Geschichten aus dem Pflegeheim: Lasst Bilder sprechen

Die Lage in den Pflegeeinrichtungen ist momentan nicht einfach für die Bewohner (von den Mitarbeitern will ich gar nicht erst sprechen). Natürlich sehen alle die Nachrichten und wissen von den drastischen Einschränkungen; am meisten spüren sie es aber durch das Zutrittsverbot für Externe. Keine Angehörigen und Freunde mehr zu Besuch, keine Physiotherapeuten, keine Fußpflege, keine Friseurin, keine Auftritte von Musik- oder Tanzgruppen, kein Hospizdienst, keine Betreuer, keine Ehrenamtlichen.

Die Orientierten unter den Bewohnern fügen sich in die Situation; von manch einem hört man „Da haben wir schon schlimmere Zeiten mitgemacht!“ und Ähnliches. Mal sehen, wie das in ein paar Wochen sein wird.

Für die Dementen ist die Lage schwieriger. Sie verstehen nicht (oder kaum), warum jetzt plötzlich keiner mehr kommt. Dabei brauchen gerade die dementen Bewohner das am meisten.

Da eine meine wenigen Gaben in diesem Leben neben einem ausgeprägten sozialen Hau darin besteht, kleine Kritzeleien anzufertigen, nutze ich diese bei fast jedem Angebot, das ich im Rahmen des Sozialen Dienstes der Einrichtung durchzuführen habe. In Zeitungsrunden oder sonstigen Gruppenangeboten für die Orientierteren unter meinen Leuten ist das Coronavirus-Thema natürlich unvermeidlich. Hier wird nicht in die Tiefe gegangen, sondern einfach und anschaulich informiert, was die Maßnahmen der Regierung bedeuten (Bild 1).

Anders in der „Tagesgruppe Demenz“. Die neun leicht und mittelschwer demenzkranken Menschen hier können mit faktischen Informationen zu aktuellen Entwicklungen wenig anfangen. Am besten kommen Geschichten und Lieder an, und zumindest für die Zeit unseres Zusammenseins von Morgens bis Mittags will ich meiner Truppe gar nicht erst mit den Schauergeschichten der pandemischen Realität außerhalb der Einrichtungsmauern kommen.

Wir beschließen nach dem Frühstück, auf den Tischen Papier auszurollen und ein gemeinschaftliches Frühlingsbild zu malen. Von acht anwesenden Gruppenteilnehmern machen sieben auch mehr oder weniger engagiert mit, manche mit erkennbaren Abbildungen von Dingen wie Blumen, Bergen, Wolken, Sonne usw.., für andere ist alleine die Handhabung eines Stiftes schon Herausforderung und Leistung zugleich.

Frau H. malt mit Begeisterung kantige Strukturen, die Lageplänen oder Konstruktionszeichnungen ähneln und fragt mehrfach verwundert: „Was ist das denn jetzt? Ich weiß gar nicht, was das sein soll!“

Frau C. hält mit Erstaunen über sich selbst einen Stift in der Hand und beginnt, sachte und ohne viel Druck mit dem Farbauftrag. Sie malt da, wo ihre Hand hinreicht, und da sie im Rollstuhl sitzt, ist das die Tischkante. Nach fünf Minuten in denen ich mich anderen zuwende, sehe ich Frau C. wie sie immer noch malt und malt, mittlerweile aber auf der Armlehne ihres Rollstuhles. Noch eine Weile später malt sie mit denselben sanften, gleichmäßigen Strichen in der Luft.

Frau K., die beim Sprechen mit jedem Wort eines Satzes leiser und langsamer wird und die noch vor Ende des Satzes vergessen hat, was sie sagen will, malt ein paar winzig kleine Musterungen auf das Papier vor ihr. Sie gerät aber wohl mit dem Malen in eine ähnlich zeitlupenmäßige Verlangsamung wie mit dem Sprechen, ihre Hand wird immer langsamer, die Striche kürzer und schließlich bleibt die Hand auf dem Papier liegen wie eine Spieluhr, deren Antriebsmechanismus sich erschöpft hat.

Sie beobachtet das Geschehen aber interessiert, und so setze ich mich zu ihr. Wir erfinden eine kleine Frühlingsgeschichte, nämlich die von Rudi der Raupe, die ein frisches grünes Blatt gefunden hat und jetzt ihren Mordshunger stillen will. Da kommt von der anderen Seite Anton die Waldameise heran, ein ausgesprochen fieser Vertreter seiner Gattung, und will Rudi das Blatt streitig machen. Frau K. ist erfreut und lacht über den sympathischen Rauperich, aber auch etwas erschreckt über die gemeine Ameise. (Bilder 2 und 3)

Ende vom Lied: alle kriegen was ab, keiner kommt zu kurz, der Gerechtigkeit im Wald und auf der Welt ist mal wieder Genüge getan und alle sind bester Laune, als wir mit unserem großen gemeinsamen Frühlingsbild als Tischdecke den Mittagstisch eindecken.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Vollsperrung

Nach dem Online-Gottesdienst winkt der Einrichtungsleiter mich und ein paar Pflege-Kollegen zu sich und zeigt uns den soeben eingetroffenen Erlaß der Bezirksregierung an die Pflegeheime im Rhein-Kreis Neuss: ab sofort vollständige Zugangssperre, Ausnahmen nur noch für ärztliches Personal. Verwandte dürfen nur noch bei akuten Sterbenfällen und dann nur unter Aufsicht hinein. Der Grund, so führt das Schreiben aus, ist die laxe Handhabung der bisherigen Regelung (Besucher-Zutritt für eine Stunde, nur auf dem Zimmer, nur mit Registrierung) durch die Einrichtungen im Kreis. Dadurch sei es in einem der Heime zu einer Masseninfektion gekommen; ähnliche Fälle wolle man mit der neuen Regelung vermeiden.

Auch hier also wieder derselbe Auslöser für weitreichende staatliche Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten: die menschliche Dummheit. Zumindest dient die Ignoranz und Borniertheit vieler Zeitgenossen als willkommener Vorwand für drastische Einschränkungen bis hin zur Ausgangssperre.

Der Einrichtungsleiter drückt seine Befürchtung aus, dass uns bzw. der Einrichtung das Schlimmste noch bevorsteht, da bis vor Kurzen mannigfache Ansteckungsmöglichkeiten bestanden haben, hausintern nach wie vor bestehen und durch die lange Inkubationszeit noch gar nicht absehbar ist, wer sich alles angesteckt haben könnte.

Die Einrichtung selber hat zwei Quarantäne-Fälle, der Soziale Dienst der Einrichtung besteht mittlerweile nur noch aus mir, da vier Kollegen erkrankt sind (an Grippe, angeblich/hoffentlich bloß). Wir versuchen, einen Minimalbetrieb für die jetzt schon vom Lagerkoller befallen Bewohner aufrecht zu erhalten und hoffen, dass wir die nächste Zeit irgendwie gut überstehen.

Auf dem Rückweg von der Arbeit fahre ich einen Umweg, um dem Geheimtipp einer Kollegin nachzugehen, nach dem in einem NORMA-Markt in einem bestimmten Neusser Stadtviertel noch Toilettenppier käuflich zu erwerben sei. Im Radio höre ich eine Meldung, die zum oben Ausgeführten passt wie Arsch auf Eimer: eine psychologische Studie hat gezeigt, das die Leute umso mehr horten (vor allem Klopapier), je uninformierter sie sind.

Im Klartext: je dümmer, desto scheiße. Ach ja: auch im NORMA gab’s kein Klopapier.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Bundesmandarine

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Rheinland und Karneval: eine Mischung, der man in diesem Landstrich im Februar unmöglich entgehen kann. Auch in der „Tagesgruppe Demenz“ steht heute, zwei Tage vor Altweiber, eine „Bunte Runde zu Fasching“ auf dem Programm. Allerdings schere ich mich um das ausgedruckte Programm so gut wie nie und mache mit den Leuten das, was mir gerade einfällt und was zur Tagesstimmung meiner Schützlinge passt. Auch die dementiellen Eigenarten meiner Runde erlauben ein großzügiges Vernachlässigen konventioneller Gewohnheiten und jahreszeitlicher Fest- und Feiertage – wobei andrerseits berücksichtigt werden muss, dass gerade solche Fixpunkte wie Fasching, Ostern, Weihnachten etc. wichtig sind für den Erinnerungs- und Orientierungsrahmen dementer Menschen.

Obwohl ich persönlich der Ansicht bin, dass der sparsam faschingsmäßig dekorierte Tagesgruppen-Raum genug Tribut an die Jahreszeit ist, mache ich eine Konzession an die Fünfte Jahreszeit und lese ein seniorentaugliches Jeckengedicht vor. Darin geht es um einen Dicken und einen Dünnen namens Hans und Franz, die ihre Hosen vertauscht haben. Aus der Geschichte entspinnt sich ein Gespräch am hinteren Ende der Tafel, zwischen Frau K. Und Frau C.

Die beiden Sitznachbarinnen sind beide ausgesucht freundlich, waren vormals offenbar eher feine Damen und behandeln sich gegenseitig mit Zuvorkommenheit und Höflichkeit. Frau K.s Wortfindungsstörungen sind so massiv, dass sie bereits in der Mitte jedes Satzes, den sie sagen will, den Faden verliert und die Worte nur noch immer leiser und immer unverständlicher aus ihrem Mund heraus taumeln lässt. Zum Schluß sitzt sie dann meistens mit offenem Mund und erstauntem Blick da, so als ob sie einem entschwindenden Geist hinterherschaut.

Frau C. dagegen beherrscht die Kunst der Täuschung über ihre Demenz in scheinbarer Vollkommenheit. Sie hat sich ein paar Floskeln angewöhnt, mit denen sie souveräne Gesprächsteilnahme simuliert – bei einer ersten Begegnung mit ihr durchaus erfolgreich. „Selbstverständlich“, „Allerdings“, Ja, natürlich“ oder „Das will ich meinen!“ sind ihre Standardsätze, mit denen sie nahezu jedes Gespräch bestreitet (was nicht heisst, dass sie nicht in der Lage ist, in gegebenen Situation durchaus entschieden ihren Willen zu bekunden, z.B. wenn es ums Essen geht).

Die beiden  Frauen haben scheinbar irgendein Detail des Jeckengedichtes mit ihrer persönlichen Geschichte in Bezug gebracht, und Frau K. erzählt ihrer Nachbarin, dass ihr Vater oder Vetter, der Soundso, ja auch bei der Bundesmandarine gewesen sei und dort… Woraufhin Frau K.s bis dahin schon sehr üppiger Redefluss abstirbt und die Zuhörer im Ungewissen lässt, welche Abenteuer der Verwandte auf hoher See alles bestanden haben könnte. Nicht so Frau C. Sie nickt verständnisvoll und sagt so etwas wie “Ja, klar, meiner auch. Da kann man ja auch nichts machen.“ Die unerschütterliche  Normalität, mit der sie auf Frau K.s verkümmernde Satzbauversuche antwortet, gibt Frau K. Wiederum das Gefühl, als vollwertige Gesprächspartnerin wahrgenommen zu werden, was ihr sehr gut tut (sehr oft bringen Pflege- und Betreuungskräfte nicht die Geduld auf, die nötig ist, um Frau K.s zeitlupenartigem Sprechstil zuzuhören, geschweige denn, um daraus etwas Sinnenhaftes zu entnehmen).

Die paar Satzfetzen reichen mir jedenfalls, um sogleich mein Flipchart in Aktion zu bringen und die fantastische Steilvorlage der „Bundesmandarine“ aufzugreifen. Aus Hans und Franz aus dem Jeckengedicht wird Großadmiral Hans-Franz von Kanz, der als Sohn ostelbischer Landjunker früh die Miltärlaufbahn einschlug und, ganz wie sein Vater und Großvater, bereits in jungen Jahren in der Reichs-, und später Bundesmandarine diente. Der Aufgabenbereich der Bundesmandarine ist klar definiert: sie beschützt die Weltmeere vor Piraten, Haifischen und den anderen Mandarinen und Orangen, die im Auftrag fremder Staaten auf See rumschippern. Genau besonders hat es die heldenhafte Bundesmandarine auf die Portemonnaie-Piraten von Panama abgesehen, die zwar nur im Panamakanal ihr Unwesen treiben, dafür aber ganz besonders perfide und diebisch sind und so gut wie jeder alten Dame Panamas schon mal den Geldbeutel geklaut haben.

An dieser Stelle unterbricht mich Frau H., die bis dahin mit aufmerksamem Schweigen und gebanntem Blick zugehört hat, mit dem Ausruf: „Wirklich? Ist das wirklich passiert?“ 

Hier tut sich ein grundsätzliches Dilemma für mich auf: einerseits will ich die Leute nicht mit erflunkerten Geschichten belügen, bzw. ihnen diese als Wahrheit verkaufen. Andrerseits lese ich ihnen auch Märchen vor, die mindestens genauso fantastisch sind. Zudem fragt Frau H. Nicht, weil sie den Wahrheitsgehalt der Piratengeschichte anzweifelt, sondern weil sie wissen will, ob diese Piraten wirklich so diebisch sind wie beschrieben. Immerhin hat sie ohne Umschweife die Existenz einer Bundesmandarine akzeptiert. Im Interesse der Kontinuität meiner Geschichte antworte ich also „Ja klar! Aber mittlerweile sorgt ja die Bundesmandarine für Ruhe und Ordnung dort unten!“, und DAS ist das, was Frau H. und die anderen hören wollen und was der Sache die Bedrohlichkeit nimmt.

Wir wenden uns wieder Hans-Franz von Kanz zu, der leider ein bißchen unterbelichtet ist, was aber nichts macht, da er dank seines adligen Stammbaums schon immer für einflußreiche Posten vorgesehen war. Jedenfalls hat er ein paar Sprachstörungen, die ihn immer die Sätze falsch aussprechen lassen – das kennen meine Leute ja gut von sich selbst. Wenn von Kanz zum Beispiel einen markigen Satz vom Stapel lassen will, kommen ihm die Worte ganz falsch aus dem Munde, und alle lachen dann. Da lacht auch meine demente Runde, denn den Spruch vom deutschen Wesen kennen sie natürlich alle im Original.

Großadmiral von Kanz aber merkt gar nicht, dass sein Wortsalat ihm subversive Aussagen in den Mund legt (meine Schützlinge auch nicht). Schon ist der Vormittag wieder vorbei und in der Kajüte unserer Tagesgruppe bringt der Maat das Pökelfleisch.

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Zigarettchen und die Sieben Aschenbecher

Eine äußerst schläfrige „Tagesgruppe Demenz“ lässt mich heute an meinen Fähigkeiten zweifeln: die Hälfte schläft oder döst vor sich hin, die anderen beschweren sich über die Kälte im Raum (nachdem morgens zum Lüften ein Fenster offen war: Höchststrafe für stets fröstelnde alte Leute) oder über den Krach beim Tischeindecken. Frau S., die dementeste und gleichzeitig freundlichste der Runde, schläft – direkt nachdem die Pflegekraft sie in den Gruppenraum gebracht hat – schon wieder tief und fest ein und wird nicht einmal wach, als ich versuche, ihr das Frühstück anzureichen.

Hier sind eindeutig drastischere Maßnahmen gefragt, um meine demente Runde wach zu bekommen und ihrer Aufmerksamkeit einen gemeinsamen Fokus zu geben. Wobei auch das kein Selbstzweck ist; manchmal ist es einfach nötig, den Dingen ihren Lauf zu lassen und mit den drei, vier wachen Personen den Vormittag zu gestalten.

Andrerseits lasse ich ungern die Teilnehmer in ihren Sitzen oder Rollstühlen zusammengesackt schlafen – dann hätten sie auch gleich im Bett bleiben können. Hintergrund: Die zwei oder drei Pflegekräfte pro Wohnbereich haben rund 20 Bewohner zu versorgen. Damit alle bis spätestens 9:00 am Frühstückstisch sitzen und die Pflegekräfte selber ihre Pause um 9:30 einhalten können, beginnen sie oft schon ab 7:00 morgens, die Leute zu wecken, aus dem Bett zu holen, „frisch zu machen“ und in den Speiseraum bzw. in unserem Fall in den Tagesgruppen-Raum zu bringen. Klar, dass etliche ziemlich verschlafen zum Frühstück erscheinen und besser im Bett geblieben wären (wofür ich in manchen Fällen umgehend sorge und die Leute schnurstracks wieder in ihre Zimmer bringe oder bringen lassen, wenn ich merke, dass ihnen ein erholsames Ausschlafen im Bett besser täte als ein unbequemer Schlaf im (Roll-)Stuhl).

Heute belasse ich aber alle im Gruppenraum und versuche erstmal mit Musik, die morgendliche Stimmung zu heben. Dank Spotify kann ich auf den gesamten Fundus abendländischer U- und E-Musik zugreifen; heute muss es die Playlist „Wiener Walzer“ richten. Das ist schwungvoll, aber keine Radau-Musik und wirkt in der Regel innerhalb von Minuten. Und richtig, zu den Klängen von Straußens „An der schönen blauen Donau“ kommt Leben in die Runde, einige bewegen sich im Rhythmus der Musik, Frau S. summt mit und die Gesamtlage stellt sich alsbald als deutlich munterer dar.

Zum Ende der üblichen Frühstückszeit, das flexibel zwischen 9:00 und 9:30 liegt, sitzt Frau C. noch immer vor ihrer Kaffeetasse und einem ihrer beiden Milchbrötchenhälften mit Marmelade. Meine heutige Assistentin, eine Pflegehelferin ohne viel Einfühlungsvermögen und Erfahrung im Umgang mit Demenz, müht sich, Frau C. mit lautem und grenzwertig jovialem Zureden zum Verzehr ihres Frühstücks zu bringen. Frau C. lässt sich aber nichts erzählen und wehrt alle Versuche ab. Mir scheint es so, als hätte sie einfach keinen Hunger mehr.

Um die aufkommende Hektik und das etwas paternalistische Gehabe der Kollegin – die Frau C. (und die anderen Gruppenteilnehmer) für meinen Geschmack zu sehr wie unmündige Kinder behandelt – zu unterbinden, greife ich mir Flipchart und Zeichenstifte und skizziere schnell eine Szenerie, in der Frau C. vor einem Tisch sitzt, auf dem sich alle Gegenstände ihres Frühstücks auf und davon machen.

Damit ist schon für Heiterkeit in der Runde gesorgt, und als die Tasse zum Milchbrötchen sagt: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall!“, ist der weitere Kurs durch den Vormittag schon sichtbar: das Märchen muss her, in dem dieser Satz fällt! Bis wir gemeinsam das Märchen erraten haben, in dem so gesprochen wird, vergeht eine Weile, aber schließlich erinnert sich die Mehrheit an „Die Bremer Stadtmusikanten“ und ist sehr erfreut, als ich das dicke Märchenbuch aufschlage und die Geschichte noch einmal vorlese.

Das Thema Märchen gibt im Prinzip unendlich viel Stoff her. Erstens die Geschichten selber. Dann die damit verknüpften meist frühkindlichen Erinnerungen; ein Gedächtnisbereich, auf den auch demente Menschen in der Regel noch zugreifen können. Außerdem gibt es eine Reihe von Volksliedern, die Märchen der Brüder Grimm zum Thema haben usw.

Wir machen also eine Runde Märchen-Raten; um meinen Leuten das Raten zu erleichtern, schreibe ich die Titel unter Auslassung einiger Buchstaben an das Flipchart. Bei dem Wort SCHNEEWITTCHEN versteht Frau H., unsere Raucherin, „Zigarettchen“, was mich sogleich auf ein verschollen geglaubtes, soeben entdecktes  Märchen der Brüder Grimm bringt: Zigarettchen und die Sieben Aschenbecher.

Die Kurzfassung dieser erstaunlichen Geschichte geht so: ZIgarettchen steigt morgens aus einem Bettchen und brennt so vor sich hin. Als es Zeit zum Ab-Aschen ist, streiten sich sieben Aschenbecher um die Gunst des Ascheabstreifens und stellen Zigaretten damit vor eine schwierige ethisch-moralische Frage. Schließlich löst Zigaretten die Frage aber, indem es JEDEM der sechs „normalen“ Aschenbecher gleiche Teile Asche gibt und zum Schluß in den dicken Drücke-Aschenbecher springt um sich selbst zu entsorgen.

So können alle Freunde bleiben und keiner kommt zu kurz, was voll und ganz dem Gerechtigkeitsempfinden meiner Schützlinge entspricht.

Das Ende von Zigarettchen ist kein absolutes, denn lauter neue Zigaretten stehen schon bereit, seinen Platz einzunehmen. An dieser Stelle meldet sich wieder Raucherin Frau H. Und fragt: „Woher kommen die denn jetzt?“.

„Aus der Zigarettenschachtel in deiner Handtasche!“, antworte ich ihr. Dieses Phänomen ist Frau H. tatsächlich bekannt, denn immer wieder dematerialisieren sich ihre Zigaretten auf mysteriöse Weise. Ich selber wurde vor wenigen Tagen Zeuge dieses Vorganges, als sie mir morgens gegen 10:00 zwei volle Zigarettenschachteln zeigte und mittags, keine zwei Stunden später, eine davon bis auf 4 oder 5 Zigaretten leer war (sie hatte in der Zwischenzeit meines Wissens nach den Raum nicht verlassen).

Insofern habe ich den Eindruck, dass meine Märchenversion Frau H. nicht weniger einleuchtet als ihre eigenen Berichte von in ihrem Zimmer plündernden „Russen“, verstorbenen Verwandten oder diebischen Pflegekräften oder völlig Unbekannten, die sie sonst für das Verschwinden von Gegenständen verantwortlich macht.

Schon naht die Mittagszeit, die uns heute Hausmanns-Sülze mit Remoulade und Bratkartoffeln beschert, nachdem mein Gesülze für die geistige und emotionale Nahrung gesorgt hat.

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Kartoffel-Lied und die Königin

Ein weiterer Vormittag in der “Tagesgruppe Demenz” mit einem mehrheitlich wachen und munterem Publikum! Nach dem Frühstück lese ich eine kurze Geschichte aus einer eigens für demente Menschen zusammengestellten Textsammlung vor: “Als Oma und Opa auf den Stoppelacker gingen”. Diese Geschichten von höchstens anderthalb Seiten erfreuen sich großer Beliebtheit bei meiner Tagesgruppe; vor allem, weil sie in einfachen Worten Alltagserfahrungen und Erinnerungen an vergangene Zeiten beschreiben.

Das Thema “Stoppeln” löst auch gleich lebhafte Reaktionen aus und die meisten haben eigene Erfahrungen beizusteuern. Besonders Herr J. kommt gar nicht mehr aus dem Erinnern raus und berichtet von all den Feld- und Baumfrüchten, die er seinerzeit zusammen mit seiner Familie in seinem Eifeldorf gesammelt hat.

Vorrangige Feldfrucht des Stoppelns war aber für alle die Kartoffel. In den Kriegs- und frühen Nachkriegsjahren war die “zweite Ernte” durch eine hungrige Bevölkerung mitunter überlebenswichtig.

Da nun die Kartoffel in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit getreten ist, bietet sich die Gelegenheit zu einer Erweiterung dieses Themengebietes. So entsteht ein Lied, dessen Strophen ich beim Zeichnen erfinde und sogleich meiner Truppe auf der Mundharmonika vorspiele – nach zwei Durchgängen können die Aufmerksameren das Liedchen mitsingen.

Zunächst scheinen einige Teilnehmer nicht sicher zu sein, was das nun soll – will ich sie veräppeln oder was? Seit wann brauchen Kartoffeln Pantoffeln? Zum einen sind sie aber alle von mir reichlich absurden und bizarren Quatsch gewohnt; vor allem jedoch haben gerade Demente einen ausgeprägten Sinn fur absurde Komik.

Frau K. am Kopf der Tafel hat den besten Blick auf das Flipchart und bemerkt trocken: “Die soll sich nicht so anstellen! Die steckt doch sonst nackt in der Erde!” Dem können die anderen nur zustimmen und der Schluss des Liedes, in dem die Kartoffel ihren einen Pantoffel weg kickt, stellt ja auch die natürliche Ordnung der Dinge wieder her und ist somit ganz nach dem Geschmack meines Publikums.

Frau S. allerdings, ansonsten eine der Aufmerksamsten, schenkt diesmal dem Geschehen am Flipchart keine Beachtung, weil sie seit dem Frühstück in ein Exemplar eines Regenbogenblattes vertieft ist. Immer wieder liest sie einzelne Überschriften laut vor, voller Verwunderung und ohne sie einordnen zu können, gleichzeitig aber stolz darüber, dass sie so gut lesen kann.

Noch beim Mittagessen ist sie so hingerissen von der Materie, dass sie sich zu ihrer Sitznachbarin Frau H. beugt, ihr das Heft hinhält und im Ton absoluter Wichtigkeit liest: “SIE WIRD KÖNIGIN” Gemeint ist die Gattin des britischen Thronfolgers, aber das weiß weder Frau S. noch Frau H.

Letztere fühlt sich aber durch die Ansprache belästigt und fertigt Frau S. kurzerhand ab: “Sie werden Königin?! Erzählen Sie mir doch keinen Unsinn! Essen Sie ihr Essen auf, alles andere interessiert hier nicht!

Frau S. registriert die Abfuhr aber gar nicht und widmet sich freudig weiter gleichzeitig ihrem Teller und dem bunten Blättchen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Schiff auf dem Meer geht unter

Frau H. aus der „Tagesgruppe Demenz“ verliert in letzter Zeit zusehends den Boden unter den Füßen. Ihre innere Welt scheint in solcher Auflösung begriffen, dass sie beinahe permanent eine Unruhe und Getriebenheit in sich hat, deren Ursache ihr nicht klar ist, die sie sich aber mit Machenschaften des Schicksals oder arglistiger Menschen zu erklären versucht.

Jeden Tag berichtet sie über ein anderes Ereignis, das wieder ihr Leben erschüttert und meistens mit Diebstählen, demnächst anstehenden unfreiwilligen Umzügen oder unfreundlicher Behandlung durch Andere zu tun hat.

Sie redet und erzählt fast ohne Unterbrechung; oft durchaus kontextbezogen und als Beitrag zu in der Gruppe stattfindenden Gesprächen, oft aber auch in Form von spontanen Bemerkungen, Liedern und erratischen Erinnerungen an Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn usw., die sie aber alle durcheinander mischt und querbeet miteinander verwechselt.

Heute betrachtet sie eingehend die Deko-Banner an der Wand des Gruppenraumes, auf denen die 9 Teilnehmer der Gruppe abgebildet sind. Dann wendet sie sich an mich und fragt: „Wer ist denn dieser ältere Herr da auf dem zweiten Bild?“

„Der sitzt neben dir, M.“, antworte ich. „Das ist Herr J.!“

Sie wirkt ungläubig und mustert den Sitznachbarn genau. „Nee, da an der Wand, das ist doch der Schauspieler, dieser….“ Mehr fällt ihr aber nicht ein.

„Das sind die Bilder von allen, die hier in der Tagesgruppe sind“, sage ich. „Kuck mal das da (ich deute auf das Porträt von ihr); erkennst du das?“

„Natürlich, das ist meine Schwester!“, bekomme ich zur Antwort. Die Antwort ist relevant, weil sie ein Schlaglicht auf die (Selbst-)Wahrnehmung eines dementiell veränderten Geistes wirft. Ein Wiedererkennen findet statt, auch dass es sich um die eigenen genetische Familie handelt, wird gesehen. Andrerseits ist der Selbstentfremdungsprozess, das Nicht-Wiedererkennen im eigenen Inneren schon so weit vorangeschritten, dass selbst das eigene Bild das eines anderen zu sein scheint: so fremd ist man sich geworden.

Frau H. sitzt eine Weile nachdenklich auf ihrem Stuhl und sagt dann, mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem: „Manchmal bin ich so weg von mir… ich fühl mich wie ein Schiff, das immer weiter abgetrieben wird. Und wenn ich die Augen zu mache, geht das Schiff unter…“

Wir beschließen, erst mal eine rauchen zu gehen. Draußen ist Frau H. schon wieder auf einer anderen inneren Umlaufbahn und plaudert munter drauflos von – so vermute ich – Leuten aus vergangenen Zeiten, die ich ihrer Einschätzung nach ja alle auch persönlich kenne und von deren Treiben sie mir berichtet, als seien diese sämtlich meine besten Freunde.

Nach der Zigarettenpause geht ihr Monolog mit anderen Themen weiter, bis eine andere Gruppenteilnehmerin sie unterbricht und aus irgendeinem Grunde fragt: „Wie alt bist du eigentlich?“.

„Ich bin tausend, in acht Wochen!“, verkündet die 85-jährige, wobei nicht ganz klar ist, ob sie das wirklich von sich denkt oder ob sie die Fragestellerin veräppeln will. Ihren Humor hat sie nämlich keineswegs verloren, auch wenn sie offensichtlich in den vergangenen Wochen und Monaten eine Art dementiellen Schub durchgemacht hat, der den Auflösungsprozess ihrer Erinnerung noch verstärkt und ihre Desorientiertheit vertieft hat.

Die Fragestellerin ist allerdings fast taub und versteht die Antwort sowieso nicht; sie lächelt aber zustimmend und fragt als nächstes, was es zu essen gäbe.

Denn jetzt ist Mittagszeit und damit ist alles andere unwichtig und die ganze Truppe freut sich mal wieder aufs Essen.

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz

Interessant für alle, die mit dementen Menschen arbeiten.

Der neue Expertenstandard („Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“) ist eine Art verbindliche Richtlinie zur Qualitätssicherung, die die Pflege und Betreuung von dementen Menschen bundesweit auf eine wissenschaftlich fundierte und an die Bedürfnisse der Betroffenen angepaßte Grundlage stellen soll.

Was in dem Werk drinsteht, bedeutet – theoretisch – nichts weniger als einen Paradigmenwechsel: weg von einer durchführungs-orientierten, hin zu einer person-zentrierten Pflege und Betreuung.

Demenz wird nicht mehr als medizinisches Problem betrachtet, sondern als Frage der Beziehungsgestaltung.

Soweit die Theorie.

Das Ganze liest sich teilweise hochgelehrt und kompliziert und wird in dieser Form von keinem in dem Berufsfeld tätigen Kollegen verstanden. In meiner Einrichtung bin/war ich vermutlich der einzige, der das Werk durchgelesen hat.

Das Problem ist, dass die durchaus positive und humane Vision dieses Expertenstandards das ziemlich exakte Gegenteil der Realität in den Pflegeeinrichtungen ist. Die Arbeitskräfte in diesem Berufsfeld müssen mit immer zu niedrigem Personalschlüssel, Arbeitsverdichtung, Niedriglohn (soweit es die Betreuung betrifft), ausufernder Bürokratie und Dokumentationswahn, und ständigem Geldmangel an allen Ecken und Enden zurechtkommen – wo da die Zeit und die Bereitschaft zu der von dem Expertenstandard geforderten Umorientierung zu Empathie, Beziehungsgestaltung, Zugewandtheit usw. herkommen soll, bleibt das Geheimnis der wohlmeinenden Verfasser des Werkes.

Wie Michael Schneider in seinem Vortrag (als Audio auf der Website eingebunden – Branchenkollegen kann ich nur empfehlen, sich das anzuhören) sagt:

„In einem auf Maximalgewinn getrimmten System kann das große Geld nur da verdient werden, wo am Personal gespart wird; also wird es dort verdient“

https://alzheimer.ch/de/wissen/bildung/magazin-detail/613/der-expertenstandard-koennte-als-satire-durchgehen

Geschichten aus dem Pflegeheim: In mir drin ist alles verhakt

Frau H. aus der „Tagesgruppe Demenz“ war schon öfters Thema dieser Geschichten; das liegt zum einen daran, dass ihre dementielle Veränderung von ihr selbst als verwirrend, bedrohlich und unverständlich erfahren wird, zum anderen daran, dass sie eine vergleichsweise artikulierte und resolute Person ist, die nicht hinterm Berg hält mit ihren Gefühlen und Eindrücken.

Seit geraumer Zeit beginnt jede Begegnung mit ihr mit einer Klage – oft aufgeregt, manchmal fast verzweifelt – über irgendein Unglück oder eine andere Begebenheit unerfreulicher Art, die ihr gerade widerfahren ist. Heute suche ich sie in ihrem Zimmer auf, um mich für die Zeit meiner arbeitsfreien Tage zu verabschieden und ihr ein paar schöne Feiertage zu wünschen.

Ah, gottseidank dass du kommst!“ empfängt sie mich. „Hier ist alles durcheinander, ich weiß gar nicht, was jetzt schon wieder passiert ist!“. Ein kurzer Rundblick überzeugt mich, dass sie ihre innere Unordnung meint und nicht ihr aufgeräumtes Zimmer.

Komm, wir gehen erst mal eine rauchen, dann kannst du mir erzählen, was los ist!“, biete ich ihr an, was sie dankbar annimmt (Ich duze Frau H. auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin, und weil es in vielen Fällen die beste, manchmal die einzige, Methode ist, um demente Menschen „zu erreichen“. Offiziell ist das Siezen aller Heimbewohner vorgeschrieben; die Heimleitung legt diese Vorschrift aus verschiedenen Gründen so streng aus, dass ich in Gegenwart der höherrangigen Vertreter der Einrichtung mich stets anstrenge, beim „Sie“ zu bleiben, um erneute ergebnislose Diskussionen über Sinn und Unsinn solcher Regeln zu vermeiden).

Was ist bloß mit mir los?“, beginnt sie die Unterhaltung nach dem ersten Zug an der Zigarette. „Kannst du mir das sagen? In mir drin ist alles verhakt, ich weiß gar nichts mehr… Heißt das, dass es mit mir zuende geht? In meinem Kopf ist alles durcheinander, ich bin gar nicht mehr dieselbe Person, die ich früher war…“

In ihrer Schilderung spüre ich ihre Ehrlichkeit und überlege kurz, ob ich ebenso ehrlich sein soll und ihr was über Demenz erzählen soll, und dass ihr Krankheitsverlauf genau diese Symptome hervorbringt. Das würde sie aber nur noch mehr verwirren und deprimieren, und so wähle ich andere Worte: „Nee, es geht nicht mit dir zuende, M. (ihr Vorname)! Deine Erinnerungen geraten dir durcheinander und sind teilweise verschwunden, und manchmal fühlst du dich dann völlig verloren und weißt nicht mehr, wo und wer du bist. Aber deswegen bist du immer noch dieselbe Person! Das, was dich ausmacht, ist ja nicht in deinem Kopf, sondern hier drin“, wobei ich ihr mit dem Finger aufs Herz tippe.

Das mag zwar nicht wissenschaftlich korrekt sein, stimmt aber mit der Gefühlswelt der allermeisten Menschen, und derjenigen von dementen Menschen gewiß, überein. Frau H. ist erleichtert und seufzt tief: „Ja, ich hab gehofft, dass du mir das irgendwie erklären kannst… Wenn ich so durcheinander bin, schau ich immer dein Bild an und denk mir, dass du für mich da bist…“

Mit dem Bild meint sie die Grafik eines bunten, lustigen Tiefseewesens mit Kußmund, das ich ihr gestern anläßlich ihres 85. Geburtstages geschenkt habe. Dazu hab ich ihr gesagt, dass sie ein ebenso bunter Vogel wie die gezeichnete Kreatur ist und dass ich ihr wünsche, dass sie sich in der Einrichtung genauso wohl und zuhause fühlt, wie das bunte Meeresgeschöpf im tiefen Wasser am Boden des Ozeans.

Ich erfahre noch, dass ihre Kinder sie an Weihnachten abholen wollen und drei Tage mit ihr nach Hause fahren werden. Mit erstaunlicher Klarheit stellt sie fest: „Da müsste ich mich doch eigentlich freuen, aber das zieht mich nur runter. Das ist momentan zu viel für mich.“ Trotzdem freut sie sich darauf, vermischt aber im nächsten Satz schon wieder verschieden Realitäts- und Zeitebenen: „Die können mich ja jetzt holen; die Chefs hier haben mir gesagt, dass ich nicht mehr zur Schule muß, es ist alles geregelt. Ich muss nicht mehr in die Schule gehen! Und dann noch mein Vater! Der kommt auch; der hat sich jahrelang nicht gemeldet, nie durften wir den sehen und jetzt kommt der mit zu mir!“

Diese Vorstellung will ich ihr nicht nehmen und lasse sie darum unkommentiert, zumal ich weiß, dass Frau H. gerne mal ihren Sohn mit ihrem Vater verwechselt – und ihr Sohn kommt ja tatsächlich an Weihnachten und holt sie ab.

Ihr aufgewühlter emotionaler Zustand hat sich jedenfalls beruhigt und nach der Zigarettenpause begleite ich sie zurück auf ihr Zimmer. Sie drückt mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange und hält mir noch eine rührende kleine Ansprache, in der sie mir schöne Urlaubstage wünscht und darum bittet, dass ich sie kurz anrufe, wenn ich gut nach Hause gekommen bin. Dass sie gar kein Telefon hat, spielt in diesem Augenblick keine Rolle; entscheidend ist das Interesse und die Fürsorge, die sie damit zum Ausdruck bringt.

Ich nehme sie nochmal in den Arm und hoffe, dass sie den sicher aufregenden Aufenthalt bei ihren Kindern gut übersteht. Obwohl sie ihre Kinder liebt und stolz ist auf die zwei Töchter und den Sohn, bedeutet jede Veränderung in der täglichen Routine zunächst mal eine Störung des gewohnten Ablaufes, eine Unterbrechung der geregelten Tagesstruktur, die für demente Menschen nötig ist. Vor allem eine Ortsveränderung kann Menschen, die weder zeitlich noch räumlich orientiert sind, in tiefe Unruhe und Verlorenheit stürzen. Auch bei ihren Kindern kann es Frau H. passieren, dass sie plötzlich jeden inneren Boden unter den Füßen verliert und sich vorkommt wie ein Außerirdischer, der auf einem fremden Planeten gestrandet ist.

Andrerseits ist die Weihnachtszeit mit ihren Ritualen, vertrauten Liedern, Gerüchen, Gedichten usw. ein mächtiger Erinnerungsanker im Gedächtnis auch dementer Leute. Ich versichere Frau H. noch einmal, dass sie sich wirklich freuen kann auf die paar Tage mit der Familie und hinterlasse eine strahlende und entspannte Bewohnerin, deren Welt vorerst wieder in Ordnung ist und die sich jetzt erst mal zum Mittagsschlaf in ihr Bett zurückzieht.

Geschichten, die das Leben schrieb: Freitag der 13.

Auf dem Weg zur Arbeit mittwochs morgens bemerke ich schon auf den ersten Metern Fahrt, dass das Auto nicht wie sonst fährt. Der Motor rumpelt und pumpelt in einer anderen Frequenz als sonst, so als führe er nur mit zwei Ventilen, Zylindern oder wie immer die entsprechenden Einzelteile der Maschinerie benannt sind, die in dem Motorblock verbaut sind. Fast wie ein Asthmatiker, der nur noch mit eingeschränkter Lungenfunktion atmet. Im Leerlauf vor jeder roten Ampel fürchte ich, dass das asthmatische Stottern des Motors in ein verendendes Röcheln übergeht und mir die Weiterfahrt unmöglich macht, beschleunigen kann ich nur noch auf maximal 60 km/h.

Kurzum, der vierrädrige Untersatz, das unerlässliche Transportgerät für Arbeitsweg, Hundetagesstätte und Einkäufe, schwächelt – und bedroht dadurch den ganzen geregelten Ablauf der Lohnarbeiterexistenz von gleich zwei Personen und einem Hund. Denn obwohl ich der alleinige Fahrer bin (die Frau benutzt öffentliche Verkehrsmittel für ihren 60 km langen Arbeitsweg), ist die gemeinsame werktägliche Routine so abgestimmt und austariert, dass ein Ausfall des Kfz sofort mit schwierigsten logistischen Problemen einhergeht.

Hinzu kommt, dass das Auto erst vor fünf Monaten im Rahmen einer aufwendigen Reparatur einen Betrag verschlungen hat, der zweien meiner Netto-Monatslöhne entspricht und nun mit exakt demselben Problem erneut auffällig wird. Es hilft aber alles nichts, ich muss laut Fehlermeldung im Display und Hinweis der Betriebsanleitung zügig die nächste Werkstatt des bayerischen Herstellers ansteuern. Da es weit und breit nur eine einzige gibt – eben die, welche uns vor kurzem noch 2.500 Euro abgeknöpft hat – bringe ich den Wagen dorthin; auch in der Annahme und Erwartung, dass ein identischer Fehler, der innerhalb eines halben Jahres nach Reparatur auftritt, ja wohl irgendwie unter „Gewährleistung“ oder wenigstens „Kulanz“ verbuchbar ist.

Zu irgendwelchen Preisverhandlungen komme ich aber gar nicht; die nette Dame am Empfang nimmt nur meine Autoschlüssel entgegen und sagt, man würde mich anrufen, wenn die Fahrzeugdaten ausgelesen worden seien. Nach zwei Tagen ohne Rückmeldung der Händlerwerkstatt rufe ich an, um den Stand der Dinge in Erfahrung zu bringen. Man vertröstet mich auf den Beginn kommender Woche und versichert mir, dass mein Fahrzeug nur eins von vielen defekten und Pannenfahrzeugen sei, die alle der Reihe nach abgearbeitet würden.

In der Zwischenzeit muss ich mit Bahn und Bus zur Arbeit fahren, die Frau sich einen Tag zur Hundebeaufsichtigung frei nehmen, ein Auto für Montag und Dienstag der kommenden Woche angemietet und eine Menge logistischer Überlegungen angestellt werden.

Können wir nicht auch mal Glück haben?“ stöhnt die Frau entnervt. „Immer, wenn man grad mal denkt, es geht wieder, kommt der nächste Hammer!“

Außer „Heute ist Freitag der Dreizehnte…“ fällt mir dazu nichts ein.

Mich als armutsgewohnten Niedriglohnbezieher läßt die Situation kälter, da das Damoklesschwert plötzlicher, unerwarteter Ausgaben sowieso beständig über mir schwebte, bis ich vor zweieinhalb Jahren mein ostdeutsches Single-Leben aufgab und zur Frau ins westdeutsche Exil umzog. Trotzdem ist mir natürlich mulmig beim Gedanken an eine eventuelle weitere vierstellige Rechnung für eine Autoreparatur. Im Geiste durchdenke ich schon mal die Möglichkeiten eines Lebens ohne Auto: keine schönen Aussichten.

Wir stehen in der Küche vor der laufenden Geschirrspülmaschine und sind uns schnell darüber einig, dass KEIN Auto keine Option ist, als plötzlich aus dem Inneren des hochwertigen Haushaltshelfers ein knarzendes und schepperndes Geräusch ertönt. Die Frau, aufs Höchste alarmiert, unterbricht den Spülvorgang durch Öffnen der Gerätetür. Am Boden der Spülmaschine hat sich eine Menge Wasser angesammelt, von der wir nicht sicher sind, ob die da hingehört oder Anzeichen einer Fehlfunktion ist.

Die Frau schöpft das Wasser ab, wir räumen das Geschirr vorsichtshalber raus und starten den Spülvorgang neu. Es scheppert und klappert weiter. An dieser Stelle denken wir beide „Auch das noch!“ und sehen vor unserem inneren Auge Geldströme von substantieller Größe von unseren Konten in Richtung Händlerwerkstatt und Geschirrspüler-Kundendienst fließen .

Ich geh erstmal einkaufen“, verkünde ich, um an der frischen Luft die Sachlage neu zu bewerten. „Ja, bring mir einen Weißwein mit!“ ruft die Frau mir hinterher. Ich lasse mir Zeit mit dem Einkauf und finde, als ich zurückkomme, eine bestens gestimmte Frau vor, die mir als erstes verkündet: „Ich weiß, was mit der Spülmaschine los ist!“. Sie hat nämlich in der Zwischenzeit – blond, aber nicht blöd – auf YouTube Erklärvideos zur Behebung von Verstopfungen des Rücklaufventils bei unserem Spülmaschinentyp gefunden.

Ich soll mir das jetzt auch angucken und nach den Anweisungen des Herstellerprofis im Video das Rücklaufventil säubern. Tatsächlich kriege ich das trotz zwei linker Hände auch hin, das dreckige Geschirr wird wieder eingeräumt, die Maschine gestartet und alsbald erklingt das vertraute leise Rumpeln des Spülvorganges durch die Küche.

Daraufhin die Frau so: „Boah, gieß‘ uns mal von dem Wein ein, darauf müssen wir anstoßen!“. Ich entspreche ihrem Wunsch und nach dem ersten Schluck schickt sie noch folgenden Stoßseufzer hinterher: „Also, wenn die jetzt auch noch kaputtgegangen wäre und Geld gekostet hätte, dann hätte ich mir die Pulle direkt an den Mund gesetzt und leer getrunken und gedacht ‘Nach mir die Sintflut!‘“