Geschichten aus dem Pflegeheim: Der Frühstücks-Gnom

In der “Tagesgruppe Demenz” gilt es jeden Tag aufs Neue, die Leute zu betreuen, indem man sie beschäftigt, unterhält, aktiviert – ohne sie dabei für dumm zu  verkaufen oder sie wie unmündige Kinder zu behandeln.

Demente Menschen haben vielleicht keinen normal funktionierenden Intellekt mehr, der jederzeit willentlich auf die gespeicherten Erinnerungsdatenbanken zugreifen kann, aber sie haben in der Regel einen guten Sinn für Humor und für absurde Komik. Darin sind sie wiederum Kindern ähnlich. Vielleicht weil die mentale Kontrolle – der steife Stock im Rücken, dessen Verschlucken das Erwachsensein einläutet – bei den einen noch nicht und bei den anderen nicht mehr vorhanden ist.

Heute kommen wir aus dem Nichts bzw. dem Stehgreif auf die merkwürdigen Formen und Figuren, die vor uns auf den Frühstückstellern liegen. Frau C., unser Neuzugang, sieht sich lange die beiden aufgeschnittenen Milchbrötchenhälften an, die ich mit Marmelade beschmiert und vor sie drapiert habe.

Ihr Blick wandert von den Brötchen zu mir und wieder zurück; sie scheint den Anblick in diesem Moment überhaupt nicht mit Essen und Nahrungsaufnahme zu verbinden. “Tja, Frau C.”, sage ich, plötzlich ebenso “entfernt” von dem normalerweise vertrauten Bild der Brötchen, “die sehen aus wie zwei Füße, die jeden Moment von dem Teller losspazieren werden…”

“Ja, genau!”, antwortet Frau C. und lacht.

“Marmeladenbrötchenfüße: da hat man nie mehr Hunger, weil man sich immer was abbeißen kann… außer man beißt zuviel ab, dann hat man keine Füße mehr!”, ergänze ich.

Das leuchtet der dementen Runde auf Anhieb ein und allgemeine heitere Zustimmung ist die Folge. Gegenüber von Frau C. sitzt Frau M., deren Essverhalten sozusagen Süd-indisch ist: sie isst grundsätzlich alles mit den Fingern und genießt dabei die Haptik des Nahrungsmaterials. Gerade hat sie zwei Bananenscheiben in ihren Früchtetee befördert und starrt in ihre Tasse. Die beiden Bananenscheiben starren zurück wie zwei Augen in einem roten Gesicht.

Frau M. weiß nicht so recht, was sie mit der Situation anfangen soll, ich aber weiß umso genauer, wie es jetzt weitergeht: meine Leute haben mir sozusagen den Weg gewiesen. Flugs ist das Flipchart aufgestellt, die Farben geholt und wir widmen den Vormittag einem Fabelwesen, das soeben spontan entstanden ist: Der FRÜHSTÜCKS-GNOM.

Da wir bislang nur Füße und Kopf haben, braucht unser Gnom noch einen Körper, für den sich die Kaffeekanne anbietet. Diese tropft leider, so daß sich eine Kaffeelache unter den Milchbrötchenfüßen des Gnomes bildet – ein Malheur, das für einige Erheiterung bei meinen Gruppenteilnehmern sorgt und das natürlich folgenschwere Auswirkungen auf die Milchbrötchen hat.

Allein das Wort “Lache” mit seinen zwei Bedeutungen bringt uns vom Hölzchen aufs Stöckchen und öffnet die Möglichkeit zu Wort- und Sprachspielen, die gerade bei dementen Menschen immer gut ankommen.

So geht es weiter mit wilden Geschichten über lebendig gewordenes Essen, die mich an meine Kindheit erinnern, als ich mit den Materialien auf dem Teller fantastische Welten erschuf, in denen Schlachten geschlagen, Abenteuer bestanden und außerirdische Landschaften erforscht wurden – bis meine Mutter mich mit einem ungnädigen “Spiel nicht mit deinem Essen!” zurück in die familiäre Realität brachte.

Meine demente Truppe – soweit sie nicht schläft (heute ist ein müder Tag) – ist jedenfalls bestens unterhalten, der Vormittag vergeht wie im Fluge und beim Mittagessen sind alle wieder wach. Frau C. allerdings ist immer noch auf einer anderen Umlaufbahn, was die Nahrungsaufnahme betrifft: sie rührt nichts an und wirkt, als ob nichts absurder sein könnte als auf Teller gehäufte Substanzen, die man sich in den Körper zu befördern hat.

image

Geschichten aus dem Pflegeheim: Nichts ist umsonst, auch der Tod kostet nicht nur das Leben

Als ich morgens zum Frühdienst komme, brennt am Empfangstresen eine Kerze. So weiß ich schon mal, dass wieder ein Bewohner gestorben ist. Etwas später erfahre ich, dass es sich um die seit etwa einem Monat ihrem Ende entgegensterbende Frau S. handelt; ganz bestimmt also eine Erlösung für die patente, humorvolle, voll orientierte Mittachtzigerin aus Pommern.

Jetzt beginnt erstmal ein bürokratisches und menschliches Tohuwabohu, das u.a. dem Sonntag geschuldet ist: da der Hausarzt am Wochenende nicht erreichbar ist, muß ein Bereitschaftsarzt den Tod offiziell feststellen. Dessen erste Frage am Telefon ist gleich: Wer bezahlt mir Anfahrt und Bescheinigung?

Da Frau S. lebende Verwandte hat, namentlich eine Tochter, ist diese gesetzlich verpflichtet, sich um die Bestattung zu kümmern. Die erste Reaktion der Tochter: Ich habe kein Geld, ich kann weder Arzt noch Bestattungsinstitut bezahlen.

Keiner hat sie informiert, dass sie Bestattungshilfe bei der Stadt beantragen kann (und dies auch gleich bei der Beauftragung dem Bestatter mitzuteilen ist). Hinzu kommt, dass der Bereitschaftsarzt, der die Krankengeschichte der Verstorbenen nicht kennt, sach- und fachgerecht „Todesursache unbekannt“ auf den Totenschein eingetragen hat, wodurch er zu einer Meldung an die Polizei verpflichtet ist, die wiederum erst nach Inaugenscheinnahme der Toten dem Bestatter das OK für den Abtransport geben wird.

Die diensthabende russische Pflegefachkraft des Wohnbereiches ist von der unübersichtlichen Situation überfordert und weiß nicht weiter, da sie ihre Vorgesetzte telefonisch nicht erreichen kann.

Ich gehe ins Zimmer von Frau S. und finde die Tote mit geöffneten Augen und Mund vor. Ihr die Augen zu schließen erweist sich allerdings als erfolglos, wohl weil sie schon mehrere Stunden tot ist. Ein Kollege hat mir jedoch einen Trick für diese Situation verraten: man legt dem Verstorbenen eine nasse Kompresse auf die heruntergedrückten Augenlider. Dadurch ziehen sich die Gefäße zusammen und die Augen bleiben verschlossen. Das probiere ich also aus, und siehe da: es funktioniert (zum Glück, bevor die Angehörigen eintreffen).

Dann nehme ich die Angehörigen in Empfang, informiere sie über das Prozedere und führe das hausinterne Abschiedszeremoniell für Verstorbene durch (mittlerweile kann ich Psalm 23 bald auswendig), an dem neben den Angehörigen auch Pflege- und Betreuungskräfte sowie einige Bewohner teilnehmen – Frau S. war äußerst beliebt bei allen und sorgte während ihres etwa anderthalbjährigen Aufenthalts für viel gute Laune und mancherlei Späße.

Eine Kollegin bringt anschließend, als wir das Drumherum besprechen, ihre Gefühle so zum Ausdruck: „Selbst beim Sterben geht’s nur ums Geld und um nichts anderes. Das kotzt mich so an…“

Geschichten aus dem Pflegeheim: die evangelischen Tabletten

Heute bin ich nicht in der Tagesgruppe Demenz eingeteilt, höre aber im Vorübergehen einen erregten Disput zwischen Teilnehmerin Frau M., deren dementer Geist sowohl Wach- und Traumzustand wie auch Erinnerung und Aktualität schwer auseinander halten kann, und einer Pflegekraft. Ich höre, wie die Kollegin Frau M. erklärt, dass man nicht so ohne Weiteres die Religion wechseln kann und „einmal evangelisch“ gleichbedeutend mit „immer evangelisch“ sei. Mal abgesehen davon, dass das natürlich Unsinn ist, sehe ich keine Veranlassung, mich einzumischen.

Etwas später helfe ich nach der Mittagszeit in der Tagesgruppe aus und registriere den aufgewühlten emotionalen Zustand von Frau M. Sie berichtet mir sofort und ungefragt, dass mal wieder einen unglaubliche Sauerei passiert sei, die sie sich aber keinesfalls bieten lassen würde, das wäre ja noch schöner; das sollten die ja versuchen, die würden schon sehen, mit wem sie sich da anlegen usw.

Da ich das gefüllte Pillendöschen an ihrem Platz stehen sehe (die Medikamente soll sie vor dem Essen nehmen), frage ich sie, was mit den Pillen ist.

Das ist es ja!“ legt Frau M. los, „die wollen mich hier katholisch machen! Diese Pillen sind für Katholiken, aber ich bin evangelisch und das ändere ich auch nicht!“

Ich bin ganz Ohr und äußere Zustimmung: „Na klar, Frau M., keiner erwartet, dass Sie als Protestantin katholische Pillen schlucken. Soll ich mal losgehen und die evangelischen Pillen holen?“

Frau M. ist jetzt aber auf Krawall gebürstet und entschlossen, erstmal durch Widerstand zu zeigen, dass sie sich solche Machenschaften nicht gefallen lässt: „Nee, die können mich mal. Ich nehm jetzt gar nichts mehr!“

Stattdessen geht sie eine Zigarette rauchen und ist dank ihrer Standhaftigkeit der Katholisierung entronnen. Wenn’s doch immer so einfach wäre.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Liebe zum Kommunismus zurückfahren

Experiment in der heutigen Zeitungsrunde: zusätzlich zur notorisch rechtslastigen NGZ (Neuss-Grevenbroicher Zeitung, ein erzreaktionäres schwarzes Blatt mit allerdings umfangreichem Lokal- und Sportteil) bringe ich einen Artikel aus der aktuellen “UZ” zum Vortrage.

Vorher weise ich darauf hin, dass es sich um eine sozialistische Wochenzeitung handelt, deren Inhalte ganz sicher als Gegenposition zu Blättern wie der NGZ zu werten sind. Ich lese einen Beitrag von Nina Hager aus dem Bereich “Positionen” vor, in dem es um die Grenzöffnung 1989 geht – ein Thema, das auch in der Einrichtung unvermeidlicherweise präsent war und im Rahmen der staatlichen Jubelorgien abgefeiert wurde.

Der Artikel selber ist eher harmlos, fast schon sozialdemokratisch anmutend, verweigert sich aber natürlich der geforderten DDR-Dämonisierung und lässt im Gegenteil den Wunsch nach dem Antifaschismus und der Friedenspolitik der DDR anklingen.

Dieser letzte Satz des Artikels (“.. ihre – der DDR – konsequente Friedenspolitik täten diesem Land – und nicht erst jetzt – mehr als Not.”) versetzt meine wackeren alten Antikommunisten allerdings stante pede in Rage.

“Also, das ist ja wohl das Letzte“ sch
naubt Herr T., seines Zeichens stolzer Ehemaliger der BRD-Bundeswehr. „Friedenspolitik? Dass ich nicht lache! Die sind doch 1968 in die Tschechoslowakei einmarschiert!”

Ich bin erstaunt, denn meiner Kenntnis nach war die NVA nicht an der Zerschlagung der tschechischen Konterrevolution beteiligt. Egal, da dies die letzte Meldung aus unserer heutigen Zeitungsschau ist, möchte ich die Runde versöhnlich beenden und verabschiede meine Truppe freundlich.

Auf dem Weg in seine Wohnbereich rollt Herr T. auf seinem Rollstuhl an mir vorbei, mustert mich kritisch von unten und bemerkt: “Also, mein Lieber, Ihre Liebe zum Kommunismus müssen Sie mal etwas zurückfahren!”

Ich muss lachen und antworte ihm “Das glaub´ich nicht, Herr T. Vor allem glaube ich, dass es nicht schaden kann, beide Seiten einer Geschichte zu kennen. Und was ihre Behauptung über die Beteiligung der NVA an den Ereignissen in der CSSR 1968 betrifft – das werde ich überprüfen..”

Eine kurze Google-Recherche erbringt dann das Ergebnis, dass, wie ich vermutete und zu wissen meinte, die NVA tatsächlich 1968 zwar in Alarmbereitschaft versetzt war, aber keine Soldaten im Nachbarland hatte. Den Ausdruck dieses Artikels aus der bestimmt nicht Kommunismus-verdächtigen “Zeit Online” (https://www.zeit.de/1994/34/allzeit-bereit) werde ich morgen mal Herrn T. überreichen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Tote Heilige

Feiertagsdienst für meinen allerchristlichsten Arbeitgeber. An Allerheiligen besteht mein Vormittagsangebot darin, im Rahmen einer „Geselligen Runde“ die Leute irgendwie zu beschäftigen und zu unterhalten.

Ich baue den Gymnastikraum zu einem Kaminzimmer um, indem ich per Beamer und YouTube ein prasselndes Kaminfeuer an die Wand projiziere, entspannte Musik spiele und – spontane Entscheidung – heute mal etwas über Heilige, Heiligkeit und überhaupt über das menschliche Streben nach Sinn, Außergewöhnlichkeit und Gottsuche zu erzählen.

Als Gedächtnisstütze habe ich mir ein paar Anekdoten und Lebensläufe besonders schräger Vögel unter den christlichen Heiligen ausgedruckt, wie den hl. Fiacrus. Namensgeber der Wiener Fiaker, oder den Hl. Thomas von Aquin, der angeblich so gelehrt wie beleibt war und dem man deshalb einen halbkreisförmigen Ausschnitt in den Schreibtisch sägte, an dem er seine Schriften und Traktate verfaßte.

Unser Lieiblingsheiliger an diesem Vormittag ist allerdings eindeutig der Hl. Arnulf von Metz. Dieser wackere Kirchenmann schwor auf den Gerstensaft als Allheilmittel; er heilte als Bischof die Gläubigen gleich reihenweise mit Bier und als er nach einem bier- und segensreichen Leben zu Grabe getragen wurde, sorgte er noch posthum für das „Humpen-Wunder“: 5000 Teilnehmer der Begräbnisprozession stillten ihren Bierdurst aus einem einzigen Humpen, der nicht leer wurde.

Sowas gefällt den Leuten – die ansonsten, trotz durchgängig christlicher und rheinlandtypisch überwiegend katholischer Konfession heiligenmäßig wenig bewandert sind und sich nur mit Nachhilfe wenigstens an St. Nikolaus und St. Martin erinnern.

Nun ist der Gymnastikraum ein Durchgangsraum zwischen zwei Flügeln eines Wohnbereiches, so dass gelegentlicher Durchgangsverkehr stattfindet. Irgendwann geht die Tür auf und der volldemente Herr W. kreuzt durch den Raum, auf dem Weg zu seinem Zimmer. Er blickt auf, registriert die gemütliche Atmosphäre und ich setze ihn kurz ins Bild, dass wir gerade über Heilige reden.

Da wir es gerade mit Vornamen und Namenstagen hatten, erwähne ich, dass es bestimmt auch einen Heiligen mit seinem Vornamen gibt.

Herr W. lacht und sagt: „Tote Heilige? Brauch ich nicht! Ich bin ja lebendig, das genügt mir…“.

Das Thema ist damit für ihn abgehakt und er schiebt seinen Rollator weiter in Richtung Zimmer.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Mutter auf der Beerdigung

Morgens um 7:15 Uhr kommt mir schon die aufgeregte Frau H aus der „Tagesgruppe Demenz“ entgegen, sichtlich aufgewühlt (was allerdings ihr Dauerzustand ist seit einigen Monaten) und erkennbar selbst aufgestanden, also nicht vom Pflegepersonal geweckt und angezogen.

Wie nahezu jeden Tag hat sie eine wüste Geschichte parat über die ungeheuerlichen Begebenheiten, die ihr wieder passiert sind und deren unschuldiges – zum Glück aber nicht doofes – Opfer sie ist.

Du glaubst nicht, was mir wieder passiert ist!“, fängt sie übergangslos an zu erzählen. „Meine Mutter war da!“. Frau H wird demnächst 85, so dass es wenig wahrscheinlich ist, dass ihre leibhaftige Mutter im Pflegeheim auftaucht. Da ich weiß, dass Frau H. Traum, Erinnerungsrückblenden und Jetztzeit nicht auseinander halten kann, begleite ich sie erstmal nach draußen, wo sie zum Rauchen hinwollte.

Sie berichtet: „Jetzt pass auf! Die kam in mein Zimmer und hat da dein Bild gesehen. ‚Das wär der richtige Mann für dich!‘, hat sie mir gesagt. Das musste ich dir erzählen, da lachst du dich schlapp, hab ich mir gedacht. Und dann hat sie mir gesagt, ich muss meine Tabletten nehmen, sonst ist’s in einem halben Jahr zuende mit mir.“

Frau H. hat eine lange Geschichte von Verweigerung der Medikamenteneinnahme; Ärzte und Pflegekräfte haben immer wieder eine schwere Zeit, die resolute und selbstbewusste Frau zur Einnahme ihrer Medikamente zu bewegen. Die Intervention ihrer – längst verstorbenen – Mutter allerdings hat Frau H. offenbar überzeugt, dass sie sich nicht länger sperren soll: „‚Nimm deine Pillen, Kind!‘ hat sie mir gesagt, ‚ich komm sonst nicht zu deiner Beerdigung!

Frau H. nimmt einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette, schaut mich an und sagt: „Ja, jetzt kuckst du mich an, als ob du mir nicht glaubst! Das war aber so! Was meinst du, was ich überrascht war, dass meine Mutter plötzlich rein kam…“

Geschichten aus dem Pflegeheim: Nimm einen Joint, mein Freund

“Tagesgruppe Demenz”: Beinahe jeden Morgen begrüßt mich Frau H., wenn sie wackeligen Schrittes in den Gruppenraum kommt, mit Ansagen wie “Du glaubst nicht, was heute wieder passiert ist!”. Anschließend berichtet sie von verstörenden Begebenheiten, die ihr widerfahren sind – Begebenheiten, die ihre Welt durcheinander bringen, diese noch ungewisser machen und in der Regel etwas mit gegen sie gerichteten Aktionen zu tun haben: übergriffige Handlungen von Pflegern oder Putzkräften, Umzug in ein anders Zimmer, Kündigung ihres Heimaufenthaltes, russische Invasionen, vor allem aber Diebstähle ihrer Habseligkeiten, besonders ihrer Zigaretten.

Da für Frau H. Erinnerungen, Träume und Gegenwart ununterscheidbar miteinander verschmolzen sind, sie zudem noch zunehmend Wortfindungsschwierigkeiten hat, braucht es oft eine ganze Weile, bis wir beim Kern des Vorfalles angelangt sind und sie sich soweit beruhigt hat, dass sie frühstücken kann.

Heute scheint ihr Gemütszustand aus einer Mischung von Empörung und Selbstzufriedenheit zu bestehen. Sie erzählt: “Ich bin doch nicht doof! Die halten mich für verrückt, aber ich lass mich nicht rumkommandieren! Der Kerl heute morgen hat mir zweimal diese Farbtöpfchen gebracht, aber ich will die nicht. Der kann die selbst behalten! Dem hab ich die Meinung gesagt!”.

Sie schwelgt noch einige Sätze lang in dem Gefühl, es “dem Kerl” so richtig gegeben zu haben, während ich nachsinne, was sie meinen könnte. Schließlich frage ich nach, von was für Farbtöpfchen sie hier redet.

Na, die kleinen Farbtöpfchen, die wir immer kriegen! Jeden Morgen und jeden Mittag!”

Gemeint sind offenbar die winzigen roten, blauen oder gelben Plastikbecherchen, in denen die Bewohner ihre Medikamente verabreicht bekommen. Frau H. hat immer wieder Phasen, in denen sie die Einnahme von Medikament rigoros ablehnt. Sie vermutet, dass “diese Pillen” sowieso nicht wirken oder, noch schlimmer, ihr schaden.

Oft fragt sie die Pflegekräfte, wozu sie die Medikamente nehmen soll oder was da drin wäre. Als Antwort erhält sie meist Sprüche wie “Die sind für Ihre Gesundheit” oder “Die MÜSSEN Sie nehmen, Frau H., das hat der Arzt verordnet”. Andere Pflegekräfte kommen auch schon mal mit dem Medikamententablett herein und verkünden fröhlich: “So, hier kommt die Medizin für glatte Haut und schöne Fingernägel!”, wohl in der Annahme – besser: Anmaßung – dass es bei dementen Menschen sowieso egal ist, ob man ihnen die Wahrheit über ihre Medikation sagt oder nicht bzw. sie besser gleich belügt und die Pillen als Nahrungsergänzung oder Schönheitsmittel “verkauft”.

Die Medikation, konkret: ihre Verabreichung und Einnahme, ist ein Dauerthema speziell bei dementen Bewohnern. Für nicht wenige ist das Schlucken der mitunter ziemlich großen Tabletten ein Vorgang, der ihnen schon haptisch und physiologisch schwerfällt und zuwider ist. Sie empfinden die Pillen als Fremdkörper im Mund, spucken sie wieder aus, kauen drauf rum oder drehen den Kopf weg um die Einnahme zu vermeiden. Oft werden dann die Tabletten im Mörser pulverisiert, um sie den Leuten unter den Joghurt oder den Milchbrei gemischt zu verabreichen – eine Maßnahme, die umstritten ist, weil sie das Prinzip von Freiheit und Freiwilligkeit außer Kraft setzt und den Bewohnern die Medikamente ohne ihr Wissen unterjubelt.

Frau H. liegt möglicherweise gar nicht mal falsch mit ihrer Befürchtung, dass “die Pillen” ihr nicht gut tun bzw. nichts bewirken würden, zumal wenn es sich um Psychopharmaka handelt. Sie zieht jedenfalls noch munter vom Leder gegen all die “Idioten”, die versuchen, sie zu irgendwelchen Sachen zu bewegen, die sie nicht möchte: “Die können mich mal! Kennst mich ja, ich nehm’ kein Blatt vor den Mund… Und wenn die mich bis nach Amerika verschleppen, ist mir egal. Ich hab die Russen erlebt; ich lass mich doch hier nicht zum Affen machen…” usw.

Da ich selber auch nicht weiß, welche Medikamente sie warum erhält, rate ich ihr, beim nächsten Arztbesuch (die Ärztin kommt einmal pro Woche in die Pflegeeinrichtung) mal nachzufragen, was sie bekommt und wofür oder wogegen das ist.

All diese Fragen erörtern wir bei einer Zigarette auf dem Balkon. Nach und nach entspannt sich Frau H., ihre Laune bessert sich zusehends und wir kehren zurück in den Gruppenraum, wo der Rest der Truppe beim Frühstück sitzt.

Frau H.s Stimmung wird im Laufe des Vormittags immer besser und fröhlicher und sie beginnt, ein bißchen Schabernack mit ihrer Sitznachbarin und zur Unterhaltung der Gruppe zu treiben. Die Sitznachbarin bekommt Frau H.s Schalk im Nacken als erste zu spüren. Frau H. rollt eine Papierserviette zusammen, steckt den Kern einer Pflaume oben drauf, sodass das Ganze in bißchen wie ein Lilli aussieht, und reicht es der Nachbarin mit den Worten: “Hier, Oma, probier mal!

Die arglose Angesprochene nimmt das Gebilde in die Hände und auch prompt den Pflaumenkern in den Mund. Das allerdings könnte schiefgehen, wenn sie diesen verschlucken sollte. Da meine heutige Tagesgruppenpartnerin und ich aufgepasst haben, können wir ein Malheur verhindern, indem wir schnell einschreiten und die Reingelegte den Kern ausspucken lassen.

Damit ist Frau H.s Neigung zu Quatsch und Entertainment aber noch nicht zu Ende. Sie greift sich erneut die Papierserviette und formt sie unter unserer erstaunten bis ungläubigen Blicken zu einem veritablen Joint, den sie mit der entsprechender Gestik und Handhabung zum Munde führt und tiefes Inhalieren simuliert.

Meine TG-Partnerin kreischt vor Begeisterung, ich selber kann mir das Lachen nicht verkneifen und frage mich, ob diese 84-jährige Frau eventuell eine alte Kifferin ist…? Vielleicht weiß sie es aber selber nicht (mehr), oder es sollte in ihrer Vorstellung nur eine Zigarette darstellen.

So vergeht wieder ein Vormittag in unserer Gruppe wie im Fluge und kaum ist der falsche Joint aufgeraucht, ist es schon wieder Zeit, den Raum für das Mittagessen vorzubereiten. Denn cannabis-induzierter Fress-Flash oder nicht: Hunger haben (fast) immer (fast) alle um Punkt zwölf Uhr.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Märchenstunde in der “Tagesgruppe Demenz”

Die Vormittage in der “Tagesgruppe Demenz” sind (jedenfalls, wenn ich dort Dienst habe) immer Spielwiese fur allerlei anarchisch improvisiertes Spontantheater mit Bild, Musik und wüsten Erzählungen, die ich mir *on the fly* ausdenke. Manchmal ziehe ich auch Vorlagen wie die Geschichten der Bruder Grimm heran. Die Jungs haben nämlich ausser “Hänsel und Gretel”, “Dornröschen” und “Schneewittchen” noch ein paar andere, weniger bekannte und potentiell sehr lustige bis merkwürdige Geschichten aufgezeichnet.

Die Märchenstunde in der Tagesgruppe geht so: Zuerst lese ich das Märchen aus dem Buch vor. Dabei schläft in der Regel die Hälfte meiner dementen Truppe ein und kaum einer kriegt was mit, ausser ich zeichne gleichzeitig Bilder aus der Story ans Flipchart. Anschließend erzähle ich die Geschichte anhand der Bilder nach, wobei ich in jede Rolle schlüpfe, die in dem betreffenden Märchen vorkommt. Das ist also schon eine Art Impro-Theater, kongenial von mir begleitet auf einer Mundharmonika. Damit ist mir die Aufmerksamkeit meiner Schützlinge gewiss, alle lauschen, hören und staunen mit offenen Augen und teilweise offenen Mündern und wir haben alle zusammen viel Spaß dabei.

Heute erwischten wir ein selten gehörtes Grimm’sches Märchen: “Der gute Handel” (die Auswahl des Märchens erfolgt, indem einer der Tagesgruppe-Teilnehmer das Buch aufschlägt und wir die Geschichte nehmen, die auf der betreffenden Seite steht). Es geht darin um einen ziemlich dummen Bauern, der sich aber letztlich als schlauer Kerl und Glückspilz entpuppt. Der Bauer hat nämlich in der Stadt seine Kuh für sieben Taler verkauft. Auf dem Rückweg, als er an einem Teich vorbeikommt, gerät er in eine Debatte mit den dort ansässigen Fröschen, die alle “Ak, Ak, Ak!!” rufen, was das Bäuerlein als “Acht” versteht. Er wird so zornig über die dummen. Frösche, dass er schliesslich sein Geld in den Teich wirft, damit die Frösche selber nachzählen können- was diese aber nicht tun und weiter “Ak, Ak, Ak!!” rufen.

An dieser Stelle amüsieren sich meine Leute bereits königlich, was aber noch getoppt wird durch die nächste Begegnung des Bauern mit einem Hund. Dieser bellt unser Bäuerchen an mit “was! was!”, als dieser mit dem Fleisch einer geschlachteten Kuh in die Stadt will. Das versteht der Bauer als “Ich will was vom Fleisch!”, und da er den Hund als Hund des Fleischers kennt, gibt er ihm das ganze schöne Fleisch mit der Auflage, es dem Fleischer zu bringen und nach drei Tagen mit dem Geld zu ihm, dem Bäuerlein, zu kommen. Usw. usw.

Diese Art Geschichten passen offensichtlich genau in die mentale Struktur von dementiell veränderten Gehirnen – etwas abseitig, ziemlich komisch und auf gewisse Weise auch die Naivität aufgreifend, die ein dementer Menschen im Umgang mit der Umwelt oft zeigt. Jedenfalls war meine Truppe voll dabei, fühlte sich prächtig unterhalten und verwunderte sich über den Bauern, der den Fröschen und dem Hund so auf den Leim ging.

Zu guter Letzt geht sich der Bauer jedenfalls beim König beschweren über all die Unbill, die ihm widerfahren ist und bringt damit die Königstochter, “die ihr Lebtag nicht gelacht hatte”, zum Lachen. Der König, der seine Tochter dem versprochen hatte, der sie zum Lachen bringt, bietet sie nun dem Bauern als Gemahlin an und alle denken, hier hat die Geschichte ihr Happy End.

Ist aber nicht so, denn das Bäuerlein will sie gar nicht, da er bereits eine Frau zuhause hat, und die sei ihm schon mehr als genug… Diese Wendung der Geschichte erweckt nun erst recht das Interesse und das Erstaunen meiner Dementen und bestätigend und weise wird gekopfnickt und debattiert, dass es sich hier doch um einen besonders schlauen Bauern handelte, obwohl es anfangs gar nicht so aussah…

Damit haben wir den Vormittag schon wieder fast rumgekriegt und wir beschliessen die Runde mit dem Eindecken des Tisches für das freitägliche Mittagessen (Fisch natürlich – schliesslich sind wir in einer diakonischem. Einrichtung).

Geschichten aus dem Pflegeheim: Thälmann ist niemals gefallen

Die Zeitungsschau – ein Format, in dem ausgewählte Artikel (meist aus der lokalen und regionalen Umgebung), lustige bis merkwürdige Meldungen sowie Artikel mit Bezug zur Erlebniswelt der Bewohner vorgestellt und besprochen werden – wird unregelmäßig angeboten und gerne von den orientierteren Heimbewohnern besucht.

Tagespolitische Meldungen lasse ich dabei in der Regel weg, außer sie enthalten gleichzeitig einen humoristischen oder bizarren Aspekt.

Artikel zu geschichtlichen Ereignissen, Jubiläen, Jahrestagen u. dgl. dagegen sind beliebt und werden gern gehört und diskutiert – sicher auch aus dem Grund, dass viele davon die eigene Vergangenheit und Erinnerungen der Zuhörer berühren.

Heute, am 17. August, eröffne ich die Runde mit dem Hinweis, dass sich an diesem Tag zum 75. Mal der Todestag eines Mannes jährt, der zu den legendärsten Gestalten der jüngeren deutschen Geschichte gehört. Ratlose Gesichter schauen mich an.

Ich lese Ihnen jetzt mal ein Zitat vor”, beginne ich. “Vielleicht kommen Sie dann drauf, wen ich meine.”

Ich lese das Zitat vor und frage in die Runde: “Und? Wer hat das gesagt, bzw. geschrieben?”

Frau S., Jahrgang 1930, schaut auf und fragt: “Adolf Hitler?”

Aus der anderen Ecke meldet sich Herr T.: “Nee, nee, das war der andere, dieser… na, der Kommunistenführer…”

Wie “der Kommunistenführer” aber hieß, will keinem einfallen. Als ich den Namen Ernst Thälmann in die Runde werfe, ertönt ein vielfaches “Achja…” und “Achso, der…”.

Gehört hat man in dieser Runde wohl schon von ihm, aber da es sich um einen “Kommunistenführer” handelte, ist wohl weder seine Bedeutung für die deutsche Geschichte, besonders für die der deutschen Arbeiterbewegung, noch seine Ermordung auf persönlichen Befehl Hitlers etwas, was der Erinnerung lohnt. Jedenfalls bei diesen alten Leuten nicht, die durchweg in der BRD sozialisiert und den Anti-Kommunismus als Staatsreligion inhaliert haben.

Wie anders wäre dasselbe Gedenken an meiner vorigen Arbeitsstelle in Weimar verlaufen! Dort hätte schon die Eingangsfrage verständnislose Blicke höchstens deswegen ausgelöst, weil man den Fragesteller für historisch ungebildet und ahnungslos gehalten hätte. Die meisten dort hätten die Zeilen des Thälmann-Liedes mitsingen können: “Thälmann ist niemals gefallen, Stimme und Faust der Nation…”

Ich erzähle meinen Zuhörern noch ein wenig von Wolfgang Otto, dem Thälmann-Mörder des SS-Kommandos 99, den die BRD-Justiz erst ganz in Ruhe ließ und dann mit Samthandschuhen behandelte, ganz so, wie es zur Kontinuität von “Drittem Reich” und westdeutschem Kalter-Krieg-Frontstaat passte. Keiner äußert sich, aber den Gedankenblasen ist zu entnehmen, dass es ja schliesslich ein Kommunist war, der da umgebracht wurde, somit also ein minder schweres Vergehen, rein politisch betrachtet.

Ich unterlasse den Versuch weiterer politischer Aufklärung und gehe über zu den Meldungen aus Neuss und Umgebung.

Geschichten aus dem Pflegeheim: PDM für die Bewohner

Heute im Frühdienst auf Schicht mit der einzigen Thüringer Kollegin hier im Westen. In der Zigarettenpause sprechen wir und eine weitere Kollegin über die Bewohner unseres Wohnbereiches.

Dabei erwähnt die ostdeutsche Kollegin mehrfach diejenigen, “die PDM erhalten” würden.

Ich überlege mir, ob das ein mir unbekanntes pflegerisches Kürzel ist, vielleicht “Prophylaktisches Durchführungsmaterial” oder “Pflegerische Dienstmaßnahme”, komme aber zu keinem schlüssigen Ergebnis und frage schliesslich die Kollegin nach der Bedeutung der Abkürzung.

Na, PDM eben!”, antwortet sie, “Pedäubungsmiddel!!”

Jetzt fällt bei mir der Groschen und ich bin versucht, sie für diesen astreinen thüringischen Buchstabendreher (à la “Bekleidung” für BEGLEITUNG oder “Preude” für BRÄUTE) abzuküssen.

Nach zwei Jahren im kapitalistischen Ausland bin ich des Ostdeutschen schon so entwöhnt, dass ich es nicht mehr erkenne bzw. dass seine Klänge automatisch durch den westlichen Hochdeutschfilter laufen – und merke in solchen Situationen, wie sehr ich es vermisse.

Erstmol eene roochen!