der bürgerlichen Gerichtsbarkeit, die dem Schutz und Erhalt des Eigentums verpflichtet ist, kaum Bestand haben wird, bleibt nur das Abwägen, ob ein Unzug in eine billigere Wohnung nicht letztlich ebenso kostspielig ist wie das zähneknirschende Akzeptieren des staatliche sanktionierten Bereicherungsautomatismus zugunsten der besitzenden Klasse.

Unterm Strich wieder mal ein guter Grund, dem gesamten Dreckskapitalismus und seiner Geschäftemacherei mit den Überlebensnotwendigkeiten der Leute die Pest an den Hals und ein baldiges Ende zu wünschen.

Geschichten, die das Leben schrieb: Schwiegermuttertelefonate und die Sorgen der Reichen

In den obligatorischen Telefonaten mit ihrer Mutter informiert die Frau erstere über Neuigkeiten und spannende Details unseres Lebens, wie zum Beispiel was es zu essen gab, gibt und geben wird, oder wie es dem Hund geht.

Zu 90% allerdings besteht der Gesprächsinhalt aus dem aktuellen Tratsch und dem Mitteilungsbedürfnis der 81-Jährigen, deren mannigfaltige Sorgen und Gesundheitsprobleme von einer ausgeprägten Hypochondrie gespeist werden (wodurch meine Schwiegermutter allerlei Ärzten, Fachärzten, Alternativmedizinern und diversen Scharlatanen zu regelmäßigen Einkünften verhilft).

Heute aber sind ihre Betrachtungen von ganz anderen, viel schlimmeren Nöten bestimmt: ihrer sehr guten Freundin B. gehe es nämlich ganz schlecht, sie weine immer wieder und wisse überhaupt nicht mehr ein noch aus.

Die Schwiegermutter wird selber ganz aufgeregt, als sie über die furchtbare Last berichtet, die ihre Freundin bedrückt: „wegen Corona“ könne diese kaum noch schlafen, so bedrohlich finde sie die Situation. Allerdings nicht, weil sie befürchtet, an dem Virus zu erkranken. Nein, „die hat doch so viel Vermögen, und jetzt weiß die gar nicht, wie das alles weitergeht“, sie hätte doch ihr ganzes Leben so hart dafür gearbeitet, im Alter aus dem Vollen schöpfen zu können usw.

Meine Liebste, die mir anschließend von dem Gespräch berichtet, fügt als zusätzliche Information noch an, dass besagte B. sich ihr beträchtliches Vermögen mitnichten „hart erarbeitet“, sondern komfortabel ererbt hat.

Mein Mitgefühl hält sich in Grenzen, gegen die die Staatsgrenze West der DDR ein Kinderspiel war; irgendwie bin ich auch froh, mangels Vermögen gar nicht in die Lage zu kommen, von Verlustängsten heimgesucht zu werden. Jedenfalls scheint mir diese Anekdote bezeichnend zu sein für einen Geisteszustand, der bei vielen Angehörigen der (noch) wohlbestallten Mittel- und Oberschicht virulent (sic!) ist.

Die einzigen Fragen, die diese saturierten Demokraten sich stellen, sind: Wie lange geht das noch so? Wo soll das alles enden? Wann kehrt alles endlich wieder zu der Normalität zurück, die mir meine Revenuequelle garantiert?

Jedenfalls ganz klar ein potentielles Mitglied für „Widerstand 2020“, denn Schuld an diesem ganzen furchtbaren Schlamassel sind natürlich „die Politiker“, die leichtfertig „unsere Wirtschaft“ an den Rand des Abgrundes stoßen und anständige Bürger womöglich zwingen, von weniger als 10.000 Euro im Monat leben zu müssen

Akkordmasken

Der türkische Änderungsschneider an der Ecke (einer von vielen im Viertel) hat seine Produktion fast komplett auf Atemschutzmasken umgestellt. „Wir ändern auch noch, aber ganz wenig“, teilt die geschäftstüchtige Chefin mit.

Ihre drei männlichen Mitarbeiter an den Nähmaschinen arbeiten im Akkord an den Masken. Allerdings die Gummi-Verteuerung! Ganz böse Sache, wie die Chefin sich beschwert: Gummiband von der Rolle kostet plötzlich fast doppelt soviel wie vorher, so dass diese sympathische Geschäftsfrau sich gezwungen sieht, die Masken mittlerweile zum Stückpreis von 8 Euro über den Ladentisch zu geben (vorher 6 Euro).

Zu Qualität und Tragekomfort ist anzumerken, dass die Teile gut sitzen, angenehm zu tragen sind, aus 100%iger Baumwolle bestehen, und dass sie in ansprechenden Farben von coolem Schwarz oder medizinischem Weiß bis zu farbigen Mustern angeboten werden.

Geschichten die das Leben schrieb: Prioritäten

Ein neues Bild, das anstelle des vorigen an der Wand hängt, wird von der Frau nach ca. einer Woche bemerkt. Zumindest kommentiert sie es nach diesem Zeitraum erstmals.

Es entspinnt sich folgender Dialog:

Ich so: „Ich wollte mal sehen, wie lange es dauert, bis du es bemerkst..“

Frau so: „Natürlich hab ich es bemerkt. Du hältst mich wohl für minderbemittelt.

Ich: „Nein, du bist absolut ÜBERbemittelt…“

Nach einer geschickten Kunstpause füge ich noch an „… was den Haushalt betrifft.“

Der Köder wird geschluckt: „Nur im Haushalt?! Und sonst?“

Ich (in neutralem Tonfall): „Was große Zusammenhänge betrifft, geopolitische Fragen zum Beispiel oder die polit-ökonomische Struktur der Gesellschaft, die Funktionsweise des Kapitalismus und so weiter – da bist du tatsächlich etwas minderbemittelt.“

Die Frau schenkt mit ihr reizendstes Lächeln und gibt zuckersüß zur Antwort: „Ach, das geht mir alles am Arsch vorbei, solange ich kochen und putzen kann!“

Geschichten die das Leben schrieb: das Pascha-Sofa

Die Frau räumt die Spielsachen des Hundes auf, die dieser im Wohnzimmer verteilt hat. Anschließend baut sie sich vorm Sofa auf, meiner heutigen Kommandozentrale für die Steuerung von Informationsbeschaffung, Netflix und AirPlay.

So, das Hündchen ist versorgt. Und was macht das Herrchen?“, fragt sie.

Ich verlagere mich in eine minimal aufrechtere Position ohne die zahllosen Fernbedienungen und Endgeräte außer Reichweite zu schieben und erkundige mich unschuldig: „Wolltest du mir nicht einen Tee kochen?“

Tatsächlich hatte meine Herzdame mir genau dieses Angebot vor geraumer Zeit gemacht. Inzwischen scheint sie das Verwöhnprogramm aber etwas herunterfahren zu wollen und entgegnet: „Du führst hier ein ganz schönes Pascha-Leben!“

Naja“, erwidere ich halbwegs schlagfertig, „ich liege ja auch auf einem Pascha-Sofa…“

In punkto Schlagfertigkeit hält die Frau aber locker mit, denn ihre Replik lautet.

„Achja? Soll ich vielleicht auch noch ein bißchen nacktputzen?“

Geschichten die das Leben schrieb: Putzen will gelernt sein

Bei der Verteilung der häuslichen Aufräum- und Putztätigkeiten übernimmt die Frau freiwillig und aus Neigung den Löwenanteil der Aufgaben. Ich selber sehe von mir aus wenig nlaß, diesen Zustand zu ändern, da mir ohnehin (vermutlich biologisch bedingt) der Röntgenblick für einzelne Staubkörnchen und Wasserspritzer fehlt.

Gelegentlich jedoch bewegt diese im Grunde ideale Ordnung der häuslichen Dinge meine Herzenskönigin zu gewissen Anmerkungen, die im schlimmsten Falle sogar in An- bzw. Aufforderungen an mich gipfeln, meinen überschaubaren Anteil an der Hausarbeit aufzustocken.

Da mir Frieden und Harmonie im täglichen Leben heilig ist, gehe ich natürlich darauf ein und versuche, mit wohldosierten Wisch-, Putz- und Aufräumeinsätzen größeres Ungemach zu vermeiden.

Beim heutigen Betreten des Arbeitszimmers fallen mir Staubschichten und Vasenwasserflecken auf einer schwarzen Schrankoberfläche auf. DIE Gelegenheit für einen unaufwändigen, aber wirkungsvollen Reinigungseinsaz!, denke ich mir, räume die Oberfläche leer und putze sie vorschriftsmäßig mit einem feuchten Mikrofasertuch ab.

Nach dieser Großtat muss ich mich natürlich erstmal erholen und begebe mich in meinen Lieblingssessel, um ein bisschen zu zeichnen. Als ich den Tee-Nachschub aus der Küche holen gehe, sehe ich die Frau im Arbeitszimmer eben diese Oberfläche wischen, die ich gerade selber toppi-toppi in Ordnung gebracht habe.

Da musst du nicht putzen, das hab ich vorhin schon gemacht!“ rufe ich ihr non-chalant und beiläufig zu, um den Eindruck zu erwecken, dass solche Tätigkeiten alltägliche Selbstverständlichkeiten für mich sind. Aber anstatt beschämt den Putzvorgang zu unterbrechen, belehrt mich die Gattin über putztechnische Versäumnisse meinerseits: „Ja, die Oberfläche vielleicht. Aber zum Putzen gehört auch, dass man das Zeug was draufsteht abwischt…“

Ich kontere: „Boah, ich putze hier nie wieder irgend was!“

Die Frau so (lachend): „Nützt eh nichts!“

Geschichten die das Leben schrieb: Frohsinnsalarm

Schon auf der morgendlichen Runde mit dem Hund sehe ich verkleidete Menschen auf den Straßen: Gruppen von Frauen, die in Ganzkörper-Hühnerkostümen in Vorfreude auf den heute fälligen Altweiberfrohsinn das gemeinsame Gackern üben; Jungmännerhorden in einfallsloser Alibi-Kostümierung, fest entschlossen, sich bereits am Morgen die Kante zu geben und akustisch dominierend durch raues, neandertalerhaftes Gröhlen.

Dazwischen lauter Figuren mit irgendwelchen Insignien ernsthaftester Spaßbereitschaft wie blauen oder regenbogenfarbigen Perücken, Gesichtsbemalung usw. Selbst die rumänische Inhaberin des Friseursalons an der Ecke erscheint heute in Prinzengarden-Uniform und irgendeine Zigarettenmarke macht Werbung mit dem Satz “Mutig: an Fasching in Köln ‘Helau!’ rufen” – kurzum: es ist “Altweiber”, wie der Faschingsprofi abkürzt, und ich bin in Düsseldorf. Es gibt also kein Entkommen.

Oder doch? Immerhin ist die eigene Wohnung faschingsfreie Zone.

Ich habe mich jedoch getäuscht: zurück von der Hunderunde empfängt mich die Gattin mit der Aufforderung, Radio anzumachen und der Frage, ob ich Berliner mitgebracht hättte. Auf meinen fragenden Blick hin erläutert sie mir die Sachlage: “Heut’ ist Karneval! Da muss man WDR2 oder Annette Düsseldorf (damit ist – lustig, lustig – der private Idiotensender Antenne Düsseldorf gemeint) hōren, weil die die Karnevalsmusik und die Reportagen von Altweiber bringen! Und man muss Berliner essen und Sekt trinken!”

Sie ist eben Düsseldorferin durch und durch, und hat somit das Karnevals-Gen per rheinländischer Sozialisation implantiert bekommen. Zur Arbeit ist sie gleich garnicht gegangen bzw. macht einen Home-Office-Tag. Aber selbst wenn sie zur Arbeit ginge, würde dort nicht gearbeitet, sondern mit Sekt und Berlinern bis Mittag gefrühstückt und danach bis Feierabend weiter gesoffen.

Ich beuge mich der häuslichen Gewalt und füge mich in mein Schicksal, während der lokale Radau-Sender Hardcore-Frohsinnsmusik dudelt.

Nachdem die Frau ihre Morgentoilette beendet hat, höre ich zu meiner Erleichterung “So, jetzt kannst du das Radio abdrehen…” und freue mich schon, aber der zweite Teil des Satzes ernüchtert mich gleich wieder: “… jetzt wird der Fernseher angemacht!”

Ich bringe gerade noch ein entnervtes Stöhnen zustande und kriege zur Antwort: “Kennst du das nicht? Du weisst wohl nicht, was man an Karneval macht!”

Berliner ess’ ich aber gerne.

Kommunistische Esoteriker?

Meinen esoterischen Freunden bin ich zu kommunistisch
Meinen kommunistischen Freunden zu esoterisch

Ich selber lache und weine über beide,
während ich auf dem Lebensfaden über den bodenlosen Abgrund schwanke,
in den Händen die Balancierstange aus Weisheit und Mitgefühl.

Eine kurze Weile noch auf dem Seil tanzen –
dann werde ich stolpern und fallen, endlich frei.

Geschichten, die das Leben schrieb: Nudelholzalarm!!

Frau so: “Ich rödel mir hier den Kipparsch und du musst so gut wie nichts im Haushalt machen. Und das Wenige um das man sich bittet, ‚vergisst‘ du oder es ist dir egal…!

Statt dich damit zu beschäftigen, welchen Hintergrund dein iPad hat oder endlose schlaue Gespräche mit deinen Internetkumpels zu führen, putz lieber mal die Treppe und bring das Leergut weg!!“

Ich so (sinnierend über den Unterschied zwischen Theorie und Praxis): „Seufz. Du hast in allem Recht, mein Schatz.“