Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Schiff auf dem Meer geht unter

Frau H. aus der „Tagesgruppe Demenz“ verliert in letzter Zeit zusehends den Boden unter den Füßen. Ihre innere Welt scheint in solcher Auflösung begriffen, dass sie beinahe permanent eine Unruhe und Getriebenheit in sich hat, deren Ursache ihr nicht klar ist, die sie sich aber mit Machenschaften des Schicksals oder arglistiger Menschen zu erklären versucht.

Jeden Tag berichtet sie über ein anderes Ereignis, das wieder ihr Leben erschüttert und meistens mit Diebstählen, demnächst anstehenden unfreiwilligen Umzügen oder unfreundlicher Behandlung durch Andere zu tun hat.

Sie redet und erzählt fast ohne Unterbrechung; oft durchaus kontextbezogen und als Beitrag zu in der Gruppe stattfindenden Gesprächen, oft aber auch in Form von spontanen Bemerkungen, Liedern und erratischen Erinnerungen an Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn usw., die sie aber alle durcheinander mischt und querbeet miteinander verwechselt.

Heute betrachtet sie eingehend die Deko-Banner an der Wand des Gruppenraumes, auf denen die 9 Teilnehmer der Gruppe abgebildet sind. Dann wendet sie sich an mich und fragt: „Wer ist denn dieser ältere Herr da auf dem zweiten Bild?“

„Der sitzt neben dir, M.“, antworte ich. „Das ist Herr J.!“

Sie wirkt ungläubig und mustert den Sitznachbarn genau. „Nee, da an der Wand, das ist doch der Schauspieler, dieser….“ Mehr fällt ihr aber nicht ein.

„Das sind die Bilder von allen, die hier in der Tagesgruppe sind“, sage ich. „Kuck mal das da (ich deute auf das Porträt von ihr); erkennst du das?“

„Natürlich, das ist meine Schwester!“, bekomme ich zur Antwort. Die Antwort ist relevant, weil sie ein Schlaglicht auf die (Selbst-)Wahrnehmung eines dementiell veränderten Geistes wirft. Ein Wiedererkennen findet statt, auch dass es sich um die eigenen genetische Familie handelt, wird gesehen. Andrerseits ist der Selbstentfremdungsprozess, das Nicht-Wiedererkennen im eigenen Inneren schon so weit vorangeschritten, dass selbst das eigene Bild das eines anderen zu sein scheint: so fremd ist man sich geworden.

Frau H. sitzt eine Weile nachdenklich auf ihrem Stuhl und sagt dann, mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem: „Manchmal bin ich so weg von mir… ich fühl mich wie ein Schiff, das immer weiter abgetrieben wird. Und wenn ich die Augen zu mache, geht das Schiff unter…“

Wir beschließen, erst mal eine rauchen zu gehen. Draußen ist Frau H. schon wieder auf einer anderen inneren Umlaufbahn und plaudert munter drauflos von – so vermute ich – Leuten aus vergangenen Zeiten, die ich ihrer Einschätzung nach ja alle auch persönlich kenne und von deren Treiben sie mir berichtet, als seien diese sämtlich meine besten Freunde.

Nach der Zigarettenpause geht ihr Monolog mit anderen Themen weiter, bis eine andere Gruppenteilnehmerin sie unterbricht und aus irgendeinem Grunde fragt: „Wie alt bist du eigentlich?“.

„Ich bin tausend, in acht Wochen!“, verkündet die 85-jährige, wobei nicht ganz klar ist, ob sie das wirklich von sich denkt oder ob sie die Fragestellerin veräppeln will. Ihren Humor hat sie nämlich keineswegs verloren, auch wenn sie offensichtlich in den vergangenen Wochen und Monaten eine Art dementiellen Schub durchgemacht hat, der den Auflösungsprozess ihrer Erinnerung noch verstärkt und ihre Desorientiertheit vertieft hat.

Die Fragestellerin ist allerdings fast taub und versteht die Antwort sowieso nicht; sie lächelt aber zustimmend und fragt als nächstes, was es zu essen gäbe.

Denn jetzt ist Mittagszeit und damit ist alles andere unwichtig und die ganze Truppe freut sich mal wieder aufs Essen.

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Märchenstunde

Grimms Märchen sind gelegentlich herrlich absurd, so wie die Geschichte vom „Lumpengesindel“.

Darin zwingen Hähnchen und Hühnchen eine Ente, ihren Wagen zu ziehen, wobei sie unterwegs auf eine Steck- und eine Nähnadel treffen, die beide besoffen sind…

Die ganze Bande kehrt dann zur Nacht in einem Wirtshaus ein und Hähnchen und Hühnchen entpuppen sich als ausgebuffte Zechpreller.

Alles in allem genau das richtige Programm für einen weiteren munteren Vormittag in der „Tagesgruppe Demenz“! 

Geschichten aus dem Pflegeheim: Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz

Interessant für alle, die mit dementen Menschen arbeiten.

Der neue Expertenstandard („Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“) ist eine Art verbindliche Richtlinie zur Qualitätssicherung, die die Pflege und Betreuung von dementen Menschen bundesweit auf eine wissenschaftlich fundierte und an die Bedürfnisse der Betroffenen angepaßte Grundlage stellen soll.

Was in dem Werk drinsteht, bedeutet – theoretisch – nichts weniger als einen Paradigmenwechsel: weg von einer durchführungs-orientierten, hin zu einer person-zentrierten Pflege und Betreuung.

Demenz wird nicht mehr als medizinisches Problem betrachtet, sondern als Frage der Beziehungsgestaltung.

Soweit die Theorie.

Das Ganze liest sich teilweise hochgelehrt und kompliziert und wird in dieser Form von keinem in dem Berufsfeld tätigen Kollegen verstanden. In meiner Einrichtung bin/war ich vermutlich der einzige, der das Werk durchgelesen hat.

Das Problem ist, dass die durchaus positive und humane Vision dieses Expertenstandards das ziemlich exakte Gegenteil der Realität in den Pflegeeinrichtungen ist. Die Arbeitskräfte in diesem Berufsfeld müssen mit immer zu niedrigem Personalschlüssel, Arbeitsverdichtung, Niedriglohn (soweit es die Betreuung betrifft), ausufernder Bürokratie und Dokumentationswahn, und ständigem Geldmangel an allen Ecken und Enden zurechtkommen – wo da die Zeit und die Bereitschaft zu der von dem Expertenstandard geforderten Umorientierung zu Empathie, Beziehungsgestaltung, Zugewandtheit usw. herkommen soll, bleibt das Geheimnis der wohlmeinenden Verfasser des Werkes.

Wie Michael Schneider in seinem Vortrag (als Audio auf der Website eingebunden – Branchenkollegen kann ich nur empfehlen, sich das anzuhören) sagt:

„In einem auf Maximalgewinn getrimmten System kann das große Geld nur da verdient werden, wo am Personal gespart wird; also wird es dort verdient“

https://alzheimer.ch/de/wissen/bildung/magazin-detail/613/der-expertenstandard-koennte-als-satire-durchgehen

Geschichten aus dem Pflegeheim: In mir drin ist alles verhakt

Frau H. aus der „Tagesgruppe Demenz“ war schon öfters Thema dieser Geschichten; das liegt zum einen daran, dass ihre dementielle Veränderung von ihr selbst als verwirrend, bedrohlich und unverständlich erfahren wird, zum anderen daran, dass sie eine vergleichsweise artikulierte und resolute Person ist, die nicht hinterm Berg hält mit ihren Gefühlen und Eindrücken.

Seit geraumer Zeit beginnt jede Begegnung mit ihr mit einer Klage – oft aufgeregt, manchmal fast verzweifelt – über irgendein Unglück oder eine andere Begebenheit unerfreulicher Art, die ihr gerade widerfahren ist. Heute suche ich sie in ihrem Zimmer auf, um mich für die Zeit meiner arbeitsfreien Tage zu verabschieden und ihr ein paar schöne Feiertage zu wünschen.

Ah, gottseidank dass du kommst!“ empfängt sie mich. „Hier ist alles durcheinander, ich weiß gar nicht, was jetzt schon wieder passiert ist!“. Ein kurzer Rundblick überzeugt mich, dass sie ihre innere Unordnung meint und nicht ihr aufgeräumtes Zimmer.

Komm, wir gehen erst mal eine rauchen, dann kannst du mir erzählen, was los ist!“, biete ich ihr an, was sie dankbar annimmt (Ich duze Frau H. auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin, und weil es in vielen Fällen die beste, manchmal die einzige, Methode ist, um demente Menschen „zu erreichen“. Offiziell ist das Siezen aller Heimbewohner vorgeschrieben; die Heimleitung legt diese Vorschrift aus verschiedenen Gründen so streng aus, dass ich in Gegenwart der höherrangigen Vertreter der Einrichtung mich stets anstrenge, beim „Sie“ zu bleiben, um erneute ergebnislose Diskussionen über Sinn und Unsinn solcher Regeln zu vermeiden).

Was ist bloß mit mir los?“, beginnt sie die Unterhaltung nach dem ersten Zug an der Zigarette. „Kannst du mir das sagen? In mir drin ist alles verhakt, ich weiß gar nichts mehr… Heißt das, dass es mit mir zuende geht? In meinem Kopf ist alles durcheinander, ich bin gar nicht mehr dieselbe Person, die ich früher war…“

In ihrer Schilderung spüre ich ihre Ehrlichkeit und überlege kurz, ob ich ebenso ehrlich sein soll und ihr was über Demenz erzählen soll, und dass ihr Krankheitsverlauf genau diese Symptome hervorbringt. Das würde sie aber nur noch mehr verwirren und deprimieren, und so wähle ich andere Worte: „Nee, es geht nicht mit dir zuende, M. (ihr Vorname)! Deine Erinnerungen geraten dir durcheinander und sind teilweise verschwunden, und manchmal fühlst du dich dann völlig verloren und weißt nicht mehr, wo und wer du bist. Aber deswegen bist du immer noch dieselbe Person! Das, was dich ausmacht, ist ja nicht in deinem Kopf, sondern hier drin“, wobei ich ihr mit dem Finger aufs Herz tippe.

Das mag zwar nicht wissenschaftlich korrekt sein, stimmt aber mit der Gefühlswelt der allermeisten Menschen, und derjenigen von dementen Menschen gewiß, überein. Frau H. ist erleichtert und seufzt tief: „Ja, ich hab gehofft, dass du mir das irgendwie erklären kannst… Wenn ich so durcheinander bin, schau ich immer dein Bild an und denk mir, dass du für mich da bist…“

Mit dem Bild meint sie die Grafik eines bunten, lustigen Tiefseewesens mit Kußmund, das ich ihr gestern anläßlich ihres 85. Geburtstages geschenkt habe. Dazu hab ich ihr gesagt, dass sie ein ebenso bunter Vogel wie die gezeichnete Kreatur ist und dass ich ihr wünsche, dass sie sich in der Einrichtung genauso wohl und zuhause fühlt, wie das bunte Meeresgeschöpf im tiefen Wasser am Boden des Ozeans.

Ich erfahre noch, dass ihre Kinder sie an Weihnachten abholen wollen und drei Tage mit ihr nach Hause fahren werden. Mit erstaunlicher Klarheit stellt sie fest: „Da müsste ich mich doch eigentlich freuen, aber das zieht mich nur runter. Das ist momentan zu viel für mich.“ Trotzdem freut sie sich darauf, vermischt aber im nächsten Satz schon wieder verschieden Realitäts- und Zeitebenen: „Die können mich ja jetzt holen; die Chefs hier haben mir gesagt, dass ich nicht mehr zur Schule muß, es ist alles geregelt. Ich muss nicht mehr in die Schule gehen! Und dann noch mein Vater! Der kommt auch; der hat sich jahrelang nicht gemeldet, nie durften wir den sehen und jetzt kommt der mit zu mir!“

Diese Vorstellung will ich ihr nicht nehmen und lasse sie darum unkommentiert, zumal ich weiß, dass Frau H. gerne mal ihren Sohn mit ihrem Vater verwechselt – und ihr Sohn kommt ja tatsächlich an Weihnachten und holt sie ab.

Ihr aufgewühlter emotionaler Zustand hat sich jedenfalls beruhigt und nach der Zigarettenpause begleite ich sie zurück auf ihr Zimmer. Sie drückt mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange und hält mir noch eine rührende kleine Ansprache, in der sie mir schöne Urlaubstage wünscht und darum bittet, dass ich sie kurz anrufe, wenn ich gut nach Hause gekommen bin. Dass sie gar kein Telefon hat, spielt in diesem Augenblick keine Rolle; entscheidend ist das Interesse und die Fürsorge, die sie damit zum Ausdruck bringt.

Ich nehme sie nochmal in den Arm und hoffe, dass sie den sicher aufregenden Aufenthalt bei ihren Kindern gut übersteht. Obwohl sie ihre Kinder liebt und stolz ist auf die zwei Töchter und den Sohn, bedeutet jede Veränderung in der täglichen Routine zunächst mal eine Störung des gewohnten Ablaufes, eine Unterbrechung der geregelten Tagesstruktur, die für demente Menschen nötig ist. Vor allem eine Ortsveränderung kann Menschen, die weder zeitlich noch räumlich orientiert sind, in tiefe Unruhe und Verlorenheit stürzen. Auch bei ihren Kindern kann es Frau H. passieren, dass sie plötzlich jeden inneren Boden unter den Füßen verliert und sich vorkommt wie ein Außerirdischer, der auf einem fremden Planeten gestrandet ist.

Andrerseits ist die Weihnachtszeit mit ihren Ritualen, vertrauten Liedern, Gerüchen, Gedichten usw. ein mächtiger Erinnerungsanker im Gedächtnis auch dementer Leute. Ich versichere Frau H. noch einmal, dass sie sich wirklich freuen kann auf die paar Tage mit der Familie und hinterlasse eine strahlende und entspannte Bewohnerin, deren Welt vorerst wieder in Ordnung ist und die sich jetzt erst mal zum Mittagsschlaf in ihr Bett zurückzieht.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Nichts ist umsonst, auch der Tod kostet nicht nur das Leben

Als ich morgens zum Frühdienst komme, brennt am Empfangstresen eine Kerze. So weiß ich schon mal, dass wieder ein Bewohner gestorben ist. Etwas später erfahre ich, dass es sich um die seit etwa einem Monat ihrem Ende entgegensterbende Frau S. handelt; ganz bestimmt also eine Erlösung für die patente, humorvolle, voll orientierte Mittachtzigerin aus Pommern.

Jetzt beginnt erstmal ein bürokratisches und menschliches Tohuwabohu, das u.a. dem Sonntag geschuldet ist: da der Hausarzt am Wochenende nicht erreichbar ist, muß ein Bereitschaftsarzt den Tod offiziell feststellen. Dessen erste Frage am Telefon ist gleich: Wer bezahlt mir Anfahrt und Bescheinigung?

Da Frau S. lebende Verwandte hat, namentlich eine Tochter, ist diese gesetzlich verpflichtet, sich um die Bestattung zu kümmern. Die erste Reaktion der Tochter: Ich habe kein Geld, ich kann weder Arzt noch Bestattungsinstitut bezahlen.

Keiner hat sie informiert, dass sie Bestattungshilfe bei der Stadt beantragen kann (und dies auch gleich bei der Beauftragung dem Bestatter mitzuteilen ist). Hinzu kommt, dass der Bereitschaftsarzt, der die Krankengeschichte der Verstorbenen nicht kennt, sach- und fachgerecht „Todesursache unbekannt“ auf den Totenschein eingetragen hat, wodurch er zu einer Meldung an die Polizei verpflichtet ist, die wiederum erst nach Inaugenscheinnahme der Toten dem Bestatter das OK für den Abtransport geben wird.

Die diensthabende russische Pflegefachkraft des Wohnbereiches ist von der unübersichtlichen Situation überfordert und weiß nicht weiter, da sie ihre Vorgesetzte telefonisch nicht erreichen kann.

Ich gehe ins Zimmer von Frau S. und finde die Tote mit geöffneten Augen und Mund vor. Ihr die Augen zu schließen erweist sich allerdings als erfolglos, wohl weil sie schon mehrere Stunden tot ist. Ein Kollege hat mir jedoch einen Trick für diese Situation verraten: man legt dem Verstorbenen eine nasse Kompresse auf die heruntergedrückten Augenlider. Dadurch ziehen sich die Gefäße zusammen und die Augen bleiben verschlossen. Das probiere ich also aus, und siehe da: es funktioniert (zum Glück, bevor die Angehörigen eintreffen).

Dann nehme ich die Angehörigen in Empfang, informiere sie über das Prozedere und führe das hausinterne Abschiedszeremoniell für Verstorbene durch (mittlerweile kann ich Psalm 23 bald auswendig), an dem neben den Angehörigen auch Pflege- und Betreuungskräfte sowie einige Bewohner teilnehmen – Frau S. war äußerst beliebt bei allen und sorgte während ihres etwa anderthalbjährigen Aufenthalts für viel gute Laune und mancherlei Späße.

Eine Kollegin bringt anschließend, als wir das Drumherum besprechen, ihre Gefühle so zum Ausdruck: „Selbst beim Sterben geht’s nur ums Geld und um nichts anderes. Das kotzt mich so an…“

Geschichten aus dem Pflegeheim: die evangelischen Tabletten

Heute bin ich nicht in der Tagesgruppe Demenz eingeteilt, höre aber im Vorübergehen einen erregten Disput zwischen Teilnehmerin Frau M., deren dementer Geist sowohl Wach- und Traumzustand wie auch Erinnerung und Aktualität schwer auseinander halten kann, und einer Pflegekraft. Ich höre, wie die Kollegin Frau M. erklärt, dass man nicht so ohne Weiteres die Religion wechseln kann und „einmal evangelisch“ gleichbedeutend mit „immer evangelisch“ sei. Mal abgesehen davon, dass das natürlich Unsinn ist, sehe ich keine Veranlassung, mich einzumischen.

Etwas später helfe ich nach der Mittagszeit in der Tagesgruppe aus und registriere den aufgewühlten emotionalen Zustand von Frau M. Sie berichtet mir sofort und ungefragt, dass mal wieder einen unglaubliche Sauerei passiert sei, die sie sich aber keinesfalls bieten lassen würde, das wäre ja noch schöner; das sollten die ja versuchen, die würden schon sehen, mit wem sie sich da anlegen usw.

Da ich das gefüllte Pillendöschen an ihrem Platz stehen sehe (die Medikamente soll sie vor dem Essen nehmen), frage ich sie, was mit den Pillen ist.

Das ist es ja!“ legt Frau M. los, „die wollen mich hier katholisch machen! Diese Pillen sind für Katholiken, aber ich bin evangelisch und das ändere ich auch nicht!“

Ich bin ganz Ohr und äußere Zustimmung: „Na klar, Frau M., keiner erwartet, dass Sie als Protestantin katholische Pillen schlucken. Soll ich mal losgehen und die evangelischen Pillen holen?“

Frau M. ist jetzt aber auf Krawall gebürstet und entschlossen, erstmal durch Widerstand zu zeigen, dass sie sich solche Machenschaften nicht gefallen lässt: „Nee, die können mich mal. Ich nehm jetzt gar nichts mehr!“

Stattdessen geht sie eine Zigarette rauchen und ist dank ihrer Standhaftigkeit der Katholisierung entronnen. Wenn’s doch immer so einfach wäre.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Tote Heilige

Feiertagsdienst für meinen allerchristlichsten Arbeitgeber. An Allerheiligen besteht mein Vormittagsangebot darin, im Rahmen einer „Geselligen Runde“ die Leute irgendwie zu beschäftigen und zu unterhalten.

Ich baue den Gymnastikraum zu einem Kaminzimmer um, indem ich per Beamer und YouTube ein prasselndes Kaminfeuer an die Wand projiziere, entspannte Musik spiele und – spontane Entscheidung – heute mal etwas über Heilige, Heiligkeit und überhaupt über das menschliche Streben nach Sinn, Außergewöhnlichkeit und Gottsuche zu erzählen.

Als Gedächtnisstütze habe ich mir ein paar Anekdoten und Lebensläufe besonders schräger Vögel unter den christlichen Heiligen ausgedruckt, wie den hl. Fiacrus. Namensgeber der Wiener Fiaker, oder den Hl. Thomas von Aquin, der angeblich so gelehrt wie beleibt war und dem man deshalb einen halbkreisförmigen Ausschnitt in den Schreibtisch sägte, an dem er seine Schriften und Traktate verfaßte.

Unser Lieiblingsheiliger an diesem Vormittag ist allerdings eindeutig der Hl. Arnulf von Metz. Dieser wackere Kirchenmann schwor auf den Gerstensaft als Allheilmittel; er heilte als Bischof die Gläubigen gleich reihenweise mit Bier und als er nach einem bier- und segensreichen Leben zu Grabe getragen wurde, sorgte er noch posthum für das „Humpen-Wunder“: 5000 Teilnehmer der Begräbnisprozession stillten ihren Bierdurst aus einem einzigen Humpen, der nicht leer wurde.

Sowas gefällt den Leuten – die ansonsten, trotz durchgängig christlicher und rheinlandtypisch überwiegend katholischer Konfession heiligenmäßig wenig bewandert sind und sich nur mit Nachhilfe wenigstens an St. Nikolaus und St. Martin erinnern.

Nun ist der Gymnastikraum ein Durchgangsraum zwischen zwei Flügeln eines Wohnbereiches, so dass gelegentlicher Durchgangsverkehr stattfindet. Irgendwann geht die Tür auf und der volldemente Herr W. kreuzt durch den Raum, auf dem Weg zu seinem Zimmer. Er blickt auf, registriert die gemütliche Atmosphäre und ich setze ihn kurz ins Bild, dass wir gerade über Heilige reden.

Da wir es gerade mit Vornamen und Namenstagen hatten, erwähne ich, dass es bestimmt auch einen Heiligen mit seinem Vornamen gibt.

Herr W. lacht und sagt: „Tote Heilige? Brauch ich nicht! Ich bin ja lebendig, das genügt mir…“.

Das Thema ist damit für ihn abgehakt und er schiebt seinen Rollator weiter in Richtung Zimmer.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Nimm einen Joint, mein Freund

“Tagesgruppe Demenz”: Beinahe jeden Morgen begrüßt mich Frau H., wenn sie wackeligen Schrittes in den Gruppenraum kommt, mit Ansagen wie “Du glaubst nicht, was heute wieder passiert ist!”. Anschließend berichtet sie von verstörenden Begebenheiten, die ihr widerfahren sind – Begebenheiten, die ihre Welt durcheinander bringen, diese noch ungewisser machen und in der Regel etwas mit gegen sie gerichteten Aktionen zu tun haben: übergriffige Handlungen von Pflegern oder Putzkräften, Umzug in ein anders Zimmer, Kündigung ihres Heimaufenthaltes, russische Invasionen, vor allem aber Diebstähle ihrer Habseligkeiten, besonders ihrer Zigaretten.

Da für Frau H. Erinnerungen, Träume und Gegenwart ununterscheidbar miteinander verschmolzen sind, sie zudem noch zunehmend Wortfindungsschwierigkeiten hat, braucht es oft eine ganze Weile, bis wir beim Kern des Vorfalles angelangt sind und sie sich soweit beruhigt hat, dass sie frühstücken kann.

Heute scheint ihr Gemütszustand aus einer Mischung von Empörung und Selbstzufriedenheit zu bestehen. Sie erzählt: “Ich bin doch nicht doof! Die halten mich für verrückt, aber ich lass mich nicht rumkommandieren! Der Kerl heute morgen hat mir zweimal diese Farbtöpfchen gebracht, aber ich will die nicht. Der kann die selbst behalten! Dem hab ich die Meinung gesagt!”.

Sie schwelgt noch einige Sätze lang in dem Gefühl, es “dem Kerl” so richtig gegeben zu haben, während ich nachsinne, was sie meinen könnte. Schließlich frage ich nach, von was für Farbtöpfchen sie hier redet.

Na, die kleinen Farbtöpfchen, die wir immer kriegen! Jeden Morgen und jeden Mittag!”

Gemeint sind offenbar die winzigen roten, blauen oder gelben Plastikbecherchen, in denen die Bewohner ihre Medikamente verabreicht bekommen. Frau H. hat immer wieder Phasen, in denen sie die Einnahme von Medikament rigoros ablehnt. Sie vermutet, dass “diese Pillen” sowieso nicht wirken oder, noch schlimmer, ihr schaden.

Oft fragt sie die Pflegekräfte, wozu sie die Medikamente nehmen soll oder was da drin wäre. Als Antwort erhält sie meist Sprüche wie “Die sind für Ihre Gesundheit” oder “Die MÜSSEN Sie nehmen, Frau H., das hat der Arzt verordnet”. Andere Pflegekräfte kommen auch schon mal mit dem Medikamententablett herein und verkünden fröhlich: “So, hier kommt die Medizin für glatte Haut und schöne Fingernägel!”, wohl in der Annahme – besser: Anmaßung – dass es bei dementen Menschen sowieso egal ist, ob man ihnen die Wahrheit über ihre Medikation sagt oder nicht bzw. sie besser gleich belügt und die Pillen als Nahrungsergänzung oder Schönheitsmittel “verkauft”.

Die Medikation, konkret: ihre Verabreichung und Einnahme, ist ein Dauerthema speziell bei dementen Bewohnern. Für nicht wenige ist das Schlucken der mitunter ziemlich großen Tabletten ein Vorgang, der ihnen schon haptisch und physiologisch schwerfällt und zuwider ist. Sie empfinden die Pillen als Fremdkörper im Mund, spucken sie wieder aus, kauen drauf rum oder drehen den Kopf weg um die Einnahme zu vermeiden. Oft werden dann die Tabletten im Mörser pulverisiert, um sie den Leuten unter den Joghurt oder den Milchbrei gemischt zu verabreichen – eine Maßnahme, die umstritten ist, weil sie das Prinzip von Freiheit und Freiwilligkeit außer Kraft setzt und den Bewohnern die Medikamente ohne ihr Wissen unterjubelt.

Frau H. liegt möglicherweise gar nicht mal falsch mit ihrer Befürchtung, dass “die Pillen” ihr nicht gut tun bzw. nichts bewirken würden, zumal wenn es sich um Psychopharmaka handelt. Sie zieht jedenfalls noch munter vom Leder gegen all die “Idioten”, die versuchen, sie zu irgendwelchen Sachen zu bewegen, die sie nicht möchte: “Die können mich mal! Kennst mich ja, ich nehm’ kein Blatt vor den Mund… Und wenn die mich bis nach Amerika verschleppen, ist mir egal. Ich hab die Russen erlebt; ich lass mich doch hier nicht zum Affen machen…” usw.

Da ich selber auch nicht weiß, welche Medikamente sie warum erhält, rate ich ihr, beim nächsten Arztbesuch (die Ärztin kommt einmal pro Woche in die Pflegeeinrichtung) mal nachzufragen, was sie bekommt und wofür oder wogegen das ist.

All diese Fragen erörtern wir bei einer Zigarette auf dem Balkon. Nach und nach entspannt sich Frau H., ihre Laune bessert sich zusehends und wir kehren zurück in den Gruppenraum, wo der Rest der Truppe beim Frühstück sitzt.

Frau H.s Stimmung wird im Laufe des Vormittags immer besser und fröhlicher und sie beginnt, ein bißchen Schabernack mit ihrer Sitznachbarin und zur Unterhaltung der Gruppe zu treiben. Die Sitznachbarin bekommt Frau H.s Schalk im Nacken als erste zu spüren. Frau H. rollt eine Papierserviette zusammen, steckt den Kern einer Pflaume oben drauf, sodass das Ganze in bißchen wie ein Lilli aussieht, und reicht es der Nachbarin mit den Worten: “Hier, Oma, probier mal!

Die arglose Angesprochene nimmt das Gebilde in die Hände und auch prompt den Pflaumenkern in den Mund. Das allerdings könnte schiefgehen, wenn sie diesen verschlucken sollte. Da meine heutige Tagesgruppenpartnerin und ich aufgepasst haben, können wir ein Malheur verhindern, indem wir schnell einschreiten und die Reingelegte den Kern ausspucken lassen.

Damit ist Frau H.s Neigung zu Quatsch und Entertainment aber noch nicht zu Ende. Sie greift sich erneut die Papierserviette und formt sie unter unserer erstaunten bis ungläubigen Blicken zu einem veritablen Joint, den sie mit der entsprechender Gestik und Handhabung zum Munde führt und tiefes Inhalieren simuliert.

Meine TG-Partnerin kreischt vor Begeisterung, ich selber kann mir das Lachen nicht verkneifen und frage mich, ob diese 84-jährige Frau eventuell eine alte Kifferin ist…? Vielleicht weiß sie es aber selber nicht (mehr), oder es sollte in ihrer Vorstellung nur eine Zigarette darstellen.

So vergeht wieder ein Vormittag in unserer Gruppe wie im Fluge und kaum ist der falsche Joint aufgeraucht, ist es schon wieder Zeit, den Raum für das Mittagessen vorzubereiten. Denn cannabis-induzierter Fress-Flash oder nicht: Hunger haben (fast) immer (fast) alle um Punkt zwölf Uhr.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Märchenstunde in der “Tagesgruppe Demenz”

Die Vormittage in der “Tagesgruppe Demenz” sind (jedenfalls, wenn ich dort Dienst habe) immer Spielwiese fur allerlei anarchisch improvisiertes Spontantheater mit Bild, Musik und wüsten Erzählungen, die ich mir *on the fly* ausdenke. Manchmal ziehe ich auch Vorlagen wie die Geschichten der Bruder Grimm heran. Die Jungs haben nämlich ausser “Hänsel und Gretel”, “Dornröschen” und “Schneewittchen” noch ein paar andere, weniger bekannte und potentiell sehr lustige bis merkwürdige Geschichten aufgezeichnet.

Die Märchenstunde in der Tagesgruppe geht so: Zuerst lese ich das Märchen aus dem Buch vor. Dabei schläft in der Regel die Hälfte meiner dementen Truppe ein und kaum einer kriegt was mit, ausser ich zeichne gleichzeitig Bilder aus der Story ans Flipchart. Anschließend erzähle ich die Geschichte anhand der Bilder nach, wobei ich in jede Rolle schlüpfe, die in dem betreffenden Märchen vorkommt. Das ist also schon eine Art Impro-Theater, kongenial von mir begleitet auf einer Mundharmonika. Damit ist mir die Aufmerksamkeit meiner Schützlinge gewiss, alle lauschen, hören und staunen mit offenen Augen und teilweise offenen Mündern und wir haben alle zusammen viel Spaß dabei.

Heute erwischten wir ein selten gehörtes Grimm’sches Märchen: “Der gute Handel” (die Auswahl des Märchens erfolgt, indem einer der Tagesgruppe-Teilnehmer das Buch aufschlägt und wir die Geschichte nehmen, die auf der betreffenden Seite steht). Es geht darin um einen ziemlich dummen Bauern, der sich aber letztlich als schlauer Kerl und Glückspilz entpuppt. Der Bauer hat nämlich in der Stadt seine Kuh für sieben Taler verkauft. Auf dem Rückweg, als er an einem Teich vorbeikommt, gerät er in eine Debatte mit den dort ansässigen Fröschen, die alle “Ak, Ak, Ak!!” rufen, was das Bäuerlein als “Acht” versteht. Er wird so zornig über die dummen. Frösche, dass er schliesslich sein Geld in den Teich wirft, damit die Frösche selber nachzählen können- was diese aber nicht tun und weiter “Ak, Ak, Ak!!” rufen.

An dieser Stelle amüsieren sich meine Leute bereits königlich, was aber noch getoppt wird durch die nächste Begegnung des Bauern mit einem Hund. Dieser bellt unser Bäuerchen an mit “was! was!”, als dieser mit dem Fleisch einer geschlachteten Kuh in die Stadt will. Das versteht der Bauer als “Ich will was vom Fleisch!”, und da er den Hund als Hund des Fleischers kennt, gibt er ihm das ganze schöne Fleisch mit der Auflage, es dem Fleischer zu bringen und nach drei Tagen mit dem Geld zu ihm, dem Bäuerlein, zu kommen. Usw. usw.

Diese Art Geschichten passen offensichtlich genau in die mentale Struktur von dementiell veränderten Gehirnen – etwas abseitig, ziemlich komisch und auf gewisse Weise auch die Naivität aufgreifend, die ein dementer Menschen im Umgang mit der Umwelt oft zeigt. Jedenfalls war meine Truppe voll dabei, fühlte sich prächtig unterhalten und verwunderte sich über den Bauern, der den Fröschen und dem Hund so auf den Leim ging.

Zu guter Letzt geht sich der Bauer jedenfalls beim König beschweren über all die Unbill, die ihm widerfahren ist und bringt damit die Königstochter, “die ihr Lebtag nicht gelacht hatte”, zum Lachen. Der König, der seine Tochter dem versprochen hatte, der sie zum Lachen bringt, bietet sie nun dem Bauern als Gemahlin an und alle denken, hier hat die Geschichte ihr Happy End.

Ist aber nicht so, denn das Bäuerlein will sie gar nicht, da er bereits eine Frau zuhause hat, und die sei ihm schon mehr als genug… Diese Wendung der Geschichte erweckt nun erst recht das Interesse und das Erstaunen meiner Dementen und bestätigend und weise wird gekopfnickt und debattiert, dass es sich hier doch um einen besonders schlauen Bauern handelte, obwohl es anfangs gar nicht so aussah…

Damit haben wir den Vormittag schon wieder fast rumgekriegt und wir beschliessen die Runde mit dem Eindecken des Tisches für das freitägliche Mittagessen (Fisch natürlich – schliesslich sind wir in einer diakonischem. Einrichtung).

Geschichten aus dem Pflegeheim: Tag der Befreiung

Auf der Arbeitsstelle.

Ich so: “Dass man am 8. Mai hierzulande überhaupt arbeiten muss, statt zu feiern, ist schon mal scheisse…“

Kollegen so (ahnungslos glotzend): „?“

Ich: „Leute! TAG DER BEFREIUNG VOM FASCHISMUS! Schon mal davon gehört, dass an diesem Tag die faschistische Wehrmacht und der ganze Nazi-Spuk endgültig besiegt war?“

Kollegen unisono: „Achso, murmel, murmel, jaja, schon gut“ (Gedankenblasen: „Jetzt fängt der schon wieder mit seinen linksradikalen Agitation an, seufz“).

Ich: „Ihr seid echt die Ahnungslosen. In der DDR war das ein Feiertag, und selbst heutzutage wird es – zum Beispiel auf meiner vorigen Arbeitsstelle in Weimar – als besonderer historischer Tag gewürdigt…“

Junger Kollege, gerontopsychiatrische Fachkraft und nicht dumm: „Ja, aber das war doch nur wegen der Russen und der DDR da ein Feiertag. Für die Deutschen war das doch eine Niederlage.“

Ich so, innerlich: „Ich will hier weg!“