Der 15. des Monats ist Frischgeld-Tag. Zu diesem Datum überweist die Diakonie Arbeit-Kreis Neuss ihren Beschäftigten den meist kargen Lohn.
Die Kollegen lieben es, an diesem Tag darum zu wetteifern, wer die Kohle als erster auf dem Konto bzw. auf seinem aktualisierten Online-Banking-Handydisplay hat (obwohl inzwischen alle wissen, dass natürlich diejenigen den Geldeingang als erste gebucht kriegen, die bei derselben Bank sind wie die, wo unser diakonischer Arbeitgeber sein Konto unterhält)
Da ich weiß, dass frühestens mittags Eingänge auf meinem Konto zu verzeichnen sind, warte ich meistens 13 oder 14 Uhr ab um zu schauen, ob sich Überstunden, Wochenendschichten und Extradienste irgendwie nennenswert ausgezahlt haben. Meine 13,5 Wochenstunden, die ich als Armutsrentner aus finanziellen Gründen abzuleisten gezwungen bin (nicht dass ich die Arbeit ungern mache, im Gegenteil), ergeben zusammen mit der Elendsrente genau das Minimum an Geldeingang, das ich monatlich benötige.
Diesmal jedoch ist alles anders: mein allerchristlichster Arbeitgeber hat in seiner unergründlichen Weisheit beschlossen, mir nur knapp mehr als die Hälfte meines vereinbarten Monatslohnes zu überweisen. Zumindest dem Bankauszug ist keinerlei Hinweis auf den Grund dieser Kürzung zu entnehmen; die Ausdrucke der Lohnabrechnungen werden erst in der kommenden Woche verteilt.
Will man die Arbeitskräfte bereits jetzt mit den Reallohnkürzungen durch die Energiepreisexplosion vertraut machen? Hat Habeck beschlossen, dass Gas—Abschlagszahlungen jetzt direkt vom Gehaltskonto abgebucht werden, analog zur Lohn- oder Kirchensteuer? Gibt es etwa plötzlich einen Pflege-MALUS statt des versprochenen (aber nie gezahlten) Bonus? Fragen über Fragen, die einem wieder keiner beantwortet.
Der überwiesene Betrag entspricht zufällig ziemlich genau meinem Mietanteil, der ebenfalls heute abgebucht wird, so dass ich mich unmittelbar nach Lohnauszahlung in der erquicklichem Situation befinde, kein Geld mehr zu haben. Die paar hundert Euro Rente zahlt der ebenfalls weise und mildtätige Vater Staat stets am allerletzten Tag des Monats, so dass ich theoretisch die kommenden zwei Wochen geldlos überbrücken muss.
Theoretisch, weil ich natürlich als Ehegatte einer gut verdienenden Mittelschichts-Betriebswirtin nicht gleich verhungern oder unter der Rheinkniebrücke schlafen muss, wenn’s mal eng wird. Und weil es sich vermutlich um einen „Irrtum“ handelt, wie mir der Leiter unserer Abteilung versichert. Er wirkt nicht besonders überrascht; Fehler bei der Lohnabrechnung sind nicht unüblich. Immer wieder werden Überstunden, Wochenend- und Feiertagsdienste nicht erfasst oder falsch abgerechnet, zur Entnervung und zum Ärger der betroffenen Kollegen.
Seit die gesamte Diakonie auf irgendein neues Lohnabrechnungssystem umgestellt hat, erhalten die Mitarbeiter nur noch einen ziemlich zusammengedampften Ausdruck auf einer A4-Seite mit den allernötigsten Angaben. Der vorigen Lohnabrechnung konnte man z.B. die bereits verbrauchten und die Rest-Urlaubstage entnehmen – das gibt’s jetzt nicht mehr.
Ansonsten ist in dem ganzen diakonischen Laden keiner zu erreichen. „Freitag um eins macht jeder seins!“ ist das allgemein beherzigte Motto der Büromenschen in Personalverwaltung und Lohnabrechnung.
Jedenfalls bin ich jetzt schon gespannt auf die Lösung des Falles; WUNDERN über derlei lästige Arbeiterverarschungen tue ich mich schon lange nicht mehr.
Die „Tagesgruppe Demenz“ ist aus räumlichen und betreuungstechnischen Gründen erweitert auf die gesamte mobilisierte Bewohnerschaft des Wohnbereiches. „Mobilisiert“ heißen im Pflegejargon die Nicht-Bettlägrigen.
Das heißt, ich habe jetzt statt 6-8 Leuten dreizehn oder vierzehn erwartungsfrohe, unterhaltungsbedürftige alte Leute vor mir sitzen. Fünf Stunden lang muß ich für Zeitvertreib und Kurzweil sorgen, auf dass sich keiner langweile, niemand der Pflege zur Last falle und der Betrieb auf dem Wohnbereich möglichst störungsfrei verlaufe. Zusätzlich habe ich die Essensbegleitung zu machen und neben- oder hinterher alles zu dokumentieren, was ich in der Einrichtung so treibe.
Die Aufgabe wäre schon mit orientierten Alten und hochbetagten eine Herausforderung; mit überwiegend dementen Menschen ist es jedesmal ein Neue Reise ins Unbekannte. Ich selber weiß nie, was ich mit den Leuten machen werde und wohin uns unsere wilde Fahrt durch Zeit, Raum, Musik, Geschichten und Bildern führen wird.
Nicht jeder ist mental und ressourcenmäßig gerüstet für diese Tätigkeit. Ein junger Kollege bewältigt gerade mal eine Handvoll Leute in einem separaten Raum und überläßt die übrigen, die zahlenmäßig auch noch in der Mehrheit sind, sich selbst bzw. als zusätzliche Belastung den Kollegen der Pflege. Die sind dann entsprechend gestresst und entnervt.
Es wundert mich also nicht, wenn ich nach zwei dienstfreien Tagen von den gestandenen Pflegekollegen erfreut begrüßt werde: „Gottseidank bist du wieder hier!“, „Oh wie gut! Dein Kollege hat uns hier gestern wieder mit all den Leuten sitzen gelassen, und in der Frühschicht war eine krank und wir hatten keinen für die Küche…“
Ich genieße kurz die Bauchpinseleien und schaue mir die Runde an. Alle da? Nein, eine ist letzte Nacht gestorben, eine nette und gebildete Dame, gebürtig aus Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Ihr Tod kommt überraschen, obwohl sie 95 Jahre alt war.
Nach und nach trudeln alle ein bzw. werden von den Pflegekräften gebracht – selber aufstehen, eine Basis-Morgentoilette durchführen und in den Speisesaal kommen können von den 24 Bewohnern des Wohnbereiches höchstens zwei oder drei.
Was stelle ich heute an mit der Gruppe? Keine Ahnung. Das Datum gibt auch nichts her, aber immerhin ist Freitag und das bedeutet: es gibt Fisch! Darauf aufbauend könnte man – sehr beliebt! – einen erzählerischen, historischen anekdotischen und vor allem MUSIKALISCHEN Ausflug machen in die Welt von Seefahrt, Meer, Wellen, Schiffen und großen Abenteuern in der fernen Weite, an Sehnsuchtsorten und in fantastische Geschichten von Seeräubern, Meeresungeheuern und Fliegenden Holländern usw.
Eine sichere Bank ist immer die Musik. In dieser Generation – die 1925 – 1940 geborenen – ist das in der Regel Volksmusik und Schlager. Besonders für die Dementen sind gesungene Worte manchmal die einzige Form, in der sie zusammenhängende Sätze verbalisieren. Die Region des Großhirns, die Melodiefolgen, Töne, Klänge usw. speichert, ist dieselbe, in der früheste Erinnerungen abgespeichert werden. Man sieht gelegentlich überraschte Anverwandte, die von ihrem hochdementen Familienmitglied seit Monaten oder Jahren nur unverständliches Gebrabbel zu hören gekriegt haben, vor Staunen schier aus den Schuhen kippen, weil der liebe Opa oder die alte Mutter plötzlich irgendein Kindheutslied fehlerfreie und mit Begeisterung mitsingt.
In diesem Bild sind drei Schlager aus den 1950er und 1960er Jahren versteckt. Meine überwiegend dementen Zuhörer und Zuschauer konnten sie alle erraten (allerdings tw. auch erst nach den deutlichen textlichen Hinweisen):
Meine russlanddeutsche Kollegin kommt auf mich zu und bittet mich, für eine palliative Bewohnerin ihres Wohnbereiches einen USB-Stick mit beruhigenden Natur- , Wald- und Landschaftsbildern und -geräuschen zusammenzustellen. „Du weißt, das Internet und ich – wir zwei kommen nicht mehr zusammen…“, erzählt sie mir in ihrem sympathischen russischen Akzent. Der Stick ist für einen Spezialprojektor namens „Qwiek“, der eigens für Pflegeheime entwickelt wurde, sauteuer ist und der mit einem schwenkbaren Projektor Filme, Bilder usw. auch an Zimmerdecken werfen kann.
Als ich später im Büro sitze und bei YouTube geeignetes Material downloade, erscheint sie nach einer Weile ebenfalls dort. Sie freut sich, dass ich mich gleich an die Arbeit gemacht habe und setzt sich neben mich, so dass ich ihr zeigen kann, was ich zusammengestellt habe. Die Kollegin ist eine wunderbare, warmherzige Frau, die gut und gerne isst, vor allem aber eine super Köchin ist. Ihre Kochrunden und Waffeln-backen-Angebote sind legendär und erfüllen das Haus jedesmal mit leckersten Gerüchen.
Sie platzt stolz damit heraus, dass ihre Tochter gerade ihren Studienabschluss geschafft hat und erzählt mir von ihren (erwachsenen) Kindern. So stolz sie auf die Tochter ist, so große Sorgen bereitet ihr der 20jährige Sohn. Der hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, bei der Bundeswehr zu studieren. „Das finde ich so schlimm, so schlimm….“ – sie findet kaum Worte, beschreibt mir aber ausführlich, wie sie sich bei jedem Schritt der Bewerbung ihres Sohnes – von der ersten Vorstellung bis zu diversen Prüfungen, Eignungs- und Gesundheitstests – jedesmal inständig gewünscht hat, dass er durchfällt, abgelehnt wird, ausscheidet, jedenfalls diesen Berufsweg NICHT einschlägt.
Warum das für sie so ein Unding ist, sagt sie nicht explizit, und so spreche ich es aus: „Das ist für dich so schlimm, weil der dann in einer NATO-Armee gegen deine Heimat eingesetzt wird, richtig?“ – „Ja, genau“, seufzt sie, erleichtert über die Bestätigung. Jetzt sind die Dämme gebrochen und sie schüttet ihr Herz aus über ihre jetzige Gefühlslage inmitten des rassistischen russophoben Sturms, der durch Medien und Köpfe tobt. „Die verstehen nicht, dass der Krieg dort schon seit acht Jahren in Gange ist! Seit Jahren leben Menschen in Kellern, weil sie ständig bombardiert und beschossen werden! Was Putin macht ist, dass er den Krieg BEENDET!““
Ich erfahre, dass sie sehr genau weiß, wie das Leben in einem Kriegsgebiet ist; sie selber entkam mit 17 Jahren zusammen mit ihrer Mutter dem russisch-tschetschenischen Konflikt im Nordkaukasus gerade so eben. „Gestern hat einer zu mir gesagt, ich wäre Nazi, weil ich gesagt habe, das es Gründe für den Krieg Russlands in der Ukraine gibt. Nazi! In Russland war ich „Faschist“, wegen meines deutschen Namens, die ganze Schulzeit über… Jetzt bin ich Nazi, weil ich sage, dass Putin in der Ukraine die Nazis vertreibt?!“
Sie weiß sehr genau, sagt sie, dass es momentan nicht ratsam ist, allzu laut seine Meinung zu äußern, wenn man abweichende Ansichten hat. „Sowieso bin ich auch mit Politik so wie mit Internet: wir haben nicht viel zu tun miteinander“, fährst sie fort. „Ich sag nichts mehr zu Politik und Krieg. Ist besser so.“
Dann berichtet sie von den Töchtern ihres Schwagers, sieben und neun Jahre alt, die nicht mehr zur Schule gehen wollen, weil sie dort massiv gemobbt werden. „Was haben die Kinder damit zu tun? Nur weil sie Russen sind!?“. Wobei diese Kinder, so wie ihre eigenen, deutsche Staatsangehörige sind und Deutsch so fließend sprechen wie jeder hier Geborene. Ein Anwalt hätte jetzt dem Schwager geraten, mit der Schulleitung zu sprechen und gegebenenfalls Klage zu erheben. Für die Kinder ist der Schaden natürlich bereits passiert – das Kind ist sozusagen in den Brunnen des anti-russischen germanischen Wahns gefallen.
Ich merke, wie froh die Kollegin ist, wenigstens einen nicht NATO-fanatisierten Menschen unter den Mitarbeitern zu wissen; das Arbeitsklima ist sowieso schon belastet von einer allgegenwärtigen Vorsicht, seine Meinung frei zu äußern – durch die vergleichsweise vielen russischen und ukrainischen Mitarbeiter in der Einrichtung ist die Reizschwelle niedrig und die Empfindsamkeiten hoch.
Überdies wird schon der zarteste Versuch, Verständnis für die russische Seite zu äußern, niedergemacht von empörungsbereiten NATO-Medien-Konsumenten, für die „Putinversteher“ das schlimmste Schimpfwort ist, das sie derzeit im Köcher haben. Wir müssen beide wieder an die Arbeit und versichern uns gegenseitig unsere Hoffnung, dass die Специальная операция bald beendet werden kann und die Ukraine demilitarisiert und entnazifiziert ist
Bei Dienstantritt morgens um 8:00 erfahre ich als erstes, dass unser „Sorgenkind“ (in Wirklichkeit eine 87jährige Frau mit zunehmend starker Demenz) gestern nacht mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wurde.
„Sorgenkind“, weil die Frau in ihrer inneren Not und Verlorenheit, in der immer tiefer und verworren werdenden Unübersichtlichkeit und Zerstückelung ihrer inneren Welt, den ganzen Wohnbereich auf Trab hielt, die anderen Bewohner massiv (ver-)störte und eigentlich eine Einzelbetreuung rund um die Uhr benötigt hätte – was natürlich weder eine Pflegeeinrichtung noch eine Privatperson leisten kann.
Als Mitglied unserer „Tagesgruppe Demenz“ war Frau H. eine feste Bank, was ungeschminkte Kommentare, zotige Lieder und witzige Sprüche anbelangt. Ihr teilweise drastischer Humor überraschte nicht nur die anderen Teilnehmer immer wieder, sondern begeisterte und faszinierte auch mich. Im Laufe der Zeit entwickelten wir eine Beziehung zueinander, die so etwas wie eine Freundschaft zwischen Ungleichen, aber auf Augenhöhe war.
Ich war ihr erklärter Liebling; sie schwor, mich immer zu lieben und alles für mich tun zu wollen und wollte mich sogar heiraten. Sie fand sich dann damit ab, das ich bereits verheiratet bin, ließ aber auf unsere spezielle Verbindung nichts kommen.
Die Nachricht von ihrem Zustand bewegt mich, sofort nach Erfüllung meines Dienstes zu ihr ins Krankenhaus zu fahren, wo sich bereits seit 4:00 morgens nach und nach ihre ganze Familie versammelt hat. Frau H. liegt bleich, schwer atmend und stark sediert im Bett, Kinder und Enkel samt Anhang um sie herum sind aufgelöst und in Tränen. Es sind ihre letzten Stunden – wie viele, kann niemand wissen – auf dieser Welt. Ihre Herz-Aorta ist geplatzt, die Lungen füllen sich mit Blut und das Atmen wird irgendwann unmöglich werden.
Als ich mich zu ihr beuge und ihr sage, das ich gekommen bin, öffnet sie abrupt die Augen; Erkennen und Wiedersehensfreude drücken sich darin aus, sie gurgelt etwas Unverständliches mehr als dass sie es spricht, aber etwas in ihr scheint sich zu entspannen. Ihre Familie ist völlig perplex, denn bislang hatte sie die Augen geschlossen und schien nicht mehr zu reagieren – nachdem sie früh morgens, als ihre Familie kam, einige Momente völliger Klarheit hatte, in denen sie sogar ihren Kindern gute Ratschläge gab und ihnen sagte, dass sie „von oben“ auf sie aufpassen werde.
Danach wirkt sie ruhiger, atmet gleichmäßiger und schläft oder döst vor sich hin. Trotzdem scheint sie alles oder viel von dem zu verstehen, was um sie herum gesprochen wird, wie an ihren Reaktionen bemerkbar ist.
Ich bleibe 5 Stunden bei ihr und beobachte, wie ihre Kräfte nachlassen und ihr Atem gurgelt und rasselt und langsamer wird. Der Sterbeprozess zeichnet sich ab: die Nase wirkt spitzer, rings um Nase und Augen wird sie sehr blass; das Blut sinkt nach und noch an die tieferen Stellen des Körpers, wodurch ihr Gesicht schmal und der Hals dick wird. Ab und zu erzähle ich ihr, was ihr gerade passiert und dass dies ein natürlicher Prozess ist, den man nicht fürchten muss.
Sie hat das unglaubliche Glück, das ihre Familie bei ihr ist in ihrer Sterbestunde. Die Kinder und Enkel scheinen sich auch mittlerweile gefangen zu haben und akzeptieren die Situation. Sie wollen sich abwechseln mit Wachen und Schlafen, um ihre Mutter/Großmutter auf keinen Fall alleine zu lassen. Das Krankenhaus hat auf seiner Palliativstation ein komfortables Einzelzimmer, in dem Platz für alle ist, zur Verfügung gestellt und ist ich sonst äußerst entgegenkommend und großzügig im Umgang mit den Verwandten und Besuchern.
Als ich am Frühabend nach Hause fahre, lebt Frau H. noch, aber es ist klar, dass diese Nacht ihre letzte sein wird. Ich verabschiede mich von ihr und ihrer Familie und hoffe, dass die kommenden Stunden für alle von Verstehen und Frieden geprägt sein können.
Ich frage mich, wie es Leuten in Kriegsgebieten gehen mag, speziell alten und dementen Menschen in Pflegeheimen, die in solchen äußeren Extremsituationen die Reise ins Jenseits antreten müssen. Was machen eigentlich Bewohner und Mitarbeiter in ukrainischen oder Donbass-Pflegeheimen? Gibt’s da überhaupt mit hiesigen vergleichbare Pflegeheime?
Aus dem Autoradio quillt die aktuellste Hetz- und Lügenpropaganda der NATO-Kriegspartei; ich schalte schnell auf CD um und fahre zu den Klängen von Jagjit und Chitra Singh nach Hause.
Es gibt zum Glück noch etwas anders als Krieg und Russophobie. Im Pflegeheim läuft zwar bei den meisten Bewohnern fast pausenlos der Fernseher, aber nicht wegen der Ukraine, sondern aus Gewohnheit.
Den wenigen Orientierten unter der Bewohnerschaft mag das westliche Propaganda-Narrativ vom aggressiven, bösen Russen einleuchten – die Dementen jedoch sind aus dem Spiel raus; Politik ist für sie nur eine der vielen seltsamen und unverständlichen Erscheinungsformen in ihrer stetig rätselhafteren, unbegreiflicheren Welt.
So widmen wir uns heute in der „Tagesgruppe Demenz“ dem Potpourri aus Liedern, Geschichten und Bildern, das – wenn ich für den Vormittag verantwortlich bin – immer spontan entsteht und meistens vom Hölzchen aufs Stöcken kommt.
Weil Freitag ist (schon allein aus dieser Tatsache kann man mit etwas Fantasie eine ganze Raterunde aufziehen) kommen wir schnell auf das diakonieübliche Mittagstisch-Angebot, nämlich Fisch. Schon die spannende Frage, was für Fisch es denn heute gibt, beschäftigt uns einige Minuten. Ein Kundschafter des Essens wird zur Wohnbereichsküche entsendet und soll den heutigen Speiseplan möglichst komplett in Erfahrung bringen. Keine leichte Aufgabe bei zwei Menüs samt Vorspeise und Nachtisch!
Diese verdeckte Ermittlung benötigt speziell geschulte Einsatzkräfte, weshalb wir auf die FSJler verfallen, die ich als Assistenten in der Tagesgruppe habe. Kurze Zeit später meldet unser Kundschafter Vollzug: es gibt tatsächlich Fisch (Überraschung!) und als Vorspeise eine Fischsuppe! DAS ist jetzt tatsächlich eine Neuigkeit, die erstmal verdaut und diskutiert werden muss. Es gibt bei den Bewohnern Suppen-Fans und Suppen-Gegner, aber bei der Aussicht auf Fischsuppe sortieren sich die Fronten neu.
Das allgemeine fischige Thema ist nicht schwer zu erweitern auf die erstaunlichen Geschichten, die es über das Meer im allgemeinen und einige der darin herumschwimmenden Fische im speziellen zu erzählen gibt.
Zunächst mal das erstaunliche Leben von Fred, dem rosa Fisch, der von all seinen Fischkumpels gedisst wird, weil er nicht nur rosa ist, sondern auch noch lila Punkte hat. Er fristet ein ziemlich trauriges Außenseiterdasein in seiner Fischgruppe, alle machen sich lustig über sein Aussehen – dabei ist er wunderschön anzusehen Mut seinen schillernden Farben, im Gegensatz zu seinen langweiligen Fischgenossen die bloß langweilig silbergrau sind.
Der Grund natürlich: die Langweiler und Spießer sind nur neidisch auf Fred! Deswegen machen sie ihn mies und ärgern ihn. Solches Verhalten können meine Schützlinge, ob dement oder nicht, jedenfalls nachvollziehen und sympathisieren ordentlich mit Fred.
Da ich sie aber nicht mit einer Geschichte ohne Happy End entlassen will, wird jetzt noch Erwin, der flotte Fisch-Impresario eingeführt. Er kommt zufällig dahergeschwommen, weil er Talente für die große Unterwasser-Show im Fisch-TV sucht, und ein Naturwunder wie Fred kommt ihm da gerade recht. Zufällig kann Fred auch schön singen – onomatopoetische Lautfolgen wie „Hottentotten wetten Motten“ u.ä. sind seine Lieblingslieder (ein Singsang, den die Anwesenden von einem unserer Bewohner, Herrn H. gut kennen).
Erwin der Impresario zückt ein dickes Bündel Fisch-Euros, heuert Fred für seine Show an und bringt ihn groß raus als Star der Show! Jetzt werden die neidischen Fischgenossen erst recht neidisch, weil Fred es ihnen allen gezeigt hat. Das erfreut auch meine Zuschauer, die schon befürchtet haben, dass der arme Fred unglücklich und ungeliebt alleine weiterschwimmen müsste.
Als die mittlerweile schwerstdemente Frau H., die aufgrund einer Art infantiler Regression sich im Zustand eines dauerunglücklichen nörgelnden Kleinkindes befindet, in einem ihrer lichteren Momente – als wir über Wale sprechen – mit der Reim- und gesungenen Tonfolge „Wal, Wal, Aal, Aal…“ die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ergibt sich die Gelegenheit für eine Größenvergleich zwischen diesen beiden Meeresbewohnern.
Langsam neigt sich der Vormittag seinem Ende zu, und da unser Kundschafter herausgefunden hat, dass es Fischstäbchen zu Mittag gibt, breite ich vor meiner faszinierten Truppe noch das bizarre Leben von Ferdinand dem Fischstäbchen aus: es durchschwamm die Weltmeere jahrelang, ohne von einem der Fischkutter Käpt’n Iglos gefangen zu werden. Ferdinand war nämlich ein schlaues Kerlchen und wusste aufs Geschickteste, Schleppnetzen und Angeln auszuweichen.
Auch als Elise, das schwarzhaarige Mädchen an der neufundländischen Küste, ihre Angel ins Wasser hielt um zum Muttag Fischstäbchen zu fangen, ließ Ferdinand sich nicht aufs Glatteis bzw. zum Anbeißen locken. Sowieso, sind wir uns einig, wäre Ferdinand viel zu groß und schwer gewesen als dass Elise ihn hätte herausziehen können.
Wir überlegen noch eine Weile, wie Elise sich mit so einem dicken Brocken am Haken angestellt hätte, kommen aber zu keinem Ergebnis, denn schon ertönt vom Gang her das vertraute Scheppern des Essenswagens und das Highlight das Tages beginnt: das Mittagessen!
Als ich morgens um 7:30 Uhr zur Arbeit erscheine, rollt mir im Gang auf dem Wohnbereich Herr T. entgegen, einer der auffälligsten und profiliertesten Bewohner der Einrichtung. Er ist nicht nur im Bewohner-Beirat und ein unermüdlicher Kämpfer für die Interessen der Bewohner (und seines eigenen an gutem Essen), sondern ein ausgesprochen artikulationsfähiger Mann, der kein Batt vor den Mund zu nehmen pflegt und mit seinem teilweise ätzenden, aber nie bösartigen Frozzeleien Mitbewohner und Mitarbeiter regelmäßig zum Lachen bringt.
In meinem Comicprojekt vom vorletzten Jahr sorgte er fast im Alleingang für den Fortgang des Storyboards und der Dialoge unter den zu Superhelden mutierten Bewohnern, denen der Comic („Superhelden mit Rollator“) ein Denkmal setzt. Er selbst wählte für sich die Superhelden-Identität des „Gewaltigen T.-Man“, eine Pflegeheim-Ausgabe des grünen Giganten HULK, der mit allen Ungerechtigkeiten und Mängeln in der Einrichtung aufräumt.
Herr T. ist seit einigen Wochen (wenn nicht Monaten) nicht mehr so präsent und wahrnehmbar wie zuvor; selbst im „Frühschoppen“, zu dessen „Präsidenten“ wir ihn ernannt haben, tauchte er beim letzten Mal nur mit Verspätung und ungewohnt diskussionsunlustig auf. Heute ist er zwar frisch geduscht, wirkt aber blass und aufgedunsen. Außerdem ist er nur im T-Shirt über der Trainingshose unterwegs, auch seine Brille fehlt. Ich frage ihn, was los ist und wo seine Brille ist. Seine Antwort ist ein längerer Satz, den ich kaum verstehen kann, weil seine Stimme sehr verwaschen klingt. Ich entnehme ihm aber die Information, dass er seine Brille „verlegt hat“.
Wir verabschieden uns fürs Erste und Herr T. rollt weiter Richtung Speisesaal. Zwei Stunden später – ich kümmere mich gerade um die größtenteils demente Klientel der „Tagesgruppe“ – erscheint plötzlich die Wohnbereichsleiterin: „Du, der Herr T. ist gerade gestorben!“. Herr T. ist nach dem Frühstück in sein Zimmer zurückgekehrt, ließ sich von einem Pfleger ins Bett helfen (Herr T. ist ein großer, massiger 150-KG-Mann) und zudecken. Er sagte „Ich bin müde, ich will noch ein bißchen schlafen…“. Dann rang er plötzlich nach Luft, verdrehte die Augen und starb.
Ganz überraschend kommt sein Tod nicht, denn er hatte erhebliche gesundheitliche Beschwerden; angefangen bei seiner schweren Diabetes bis zu Wassereinlagerungen am ganzen Körper und einiges mehr. Typisch für Herrn T., bestimmte er per Patientenverfügung und klarer Ansage an alle, die es angeht, dass er keine Reanimation, keine lebensverlängernden Maßnahmen und keine Krankenhausaufenthalte wünscht, wenn sein Gesundheitszustand sich gefährlich verschlechtert.
„Ich bin jetzt 80 Jahre alt geworden, mir reicht´s. Ich hab vom Leben nichts mehr zu erwarten“, konstatierte er mir gegenüber vor einiger Zeit.
Herr T. und ich hatten eine spezielle Verbindung, die sich in der Hauptsache aus unserem gegenseitigen Verständnis für den Humor des anderen speiste. Außerdem noch aus einer Art gegenseitigem Respekt für unsere völlig unterschiedlichen, aber offen(siv) vertretenen Ansichten über Gott und die Welt – obwohl er mich unter verschärftem Kommunismusverdacht hatte und gerne über politische Themen stritt. Zusätzlich verband uns die Liebe zum Fußball. Kurzum: Herr T. war einer der paar Personen im Heim, die aus der Menge herausragen und durch Auftreten, Wortmeldungen und ihre ganze Art so etwas wie das Salz in der Suppe in der Bewohnerschaft sind.
Die „Abschiedsritual“ genannte Zusammenkunft von Angehörigen, Mitbewohnern und Pflegekräften an seinem Totenbett ist voll wie noch keine bisher. Obwohl die beiden Söhne von Herrn T. nicht dabei sind (einer wohnt zu weit weg, der andere hatte sich kurz zuvor noch einmal von ihm verabschiedet), sind viele Bewohner und reichlich Kollegen gekommen. Ich halte mich mehr oder weniger an den für solche Gelegenheiten vorgegebenen Ablauf und dessen Wording, improvisiere aber diesmal mehr als sonst, weil es nun mal Herr T. Ist, der hier tot vor uns liegt. Ich erzähle ein bißchen über meine Erlebnisse mit ihm, auch von den anderen hat fast jeder etwas beizutragen. Ein spanischer Mitbewohner, seit einem Schlaganfall nicht mehr des Sprechens mächtig, bricht immer wieder in Tränen aus und erinnert sich und uns mit Gesten daran, dass Herr T. – obwohl selber im Rollstuhl – ihm immer geholfen habe, ihn geschoben habe, Fahrstuhltüren aufgehalten habe usw. Man spürt, wie sehr er Herrn T. mochte.
Nach einem sehr schönen Gedicht und einem alten gälischen Segen („Der Friede der Wellen des Meeres sei sein, Der Friede des Fließens der Lüfte sei sein, Der Friede der ruhigen Erde sei sein…“ usw.) muss ich – immerhin befinden wir uns in einer diakonischen Einrichtung – auch das Vaterunser vorlesen. Bis auf mich können es sowieso alle auswendig und sprechen es mit. Das gemeinsame Rezitieren verbindet die Anwesenden (und den Toten, möchte ich hoffen) und ich habe das Gefühl, dass es auch ein Auszug aus der Bhagavadgita, dem Talmud oder Quran, oder ein anderer poetischer Text hätte sein können – entscheidend ist, dass durch solche Texte und die rituelle Verlesung der Sinn der Anwesenden zur Ruhe kommt und sich dem Unbekannten zuwendet, das der Tod für jeden ist.
Herr T. bzw. sein Körper liegt da, als ob er jeden Moment die Augen aufschlagen und mit charakteristischer Kurzangebundenheit die Leute im Zimmer anknurren könnte: „Was soll denn der Auflauf hier? Raus aus meinem Zimmer!!“ Tut er aber nicht, er ist bereits unterwegs in die nächste Dimension und auch ich nehme innerlich Abschied von einem Heimbewohner, der mir ein bißchen mehr als andere ans Herz gewachsen ist.
Frau M., seit knapp einem Jahr Bewohnerin der Einrichtung, liegt im Sterben. Nach zwei Oberschenkelhalsbrüchen hintereinander (auf jeder Seite einer) und den dazugehörigen Krankenhausaufenthalten, außerdem stark dement, ist sie als palliativer Pflegefall und Kandidatin für den Hospizdienst ins Pflegeheim zurückgekehrt.
Zunächst hat sie noch ein bißchen von der Nahrung zu sich genommen, die man ihr anreichte und ließ sich auch lagern und den Mund pflegen – jetzt ist sie seit einer knappen Woche ohne Nahrung und ohne Medikamente in der präfinalen Phase. Ihr Mund steht immer offen und wird ab und zu mit einem Schwämmchen befeuchtet. Geöffnet sind auch ihre Augen, die sie im Wachzustand nicht einmal mehr zum Blinzeln schließt.
Die Pflegekollegen versuchen, sich in ihrem normalen Dauerstress Extrazeit für sie freizuschaufeln; trotzdem liegt sie oft stundenlang alleine in ihrem Zimmer und stirbt vor sich hin. Heute nehme ich mir vor, meine Arbeitszeit der Sterbebegleitung von Frau M. zu widmen.
Ab mittags sitze ich an ihrem Bett, halte ihr die Hand, spiele ihr beruhigende Musik vor und rede gelegentlich mit ihr. Sie ist eindeutig auf den letzten Metern ihrer Lebensreise angelangt; ihre Kraft reicht gerade noch zum Atmen, ihr Atem wird kürzer und schneller. In dieser Phase ist es wichtig, einfach da zu sein und dem Sterbenden durch ruhige Präsenz zu vermitteln, dass das, was ihm widerfährt, der natürliche Lauf der Dinge und nichts zum Fürchten ist.
Da ich nicht weiß, ob sie religiös ist oder nicht, wähle ich meine Worte vorsichtig und eher allgemein. Ich erzähle ihr, dass ich jetzt bei ihr bleibe und dass das, was ihr jetzt passiert, allen Menschen passiert; dass sie jetzt dahin zurückgeht, wo sie hergekommen ist, so wie Wasser sich in Wasser ergießt oder wie eine Wolke sich in den Himmel auflöst…
Ihre Augen schließen sich ein bißchen und eine Träne rollt aus ihrem linken Auge. Inzwischen ist es vier Uhr nachmittags, die Pflege hat Frau M.s Sohn angerufen und ihm gesagt, dass er jetzt kommen müsse, wenn er noch von seiner Mutter Abschied nehmen möchte. Der Sohn hat sich so gut wie noch nie blicken lassen, auch in den letzten Monaten nicht, als ihr Zustand bereits zusehends schlechter wurde.
Auch jetzt mault er zunächst etwas rum, beschwert sich über die Testpflicht, die seinen Besuch erschweren würde und gibt sich alles andere als erfreut, dass man ihn überhaupt anruft. Schließlich höre ich aber von einer Pflegekollegin, dass der Sohn um 18:00 kommen wolle. Ich hätte eigentlich um 17:00 Feierabend, beschließe aber, dass ich Frau M. jetzt nicht alleine lasse und bleibe an ihrem Bett sitzen.
Um kurz vor 18:00 erscheint dann der Sohn. Als die Pflegekraft ihn in das Zimmer seiner Mutter führt, ist er überwältigt und erschrocken vom Anblick der sterbenden Frau. Er weiß sich nicht anders zu helfen als laut herauszuplatzen „Was ist denn das für eine Scheiße hier?!“.
Zögernd und zitternd setzt er sich auf den von mir freigemachten Stuhl und fragt überflüssigerweise, ob es jetzt zu Ende gehe mit seiner Mutter. Dann blickt er uns hilflos an und sagt: „Ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll oder machen soll…“
Wir antworten ihm, dass es nicht darauf ankommt, was er sagt oder tut, sondern darauf, dass er einfach da ist, bei seiner Mutter, und dass sie nicht alleine ist in ihren möglicherweise letzten Stunden. Die diensthabende PFK bietet ihm noch an, dass er solange bleiben kann, wie er will und ich mache mich auf den Heimweg.
Auf der Rückfahrt überlege ich, wieso fast alle Leute so hilf- und ratlos angesichts von Tod und Sterbeprozess sind; wie sie es schaffen, dieses Thema so weit von sich wegzuschieben, dass sie völlig überwältigt und nahezu panisch werden, wenn es sie irgendwann und unvermeidlich doch einholt. Und ich frage mich, ob der Besuch ihres Sohnes Frau M. ihren Abschied von dieser Welt erleichtert hat und ob sie morgen noch am Leben ist.
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Edit 24 Std. später:
Frau M. ist kurz nach dem Besuch ihres Sohnes gestern Abend um 21:45 gestorben.
Meine dementen Schützlinge haben nach einigem Nachdenken und mit etwas Nachhilfe alle Lieder erraten.
Das vierte Bild ist kein Song, sondern Illustration zu einer Geschichte, die beim Walzer hören entstand (Wiener Walzer habe ich vor Jahr und Tag als Frühstücks-Begleitmusik in der „Tagesgruppe Demenz“ eingeführt; der Soundtrack ist mittlerweile ein essentielles Ritual, da vermisst wird, wenn mal was anderes läuft oder jemand anders die „Tagesgruppe“ betreut):
Der junge Mozart war nämlich einmal total niedergeschlagen, weil keiner von dem adligen reichen Pack, für das er musizieren mußte, ihm seine Noten abkaufen oder ihm eine Stelle als Kapellmeister anbieten wollte.
Er sah keinen Sinn mehr in seinem Ableben und wollte ins Wasser gehen – in die schöne blaue Donau, weil er grad in Wien war. Als er da am befestigen Donauufer stand und gerade die Treppe runtergehen wollte, kam aber Johann Strauß der Jüngere angelaufen und beschwor ihn, es nicht zu tun.
Er versicherte dem Lebensmüden, dass er, Mozart, noch viele schöne Stücke schreiben und ganz gewiß auch eine gut dotierte Anstellung als Kapellmeister oder Hofmusikant finden würde. Außerdem, so der etwas außer Atem geratene Strauß jr., würde der Nachwelt sonst so viel geniale Musik entgehen, das es eine Schande wäre.
Mozart sah es ein und die beiden gingen erstmal einen saufen. So blieb der Welt zum Glück das musikalische Genie des begabten Österreichers erhalten!
(Dass die beiden noch nicht einmal Zeitgenossen waren, fiel keinem meiner Truppe auf; tut auch nichts zur erbaulichen Moral der Geschicht‘)
Die „Tagesgruppe Demenz“ kann momentan aus Personalmangel nicht wie gewohnt stattfinden: eine zweite Person wird benötigt, wenn es in dem gewohnten (und gemäß geronto-psychiatrischem Konzept der „Tagesgruppe“ vorgesehenen) separatem Raum stattfinden soll.
„Du musst das mit allen hinten im Speisesaal machen. Ich kann dir niemanden für die Tagesgruppe geben – da finde ich kein Personal für“, informiert mich die Wohnbereichsleiterin stoßseufzend und widmet sich wieder ihrer undankbaren Aufgabe, den von Krankmeldungen und sonstigen Ausfällen in Mitleidenschaft gezogenen Dienstplan irgendwie so umzumodeln, dass ein halbwegs geordneter Betrieb möglich ist.
„Hinten im Speisesaal“ heißt, dass ich es statt mit neun dementen Menschen in der stabilisierenden Umgebung unseres gewohnten vormittäglichen Zusammenseins mit 12 – 15 Personen zu tun habe – und zwar im vergleichsweise unruhigen Umfeld des öffentlichen Speisesaals, einem Durchgangsraum, der neben den Küchenkräften mit ihren Essenswagen von Pflegerkräften, Besuchern, Fußpflegerinnen, Physiotherapeuten und diversen Kollegen frequentiert wird, die alle irgendetwas wollen und so für Ablenkung sorgen.
Für die Bewohner andrerseits – jedenfalls für diejenigen, die nicht ohnehin Mitglied der „Tagesgruppe“ sind – ist es ein Gewinn und eine willkommene Abwechslung. Anstatt unbeschäftigt vor sich hin zu starren und sich zu langweilen, wird ihnen ein unterhaltsames und interessantes Programm geboten. Dement sind sie alle in verschieden Graden, auch wenn nicht alle die offizielle Diagnose haben. In der Altersgruppe der Hochaltrigen (Menschen über 80 Jahre) gibt es statistisch gesehen einen Anteil von einem Viertel bis einem Drittel Demenzkranker – in den Pflegeeinrichtungen allerdings weit mehr als die Hälfte, in manchen Wohnbereichen alle bis auf wenige Ausnahmen.
Ich schließe erstmal die beiden Durchgangstüren, um den morgendlichen Aufstehlärm auszusperren. Der Arbeitsrythmus in Pflegeheimen erfordert es, die Bewohner ab 7:00 aufzuwecken und „frisch zu machen“, also die Grundpflege durchzuführen. Das wird begleitet von oft lautstarker Kommunikation auf den Gängen und aus den Zimmern zwischen Pflegern, Hauswirtschaftskräften, Sozialdienst-Mitarbeitern usw.
Das frühe Aufstehen ist nicht jedermanns Sache, und manch eine beschwert sich darüber. Dann wird versucht, den Leuten mehr Zeit zu lassen – was auch dem ausgedünnten Personalstand bei den Pflegekräften zugutekommt, die sich ohnehin die Arbeit gut einteilen müssen, um alles schaffen zu können. Umgekehrt gibt es Bewohner, die aus irgendwelchen Gründen immer die letzten sind, die aus dem Bett geholt werden und die sich wiederum gerade darüber beschweren; verständlich, wenn man bedenkt, das dies Menschen sind, die gar nicht alleine aufstehen KÖNNEN.
Ab 8.00 Uhr beginnt sich der Speisesaal zu füllen, um kurz nach 9:00 sind auch die letzten erschienen und bis um 10:00 haben alle gefrühstückt. Ich habe mich wie in der regulären „Tagesgruppe“ nützlich gemacht, indem ich Essen verteile, denen helfe, die alleine nicht zurechtkommen, Essen anreiche usw. Vor allem aber habe ich unsere traditionelle Tagesgruppen-Guten-Morgen-Musik aufgelegt, die „Wiener Walzer“-Playlist von einem meiner Endgeräte, die ich seit Jahr und Tag im Heim einsetze. Diese musikalische Begleitung des Frühstücks – in dezenter Lautstärke natürlich – ist ein wichtiger mentaler Anker für Leute, deren ganze Welt im negativen Sinne im Fluß ist und vor ihrem inneren Auge immer fragmentarischer und unübersichtlicher wird.
Jetzt, um kurz vor 10 Uhr , kann es losgehen. Ich verbinde Endgerät 1 (Telefon) mit einem wuchtigen und leistungsfähigen LG-Lautsprecher; Endgerät 2 (Tablet) wird mittels eines HDMI-Kabels mit dem Riesen-Fernseher, der an der Wand montiert ist, verbunden und ich frage meine Zuhörer, womit wir uns heute so gemütlich wie möglich die Zeit vertreiben wollen: Quatsch mit Soße oder kunterbuntes Halligalli? Das frage ich jedesmal, und meistens ist die Antwort „Quatsch mit Soße!“. Auch diesmal will eine qualifizierte Mehrheit Quatsch mit Soße serviert bekommen; ergänzend fügt Frau N. hinzu: „… und ganz viele Lieder!“.
Im Grunde ist es völlig egal, was gewünscht wird, da ich eigentlich immer improvisiere und nie weiss, was bei unseren vormittäglichen Runden rauskommt. Der einzige „gesetzte“ Programmpunkt ist die Musik. Die Musik – in der Regel Schlager der 1930er bis 1970er Jahre – ist der Kitt, der alles verbindet und der Schlüssel zum Tor der Erinnerungen.
Um für meine Truppe ein bißchen die Spannung zu erhöhen und – ich gebe es zu – auch mir selbst ein solides Quantum Entertainment und Spaß zu verschaffen, frage ich aber erstmal in die Runde, was auf dem Bildschirm – der den weißen Hintergrund der Zeichen-App anzeigt – zu sehen ist. Nach ein paar verdutzten Sekunden rufen einige „Nichts!“ In die Runde. Darauf habe ich natürlich nur gewartet, denn nun kann ich aus dem „Nichts“ eine bebilderte Geschichte entstehen lassen, deren Ablauf und Details auch mir selbst noch nicht bekannt sind. Ich zeichne also drauflos und kommentiere dabei, was entsteht.
Wir (mich eingeschlossen) werden Zeuge, wie eine schöne, aber für den Zuschauer unsichtbare, Prinzessin oder Sultanstochter einsam in einem festungsartigen Palast auf der persischen Hochebene festsitzt, während ihr Galan, ein durchaus traditioneller Prinz, sich anschickt, sie in Begleitung seines treuen dicken Dieners und eines Lehrers zu besuchen, vielleicht sogar zu befreien. Wovon? Soweit sind wir noch nicht. Zunächst mal müht sich der dicke Diener mit dem schweren Koffern ab, während der Lehrer angestrengt in das Klassenbuch blickt und sich wundert, wieso alle Schüler gute Noten haben.
Der Lehrer ist überhaupt nur ins Spiel gekommen, weil das ferne Land, in dem die Geschichte spielt, das Land der Blauen Berge ist. Das bekannte Lied ist schnell gefunden, ist den meisten bekannt, und schon singt die ganze Runde einen Pennälersong, den sie bestimmt schon zu Schulzeiten gesungen haben. Und so geht es weiter, vom Hölzchen aufs Stöckchen und von Lied zu Bild und umgekehrt. Aus einem wilden Gekritzel entsteht plötzlich Friedrich Nietzsche, dessen tragisches kurzes Leben und Ende als Pflegefall die Anwesenden fasziniert hören und anscheinend gut nachempfinden können. Jeder hat auch schon mal irgendwo von „Also sprach Zarathustra“ gehört, und sei es – was wahrscheinlicher ist – als musikalisches Werk von Richard Strauss.
Nach diesen Ausflügen in die Kindermusik und zu symphonischen Klassikern kehren wir zurück zu der bei dieser Klientel beliebtesten musikalischen Gattung: dem Schlager. Meine Zuschauer sind gebannt und bestens unterhalten von der Mischung aus Live-Zeichnen und der dank Internet schnell zur Verfügung stehenden Musik. Wir wenden uns jetzt einer Quiz-Show zu, die stets beliebt ist und für allerlei Rätselfragen, Erinnerungsarbeit und biografische Reminiszenzen sorgt: dem Schlager-Raten!
Das Prinzip ist denkbar einfach: ich versuche, zeichnerisch Titel und Thema des Liedes abzubilden und die Anwesenden sollen es erraten. Das ist bei der Arbeit mit dementen Menschen manchmal gar nicht so ohne. Oft muss ich ihnen auf die Sprünge helfen, indem ich sie immer wieder auffordere, zu beschreiben, was sie sehen – von dort ausgehend kommt dann in der Regel jemand auf den gesuchten Titel.
Heute hat die Quiz-Show aber eine besondere Note. Schon beim ersten Bild, dessen musikalische Vorlage („Lass uns träumen am Lago Maggiore“) schnell erraten wird, werden ungewohnt kritische Stimmen laut, als ich den Sänger nenne: Rudi Schuricke, u.a. Urheber des All-Time-Klassikers „Capri-Fischer“. „Bloß nicht!“, läßt sich Frau K., eine neue Bewohnerin, vernehmen. Auf meine erstaunte Frage nach dem Grund ihres Ausrufes antwortet sie: „Ich kann den Schmalz nicht hören!“
Die anderen, quasi der Rudi-Schuricke-Fanclub von Neuss, sind fassungslos. Sie halten sich aber zurück, obwohl man manchen der alten Herrschaften anmerkt, dass sie eine solche Herabsetzung ihres Idols nicht billigen können. Frau K. informiert jetzt noch mich und die Runde, dass sie eigentlich Jazz und Swing bevorzuge, und „von dem ganzen Schlagerkram“ noch nie etwas gehalten habe. Das finde ich nun wieder sehr gut und gebe gleich mal „Swing“ in die Suchfunktion der Musik-App ein.
Um die Mehrheit der Zuhörer nicht allzusehr zu verprellen und um nicht zu drastisch mit den ziemlich konventionellen Hörgewohnheiten meiner Leute zu brechen, wähle ich Glenn Millers „In the Mood“ aus. Am Tag zuvor konnte ich nämlich beobachten, wie die hochdemente Frau Sch. auf dem Weg in ihr Zimmer schnurstracks kehrt macht und mit ihrem Rollator so eilig sie kann zurück in den Speisesaal steuert, als genau dieser Song im Radio läuft. Sie gerät dabei ins Schwärmen: „Diese Musik finde ich so toll! Dazu haben wir getanzt früher!“
„In the mood“ finden alle richtig gut, sie kennen die Melodie; im Übrigen enthalten recht viele Erfolgsschlager aus den 1950er und 1960er Jahren Swing-Elemente, so daß hier nichts gänzlich Unvertrautes oder Schräges die Ohren meines Publikums verwirrt. Tatsächlich gefällt der Swing-Sound einer Bewohnerin, Frau H. aus der „Tagesgruppe“, so gut, dass sie mit Oberkörper, Armen und Händen mitgeht und im wahrsten Sinne des Wortes mitschwingt.
Das allerdings ruft ihre Sitznachbarin, Frau B., auf den Plan. Die hat schon eine ganze Weile mit wachsendem Unmut Frau H.s Sitztänzchen beobachtet und kann nun nicht mehr an sich halten: „Lassen Sie mal den Unsinn. Müssen Sie hier so rumhampeln? Ist ja lächerlich…“, zischt sie Frau H. an. Frau B. ist keine Teilnehmerin der „Tagesgruppe“, sonst hätte sie vermutlich Frau H.s oft spontane und direkte Art gekannt und sich gar nicht erst mit ihr angelegt.
Frau H., die wegen ihrer durch die Demenz verursachten Angst- und Verwirrtheitszustände seit kurzem „Bedarf bekommt“ (Pflege-Deutsch für die Vergabe von ruhigstellenden Psychopharmaka „bei Bedarf“), ist zwar etwas verlangsamt und für ihre Verhältnisse ziemlich milde gestimmt, aber keineswegs so sediert, dass sie nicht zu antworten wüsste. Sie mustert ihre Nachbarin erstaunt und sagt: „Was haben SIE denn? Lassen Sie mich in Ruhe!“
Frau B. läßt sie aber nicht in Ruhe und zetert weiter auf sie ein. Um die Sache nicht eskalieren zu lassen, muß ich eingreifen. Ich stelle mich zwischen die beiden und bitte sie, freundlich zu bleiben und jeden so tanzen und sein zu lassen, wie er oder sie es will. Um Frau B. einzubeziehen – ich weiß, dass sie an Depressionen leidet und oft tagelang das Bett nicht verlässt – und ihr einen Ausweg zu bieten, frage ich sie, was sie denn gerne so für Musik hört oder früher gehört hat.
Mit der Frage bin ich allerdings an die Falsche geraten. „Gar keine!“, bescheidet sie mich abschlägig, „ich musste ARBEITEN!“, wobei sie das Wort „arbeiten“ betont wie eine abscheuliche Krankheit. Hinter ihren Worten sind die Bitterkeit und der entgangenen Spaß am Leben zu spüren. Ich starte einen Versuch, sie vorsichtig in sanfteres Fahrwasser zu bringen und frage, ob sie bestimmte Lieder oder Musik gut fand, als sie jung war, tanzen ging und verliebt war… vielleicht die Musik, die sie beim ersten Kuss gehört hat, denn an die erinnert man sich gern (falls dabei Musik lief). Das kennen die meisten und nicken zustimmend.
Frau B. entgegnet, schon etwas milder, aber immer noch mit einer unterschwelligen Jahrzehnte alten Bitterkeit: „Das war doch Sünde! Das hat doch der Pfarrer verboten!“. Ich kenne ihre persönliche Geschichte nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass sie als junge Frau genau diese bigotte christliche Frömmelei, diese kranke Repression menschlicher Zuneigung und Sexualität erfahren hat und davon bis heute geprägt ist.
Ich bedränge sie nicht weiter mit diesem Thema und spiele zur Versöhnung aller mit allen – außer der Schmalz-Allergikerin Frau K. – einige unserer Standardschnulzen aus den goldenen Fünfzigern und Sechzigern. Das heißt, ich spiele sie nicht einfach ab, sondern lasse meine Leute anhand meiner Zeichnungen raten, welches Lied als nächstes dran kommt. Seefahrtslieder, die oft von Sehnsucht, Heimweh und Verlorenheit in der Fremde singen, sind aus naheliegenden Gründen sehr beliebt bei dementen Menschen, und so erklingt zunächst mal „Wolken, Wind und Wogen“ und „Heimweh nach St. Pauli“ von Freddy Quinn. Die melancholische Melodie des ersten Liedes in Verbindung mit seinem leicht unheimlichen Text („Was das Meer genommen gibt es nie zurück“) scheint auch Frau B. zu gefallen, denn sie hat ihre Nachbarin in Ruhe gelassen, schließt die Augen und wiegt ganz vorsichtig ein bißchen den Kopf dazu.
Um auch Frau K. mit der Schmalz-Aversion zu signalisieren, dass sie gehört und gesehen wird, erinnere ich an die 1950er Jahre, in denen die Musik entstand, die als Vorläufer und Wegbereiter der ganzen nachfolgenden Pop- und auch Schlagermusik gelten kann. Und welche Musik war das? Rätselraten bei meinen Zuhörern. Als ich aber die Namen der bekanntesten Protagonisten nenne, strahlt Frau K. und ruft „RockˋnˋRoll!!“ in die Runde.
Rock‘n‘Roll ist die Musik der Jugendzeit dieser Generation und überfordert auch die Schlagerfans nicht musikalisch. Zu den Klängen von Bill Haley’s „Rock around the clock“ nähern wir uns dem letzten Teil unserer heutigen Runde – die Mittagszeit naht. Für mein schlagerseliges Klientel ist Rock’n’Roll allerdings nicht einfach zu schlucken – egal ob sie alle in ihren Teenager- oder Twen-Jahren waren, als dieser Sound neu war. Ich merke, dass einige überhaupt nichts damit anfangen können und dass auch diejenigen, die die Musik eigentlich gut finden, wegen der englischen Texte nicht mitsingen können – was sie aber gerne würden.
Darum schlage ich jetzt noch einen Bogen bzw. einen Haken zum Schlager und erzähle ein bißchen was über einen weiteren Schmalz- und Schnulzenkönig der deutschen Schlagerwelt und dessen tragisches Ende. Ich lasse die Gruppe raten, mit welcher dänischen Sängerin ein gewisser Ludwig Franz Hirtreiter (so sein legaler Name) unter dem Künstlernamen Rex Gildo ein Lied über einen Stadtpark mit ausgefallener Straßenbeleuchtung zum Besten gegeben hat. Kein Problem für die versierten Schlagerexperten meiner Runde – ich habe kaum die Mauer des Stadtparks und die Laternen fertig skizziert, schon kommen aus verschiedene Richtungen die richtigen Antworten!
Mit dem schönen zweistimmigen Gesang des Duos Rex Gildo/Gitte Haennig und dem positiven und rebellischen Text des Liedes „Vorm Stadtpark die Laternen“ – der Text bricht eine Lanze für die Liebe ohne Kompromisse mit Neidern und Besserwissern – klingt die Runde aus. Noch eine halbe Stunde bis Mittag, und die brauche ich für Abbau und Rücktransport meines Equipments und für die unumgängliche Dokumentation.
Nach 3,5 Stunden Schlaf am Neujahrsmorgen um 7:30 im Pflegeheim antreten zu dürfen, um den Küchendienst für ca. 20 Bewohner zu machen – ein würdiger Start in ein weiteres Jahr der Lohnarbeit.
Die WBL sitzt mit Bandscheibenvorfall fitgespritzt im Büro und koordiniert die immer weniger werdenden verfügbaren Pflege-, Betreuungs- und Hauswirtschaftskräfte.
Der einzige Kollege vom Fach (auch er jedoch nur Pflegehelfer), der neben den zwei Azubis heute für die Bewohner da ist, flucht lautstark vor sich hin über den Diakonievorstand, dem es „nur ums Geld geht“ (er macht das Geldzähl-Zeichen mit den Fingern), weshalb die Personalsituation ist, wie sie ist.
Ein relativ neuer FSJler ist, wie ich von ihm erfahre, zur Einzelbetreuung eingeteilt, während ich – als Kunstgeragoge im Sozialen Dienst – mich in die Küche stellen soll. Mir fällt erstmal die Kraft aus dem Gesicht, als ich das höre.
Es stellt sich aber heraus, dass der FSJler ursprünglich den Küchenmenschen des anderen Wohnbereiches ersetzen sollte; dieser ist aber heute wieder erschienen und so kann ich den FSJ-Kollegen sofort dienstverpflichten, mir zur Hand zu gehen.
Auf diese Weise kann ich zwischen den Essenszeiten mein Vormittagsprogramm anbieten, den einrichtungsweit populären Frühschoppen, in welchem ich im Wesentlichen die Rolle des gutmütigen Kneipenwirtes zu verkörpern habe
Nach einer knappen Stunde fröhlichen Palavers und Biertrinkens betreten zwei neue Bewohnerinnen den Raum, angelockt durch mein großes Hinweisplakat vor der Tür und die offenkundig gut gelaunte Gesellschaft drinnen. Die beiden geraten mitten in die feucht-fröhliche Debatte, was es am Jahreswechsel überhaupt zu feiern gäbe – ich ergreife die Gelegenheit, um der Runde meinen gereimten Beitrag zum Thema vorzutragen:
„Hurra Hurra, ein neues Jahr!
Das alte, das schon scheisse war,
weicht einem neuen, das gewiß
so scheisse wie das letzte ist“
Über sowas können Demente wie Orientierte lachen, alle freuen sich über die frechen Verse, nur die demente Frau S. sagt „Scheisse sagt man nicht!“, muß aber lachen, als ich ihr antworte „Jetzt haben Sie’s aber selber gesagt, oder?“
Die Frühschoppenbesucher (alle 14 Tage mache ich das) sind immer mehr oder weniger dieselben Leute und eine verschworene kleine Gemeinschaft – unsere beiden Neuzugänge wirken leicht indigniert, es sind KZP(Kurzzeitpflege)-Gäste, beide orientiert, bildungsbürgerlich erkennbar über dem Durchschnitt. Sie erheben sich, bedanken sich artig und verlassen unsere zotige Kneipe.
Es ist her ohnehin schon wieder kurz nach Elf und ich muss die Leute anspornen, jetzt zügig die Sache zu beenden, weil ich zurück in die Küche muß, um das Mittagessen vorzubereiten.
Herr T., unser (von mir ernannter) „Präsident“ hatte mir zu Beginn der Runde ein Set verschiedenere Weine in 0,5l-Flachen überreicht („Weinreise Deutschland“) und wirkt ohnehin erfreut, dass ich nach einer Woche Urlaub wieder auf der Bildfläche erschienen bin. Als ich abschließend resümiere, das wir all unsere von der Frühschoppen-Tradition vorgeschriebenen Themen gehakt haben (Fußball, Politik, Krieg/Flucht/Vertreibung und Essen), bemerkt er: „Das nächste Mal sprechen wir mal über Kapitalismus/Kommunismus!“
Mit einem anzüglichen Seitenblick auf mich ergänzt er: „Da hat uns der Herr Strathus bestimmt einiges zu erzählen… ich kenn’ doch ihre politischen Ansichten!“ Er hört sich aber nicht an wie ein Gesinnungsinquisitor, sondern eher wie ein diskutierfreudiger Demokrat, der dem kommunismusverdächtigen Sozialer-Dienst-Mitarbeiter mal auf den Zahn fühlen möchte.
„Können wir gerne machen, Herr T.“, antworte ich. „ich bringe ihnen vorab schon mal ein bißchen Marx- und sonstige Lektüre mit, damit wir wissen, über was wir reden und Sie sich ein bißchen ins Thema einlesen können!“
Ich weiß natürlich, dass er aufgrund einer diabetesbedingten Sehschwäche kaum noch lesen kann, aber wir flachsen uns gerne mal ein bißchen gegenseitig an. Immerhin scheint er neugierig zu sein, und sei es nur, um „den Kommunisten“ zu bekehren oder um wie bei Werner Höfers Frühschoppen ein bißchen über Politik zu streiten.
Für ein Wochenende mit Küchendienst ist dieser Samstag meiner Einschätzung nach ganz ordentlich gelaufen.