Geschichten aus dem Pflegeheim: Im Frühtau zu Berge

Die „Tagesgruppe Demenz“ hat sich personell verändert: vier Teilnehmer, deren Demenz so weit fortgeschritten ist, dass sie nicht mehr in der Lage sind, dem Angebot zu folgen und die lediglich – mehr oder weniger vor sich hin dämmernd – teilnahmslos in ihren Pflegerollstühlen sitzen, sind ausgeschieden; die freien Plätze nehmen jetzt vier Damen mit leichter bis mittelschwerer Demenz ein. Diese Einstufung ist auch, laut Konzept der „Tagesgruppe“, die Voraussetzung für eine Teilnahme.

Damit hat sich die gesamte Atmosphäre der Gruppe verändert; die Stimmung ist deutlich aktiver und fröhlicher. In der neuen Zusammensetzung findet wieder mehr Interaktion zwischen den Teilnehmern statt und Spiele-, Rate-, Sing- und sonstige Runden finden bei der deutlichen Mehrheit der Anwesenden ein begeistertes und engagiertes Echo.

Beim Frühstück summt eine der neuen TeilnehmerInnen die Melodie „Im Frühtau zu Berge“ vor sich hin, zwei weitere fallen ein und schon haben wir den schönsten Morgengesang am Tisch. Der strahlende Sonnenschein dieses herrlichen Frühsommertages scheint die Gemüter empor zu heben, und die Runde beginnt von sich aus, sich über Wanderungen in Wald und Gebirgen zu unterhalten.

Frau P., wann sind sie denn das letzte Mal gewandert?“, frage ich eine 92-Jährige, die ebenfalls erst seit kurzem in der Gruppe ist. „Ach, das ist lange her..“, sinniert sie. „Das war beim BDM!

Ein paar Anwesende lachen und bestätigen, dass auch für sie die Wanderungen und Naturerlebnisse beim „Bund Deutscher Mädel“ mit schönen Erinnerungen verknüpft sind. Frau S. aus Westpreußen erinnert sich ebenfalls an viele Wanderungen und Abenteuer „beim Jungvolk“, denkt aber ebenso gerne an Wanderungen mit ihrem Vater zurück, bei denen dieser lauthals Lieder schmetternd mit ihr durch die Buchheide bei Stettin zog.

Flugs ist eine geeignete Playlist bei Spotify gefunden („Wanderlieder zum Mitsingen“) und in der Fantasie verwandelt sich die ganze Tagesgruppe in eine Wandergruppe auf dem Weg in die Berge. Die passende Bebilderung male ich derweil ans Flipchart, wobei ich Vorschläge aus der Runde aufgreife. „Ja, genau so einen Wanderhut hatte mein Vater!“ höre ich von Frau F., und „Das könnte ich mit meinem Opa sein!“ kommt aus einer anderen Ecke.

Wir singen, malen, erzählen und verbringen einen Vormittag in den Bergen, obwohl wir alle in einem eher kleinen Raum an vier Tischen sitzen. Besonders die kleinen Details auf dem Bild faszinieren meine Schützlinge: das rosa Kaninchen zum Beispiel, das natürlich viel schlauer ist als der Fuchs, der weiter oben auf die Gelegenhet wartet, dem Kaninchen das Fell über die Ohren zu ziehen. Oder die Ameisen, die von ihrem Hügel neben dem Kilometerstein zu der Bananenschale hin- und hermarschieren, um mit dem halb vergammelten Fund ein Festmahl zu feiern.

Auf Wunsch einer weiteren Teilnehmerin baue ich noch einen Mitbewohner in das Bild ein, der zwar nicht an der „Tagesgruppe“ teilnimmt, dafür aber wohnbereichsweit bekannt ist für seine dauernden Klagen, dass ihm so schwindlig sei. Dabei schwankt er in der Regel demonstrativ hin und her, wie ein Seemann bei Windstärke 10 und starkem Wellengang – ein hervorragender Anlaß, um einen kleinen musikalischen Abstecher in das weite Feld der Seemannslieder zu machen, so dass nun die ganze Runde „Junge, komm bald wieder“ intoniert.

Zwischendrin gibt’s noch ein paar Worträtsel zum Thema „Berge und Wandern“ als Gedächtnistraining – auf diese Weise kann ich auch überprüfen, wie es um die kognitiven und assoziativen Fähigkeiten meiner Truppe bestellt ist. Hier tut sich Frau F. hervor, auch eine von den Neuen: eine 90-Jährige, die ansonsten eher still ist und meistens gütig lächelt. Diese Übungen jedoch machen ihr Spaß, sie erfaßt die zu vervollständigenden Wörter sofort und platzt schon mit der richtigen Antwort heraus, während die anderen noch lesen. Frau F. ist räumlich ziemlich desorientiert; sie findet oft den Weg in ihr eigenes Zimmer nicht – umso erstaunlicher, dass sie auf dem Gebiet der Worterkennung und -Verknüpfung keinerlei Probleme hat.

Schon naht die Mittagszeit. Dem Thema des Vormittags entsprechend, ist uns allen jetzt eher nach einer Brotzeit mit Schinkenbroten und Radler als nach dem Kaiserschmarren mit Kompott, der heute auf dem Speiseplan steht. Aber der Hunger treibt‘s runter, schmecken tut‘s auch einigermaßen und die Höhenluft des Vormittags hat die Teilnehmer so müde gemacht, dass alle zufrieden und satt sich in ihre Zimmer zum verdienten Mittagsschlaf zurückziehen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Feiertagsdienst an Pfingsten

Dienste an christlichen Feiertagen bieten mir immer die Möglichkeit, in meinen Angeboten, scheinbar ganz im Sinne meines diakonischen Arbeitgebers, den Leuten Botschaft und Bedeutung des jeweiligen Feiertages nahezubringen bzw. ihre Erinnerung aufzufrischen (in der Praxis stellt sich schnell heraus, dass die Unkenntnis darüber, was im christlichen Jahreskalender warum gefeiert wird, nicht den Atheisten oder Dementen vorbehalten ist).

Vor allem kann ich unter der Tarnung der sozialen Betreuung und von lustigen Runden recht schön ein bisschen praktische Religionskritik anbringen.

Heute muss natürlich über Pfingsten gesprochen werden, von dem keiner auch nur die blasseste Ahnung hat, warum das ein Feiertag und was das überhaupt ist.

Ich erzähle also meiner Zuhörerschaft, was nach christlicher Legende Pfingsten bedeutet: dass da ein „heiliger Geist“ irgendwie in die Jünger gefahren oder von einer Art Taube (ja, genau: der Vogel, der alles voll kackt) ausgeschieden und in die Gläubigen geschüttet worden sei.

Derselbe heilige Geist übrigens, der ein paar Jahrzehnte vorher die Maria geschwängert hat, die dann den Jesus zur Welt brachte, um den sich bei den Christen alles dreht. Mein Publikum ist gebannt von dieser unerwarteten Volte der Geschichte und versucht anscheinend innerlich, eins und eins zusammenzuzählen.

Was ist denn nun ein ‚heiliger Geist‘?“

frage ich in die Runde. Ratlose Gesichter. Nur der volldemente Herr J. sieht aus, als ob ein Glöckchen klingeln würde. Er meldet sich und erklärt: „Ein Mensch, den man nicht sieht!“

Das klingt überzeugend, auch für die Umsitzenden. Wo wir schon mal bei Geistern sind, hake ich nach und frage, wie sie sich einen Geist – ob heilig oder nicht – vorstellen. Natürlich kommen wir auf Gespenster, Spuk und Geister á la „Hui-Buh das Schlossgespenst“ und alte Bettlaken mit reingeschnittenen Augenlöchern.

Die Runde ist erheitert, man lacht über das leicht depperte Gespenst und nimmt hoffentlich auch heilige Geister nicht mehr so ernst.

Wir beschließen den Vormittag mit ein paar Frühlingsliedern und alle freuen sich aufs Mittagessen, das an Feiertagen immer besonders lecker ist.

Geschichten aus dem Pflegeheim: der Kartoffelkönig Karl

Die Erzählung von Karl dem Kartoffelkönig, seiner Gattin und dem verzogenen kleinen Prinzensohn Knut fasziniert die Teilnehmer der „Tagesgruppe Demenz“; wir kommen drauf, weil’s mittags Bratkartoffeln mit Spiegelei gibt. Noch lustiger finden sie aber das Kartoffel-Lied, für das ich in die Rollen des Komponisten, Sängers, Mundharmonikaspielers und Chorleiters schlüpfen muss – leider verbietet der Datenschutz eine Veröffentlichung des Filmmaterials, das eine Kollegin mit dem Handy erstellt.

Darauf sind acht fröhliche alte und hochbetagte Menschen zu sehen, alle dement und alle kräftig am mitsingen.

Besonders die leicht perfide Wendung des Liedtextes, in dem zunächst die Kartoffel angeschmachtet wird um gleich darauf umso überraschender in den Kochtopf befördert zu werden, scheint meiner Truppe zu gefallen.

Geschichten die das Leben schrieb: Sippenhaft im finanzkapitalistischen Freiheitsgefängnis

Mitten auf der Arbeit, am späten Vormittag, ruft mich die völlig aufgelöste und konsternierte Frau an, um mir folgendes zu berichten: soeben hätte sie einen Anruf ihrer Bank erhalten, in dem ihr ohne weitere Umschweife mitgeteilt wurde, dass ihr Konto gesperrt und ihr Dispo innerhalb von drei Wochen zurückzuzahlen sei; der Grund wäre „ein negativer Schufa-Eintrag“.

Die Frau – Geschöpf und Produkt der bürgerlichen Mittelschicht, studiert, seit über 30 Jahren in Festanstellung bei einem Versicherungskonzern – kann die Welt nicht mehr verstehen und befindet sich im Zustand beginnender Hysterie. Der ganze Vorgang ist für sie umso unbegreiflicher, als sie beständig Anfragen ihrer und anderer Banken abwimmelt, die ihr alle möglichen Kredite und Finanzprodukte andrehen wollen – sie zählt mit ihrem soliden Mittelschichtseinkommen (etwa das dreieinhalbfache meines Jahressalärs) nämlich zur Zielgruppe „solide, seriöse Akademikerin mit unschlagbar krisenfester Festanstellung“, die noch niemals im Leben in irgendeiner Weise eine Rate, Miete oder sonstige Verpflichtung säumig geblieben ist.

Ich rate ihr zu zunächst mal drei Schritten.

Erstens feststellen, ob es sich um einen Fake-Anruf handelt oder nicht.

Zweitens – wenn echt – die Vorgesetzten der Anruferin oder wenigstens ihre persönliche Kumdenberaterin bei dem betreffenden Geldinstitut zu fragen, was es mit der Info auf sich hat.

Drittens herauszufinden, ob das Ganze etwas mit mir zu tun hat – was sofort meine Vermutung war.

Als ich selber vor einigen Jahren mich zum Heer der prekär beschäftigen Lohnarbeiter gesellen musste, war ich von jetzt auf gleich mit analogen Anliegen meiner damaligen Bank konfrontiert: Gleiche dein überzogenes Konto innerhalb von kürzester Zeit aus und trolle dich als Kunde! Den überaus großzügigen Überziehungsrahmen hatte die Bank mir in besseren Zeiten förmlich aufgedrängt, betrachtete mich aber offensichtlich nach einigen mageren Jahren als faules Ei im Portefeuille.

Natürlich konnte ich von einem Niedriglohn nicht mehrere Tausend Euro aufbringen, so dass ich mich auf einen Vergleich mit der Bank einlassen musste, der mir das Kainsmal des unzuverlässigen Schuldners einbrannte: Der negative Schufa-Eintrag!

Diese schöne Einrichtung demokratischer Herrschaft bewirkt für den Betroffenen den effektiven Ausschluss von der Teilnahme an sehr vielen Selbstverständlichkeiten modernen Lebens: keine Überziehung des Kontos mehr, nicht einmal um einen Euro; keinen Ratenkauf von irgendwas; keine Absicherung gegen allfällige Widrigkeiten des normalen Alltags wie Autoreparaturen oder defekte Waschmaschine usw.

Obwohl ich durch ein rigides, selbst auferlegtes Spar- und Austeritätsregime die Schulden bei der Bank im November 2017 zurückzahlen konnte, bleibt der Schufa-Eintrag für weiter drei Jahre bestehen – so lange geht die sorgsame Überwachungsinstanz des nationalen Kreditwesens davon aus, dass der kapitalistisch untaugliche Schuldner ein potentieller Störfaktor für die reibungslose Geldvermehrung bei den institutionellen Geldverleihern ist.

Im November dieses Jahres erlischt dann – angeblich – der Eintrag und ich könnte theoretisch wieder mein Konto überziehen oder Konsumentenkredite bekommen.

Zurück zu der in Panik versetzten Königin meines Herzens, die weit weniger armutsfest ist als ich und noch niemals einer solchen Situation ausgesetzt war. Wie konnte IHR das passieren?

Die Erklärung ist die, die ich erwartet hatte:

Mit unserer Heirat im vergangenen November nahm die Frau meinen Nachnamen an: das war ihr Verhängnis!

Nachdem sie letzte Woche endlich auch bei ihrer Bank die fällige Namensänderung auf Konto, EC- und Kreditkarten veranlasst hat, leuchteten offensichtlich alle roten Lampen der Scoring-Algorithmen der Bank auf und meine nichtsahnende arme Gattin fand sich von jetzt auf gleich in das Ghetto des finanziellen Lumpenproletariats der Konsumgesellschaft verbannt. In ihrer Vorstellung saßen wir bereits krank und obdachlos bei Fusel und Kerzenlicht unter der Oberkasseler Brücke.

Hier ist die Geschichte zum Glück nicht zu Ende; letzten Endes brachte ein Anruf bei der jahrelangen persönlichen Kundenbetreuerin dies ans Licht: eine übereifrige neue Mitarbeiterin hätte aufgrund der automatisierten Meldungen des Warnsystems der Bank den Anruf getätigt, alles sei „nur ein Missverständnis“ und selbstverständlich ändere sich nichts am Status meiner Frau als gute und willkommene Kundin.

Nachdem die Selektion an der Rampe der Kreditwürdigkeit auf diese Weise doch noch von „ab in die finanzielle Gaskammer“ zu „darf weiter arbeiten und konsumieren“ umgebogen wurde, gehen wir erst mal zur nahegelegenen Filiale der Bank, ziehen Bargeld und tauschen es beim Discounter unseres Vertrauens in Drogen um.

Geschichten, die das Leben schrieb: Arztserien entspannen!

Seit einigen Tagen liegt die Frau – sofern die Homeoffice Onlinekonferenzen ihres Bullshit-Jobs nicht ihre Anwesenheit erfordern – nachmittags auf dem Sofa und verfolgt eine Serienschmonzette des Staatsfernsehens.

Nachdem ich einige Male ein paar Sekunden (maximal 30, länger hält man das nicht aus) auf den Bildschirm gestarrt und entsprechend entgeistert aus der Wäsche geschaut habe, fragt mich meine Liebste honigsüß: „Ist was, Schatz?“

Du kuckst jetzt jeden Nachmittag diesen Arztserienschwachsinn??“ erkundige ich mich.

Du kannst dich ja scheiden lassen“, erhalte ich zur Antwort.

Vielleicht sehe ich so aus, als ob das eine erwägenswerte Option sei; jedenfalls schiebt sie zur Erklärung noch hinterher: „Das brauch ich zur Entspannung, nachmittags Heile-Welt-Fernsehen…“

Ich verziehe mich ins Arbeitszimmer und betreibe Heile-Welt-Surfing im Web.

Warum ich während der Lindenblüte nicht vor der Haustür parke

Tauben lieben scheinbar Lindenblüten. Jedenfalls sitzen die vollgefressenen „Ratten der Lüfte“ während der Blüte dieser Bäume zuhauf auf den Ästen, laben sich an den Blüten und Blättern und lassen ihren ätzenden Kot in noch enormeren Mengen als ohnehin schon üblich unter sich.

Als schlauer Anwohner weiß ich das natürlich und parke das Auto ein paar Wochen lang in Nebenstraßen ohne Bäume oder gleich am Rhein. Auswärtige dagegen, oder Anwohner, die in ihrer Verzweiflung und nach endlosen Runden um den Block ihren Wagen doch unter den Bäumen parken, erwartet am nächsten Morgen ein grauenvoller Anblick.

Wie mir eine sachkundige Nachbarin erzählte, verursacht der Taubenkot tatsächlich solche Lackschäden, dass die Leasing-Unternehmen die Schlusszahlung ohne mit der Wimper zu zucken um teilweise vierstellige Beträge erhöhen, wegen Wertminderung des Kfz. Die einzige Methode, sich anschließend des Alien-mäßigen Säurefraßes zu entledigen ist geduldiges Einweichen und Entfernen mit in kaltes Wasser getunktem Zeitungspapier.

Den Besitzern der einschlägigen SUVs gönne ich allerdings von ganzem Herzen den Wertverlust ihrer Schlachtschiffe und Hausfrauenpanzer, mit denen sie ihre Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsbereitschaft demonstrieren und die Parkflächen vollstellen.

Hausgemeinschafts-Alarm: Wohnen muss man sich leisten können

Die Mieterin im 1. Stock im Vier-Parteien-Haus zieht aus. Nach dem Auszug ihrer beiden erwachsenen Töchter kann sie alleine sich die Miete nicht mehr leisten.

Hinzu kommt, dass der Vermieter, der das Haus vor einigen Jahren als Einkommensquelle erworben hat, den gesetzlichen Rahmen für Mietsteigerungen ausnutzt und alle drei Jahre die Miete um die maximal erlaubten 15% erhöht.

Die Mieterin im zweiten Stock, ebenfalls alleinstehend und seit über 30 Jahren hier wohnhaft, kann sich nach den diversen Mieterhöhungen der letzten Jahre gerade noch so über Wasser halten, wenn sie auf alle persönlichen Aufwendungen verzichtet, die nicht zum unmittelbaren Überleben notwendig sind.

Sie steht allerdings kurz vor der Aufgabe, weil sie es einfach nicht mehr gebacken kriegt. Mehrfache Eingaben an und Gespräche mit dem Vermieter haben ihr gezeigt, dass der Mann sein Investment in die Immobilie marktwirtschaftlich sachgerecht als Revenuequelle nutzt und systemgemäß keine Rücksicht auf die finanzielle Situation seiner Mieter zu nehmen bereit ist.

Wir selber – die Frau und ich – sind als zuletzt hinzugekommene Mieter von vornherein schon mit einer „ortsüblichen Miete“ bedacht worden, müssen uns nach nunmehr drei Jahren aber ebenfalls auf eine Mieterhöhung einstellen.

Dass der Eigentümer seine Einkommensquelle optimiert, indem er seine Mieter soweit ausquetscht, wie es die Gesetzeslage zulässt (selbst seine Grundsteuer und Gebäudeversicherung darf er – so sorgt der Staat für die Klasse der Grundbesitzer – auf die Mieter abwälzen), liegt in der Natur der Eigentumsordnung in diesem Reich der Freiheit.

Mein erster Gedanke angesichts der Option, demnächst an die 150 Euro mehr Miete zahlen zu müssen: dem Vermieter zu sagen, dass ich gerne bereit bin, ihm durch diesen Mehrbetrag zu weiteren Reichtum zu verhelfen – vorausgesetzt, mein Lohn erhöht sich ebenfalls alle drei Jahren um 15%.

Da dies vor der bürgerlichen Gerichtsbarkeit, die dem Schutz und Erhalt des Eigentums verpflichtet ist, kaum Bestand haben wird, bleibt nur das Abwägen, ob ein Unzug in eine billigere Wohnung nicht letztlich ebenso kostspielig ist wie das zähneknirschende Akzeptieren des staatliche sanktionierten Bereicherungsautomatismus zugunsten der besitzenden Klasse.

Unterm Strich wieder mal ein guter Grund, dem gesamten Dreckskapitalismus und seiner Geschäftemacherei mit den Überlebensnotwendigkeiten der Leute die Pest an den Hals und ein baldiges Ende zu wünschen.

Geschichten, die das Leben schrieb: Schwiegermuttertelefonate und die Sorgen der Reichen

In den obligatorischen Telefonaten mit ihrer Mutter informiert die Frau erstere über Neuigkeiten und spannende Details unseres Lebens, wie zum Beispiel was es zu essen gab, gibt und geben wird, oder wie es dem Hund geht.

Zu 90% allerdings besteht der Gesprächsinhalt aus dem aktuellen Tratsch und dem Mitteilungsbedürfnis der 81-Jährigen, deren mannigfaltige Sorgen und Gesundheitsprobleme von einer ausgeprägten Hypochondrie gespeist werden (wodurch meine Schwiegermutter allerlei Ärzten, Fachärzten, Alternativmedizinern und diversen Scharlatanen zu regelmäßigen Einkünften verhilft).

Heute aber sind ihre Betrachtungen von ganz anderen, viel schlimmeren Nöten bestimmt: ihrer sehr guten Freundin B. gehe es nämlich ganz schlecht, sie weine immer wieder und wisse überhaupt nicht mehr ein noch aus.

Die Schwiegermutter wird selber ganz aufgeregt, als sie über die furchtbare Last berichtet, die ihre Freundin bedrückt: „wegen Corona“ könne diese kaum noch schlafen, so bedrohlich finde sie die Situation. Allerdings nicht, weil sie befürchtet, an dem Virus zu erkranken. Nein, „die hat doch so viel Vermögen, und jetzt weiß die gar nicht, wie das alles weitergeht“, sie hätte doch ihr ganzes Leben so hart dafür gearbeitet, im Alter aus dem Vollen schöpfen zu können usw.

Meine Liebste, die mir anschließend von dem Gespräch berichtet, fügt als zusätzliche Information noch an, dass besagte B. sich ihr beträchtliches Vermögen mitnichten „hart erarbeitet“, sondern komfortabel ererbt hat.

Mein Mitgefühl hält sich in Grenzen, gegen die die Staatsgrenze West der DDR ein Kinderspiel war; irgendwie bin ich auch froh, mangels Vermögen gar nicht in die Lage zu kommen, von Verlustängsten heimgesucht zu werden. Jedenfalls scheint mir diese Anekdote bezeichnend zu sein für einen Geisteszustand, der bei vielen Angehörigen der (noch) wohlbestallten Mittel- und Oberschicht virulent (sic!) ist.

Die einzigen Fragen, die diese saturierten Demokraten sich stellen, sind: Wie lange geht das noch so? Wo soll das alles enden? Wann kehrt alles endlich wieder zu der Normalität zurück, die mir meine Revenuequelle garantiert?

Jedenfalls ganz klar ein potentielles Mitglied für „Widerstand 2020“, denn Schuld an diesem ganzen furchtbaren Schlamassel sind natürlich „die Politiker“, die leichtfertig „unsere Wirtschaft“ an den Rand des Abgrundes stoßen und anständige Bürger womöglich zwingen, von weniger als 10.000 Euro im Monat leben zu müssen

Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Virus und/oder die Maßnahmen zu dessen Eindämmung fahren wie ein Schwert in die Risikogruppe in den Pflegeheimen

„Soziale Distanz“ bestand für mich in letzter Zeit vor allem in der Entwöhnung von der ständigen Online-Aktivität in Sozialen Medien. Nach einigen Wochen digitaler Entgiftung erscheint mir Facebook nach wie vor als Irrenhaus, das immer lauter und irrer wird. Ganz und gar war die Entwöhnung allerdings nicht; ab und zu hab ich mal reingeschaut. Was ich sah, bestätigte meinen Entschluss, mich vorerst von diesem Marktplatz der Meinungen fernzuhalten.

Die Welt dreht sich auch ohne Facebook weiter; sie dreht sich auch weiter, ohne dass ausgerechnet ich meinen Senf zu jeder politischen oder sonstigen Wurst gebe, die in der virtuellen Öffentlichkeit der Filterblase gebraten bzw. ausgeschieden wird.

Abgeschreckt hatte mich vor einigen Wochen die zunehmende Hysterie und Irrationalität in meiner Timeline. Selbst Leute, die ich im Allgemeinen für zurechnungsfähig halte, werden angesichts der gegenwärtigen Pandemie offenbar reihenweise nicht nur zu Experten aller möglichen wissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen, sondern geben ihren gesunden Menschenverstand an der Garderobe der rechthaberischen Missioniererei ab.

Am erstaunlichsten finde ich die Zeitgenossen, denen am leichenträchtigen Funktionieren des ganz normalen kapitalistischen Geschäftsganges nie und nimmer etwas auffällt; denen die demokratischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft wie Überwachungsstaat, Aufrüstung, Kriege und Kriegsvorbereitung, Hetze gegen Rußland und China, Verarmung und Ausbeutung allesamt und ganz grundsätzlich am Arsch vorbei gehen, solange sie (die besagten Zeitgenossen) in ihrer Nische ein Geld verdienen können.

Kaum sollen sie aber mal eine Zeitlang zur Eindämmung einer Pandemie eine Atemschutzmaske aufsetzen und sich von den lieben Mit-Untertanen etwas entfernt halten, werden dieselben Zeitgenossen zu Rebellen und Revolutionären (oder halten sich dafür), weil sie plötzlich an den staatlichen Maßnahmen lauter Freiheitseinschränkungen und Eingriffe in ihr höchst individuelles Meinen und Konsumieren entdecken.

Die Lautstärke, mit denen diese Freiheitshelden ihre „Freiheit“ zu verteidigen wähnen, steht nicht nur in auffallendem Gegensatz zu ihrem sonstigen Schweigen, wenn es um den freiheitlichen Normalbetrieb ihres geliebten (mitunter auch kritisierten) Kapitalismus geht – der unterwirft sie nämlich ebenfalls lauter Zwängen, zuallererst dem des Geldverdienenmüssens mit all seiner Ungemütlichkeit der Einsortierung der Klassengesellschaft in Arbeit und Reichtum, in Besitzende und Lohnarbeiter, in Leute, die sich das Leben leisten können und solche, die das nicht oder nur unter beständigen Härten und Nöten hinkriegen.

Sie macht auch deutlich, was für die jetzt so Empörten „FREIHEIT“ ist:

der normale Geschäftsbetrieb der Kapitalakkumulation, von dessen Zwängen und Schäden sie aber nichts wissen wollen. Dass diese schöne Freiheit DAS Herrschaftsinstrument derjenigen Interessen ist, die in einer kapitalistisch verfaßten Gesellschaft nun mal das Sagen haben, will ihnen weder im bürgerlichen Normalbetrieb noch im pandemiebedingten Lockdown auffallen – zumal sie ja ohnehin glauben, dass Demokratie keine Herrschaftsform, sondern reine Volksbeglückung ist, da man ja wählen darf. Schon der Hinweis auf Machtausübung und Herrschaftsinstrumentarium, die hierbei in dem Wörtchen „darf“ enthalten sind, entgeht einem freiheitlichen Bürger in der Regel.

Als Beschäftigter in einer Pflegeeinrichtung erlebe ich seit ca. 6 Wochen, welche Schneise die Corona-Pandemie in die Risikogruppe schlägt. Die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter verschlechtern sich mit jeder neuen Regelung, die dem Schutz der Bewohner dienen sollen – und es wohl auch tun, wenn man die Situation in Ländern wie Italien oder USA in Betracht zieht. Das Virus und/oder die Maßnahmen zu dessen Eindämmung fahren wie ein Schwert in die Risikogruppe in den Pflegeheimen. Sofern nicht daran gestorben wird, werden die Lebensbedingungen der Bewohner auf eine Weise eingeschränkt, die von immer mehr alten Menschen kaum noch ausgehalten werden.

Nicht nur, dass keinerlei Besuche von außen mehr möglich sind (weder Verwandte, noch Friseur, Fußpflege, Unterhaltungskünstler usw.), auch innerhalb der Einrichtung selber werden die Bewohner, aber auch die Mitarbeiter, auf die Wohnbereiche beschränkt und selbst diese noch einmal in Untergruppen aufgeteilt. Die Begründung dafür ist die Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten, sofern es zu einer Ansteckung kommt.

Obendrein wird jeder, der außerhalb des Geländes unterwegs war – egal ob Arztbesuch oder eine Runde um den Block – zu einer zweiwöchigen Isolation auf sein Zimmer verbannt. Mehr als einmal habe ich in den vergangenen Wochen weinende Alte vor mir gehabt, die die Situation kaum ertragen und darunter leiden, ihre Kinder, Enkel usw. nicht zu sehen.

Für die Mitarbeiter gilt inzwischen Maskenpflicht bei allen Tätigkeiten. Wer eine ganze Schicht über einen Atemschutz tragen muß, kann nur den Kopf schütteln über Maulhelden, die wegen einer einigermaßen sinnvollen Vorschrift, nämlich im ÖPNV und in Geschäften Atemschutzmasken oder -schals zu benutzen, einen Radau machen, als ob die Diktatur ausgebrochen wäre.

Ja, sie IST ausgebrochen, aber von jeher als conditio sine qua non der kapitalistischen Herrschaft: als Diktatur der Bourgeoisie, die Freiheit als Herrschaftsinstrument ihrer Macht über die Reproduktion der Gesellschaft schätzt und einsetzt. Und deren Staat diese Freiheit eben bei Bedarf auch mal einschränkt, wenn es die Aufrechterhaltung dieser Herrschaftsform zu erfordern scheint.

Man muss kein Regierungsanhänger oder Fan der bürgerlichen Staatsmacht sein, um die Maßnahmen zur Begrenzung der Infektionswege weitgehend nachzuvollziehen. Dass ein kapitalistischer Staat- zumal einer von der Wucht und dem imperialistischen Anspruch der BRD – die Gelegenheit nicht verstreichen lässt, um auch aus dieser Krise „gestärkt hervorzugehen“, wie es die Regierung verkündet, und deswegen gleich noch mal die ohnehin laufende Umverteilung von unten nach oben sowie die Überwachung und Einschränkung bürgerlicher Rechte ein paar Umdrehungen weiter schraubt: das sollte nicht überraschen.

Wie gesagt habe ich gelegentlich doch mal in die Facebook-Timeline reingeschaut. So schnell wie ich bei den hysterischen Besserwissern und Freiheitsaposteln weiter gescrollt habe, so lange bin ich verharrt bei den – nicht so zahlreichen, aber durchaus vorhandenen – Beiträgen, die sozusagen die Weltvernunft widerspiegeln. Bei letzteren handelt es sich ausnahmslos um solche, die die derzeitige Situation in den Zusammenhang stellen mit dem umfassenden Anschlag der herrschenden Klasse auf die Lebensbedingungen und ideologische Gesundheit der lohnabhängigen Klasse, der schon vor der Pandemie epidemisch war.

Als Quelle einer für medizinische Laien wie mich vernünftig erscheinenden Einschätzung der Pandemie haben sich für mich die Veröffentlichungen von Prof. Paul R. Vogt in der „Mitteländischen Zeitung“ erwiesen:

https://www.mittellaendische.ch/2020/04/20/covid-19-update-von-prof-paul-r-vogt

Ebenso die Beiträge „Pandemie I“ bis „Pandemie V“ des GEGENSTANDPUNKT, die politische Einordnung der Pandemie betreffend:

https://de.gegenstandpunkt.com

Geschichten aus dem Pflegeheim: Wer erkennt wen?

Da die Gottesdienste im Pflegeheim momentan Corona-bedingt nicht live stattfinden können, nimmt der örtliche Pfarrer seine Veranstaltungen recht professionell auf und stellt uns einen USB-Stick mit der jeweils aktuellen Ausgabe zur Verfügung.

Diese zeigen wir zu den gewohnten Gottesdienstzeiten nachmittags im Heim auf eigens installierten USB-tauglichen Fernsehgeräten – schließlich ist das Haus eine Einrichtung der Diakonie und auf die Verbreitung des Wortes Gottes wird großen Wert gelegt.

Der Ostermontags-Gottesdienst steht am heutigen Freitag auf dem Programm. Meine Aufgabe ist die Bestückung des Fernsehgerätes mit dem USB-Stick und die Begleitung des Angebotes, das im Speisesaal des Wohnbereiches stattfindet (die drei Wohnbereiche sind wegen der Corona-Pandemie streng getrennt).

Damit komme ich nicht drum herum, mir die Veranstaltung in voller Länge (zum Glück begrenzt auf ca. 30 Minuten) anzutun. Die Musikbegleitung durch zwei Profimusiker ist schon mal nicht schlecht und hört sich eher nach Jazz als nach Kirchenmusik an.

Dann wird’s allerdings schnell unterirdisch: eine künstlich enthusiasmierte Pfarrerin führt, assistiert von einem bärtigen brummeligen Mittvierziger (Typ evangelische Telefonseelsorge), durch das Programm aus Gebeten, Gesangbuch-Liedern, und merkwürdigen, angestrengt munteren und belehrenden Dialogen, die wohl die Predigt ersetzen oder sein sollen.

Die gestenreich deklamierende Kirchenfrau verkündet das Motto dieses Tages, das da lautet „Wer erkennt wen?“. Dabei soll es wohl irgendwie um die Art und Weise gehen, mit denen Menschen sich untereinander erkennen, sowie ihren Christengott und dieser wiederum „die Menschen“. Dabei spielen die beiden Vorbeter eine laienhafte Mini-Vorstellung herunter, in der gefragt wird „Wie erkennt der HERR uns Menschen?“.

Jeder einzelne Satz dieser improvisiert wirken sollenden Einlage muß von den zwei Kirchenleuten abgelesen werden; offensichtlich haben sie selber nichts zu sagen zu diesem Thema, oder können sich nicht einmal bei solch einer essenziellen Fragestellung auf die eigene Intelligenz und Einsicht verlassen, sondern müssen ihre vorgefertigten Glaubenssprechblasen nach Manuskript sprechen.

An dieser Stelle erlöst mich meine zuverlässig schnoddrige Frau H., Teilnehmerin der „Tagesgruppe Demenz“ und unheilig bodenständige Lebenspraktikerin, aus meinem langsam sich manifestierenden Zustand aufgerollter Fußnägel über das fromme Getue der religiösen Vorturnerin. Sie dreht sich schelmisch grinsend zu mir um und bemerkt lakonisch: „Mich erkennst du aber noch, oder?“

Sowieso!“ antworte ich ihr, erleichtert über die Unterbrechung meiner Fremdscham-Qualen, „da blendet mich wenigstens kein Heiligenschein!“

Frau H. grinst sich einen und verfolgt weiter die Gottesdienstsendung, die sie im Gegensatz zu den glaubensfesteren Bewohnern nicht bei den bekannten Liedern und Gebeten mitsingt und -spricht. Ich frage mich, wie ihr mit ihrer dementen Sicht das Ganze vorkommt. Demente Menschen, die mehr über gefühlsmäßige als intellektuelle Wahrnehmung funktionieren, haben in der Regel gute Antennen für aufgesetztes Getue, Unehrlichkeit und Fake News.

Die österliche Andacht geht zu Ende. Die anwesenden orientierteren Bewohner sprechen routiniert das Vaterunser mit, die stärker dementen schauen nur ratlos auf den Bildschirm oder sind gleich zu Beginn eingeschlafen, die Musiker in der Aufnahme beenden das Ganze mit einem wahrhaft Miles Davis-würdigen Orgel-Klarinetten-Duo und ich kann endlich in den Feierabend.