Das Sandfrauchen ist da

Eben die letzten zwei, drei Minuten der Merkel-Ansprache an die Nation gehört. Ich weiß ja nicht, was die Frau vorher gesagt hat – das, WAS ich gehört habe, hat mich ziemlich sprachlos gemacht. Sprachlos nicht wegen des belanglosen, pfaffenhaftem Beschwörens der Volksgemeinschaft, die nun zusammenstehen müsse und dergleichen Politikersprech mehr, das man gewohnt ist von den regierenden Nationalisten.

Sprachlos gemacht hat mich der Tonfall, die Sprechmelodie, das aufgesetzte beruhigen-wollende Salbadern dieser Machtpolitikern: sie spricht zu ihren Untertanen wie eine Pflege- oder Betreuungskraft zu schweren Fällen von Demenz. Oder wie eine Kindergärtnerin zu ihren Vorschulhosenscheissern.

Offensichtlich hält diese Herrscherin ihr Volk für durchweg debil, unmündig und begriffsstutzig – und deshalb einer Ansprache bedürftig, die mit langsamen, kindgerechten Gemeinplätzen die Gemüter beruhigt und alle schön schlafen läßt.

Mag sein, dass ich beruflich vorbelastet bin. In der Arbeit mit dementen Menschen nennt man das Eingehen auf ihre dementiell veränderte Welt, das Bestätigen ihrer orientierungslosen Verlorenheit in einer zunehmend fragmentierten subjektiven Wirklichkeit, „Validation“ – eine zugewandte Kommunikationstechnik, die dem Gegenüber nicht Widerspruch (auch bei eindeutigen nicht in der „normalen“ Realität fundierten oder Wahnvorstellungen) zumutet, sondern es dort „abholt“, wo es sich befindet.

Dieser Technik bedient sich Merkel in ihrer Ansprache an die Beherrschten.

Corona: Umgang mit der Pandemie in West und Ost

Je mehr man über den Umgang der Staaten mit der Corona-Krise liest und hört, umso deutlicher wird:

Der „Wertewesten“ reduziert sich in der Krise auf nationalen Egoismus, Offenlegung der maroden und kaputtprivatisierten Gesundheitssysteme, Hilfen für das Kapital bei gleichzeitiger „Privatisierung“ der Shutdown-Auswirkungen für die Bevölkerung, und eine generelle „Rette sich wer kann“-Mentalität auf staatlicher und privater Ebene (bei paralleler floskelhafter Beschwörung des „Zusammenhalts“, der „Gemeinsamkeit“ und anderer Sprechblasen, mit denen die nationale Arbeitsmannschaft aufs Durchhalten und Funktionieren eingenordet werden soll, klar).

Praktische Solidarität und wirkliche Hilfe kommt von den medial Verfemten der imperialistischen Weltordnung:

Kuba, Venezuela und vor allem China.

Jeder der will kann es sehen: der Westen ist im Arsch, die EU ist am Ende, während der Sozialismus in der Lage ist, angemessen auf eine Krise dieser Dimension zu reagieren.

Der Coronavirus bringt es an den Tag: Chines’ und Perser – unfähig!

Darauf hab ich gewartet:

Nach dem CHINESEN, der bekanntlich nicht nur die Corona-Pest über die Welt brachte (dass das Virus aus einem US-Biowaffenlabor entwichen sein soll, wie der chinesische Außenministerium jetzt nahelegt, ist natürlich eine typisch kommunistische Verschwörungstheorie) zeigt sich nun auch der IRANER von seiner ganzen antiwestlichen wertefeindlichen Seit.

Er hat nämlich das Coronavirus erstens nicht unter Kontrolle , zweitens tut er nichts und  obendrein gibt er drittens noch dem Ausland die Schuld!
Das liegt natürlich daran, dass der Iraner keine Regierung, sondern ein REGIME hat.

Während z.B. die italienische Regierung den Coronavirus voll unter Kontrolle hat und die deutsche Regierung handelt dass es kracht, herrscht beim Perser – typisch Mullahs! – das nackte Chaos.

Fehlt nur noch der Russe. Bei dem wird das Virus erst recht endgültiger Beweis für die ganze unverbesserlich-bolschewistische Verschlagenheit dieses Menschenschlages sein. Zum Glück ist die freiheitsverteidigende Abwehrmaßnahme “Defender 2020” an der iwanesischen Westgrenze nur eingefroren, so daß wir bei Bedarf den Russen vom Corona- und vom Putinvirus gleich mit befreien können.

Ideologie.

Feindwort bei Leuten, die sich für ideologiefrei halten. Keine Ideologie zu haben, unideologisch an die Sachen heranzugehen, ist ihre Ideologie. Ideologen sind nur die anderen – und die sind durch diesen Zustand bereits so abqualifiziert, dass man sich jede Erörterung der Inhalte ihrer Ideologie im Grunde ersparen kann.

Dass das Wort bloß „Ideenlehre“ bedeutet und einfach die Ausstattung mit Anschauungen, Werten usw. bezeichnet, die sich ein Verstand im Laufe seines Daseins unter dem Einfluß seiner Umwelt und seiner Erfahrungen so zurechtlegt, ist unseren ideologiefreien Ideologen zu einfach – für sie ist „Ideologe!“ ein Kampfbegriff, der den begrenzten geistigen Horizont des so Benannten kennzeichnen soll.

Die Ideologie, derzufolge Kapitalismus die natürliche Ordnung des Menschen und seiner Wolfsnatur sein soll und als solche auch noch gleich den alternativlosen Endzustand der menschlichen Geschichte darstellt, weist empört die Unterstellung zurück, Ideologie zu sein: gerade sie nimmt sich ja die Freiheit, die Welt unideologisch anzuschauen, ohne die Scheuklappen einer bestimmten Ideologie – und kommt so frei und vorurteilslos zu dem Schluss, dass nur die kapitalistische Ordnung der Welt dem freien, nicht von einer Ideologie eingezwängten Bürger gemäß ist.

So hat sich das bürgerliche Gemüt ganz ideologiefrei zu der Erkenntnis vorgearbeitet, dass es in dieser wunderbaren Welt der (Ideologie-)Freiheit bestens aufgehoben ist und singt, frei wie ein Vögelchen, das Lied der Freiheit noch, während die Käfigbesitzer schon im Kochbuch blättern.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz

Interessant für alle, die mit dementen Menschen arbeiten.

Der neue Expertenstandard („Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“) ist eine Art verbindliche Richtlinie zur Qualitätssicherung, die die Pflege und Betreuung von dementen Menschen bundesweit auf eine wissenschaftlich fundierte und an die Bedürfnisse der Betroffenen angepaßte Grundlage stellen soll.

Was in dem Werk drinsteht, bedeutet – theoretisch – nichts weniger als einen Paradigmenwechsel: weg von einer durchführungs-orientierten, hin zu einer person-zentrierten Pflege und Betreuung.

Demenz wird nicht mehr als medizinisches Problem betrachtet, sondern als Frage der Beziehungsgestaltung.

Soweit die Theorie.

Das Ganze liest sich teilweise hochgelehrt und kompliziert und wird in dieser Form von keinem in dem Berufsfeld tätigen Kollegen verstanden. In meiner Einrichtung bin/war ich vermutlich der einzige, der das Werk durchgelesen hat.

Das Problem ist, dass die durchaus positive und humane Vision dieses Expertenstandards das ziemlich exakte Gegenteil der Realität in den Pflegeeinrichtungen ist. Die Arbeitskräfte in diesem Berufsfeld müssen mit immer zu niedrigem Personalschlüssel, Arbeitsverdichtung, Niedriglohn (soweit es die Betreuung betrifft), ausufernder Bürokratie und Dokumentationswahn, und ständigem Geldmangel an allen Ecken und Enden zurechtkommen – wo da die Zeit und die Bereitschaft zu der von dem Expertenstandard geforderten Umorientierung zu Empathie, Beziehungsgestaltung, Zugewandtheit usw. herkommen soll, bleibt das Geheimnis der wohlmeinenden Verfasser des Werkes.

Wie Michael Schneider in seinem Vortrag (als Audio auf der Website eingebunden – Branchenkollegen kann ich nur empfehlen, sich das anzuhören) sagt:

„In einem auf Maximalgewinn getrimmten System kann das große Geld nur da verdient werden, wo am Personal gespart wird; also wird es dort verdient“

https://alzheimer.ch/de/wissen/bildung/magazin-detail/613/der-expertenstandard-koennte-als-satire-durchgehen

Umweltsau, Böllerverbot und Klassenkampf

Diese Umweltsau- und Böllerverbotsaufregermeldungen wirken auf mich wie eine weitere Sau, die durch das (Soziale-)Mediendorf getrieben wird. Jeder kann seinen ehrlich empörten oder locker abwinkenden Senf dazugeben.

Die wenigsten bemerken die ideologische Gesamt-Orchestrierung des Ganzen, die eine bestimmte Sichtweise ins Recht setzen will; und zwar die, die im selbstgerechten Brustton der Weltretter ein „Houlier-than-thou“, ein Besserwissertum im Namen der guten Sache proklamiert.

Es gleicht einer Rekrutierung von genügend Dummen (und zwar solchen, die sich für schlau halten, weil sie „aufgeklärte Bürger“ sind) durch die Medienmacher und ihrer politischen und wirtschaftlichen Auftraggeber. Eine Rekrutierung für den ältesten aller kapitalistischen Zwecke: stramm stehen für den Erfolg der nationalen Kapitalvermehrung in den Händen derer, die sich „die Wirtschaft“ nennen, und die alle anderen von ihrem Erfolg abhängig machen.

Jetzt haben sie bemerkt, das ein versauter Planet letzten Endes zu hohe Kosten verursacht und ihre Kapitalakkumulation in Zukunft am besten mit „Green Deal“ und massenhaftem Investment in emissionsfreie bzw. erneuerbare Energien zu realisieren ist. Dafür braucht man ein gelehriges demokratisches Volk, dass sich seinen eigenen Schaden einleuchten lässt, wenn’s denn um die Rettung der Welt geht und „jeder seine Beitrag leisten kann (Subtext: und muß)“.

Denn dass die normale Bevölkerung den Schaden hat, indem sie die anfallenden Summen in Form von CO2-Steuern und diversen Abstrichen am Lebensstandard zu zahlen hat (und nicht etwa diejenigen, in deren Besitztum das gesamte Produktionsinventar ist, mit dem neben nützlichem und überflüssigem Zeug in nie gekanntem Maße Umwelt und Gesundheit von Mensch, Vieh und Fauna ruiniert wird) – das steht in dieser Gesellschaftsordnung von vornherein fest.

Das Schöne für die herrschenden Ideologen der jetzt demnächst aber garantiert ökomässig vorbildlichen Reichtumsvermehrung ist, das ihr eigennütziger Schmarrn als höchst gerechtes Menschheitsanliegen daherkommt und sich in den Köpfen der Leute bereits als dicke Nebelwand vor jede freie Sicht auf den immer notwendigeren Klassenkampf gelegt hat.

Beknackte Weihnachtswünscherei

Scheisse, jetzt fängt wieder diese beknackte Weihnachtswünscherei an. Sogar Leute, denen man das Vorhandensein aller Latten am mentalen Zaun unterstellt hat, werden plötzlich sentimental und denken, sie müssten die Mitmenschen anlässlich irgendeines christlichen Feiertags mit guten Wünschen eindecken, zu denen sie sich sonst höchstens anlässlich eines Krankenhausbesuches aufraffen.

Bitte verschont mich mit dieser rituellen Konzession an den Massengeschmack, werte Facebookfreunde, sonst gibt’s dieses Jahr kein Geschenk.

Die blaue Pille

Manchmal überlege ich mir – nein, ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich nichts wüsste von all dem, was täglich und grundsätzlich an Informationen aus der sozialen Realität auf mich einstürmt. Wenn ich so täte, als existierten die barbarischen Verhältnisse nicht, die zum Nachteil der Leute (jedenfalls derjenigen, deren Lebensunterhalt in den Berechnungen der Kapitaleigentümer als Kostenfaktor auftaucht) jedem Insassen der Marktwirtschaft als Sachzwänge gegenübertreten.

Offensichtlich kriegen recht viele Zeitgenossen das bestens hin; die Mehrzahl von ihnen, wenn ich mich so umschaue.

Ich könnte doch von jetzt auf gleich so tun, als lebte ich in der besten aller Welten. Ich könnte aufhören, Zeitungen zu lesen (kommunistische zumal), Fernsehen zu schauen (außer unterhaltsame Filme dann und wann); ich könnte die ganze Beschäftigung mit Hintergründen und Erklärungen für den Wahnsinn der Welt, das Interesse an Erkenntnissen und Erklärungen der politische Ökonomie drangeben und ein friedliches, selbstgenügsames Leben in der bürgerlichen Filterblase führen.

Dank der staatlich besiegelten Partnerschaft mit der besten Frau der Welt, mit der ich Bett, Wohnstatt und Kosten des Lebens teile, könnte ich ein von größeren Sorgen unberührtes Leben am unteren Rand der Mittelschicht führen; ein Leben in einer komfortablen Altbauwohnung im besten Viertel der Landeshauptstadt, mit ausreichend Geld für die monatlichen Fixkosten und – wenn nichts kaputt geht (Auto, Waschmaschine oder so) – alle zwei Jahre vielleicht sogar in Urlaub fahren.

Statt mich jedesmal von neuem aufzuregen über die immer dreisteren Sauereien der herrschenden Klasse könnte ich einfach sagen „Politik? Interessiert mich nicht!“ und mich damit von einer Menge innerer Unbehaglichkeit und Unzufriedenheit befreien.

Anstelle des Wunsches nach Abschaffung der Verhältnisse, die zum Schaden von Leuten wie mir, also der lohnabhängigen Mehrheit der Bevölkerung, eingerichtet sind, könnte ich den Wunsch nach komfortablerer EINRICHTUNG in diesen Verhältnissen kultivieren und mir damit eine Art seelisches Valium verpassen, mit dem es sich bestimmt reibungsfreier leben läßt. Kurzum: ich könnte die blaue Pille nehmen und vergessen, dass ich jemals andere Verhältnisse als die bestehenden angestrebt habe.

Aber ich kann’s nicht (mehr). Leider hab ich schon die rote Pille geschluckt. Und die besteht aus ein paar Erklärungen der gesellschaftlichen Reproduktion namens Kapitalismus, die zu Argumenten FÜR ein anständiges Leben für alle werden. Der Wirkstoff in der roten Pille besteht aus der Einsicht, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse von Menschen gemacht werden und keine Naturgesetze sind.