Geschichten aus dem Pflegeheim: der GOLDENE FLOH und die Schwester im Spiegel

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Heute war mal wieder Lieder-Raten dran in der “Tagesgruppe Demenz”. Das geht so: ich illustriere irgendeinen Schlager oder ein Volkslied am Flipchart, und währenddessen raten die Leute drauflos. Zeichnerisch kann ich dabei nicht immer sehr präzise oder ausführlich sein, weil es vergleichsweise schnell gehen muss – schon um die begrenzte Aufmerksamkeitsspanne meiner dementen Schützlinge nicht  überzubeanspruchen.

Wenn die richtige Antwort gefallen ist, spielen wir den Song per Spotify über einen Bluetooth Speaker ab (nebenbei: lauter Endgeräte von mir, die ich selber mit zur Arbeit bringe).

Als Anreiz gab es für die Gewinnerin heute den GOLDENEN FLOH, was gleichzeitig eine schöne Gelegenheit bot, über den Floh als solchen, Flohzirkusse und die Kunst des Flöhe-Fangens zu sprechen.

Musik ist bei der Betreuung von Dementen ein Schlüsselelement; die Verschaltungen im Gehirn sind offenbar so angelegt, dass die Regionen, die musikalische Erinnerungen speichern, zu den ältesten und dauerhaftesten Gedächtnis-“Datenbanken” gehören (deshalb können auch hochdemente Menschen immer noch die Wiegen- und Kindheitslieder aus ihrer frühesten Vergangenheit erinnern und mitsingen). Es kann passieren, dass die Erinnerung an Lieder und Klänge auch andere scheinbar nicht mehr zugängliche Erinnerungen wachruft oder anstößt.

Die Verbindung von visuellen Eindrücken – z.B. einer Zeichnung – zu akustischen ist allerdings eine andere Herausforderung, die vergleichsweise viel an logischer Verknüpfungsleistung und Abstraktionsfähigkeit erfordert. Von daher bin ich nicht verwundert, dass nur zwei Damen wirklich aktiv bei dem Ratespiel mitmachen. Die übrigen Teilnehmer verfolgen das Geschehen ebenfalls interessiert, können aber den Zusammenhang zwischen Bild und Lied(-erinnerung) einfach nicht herstellen, bzw. brauchen längere Zeit dafür.

So wetteifern Frau H. und Frau K. um den GOLDENEN FLOH, der letztlich an Frau H. geht, die 6 von acht Songs richtig bestimmt.

Frau H., meine gelegentliche Rauchpausen-Partnerin, wirkt heute insgesamt etwas durcheinander. Nach der Rate-Runde sitzt sie eine Weile still da und beschwert sich über das wiederholte Weinen unserer hochdementen Frau S.
Als es ans Mittagessen geht und wir den Tisch eindecken, beugt sich Frau H. plötzlich vor, dreht den Kopf in Richtung Geschirrschrank (eine alte Vitrine) und betrachtet aufmerksam und fast gebannt das Spiegelbild in den Glasscheiben.

Dan wendet sie sich an mich: “Sag mal, die Frau da, die zweite Frau von hinten – ist das meine Schwester? Die wohnt ja in Hamburg, dann ist die jetzt doch mich besuchen gekommen…”

Ich bin an “Alice hinter den Spiegeln” erinnert, und auch erstmal verdutzt über die offensichtliche Unfähigkeit von Frau H., zwischen Personen vor und hinter dem Spiegel zu unterscheiden. Vielleicht, denke ich, verwechselt sie ja ihr eigenes Spiegelbild in der ungewohnten Reflexion des Geschirrschrankes mit dem Bild ihrer Schwester, die ihr ja vermutlich ähnlich sieht.

Ich antworte ihr: “Das ist die Spiegelung von uns allen hier, in der Glastür, Frau H. Das sind SIE, und die anderen, die hier am Tisch sitzen!”

Das akzeptiert sie aber nicht als Antwort. “Nee, ich meine nicht mich, ich kann mich schon selber erkennen! Ich meine die Frau da hinten!! Das ist doch meine Schwester! Dann hat die das doch endlich geschafft, mal herzukommen!”

Ich merke, dass hier kein Beharren auf Wahrnehmungskonventionen des “normalen” Verstandes möglich ist, und versuche es anders. Zunächst mal akzeptiere ich Frau H.s Version, dass sich in der Realität hinter den Spiegeln eine Person manifestiert, die in ihrer Erinnerung eine große Rolle spielt (allerdings meine ich mich auch zu erinnern, dass sie die in ihrer Familie die einzige Überlebende ihrer Generation ist). Ich frage: “Lebt ihre Schwester denn überhaupt noch?”

“Ja klar!”, kommt sofort die Antwort, „Die ist doch gerade erst nach Hamburg gezogen, weil sie da geheiratet hat…!”

Das verschafft mir Klarheit darüber, dass in Frau H.s Wahrnehmung eine zeitliche Verschiebung stattfindet, denn ihre Schwester – wenn sie überhaupt je in Hamburg geheiratet hat – hat dies wohl eher vor 50 oder 60 Jahren gemacht und nicht “kürzlich”. Gleichzeitig gewinnt die Realitätsverschiebung eine sozusagen magische Dimension durch den Raum, in dem Frau H. sie stattfinden sieht: das geheimnisvolle Land hinter dem Spiegel, dessen Lichtreflexe, Schemen und unscharfen Konturen sicher eine gute Analogie zum inneren Erleben eines dementen Menschen darstellen.

Letztlich löst sich alles von alleine: der Essenswagen wird aus der Küche hochgebracht und der Geruch von Reibekuchen erfüllt den Tagesgruppenraum. Frau H. kümmert sich nicht weiter um ihre Schwester und vertilgt mit großem Appetit die leckeren Reibekuchen mit Apfelmus.

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Krieg der Sterne

Auf Wunsch der Bewohner (EINIGER Bewohner, muss ergänzt werden) wurde in der wöchentlichen Filmvorführung diesmal “Star Wars Episode 1” gezeigt.

Am Montag hatten sich einige Bewohner beschwert, dass “immer nur alte Filme” gezeigt würden und auf meine Nachfrage, was sie denn mal gerne sehen würden, bekam ich vom Sprecher des Bewohnerbeirates zu hören: “Science Fiction Filme!” Eine Abstimmung unter den anwesenden 12 Teilnehmern der Sitzgymnastik-Runde, in der das Thema aufkam, erbrachte eine solide Mehrheit für “Krieg der Sterne”.

Außer zwei oder drei hatten die Kinogäste noch nie von dem Epos gehört, so daß ich einleitend und vorsichtshalber ein paar einleitende Worte zu dem märchenhaften und ungewohnt schnellen und manchmal kriegerischen Charakter der nun folgenden Bilder sagte.

Frau S. hatte schon beim Reinkommen über den Titel die Nase gerümpft. “Krieg? Vom Krieg hab ich genug, das muss ich mir nicht mehr ankucken!”

Episode 1 beginnt ziemlich abrupt mit einem Kampf zwischen zwei Jedi-Rittern und einer Horde Droiden, denen die beiden mit Laser-Schwerten zu Leibe rücken. Zwei Damen verließen daraufhin den Saal; eine davon machte mich mit ihrem Kommentarauf eine Tatsache aufmerksam, die ich überhaupt nicht berücksichtigt hatte: “Diese Blitze die ganze Zeit, das machen meine Augen nicht mit, da flackert alles vor meinen Augen…”

Nach ca. 45 Minuten begannen die ersten, den Raum zu verlassen (die Vorführungen sind auf 1 Stunde begrenzt, wegen der Aufmerksamkeitsspanne und der anschließenden Herrichtung des Raumes fürs Abendessen).

Etwa zwei Drittel der Anwesenden blieb bis zum Schluss (die Szene, wo Qui-Gon Jinn den Deal mit Watto über die Beteiligung Anakins am Pod-Race macht).

Ich frage in die Runde: “Und? Wie fanden Sie das? Wer möchte nächste Woche die Fortsetzung schauen?”

Zwei Personen heben die Hand.

Wir beginnen mit dem Rücktransfer der Leute auf die Wohnbereiche und dem Aufräumen des Großen Speisesaals. Eine Weile später kommt eine russische Kollegin hinein und sagt: “Sag mal, was hast du mit den Bewohnern gemacht? Die beschweren sich alle über den Film!”

Ich beschließe, die Fortsetzung eher in einer kleinen Runde eingeschworener Star Wars Cineasten zu zeigen und fortan wieder zu den bewährten alten Heinz-Rühmann-Schwarzweiss Filmen und ähnlichen Werken vergangener Unterhaltungskultur zu greifen. Ausnahmen ausgenommen 🙂

Geschichten aus dem Pflegeheim: Warum feiert man dieses “Osterfest”?

In einer diakonischen Einrichtung ist es unvermeidlich, die jahreszeitlichen christlichen Feiertage als Thema aufzugreifen. Es wird sogar erwartet vom Pflege- und Betreuungspersonal; folglich ist der Wochenplan voll von allen möglichen Angeboten rund um das Osterfest der Christen.

Auch an der „Tagesgruppe Demenz“ geht dieser Kelch nicht spurlos vorüber und ich sehe mich veranlaßt, das vormittägliche Beisammensein mit allerlei Schabernack rund um Begriffe wie „Ostereier“, „Osterhase“, „Kreuzigung“ und „Auferstehung“ zu bestreiten.

Zunächst will ich aber mal feststellen, inwieweit meine demente Truppe überhaupt Ostern als religiöses Fest auf dem Schirm hat. Ich frage also in die Runde: „Warum feiern wir denn eigentlich Ostern?“

Ratlose Gesichter schauen mich an. „Ostern“ als Begriff ist allen noch irgendwie bekannt, aber was da gefeiert oder begangen wird, fällt keinem ein.„Wegen den Kindern!“ ruft Frau H. plötzlich. Das öffnet die Erinnerungsschleusen auch bei ein paar anderen. „Damit die die Ostereier suchen können!“ und „Weil der Osterhase  die Eier bringt!“ höre ich.

Ich bin erfreut über die laizistische Einstellung meiner Gruppenteilnehmer, will es aber genau wissen (zumal ich weiß, dass fast alle jede Woche am Gottesdienst teilnehmen, obwohl die meisten da wohl aus Langeweile und Mangel an alternativen Freizeitangeboten hingehen):„Das ist ja ein christliches Fest“, beginne ich. „Weiß jemand, was der Anlass für diesen Feiertag ist?“
Schweigen im Walde.

Herr J. macht sich bemerkbar, indem er sich den Stoppelbart kratzt und den Kopf hin- und her wiegt. Die anderen schauen zu ihm hin, in der vagen Erwartung, dass der einzige männliche Gruppenteilnehmer ihnen nun Erleuchtung verschafft. Die Hoffnung trügt. „Da bin ich überfragt!“, sagt Herr J. kurz und trocken, im Tonfall eines Experten, der dem laienhaften Fragesteller signalisiert, dass die Frage soviel wert ist wie die nach der Anzahl der Sandkörner am Rhein.

Es hilft also nichts, ich muss meinem diakonischen Bildungsauftrag zur Vermittlung der christlichen Grundwerte und der einschlägigen Sagen und Fabeln nachkommen. Ich lese die Ostergeschichte vor, aus einem schon extrem simplifizierten Buch namens „5-Minuten-Geschichten für Menschen mit Demenz“ o.ä. Diese Geschichten sind gar nicht mal übel; in simpler, aber nicht die Zuhörer für dumm verkaufenden Sprache geschrieben.

Natürlich bleibt auch in dieser zusammengedampften Version der Kern des Christenglaubens unberührt: ein junger Jude – dessen Mutter (erste Absurdität) ohne Sex oder väterlichen Beitrag mit ihm schwanger wird – wird als Aufrührer von der römischen Besatzungsmacht und mit Unterstützung des einheimischen religiösen Establishments hingerichtet und steht drei Tage später wieder von den Toten auf.

Meine Zuhörer lauschen gebannt der Geschichte, die ihnen auch irgendwie bekannt vorkommt, sind aber – obwohl sie wohl alle christlich erzogen wurden – nicht restlos überzeugt. Ich hake nach: „Gibt’s das denn, dass ein Toter wieder lebendig wird?“Die Runde schaut mich an, als ob ich gefragt hätte, ob Fische reden könnten.

Jetzt will ich noch herauskriegen, inwieweit die christliche Prägung noch in den mehr oder weniger demenziell veränderten Gehirnen meiner Leute wirksam ist. „Das ist immerhin ein ganz wichtiger Punkt des christlichen Glaubens…“, sage ich.

Die Antwort ist eindeutig: „Das ist doch Quatsch!“, sagt Frau K. Ein paar andere schütteln die Köpfe. „Was ist denn das hier für ’ne Märchenstunde?“ wirft Frau M. ein. Die anderen grinsen zustimmend.

Das Schöne an der Wahrnehmung von dementen Menschen ist, dass sie meistens und im Wesentlichen im Moment leben. Die erlernten Konditionierungen und Gedankengebäude bröckeln, lösen sich auf, verflüchtigen sich – gelegentlich bis hin zu einem Zustand, in dem auf keinerlei soziale Konventionen mehr Rücksicht genommen wird, weil die Erinnerungsbasis für solche übereinkunftliche Verhaltensmuster nicht mehr existiert.

Das ist für die Betroffenen oft mit schmerzhaften (weil unverständlichen) Erlebnissen verbunden und für die Umgebung auch nicht immer einfach. Was die direkte, spontane Äußerung von Empfindungen betrifft – jedenfalls soweit die Demenz noch keinen Zustand erreicht hat, in dem auch die Sprachfähigkeit verschwindet – sind demente Menschen allerdings eine ergiebige Quelle schonungslos ehrlicher, oft sehr humorvoller bis drastischer Kommentare, Anmerkungen und Einsichten.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Weihnachtsfeier

Dritte Wohnbereichs-Weihnachtsfeier in dieser Woche. Der große Speisesaal ist festlich geschmückt und gefüllt mit Bewohnern, Angehörigen und Heim-Personal. Heute hält ein katholischer Pfarrer die Andacht und salbadert affektiert und auf Wirkung bedacht seine auswendig gelernt wirkenden frommen Sprechblasen daher.

“Gott ist Mensch geworden, das Wort ist Fleisch geworden, der Erlöser ist geboren” usw. Wenn es überhaupt einen vielleicht allegorischen, symbolischen oder subtilen Sinn hinter dem christlichen Wunder- und Märchenglauben geben sollte: dieser Kirchenvertreter hat ihn jedenfalls nicht erfaßt, so platt, dahergeleiert und leblos kommt seine Rede daher.

Zum Glück habe ich meine dementen und hochbetagten Schützlinge, die mich wieder mal aus einer Situation quälender Fremdscham befreien.
Ein paar Tische entfernt von mir sitzt die 103-jährige Frau H., der der Auftrieb ohnehin zu viel ist und die mitten in die salbungsvolle Andacht hinein immer wieder mit einem lauten “Schäbig!” zu vernehmen ist, abwechselnd mit Geräuschen, die keine Verbalisierungen sind sondern sich wie ein Knarzen oder Zischen anhören. Vermutlich ist ihr unbequem – sie hält alles was außerhalb ihres Zimmers stattfindet höchstens eine halbe Stunde aus – und hat irgendeine Beschwerde über ihre Sitzgelegenheit, die Lautstärke um sie herum oder das Essen. Mir egal, ich genieße die professionell maskierte betretene Miene des Gottesmannes und grinse mir einen.

Auch die gediegen demente Frau P. lässt mich nicht im Stich. Da ihre Hörgeräte nur nach dem Zufallsprinzip funktionieren, versteht sie sowieso nur Bruchteile des Gesprochenen, fingert an ihren Hörgeräten rum und redet in der extrahohen Lautstärke von schwerhörigen Leuten mit ihrer Tochter.

Leider ist letztere, wie die übrige umgebende Normalgesellschaft, beflissen bemüht, mit “Psst!” und Zeigefinger-vor-den-Mund-halten die Störer zum Schweigen zu bringen, so dass mein Unterhaltungserlebnis geschmälert (wenn auch nicht ganz unterbunden) wird.

 

Geschichten aus dem Pflegeheim: Keiner da, drinnen wie draußen

Auf dem Gang vor seinem Zimmer treffe ich Herrn J.

Er sitzt in seinem Rollstuhl und versucht, das Namensschild mit seinem Vor- und Nachnamen zu lesen, das neben der Tür befestigt ist. Er winkt mich heran: „Können Sie mir mal helfen? Ich muss nachsehen, ob der zuhause ist…“

Einen kurzen Moment lang überlege ich, ob er mich jetzt veräppeln will, aber der tägliche Umgang mit dementen Menschen hat mich eins gelehrt: die Auflösung des Ich-Bewusstseins, von spirituellen Suchern im Rahmen meistens östlicher Weisheitslehren angestrebt, passiert bei Dementen oft krankheitsbedingt und ist volatil und situationsbedingt, für die Betroffenen oft verwirrend und verstörend.

Ich öffne also die Zimmertür, schaue hinein und rufe Herrn J. zu. „Keiner da!“

Diese Information nimmt er zur Kenntnis, denkt kurz nach und erklärt mir dann: „Ich war doch die letzten beiden Tage zu Hause, in der Eifel, in meinem Heimatort bei Gerolstein. Da muss ich mich ja jetzt zurückmelden, damit ich wieder eingetragen bin.“

Dieser Logik kann ich mich nicht entziehen, versuche es aber zunächst mit einer „normalen“ Antwort:

Herr J., Sie sind doch jetzt hier. Sieht ja jeder und weiß auch jeder. Damit ist alles in Ordnung!“

Das genügt Herrn J. allerdings nicht; er will sich unbedingt „zurück melden“, „registrieren“, seine Rückkehr offiziell bestätigen lassen.

Ok“, gehe ich auf ihn ein, „warten Sie bitte hier, ich gehe vor und trage Sie in das Anwesenheits-Register ein!“ Ein solches habe ich soeben erfunden, gehe den Gang hoch, verschwinde kurz im Schwesternzimmer und kehre dann zu Herrn J. zurück mit der guten Nachricht, dass er jetzt wieder offiziell eingetragen ist.

Herr J. lächelt zufrieden, lässt sich von mir in sein Zimmer schieben und wirkt rundum zufrieden, dass nun wieder alles seine Ordnung hat.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Wie ich einmal Hilfspfarrer wurde

Morgens bei Dienstbeginn informiert mich die Wohnbereichsleitung, dass Frau P., die seit ca. zwei Wochen immer mehr abgebaut hat, jetzt wohl im Sterben läge. Der Atem gehe ganz flach, sie wäre nicht mehr ansprechbar – kurzum: es wäre schön, wenn ich mir die Zeit nehmen könnte, um bei ihr zu sein. Die Töchter von Frau P. seien schon informiert und würden demnächst kommen.

Die Kollegin selber hat auch für Sterbende höchstens mal 5 Minuten zwischendurch Zeit, da sie feiertagsbedingt mit zwei FSJlerinnen 20 Leute versorgen muss.

Ich selber habe erst ab 10:00 „Programm“, so dass ich mich ins Zimmer von Frau P. begeben kann. Auf den ersten Blick ist erkennbar, dass ihr Geist und ihr Körper nur noch an einem dünnen Faden miteinander verbunden sind und dass dieser Mensch nur noch sehr kurze Zeit zu leben hat. Frau P. atmet kaum noch, ihr Kopf ist leicht seitwärts gedreht, der Blick ist auf einen imaginären Punkt an der weißen Zimmerwand gerichtet.

Ich setze mich zu ihr, nehme ihre Hand und bleibe erst mal eine Weile still neben ihr sitzen. Frau P. ist knapp 80 Jahre alt und seit etwa vier Jahren diagnostiziert dement. Seit ich sie kenne, beobachte ich ihre fortschreitende Desorientierung und zunehmende körperliche Schwächung. Sie wirkt auf mich wie jemand, dessen innere Wirklichkeit, dessen Selbstwahrnehmung und Erinnerungsvermögen einstmals ein Kontinent war, jetzt aber nur noch aus lauter Inseln besteht, die von einem Ozean des Vergessens immer mehr überspült werden.

Dabei ist Frau P. in aller Desorientiertheit und inneren Verlorenheit stets bemüht, „Haltung“ zu bewahren und fast immer freundlich zu allen. Sie ist mir ans Herz gewachsen, weil sie manchmal auf rührende Weise resolut sein kann; wenn sie zum Beispiel mal wieder vergessen hat, was der Essvorgang bedeutet und wie man sich Nahrung zuführt, hört man beim Versuch, ihr den Gebrauch eines Löffels nahezulegen, schon mal ein entschiedenes „Also, das ist doch totaler Unsinn jetzt!!“, so als ob sie einem unverständigem Kinde streng, aber nicht unfreundlich eine Flause austreiben muss.

Nach einer Weile folge ich einem Impuls und beuge mich über Frau P.s Bett, so dass ich Augenkontakt mit ihr aufnehmen kann. Ich habe das Gefühl, dass sie in diesen letzten Momenten ihres Lebens Zuspruch braucht, dass sie in dem Alleinsein der Sterbestunde dennoch nicht allein ist. Ich spreche sie mit ihrem Vornamen an und sage ihr sinngemäß: „Sie können nicht mehr lange in diesem Körper bleiben… aber Sie brauchen keine Angst zu haben, ihn zu verlassen – es ist alles in Ordnung. Alles, was Ihnen jetzt passiert, ist völlig natürlich. Sie gehen dahin zurück, wo alles herkommt und in dem alles aufgehoben ist…“.

Frau P.s Augen wenden sich mir zu, sie wirkt wach, aufnahmebereit und ansprechbar. Für weitere Reaktion fehlen ihr die physischen und psychischen Kräfte. Ich bleibe weiter bei ihr sitzen; nach ca. 20 Minuten erscheinen ihre beiden Töchter.

Eine gute halbe Stunde später stirbt Frau P. im Beisein ihrer Töchter. Auf ihrem Gesicht liegt ein schöner und friedlicher Ausdruck.

Das Prozedere des Heimes sieht für Todesfälle vor, dass noch am selben Tag ein sogenanntes Abschiedsritual für Angehörige, Freunde, Bekannte sowie für Pfleger und Betreuer stattfindet. Da der Pfarrer der auf demselben Gelände liegenden Kirchengemeinde meistens nicht abkömmlich ist, wird dieses Ritual von Mitarbeitern des Hauses durchgeführt, die sich das zutrauen und eine entsprechende Schulung erfahren haben.

Heute trifft es mich, bzw. die diensthabende Pflegekraft ist froh, dass ich die Sache übernehme, da sie selber sich mit dem Thema unsicher fühlt und obendrein jede Menge zu tun hat im Wohnbereich, auf dem das Leben der restlichen BewohnerInnen ja weiter geht.

Ich erfahre, dass Frau P. eine gläubige Katholikin war. Damit ist schon mal entschieden, dass das Abschiedsritual in seiner religiösen Variante ausgeführt wird. Ein paar Stunden später haben sich Angehörige und Bekannte versammelt, ein paar Pflege- und Betreuungskräfte kommen hinzu und ich beginne mit der Zeremonie.

Wir beten zusammen den Psalm 23 („…Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich…“), das Vaterunser, zum Abschluss spreche ich einen  Segen und zwischendrin erinnern wir uns gemeinsam an Begebenheiten mit Frau P. Dabei kommen lustige Ereignisse zutage und die Atmosphäre von Trauer und Verlust wird auf schöne und fröhliche Weise von Lachen und Heiterkeit ergänzt.

Nun halte ich von organisierter Religion, vor allem aber von ihrer Ideologie von Angst, Schrecken, Schuld und Furcht, weniger als gar nichts. Allerdings beobachte ich zwei Dinge bei diesem Prozedere:

Erstens die Versuchung, die schockierten, betroffenen und dadurch extrem beeinflussbaren Trauernden mit Floskeln und leeren Sprüchen zu „trösten“
und dabei die eigene Selbstwichtigkeit zu füttern; eine Falle, in die sicherlich zahlreiche religiöse Amtsinhaber laufen (wollen).

Zweitens die Wirksamkeit der Rituale – auch der kirchlichen –
bei der unmittelbaren Bewältigung eines derart einschneidenden Lebensereignisse wie dem Sterben und dem Tod eines nahen Menschen. Die Gebete, das Ambiente, der ritualisierte Ablauf, all das setzt dem Ereignis einen für die Psyche Orientierung gebenden Rahmen und bettet es ein in etwas Umfassenderes, Größeres als das einzelne individuelle Leben und Sterben. Und das scheint der Mensch zu brauchen.

Witziges Nebendetail: aus unerfindlichen Gründen habe ich heute eine schwarze Hose und ein dunkel-anthrazitfarbenes Edelhemd angezogen.
Eine Kollegin hinterher zu mir: „Das hast du richtig gut gemacht, du sahst ja schon aus wie ein Pfarrer!“

In Ewigkeit, Amen!

Geschichten aus dem Pflegeheim: Ziviler Orden für die Küche

Bunte Runde am zweiten Weihnachtstag im Wohnbereich. Wie immer entsteht aus Zurufen und Anmerkungen der Anwesenden ein Bild, dazu entspinnt sich eine Geschichte. Ebenfalls wie immer kommen wir dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen und landen schließlich über „Mal´ mal ´ne Eiche!“ beim Eichenlaub und dessen Verwendung in militärischen Rangabzeichen, Orden usw.


Ich schlage eine zivile Umwidmung vor, die nach einhelliger
Ansicht der BewohnerInnen an die Küche gehen muss. Im Gegensatz zu sehr vielen anderen Einrichtungen, die aus Kostengründen lieblos und billig
zusammengepantschtes Großküchenfutter anbieten, leistet sich mein diakonischer Arbeitgeber nämlich eine eigene Küche mit den nötigen Fach- und Servicekräften. Das wird von den Heimbewohnern sehr geschätzt und bis auf ganz seltene Ausnahmen sind alles des Lobes voll für die tägliche Verpflegung.

Es wird beschlossen, dass das so entstandene Bild der Küche übergeben werden muss. „Heimlich nachts aufhängen!“, schlägt Herr R. vor. Aber
da er das nicht selber übernehmen will und wir der Meinung sind, dass man sich mit Lob nicht verstecken muss, überreiche ich die Auszeichnung anschließend – im Namen der BewohnerInnen des Wohnbereiches – dem Küchenchef. Strahlende Augen und breites Grinsen bei ihm und seiner Truppe, die sich wirklich täglich den Arsch aufreißen, um für die Leute lecker Essen hinzustellen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Wo bin ich hier?”

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„Besondere Zeitungsschau“ am ersten Weihnachtsfeiertag:
Frau P., die das Plakat betrachtet, fragt mich: „Ist das was für alle oder ist das
sowas Intellektuelles?“

Frau P. ist dement, aber in ihren klareren Momenten merkt man, dass sie eine gewisse Bildung genossen hat. Ich antworte ihr nach einem kurzen Zögern: „Beides, Frau P.! Bei mir ist es immer für alle, aber auch die Intellektuellen kommen auf ihre Kosten!“ Die Antwort stellt sie zufrieden, denn sie entgegnet: „Na gut. Dann werd´ ich mir das mal anhören.“

Die Runde verläuft gut und die Anwesenden 14 oder 15 BewohnerInnen hören fast alle mit Aufmerksamkeit und Interesse zu. Viele tragen mit eigene Wortmeldungen zum Thema (Ein Artikel namens „Wie wir 2037 leben werden“) bei.

Nach Abschluss der Runde bringe ich die BewohnerInnen auf ihre Wohnbereiche zurück. In WB 1 ruft mich Frau M. zu sich: „Komm mal her!“.
Frau M. ist die bibelfeste Katholikin, die vielfach am Tag das Vaterunser vor sich hin murmelt. Heute scheint sie etwas verloren und verwirrt, aber auch geistig reger als sonst. Sie hatte heute Weihnachtsbesuch einiger Verwandter.

„Was mache ich eigentlich hier?“, fragt sie mich. „Wieso bin ich hierher gebracht worden?“ Sie wirkt, als sei sie gerade aus einem Traum aufgewacht und müsse sich erst mal orientieren. Sie sitzt angespannt und nach vorne gebeugt in ihrem Rollstuhl Ich schaue sie mir eine kurze Weile an, versuche, ihre Gefühlslage zu erfassen und erkläre ihr, dass sie im Heim ist: „Frau M., sie sind hier, weil Ihnen hier geholfen wird mit den Dingen, die Sie alleine nicht mehr hinkriegen. Außerdem sind sie hier nicht alleine…“

Sie schaut mich aufmerksam und mit großen Augen an. Die Erklärung sinkt in sie ein. Ich hake nach: „Können Sie sich noch erinnern, wie Sie zuletzt in Ihrer eigene  Wohnung waren?“

Frau M. denkt  nach. „Hm… das ist lange her…“ Sie hat erkennbar keinen Zugang zu den Erinnerungsdatenbanken in ihrem Gedächtnis. Ich sage ihr: „Sie sitzen ja im Rollstuhl und schon dadurch ist es schwierig, in der eigenen Wohnung zurechtzukommen…“

Das leuchtet ihr scheinbar ein; über ihr Gesicht huscht ein Ausdruck von Erkenntnis und gleichzeitiger Entspannung und sie lehnt sich entspannt zurück.

Nach ein paar Sekunden weiteren Nachdenkens schaut sie mich an und sagt: „Danke!“

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Los, mach weiter!”

Bei der Weihnachtsfeier des Wohnbereiches sitzt die 90-jährige Frau M. mit einer weiteren Bewohnerin an einem Einzeltisch. Offensichtlich haben die beiden keine Angehörigen oder Freunde zu Besuch bei dieser jährlichen Begegnungsfeier.

Frau M. ist dement, hat allerdings mitunter überraschend klare Momente. Sie nimmt kaum an Gemeinschaftsaktivitäten teil und verbringt die meiste Zeit im Rollstuhl im Speisesaal des Wohnbereiches, wo sie gerne und häufig das Vaterunser aufsagt.

Heute ist sie allerdings augenscheinlich ziemlich fit und genießt das weihnachtliche Programm des Nachmittags. Nur vom besonderen (und nach einhelliger Meinung der Bewohner und Besucher spitzenmäßig köstlichen) Essen scheint Frau M. nicht viel abgekriegt zu haben.

Ich frage sie, ob sie schon vom Hauptmenü abbekommen hat. „ Nee, sie hat nur etwas Gemüse bekommen“, wirft ihre Tischnachbarin ein.

„Ich brauch‘ Hilfe beim Essen!“, sagt Frau M. erklärend.

Ich vergewissere mich, dass Frau M. ihre Zahnprothese im Mund hat. Dann bringe ich ihr eine (kleine) Portion Wildragout mit Kartoffelklößen und Rotkohl, die ich ihr klein schneide und anreiche.

Frau M. ißt mit gutem Appetit; obwohl sie noch kaut, fordert sie mich nach jedem Bissen auf: „Mach weiter!“ oder: „Los, weiter!“

Es schmeckt ihr richtig gut, auch wenn sie mit dem Fleisch so ihre Probleme hat. Das, was sie nicht gekaut kriegt, befördert sie mit der Zunge wieder nach draußen, wo ich es gekonnt mit einer Serviette von ihrer Mundpartie absammle. Mitfühlend bemerke ich: „Gar nicht so einfach mit dem Fleisch, Frau M., oder?“

„Ja, das lässt du jetzt mal weg!“, erhalte ich zur Antwort, und gleich darauf: „Und jetzt mach weiter!“

Die restlichen Knödel samt Rotkohl sind im Nu weggeputzt und Frau M. hat nicht nur deutlich mehr als sonst zu sich genommen, sondern wirkt auch extrem zufrieden. „Vielen Dank!“, sagt sie zu mir, und wirkt in dem Moment überhaupt nicht dement.

Ich bringe ihr noch den Nachtisch (Mousse au Chocolat und Vanille-Schaumcreme), der für sie einfacher zu handhaben ist und den sie daher selber löffelt. Sie ißt eine Riesenschale fast leer. Mit den letzten Reste aus der Schale tut sie sich jedoch wieder schwer und bittet mich erneut um Hilfe.

Ich tue ihr den Gefallen, reiche ihr den Rest an und wische ihr die erweiterte Mundpartie ab, auf der ein beträchtlicher Teil des Nachtischs gelandet ist.

All das lässt sie mit einer Mischung aus Anmut und Gelassenheit mit sich geschehen, beinahe wie eine hochgestellte Persönlichkeit edlen Geblüts, die es gewohnt ist, das Essen serviert und gereicht zu bekommen.

Zum Schluß schaut sie mich mit klarem Blick an, bedankt sich nochmals und ich wundere mich aufs Neue über diese seltsame Gehirnveränderung namens Demenz, die von manchen Experten nicht als Krankheit bezeichnet wird.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Endstation Altersheim

Wohnbereichsübergreifende Zeitungsrunde mit ca. 12 oder 14 Bewohnern. Die Meldung, dass ein israelischer Forscher die These aufstellt, Menschen könnten durch Veränderungen der Ernährung, gentechnischen Eingriffen und medikamentöser Behandlung bis zu 140 Jahre alt werden, löst lebhafte und ehrliche Diskussion aus.

Frau N., Anfang Neunzig, wirft ein: “Wozu denn? Damit man noch länger im Pflegeheim lebt? Ich hab mich jetzt an das Leben hier gewöhnt, aber glauben Sie mir, ich wollte oft genug Schluß machen, besonders anfangs, als ich herkam.”

Herr T., Ende Siebzig: “Im Pflegeheim zu landen ist das Ende. Man verliert seine Wohnung, und damit sein ganzes Leben. Alle Erinnerungen, der Ort, an dem man die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat, Kinder großgezogen hat – alles weg.”

“Wenn man auf die Hilfe von anderen angewiesen ist, verliert man seine Freiheit”, meldet sich die 75-jährige Frau W, “Meinen Sie, mir macht das Spaß, für jeden Toilettengang klingeln zu müssen? Was denken Sie, wie oft ich mich schon gefragt habe, was das für ein Leben ist und warum ich das ertragen muss. Das ist das Entwürdigendste überhaupt, wenn man sich selber nicht mehr helfen kann bei den einfachsten und intimsten Dingen.”

Ich frage in die Runde, ob die anderen das auch so sehen, und erhalte einhellige Zustimmung zur Antwort. Nach und nach reden fast alle über ihre Erfahrungen und Gefühle im Zusammenhang mit dem Verlust der Selbständigkeit, der Selbstbestimmung, der körperlichen Funktionsfähigkeit – vor allem aber über den Verlust der eigenen vier Wände und der Reduzierung des Lebensumfeldes auf ein Zimmer, das jederzeit von Dritten betreten werden kann und bei dem man sich oft genug Bad und Toilette mit einer weiteren Person teilen muss. Mehrfach höre ich Sätze über das Empfinden von Sinnlosigkeit, Depressionen, Selbstmordgedanken, inneren Rückzug bis hin zum Sich-Aufgeben und auf den Tod warten.

Offensichtlich ist es allen ein Bedürfnis, einmal Klartext zu sprechen über das grundlegende Gefühl von Verlust von Freiheit und Würde, Einschränkung und Entmündigung. Unter dem alltäglichen Sich-Arrangieren mit den Gegebenheiten und der “Besser als gar nichts”-Motivation fürs Mitmachen bei allen möglichen Angeboten und Aktivitäten im Heim bestimmt dies scheinbar die Erfahrung der BewohnerInnen.

Ich überlege, ob der innnere und äußere Raum für das Zulassen, Aussprechen und Anerkennen dieser Gefühle – idealerweise in einem professionellen psychologischen Rahmen – nicht eigentlich in jedes Alten- und Pflegeheim gehört. So wie die Dinge liegen, ist das Arbeiten oder der Umgang mit den teilweise traumatisierenden Erfahrungen Glückssache bzw. abhängig von der individuellen Befähigung und der Empathie der Pflege- und Betreuungskräfte.