Geschichten aus dem Pflegeheim: PDM für die Bewohner

Heute im Frühdienst auf Schicht mit der einzigen Thüringer Kollegin hier im Westen. In der Zigarettenpause sprechen wir und eine weitere Kollegin über die Bewohner unseres Wohnbereiches.

Dabei erwähnt die ostdeutsche Kollegin mehrfach diejenigen, “die PDM erhalten” würden.

Ich überlege mir, ob das ein mir unbekanntes pflegerisches Kürzel ist, vielleicht “Prophylaktisches Durchführungsmaterial” oder “Pflegerische Dienstmaßnahme”, komme aber zu keinem schlüssigen Ergebnis und frage schliesslich die Kollegin nach der Bedeutung der Abkürzung.

Na, PDM eben!”, antwortet sie, “Pedäubungsmiddel!!”

Jetzt fällt bei mir der Groschen und ich bin versucht, sie für diesen astreinen thüringischen Buchstabendreher (à la “Bekleidung” für BEGLEITUNG oder “Preude” für BRÄUTE) abzuküssen.

Nach zwei Jahren im kapitalistischen Ausland bin ich des Ostdeutschen schon so entwöhnt, dass ich es nicht mehr erkenne bzw. dass seine Klänge automatisch durch den westlichen Hochdeutschfilter laufen – und merke in solchen Situationen, wie sehr ich es vermisse.

Erstmol eene roochen!

Geschichten, die das Leben schrieb: Warnung vor dem Kommunisten

Der letztwöchige Besuch bei der Verwandtschaft der Frau war ein Ausflug in das Leben der Oberschicht. Die besuchte Cousine bewohnt eine gigantische Villa mit riesigem Garten in einer der Oberklassen-Gemeinden nördlich von Frankfurt. Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann arbeitet in den USA im finanzkapitalistischen Sektor für einen Investmentkonzern, das Vermögen ist in einer Stiftung angelegt.

Im Gegensatz zu der in ähnlichen Klassenprivilegien lebenden Schwester der Frau (die vor lauter Klassenarroganz ihren – angeheirateten – Wohlstand nicht nur für ihr höchst eigenes Verdienst hält, sondern als Ausweis ihrer menschlichen und moralischen Überlegenheit über monetär minderbemitteltere Zeitgenossen sieht), ist die Cousine allerdings „normal“ geblieben, hat Humor und das Herz auf dem rechten Fleck. Die Tatsache, dass sie sich sowohl ihre Empfindsamkeit wie eine gewisse unverstellte Sicht auf die Conditio Humana bewahrt hat, manifestiert sich allerdings in einem ausgiebigen Gebrauch legaler Drogen.

Umgang und Gespräche mit ihr sind jedoch erfrischend, unterhaltsam und mitunter tiefgründig. Anläßlich eines bei ihr im Hause vergessenen Anoraks kommt es zu einem Telefonat, indem sie mir folgende Anekdote mitteilt:
„Weisst du was das Beste ist? Pass auf, der J. (Ihr Mann) und ich haben uns fast eingenässt vor Lachen: Deine Schwiegermutter hat meine Mutter angerufen, damit die mich warnt. ‚Sag mal deiner Tochter, dass der Kay ein Kommunist ist. Also nicht nur irgendsoein Linker, sondern Kommunist durch und durch!‘“

Ich muss ebenfalls loslachen und fühle mich wie in einem bizarren antikommunistischen Film aus der McCarthy-Ära. Ich schlage meiner Gesprächspartnerin vor, lieber vorsichtig zu sein und schnell aufzulegen – sonst würde ihr nachts noch Stalin erscheinen oder plötzlich „Die Internationale“ als Klingelton ihres Smartphones ertönen…

Wir reden dann aber doch noch eine Weile weiter und amüsieren uns gemeinsam über den putzigen Versuch ihrer Tante/meiner Schwiegermutter, unter dem Vorwand der wohlmeinenden Warnung vor abweichenden Meinungen Zwietracht zu stiften und sich selbstwichtig in Szene zu setzen. Da mir durch meinen täglichen Umgang mit Hochaltrigen, Dementen und altersbedingt verwirrten Menschen sowieso nichts Menschliches fremd ist, weiss ich die Einlassung meines alten Schwiegermütterchens – Produzentin der republikweit allerbesten Blaubeer-Pfannkuchen – richtig einzuschätzen und beschließe, beim nächsten Besuch mal mein DDR-blaues T-Shirt mit der Aufschrift „Brigade der sozialistischen Arbeit“ anzuziehen.

Für mich interessant: meine anthropologischen Feldstudien in EINER Familie mit zwei Sorten Bourgeois durchführen zu können. Sowohl die klassischen Exemplare voller Standesdünkel und Klassenarroganz als auch menschlich korrekte Vertreter ihrer Klasse, die einfach Fachleute der kapitalistischen Geldvermehrung sind, weil das die Welt ist, in die sie geboren wurden und in der sie für sich das Beste rausholen. Opfer des Ausbeutersystems sind sie (genau wie die lohnabhängige Klasse sowieso) beide, selbst wenn sie sich auf der Gewinnerseite der gesellschaftlichen Hierarchie wähnen.

Familiengeschichte: Der kommunistische Onkel

Der Bruder meines Großvaters war ein sympathischer, humorvoller Mann. Er sprach französisch, konnte gut Gitarre spielen und hatte reichlich Geschichten auf Lager. Als in Deutschland die Faschisten an die Macht kamen, ging er nach Frankreich und schloß sich dort der Résistance an.

Eine Geschichte, an die ich mich erinnere, geht so: als die Gestapo im besetzten Frankreich in dem Ort erschien, wo mein Onkel (in Wahrheit mein Großonkel, aber wir nannten ihn nur “Onkel W.”) untergetaucht war und nach deutschen Deserteuren und Widerstandskämpfern suchte, wurde auch er kontrolliert. Er sprach zu dem Zeitpunkt allerdings schon so gutes Französisch, dass er als Franzose durchging und so der Verhaftung entging.

Mein Onkel hatte einen Makel: er war Kommunist. Was genau das war, wurde uns Kindern nicht erklärt, aber es wurde gewissermaßen hinter vorgehaltener Hand kolportiert, quasi als wichtige, wenn nicht entscheidende Zusatzinformation zu der Person Onkel W.

Für mich hatte er dadurch immer ein unsichtbares Hologramm über sich schweben, in dem abwechselnd Stalin, Ulbricht, Mauer & Stacheldraht und arme, graue, unterdrückte Menschen auftauchten, die alle nach Freiheit lechzten (allerdings wußte ich genauso wenig, was “Freiheit” war; außer das sie – die Freiheit – “bei uns” auf jeden Fall herrschte und von Kommunisten aus reiner Bösartigkeit abgeschafft werden sollte).

All das brachte ich nicht mit dem sympathischen, großzügigen, humorvollen Onkel zusammen, zumal er obendrein ein Eigenheim in einem Hamburger Vorort besaß. Und das passte nun GAR NICHT zusammen mit dem, was ich über den Kommunismus wusste. Wollten denn die Kommunisten nicht allen alles wegnehmen und das Eigentum abschaffen? Was mir auch nicht klar war: wieso kämpften die Kommunisten gegen die Nazis, wenn doch Kommunismus und Nationalsozialismus das Gleiche und beide darauf aus waren, die Menschen zu unterdrücken, einzusperren und ihrer Freiheit zu berauben?

So richtig erklärt wurde das nie; Familienkonsens war allerdings, dass die Kommunisten (jedenfalls in Gestalt von Onkel W.) insofern besser sind als die Nazis, als sie diese abgelehnt und bekämpft haben. Ganz so, wie die WIRKLICHEN Widerstandskämpfer, die Sozialdemokraten, zu denen mein heldenhafter Großvater mütterlicherseits gehörte, der dafür in Gestapo-Haft und im Strafbatallion 999 büßen musste.

Unter der Hand schwang in den (seltenen) familiären Gesprächen über dieses Thema immer mit: Beide, Sozialdemokraten und Kommunisten, haben Widerstand geleistet, aber den Kommunisten haftet der Makel an, dass sie ja im Grunde totalitär sind, eine Diktatur anstreben und überhaupt gegen “die Freiheit” sind.

Leider ergab sich selten ein Besuch beim Onkel; er schwebte zwar wie ein roter Satellit im Orbit der Familie, hatte aber wenig Kontakt zu den Enkelkindern seines Bruders. Sein Nimbus als Kommunist hatte für mich gleichzeitig eine gefährliche und faszinierende Aura. Durch den Wegzug aus Hamburg (zu dem Zeitpunkt war ich 13 Jahre alt) verlor sich der Kontakt ganz. Ein paar Jahre später starb er und anschließend erfuhren wir, dass er jedem von uns 10.000 DM vererbt hatte. Einfach so.
———–
Ich glaube, heute bin ich für meine Verwandtschaft “der kommunistische Onkel”. Leider hab ich außer ein paar Zeichnungen nichts zu vererben, aber das wird von Kommunisten ja auch nicht erwartet.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Willst du meine Frau werden?

Frau H. aus der “Tagesgruppe Demenz” kommt beinahe jeden Tag mit einer neuen Hiobsbotschaft zu mir. Mal haben unbekannte Diebe ihr das Geld gestohlen, die Handtasche kaputt gemacht oder die Zigaretten versteckt, dann wieder haben “die Chefs” ihr angekündigt, dass sie evakuiert werden muss und ihr Zimmer im Heim verliert. Auch aus der eigenen Verwandtschaft droht ihr Ungemach: ein zusätzlicher Sohn, den sie bis gestern noch nicht hatte (sie hat zwei Töchter und einen Sohn, alle mir persönlich bekannt), hätte jetzt ihr Haus verkauft und sie auf die Straße geworfen. Die Schreckensnachrichten, die sie überbringt, sind Ausdrucksformen der großen Ungewissheit und Verunsicherung durch die dementielle Veränderung, die sich in ihrem Geist vollzieht.

Bei einer Rauchpause auf dem Balkon sieht sie mich an und fragt: “Bist du auch manchmal so isoliert? Ich kenn mich überhaupt nicht mehr aus…” Sie fasst sich an den Kopf. “Mein Kopf fühlt sich an, als ob der mit heißem Wasser übergossen wird…”

“Nicht wegen der Verbrennung, sondern wegen des Gefühls, dass sich alles zusammenzieht und zusammenschrumpft, oder?” frage ich nach.

“Ja, genau!”, erwidert sie, “Ich fühle mich so alleine und will dann nur noch den Kopf anlehnen und die Nähe von jemandem suchen… Ich fühl mich ganz verrückt… Wenn ich dich nicht hätte, würde ich nur noch verrückt sein…”

Wir rauchen schweigend unsere Zigaretten zu Ende und gehen wieder in die Gruppe zurück. Trotz der soeben mitgeteilten Gefühle – oder vielleicht WEIL sie sie mitgeteilt hat – wirkt Frau M. plötzlich munter und gutgelaunt.

Wir spielen ein paar alte Schlager, von denen sie jeden einzelnen mitsingen kann. Als “Ganz in weiß” von Roy Black erklingt, stimmt sie mit Inbrunst ein und wendet sich anschließend an den neben ihr sitzenden Herrn J. Sie streicht ihm über die Wange und fragt zärtlich: “Willst du meine Frau werden?”

Herr J. meint wohl, er hätte nicht recht gehört und fragt nach: “Wie bitte!?”

“Du hast schon richtig gehört, ich hab dich gefragt, ob du meine Frau werden willst!”

Herrn J. ist es scheinbar egal, dass er gar keine Frau ist; er beantwortet Frau M.s Ansinnen mit einem brummigen “M-m” und schüttelt kurz den Kopf. Damit ist die Sache für ihn erledigt. Frau M. nimmt’s ihm nicht übel; sie hat trotz Demenz ordentlich den Schalk im Nacken und hat die Anfrage ohnehin wahrscheinlich als Scherz gemeint. Da steckt die Friseurin den Kopf zur Tür herein und ruft Frau M. in den Friseursalon, und dieser Termin ist wichtiger als Hochzeitspläne und mysteriöse Diebe.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Tag der Befreiung

Auf der Arbeitsstelle.

Ich so: “Dass man am 8. Mai hierzulande überhaupt arbeiten muss, statt zu feiern, ist schon mal scheisse…“

Kollegen so (ahnungslos glotzend): „?“

Ich: „Leute! TAG DER BEFREIUNG VOM FASCHISMUS! Schon mal davon gehört, dass an diesem Tag die faschistische Wehrmacht und der ganze Nazi-Spuk endgültig besiegt war?“

Kollegen unisono: „Achso, murmel, murmel, jaja, schon gut“ (Gedankenblasen: „Jetzt fängt der schon wieder mit seinen linksradikalen Agitation an, seufz“).

Ich: „Ihr seid echt die Ahnungslosen. In der DDR war das ein Feiertag, und selbst heutzutage wird es – zum Beispiel auf meiner vorigen Arbeitsstelle in Weimar – als besonderer historischer Tag gewürdigt…“

Junger Kollege, gerontopsychiatrische Fachkraft und nicht dumm: „Ja, aber das war doch nur wegen der Russen und der DDR da ein Feiertag. Für die Deutschen war das doch eine Niederlage.“

Ich so, innerlich: „Ich will hier weg!“

Beobachtungen im Gentrifizierungscluster

Straßenszene Oberkassel, direkt vor meiner Haustür:

Ein superflacher orangener Lotus Rennwagen kommt die Straße entlang gerollt. Das Röhren seines Motors ist meilenweit zu hören und erinnert an ein Flugzeugtriebwerk.

Der stiernackige, kahlköpfige Fahrer fährt Schritttempo, damit alle ihn und seine Geschlechtsteilerweiterung bewundern können. Wahrscheinlich ist er überzeugt, im unausgesprochenen aber umso sichtbareren Stadtteil-Wettbewerb um das dickste und teuerste Auto fett zu punkten. Gegen DIESE röhrende Mordsmaschine sind all die Porsche Cayennes, Luxus-BMWs, Protz-Daimler und sonstigen SUVs, die hier die Straßen säumen, Allerweltsautos.

Mein Hündchen ist entsetzt und verkriecht sich unter der Bank, auf der ich sitze.

Kaum verklingt das infernalische Motorengeräusch in der Ferne, taucht ein riesiger schwarzer Jeep oder Landrover auf. Das Fahrzeug ist nagelneu, die Räder so sauber als kämen sie direkt aus der Fertigung. Mit riesiger weißer Schrift steht „ALL TERRAIN DRIVE“ oder sowas auf jedem einzelnen Reifen. Der Geländewagen (der erkennbar nie auch nur einen Feldweg von weitem gesehen hat) hält vorschriftswidrig aber wirkungsvoll an der Straßenecke, wo er durch seine schiere Masse die halbe Straße versperrt.

Heraus steigt ein Stadtmännchen mit weißem Hemd und feinen Schuhen, zurückgegelte Haare in der etwas zu langen Länge, die Medienschaffende und Freiberufler gerne als Ausweis ihrer Unangepaßtheit und Individualität tragen. Es öffnet wichtigtuerisch die Heckklappe und entnimmt ihr irgendwelche Tüten, die es in die Boutique an der Ecke bringt.

Hündchen und ich betrachten uns das Ganze wie eine Vorabend-Soap. Ich stelle Überlegungen an über die Korrelation zwischen Penislänge und Fahrzeuggröße (ich vermute einen umgekehrt proportionalen Zusammenhang) und sinniere über den Seelenzustand von Zeitgenossen, die solche Wagen als Blechkleider nutzen.

Ergebnis: ich freue mich jetzt schon auf die heraufdämmernden Zeiten, in denen der Individualverkehr mit von fossilen Brennstoffen angetriebenen Fortbewegungsmitteln Geschichte ist.

Geschichten aus dem Pflegeheim: der GOLDENE FLOH und die Schwester im Spiegel

image

Heute war mal wieder Lieder-Raten dran in der “Tagesgruppe Demenz”. Das geht so: ich illustriere irgendeinen Schlager oder ein Volkslied am Flipchart, und währenddessen raten die Leute drauflos. Zeichnerisch kann ich dabei nicht immer sehr präzise oder ausführlich sein, weil es vergleichsweise schnell gehen muss – schon um die begrenzte Aufmerksamkeitsspanne meiner dementen Schützlinge nicht  überzubeanspruchen.

Wenn die richtige Antwort gefallen ist, spielen wir den Song per Spotify über einen Bluetooth Speaker ab (nebenbei: lauter Endgeräte von mir, die ich selber mit zur Arbeit bringe).

Als Anreiz gab es für die Gewinnerin heute den GOLDENEN FLOH, was gleichzeitig eine schöne Gelegenheit bot, über den Floh als solchen, Flohzirkusse und die Kunst des Flöhe-Fangens zu sprechen.

Musik ist bei der Betreuung von Dementen ein Schlüsselelement; die Verschaltungen im Gehirn sind offenbar so angelegt, dass die Regionen, die musikalische Erinnerungen speichern, zu den ältesten und dauerhaftesten Gedächtnis-“Datenbanken” gehören (deshalb können auch hochdemente Menschen immer noch die Wiegen- und Kindheitslieder aus ihrer frühesten Vergangenheit erinnern und mitsingen). Es kann passieren, dass die Erinnerung an Lieder und Klänge auch andere scheinbar nicht mehr zugängliche Erinnerungen wachruft oder anstößt.

Die Verbindung von visuellen Eindrücken – z.B. einer Zeichnung – zu akustischen ist allerdings eine andere Herausforderung, die vergleichsweise viel an logischer Verknüpfungsleistung und Abstraktionsfähigkeit erfordert. Von daher bin ich nicht verwundert, dass nur zwei Damen wirklich aktiv bei dem Ratespiel mitmachen. Die übrigen Teilnehmer verfolgen das Geschehen ebenfalls interessiert, können aber den Zusammenhang zwischen Bild und Lied(-erinnerung) einfach nicht herstellen, bzw. brauchen längere Zeit dafür.

So wetteifern Frau H. und Frau K. um den GOLDENEN FLOH, der letztlich an Frau H. geht, die 6 von acht Songs richtig bestimmt.

Frau H., meine gelegentliche Rauchpausen-Partnerin, wirkt heute insgesamt etwas durcheinander. Nach der Rate-Runde sitzt sie eine Weile still da und beschwert sich über das wiederholte Weinen unserer hochdementen Frau S.
Als es ans Mittagessen geht und wir den Tisch eindecken, beugt sich Frau H. plötzlich vor, dreht den Kopf in Richtung Geschirrschrank (eine alte Vitrine) und betrachtet aufmerksam und fast gebannt das Spiegelbild in den Glasscheiben.

Dan wendet sie sich an mich: “Sag mal, die Frau da, die zweite Frau von hinten – ist das meine Schwester? Die wohnt ja in Hamburg, dann ist die jetzt doch mich besuchen gekommen…”

Ich bin an “Alice hinter den Spiegeln” erinnert, und auch erstmal verdutzt über die offensichtliche Unfähigkeit von Frau H., zwischen Personen vor und hinter dem Spiegel zu unterscheiden. Vielleicht, denke ich, verwechselt sie ja ihr eigenes Spiegelbild in der ungewohnten Reflexion des Geschirrschrankes mit dem Bild ihrer Schwester, die ihr ja vermutlich ähnlich sieht.

Ich antworte ihr: “Das ist die Spiegelung von uns allen hier, in der Glastür, Frau H. Das sind SIE, und die anderen, die hier am Tisch sitzen!”

Das akzeptiert sie aber nicht als Antwort. “Nee, ich meine nicht mich, ich kann mich schon selber erkennen! Ich meine die Frau da hinten!! Das ist doch meine Schwester! Dann hat die das doch endlich geschafft, mal herzukommen!”

Ich merke, dass hier kein Beharren auf Wahrnehmungskonventionen des “normalen” Verstandes möglich ist, und versuche es anders. Zunächst mal akzeptiere ich Frau H.s Version, dass sich in der Realität hinter den Spiegeln eine Person manifestiert, die in ihrer Erinnerung eine große Rolle spielt (allerdings meine ich mich auch zu erinnern, dass sie die in ihrer Familie die einzige Überlebende ihrer Generation ist). Ich frage: “Lebt ihre Schwester denn überhaupt noch?”

“Ja klar!”, kommt sofort die Antwort, „Die ist doch gerade erst nach Hamburg gezogen, weil sie da geheiratet hat…!”

Das verschafft mir Klarheit darüber, dass in Frau H.s Wahrnehmung eine zeitliche Verschiebung stattfindet, denn ihre Schwester – wenn sie überhaupt je in Hamburg geheiratet hat – hat dies wohl eher vor 50 oder 60 Jahren gemacht und nicht “kürzlich”. Gleichzeitig gewinnt die Realitätsverschiebung eine sozusagen magische Dimension durch den Raum, in dem Frau H. sie stattfinden sieht: das geheimnisvolle Land hinter dem Spiegel, dessen Lichtreflexe, Schemen und unscharfen Konturen sicher eine gute Analogie zum inneren Erleben eines dementen Menschen darstellen.

Letztlich löst sich alles von alleine: der Essenswagen wird aus der Küche hochgebracht und der Geruch von Reibekuchen erfüllt den Tagesgruppenraum. Frau H. kümmert sich nicht weiter um ihre Schwester und vertilgt mit großem Appetit die leckeren Reibekuchen mit Apfelmus.

image

Die hilflosen Versuche bürgerlicher Demokratie-Fans, ihr Reich der Freiheit gegen die dummen AfD-wählenden Ossis moralisch aufzurüsten

Mein Kommentar zu einem grundbescheuerten Text auf der liberal-freiheitlich-anständigen anti-rassistischen Facebookseite „Hooligans gegen Satzbau“:

Hilfloser Versuch, dem berechtigten Unmut der Leute (nicht nur im Annektionsgebiet) über die Herrichtung ihres Landes zum BRD-Protektorat mit Dauerniedriglöhnen mit den abgestandenen neoliberalen Floskeln von der „Demokratie“ als einzigem Hort von Selbstverantwortung und Lebenschancen zu kommen, in dem es leider „keine Sicherheit“ und „keine Garantie“ geben könne und – dümmer geht immer – „keinen der für euch denkt und für euch lenkt“.

Als ob nicht jeder großdeutsche Lohnabhängige ganz genau diejenigen kennenzulernen gezwungen ist, die für ihn denken und lenken: die heißen nämlich „Vorgesetzte“, „Chef“, „Firmenleitung“ usw.

Und wird der Lohnabhängige im Reich der Freiheit von der Freiheit befreit, sich für einen Dienstherrn nützlich zu machen, erfährt er erst recht, wer da ziemlich umfassend für ihn denkt und lenkt: nämlich das Jobcenter, das Sozialamt und andere Einrichtungen der staatlichen Armutsbetreuung.

Texte wie dieser läppische Moralappell lesen sich wie Pfeifen im Walde von Blinden, die sich verlaufen haben und jedes „Huhu“ eines Käuzchens fürchten; vor lauter Unverständnis und Desorientiertheit sagen sie sich und anderen ihren marktwirtschaftlichen Katechismus von „Freiheit! Selbstverantwortung! Jeder seines Glückes Schmied!“ auf.

NICHT tauglich ist der Text als Hinweis an die Verarschten und Enteigneten im Osten, dass die Unterstützung einer protofaschistischen völkischen Partei wie der AfD ein Fehler ist, wenn sie ihre Interessen gegen diejenigen durchsetzen wollen, die ihnen Land und (Volks-)Eigentum geraubt und sie in die BRD-Kapitalverwertung eingegliedert haben.

——————————————————-

Der Text von „Hooligans gegen Satzbau::

Wer heute im Osten die AfD wählt, hat die vor 30 Jahren errungene Freiheit nicht verstanden. Damals wolltet ihr im Osten dasselbe haben, was es im Westen gab. Ihr wolltet all die tollen Produkte, ihr wolltet reisen. Dass der Preis dafür die Sicherheit ist, kam euch damals nicht in den Sinn. Die Sicherheit, dass es zwar nicht viel, das aber wenigstens zuverlässig gibt. Unter der Woche arbeiten, am Wochenende Würstel grillen. Die perfekte Kleinbürgerlichkeit. 

Auf einmal hattet ihr die große Freiheit, mit allem was dazugehört. Aber so habt ihr euch das doch nicht vorgestellt. Eure kleine Wochenend-Grillwurst-Welt ist plötzlich in Gefahr, weil mit der großen Freiheit eben nichts mehr selbstverständlich war. Vielmehr müsst ihr euch nun auf dem Spielfeld der Demokratie bewegen, die so viel mehr zu bieten hat, als euch lieb ist. Sie macht euch nun Angst und ihr versteht das alles nicht. Ihr versteht die Draufsicht auf dieses Land nicht, auf Europa und die Welt. Genauso wenig, wie ihr sie damals verstanden habt. Ihr wolltet einfach nur mehr haben. Nichts anderes wollt ihr jetzt. Mehr für euch, und das mit Sicherheit. All das, was euch angeblich zusteht. Doch so läuft es in einer Demokratie nunmal nicht. Es gibt keine Garantien und keine Sicherheit. 

Keinen, der für euch handelt und entscheidet. Keinen, der für euch denkt und euch lenkt, aber genau das scheint es ja zu sein, was ihr wollt. Und weil ihr das nicht zugeben könnt, bezeichnet ihr die Freiheit als Diktatur, eure Unfähigkeit als Unterdrückung, eure Unwissenheit als Indoktrination. Dabei liegt es nur an euch! Eure Neid-getriebene Weltsicht ist es, die euch beschränkt. Nicht der Fremde, der hier „nicht hingehört“ und nicht der Andere, der „mehr hat als ich“. Der Neid – damals wie heute – ist es, der euch verdirbt. Zum großen Leidwesen der Nicht-AfD-Wähler, die es im Osten sehr wohl auch gibt. Liebe Nicht-AfD-Wähler, gebt noch nicht auf. Redet, überzeugt, diskutiert, seid lauter als das Bier und die Würstel.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Krieg der Sterne

Auf Wunsch der Bewohner (EINIGER Bewohner, muss ergänzt werden) wurde in der wöchentlichen Filmvorführung diesmal “Star Wars Episode 1” gezeigt.

Am Montag hatten sich einige Bewohner beschwert, dass “immer nur alte Filme” gezeigt würden und auf meine Nachfrage, was sie denn mal gerne sehen würden, bekam ich vom Sprecher des Bewohnerbeirates zu hören: “Science Fiction Filme!” Eine Abstimmung unter den anwesenden 12 Teilnehmern der Sitzgymnastik-Runde, in der das Thema aufkam, erbrachte eine solide Mehrheit für “Krieg der Sterne”.

Außer zwei oder drei hatten die Kinogäste noch nie von dem Epos gehört, so daß ich einleitend und vorsichtshalber ein paar einleitende Worte zu dem märchenhaften und ungewohnt schnellen und manchmal kriegerischen Charakter der nun folgenden Bilder sagte.

Frau S. hatte schon beim Reinkommen über den Titel die Nase gerümpft. “Krieg? Vom Krieg hab ich genug, das muss ich mir nicht mehr ankucken!”

Episode 1 beginnt ziemlich abrupt mit einem Kampf zwischen zwei Jedi-Rittern und einer Horde Droiden, denen die beiden mit Laser-Schwerten zu Leibe rücken. Zwei Damen verließen daraufhin den Saal; eine davon machte mich mit ihrem Kommentarauf eine Tatsache aufmerksam, die ich überhaupt nicht berücksichtigt hatte: “Diese Blitze die ganze Zeit, das machen meine Augen nicht mit, da flackert alles vor meinen Augen…”

Nach ca. 45 Minuten begannen die ersten, den Raum zu verlassen (die Vorführungen sind auf 1 Stunde begrenzt, wegen der Aufmerksamkeitsspanne und der anschließenden Herrichtung des Raumes fürs Abendessen).

Etwa zwei Drittel der Anwesenden blieb bis zum Schluss (die Szene, wo Qui-Gon Jinn den Deal mit Watto über die Beteiligung Anakins am Pod-Race macht).

Ich frage in die Runde: “Und? Wie fanden Sie das? Wer möchte nächste Woche die Fortsetzung schauen?”

Zwei Personen heben die Hand.

Wir beginnen mit dem Rücktransfer der Leute auf die Wohnbereiche und dem Aufräumen des Großen Speisesaals. Eine Weile später kommt eine russische Kollegin hinein und sagt: “Sag mal, was hast du mit den Bewohnern gemacht? Die beschweren sich alle über den Film!”

Ich beschließe, die Fortsetzung eher in einer kleinen Runde eingeschworener Star Wars Cineasten zu zeigen und fortan wieder zu den bewährten alten Heinz-Rühmann-Schwarzweiss Filmen und ähnlichen Werken vergangener Unterhaltungskultur zu greifen. Ausnahmen ausgenommen 🙂

Geschichten aus dem Pflegeheim: Warum feiert man dieses “Osterfest”?

In einer diakonischen Einrichtung ist es unvermeidlich, die jahreszeitlichen christlichen Feiertage als Thema aufzugreifen. Es wird sogar erwartet vom Pflege- und Betreuungspersonal; folglich ist der Wochenplan voll von allen möglichen Angeboten rund um das Osterfest der Christen.

Auch an der „Tagesgruppe Demenz“ geht dieser Kelch nicht spurlos vorüber und ich sehe mich veranlaßt, das vormittägliche Beisammensein mit allerlei Schabernack rund um Begriffe wie „Ostereier“, „Osterhase“, „Kreuzigung“ und „Auferstehung“ zu bestreiten.

Zunächst will ich aber mal feststellen, inwieweit meine demente Truppe überhaupt Ostern als religiöses Fest auf dem Schirm hat. Ich frage also in die Runde: „Warum feiern wir denn eigentlich Ostern?“

Ratlose Gesichter schauen mich an. „Ostern“ als Begriff ist allen noch irgendwie bekannt, aber was da gefeiert oder begangen wird, fällt keinem ein.„Wegen den Kindern!“ ruft Frau H. plötzlich. Das öffnet die Erinnerungsschleusen auch bei ein paar anderen. „Damit die die Ostereier suchen können!“ und „Weil der Osterhase  die Eier bringt!“ höre ich.

Ich bin erfreut über die laizistische Einstellung meiner Gruppenteilnehmer, will es aber genau wissen (zumal ich weiß, dass fast alle jede Woche am Gottesdienst teilnehmen, obwohl die meisten da wohl aus Langeweile und Mangel an alternativen Freizeitangeboten hingehen):„Das ist ja ein christliches Fest“, beginne ich. „Weiß jemand, was der Anlass für diesen Feiertag ist?“
Schweigen im Walde.

Herr J. macht sich bemerkbar, indem er sich den Stoppelbart kratzt und den Kopf hin- und her wiegt. Die anderen schauen zu ihm hin, in der vagen Erwartung, dass der einzige männliche Gruppenteilnehmer ihnen nun Erleuchtung verschafft. Die Hoffnung trügt. „Da bin ich überfragt!“, sagt Herr J. kurz und trocken, im Tonfall eines Experten, der dem laienhaften Fragesteller signalisiert, dass die Frage soviel wert ist wie die nach der Anzahl der Sandkörner am Rhein.

Es hilft also nichts, ich muss meinem diakonischen Bildungsauftrag zur Vermittlung der christlichen Grundwerte und der einschlägigen Sagen und Fabeln nachkommen. Ich lese die Ostergeschichte vor, aus einem schon extrem simplifizierten Buch namens „5-Minuten-Geschichten für Menschen mit Demenz“ o.ä. Diese Geschichten sind gar nicht mal übel; in simpler, aber nicht die Zuhörer für dumm verkaufenden Sprache geschrieben.

Natürlich bleibt auch in dieser zusammengedampften Version der Kern des Christenglaubens unberührt: ein junger Jude – dessen Mutter (erste Absurdität) ohne Sex oder väterlichen Beitrag mit ihm schwanger wird – wird als Aufrührer von der römischen Besatzungsmacht und mit Unterstützung des einheimischen religiösen Establishments hingerichtet und steht drei Tage später wieder von den Toten auf.

Meine Zuhörer lauschen gebannt der Geschichte, die ihnen auch irgendwie bekannt vorkommt, sind aber – obwohl sie wohl alle christlich erzogen wurden – nicht restlos überzeugt. Ich hake nach: „Gibt’s das denn, dass ein Toter wieder lebendig wird?“Die Runde schaut mich an, als ob ich gefragt hätte, ob Fische reden könnten.

Jetzt will ich noch herauskriegen, inwieweit die christliche Prägung noch in den mehr oder weniger demenziell veränderten Gehirnen meiner Leute wirksam ist. „Das ist immerhin ein ganz wichtiger Punkt des christlichen Glaubens…“, sage ich.

Die Antwort ist eindeutig: „Das ist doch Quatsch!“, sagt Frau K. Ein paar andere schütteln die Köpfe. „Was ist denn das hier für ’ne Märchenstunde?“ wirft Frau M. ein. Die anderen grinsen zustimmend.

Das Schöne an der Wahrnehmung von dementen Menschen ist, dass sie meistens und im Wesentlichen im Moment leben. Die erlernten Konditionierungen und Gedankengebäude bröckeln, lösen sich auf, verflüchtigen sich – gelegentlich bis hin zu einem Zustand, in dem auf keinerlei soziale Konventionen mehr Rücksicht genommen wird, weil die Erinnerungsbasis für solche übereinkunftliche Verhaltensmuster nicht mehr existiert.

Das ist für die Betroffenen oft mit schmerzhaften (weil unverständlichen) Erlebnissen verbunden und für die Umgebung auch nicht immer einfach. Was die direkte, spontane Äußerung von Empfindungen betrifft – jedenfalls soweit die Demenz noch keinen Zustand erreicht hat, in dem auch die Sprachfähigkeit verschwindet – sind demente Menschen allerdings eine ergiebige Quelle schonungslos ehrlicher, oft sehr humorvoller bis drastischer Kommentare, Anmerkungen und Einsichten.