Um die Mittagszeit taucht der Einrichtungsleiter unvermutet im Heim auf. Das alleine signalisiert schon, dass irgendein Notfall vorliegen muss, denn normalerweise ist er – wie die gesamte Leitung – wochenends zuhause.
Er bittet mich, in die Chatgruppe des Sozialen Dienstes die Info zu schreiben, dass ab sofort kein Mitarbeiter mehr seinen Wohnbereich zu verlassen hat, dass auch im Haus nach Möglichkeit nicht rumgelaufen wird und das vor allem der Wohnbereich 1 auf keinen Fall betreten wird. Letzterer steht nämlich mit Wirkung ab jetzt unter Komplettquarantäne – Grund natürlich: ein bestätigter COVID-19-Fall bei einem Bewohner.
Damit sind also die Zeiten vorbei, in denen wir hoffen konnten, dass der Corona-Kelch an unserer Einrichtung vorbeigehen würde. Für die Bewohner des betroffenen Wohnbereiches bedeutet die Vollquarantäne Zimmerarrest und Besuchsverbot. Für die Mitarbeiter wird der Job damit auch nicht einfacher. Eigentlich müssten jetzt alle – zumindest Bewohner und Mitarbeiter des betroffenen Wohnbereiches – getestet werden.
Die an COVID-19 erkrankte Person ist bereits vor 4 oder 5 Tagen getestet worden und hat sich seitdem im Wohnbereich und im Speisesaal unter die Leute gemischt und vermutlich das Virus munter weitergegeben.
Interessant nun die Reaktion des zuständigen Gesundheitsamtes. Wie mir der Einrichtungsleiter erzählt, will man dort sofort den gesamten Wohnbereich in Quarantäne schicken, inklusive der Mitarbeiter. Auf Nachfrage des Einrichtungsleiter, was mit 24 Bewohnern ohne Pflege und Betreuung passieren sollte, rudert das Gesundheitsamt zurück und akzeptiert die jetzige Lösung, bei der die Pflege- und Betreuungskräfte weiterhin, allerdings unter nochmals verschärften Schutzmaßnahmen, zur Arbeit zu kommen haben.
Was den dringend gebotenen Test für Bewohner und Mitarbeiter betrifft, winkt das Amt gleich ab: man komme schon jetzt nicht nach mit den Tests und könne das derzeit einfach nicht leisten. Keine Kapazitäten!
In der Sprachlosigkeit ob dieser Nachricht fällt mir die Volksrepublik China ein, die mal eben 9 Millionen Menschen – GRATIS!! – innerhalb von 5 Tagen testen kann. Das muss diese kommunistische Kommandowirtschaft sein, die „den Menschen“ so furchtbar in seinem Recht auf freies Unternehmertum und Gescnäftemachen unterdrückt
Die Sache geht in die nächste Runde. Nach dem Einrichtungsleiter greife ich mir heute auch die PDL (Pflegedienstleiterin), eine osteuropäische macht- und karrierebewusste Dame, die hausweit im Ruf einer strengen und ungnädigen Chefin steht.
Psychologisch geschickt komme ich ihr mit improvisiertem Lean Management und Marketing Blabla: “Frau G., manchmal wiegen die Vorteile von Sparmaßnahmen nicht den Imageschaden auf, den sie verursachen…”
Damit habe ich schon mal ihre Aufmerksamkeit. Dass ihre an die Reinigungskräfte gerichtete Kaffee-Regelung so weite Kreise zieht, ist ihr sichtlich unangenehm. Sie versucht sich zu rechtfertigen:
“Die sind aber nun mal von einer Fremdfirma! Da müsste die Fremdfirma für den Kaffee sorgen. Vor allem aber bedienen die sich in ihren Pausen an den Kaffeeautomaten in der Küche – wo sie eigentlich keinen Zutritt haben – und halten keinerlei Hygieneregeln ein.”
Damit hat sie tatsächlich einen gültigen Punkt, denn wie alle Mitarbeiter und Bewohner sind auch die Reinigungskräfte im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen auf die Wohnbereiche aufgeteilt worden und sollen nur in “ihren” Wohnbereich arbeiten. Daran halten sie sich zwar, aber in den Pausen sitzen sie all in oder vor der Cafetria, ohne Mundschutz und dicht beieinander, rauchen, ratschen und trinken Kaffee (bis vor kurzem).
Trotzdem lass ich nicht locker: “Ja, schon klar, aber das kann man ja klar kommunizieren und regeln. Es ist doch wohl kein Problem, wenn die Küche den Putzfrauen morgens zwei oder drei Kannen Kaffee hinstellt, so wie den Wohnbereichen auch, oder? Wissen Sie eigentlich, wieviel Kaffee wir täglich wegschütten, weil keiner den trinkt?”
Die PDL ist noch nicht überzeugt und will wohl auch aus Prinzip erstmal nicht nachgeben. Sie zieht ab, aber ich sehe, dass es in ihr arbeitet.
Beim Mittag begegnet sich Einrichtungsleitung samt Verwaltung und mir in der Cafeteria. Diesmal bringt die PDL das Gespräch von sich aus auf das Kaffeethema. Sie spricht den Einrichtungsleiter darauf an, mit Verweis auf mich und den Imageschaden, den ich ihr untergejubelt habe: “Die sprechen schlecht von uns! Das ist nicht gut…”
Der Chef ist erstmal abwehrend und meint allen Ernstes: “Wissen Sie, was die uns jährlich kosten? Soll ich Ihnen mal die Rechnungen zeigen?”
Zu seiner Überraschung antworte ich: “Ja, gerne. Lassen Sie mal sehen. Denn dass die Diakonie eine Fremdfirma mit den Reinigungsarbeiten betraut, liegt ja wohl ausschließlich daran, dass sie keine Tariflöhne für Hauswirtschaftskräfte bezahlen und die Putzarbeit so billig wie möglich outsourcen will. Stimmt’s?”
Das verschlägt ihm erstmal die Sprache und er bringt sich außer Reichweite in sein Büro.
Beim Mittagessen dann richtet die PDL das Wort an die Küchenchefin: “Frau K., haben die Reinigungsleute eine Kaffeemaschine? Könnten Sie für die zusätzliche Kaffeekannen bereitstellen? „Ja, das ist möglich”, antwortet die Küchenfrau sachlich und faktisch.
Jetzt mischen sich andere Schlauberger aus der Verwaltung ein und verteidigen die unsägliche Kein-Kaffee-für-die Putzfrauen-Regelung mit dem Argument, dass sie sich ja auch nicht, wenn sie beispielsweise in eine Behörde oder ein Geschäft kamen, dort am Kaffee bedienten.
Ich sehe, dass hier jetzt ein argumentativer Schlussstrich und eine milde Zurechtweisung für die Untertanengemüter der neoliberalen Beutelschneiderdiktatur erfolgen muss und sage: “Leute! Macht jetzt mal keine Doktorarbeit daraus, wir reden hier von ein paar Tassen Kaffee für die Frauen, die täglich hier alles sauber halten! Jeder hier weiß, dass die Frauen von JEDEM – ob Bewohner oder Mitarbeiter – als Teil der Mitarbeiterschaft angesehen werden. Wollt ihr echt so kleinlich und schäbig sein und denen einen Kaffee verwehren? Ihr habt wohl lange nicht mehr die frommen Losungen durchgelesen, die hier überall an den Wänden hängen…”
Damit ist das Thema fürs Erste durch und dem Anschein nach wird es ab demnächst auch wieder Kaffee für die Reinigungstruppe geben.
In einem durch die Coronamassnahmen ohnehin schon ausgedünnten Angebot wird der Soziale Dienst bestimmungswidrig für Hauswirtschaftsaufgaben eingesetzt, sobald irgendwo jemand krank oder in Urlaub ist oder der Dienstplan am Wochenende noch mehr Personalknappheit vorsieht.
Die geplanten kulturellen, künstlerischen und sonstigen Betreuungsangebote für die Bewohner müssen dann eben ausfallen. Heute also keine Mal- und Kreativrunde, weil der Kunstgeragoge Küchendienst hat.
Alles zu Lasten der Bewohner und zur Schonung der Diakoniekasse (Hauswirtschaftskräfte einzustellen würde Tariflohn kosten; die Küchendienste machen i.d.R. die billigst entlohnten FSJ.er oder Praktikanten).
Der U-Hahn ist die tierische Entsprechung der U-Bahn. Er lebt im Untergrund und ist voller revolutionärem Elan. Aber seine Haupthenne hält gar nichts davon.
(erfunden von einer Teilnehmerin der „Tagesgruppe Demenz“)
Bewohner im Pflegeheim während des heutigen Sirenenalarms.
Obwohl wir natürlich vorab ausgiebig über das Thema und den Übungscharakter des „Warntages“ gesprochen hatten, ändert das nichts an den Erinnerungen dieser Generation an Fliegeralarm, Bombennächte und überstürztes Aufsuchen der Schutzräume.
Die Dame, die sich die Ohren zuhält, ist eine von etlichen in der Gruppe, die sich lebhaft an ihre Kindheit in den 1940er-Jahren, an verschüttete Bunkerinsasssen, an die Leichen auf den Straßen beim Verlassen der Schutzräume und dergleichen erinnern.
Die Bedeutung der einzelnen Tonsignale (Ankündigung, unmittelbare Gefahr, Entwarnung) muß man diesen Leuten nicht erklären – das kennen sie alle auswendig.
Ebenso erstaunlich wie die immensen Traumatisierungen dieser Generation ist auch ihre umfassende, alles Weitere ausblendende Bereitschaft, sich ausschließlich als OPFER schlimmer Zeiten und grausamer Umstände zu fühlen. Faschismus und Krieg werden hauptsächlich vom Ende her betrachtet, als der Krieg vergeigt und es mit der Nazi-Herrlichkeit vorbei war, und als zu Bomben und Kriegsbewirtschaftung auch noch Flucht und Vertreibung, also „der Russe“, kam.
DAS rechnet die Mitläufergeneration der faschistischen Führung (der sie zuvor zugejubelt hatte) als Sünde an, während man für Juden- und Kommunistenverfolgung sowie für das ganze Projekt eines völkischen Imperialismus sehr viel Verständnis hatte und (in seiner modernen demokratischen Version) hat.
Die Erzählung von Karl dem Kartoffelkönig, seiner Gattin und dem verzogenen kleinen Prinzensohn Knut fasziniert die Teilnehmer der „Tagesgruppe Demenz“; wir kommen drauf, weil’s mittags Bratkartoffeln mit Spiegelei gibt. Noch lustiger finden sie aber das Kartoffel-Lied, für das ich in die Rollen des Komponisten, Sängers, Mundharmonikaspielers und Chorleiters schlüpfen muss – leider verbietet der Datenschutz eine Veröffentlichung des Filmmaterials, das eine Kollegin mit dem Handy erstellt.
Darauf sind acht fröhliche alte und hochbetagte Menschen zu sehen, alle dement und alle kräftig am mitsingen.
Besonders die leicht perfide Wendung des Liedtextes, in dem zunächst die Kartoffel angeschmachtet wird um gleich darauf umso überraschender in den Kochtopf befördert zu werden, scheint meiner Truppe zu gefallen.
„Soziale Distanz“ bestand für mich in letzter Zeit vor allem in der Entwöhnung von der ständigen Online-Aktivität in Sozialen Medien. Nach einigen Wochen digitaler Entgiftung erscheint mir Facebook nach wie vor als Irrenhaus, das immer lauter und irrer wird. Ganz und gar war die Entwöhnung allerdings nicht; ab und zu hab ich mal reingeschaut. Was ich sah, bestätigte meinen Entschluss, mich vorerst von diesem Marktplatz der Meinungen fernzuhalten.
Die Welt dreht sich auch ohne Facebook weiter; sie dreht sich auch weiter, ohne dass ausgerechnet ich meinen Senf zu jeder politischen oder sonstigen Wurst gebe, die in der virtuellen Öffentlichkeit der Filterblase gebraten bzw. ausgeschieden wird.
Abgeschreckt hatte mich vor einigen Wochen die zunehmende Hysterie und Irrationalität in meiner Timeline. Selbst Leute, die ich im Allgemeinen für zurechnungsfähig halte, werden angesichts der gegenwärtigen Pandemie offenbar reihenweise nicht nur zu Experten aller möglichen wissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen, sondern geben ihren gesunden Menschenverstand an der Garderobe der rechthaberischen Missioniererei ab.
Am erstaunlichsten finde ich die Zeitgenossen, denen am leichenträchtigen Funktionieren des ganz normalen kapitalistischen Geschäftsganges nie und nimmer etwas auffällt; denen die demokratischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft wie Überwachungsstaat, Aufrüstung, Kriege und Kriegsvorbereitung, Hetze gegen Rußland und China, Verarmung und Ausbeutung allesamt und ganz grundsätzlich am Arsch vorbei gehen, solange sie (die besagten Zeitgenossen) in ihrer Nische ein Geld verdienen können.
Kaum sollen sie aber mal eine Zeitlang zur Eindämmung einer Pandemie eine Atemschutzmaske aufsetzen und sich von den lieben Mit-Untertanen etwas entfernt halten, werden dieselben Zeitgenossen zu Rebellen und Revolutionären (oder halten sich dafür), weil sie plötzlich an den staatlichen Maßnahmen lauter Freiheitseinschränkungen und Eingriffe in ihr höchst individuelles Meinen und Konsumieren entdecken.
Die Lautstärke, mit denen diese Freiheitshelden ihre „Freiheit“ zu verteidigen wähnen, steht nicht nur in auffallendem Gegensatz zu ihrem sonstigen Schweigen, wenn es um den freiheitlichen Normalbetrieb ihres geliebten (mitunter auch kritisierten) Kapitalismus geht – der unterwirft sie nämlich ebenfalls lauter Zwängen, zuallererst dem des Geldverdienenmüssens mit all seiner Ungemütlichkeit der Einsortierung der Klassengesellschaft in Arbeit und Reichtum, in Besitzende und Lohnarbeiter, in Leute, die sich das Leben leisten können und solche, die das nicht oder nur unter beständigen Härten und Nöten hinkriegen.
Sie macht auch deutlich, was für die jetzt so Empörten „FREIHEIT“ ist:
der normale Geschäftsbetrieb der Kapitalakkumulation, von dessen Zwängen und Schäden sie aber nichts wissen wollen. Dass diese schöne Freiheit DAS Herrschaftsinstrument derjenigen Interessen ist, die in einer kapitalistisch verfaßten Gesellschaft nun mal das Sagen haben, will ihnen weder im bürgerlichen Normalbetrieb noch im pandemiebedingten Lockdown auffallen – zumal sie ja ohnehin glauben, dass Demokratie keine Herrschaftsform, sondern reine Volksbeglückung ist, da man ja wählen darf. Schon der Hinweis auf Machtausübung und Herrschaftsinstrumentarium, die hierbei in dem Wörtchen „darf“ enthalten sind, entgeht einem freiheitlichen Bürger in der Regel.
Als Beschäftigter in einer Pflegeeinrichtung erlebe ich seit ca. 6 Wochen, welche Schneise die Corona-Pandemie in die Risikogruppe schlägt. Die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter verschlechtern sich mit jeder neuen Regelung, die dem Schutz der Bewohner dienen sollen – und es wohl auch tun, wenn man die Situation in Ländern wie Italien oder USA in Betracht zieht. Das Virus und/oder die Maßnahmen zu dessen Eindämmung fahren wie ein Schwert in die Risikogruppe in den Pflegeheimen. Sofern nicht daran gestorben wird, werden die Lebensbedingungen der Bewohner auf eine Weise eingeschränkt, die von immer mehr alten Menschen kaum noch ausgehalten werden.
Nicht nur, dass keinerlei Besuche von außen mehr möglich sind (weder Verwandte, noch Friseur, Fußpflege, Unterhaltungskünstler usw.), auch innerhalb der Einrichtung selber werden die Bewohner, aber auch die Mitarbeiter, auf die Wohnbereiche beschränkt und selbst diese noch einmal in Untergruppen aufgeteilt. Die Begründung dafür ist die Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten, sofern es zu einer Ansteckung kommt.
Obendrein wird jeder, der außerhalb des Geländes unterwegs war – egal ob Arztbesuch oder eine Runde um den Block – zu einer zweiwöchigen Isolation auf sein Zimmer verbannt. Mehr als einmal habe ich in den vergangenen Wochen weinende Alte vor mir gehabt, die die Situation kaum ertragen und darunter leiden, ihre Kinder, Enkel usw. nicht zu sehen.
Für die Mitarbeiter gilt inzwischen Maskenpflicht bei allen Tätigkeiten. Wer eine ganze Schicht über einen Atemschutz tragen muß, kann nur den Kopf schütteln über Maulhelden, die wegen einer einigermaßen sinnvollen Vorschrift, nämlich im ÖPNV und in Geschäften Atemschutzmasken oder -schals zu benutzen, einen Radau machen, als ob die Diktatur ausgebrochen wäre.
Ja, sie IST ausgebrochen, aber von jeher als conditio sine qua non der kapitalistischen Herrschaft: als Diktatur der Bourgeoisie, die Freiheit als Herrschaftsinstrument ihrer Macht über die Reproduktion der Gesellschaft schätzt und einsetzt. Und deren Staat diese Freiheit eben bei Bedarf auch mal einschränkt, wenn es die Aufrechterhaltung dieser Herrschaftsform zu erfordern scheint.
Man muss kein Regierungsanhänger oder Fan der bürgerlichen Staatsmacht sein, um die Maßnahmen zur Begrenzung der Infektionswege weitgehend nachzuvollziehen. Dass ein kapitalistischer Staat- zumal einer von der Wucht und dem imperialistischen Anspruch der BRD – die Gelegenheit nicht verstreichen lässt, um auch aus dieser Krise „gestärkt hervorzugehen“, wie es die Regierung verkündet, und deswegen gleich noch mal die ohnehin laufende Umverteilung von unten nach oben sowie die Überwachung und Einschränkung bürgerlicher Rechte ein paar Umdrehungen weiter schraubt: das sollte nicht überraschen.
Wie gesagt habe ich gelegentlich doch mal in die Facebook-Timeline reingeschaut. So schnell wie ich bei den hysterischen Besserwissern und Freiheitsaposteln weiter gescrollt habe, so lange bin ich verharrt bei den – nicht so zahlreichen, aber durchaus vorhandenen – Beiträgen, die sozusagen die Weltvernunft widerspiegeln. Bei letzteren handelt es sich ausnahmslos um solche, die die derzeitige Situation in den Zusammenhang stellen mit dem umfassenden Anschlag der herrschenden Klasse auf die Lebensbedingungen und ideologische Gesundheit der lohnabhängigen Klasse, der schon vor der Pandemie epidemisch war.
Als Quelle einer für medizinische Laien wie mich vernünftig erscheinenden Einschätzung der Pandemie haben sich für mich die Veröffentlichungen von Prof. Paul R. Vogt in der „Mitteländischen Zeitung“ erwiesen:
Rheinland und Karneval: eine Mischung, der man in diesem Landstrich im Februar unmöglich entgehen kann. Auch in der „Tagesgruppe Demenz“ steht heute, zwei Tage vor Altweiber, eine „Bunte Runde zu Fasching“ auf dem Programm. Allerdings schere ich mich um das ausgedruckte Programm so gut wie nie und mache mit den Leuten das, was mir gerade einfällt und was zur Tagesstimmung meiner Schützlinge passt. Auch die dementiellen Eigenarten meiner Runde erlauben ein großzügiges Vernachlässigen konventioneller Gewohnheiten und jahreszeitlicher Fest- und Feiertage – wobei andrerseits berücksichtigt werden muss, dass gerade solche Fixpunkte wie Fasching, Ostern, Weihnachten etc. wichtig sind für den Erinnerungs- und Orientierungsrahmen dementer Menschen.
Obwohl ich persönlich der Ansicht bin, dass der sparsam faschingsmäßig dekorierte Tagesgruppen-Raum genug Tribut an die Jahreszeit ist, mache ich eine Konzession an die Fünfte Jahreszeit und lese ein seniorentaugliches Jeckengedicht vor. Darin geht es um einen Dicken und einen Dünnen namens Hans und Franz, die ihre Hosen vertauscht haben. Aus der Geschichte entspinnt sich ein Gespräch am hinteren Ende der Tafel, zwischen Frau K. Und Frau C.
Die beiden Sitznachbarinnen sind beide ausgesucht freundlich, waren vormals offenbar eher feine Damen und behandeln sich gegenseitig mit Zuvorkommenheit und Höflichkeit. Frau K.s Wortfindungsstörungen sind so massiv, dass sie bereits in der Mitte jedes Satzes, den sie sagen will, den Faden verliert und die Worte nur noch immer leiser und immer unverständlicher aus ihrem Mund heraus taumeln lässt. Zum Schluß sitzt sie dann meistens mit offenem Mund und erstauntem Blick da, so als ob sie einem entschwindenden Geist hinterherschaut.
Frau C. dagegen beherrscht die Kunst der Täuschung über ihre Demenz in scheinbarer Vollkommenheit. Sie hat sich ein paar Floskeln angewöhnt, mit denen sie souveräne Gesprächsteilnahme simuliert – bei einer ersten Begegnung mit ihr durchaus erfolgreich. „Selbstverständlich“, „Allerdings“, Ja, natürlich“ oder „Das will ich meinen!“ sind ihre Standardsätze, mit denen sie nahezu jedes Gespräch bestreitet (was nicht heisst, dass sie nicht in der Lage ist, in gegebenen Situation durchaus entschieden ihren Willen zu bekunden, z.B. wenn es ums Essen geht).
Die beiden Frauen haben scheinbar irgendein Detail des Jeckengedichtes mit ihrer persönlichen Geschichte in Bezug gebracht, und Frau K. erzählt ihrer Nachbarin, dass ihr Vater oder Vetter, der Soundso, ja auch bei der Bundesmandarine gewesen sei und dort… Woraufhin Frau K.s bis dahin schon sehr üppiger Redefluss abstirbt und die Zuhörer im Ungewissen lässt, welche Abenteuer der Verwandte auf hoher See alles bestanden haben könnte. Nicht so Frau C. Sie nickt verständnisvoll und sagt so etwas wie “Ja, klar, meiner auch. Da kann man ja auch nichts machen.“ Die unerschütterliche Normalität, mit der sie auf Frau K.s verkümmernde Satzbauversuche antwortet, gibt Frau K. Wiederum das Gefühl, als vollwertige Gesprächspartnerin wahrgenommen zu werden, was ihr sehr gut tut (sehr oft bringen Pflege- und Betreuungskräfte nicht die Geduld auf, die nötig ist, um Frau K.s zeitlupenartigem Sprechstil zuzuhören, geschweige denn, um daraus etwas Sinnenhaftes zu entnehmen).
Die paar Satzfetzen reichen mir jedenfalls, um sogleich mein Flipchart in Aktion zu bringen und die fantastische Steilvorlage der „Bundesmandarine“ aufzugreifen. Aus Hans und Franz aus dem Jeckengedicht wird Großadmiral Hans-Franz von Kanz, der als Sohn ostelbischer Landjunker früh die Miltärlaufbahn einschlug und, ganz wie sein Vater und Großvater, bereits in jungen Jahren in der Reichs-, und später Bundesmandarine diente. Der Aufgabenbereich der Bundesmandarine ist klar definiert: sie beschützt die Weltmeere vor Piraten, Haifischen und den anderen Mandarinen und Orangen, die im Auftrag fremder Staaten auf See rumschippern. Genau besonders hat es die heldenhafte Bundesmandarine auf die Portemonnaie-Piraten von Panama abgesehen, die zwar nur im Panamakanal ihr Unwesen treiben, dafür aber ganz besonders perfide und diebisch sind und so gut wie jeder alten Dame Panamas schon mal den Geldbeutel geklaut haben.
An dieser Stelle unterbricht mich Frau H., die bis dahin mit aufmerksamem Schweigen und gebanntem Blick zugehört hat, mit dem Ausruf: „Wirklich? Ist das wirklich passiert?“
Hier tut sich ein grundsätzliches Dilemma für mich auf: einerseits will ich die Leute nicht mit erflunkerten Geschichten belügen, bzw. ihnen diese als Wahrheit verkaufen. Andrerseits lese ich ihnen auch Märchen vor, die mindestens genauso fantastisch sind. Zudem fragt Frau H. Nicht, weil sie den Wahrheitsgehalt der Piratengeschichte anzweifelt, sondern weil sie wissen will, ob diese Piraten wirklich so diebisch sind wie beschrieben. Immerhin hat sie ohne Umschweife die Existenz einer Bundesmandarine akzeptiert. Im Interesse der Kontinuität meiner Geschichte antworte ich also „Ja klar! Aber mittlerweile sorgt ja die Bundesmandarine für Ruhe und Ordnung dort unten!“, und DAS ist das, was Frau H. und die anderen hören wollen und was der Sache die Bedrohlichkeit nimmt.
Wir wenden uns wieder Hans-Franz von Kanz zu, der leider ein bißchen unterbelichtet ist, was aber nichts macht, da er dank seines adligen Stammbaums schon immer für einflußreiche Posten vorgesehen war. Jedenfalls hat er ein paar Sprachstörungen, die ihn immer die Sätze falsch aussprechen lassen – das kennen meine Leute ja gut von sich selbst. Wenn von Kanz zum Beispiel einen markigen Satz vom Stapel lassen will, kommen ihm die Worte ganz falsch aus dem Munde, und alle lachen dann. Da lacht auch meine demente Runde, denn den Spruch vom deutschen Wesen kennen sie natürlich alle im Original.
Großadmiral von Kanz aber merkt gar nicht, dass sein Wortsalat ihm subversive Aussagen in den Mund legt (meine Schützlinge auch nicht). Schon ist der Vormittag wieder vorbei und in der Kajüte unserer Tagesgruppe bringt der Maat das Pökelfleisch.
Ein weiterer Vormittag in der “Tagesgruppe Demenz” mit einem mehrheitlich wachen und munterem Publikum! Nach dem Frühstück lese ich eine kurze Geschichte aus einer eigens für demente Menschen zusammengestellten Textsammlung vor: “Als Oma und Opa auf den Stoppelacker gingen”. Diese Geschichten von höchstens anderthalb Seiten erfreuen sich großer Beliebtheit bei meiner Tagesgruppe; vor allem, weil sie in einfachen Worten Alltagserfahrungen und Erinnerungen an vergangene Zeiten beschreiben.
Das Thema “Stoppeln” löst auch gleich lebhafte Reaktionen aus und die meisten haben eigene Erfahrungen beizusteuern. Besonders Herr J. kommt gar nicht mehr aus dem Erinnern raus und berichtet von all den Feld- und Baumfrüchten, die er seinerzeit zusammen mit seiner Familie in seinem Eifeldorf gesammelt hat.
Vorrangige Feldfrucht des Stoppelns war aber für alle die Kartoffel. In den Kriegs- und frühen Nachkriegsjahren war die “zweite Ernte” durch eine hungrige Bevölkerung mitunter überlebenswichtig.
Da nun die Kartoffel in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit getreten ist, bietet sich die Gelegenheit zu einer Erweiterung dieses Themengebietes. So entsteht ein Lied, dessen Strophen ich beim Zeichnen erfinde und sogleich meiner Truppe auf der Mundharmonika vorspiele – nach zwei Durchgängen können die Aufmerksameren das Liedchen mitsingen.
Zunächst scheinen einige Teilnehmer nicht sicher zu sein, was das nun soll – will ich sie veräppeln oder was? Seit wann brauchen Kartoffeln Pantoffeln? Zum einen sind sie aber alle von mir reichlich absurden und bizarren Quatsch gewohnt; vor allem jedoch haben gerade Demente einen ausgeprägten Sinn fur absurde Komik.
Frau K. am Kopf der Tafel hat den besten Blick auf das Flipchart und bemerkt trocken: “Die soll sich nicht so anstellen! Die steckt doch sonst nackt in der Erde!” Dem können die anderen nur zustimmen und der Schluss des Liedes, in dem die Kartoffel ihren einen Pantoffel weg kickt, stellt ja auch die natürliche Ordnung der Dinge wieder her und ist somit ganz nach dem Geschmack meines Publikums.
Frau S. allerdings, ansonsten eine der Aufmerksamsten, schenkt diesmal dem Geschehen am Flipchart keine Beachtung, weil sie seit dem Frühstück in ein Exemplar eines Regenbogenblattes vertieft ist. Immer wieder liest sie einzelne Überschriften laut vor, voller Verwunderung und ohne sie einordnen zu können, gleichzeitig aber stolz darüber, dass sie so gut lesen kann.
Noch beim Mittagessen ist sie so hingerissen von der Materie, dass sie sich zu ihrer Sitznachbarin Frau H. beugt, ihr das Heft hinhält und im Ton absoluter Wichtigkeit liest: “SIE WIRD KÖNIGIN” Gemeint ist die Gattin des britischen Thronfolgers, aber das weiß weder Frau S. noch Frau H.
Letztere fühlt sich aber durch die Ansprache belästigt und fertigt Frau S. kurzerhand ab: “Sie werden Königin?! Erzählen Sie mir doch keinen Unsinn! Essen Sie ihr Essen auf, alles andere interessiert hier nicht!
Frau S. registriert die Abfuhr aber gar nicht und widmet sich freudig weiter gleichzeitig ihrem Teller und dem bunten Blättchen.
Wenn mir gar nichts mehr einfällt, um einen Vormittag lang meine demente Truppe zu beschäftigen und zu unterhalten, kann ich immer noch auf spontan-anarchische, frei improvisierte Geschichten zurückgreifen, die mit Hilfe eines Flipcharts, Farbstiften und dem Hin- und Her zwischen mir und der Gruppe aus dem Nichts bzw. meinen Einfällen und den Reaktionen der Anwesenden entstehen.
Heute erscheint uns aus dem Reich der Phantasie der erstaunliche Hugo Hörfehler, der quasi alles mißversteht und in seinem Geist verdreht. Ein bißchen wie meine Schützlinge natürlich, die oftmals – sei es aus Hörschwierigkeiten, sei es aus Gründen ihrer Demenz – ähnliche Probleme haben. Jedenfalls können sie es alle gut nachvollziehen und lachen herzlich über die vielfältigen Wortspielereien und -missverständnisse, die sich aus dieser Ausgangssituation zwangsläufig ergeben.
Da wir nun schon mal beim Thema “Ohren” bzw. Hören sind, kommt es auch noch zu einem Bilderrätsel, bei dem die Anwesenden auf den Begriff “Ar*** mit Ohren” kommen sollten. Nach einigem Nachdenken kommt auch einer aus der Runde auf die Lösung, was wiederum zur verstärkten Erheiterung meiner Truppe beiträgt.
Fast ganz von alleine wird dann daraus das Porträt eines (mir jedenfalls) bekannten Politikers, der für die Deutsche Hinterteil-Partei im Bundestag sitzt und sehr patriotisch für Deutschlands Vorankommen in der Welt der Politik sorgt.
Als ich in die Runde frage, wer dieser Politiker denn sein könne, antwortet Frau C. spontan: “Der Bundeskanzler!”