Geschichten aus dem Pflegeheim: Verliebt

Die 103-jährige Frau S. strahlt mich an, als ich mit dem Mittagessen zu ihr ins Zimmer komme und frage “Und, Frau S., möchten Sie was zu essen?”

“Wenn Sie kommen, hab ich immer Hunger!”

Ich betrachte mir ihr püriertes Essen und versuche herauszufinden, um was es sich dabei ursprünglich handelte. “Hm, also, Frau S., ich glaube, heute gibt es Kartoffelbrei mit Brokkoli… jedenfalls Gemüse… und… tja, könnte Frikadelle sein. Oder Roulade.”

“Ach, egal! Immer rein damit! Ich bin ein guter Esser!”

Frau S. isst heute wirklich mit Appetit und Lust und hat im Nu die ganze Portion aufgegessen, einen ganzen Teller voll.

Es ist eher selten, dass bettlägerige Heimbewohner, die nicht alleine essen können, mit Appetit und vor allem in solcher Geschwindigkeit essen. Außerdem essen Hochbetagte in der Regel sehr wenig. Als ich das anerkennend erwähne und meinem Gegenüber sage, wie klasse ich finde,
dass sie trotz ihres Alters so guten Appetit hat, antwortet sie:

“Ja, ich bin 74 Jahre alt!”

Das ist nicht das erste Mal, dass ich diese Zahl von ihr genannt kriege. Ich mache einen vorsichtigen Versuch, ihr wahres Alter zu erwähnen:
“Frau S., wenn ich ich Ihnen sage, wie alt sie wirklich sind, würden Sie mir das nicht glauben! Sie sind 103 Jahre alt!”

“Nein, ich bin 74”, antwortet Frau S. wie aus der Pistole geschossen und ohne jede Spur von Zweifel. Es ist klar, dass dies für ihr inneres Empfinden ihr Alter IST; aus irgendeinem Grund hat ihr Geist dieses Alter als permanenten Jetzt-Zustand gespeichert.

Zeit, zurückzurudern: ich versuche es mit einem “Hm… achso, ja, vielleicht hab ich da was durcheinandergebracht..”
“Da haben Sie ganz sicher was durcheinandergebracht!”, klärt sie mich auf und streichelt milde gestimmt meine Hand. Plötzlich strahlt sie mich wieder an: “Und wissen Sie, warum ich so gut esse? Ich bin verliebt!!”

Ich ahne schon, was kommt, frage aber trotzdem: “In wen denn?”

“In Sie!” antwortet sie und schenkt mir ihr herzlichstes Lächeln.

Situation gerettet, und ich habe eine Verehrerin, deren gefühltes Alter gar nicht mal so weit von meinem entfernt ist…

 

Geschichten aus dem Pflegeheim: Von Ost nach West

Pausenschwätzchen mit Kollegin G., die als einzige außer mir  von Ost- nach Westdeutschland gekommen ist (und im Gegensatz zu mir gelernte DDR-Bürgerin ist).

“Na, hast du dich schon eingelebt in NRW?” fragt sie mich.
Ich so: “Ach ja, geht so..” und erwähne, dass mir die Arbeitsatmosphäre im Osten besser gefallen hat. Dort war es meinem Gefühl nach kollegialer, menschlicher und kollektiver in der Zusammenarbeit, es herrschte einfach ein anderes zwischenmenschliches Klima unter den KollegInnen.
Ich bin noch nicht halb fertig mit meinem Satz, da kriegt sie schon den
“Ja, sag ich doch, du sprichst aus, was ich auch meine”-Blick.

Dann holt sie aus: “Ich bin jetzt sechs Jahre hier. In der Zeit hab ich eins gelernt:
jeder ist sich hier selbst der nächste. Und mein Vertrauen in die Menschen hab ich komplett verloren. Jeder denkt hier nur an sich, erzählt überall, wie toll er ist und weiss überhaupt nicht, was ein Kollektiv ist. Deswegen müssen sie das ja auch „Team” nennen.“


Ich bin ganz Ohr. Als nächstes erzählt sie mir, was ich oft im Osten gehört habe: „Wir haben ja früher StaBü (Staatsbürgerkunde) in der Schule gehabt. War ja viel Propaganda, aber im Wesentlichen, das ist mir jetzt klar, hat das alles gestimmt.”

In der Hoffnung auf weitere kapitalismuskritische Suaden nicke ich zustimmend. Sie redet weiter: “Wir haben drüben zusammengehalten gegen die Obrigkeit. Hier buckeln sie alle vor der Obrigkeit und treten gegen die Kollegen. Die sagen dir die freundlichsten Sachen und wenn du dich umdrehst, rammen sie dir das Messer in den Rücken.”

Ich frage nicht nach, ob das ihre persönliche Erfahrung ist oder ob sie nur das generelle Klima von Gegeneinander, Missgunst, Druck und Vereinzelung ist, das von der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft gestiftet und immer weiter verschärft wird. Und offensichtlich auch im Sozialbereich, oder gerade da – weil dort Arbeitsbedingungen und Entlohnung besonders mies sind.

Ich gebe ihr den guten Rat, den ich auch mir selber gebe: lieber grundlos vertrauen als dass man als mißtrauischer Konkurrenzdepp durch die Welt läuft. Das verhärtet nur die Seele.

Insgeheim vergeude ich ein paar wehmütige Gedanken an meine frühere Arbeitsstelle im Annektionsgebiet und wünsche mir einmal mehr, ich wäre nie nachm Westen gegangen.