Ich: (werkel in der Küche rum, spüle Töpfe ab etc.)
Die Frau so: „Ah, nee! Du setzt den ganzen Küchenboden unter Wasser!!“

Ich: (werkel in der Küche rum, spüle Töpfe ab etc.)
Die Frau so: „Ah, nee! Du setzt den ganzen Küchenboden unter Wasser!!“

WDR3 bringt mal wieder ein Interview mit einem „Kulturschaffenden“, einem Musiker scheinbar. Diesmal geht’s um Urheberrechte und die Uploadfilter im Internet und die anhängige Rechtsprechung und ähnliches Zeug.
Ich höre eine Weile zu, weiß zunächst nicht, wer da spricht und worum es geht, amüsiere mich aber über die genderblödsinnskorrekte Intonation des Interviewten, der ständig über „die Künstler innen“ redet, so dass man sich automatisch fragt, was denn mit den Künstlern draußen ist.
Dann legt der Mann in sachgerechtem Betroffenheitssprech seinen Unmut über die verbreitete Kritik an Uploadfiltern und sonstiger Netzzensur dar und bringt damit die Sache bestens um den marktwirtschaftlichen Punkt:
„Da hängen ja schließlich Urheber- und damit EIGENTUMSRECHTE dran, und Vermarktungsrechte! Das ist oft ja unsere einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen!“
Gleich wird er in Tränen ausbrechen, aber der Moderator beendet das Gespräch, bedankt sich für den Besuch im Studio und leitet über zur Musik.
Ein zauberhaftes Beispiel für eine Sorte Zeitgenossen, die sensibel und betroffen jeden Genderquatsch aufs Dämlichste nachsprechen und sich dabei gewisslich als moderne, aufgeklärte, wohlmeinende und generell das Gute, Wahre und Schöne fördernde Schöngeister empfinden – und die die knallharten Konditionen der Konkurrenzgesellschaft, vor allem aber das heilige Gesetz des kapitalistischen EIGENTUMS dermaßen verinnerlicht haben, dass es ihnen wie eine Selbstverständlichkeit des Lebens erscheint, über die man nur insofern nachdenkt, als man zusehen muss, dass man möglichst das Optimum für sich selbst rausschlägt.
#elenddermenschheit
#kapitalismuswaralskindschonscheisse
#grünergenderquatschistausbeutungmitzuckerguss
Beim morgendlichen Duschen fällt mir nach einer Weile auf, das ich noch mehr als sonst „das ganze Bad unter Wasser setze“, wie meine Liebste die paar Spritzer zu nennen beliebt, die bei einem Duschgang ihren Weg nach außerhalb der Wanne finden.
Alarmiert begutachte ich den Duschschlauch, von dem eine verdächtige Menge Wasser in einem dünnen Nebenstrahl bestimmungsfremd Ablage, Waschbecken und nähere wie weitere Umgebung einnässt. Das Ding ist hin, das Duschen muß abrupt beendet werden und die Untersuchung im getrockneten Zustand ergibt eine eindeutige Diagnose: ein neuer Duschschlauch muß her. Auch das nötige Werkzeug – eine Rohrzange – fehlt und muß gekauft werden.
Da ich Frühschicht habe, die Gattin noch schläft und ich unnötige Aufregung am Morgen lieber vermeide, hinterlasse ich eine Nachricht direkt über der Mischbatterie der Badewanne:
„Dusche bitte nicht betätigen. Duschschlauch ist kaputt, ich besorge nachher im OBI Werkzeug und einen neuen Schlauch – Dein Handwerkergott“
Soweit, so gut, die Schicht geht störungsfrei vorüber und auf dem Rückweg stoppe ich beim Baumarkt meines Vertrauens und besorge die benötigten Sachen. Zuhause steht die aufgrund der sanitären Notlage ungebadete Frau bereits erwartungsvoll neben der Wanne, während ich mit professioneller Miene meine Mitbringsel ablege.
Sodann mache ich mich mit Zuversicht und Kompetenz an die knifflige Aufgabe, den völlig verkalkten Schlauchanschluss von der Mischbatterie zu lösen. Nach wenigen Minuten stellt sich das als ein Ding der Unmöglichkeit heraus – entweder habe ich das falsche Werkzeug oder das Teil ist irgendwie auf molekularer Ebene mit dem Metall der Batterie verschmolzen und mit normalen Mitteln nicht mehr loszukriegen.
Zum Glück hat die Frau eine Verabredung und muss die Wohnung verlassen. „Du machst das mit dem Duschschlauch noch fertig, oder?“ ruft sie mir ermutigend zu und ist verschwunden. Keine 3 Minuten später habe ich mit Hilfe roher Gewalt zwar den Plastikteil des Schlauches losbekommen, das Gewinde allerdings, das ihn am Anschluss der Mischbatterie befestigt, um keinen Millimeter bewegen können.
Fluchend erkenne ich die Grenzen meinen handwerklichen Kompetenz an und beschließe, den einzigen ECHTEN Handwerkergott anzurufen, den ich kenne: den polnischen Superhandwerker P., ein Allroundkönner, der von Trockenbau bis Sanitärinstallation jede handwerkliche Tätigkeit aus dem Eff-Eff beherrscht und jederzeit bereit ist, sich ein bißchen Schwarzgeld dazuzuverdienen.
Zu meinem Glück hat P. heute tatsächlich Zeit und verspricht, in ca. anderthalb Stunden zu erscheinen. Ich bin erleichtert und lege mich erstmal für eine Runde Mittagsschlaf hin. Nach gefühlten 5 Minuten – in Wahrheit einer ganzen Stunde – werde ich geweckt durch die Rückkehr der Frau. Ihr erster Gang führt sie ins Bad, um das Resultat meiner Reparaturtätigkeit in Augenschein zu nehmen.
Als sie feststellt, dass nichts passiert ist, schaut sie mich konsterniert an und fordert eine Erklärung. „Ich konnte das nicht loskriegen. Nicht mit dem Werkzeug, das ich habe. Völlig unmöglich – da bewegt sich nichts! Ich hab’s versucht, aber keine Chance…“ erläutere ich ihr den Sachstand.
„Du kannst ja wirklich GAR NICHTS!!“ bricht es aus ihr heraus, wohl angesichts der Vorstellung auf ein zukünftiges Leben ohne Dusche, in dem sie das Wasser zum Haare waschen einzeln in Kännchen aus der Küche schleppen muss um es sich anschließend viertelliterweise händisch über den Kopf zu gießen.
Die Verärgerung der Gattin wächst sekundenweise in eine Dimension höchster Explosivität und Hysterie. „Handwerkergott? Haha!! Und wie stellst du dir das jetzt vor? Willst du das jetzt so lassen oder wie?!?“
Von einer Frau, die keine Zange von einem Hammer unterscheiden kann, läßt sich ein universal kompetenter Mann wie ich natürlich nicht anbitchen. Ich bleibe also cool wie der Nordpol, mit dem Wissen im Hintergrund, dass Super-P. jeden Moment hier auftauchen wird, und antworte lässig: „Naja, dann duschen wir eben mal eine Weile nicht. Wird schon gehen…“
Das hätte ich lieber nicht gesagt, denn nun sprengt die Verärgerung der Liebsten die Hysterieskala nach Xanthippe und wenn Worte Messer wären, hätte ich jetzt ein zerfetztes Gesicht. Unter Beschimpfungen und Flüchen zieht sie sich in die Küche zum Rauchen zurück. Ich genieße meinen Informationsvorsprung in Bezug auf die baldige Lösung unseres Duschschlauchproblems noch ein bißchen – schon um zu beobachten, wohin ihr Zorn sie noch führt – und beichte dann, dass unser polnischer Handwerkergott bereits unterwegs ist.
Innerhalb von Sekundenbruchteilen ist die Luft raus aus all der Aufregung und alles ist wieder gut. Fast! Denn jetzt kriege ich noch hinter die Ohren geschrieben: „Du darfst mich nie so hinters Licht führen! Das regt mich zu sehr auf!“ Eine Antwort in Richtung „Arbeite lieber mal an deinem Hysterieproblem bzw. überprüf mal deine Prioritäten im Hinblick auf die Wichtigkeit von Dingen“ liegt mir auf der Zunge, aber ich finde, ich habe für heute genug Spaß gehabt und muß nicht noch Öl ins fast verloschene Feuer gießen.
Schon klingelt es und unser Superpole steht vor der Tür. Im Handumdrehen hat er mit seinen uralten abgenutzten Rohrzangen (meine frisch gekaufte legt er mit freundlichem Grinsen beiseite und kommentiert „Musst du andere Zange kaufen! Diese hier glatt, brauchst du geriffelt!“) den Schlauch entfernt, alles wieder sachgerecht mit Dichtungen versehen und verschraubt und mir noch ein paar gute Tipps gegen Verkalkung (der Armaturen, nicht meines Gehirns) gegeben.
Als ich ihm Geld geben will, winkt er ab: „Nee, lass sein. Diesmal nicht. Nächstes Mal gibst du wieder Geld, heute nicht!“ Nach ein paar Versuchen, ihn doch zur Annahme eines Geldscheines zu bewegen, gebe ich auf – weiß ich denn, ob der Pole an sich (ähnlich wie der Italiener, besonders der kalabresische) nicht tödlich beleidigt ist durch mein Beharren, ihm Geld zuzustecken? Am Ende so, dass er nie wieder kommt??
So endet dieser Freitag der 13. versöhnlich und finanziell sehr glimpflich. Und ich habe jetzt eine 19,80 teure glatte Rohrzange von Lux-Tools, mit der ich bei jedem Sanitärfachbetrieb Eindruck schinden kann.

Die Frau kommt reichlich hitzegeschädigt von der Arbeit, an die sie noch einen Einkauf drangehängt hat. Sie drückt mir die Einkaufstaschen in die Hand, entledigt sich der durchgeschwitzten Kleider und geht erstmal ins Badezimmer, um sich vermittels eines Bades zu erfrischen.
Fünf Minuten später erscheint sie frisch gebadet und in sauberer Sommerbekleidung wieder und verkündet: „Ich mach jetzt erstmal Putzi-Putzi!“ (ihr Codewort für eine private Entspannungsmeditation, die sie zum „Runterkommen“ benötigt und die gewöhnliche Menschen als lästigen Hausputz kennen).
Dieses segensreiche Hobby meiner Liebsten hat den vernachlässigenswerten Nachteil, dass mich der hohe Standard der häuslichen Ordnung und Sauberkeit zwangsläufig zum verlotterten Dreckfinken macht, der niemals die hygienischen Mindestanforderungen einzuhalten in der Lage ist.
So auch diesmal: ein paar Krümel neben dem Schneidebrett ziehen erst die Aufmerksamkeit und dann den Unwillen der Gattin auf sich, bzw. auf MICH. Streng werde ich getadelt, die Küche gefälligst so zu hinterlassen, wie sie (die Frau) sie hinterlassen hat (also als staub- und mikrobenfreien Reinraum von labortechnischem Standard).
Gerade will ich beschämt irgendetwas Beschwichtigendes murmeln, da fällt mir ein schönes Gegenargument ein. „Ich würde mal einen ganz flachen Ball spielen, meine Liebste“, entgegne ich betont nonchalant. „Sonst müsste ich darüber reden, wer seine dreckigen Unterhosen im Arbeitszimmer auf dem Boden liegen lässt…“
Die Frau so (völlig unbeeindruckt): „Die muss noch lüften.“
Mir kommt Mark Twain in den Sinn, von dem der Spruch stammt, Schlagfertigkeit sei das, was einem nach 24 Stunden einfalle. Bei meiner Herzdame dauert es keine 24 Sekunden – ein Grund mehr, sie für die beste Frau der Welt zu halten.

Zurück in der Wohnung nach der letzten Runde mit dem Hund ziehe ich mir die verschwitzten Klamotten aus – und zwar alle – und spaziere nackt in die Küche, in der gefühlte 45 Grad herrschen. Da hat nämlich den ganzen Nachmittag die Sonne reingebrettert.

„Ich werde den Rest des Abends nackt verbringen!“, verkünde ich.
Die Frau mustert mich und kommentiert: „Nee, oder?“
„Nee, keine Sorge, du musst nicht den ganzen Abend den Anblick meines welken Fleisches ertragen“, beruhige ich die Gattin.
Sie so: „Ja, wenn du 35 wärst, könnte ich mich damit anfreunden…“
Ich beschließe, dass ein frisches T-Shirt und ein Paar Shorts es auch tun.
Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen in diesem merkwürdigen Leben gehört das Betreiben anthropologischer Feldstudien unter der terrestrischen humanoiden Population. Dazu muss ich keinerlei Aufwand treiben, sondern bloß Augen und Ohren offenhalten.
Die bizarre Absurdität menschlichen Strebens und Verhaltens offenbart sich in fast jeder Handlung und Interaktion dieser Spezies.
Heute, letzte Runde mit dem Hund, beim Öffenen der Haustür auf die Straße:
Auf dem Parkplatz direkt vor dem Haus und unmittelbar gegenüber dem Hauseingang, keine 2m von mir entfernt, steht ein weißes Porsche-Cabriolet mit heruntergelassenem Verdeck. Drinnen sitzt ein weißbehemdeter Mittdreißiger mit Spiegelsonnenbrille und telefoniert über die Freisprechanlage seines Luxusfahrzeuges. Der Sound ist so laut eingestellt, dass wirklich jeder im Umkreis von 50m die Konversation mitkriegt; ein Umstand, der dem Porschefahrer sichtlich gefällt: er strahlt über beide Backen und versucht dabei, möglichst cool auszusehen. Sein Gesprächspartner lässt sich derweil lang und breit über Bankgeschäfte oder irgendwelche finanziellen Kniffe und Tricks aus.
Ich stehe mit meinem Hund einige Augenblicke lang da und schaue mir den Erfolgsmenschen an, dessen Bedürfnis, seine erfolgreiche Wichtigkeit der Umwelt mitzuteilen, wohl sehr groß ist. Dann frage ich ihn, ob er etwas lauter stellen kann, da ich einige Details der Unterhaltung nicht mitbekommen hätte.
Er grinst, keineswegs peinlich berührt oder schuldbewußt, dreht aber leiser und lässt das automatische Verdeck des Wagens hochfahren.
Die anschließende Hunderunde führt mich durchs Oberkasseler Neubaugebiet mit seiner Fußgängerzonen-Ladenzeile. Vorm REWE kniet ein osteuropäisch aussehender Profi-Bettler und hält den Herauskommenden stumm seine umgedrehte Schirmmütze entgegen. Er kniet so, dass er etwa ein Viertel des Eingangs blockiert, so dass er nicht nur auf jeden Fall bemerkt wird, sondern man ihm ausweichen muß. Die ganze Haltung, die ganze Person ein einziger Appell an das schlechte Gewissen der konsumkräftigeren Marktkunden, eine stumme Aufforderung, dieses Gewissen zu entlasten, indem man sich mit einer milden Gabe Ablaß erkauft.
Gleichzeitig allerdings geht von dem Bettler – ein gesund wirkender Mann desselben Alters wie der Porschefahrer von vorhin – eine aufdringliche Mitleidsheischerei aus, die einer subtilen Nötigung nahekommt; ich meine ihr anmerken zu können, dass Haltung, Outfit (ärmlich, aber nicht schmutzig) und das kniende Beharrungsvermögen die Geschäftsgrundlage dieses Mannes ist, so wie Geld-, Kredit- und Spekulationsgeschäfte diejenige des Porschefahres.
In beiden manifestiert sich dasselbe Ego, einmal wichtigtuerisch und prahlerisch, und einmal demütig und bescheiden. Der Macher und das Opfer. Das offensichtliche und das subtile Ego. ERFOLG wollen sie beide, in ihrem jeweiligen Geschäftsbereichen. Wären sie in den jeweils anderen sozialen Umständen der Klassengesellschaft sozialisiert worden, würde vielleicht der Bettler den Porsche fahren und der Businessangeber vorm Supermarkt betteln.
Beide scheinen mir Täter und Opfer zugleich zu sein, nämlich der Klassengesellschaft und der ihr eigenen Freiheit, sich ganz demokratisch einen Dreck um ein Verständnis ihrer Mechanismen und Prinzipien zu scheren, um sich ausschließlich ums Zurechtkommen in ihr kümmern zu können.
So wie Ameisen, die die Welt ihres Hügels für Anfang und Ende des Universums halten und auch halten MÜSSEN, wenn sie als Ameise überleben wollen.
Inzwischen hab ich mehr Jahre in der Pflegeeinrichtung im Westen gearbeitet als in derjenigen im Osten, in der ich bis zu meinem Umzug von Weimar nach Düsseldorf beschäftigt war. Beides Senioren- und Pflegeheime der Diakonie, so dass ich mir glaube ich einen Vergleich erlauben kann.
Einen Vergleich nicht des diakonischen Arbeitgebers (das gibt und nimmt sich nichts), sondern des Arbeitsumfeldes, der Mentalität der Beschäftigten. Von den Bewohnern ganz zu schweigen, denn abgesehen davon, das sie alle alt bis hochbetagt sind (sonst wären sie nicht im Pflegeheim) liegen Welten zwischen Leuten, die ihr Erwachsenen- und Arbeitsleben im DDR-Sozialismus verbracht haben und solchen, die den BRD-Kapitalismus als natürliches Habitat erleben mussten.
Bei den Kollegen ist das recht ähnlich, jedenfalls bei den älteren. Und auch bei den jüngeren merkt man den Unterschied in der Sozialisation in einem Umfeld, in dem die 40 Jahre finanzieller Existenzsicherheit und gesellschaftlicher Fürsorge im Sozialismus noch nicht aus dem kollektiven Unterbewußtsein getilgt werden konnten.
Während hier im Westen lauter Einzelkämpfer unterwegs sind, lauter Überlebenskünstler der Konkurrenzgesellschaft, deren Muttermilch-Mantra „Sei Dir selbst der Nächste, sieh zu, dass du dich gegen die andern durchsetzt, keiner schenkt dir was“ lautet, spürt man im Osten so etwas wie ein Kollektiv (ein Wort, das im Westen verpönt ist, da es das Gegenprogramm zum heiligen Individulismus des marktwirtschaftlichen Individuums ist). Das Kollektiv des Arbeitsumfeldes, der Leute, die an der Arbeitsstelle miteinander zu tun haben. Zu DDR-Zeiten hieß das ja direkt so.
Für mich am besten beschreibbar mit den Worten Verbundenheit, Zusammenhalt, Freundschaft; außerdem mit dem Gefühl, dass sich die Lohnarbeitenden einige Jahrzehnte lang als Kollektiv empfinden und betätigen konnten – und zwar eins, auf das es tatsächlich ankam, weil die gesamte Gesellschaft, der gesamte Staat für sie gedacht und gemacht war.
Vor einiger Zeit sah ich ein Plakat einer kommunistischen Splittergruppe, das die Losung enthielt „Alle Macht dem Proletariat – Die DDR war unser Staat!“. Das gefiel mir, auch wenn ich weiß, dass das von großen Teilen der DDR-Bevölkerung gerade nicht so gesehen wurde – sonst hätten sie wohl kaum eine Konterrevolution begrüßt und unterstützt.
Mir ist klar, dass das vom Arbeiter- und Bauernstaat die Theorie war, und dass die bürokratischen Fehler und Mängel der realsozialistischen Staatsmacht nicht gerade der Quell allgemeiner Glückseligkeit für die Werktätigen war. Grundsätzlich konnten Lohnarbeiter jedoch im Sozialismus eine Aufgehobenheit und eine soziale Absicherung erleben, die im heutigen BRD-Kapitalismus nicht existiert und auch garnicht gewollt ist.
Ob die deutlich wahrnehmbaren Unterschiede zwischen Ost- und West gerade im Arbeitsleben, die Mentalitätsdifferenz zwischen Kollektivgedanke und Konkurrenzgehabe, zwischen Miteinander und Gegeneinander, immer auf der früheren begeisterten Zustimmung zum Sozialismus beruhen oder nicht oft auch auf dem damaligen untertanentypischen Sich-an-die-Verhältnisse-Anpassen will ich nicht beurteilen.
Nach genügend Zeit in identischen Arbeitssituationen in beiden Teilen des angeblich vereinigten Deutschlands ist jedenfalls mein Eindruck der eines gewaltigen Mentalitätsunterschiedes, der mir nebenbei erklärt, warum ich Weimar immer noch als meinem ideellen Wohnsitz und meiner dortigen Beschäftigung immer noch als der um Längen erträglicheren Arbeitsstelle nachtrauere.

Das aufs Leckerste von der Liebsten zubereitete Mittagsmahl steht dampfend auf dem Tisch der Terrasse der Ferienwohnung, und nach einem kurzen säkularem Tischgebet (“Hau rein!’) langen wir herzhaft zu.
Mitten beim Essen steigen Bilder, Einsichten und Visionen erdgeschichtlichen und kosmologischen Ausmaßes vor meinem inneren Auge auf: Bilder, die mit Nahrungsaufnahme und Arterhaltung zu tun haben. Plötzlich sehe ich den anfangs- und endlosen Ablauf allen Lebens vor mir, dessen einziges Bestreben die Erhaltung des Lebens ist – ‘Bestreben’ nicht als bewusster, sondern als natürlicher Vorgang, dessen unendliche Kette von Entstehen und Vergehen, von Geburt und Tod nur einen “Sinn’ hat: dass es weiter geht.
Alle menschliche Tätigkeit, jede Art gesellschaftlicher Reproduktion, dient – unterhalb oder jenseits der jeweiligen sozialen, kulturellen, moralischen Konzepte – ausschließlich dem Fortbestand, nicht unbedingt des einzelnen Individuums, aber der Spezies, der Gattung.
Und nicht nur die humanoide Spezies, die derzeit den dritten Planeten dominiert, ist dieser conditio sine qua non unterworfen, sondern, kosmologisch betrachtet, die gesamte Substanz des Universums, die gelegentlich – die entsprechenden günstigen Bedingungen vorausgesetzt – organisches Leben hervorbringt.
Sinn des Lebens? Zweck der Existenz? Gibt’s nicht, außer, dass sich das Leben fortsetzt.
Alles drüber hinaus ist Einbildung, konzeptioneller Tagtraum, Wunschvorstellung trostsuchender Verlorener in der Leere der Wirklichkeit.
Der Moment all dieser unerwarteten Offenbarungen muss wohl etwas länger gedauert haben, denn die Frau fragt mich: „Was ist los? Isst du nicht mehr?“
„Nee, nee… ich ess‘ gleich weiter“, bringe ich hervor, innerlich noch irgendwie weit draußen, Millionen Lichtjahre vor dem Beginn des Universums, und mache mich wieder über meine Portion her.
Nach Beendigung der Mahlzeit unternehme ich einen Anlauf, mein Sinnieren zu erläutern, stoße aber bei meiner Herzdame auf wenig Neigung zu philosophischer Reflektion. Als ich versuche, meinen Gedankengang halbwegs geordnet zu kommunizieren, lande ich bei dem Satz „Es gibt weder einen Sinn des Lebens, noch einen Zweck menschlicher Gesellschaften außer dem, dass das Leben sich selbst erhalten will…“.
„Ist mir egal!“, lautet die freundliche Antwort meiner bodenständigen und praktischen Frau. „Hauptsache, es gibt immer genug lecker zu essen!“
Nach einer kurzen Sekunde perplexen Staunens muß ich grinsen über diese kongeniale Zusammenfassung meiner visionären Thesen und sage zur Frau: „Wenn ich ein Helium-Luftballon bin, dann bist du mit Sicherheit der Stein, der unten an der Schnur ist und den Ballon am Wegfliegen hindert…“

Mitten auf der Arbeit, am späten Vormittag, ruft mich die völlig aufgelöste und konsternierte Frau an, um mir folgendes zu berichten: soeben hätte sie einen Anruf ihrer Bank erhalten, in dem ihr ohne weitere Umschweife mitgeteilt wurde, dass ihr Konto gesperrt und ihr Dispo innerhalb von drei Wochen zurückzuzahlen sei; der Grund wäre „ein negativer Schufa-Eintrag“.
Die Frau – Geschöpf und Produkt der bürgerlichen Mittelschicht, studiert, seit über 30 Jahren in Festanstellung bei einem Versicherungskonzern – kann die Welt nicht mehr verstehen und befindet sich im Zustand beginnender Hysterie. Der ganze Vorgang ist für sie umso unbegreiflicher, als sie beständig Anfragen ihrer und anderer Banken abwimmelt, die ihr alle möglichen Kredite und Finanzprodukte andrehen wollen – sie zählt mit ihrem soliden Mittelschichtseinkommen (etwa das dreieinhalbfache meines Jahressalärs) nämlich zur Zielgruppe „solide, seriöse Akademikerin mit unschlagbar krisenfester Festanstellung“, die noch niemals im Leben in irgendeiner Weise eine Rate, Miete oder sonstige Verpflichtung säumig geblieben ist.
Ich rate ihr zu zunächst mal drei Schritten.
Erstens feststellen, ob es sich um einen Fake-Anruf handelt oder nicht.
Zweitens – wenn echt – die Vorgesetzten der Anruferin oder wenigstens ihre persönliche Kumdenberaterin bei dem betreffenden Geldinstitut zu fragen, was es mit der Info auf sich hat.
Drittens herauszufinden, ob das Ganze etwas mit mir zu tun hat – was sofort meine Vermutung war.
Als ich selber vor einigen Jahren mich zum Heer der prekär beschäftigen Lohnarbeiter gesellen musste, war ich von jetzt auf gleich mit analogen Anliegen meiner damaligen Bank konfrontiert: Gleiche dein überzogenes Konto innerhalb von kürzester Zeit aus und trolle dich als Kunde! Den überaus großzügigen Überziehungsrahmen hatte die Bank mir in besseren Zeiten förmlich aufgedrängt, betrachtete mich aber offensichtlich nach einigen mageren Jahren als faules Ei im Portefeuille.
Natürlich konnte ich von einem Niedriglohn nicht mehrere Tausend Euro aufbringen, so dass ich mich auf einen Vergleich mit der Bank einlassen musste, der mir das Kainsmal des unzuverlässigen Schuldners einbrannte: Der negative Schufa-Eintrag!
Diese schöne Einrichtung demokratischer Herrschaft bewirkt für den Betroffenen den effektiven Ausschluss von der Teilnahme an sehr vielen Selbstverständlichkeiten modernen Lebens: keine Überziehung des Kontos mehr, nicht einmal um einen Euro; keinen Ratenkauf von irgendwas; keine Absicherung gegen allfällige Widrigkeiten des normalen Alltags wie Autoreparaturen oder defekte Waschmaschine usw.
Obwohl ich durch ein rigides, selbst auferlegtes Spar- und Austeritätsregime die Schulden bei der Bank im November 2017 zurückzahlen konnte, bleibt der Schufa-Eintrag für weiter drei Jahre bestehen – so lange geht die sorgsame Überwachungsinstanz des nationalen Kreditwesens davon aus, dass der kapitalistisch untaugliche Schuldner ein potentieller Störfaktor für die reibungslose Geldvermehrung bei den institutionellen Geldverleihern ist.
Im November dieses Jahres erlischt dann – angeblich – der Eintrag und ich könnte theoretisch wieder mein Konto überziehen oder Konsumentenkredite bekommen.
Zurück zu der in Panik versetzten Königin meines Herzens, die weit weniger armutsfest ist als ich und noch niemals einer solchen Situation ausgesetzt war. Wie konnte IHR das passieren?
Die Erklärung ist die, die ich erwartet hatte:
Mit unserer Heirat im vergangenen November nahm die Frau meinen Nachnamen an: das war ihr Verhängnis!
Nachdem sie letzte Woche endlich auch bei ihrer Bank die fällige Namensänderung auf Konto, EC- und Kreditkarten veranlasst hat, leuchteten offensichtlich alle roten Lampen der Scoring-Algorithmen der Bank auf und meine nichtsahnende arme Gattin fand sich von jetzt auf gleich in das Ghetto des finanziellen Lumpenproletariats der Konsumgesellschaft verbannt. In ihrer Vorstellung saßen wir bereits krank und obdachlos bei Fusel und Kerzenlicht unter der Oberkasseler Brücke.
Hier ist die Geschichte zum Glück nicht zu Ende; letzten Endes brachte ein Anruf bei der jahrelangen persönlichen Kundenbetreuerin dies ans Licht: eine übereifrige neue Mitarbeiterin hätte aufgrund der automatisierten Meldungen des Warnsystems der Bank den Anruf getätigt, alles sei „nur ein Missverständnis“ und selbstverständlich ändere sich nichts am Status meiner Frau als gute und willkommene Kundin.
Nachdem die Selektion an der Rampe der Kreditwürdigkeit auf diese Weise doch noch von „ab in die finanzielle Gaskammer“ zu „darf weiter arbeiten und konsumieren“ umgebogen wurde, gehen wir erst mal zur nahegelegenen Filiale der Bank, ziehen Bargeld und tauschen es beim Discounter unseres Vertrauens in Drogen um.

Seit einigen Tagen liegt die Frau – sofern die Homeoffice Onlinekonferenzen ihres Bullshit-Jobs nicht ihre Anwesenheit erfordern – nachmittags auf dem Sofa und verfolgt eine Serienschmonzette des Staatsfernsehens.
Nachdem ich einige Male ein paar Sekunden (maximal 30, länger hält man das nicht aus) auf den Bildschirm gestarrt und entsprechend entgeistert aus der Wäsche geschaut habe, fragt mich meine Liebste honigsüß: „Ist was, Schatz?“
„Du kuckst jetzt jeden Nachmittag diesen Arztserienschwachsinn??“ erkundige ich mich.
„Du kannst dich ja scheiden lassen“, erhalte ich zur Antwort.
Vielleicht sehe ich so aus, als ob das eine erwägenswerte Option sei; jedenfalls schiebt sie zur Erklärung noch hinterher: „Das brauch ich zur Entspannung, nachmittags Heile-Welt-Fernsehen…“
Ich verziehe mich ins Arbeitszimmer und betreibe Heile-Welt-Surfing im Web.
