In einem durch die Coronamassnahmen ohnehin schon ausgedünnten Angebot wird der Soziale Dienst bestimmungswidrig für Hauswirtschaftsaufgaben eingesetzt, sobald irgendwo jemand krank oder in Urlaub ist oder der Dienstplan am Wochenende noch mehr Personalknappheit vorsieht.
Die geplanten kulturellen, künstlerischen und sonstigen Betreuungsangebote für die Bewohner müssen dann eben ausfallen. Heute also keine Mal- und Kreativrunde, weil der Kunstgeragoge Küchendienst hat.
Alles zu Lasten der Bewohner und zur Schonung der Diakoniekasse (Hauswirtschaftskräfte einzustellen würde Tariflohn kosten; die Küchendienste machen i.d.R. die billigst entlohnten FSJ.er oder Praktikanten).
Bewohner im Pflegeheim während des heutigen Sirenenalarms.
Obwohl wir natürlich vorab ausgiebig über das Thema und den Übungscharakter des „Warntages“ gesprochen hatten, ändert das nichts an den Erinnerungen dieser Generation an Fliegeralarm, Bombennächte und überstürztes Aufsuchen der Schutzräume.
Die Dame, die sich die Ohren zuhält, ist eine von etlichen in der Gruppe, die sich lebhaft an ihre Kindheit in den 1940er-Jahren, an verschüttete Bunkerinsasssen, an die Leichen auf den Straßen beim Verlassen der Schutzräume und dergleichen erinnern.
Die Bedeutung der einzelnen Tonsignale (Ankündigung, unmittelbare Gefahr, Entwarnung) muß man diesen Leuten nicht erklären – das kennen sie alle auswendig.
Ebenso erstaunlich wie die immensen Traumatisierungen dieser Generation ist auch ihre umfassende, alles Weitere ausblendende Bereitschaft, sich ausschließlich als OPFER schlimmer Zeiten und grausamer Umstände zu fühlen. Faschismus und Krieg werden hauptsächlich vom Ende her betrachtet, als der Krieg vergeigt und es mit der Nazi-Herrlichkeit vorbei war, und als zu Bomben und Kriegsbewirtschaftung auch noch Flucht und Vertreibung, also „der Russe“, kam.
DAS rechnet die Mitläufergeneration der faschistischen Führung (der sie zuvor zugejubelt hatte) als Sünde an, während man für Juden- und Kommunistenverfolgung sowie für das ganze Projekt eines völkischen Imperialismus sehr viel Verständnis hatte und (in seiner modernen demokratischen Version) hat.
Während des schweißtreibenden Aufbaus eines Angebotes im Garten der Einrichtung für ca. 40 Bewohner erscheint der Einrichtungsleiter in Begleitung eines Besuchers, beide vorschriftsmäßig maskiert und erkennbar in wichtiger Mission unterwegs, vermutlich um das Gelände für den geplanten Neubau zu begutachten.
Der Besucher trägt teure Freizeitkleidung und begrüßt mich mit „Guten Tag!“, als er an mir vorbeikommt, während ich einen Getränkewagen über die Terrasse schiebe.
„Hi!“ antworte ich kurz angebunden, registriere die etwas verblüffte Reaktion des Fremden, und schiebe weiter, da die Veranstaltung in Kürze beginnt und noch jede Menge zu tun ist. Angebote im Garten sind in Corona-Zeiten extrem wichtig und beliebt, weil dies die einzige Gelegenheit ist, bei der wohnbereichsübergreifend alle Bewohner zusammenkommen dürfen – allerdings selbst draußen nach Wohnbereichen getrennt. Dennoch schätzen die Heimbewohner solche Veranstaltungen, die eine seltene Unterbrechung des nun schon ein halbes Jahr andauernden Ausnahmezustandes sind, in den die strengen Corona-Maßnahmen den Heim-Alltag versetzt haben.
Eine Stunde später: ich bin mit dem Rücktransfer der zahlreichen zufriedenen Bewohner beschäftigt. Während ich eine Rollstuhlfahrerin zum Aufzug im Foyer schiebe, erscheint der Einrichtungsleiter in der Tür seines Büros und winkt mich herbei. „Kommen Sie doch bitte gleich mal kurz rein!“ ruft er mir zu.
Ein paar Minuten später betrete ich sein Büro, setze mich auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch und bin ganz Ohr.
„Der Mann, mit dem ich vorhin im Garten war – kennen Sie den?“, beginnt er.
„Nein, keine Ahnung.“, antworte ich. „Noch nie gesehen. Hab mir allerdings gedacht, dass das irgendein wichtiger Mensch sein muss, so teuer, wie der gekleidet war!“
„Das war Herr L., unser oberster Chef, der neue Diakonievorstand. Da kam das nicht so gut, dass Sie ihn einfach mit `Hi!` begrüßen…“
Ich muß grinsen, weil mir natürlich die hierarchischen Strukturen des Ladens bekannt sind und meine Begrüßung tatsächlich leicht genervt und im Stress dahingemurmelt war. Andrerseits ist mir zwar bekannt, dass die Diakonie Rhein-Kreis Neuss seit Januar einen neuen Vorstand hat, aber getroffen oder gesehen habe ich ihn noch nie.
„Chef, Sie hatten beide Masken auf…“, raffe ich mich zu einer Antwort auf, „ich kann ja schlecht bei jedem mir unbekannten Besucher sagen `Ziehen Sie doch mal Ihre Maske ab, damit ich nachsehen kann, ob ich sie nicht in irgendeinem Diakonie-Heft gesehen habe und Sie vielleicht eine wichtige Person sind`… außerdem war ich wirklich im Stress mit den Vorbereitungen da draußen, das haben Sie doch gesehen…“
Der Chef grinst ebenfalls und meint: „Ja, das hab ich ihm auch gesagt. Der hat natürlich gleich gefragt, was das für ein Mitarbeiter gewesen ist. Ich hab ihm gesagt, dass das der Herr Strathus ist, der mit den Kunstprojekten, und dass der gerade im Stress war. Ich hab’s also abgebogen. Aber ich wollte es ihnen doch gesagt haben, dass das nicht gut ankam mit dem `Hi`…“
Ich überlege kurz, ob ich ein gewisses Maß an Zerknirschung vortäuschen soll, zumal ich nächstens mal wieder eine Überprüfung meiner Lohneinstufung anzumelden gedenke, was auf jeden Fall beim Vorstand landen wird. Ich lass es bleiben, trolle mich und sinniere über die Lächerlichkeit einer Arbeitswelt, in der die Oberen die Unteren nicht nur so knapp wie irgend möglich halten, sondern dafür auch noch die Einhaltung der sozialen und einkommensmäßigen Hierarchie durch respektvoll-devote Anrede erwarten.
Inzwischen hab ich mehr Jahre in der Pflegeeinrichtung im Westen gearbeitet als in derjenigen im Osten, in der ich bis zu meinem Umzug von Weimar nach Düsseldorf beschäftigt war. Beides Senioren- und Pflegeheime der Diakonie, so dass ich mir glaube ich einen Vergleich erlauben kann.
Einen Vergleich nicht des diakonischen Arbeitgebers (das gibt und nimmt sich nichts), sondern des Arbeitsumfeldes, der Mentalität der Beschäftigten. Von den Bewohnern ganz zu schweigen, denn abgesehen davon, das sie alle alt bis hochbetagt sind (sonst wären sie nicht im Pflegeheim) liegen Welten zwischen Leuten, die ihr Erwachsenen- und Arbeitsleben im DDR-Sozialismus verbracht haben und solchen, die den BRD-Kapitalismus als natürliches Habitat erleben mussten.
Bei den Kollegen ist das recht ähnlich, jedenfalls bei den älteren. Und auch bei den jüngeren merkt man den Unterschied in der Sozialisation in einem Umfeld, in dem die 40 Jahre finanzieller Existenzsicherheit und gesellschaftlicher Fürsorge im Sozialismus noch nicht aus dem kollektiven Unterbewußtsein getilgt werden konnten.
Während hier im Westen lauter Einzelkämpfer unterwegs sind, lauter Überlebenskünstler der Konkurrenzgesellschaft, deren Muttermilch-Mantra „Sei Dir selbst der Nächste, sieh zu, dass du dich gegen die andern durchsetzt, keiner schenkt dir was“ lautet, spürt man im Osten so etwas wie ein Kollektiv (ein Wort, das im Westen verpönt ist, da es das Gegenprogramm zum heiligen Individulismus des marktwirtschaftlichen Individuums ist). Das Kollektiv des Arbeitsumfeldes, der Leute, die an der Arbeitsstelle miteinander zu tun haben. Zu DDR-Zeiten hieß das ja direkt so.
Für mich am besten beschreibbar mit den Worten Verbundenheit, Zusammenhalt, Freundschaft; außerdem mit dem Gefühl, dass sich die Lohnarbeitenden einige Jahrzehnte lang als Kollektiv empfinden und betätigen konnten – und zwar eins, auf das es tatsächlich ankam, weil die gesamte Gesellschaft, der gesamte Staat für sie gedacht und gemacht war.
Vor einiger Zeit sah ich ein Plakat einer kommunistischen Splittergruppe, das die Losung enthielt „Alle Macht dem Proletariat – Die DDR war unser Staat!“. Das gefiel mir, auch wenn ich weiß, dass das von großen Teilen der DDR-Bevölkerung gerade nicht so gesehen wurde – sonst hätten sie wohl kaum eine Konterrevolution begrüßt und unterstützt.
Mir ist klar, dass das vom Arbeiter- und Bauernstaat die Theorie war, und dass die bürokratischen Fehler und Mängel der realsozialistischen Staatsmacht nicht gerade der Quell allgemeiner Glückseligkeit für die Werktätigen war. Grundsätzlich konnten Lohnarbeiter jedoch im Sozialismus eine Aufgehobenheit und eine soziale Absicherung erleben, die im heutigen BRD-Kapitalismus nicht existiert und auch garnicht gewollt ist.
Ob die deutlich wahrnehmbaren Unterschiede zwischen Ost- und West gerade im Arbeitsleben, die Mentalitätsdifferenz zwischen Kollektivgedanke und Konkurrenzgehabe, zwischen Miteinander und Gegeneinander, immer auf der früheren begeisterten Zustimmung zum Sozialismus beruhen oder nicht oft auch auf dem damaligen untertanentypischen Sich-an-die-Verhältnisse-Anpassen will ich nicht beurteilen.
Nach genügend Zeit in identischen Arbeitssituationen in beiden Teilen des angeblich vereinigten Deutschlands ist jedenfalls mein Eindruck der eines gewaltigen Mentalitätsunterschiedes, der mir nebenbei erklärt, warum ich Weimar immer noch als meinem ideellen Wohnsitz und meiner dortigen Beschäftigung immer noch als der um Längen erträglicheren Arbeitsstelle nachtrauere.
Die „Tagesgruppe Demenz“ hat sich personell verändert: vier Teilnehmer, deren Demenz so weit fortgeschritten ist, dass sie nicht mehr in der Lage sind, dem Angebot zu folgen und die lediglich – mehr oder weniger vor sich hin dämmernd – teilnahmslos in ihren Pflegerollstühlen sitzen, sind ausgeschieden; die freien Plätze nehmen jetzt vier Damen mit leichter bis mittelschwerer Demenz ein. Diese Einstufung ist auch, laut Konzept der „Tagesgruppe“, die Voraussetzung für eine Teilnahme.
Damit hat sich die gesamte Atmosphäre der Gruppe verändert; die Stimmung ist deutlich aktiver und fröhlicher. In der neuen Zusammensetzung findet wieder mehr Interaktion zwischen den Teilnehmern statt und Spiele-, Rate-, Sing- und sonstige Runden finden bei der deutlichen Mehrheit der Anwesenden ein begeistertes und engagiertes Echo.
Beim Frühstück summt eine der neuen TeilnehmerInnen die Melodie „Im Frühtau zu Berge“ vor sich hin, zwei weitere fallen ein und schon haben wir den schönsten Morgengesang am Tisch. Der strahlende Sonnenschein dieses herrlichen Frühsommertages scheint die Gemüter empor zu heben, und die Runde beginnt von sich aus, sich über Wanderungen in Wald und Gebirgen zu unterhalten.
„Frau P., wann sind sie denn das letzte Mal gewandert?“, frage ich eine 92-Jährige, die ebenfalls erst seit kurzem in der Gruppe ist. „Ach, das ist lange her..“, sinniert sie. „Das war beim BDM!“
Ein paar Anwesende lachen und bestätigen, dass auch für sie die Wanderungen und Naturerlebnisse beim „Bund Deutscher Mädel“ mit schönen Erinnerungen verknüpft sind. Frau S. aus Westpreußen erinnert sich ebenfalls an viele Wanderungen und Abenteuer „beim Jungvolk“, denkt aber ebenso gerne an Wanderungen mit ihrem Vater zurück, bei denen dieser lauthals Lieder schmetternd mit ihr durch die Buchheide bei Stettin zog.
Flugs ist eine geeignete Playlist bei Spotify gefunden („Wanderlieder zum Mitsingen“) und in der Fantasie verwandelt sich die ganze Tagesgruppe in eine Wandergruppe auf dem Weg in die Berge. Die passende Bebilderung male ich derweil ans Flipchart, wobei ich Vorschläge aus der Runde aufgreife. „Ja, genau so einen Wanderhut hatte mein Vater!“ höre ich von Frau F., und „Das könnte ich mit meinem Opa sein!“ kommt aus einer anderen Ecke.
Wir singen, malen, erzählen und verbringen einen Vormittag in den Bergen, obwohl wir alle in einem eher kleinen Raum an vier Tischen sitzen. Besonders die kleinen Details auf dem Bild faszinieren meine Schützlinge: das rosa Kaninchen zum Beispiel, das natürlich viel schlauer ist als der Fuchs, der weiter oben auf die Gelegenhet wartet, dem Kaninchen das Fell über die Ohren zu ziehen. Oder die Ameisen, die von ihrem Hügel neben dem Kilometerstein zu der Bananenschale hin- und hermarschieren, um mit dem halb vergammelten Fund ein Festmahl zu feiern.
Auf Wunsch einer weiteren Teilnehmerin baue ich noch einen Mitbewohner in das Bild ein, der zwar nicht an der „Tagesgruppe“ teilnimmt, dafür aber wohnbereichsweit bekannt ist für seine dauernden Klagen, dass ihm so schwindlig sei. Dabei schwankt er in der Regel demonstrativ hin und her, wie ein Seemann bei Windstärke 10 und starkem Wellengang – ein hervorragender Anlaß, um einen kleinen musikalischen Abstecher in das weite Feld der Seemannslieder zu machen, so dass nun die ganze Runde „Junge, komm bald wieder“ intoniert.
Zwischendrin gibt’s noch ein paar Worträtsel zum Thema „Berge und Wandern“ als Gedächtnistraining – auf diese Weise kann ich auch überprüfen, wie es um die kognitiven und assoziativen Fähigkeiten meiner Truppe bestellt ist. Hier tut sich Frau F. hervor, auch eine von den Neuen: eine 90-Jährige, die ansonsten eher still ist und meistens gütig lächelt. Diese Übungen jedoch machen ihr Spaß, sie erfaßt die zu vervollständigenden Wörter sofort und platzt schon mit der richtigen Antwort heraus, während die anderen noch lesen. Frau F. ist räumlich ziemlich desorientiert; sie findet oft den Weg in ihr eigenes Zimmer nicht – umso erstaunlicher, dass sie auf dem Gebiet der Worterkennung und -Verknüpfung keinerlei Probleme hat.
Schon naht die Mittagszeit. Dem Thema des Vormittags entsprechend, ist uns allen jetzt eher nach einer Brotzeit mit Schinkenbroten und Radler als nach dem Kaiserschmarren mit Kompott, der heute auf dem Speiseplan steht. Aber der Hunger treibt‘s runter, schmecken tut‘s auch einigermaßen und die Höhenluft des Vormittags hat die Teilnehmer so müde gemacht, dass alle zufrieden und satt sich in ihre Zimmer zum verdienten Mittagsschlaf zurückziehen.
Dienste an christlichen Feiertagen bieten mir immer die Möglichkeit, in meinen Angeboten, scheinbar ganz im Sinne meines diakonischen Arbeitgebers, den Leuten Botschaft und Bedeutung des jeweiligen Feiertages nahezubringen bzw. ihre Erinnerung aufzufrischen (in der Praxis stellt sich schnell heraus, dass die Unkenntnis darüber, was im christlichen Jahreskalender warum gefeiert wird, nicht den Atheisten oder Dementen vorbehalten ist).
Vor allem kann ich unter der Tarnung der sozialen Betreuung und von lustigen Runden recht schön ein bisschen praktische Religionskritik anbringen.
Heute muss natürlich über Pfingsten gesprochen werden, von dem keiner auch nur die blasseste Ahnung hat, warum das ein Feiertag und was das überhaupt ist.
Ich erzähle also meiner Zuhörerschaft, was nach christlicher Legende Pfingsten bedeutet: dass da ein „heiliger Geist“ irgendwie in die Jünger gefahren oder von einer Art Taube (ja, genau: der Vogel, der alles voll kackt) ausgeschieden und in die Gläubigen geschüttet worden sei.
Derselbe heilige Geist übrigens, der ein paar Jahrzehnte vorher die Maria geschwängert hat, die dann den Jesus zur Welt brachte, um den sich bei den Christen alles dreht. Mein Publikum ist gebannt von dieser unerwarteten Volte der Geschichte und versucht anscheinend innerlich, eins und eins zusammenzuzählen.
„Was ist denn nun ein ‚heiliger Geist‘?“
frage ich in die Runde. Ratlose Gesichter. Nur der volldemente Herr J. sieht aus, als ob ein Glöckchen klingeln würde. Er meldet sich und erklärt: „Ein Mensch, den man nicht sieht!“
Das klingt überzeugend, auch für die Umsitzenden. Wo wir schon mal bei Geistern sind, hake ich nach und frage, wie sie sich einen Geist – ob heilig oder nicht – vorstellen. Natürlich kommen wir auf Gespenster, Spuk und Geister á la „Hui-Buh das Schlossgespenst“ und alte Bettlaken mit reingeschnittenen Augenlöchern.
Die Runde ist erheitert, man lacht über das leicht depperte Gespenst und nimmt hoffentlich auch heilige Geister nicht mehr so ernst.
Wir beschließen den Vormittag mit ein paar Frühlingsliedern und alle freuen sich aufs Mittagessen, das an Feiertagen immer besonders lecker ist.
Die Erzählung von Karl dem Kartoffelkönig, seiner Gattin und dem verzogenen kleinen Prinzensohn Knut fasziniert die Teilnehmer der „Tagesgruppe Demenz“; wir kommen drauf, weil’s mittags Bratkartoffeln mit Spiegelei gibt. Noch lustiger finden sie aber das Kartoffel-Lied, für das ich in die Rollen des Komponisten, Sängers, Mundharmonikaspielers und Chorleiters schlüpfen muss – leider verbietet der Datenschutz eine Veröffentlichung des Filmmaterials, das eine Kollegin mit dem Handy erstellt.
Darauf sind acht fröhliche alte und hochbetagte Menschen zu sehen, alle dement und alle kräftig am mitsingen.
Besonders die leicht perfide Wendung des Liedtextes, in dem zunächst die Kartoffel angeschmachtet wird um gleich darauf umso überraschender in den Kochtopf befördert zu werden, scheint meiner Truppe zu gefallen.
„Soziale Distanz“ bestand für mich in letzter Zeit vor allem in der Entwöhnung von der ständigen Online-Aktivität in Sozialen Medien. Nach einigen Wochen digitaler Entgiftung erscheint mir Facebook nach wie vor als Irrenhaus, das immer lauter und irrer wird. Ganz und gar war die Entwöhnung allerdings nicht; ab und zu hab ich mal reingeschaut. Was ich sah, bestätigte meinen Entschluss, mich vorerst von diesem Marktplatz der Meinungen fernzuhalten.
Die Welt dreht sich auch ohne Facebook weiter; sie dreht sich auch weiter, ohne dass ausgerechnet ich meinen Senf zu jeder politischen oder sonstigen Wurst gebe, die in der virtuellen Öffentlichkeit der Filterblase gebraten bzw. ausgeschieden wird.
Abgeschreckt hatte mich vor einigen Wochen die zunehmende Hysterie und Irrationalität in meiner Timeline. Selbst Leute, die ich im Allgemeinen für zurechnungsfähig halte, werden angesichts der gegenwärtigen Pandemie offenbar reihenweise nicht nur zu Experten aller möglichen wissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen, sondern geben ihren gesunden Menschenverstand an der Garderobe der rechthaberischen Missioniererei ab.
Am erstaunlichsten finde ich die Zeitgenossen, denen am leichenträchtigen Funktionieren des ganz normalen kapitalistischen Geschäftsganges nie und nimmer etwas auffällt; denen die demokratischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft wie Überwachungsstaat, Aufrüstung, Kriege und Kriegsvorbereitung, Hetze gegen Rußland und China, Verarmung und Ausbeutung allesamt und ganz grundsätzlich am Arsch vorbei gehen, solange sie (die besagten Zeitgenossen) in ihrer Nische ein Geld verdienen können.
Kaum sollen sie aber mal eine Zeitlang zur Eindämmung einer Pandemie eine Atemschutzmaske aufsetzen und sich von den lieben Mit-Untertanen etwas entfernt halten, werden dieselben Zeitgenossen zu Rebellen und Revolutionären (oder halten sich dafür), weil sie plötzlich an den staatlichen Maßnahmen lauter Freiheitseinschränkungen und Eingriffe in ihr höchst individuelles Meinen und Konsumieren entdecken.
Die Lautstärke, mit denen diese Freiheitshelden ihre „Freiheit“ zu verteidigen wähnen, steht nicht nur in auffallendem Gegensatz zu ihrem sonstigen Schweigen, wenn es um den freiheitlichen Normalbetrieb ihres geliebten (mitunter auch kritisierten) Kapitalismus geht – der unterwirft sie nämlich ebenfalls lauter Zwängen, zuallererst dem des Geldverdienenmüssens mit all seiner Ungemütlichkeit der Einsortierung der Klassengesellschaft in Arbeit und Reichtum, in Besitzende und Lohnarbeiter, in Leute, die sich das Leben leisten können und solche, die das nicht oder nur unter beständigen Härten und Nöten hinkriegen.
Sie macht auch deutlich, was für die jetzt so Empörten „FREIHEIT“ ist:
der normale Geschäftsbetrieb der Kapitalakkumulation, von dessen Zwängen und Schäden sie aber nichts wissen wollen. Dass diese schöne Freiheit DAS Herrschaftsinstrument derjenigen Interessen ist, die in einer kapitalistisch verfaßten Gesellschaft nun mal das Sagen haben, will ihnen weder im bürgerlichen Normalbetrieb noch im pandemiebedingten Lockdown auffallen – zumal sie ja ohnehin glauben, dass Demokratie keine Herrschaftsform, sondern reine Volksbeglückung ist, da man ja wählen darf. Schon der Hinweis auf Machtausübung und Herrschaftsinstrumentarium, die hierbei in dem Wörtchen „darf“ enthalten sind, entgeht einem freiheitlichen Bürger in der Regel.
Als Beschäftigter in einer Pflegeeinrichtung erlebe ich seit ca. 6 Wochen, welche Schneise die Corona-Pandemie in die Risikogruppe schlägt. Die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter verschlechtern sich mit jeder neuen Regelung, die dem Schutz der Bewohner dienen sollen – und es wohl auch tun, wenn man die Situation in Ländern wie Italien oder USA in Betracht zieht. Das Virus und/oder die Maßnahmen zu dessen Eindämmung fahren wie ein Schwert in die Risikogruppe in den Pflegeheimen. Sofern nicht daran gestorben wird, werden die Lebensbedingungen der Bewohner auf eine Weise eingeschränkt, die von immer mehr alten Menschen kaum noch ausgehalten werden.
Nicht nur, dass keinerlei Besuche von außen mehr möglich sind (weder Verwandte, noch Friseur, Fußpflege, Unterhaltungskünstler usw.), auch innerhalb der Einrichtung selber werden die Bewohner, aber auch die Mitarbeiter, auf die Wohnbereiche beschränkt und selbst diese noch einmal in Untergruppen aufgeteilt. Die Begründung dafür ist die Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten, sofern es zu einer Ansteckung kommt.
Obendrein wird jeder, der außerhalb des Geländes unterwegs war – egal ob Arztbesuch oder eine Runde um den Block – zu einer zweiwöchigen Isolation auf sein Zimmer verbannt. Mehr als einmal habe ich in den vergangenen Wochen weinende Alte vor mir gehabt, die die Situation kaum ertragen und darunter leiden, ihre Kinder, Enkel usw. nicht zu sehen.
Für die Mitarbeiter gilt inzwischen Maskenpflicht bei allen Tätigkeiten. Wer eine ganze Schicht über einen Atemschutz tragen muß, kann nur den Kopf schütteln über Maulhelden, die wegen einer einigermaßen sinnvollen Vorschrift, nämlich im ÖPNV und in Geschäften Atemschutzmasken oder -schals zu benutzen, einen Radau machen, als ob die Diktatur ausgebrochen wäre.
Ja, sie IST ausgebrochen, aber von jeher als conditio sine qua non der kapitalistischen Herrschaft: als Diktatur der Bourgeoisie, die Freiheit als Herrschaftsinstrument ihrer Macht über die Reproduktion der Gesellschaft schätzt und einsetzt. Und deren Staat diese Freiheit eben bei Bedarf auch mal einschränkt, wenn es die Aufrechterhaltung dieser Herrschaftsform zu erfordern scheint.
Man muss kein Regierungsanhänger oder Fan der bürgerlichen Staatsmacht sein, um die Maßnahmen zur Begrenzung der Infektionswege weitgehend nachzuvollziehen. Dass ein kapitalistischer Staat- zumal einer von der Wucht und dem imperialistischen Anspruch der BRD – die Gelegenheit nicht verstreichen lässt, um auch aus dieser Krise „gestärkt hervorzugehen“, wie es die Regierung verkündet, und deswegen gleich noch mal die ohnehin laufende Umverteilung von unten nach oben sowie die Überwachung und Einschränkung bürgerlicher Rechte ein paar Umdrehungen weiter schraubt: das sollte nicht überraschen.
Wie gesagt habe ich gelegentlich doch mal in die Facebook-Timeline reingeschaut. So schnell wie ich bei den hysterischen Besserwissern und Freiheitsaposteln weiter gescrollt habe, so lange bin ich verharrt bei den – nicht so zahlreichen, aber durchaus vorhandenen – Beiträgen, die sozusagen die Weltvernunft widerspiegeln. Bei letzteren handelt es sich ausnahmslos um solche, die die derzeitige Situation in den Zusammenhang stellen mit dem umfassenden Anschlag der herrschenden Klasse auf die Lebensbedingungen und ideologische Gesundheit der lohnabhängigen Klasse, der schon vor der Pandemie epidemisch war.
Als Quelle einer für medizinische Laien wie mich vernünftig erscheinenden Einschätzung der Pandemie haben sich für mich die Veröffentlichungen von Prof. Paul R. Vogt in der „Mitteländischen Zeitung“ erwiesen:
Da die Gottesdienste im Pflegeheim momentan Corona-bedingt nicht live stattfinden können, nimmt der örtliche Pfarrer seine Veranstaltungen recht professionell auf und stellt uns einen USB-Stick mit der jeweils aktuellen Ausgabe zur Verfügung.
Diese zeigen wir zu den gewohnten Gottesdienstzeiten nachmittags im Heim auf eigens installierten USB-tauglichen Fernsehgeräten – schließlich ist das Haus eine Einrichtung der Diakonie und auf die Verbreitung des Wortes Gottes wird großen Wert gelegt.
Der Ostermontags-Gottesdienst steht am heutigen Freitag auf dem Programm. Meine Aufgabe ist die Bestückung des Fernsehgerätes mit dem USB-Stick und die Begleitung des Angebotes, das im Speisesaal des Wohnbereiches stattfindet (die drei Wohnbereiche sind wegen der Corona-Pandemie streng getrennt).
Damit komme ich nicht drum herum, mir die Veranstaltung in voller Länge (zum Glück begrenzt auf ca. 30 Minuten) anzutun. Die Musikbegleitung durch zwei Profimusiker ist schon mal nicht schlecht und hört sich eher nach Jazz als nach Kirchenmusik an.
Dann wird’s allerdings schnell unterirdisch: eine künstlich enthusiasmierte Pfarrerin führt, assistiert von einem bärtigen brummeligen Mittvierziger (Typ evangelische Telefonseelsorge), durch das Programm aus Gebeten, Gesangbuch-Liedern, und merkwürdigen, angestrengt munteren und belehrenden Dialogen, die wohl die Predigt ersetzen oder sein sollen.
Die gestenreich deklamierende Kirchenfrau verkündet das Motto dieses Tages, das da lautet „Wer erkennt wen?“. Dabei soll es wohl irgendwie um die Art und Weise gehen, mit denen Menschen sich untereinander erkennen, sowie ihren Christengott und dieser wiederum „die Menschen“. Dabei spielen die beiden Vorbeter eine laienhafte Mini-Vorstellung herunter, in der gefragt wird „Wie erkennt der HERR uns Menschen?“.
Jeder einzelne Satz dieser improvisiert wirken sollenden Einlage muß von den zwei Kirchenleuten abgelesen werden; offensichtlich haben sie selber nichts zu sagen zu diesem Thema, oder können sich nicht einmal bei solch einer essenziellen Fragestellung auf die eigene Intelligenz und Einsicht verlassen, sondern müssen ihre vorgefertigten Glaubenssprechblasen nach Manuskript sprechen.
An dieser Stelle erlöst mich meine zuverlässig schnoddrige Frau H., Teilnehmerin der „Tagesgruppe Demenz“ und unheilig bodenständige Lebenspraktikerin, aus meinem langsam sich manifestierenden Zustand aufgerollter Fußnägel über das fromme Getue der religiösen Vorturnerin. Sie dreht sich schelmisch grinsend zu mir um und bemerkt lakonisch: „Mich erkennst du aber noch, oder?“
„Sowieso!“ antworte ich ihr, erleichtert über die Unterbrechung meiner Fremdscham-Qualen, „da blendet mich wenigstens kein Heiligenschein!“
Frau H. grinst sich einen und verfolgt weiter die Gottesdienstsendung, die sie im Gegensatz zu den glaubensfesteren Bewohnern nicht bei den bekannten Liedern und Gebeten mitsingt und -spricht. Ich frage mich, wie ihr mit ihrer dementen Sicht das Ganze vorkommt. Demente Menschen, die mehr über gefühlsmäßige als intellektuelle Wahrnehmung funktionieren, haben in der Regel gute Antennen für aufgesetztes Getue, Unehrlichkeit und Fake News.
Die österliche Andacht geht zu Ende. Die anwesenden orientierteren Bewohner sprechen routiniert das Vaterunser mit, die stärker dementen schauen nur ratlos auf den Bildschirm oder sind gleich zu Beginn eingeschlafen, die Musiker in der Aufnahme beenden das Ganze mit einem wahrhaft Miles Davis-würdigen Orgel-Klarinetten-Duo und ich kann endlich in den Feierabend.
Der bisherige relativ gemütliche Tagesablauf unserer Einrichtung (angesichts der Umstände herrscht – bis auf das Besuchsverbot – beinahe Normalbetrieb) ist beendet. In einem Pflegeheim um die Ecke, im Nachbar-Stadtteil Selikum, sind in einem katholischen Pflegeheim 33 Bewohner und 9 Mitarbeiter mit Covid-19 infiziert.
Das fasst unsere Einrichtungsleitung eindeutig und zu recht als Warnschuss auf und erlässt ab sofort folgende Maßnahmen: alle Wohnbereiche werden strikt getrennt, die Bewohner müssen auf ihren Wohnbereichen bleiben. Gemeinsame Veranstaltungen sind gestrichen. Mahlzeiten und Angebote des Sozialen Dienstes finden nur noch wohnbereichsbezogen statt; die Mitarbeiter – Pflege wie Sozialer Dienst – sind für die Zeit ihrer Anwesenheit im Haus nur einem einzigen Wohnbereich zugeordnet. Somit steht eine Neustrukturierung der Angebote des Sozialen Dienstes an, da fast alle Gruppenangebote wohnbereichsübergreifend sind.
Maßnahmen, die NICHT erfolgen: die Ausstattung der Mitarbeiter mit Atemschutzmasken und Handschuhen (bzw. deren obligatorische Verwendung – Schutzhandschuhe jedenfalls gibt es im Hause reichlich, weil die Pflege-Kollegen sie täglich benutzen). Getestet wird auch nicht.
Auf meine Nachfrage belehrt mich die PDL (Pflegedienstleitung), dass das Testen ja ohnehin wenig bringen würde: „Heute werden Sie negativ getestet und morgen infizieren Sie sich…“. Auch würden die Masken nichts nützen und wenn überhaupt nur die FFP2-Masken was taugen, „und ziehen Sie die mal eine Stunde auf, das halten Sie nicht aus, da schwitzen Sie wie blöd…“
Unterdessen verbreitet sich unter den orientierten Bewohnern die Neuigkeit. Ihnen ist klar, das jetzt noch weitergehende Einschränkungen ihres Lebens im Heim auf sie zukommen. Die Dementen, die schon nicht das Abstandsgebot verstehen können und einem munter weiter die Hand schütteln, umarmen oder sonstwie anfassen wollen, spüren sicher auch die insgesamt veränderte Atmosphäre im Haus. Sie können nicht erfassen, was Gründe und Auswirkungen der Veränderungen sind, erfassen aber, DASS etwas anders ist.
Die PDL begründet die Maßnahmen damit, Zustände wie im benachbarten Pflegeheim verhindern zu wollen. „Bei uns ist ja zum Glück noch keiner erkrankt oder infiziert!“ sagt sie mir. Ich so: „Frau G., wie wollen Sie das denn wissen ohne dass getestet wird?“ Frau G. schaut mich an, nickt und schweigt.