Marktwirtschaft wie sie blüht und gedeiht

Top-Management und Aufsichtsrat des Elektronikhändlers MediaMarktSaturn stehen in der Kritik (der Eigentümer). Die Eigentümer vermissen den Reibach, den sie von einer kapitalistischen Geldvermehrungsmaßnahme dieser Dimension erwarten dürfen – daran können nur ihre Statthalter in Geschäftsleitung und Aufsichtsrat schuld sein!

Deren Sachzwang- und systemgerechte Maßnahmen zur Sicherstellung einer „angemessenen Profitabilität“ waren nämlich „unzureichend“, sprich: es wurde bei weitem nicht genug eingespart bei denen, die die gewünschten Profite zu erarbeiten haben (Nein, nicht die hochbezahlten Top-Manager und Aufsichtsräte, sondern die Lohnarbeiter).

DEREN Lebensunterhalt ist einfach zu teuer für eine „abgemessene Profitabilität „ und steht damit vieltausendfach zur Disposition .

Die Arbeitskräfte werden’s unter „Schicksalsschlag“ verbuchen, die Gewerkschaften diensteifrig in gewohnt verständnisvoller Zusammenarbeit mit dem Management Sozialpläne erarbeiten und die einschlägig kundige Fachpresse sich kritisch oder lobend über ERFOLG oder MISSERFOLG des Vorhabens auslassen – wobei dieser an nichts anderem gemessen wird als an der angestrebten ANGEMESSENEN PROFITABILITÄT.

Marktwirtschaft wie sie blüht und gedeiht!

Gedanken beim Hören des „Kyrie Eleison“ der H-Moll-Messe von Bach

Leute fragen sich und andere rhetorisch, wie auf einer so schönen Welt soviel Elend und Gewalt existieren kann; sie wollen wissen, wie Gott das zulassen kann. Nicht wenige kommen zu dem Schluss, dass all das Schreckliche auf der Welt der beste Beweis ist, dass Gott nicht existiert …

Ich sehe es umgekehrt (und den Gott lass ich lieber ganz beiseite):

Wie in einer so brutalen Welt ein solches Ausmaß an überirdischer Erhabenheit und Schönheit entstehen kann, DAS ist das wahre Wunder.

Ob das ein Beweis für irgendwas ist? Wenn, dann für die Größe und Grenzenlosigkeit des menschlichen Geistes.

Eure Masken sind unsichtbar: Wenn man in den Ameisenhaufen piekst

In irgendeinem der vielen aufgeregten Threads der maskenverweigernden Freiheitshelden wies ich auf den Blödsinn hin, mit einer Bundesadler-Deutschlandfahne, also dem Symbol des deutschen Imperialismus, für irgendwelche Rechte oder Freiheiten zu demonstrieren.

Der wurbürgerlich empörte Shitstorm blieb nicht aus.

Nachstehende Sammelantwort konnte ich mir aber auch nicht verkneifen:

Es wird immer besonders putzig, wenn Untertanen sich für Freiheitskämpfer halten.

Bei den Klügeren der Mitlesenden entschuldige ich mich für die etwas schlichte Art meines kleinen Experiments, mit ein, zwei Bemerkungen in den Ameisenhaufen der Selbstwichtigkeit der „Böse Masken müssen weg!“-Freiheitskrakeeler gestochen zu haben.

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, die (erwartbaren) Reaktionen wutbürgerlicher Aufgeregtheit und wichtigtuerischer Empörung zu provozieren und zu beobachten (die übrigens deutlich Auskunft darüber geben, WAS von der „Kritik“ dieser Leute an ihrer Obrigkeit zu halten ist, nämlich nichts: Kritik, die ein Grundeinverständnis mit dem Umstand, im Kapitalismus BEHERRSCHT zu werden und MITZUMACHEN beinhaltet und sich lediglich gegen ein paar den individuellen Konsum einschränkende Infektionsschutzmaßnahmen wendet, ist gar keine, jedenfalls keine taugliche).

Den Aufgeregten hier muss ich sagen:

Ihr habt’s nicht anders verdient, als dass man sich im Rahmen eines kleinen sozialen Experiments über euch amüsiert und euch als das kenntlich macht, was ihr seid:

Funktionierende Untertanen mit dem marktwirtschaftsüblichen Knall, euch selbst so wichtig zu nehmen, dass euch eure eingebildete Konsum-, Feier- und Geschäftemachereifreiheit über den halbherzigen, nur Kapital und Staat retten wollenden Gesundheitsschutzmaßnahmen eurer Obrigkeit steht.

Eure Masken sind unsichtbar, sie sind die Masken des Mitmachens bei gleichzeitig lautem Geplärre, dass man irgendwie dagegen ist und sowieso alles für eine Verschwörung böser Mächte hält.

Eure Masken sind euer Egoismus und Eure Selbstwichtigkeit, mit der ihr euch und andere einem Infektionsrisiko aussetzt, weil ihr die WIRKLICHE Einschränkung eurer Freiheit durch Lohnarbeit, Ausbeutung und durch eure lebenslange Indienstnahme für die Interessen der herrschenden Klasse nicht kennen wollt, aber euer bißchen Unbehagen übers Masken tragen zum Kriterium eurer Zustimmung zum Handeln eurer ansonsten unangezweifelten Obrigkeit macht.

 

Geschichten, die das Leben schrieb: Sommerhitze in der Dachwohnung

Zurück in der Wohnung nach der letzten Runde mit dem Hund ziehe ich mir die verschwitzten Klamotten aus – und zwar alle – und spaziere nackt in die Küche, in der gefühlte 45 Grad herrschen. Da hat nämlich den ganzen Nachmittag die Sonne reingebrettert.

Ich werde den Rest des Abends nackt verbringen!“, verkünde ich.

Die Frau mustert mich und kommentiert: „Nee, oder?“

Nee, keine Sorge, du musst nicht den ganzen Abend den Anblick meines welken Fleisches ertragen“, beruhige ich die Gattin.

Sie so: „Ja, wenn du 35 wärst, könnte ich mich damit anfreunden…“

Ich beschließe, dass ein frisches T-Shirt und ein Paar Shorts es auch tun.

Der „Spiegel“ weint den US-Soldaten nach

Trump, der böse Deutschland-Feind, zieht einfach 12.000 Soldaten aus unserem NATO-Frontstaat ab!

Das kann das Hamburger Fachblatt für transatlantische Ergebenheit nicht auf sich sitzen lassen und lässt als Aufmacher vier wackere Freiheitshelden der demokratiebringenden US-Armee zu Sprache kommen.

Die uniformierten Streiter für das Gute im Menschen haben zufällig auch alle rein gar nichts mit Krieg, Drohnenmorden, Terrorkoordination (z.B. in Syrien) oder aggressiver Aufrüstung gegen Russland zu tun, sondern sind Musiker, Verbindungsoffiziere oder Lehrer für Führungskräfte aus den Ländern des besiegten Roten Imperiums, die den Ex-Kommunisten Freiheit und Demokratie beibringen.

Unterm Strich kommen die vier zu dem Schluss, dass das liebenswerte, grundgütige und sympathische Deutschland ihnen zivilisationstechnisch und menschheitszusammenlebensmäßig sozusagen die Augen geöffnet hat und sie sich – so sinngemäß auch gleich die Überschrift des Beitrags – nichts sehnlicher wünschen, als zurückzukehren in das germanische Irdische Paradies des starken Biers, der freien Fahrt und der bunten Vielfalt.

Am Schluss des Artikels schluchze ich ergriffen mit über das Glück, als deutscher Bürger per Geburt ganz unverdient in den Gratisgenuss all dieser Privilegien gekommen zu sein, und danke dem „Spiegel“ innerlich dafür, mich und die anderen patriotischen Leser vermittels des bewegenden Zeugnisses der braven GIs daran erinnert zu haben.

Erfolgsmenschen und Profibettler

Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen in diesem merkwürdigen Leben gehört das Betreiben anthropologischer Feldstudien unter der terrestrischen humanoiden Population. Dazu muss ich keinerlei Aufwand treiben, sondern bloß Augen und Ohren offenhalten.

Die bizarre Absurdität menschlichen Strebens und Verhaltens offenbart sich in fast jeder Handlung und Interaktion dieser Spezies.

Heute, letzte Runde mit dem Hund, beim Öffenen der Haustür auf die Straße:

Auf dem Parkplatz direkt vor dem Haus und unmittelbar gegenüber dem Hauseingang, keine 2m von mir entfernt, steht ein weißes Porsche-Cabriolet mit heruntergelassenem Verdeck. Drinnen sitzt ein weißbehemdeter Mittdreißiger mit Spiegelsonnenbrille und telefoniert über die Freisprechanlage seines Luxusfahrzeuges. Der Sound ist so laut eingestellt, dass wirklich jeder im Umkreis von 50m die Konversation mitkriegt; ein Umstand, der dem Porschefahrer sichtlich gefällt: er strahlt über beide Backen und versucht dabei, möglichst cool auszusehen. Sein Gesprächspartner lässt sich derweil lang und breit über Bankgeschäfte oder irgendwelche finanziellen Kniffe und Tricks aus.

Ich stehe mit meinem Hund einige Augenblicke lang da und schaue mir den Erfolgsmenschen an, dessen Bedürfnis, seine erfolgreiche Wichtigkeit der Umwelt mitzuteilen, wohl sehr groß ist. Dann frage ich ihn, ob er etwas lauter stellen kann, da ich einige Details der Unterhaltung nicht mitbekommen hätte.

Er grinst, keineswegs peinlich berührt oder schuldbewußt, dreht aber leiser und lässt das automatische Verdeck des Wagens hochfahren.

Die anschließende Hunderunde führt mich durchs Oberkasseler Neubaugebiet mit seiner Fußgängerzonen-Ladenzeile. Vorm REWE kniet ein osteuropäisch aussehender Profi-Bettler und hält den Herauskommenden stumm seine umgedrehte Schirmmütze entgegen. Er kniet so, dass er etwa ein Viertel des Eingangs blockiert, so dass er nicht nur auf jeden Fall bemerkt wird, sondern man ihm ausweichen muß. Die ganze Haltung, die ganze Person ein einziger Appell an das schlechte Gewissen der konsumkräftigeren Marktkunden, eine stumme Aufforderung, dieses Gewissen zu entlasten, indem man sich mit einer milden Gabe Ablaß erkauft.

Gleichzeitig allerdings geht von dem Bettler – ein gesund wirkender Mann desselben Alters wie der Porschefahrer von vorhin – eine aufdringliche Mitleidsheischerei aus, die einer subtilen Nötigung nahekommt; ich meine ihr anmerken zu können, dass Haltung, Outfit (ärmlich, aber nicht schmutzig) und das kniende Beharrungsvermögen die Geschäftsgrundlage dieses Mannes ist, so wie Geld-, Kredit- und Spekulationsgeschäfte diejenige des Porschefahres.

In beiden manifestiert sich dasselbe Ego, einmal wichtigtuerisch und prahlerisch, und einmal demütig und bescheiden. Der Macher und das Opfer. Das offensichtliche und das subtile Ego. ERFOLG wollen sie beide, in ihrem jeweiligen Geschäftsbereichen. Wären sie in den jeweils anderen sozialen Umständen der Klassengesellschaft sozialisiert worden, würde vielleicht der Bettler den Porsche fahren und der Businessangeber vorm Supermarkt betteln.

Beide scheinen mir Täter und Opfer zugleich zu sein, nämlich der Klassengesellschaft und der ihr eigenen Freiheit, sich ganz demokratisch einen Dreck um ein Verständnis ihrer Mechanismen und Prinzipien zu scheren, um sich ausschließlich ums Zurechtkommen in ihr kümmern zu können.

So wie Ameisen, die die Welt ihres Hügels für Anfang und Ende des Universums halten und auch halten MÜSSEN, wenn sie als Ameise überleben wollen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Ost-/West-Vergleich Arbeitsumfeld Pflegeheim und allgemein

Inzwischen hab ich mehr Jahre in der Pflegeeinrichtung im Westen gearbeitet als in derjenigen im Osten, in der ich bis zu meinem Umzug von Weimar nach Düsseldorf beschäftigt war. Beides Senioren- und Pflegeheime der Diakonie, so dass ich mir glaube ich einen Vergleich erlauben kann.

Einen Vergleich nicht des diakonischen Arbeitgebers (das gibt und nimmt sich nichts), sondern des Arbeitsumfeldes, der Mentalität der Beschäftigten. Von den Bewohnern ganz zu schweigen, denn abgesehen davon, das sie alle alt bis hochbetagt sind (sonst wären sie nicht im Pflegeheim) liegen Welten zwischen Leuten, die ihr Erwachsenen- und Arbeitsleben im DDR-Sozialismus verbracht haben und solchen, die den BRD-Kapitalismus als natürliches Habitat erleben mussten.

Bei den Kollegen ist das recht ähnlich, jedenfalls bei den älteren. Und auch bei den jüngeren merkt man den Unterschied in der Sozialisation in einem Umfeld, in dem die 40 Jahre finanzieller Existenzsicherheit und gesellschaftlicher Fürsorge im Sozialismus noch nicht aus dem kollektiven Unterbewußtsein getilgt werden konnten.

Während hier im Westen lauter Einzelkämpfer unterwegs sind, lauter Überlebenskünstler der Konkurrenzgesellschaft, deren Muttermilch-Mantra „Sei Dir selbst der Nächste, sieh zu, dass du dich gegen die andern durchsetzt, keiner schenkt dir was“ lautet, spürt man im Osten so etwas wie ein Kollektiv (ein Wort, das im Westen verpönt ist, da es das Gegenprogramm zum heiligen Individulismus des marktwirtschaftlichen Individuums ist). Das Kollektiv des Arbeitsumfeldes, der Leute, die an der Arbeitsstelle miteinander zu tun haben. Zu DDR-Zeiten hieß das ja direkt so.

Für mich am besten beschreibbar mit den Worten Verbundenheit, Zusammenhalt, Freundschaft; außerdem mit dem Gefühl, dass sich die Lohnarbeitenden einige Jahrzehnte lang als Kollektiv empfinden und betätigen konnten – und zwar eins, auf das es tatsächlich ankam, weil die gesamte Gesellschaft, der gesamte Staat für sie gedacht und gemacht war.

Vor einiger Zeit sah ich ein Plakat einer kommunistischen Splittergruppe, das die Losung enthielt „Alle Macht dem Proletariat – Die DDR war unser Staat!“. Das gefiel mir, auch wenn ich weiß, dass das von großen Teilen der DDR-Bevölkerung gerade nicht so gesehen wurde – sonst hätten sie wohl kaum eine Konterrevolution begrüßt und unterstützt.

Mir ist klar, dass das vom Arbeiter- und Bauernstaat die Theorie war, und dass die bürokratischen Fehler und Mängel der realsozialistischen Staatsmacht nicht gerade der Quell allgemeiner Glückseligkeit für die Werktätigen war. Grundsätzlich konnten Lohnarbeiter jedoch im Sozialismus eine Aufgehobenheit und eine soziale Absicherung erleben, die im heutigen BRD-Kapitalismus nicht existiert und auch garnicht gewollt ist.

Ob die deutlich wahrnehmbaren Unterschiede zwischen Ost- und West gerade im Arbeitsleben, die Mentalitätsdifferenz zwischen Kollektivgedanke und Konkurrenzgehabe, zwischen Miteinander und Gegeneinander, immer auf der früheren begeisterten Zustimmung zum Sozialismus beruhen oder nicht oft auch auf dem damaligen untertanentypischen Sich-an-die-Verhältnisse-Anpassen will ich nicht beurteilen.

Nach genügend Zeit in identischen Arbeitssituationen in beiden Teilen des angeblich vereinigten Deutschlands ist jedenfalls mein Eindruck der eines gewaltigen Mentalitätsunterschiedes, der mir nebenbei erklärt, warum ich Weimar immer noch als meinem ideellen Wohnsitz und meiner dortigen Beschäftigung immer noch als der um Längen erträglicheren Arbeitsstelle nachtrauere.

Abt. Die Gelbe Gefahr

Nein, der Chines“ wieder! Er kann es einfach nicht lassen, der Chinamann. Da ist er wie der Iwan: einfach demokratieunfähig, weil von Natur aus (Schlitzaugen!!) zur Diktatur neigend!

Jetzt verbietet der kommunistische Unrechtsstaat einfach „pro-demokratische Bücher“!!

Entsetzliche Vorstellung, dass Chinas Bibliotheken künftig ohne die Magna Charta, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die Werke von Platon bis Schopenhauer auskommen müss….

Was? Müssen sie gar nicht?

Mit „pro-demokratisch“ meint das Hamburger Fachmagazine für Sinologie und Feindaufklärung lediglich die Schriften des CIA-Protegés und antikommunistischen Hetzers Joshua Wong, und insbesondere sein separatistisches Sudelpamphlet „Unfree Speech“, mit dem er eine ausländische (sprich: imperialistische) Intervention herbeischreiben möchte?

Ach, Spieglein, Spieglein an der Wand,
er ist so trübe, dein Verstand;
Er lässt so vieles stark vermissen –
Nur eins nicht: China anzupissen.

Geschichten, die das Leben schrieb: Letzte Dinge beim Mittagessen

Das aufs Leckerste von der Liebsten zubereitete Mittagsmahl steht dampfend auf dem Tisch der Terrasse der Ferienwohnung, und nach einem kurzen säkularem Tischgebet (“Hau rein!’) langen wir herzhaft zu.

Mitten beim Essen steigen Bilder, Einsichten und Visionen erdgeschichtlichen und kosmologischen Ausmaßes vor meinem inneren Auge auf: Bilder, die mit Nahrungsaufnahme und Arterhaltung zu tun haben. Plötzlich sehe ich den anfangs- und endlosen Ablauf allen Lebens vor mir, dessen einziges Bestreben die Erhaltung des Lebens ist – ‘Bestreben’ nicht als bewusster, sondern als natürlicher Vorgang, dessen unendliche Kette von Entstehen und Vergehen, von Geburt und Tod nur einen “Sinn’ hat: dass es weiter geht.

Alle menschliche Tätigkeit, jede Art gesellschaftlicher Reproduktion, dient – unterhalb oder jenseits der jeweiligen sozialen, kulturellen, moralischen Konzepte – ausschließlich dem Fortbestand, nicht unbedingt des einzelnen Individuums, aber der Spezies, der Gattung.

Und nicht nur die humanoide Spezies, die derzeit den dritten Planeten dominiert, ist dieser conditio sine qua non unterworfen, sondern, kosmologisch betrachtet, die gesamte Substanz des Universums, die gelegentlich – die entsprechenden günstigen Bedingungen vorausgesetzt – organisches Leben hervorbringt.

Sinn des Lebens? Zweck der Existenz? Gibt’s nicht, außer, dass sich das Leben fortsetzt.

Alles drüber hinaus ist Einbildung, konzeptioneller Tagtraum, Wunschvorstellung trostsuchender Verlorener in der Leere der Wirklichkeit.

Der Moment all dieser unerwarteten Offenbarungen muss wohl etwas länger gedauert haben, denn die Frau fragt mich: „Was ist los? Isst du nicht mehr?“

Nee, nee… ich ess‘ gleich weiter“, bringe ich hervor, innerlich noch irgendwie weit draußen, Millionen Lichtjahre vor dem Beginn des Universums, und mache mich wieder über meine Portion her.

Nach Beendigung der Mahlzeit unternehme ich einen Anlauf, mein Sinnieren zu erläutern, stoße aber bei meiner Herzdame auf wenig Neigung zu philosophischer Reflektion. Als ich versuche, meinen Gedankengang halbwegs geordnet zu kommunizieren, lande ich bei dem Satz „Es gibt weder einen Sinn des Lebens, noch einen Zweck menschlicher Gesellschaften außer dem, dass das Leben sich selbst erhalten will…“.

Ist mir egal!“, lautet die freundliche Antwort meiner bodenständigen und praktischen Frau. „Hauptsache, es gibt immer genug lecker zu essen!“

Nach einer kurzen Sekunde perplexen Staunens muß ich grinsen über diese kongeniale Zusammenfassung meiner visionären Thesen und sage zur Frau: „Wenn ich ein Helium-Luftballon bin, dann bist du mit Sicherheit der Stein, der unten an der Schnur ist und den Ballon am Wegfliegen hindert…“

„Wer es sich leisten kann, meidet Busse und Bahnen.“

Das Heer der Lohnarbeitenden kann es sich NICHT leisten.Die müssen in ihrer Mehrheit brav zur Arbeit fahren, damit die Kapitalvermehrung am nationalen Standort weiter so wuchtig und eindrucksvoll daherkommt wie gewohnt.

Überfüllte Züge, ausgedünnte Fahrpläne, Ansteckungsgefahr hoch zehn? Egal, „die Wirtschaft“ muss brummen!

Der finanzkapitalistische Feudalismus, der es bisher geschafft hat, sich unter dem Namen „Demokratie“ dem Arbeitsvolk als so unvermeidlich wie unentbehrlich zu verkaufen, ist als Herrschaftsform wie maßgeschneidert für eine Gesellschaft, die aus lauter gnadenlos und konsequent vereinzelten Selbstverwirklichern, Überlebenskämpfern und -künstlern besteht und von einer neo-feudalen Elite von Reichen gelenkt wird.

Eine Elite von Reichen übrigens, zu der jeder der lohnarbeitenden, Lotto spielenden, chronisch zu knappen Untertanen selber gerne gehören würde. Denn das ist das (falsche) Versprechen des neuen Feudalismus: „Auch du kleines Rädchen kannst es zu Reichtum bringen, denn du bist kein Untertan, sondern deines Glückes Schmied in diesem Reich der Freiheit!“

Und weil er sein Lebtag lang nichts anderes gehört hat, glaubt der kleine Untertan das Märchen, welches ihm die Herrschaft erzählt: dass nämlich „die Demokratie“ gar keine Herrschaft sei, sondern nur eine Art sachdienlicher Verwaltung der naturgegebenen Zustände einer alternativlosen Welt.