Nicht so bekannt wie ihre Fast-Namensvettern, aber deutlich düsterer: Die Brüder Grimmig.



Hermes: „Was lachst du, Charon? und was bedeutet es, dass du deinen Kahn im Stich gelassen hast und heraufgekommen bist, du, der bis auf diesen Tag so wenig gewohnt war, sich in die Angelegenheiten der Oberwelt einzumengen?“
Charon: „Es ist mich eine Lust angekommen, Hermes, zu sehen, was es mit dem Leben für eine Bewandtnis habe, was die Menschen darin treiben, und was für Dinge das sein können, deren Verlust sie alle beweinen, wenn sie zu uns kommen; denn noch habe ich keinen mit trockenen Augen überfahren sehen.
Ich bat mir also, wie jener thessalische Jüngling, auf einen einzigen Tag Urlaub vom Hades aus, meine Fähre zu verlassen, und so bin ich denn nur eben ans Tageslicht heraufgestiegen.
Es ist sehr glücklich für mich, dass ich dich hier antreffe; denn ich hoffe, du wirst dich’s nicht verdrießen lassen, mich in diesem fremden Lande zurecht zu weisen, und, da du hier wie zu Hause bist, mir alles Sehenswürdige zu zeigen.“
Lukian aus Samosata: Charon oder die Betrachtung der Welt
Charon: in der griechischen, später auch römischen Sage der Fährmann, der die Toten/die Seelen der Toten über einen Fluss zum Eingang in die Unterwelt bringt
Die gemeinsamen Parkspaziergänge, die der Hund und ich unternehmen, führen uns fast unweigerlich in den Feldmühlepark, der der erste und größte der Oberkasseler Parks ist. In letzter Zeit jedoch versuchen wir (d.h. ich, dem Hund scheint es egal zu sein), diesen Abschnitt unserer Runde zu vermeiden – zu oft gerieten wir gerade dort in merkwürdige temporale Verzerrungen bzw. Risse im Raum-Zeit-Kontinuum, die offenbar den Eintritt von außerirdischen Entitäten in unsere Welt ermöglichten und uns regelmäßig in Bewusstseinszustände jenseits des Alltäglichen beförderten. Mich jedenfalls, obwohl mir auch der Hund nach solchen Begebenheiten auf eine Weise verändert schien, die ich zwar nicht genau definieren, aber auch nicht leugnen kann.
Nun sind exaltierte und fremdartig-mysteriöse Bewusstseinszustände nichts, was mich schrecken könnte. Im Gegenteil, früher habe ich dergleichen förmlich gesucht und machte weder vor Drogen noch vor Gurus aller Art Halt bei dem Versuch, aus der Haut der Normalität heraus- und in das Magische Königreich der neuronalen Zwischenwelt hineinzuschlüpfen.
Heute, als gestandener Realist mit solider kommunistisch-materialistischer Weltanschauung, strebe ich weniger nach besonderen inneren Zuständen, dafür mehr nach einem friedlichen und anständigen Leben – und zwar für alle (deswegen Kommunismus).
Um den Faden wieder aufzunehmen: auf der heutigen Morgenrunde gelangten Hund und ich durch eine Reihe erratischer Zufälle und Umstände doch wieder in besagten Feldmühlepark. Wie vermutet, befand sich dieser immer noch in einer extra-temporalen Dauerschleife raumzeitlicher Divergenz, was sich in einem plötzlichen Anstieg der Wahrnehmungsintensität äußerte:
HINTER den Erscheinungen wurden, kaum dass wir den Park betreten hatten, strukturelle Muster sichtbar, die sich in pulsierenden Rhytmen bewegten und sich zu immer neuen Formen fügten. Manche dieser Formen zerflossen und zerronnen sofort wieder, andere schienen eine gewisse Stabilität zu erlangen, aufgrund derer dem Eindruck nach eine Zeitschleuse geöffnet wurde, aus der sich konkretere Formen, Erscheinungen und Wesen manifestierten.
Eine Reihe monströser, tentakelbewehrter Raumschiffe – Zeitmaschinen? – schwebten über den zum Park hinausgehenden Gärten der Häuser in der vornehmen Leostrasse (eine der begehrtesten und teuersten Adressen in Oberkassel) und verdrängten oder verdeckten diese teilweise. Wie bei den vorigen Phänomenen ähnlicher Natur gingen von den Flugkörpern hochfrequente Strahlen aus (wenn es denn Flukörper waren; sofern sie durch die Zeit reisten, wäre die Bewegung ja eine temporale, keine physische, so das man nicht unbedingt von einem „Flug“ sprechen kann).
Genau diese Strahlen waren es, oder schienen es zu sein, die die gesamte Szenerie in eine Aura von Unwirklichkeit und schwer zu benennender „Zeitlosigkeit“ tauchten. Einem Traum gleich, wirkte alles wie verwandelt und Dinge geschahen gleichzeitig in Zeitlupe und in unerhörter Geschwindigkeit.
Auf der Parkwiese fand gerade ein Yoga-Kurs statt. Die Teilnehmer bemerkten ganz offensichtlich überhaupt nichts von den Verschiebungen der Raumzeit und den erstaunlichen Veränderungen ringsum. Sie machten ungerührt weiter mit ihren Verrenkungen und ließen sich weder von einem abgerissenen alten Gaukler stören, der hinter ihnen ihre Bewegungen persiflierte, noch von meinem Hund, der sich auf der Wiese zwischen ihnen niedergelassen hatte und in einem Buch las.
Letzterer Umstand allerdings machte mich stutzig und veranlaßte mich, meine verbleibenden mentalen Kapazitäten auf das vage Gefühl konzentrieren, dass hier mal wieder etwas Grundlegendes in den Webfäden der Erscheinungswelt nicht stimmte. Seit wann können Hunde lesen? Von meinem jedenfalls war mir nichts dergleichen bekannt.
Auch dass leicht bekleidete Leute Anfang November in einem sichtbar von keinem Herbst heimgesuchten Park auf einer grünen Wiese Yoga machten, fiel mir plötzlich als anachronistisch und in höchstem Maße bizarr auf.
Zum Glück hatte ich auch diesmal wieder die Spezialbrille meines Großvaters dabei, die dieser in den langen Jahren, die er in Gefangenschaft einer hochtechnoiden und mystischen Alienrasse war, angefertigt hatte. Er war dort in einem extemporalen Straflager in einer subdimensionalem Zeitfalte inhaftiert, wo er freundlich behandelt wurde und Zugang zu der Alien-Technologie hatte. Auf diese Weise konstruierte er die Brille, die mir heute eine so praktische Hilfe ist. Überflüssig zu erwähnen, dass mein Großvater natürlich wusste, dass niemand ihm seine zugegebenermaßen fantastische Geschichte geglaubt hätte, weshalb er es von vornherein für weiser hielt, zu erzählen, er hätte all die Jahre „in russischer Kriegsgefangenschaft“ verbracht.
Dank der Brille und des stets aktiven Residuums von Restverstand am Grunde meines inneren Universums gelangte ich so unbeschadet aus der Zone der Zeitverschiebung. Diesmal, so versprach ich mir selber, wäre aber vorläufig das letzte Mal, dass wir diesen Park besuchen würden. Zu anstrengend (wenn auch aufregend und spannend) die jeweiligen Begegnungen der dritten, vierten oder wievielten Art auch immer, die dort auf uns warteten. Als ich diesen Entschluss dem Hund mitteilte, stutzte dieser nur kurz und antwortete dann „Egal, Hauptsache ich kann irgendwo kacken!“. Das machte wiederum mich stutzig, ja beinahe besorgt. Sollte etwa doch eine dauerhafter Auswirkung dieser Parkrunden beobachtbar sein? Wieso sonst würde der Hund mit mir sprechen? War es überhaupt der Hund oder fand all das nur in meiner Einbildung statt?
Ich blickte den Kameradin an und fragte: „Hast du eben mit mir gesprochen? Hast du das wirklich gesagt?“. Als Antwort erhielt ich ein verhalten freudiges Schweifwedeln und einen Stupser mit der kühlfeuchten Hundenase. Alles war wieder wie immer und der Tag konnte weitergehen.

In dem diakonischen Pflegeheim, in dem ich arbeite, haben sich Einrichtungsleitung und Sozialer Dienst das ehrgeizige Ziel gesetzt, an jedem Tag zwei Gruppenveranstaltungen – eine vormittags, eine nachmittags – für die Bewohner anzubieten. Das ist nicht immer einzuhalten, da die bekannt üble Arbeitssituation in den Heimen die Mitarbeiter in Pflege und Betreuung gleichermaßen beansprucht. Immer ist irgendjemand gerade krank, hat Urlaub oder fällt aus anderen Gründen aus. Außerdem muß ja auch noch die Einzelbetreuung, vor allem der bettlägerigen Bewohner, abgedeckt werden.
An diesem Feiertag jedenfalls hat’s mich getroffen, als einziger Mitarbeiter des Sozialen Dienstes für das Vormittagsprogramm zu sorgen. Vorsichtshalber habe ich in den Wochenplan „Bunte Runde“ geschrieben. Damit halte ich mir alle Möglichkeiten offen, mit den Leuten Zeit zu verbringen, ohne mich auf irgendeine langweilige Beschäftigungsstunde oder -methodik festzulegen. So kann ich spontan entscheiden, was das Thema ist, kann aktuelle Ereignisse aufgreifen und auf mein Publikum reagieren.
Das Publikum in einem Pflegeheim besteht nun allerdings aus Menschen, die sowieso schon mal alle die eine oder andere substantielle Einschränkung haben – sonst wären sie nicht im Pflegeheim. Ein erheblicher Anteil der Bewohner ist dement, gefühlt mehr als die Hälfte. Das führt manchmal zu Situationen, wo sich die Minderheit der orientierten Bewohner beschwert, dass es für ihre Bedürfnisse und Interessen kaum Angebote gibt. Da fast immer sowohl demente wie orientierte Bewohner zu den Gruppenveranstaltungen kommen, neigen die Angebote zu einer gewissen „Niedrigschwelligkeit“: Singen, Sitztanz, Filmvorführungen, Spielerunden, wenn’s hoch kommt mal Gedächtnistraining (was dementiell veränderte Menschen, je nach Demenzgrad, häufig als Teilnehmer ausschließt).
Als Kunstgeragoge bin ich vor allem für die Kreativangebote zuständig, kann mich in meinen Diensten aber nicht immer vor der Einteilung für andere Angebote drücken. Diese allerdings mache ich nach Möglichkeit mittels meines „Bunte Runde“-Kniffs zu offenen, spontanen Treffen, in denen ich erstens situationsbezogen auf die Anwesenden eingehen kann und zweitens beiden Bewohnergruppen, Dementen wie Orientieren, gerecht zu werden versuche – durch einerseits viel Musik, Bilder und Geschichten und andererseits einer guten Dosis Fakten, Informationen und Betrachtungen aus Kunst, Kultur, Geschichte, Religion und Politik.
Was bietet sich also an einem christlichen Feiertag in einer diakonischen Einrichtung an? Genau: wir schauen uns mal an, was es mit diesem „Allerheiligen“ eigentlich auf sich hat. Das fängt an mit der naheliegenden, aber meist nicht gestellten Frage, was überhaupt ein „Heiliger“ ist. Verdutzte Gesichter, ratlose Blicke, bestätigendes Kopfnicken – mein Publikum zeigt eine Bandbreite von Reaktionen. SO haben sie die Sache noch gar nicht betrachtet. Frau W., eine orientierte Mitt-Achtzigerin, meldet sich zu Wort und berichtet (wobei sie fast erleichtert wirkt), dass sie „an diesen Kram mit den Heiligen“ sowieso noch nie glauben konnte. Sie würde lieber der nicht so heiligen und verstorbenen Menschen gedenken, die hätten‘s ja wohl nötiger.
Das findet die Zustimmung der anderen, die sich nun scheinbar alle überlegen, wieso eigentlich einige heilig sind und andere nicht. Jemand wirft ein, dass es der Papst ist, der die Heiligkeit erklärt. Wir stellen uns gemeinsam vor, wie eine Gruppe alter, bizarr bekleideter Männer sich versammelt, um auf der Grundlage von wilden Geschichten und Erzählungen irgendwelchen armen Schweine, die für ihren Glauben starben oder sich aufgrund ihrer guten Werke einen Namen gemacht haben, posthum eine offizielle Heiligkeitsurkunde zu verleihen. „Da haben die ja auch nicht mehr viel von“, merkt Frau D. an, womit sie zweifellos richtig liegt.
Wo wir schon mal dabei sind, zeige ich jetzt ein paar Bilder der typischen Ikonographie, mit der die Allerheiligenthematik traditionell illustriert wird: Die Heiligen sind in der Regel konzentrisch um Gott oder Jesus versammelt und beten und jubilieren was das Zeug hält. Gerne werden sie auch von Engeln begleitet, die unablässig Lob und Preis singen. Nach einiger Betrachtung und Erörterung kommen wir zu dem Schluß, dass diese Heiligen ziemlich gut drauf sind. Sie haben ja auch allen Grund dazu: sie sind im Himmel, an der Seite des göttlichen Vaters oder seines Sohnes, es fehlt ihnen an nichts, alle finden sie ganz klasse und beten sie an – da gibt’s im Grunde nichts zu meckern, so ein Leben lässt sich aushalten.
Warum also ist Allerheiligen dann „stiller Feiertag“ mit Tanzverbot und Verbot lauter Musik? Auf den Bildern sieht man doch Engel mit Posaunen, und die sind bestimmt nicht leise. Jetzt meldet sich erneut Frau W.: „Da sieht man doch, was für ein Unsinn das ist. Allerheiligen sollte man lieber fröhlich sein und feiern, Tanz und Musik sollten erlaubt sein. Das stille Gedenken ist für Allerseelen, wo man an die Verstorbenen denkt und Kerzen anzündet.“
Dem hab ich wenig hinzuzufügen, außer dass nach soviel Reden und Information jetzt erstmal wieder Musik und Tanz ansteht. Das Tänzchen führe ich mit meiner heutigen ehrenamtlichen Assistentin aus, die zufällig Michaela heißt – was mir Gelegenheit gibt, meiner schlager-affinen Runde Bata Ilic‘s gleichnamigen Hit von 1972 vorzuspielen: „ Ich tue alles für dich, denn ich liebe nur dich, Michaela-a-ha…!“. Das kennt jeder, fast alle singen begeistert mit und ich sinniere vor mich hin, ob ich auch heute wieder die nötige Balance zwischen Religionskritik und arbeitsvertraglicher Jobdefinition gewahrt habe. Da es jetzt munter mit Schlagerklassikern weitergeht, Erinnerungen an die Musik der Jugend und des jungen Erwachsenenalters der Leute die Runde machen, und alle immer fröhlicher und gelöster zu werden scheinen, beantworte ich mir das selber mit „Ja“.
Nach Ende der Runde haben die Assistentin und ich den Rücktransfer unserer Gäste auf vier Wohnbereiche in zwei Stockwerken zu bewältigen. Als wir uns wieder unten im Veranstaltungssaal zum Aufräumen treffen, sagt mir Michaela, die gerade Frau W. hoch gebracht hat: „Ich soll dir von Frau W. sagen, dass das die beste Veranstaltung war, bei der sie bisher war – sie hat so viel gelernt und sich so gut unterhalten gefühlt, dass ich dir das nochmal sagen soll!“






An eine schwer greifbare, merkwürdige Fluktuation im Raum-Zeit-Kontinuum, eine gewisse außerweltliche Stimmung auf den Parkspaziergängen mit dem Hund hatte ich mich in letzter Zeit bereits gewöhnt. Was jedoch heute in mein Bewusstsein drang, legte noch einmal eine Schippe drauf:
Kaum hatten Hund und ich den uns gemeinhin gut bekannten Feldmühlepark betreten, verschob sich eine temporale Achse im Subraum und gab den Blick (?) frei auf etwas, das ich nur als schlagartige Veränderung des gesamten Bezugssystems von Wahrnehmung und Interpretationsmöglichkeiten bezeichnen kann – allerdings ohne dass der „Schlag“ auch nur im geringsten spürbar war.
Auf einmal, aber als wenn es schon immer so gewesen wäre, hörte die Zeit auf zu existieren und ein lautloses Donnern, das das Universum bis hinunter auf die Quantenebene erbeben ließ, breitete sich in alle Richtungen aus. Wie aus dem Nichts erschienen extra-temporale Strukturen und geisterhafte Erscheinungen, deren Beschaffenheit und Realität unmöglich zu bestimmen war. Ein geschnäbeltes Wesen – mangels anderer Erklärungsoptionen hielt ich es für einen Zeitreisenden aus einer Parallelrealität – richtet in einer mir unbekannten Sprache das Wort an mich.
Jedenfalls schien es mir so, denn er (ich hatte aus unbestimmten Ahnungen heraus den Eindruck, es wäre ein „Er“) richtete ein einem Laubbläser gleichendes Instrument auf mich, aus dem goldglänzende, unablässig fluktuierende schillernde Blasen quollen, die ich für Elemente einer unerhört subtilen submolekularen Kommunikation zu halten gezwungen war. Gezwungen, weil ich jedes Wort verstand und gleichzeitig nicht verstand.
Aber waren es überhaupt Worte? Honigsüß und hypnotisch klangen die Töne; meinem Gehirn deuchte es, als verstünde es zwar nicht den Sinn, aber erstaunlicherweise die Farbqualität des warmen, goldenen Vortrages des Wesens.
Allein, in meinem entrückten Zustand vermochte ich nicht zu sagen, ob dieses eigentümliche Wesen wirklich zu mir sprach. War es vielleicht nur der Herbstwind, der durch die Blätter wehte und raschelte? Der mir ohne Worte zuflüsterte und suggerierte, ich sei ein Teil eines einzigen gewaltigen Geschehens, dem ich nicht widerstehen konnte?
Mit letzter Geistesanstrengung versuchte ich, einen klaren Gedanken zu fassen, mir auf die Natur der Erscheinung einen Reim zu machen, mich dem lockenden Sog der fremdartigen und gleichzeitig so nah und vertraut wirkenden Beschwörung zu entziehen. Denn nichts anders war es: eine Beschwörung, ein Ritual, das meine mentalen Abwehrkräfte untergraben und mich zum willenlosen Werkzeug des merkwürdig freundlichen kleinen Zeitreisenden machen sollte. Ich suchte Blickkontakt zu meinem Hund und gewahrte mit Erschrecken, dass es nicht mehr derselbe Vierbeiner war, den ich seit sechs Jahren an meiner Seite wusste. Ein fremder, deutlich größerer Canine schaue mich an, ebenso verdutzt über die Situation wie ich selbst.
Aus irgendeinem Grund brach dieser Moment den Bann, dem ich mich ausgeliefert fühlte. Mein Hund (war es denn überhaupt mein Hund?!) begann zu bellen, die Erscheinungen lösten sich auf wie Frühnebel, wenn die Sonne aufsteigt und plötzlich standen Hund – jetzt wieder ganz der alte, also der RICHTIGE – und ich wieder auf dem uns vertrauten Parkweg.
Wenigstens beginnen sie jetzt, Klartext zu reden. Kann keiner später sagen, er hätte nichts gewusst.


Man kann dem Kapitalismus und den Medien vorwerfen was man will, aber die Armen und Zukurzgekommenen, die Erniedrigten und Beleidigten sind nicht vergessen! Im Gegenteil: gerade wenn’s auf Weihnachten zugeht erinnert man sich gerne, häufig und voller Mitgefühl an all die Existenzen, die es in unserer freiheitlichen Gesellschaft leider nicht geschafft haben, in der Konkurrenz zu bestehen.
Dass es ihr höchst eigener Fehler ist, wird dabei nie in Frage gestellt. Vielleicht auch mal ein unglückliches Schicksal, mitunter Pech, aber auch daran – GERADE daran! – beweist sich immer wieder erneut (oder eben nicht), ob einer das Zeug hat, sein Leben zu meistern, aus eigener Initiative das Beste daraus und sich zu einem funktionierenden Subjekt des Konkurrenzkampfes zu machen.
Auf dieser selbstverständlichen Basis werden die bedauerlichen Einzelschicksale – es sind immer nur Einzelschicksale – abgehandelt. Gerne gezeigt werden lobenswerte Initiativen mitleidiger Bürger, die froh sind, selber nicht im absoluten Elend gelandet zu sein und das Los der „Bedürftigen“ durch ein bißchen Hilfe und ein paar milde Gaben zu erleichtern. Mit warmer Stimme, beglückt ob soviel mitmenschlicher Hilfsbereitschaft, berichtet ein Moderator im MDR von einigen Hausfrauen und Rentnerinnen in Halle, die im Rahmen des „Eine Tasche voller Wärme“-Projektes der Malteser um die Wette häkeln oder stricken. Das alles hat irgendwie mit einem Hilfsprojekt für (genau:) „Bedürftige“, nämlich in diesem Fall Obdachlose, zu tun. Diese hat man auf jeden Fall zu bedauern, denn ihr trauriges Schicksal ist bekanntlich so gottgegeben wie es – sind wir doch mal ehrlich – beinahe unvermeidlich ist, wenn einer es an der nötigen Leistungsbereitschaft und Initiative fehlen lässt.
Dass die „Bedürftigkeit“ wohnungsloser Leute zuerst und fundamental durch den Bedarf nach einer Wohnung definiert wird, zählt hier nicht. Es würde auch zu viele Fragen aufwerfen, die keiner beantworten kann und will, der nicht als Radikalinski oder gar Kommunist gelten will. Es gibt in der Freiheit leider nun mal nicht genug Wohnungen für alle, das ist eben Marktwirtschaft, was will man machen. Bzw. das was zu machen wäre, nämlich einfach Mittel bereitstellen und Wohnungen bauen – genau DAS wäre nicht nur unmarktwirtschaftlich und staatlicher Dirigismus, sondern würde letzten Endes und im Grunde genommen auch den Wohnungslosen den nötigen Anreiz nehmen, sich selbst um ihr Fortkommen in der Wettbewerbsgesellschaft zu bemühen.
So kann man viele Sendestunden füllen mit herzergreifenden Geschichten über das Menschlich-Allzumenschliche der sich ausbreitenden Armut. Man kann darin schöne Botschaft erzählen, wie ein selbstloses Miteinander und praktische Nächstenliebe immer wieder für ein Lichtlein in der Dunkelheit sorgen. In der Dunkelheit, die das menschliche Leben nun einmal IST, und an der keiner etwas machen kann, außer (immerhin!!) durch solche Gesten tätiger Nachbarschafts- oder Obdachlosenunterstützung.
Wieder einmal ist bewiesen, in was für einer grundsätzlich schönen und vielleicht nicht immer gerechten, aber wenigstens um Linderung der schlimmsten Auswüchse ringenden Welt wir leben. Der Zuschauer wird in den Abend entlassen mit dem wohligen Gefühl, dass es erstens für die armen Schweine ja doch ein bißchen Mildtätigkeit gibt und dass zweitens und vor allem er selber noch ein paar Schritte entfernt ist vom Sturz in den Abgrund, der in unserer freien und demokratischen Ordnung jederzeit und für jeden lauert.


„Verfassungsschützer sollen in Zukunft auch Privatpersonen wie Vermietern, Sporttrainern und sogar Familienmitgliedern heimlich zuflüstern dürfen, wenn jemand in Verdacht steht, eine radikale Gesinnung zu haben. Wohlgemerkt: nicht erst wenn ein Gericht darüber entschieden hat oder eine konkrete Gefahr für die demokratische Grundordnung oder schwerste Straftaten zu erwarten sind.
Die „Übermittlung“ der Radikalitäts-Vorwürfe muss einzig der „Deradikalisierung“ dienen oder irgendwie helfen, „das Gefährdungspotenzial zu reduzieren“, so der schwammige Wortlaut im Gesetzentwurf, der bereits im August von der Bundesregierung mit Zustimmung der FDP durchgewunken wurde.“

„Wie können diese Hamas-Terroristen bloß!“, „Entsetzlich!!“, „Die ARMEN Israelis!!!“, „Jetzt aber ERBARMUNGSLOSE RACHE, äh, sorry SELBSTVERTEIDIGUNG ISRAELS!!!!“ – das sind die mentalen Schritte des medial zugerichteten Bürgerverstandes, wenn es um den Gegenschlag der islamistischen Hamas-Truppe gegen die israelische Besatzungsmacht geht. Eine Besatzumgsmacht, die seit Jahrzehnten Palästinenser entrechtet, zu Menschen zweiter Klasse macht und sie in jeder Hinsicht wie Vieh behandelt. Immerhin wurde der israelische Verteidigungsminister Gallant kürzlich deutlich und sprach von „menschlichen Tieren“, die sein Staat auszurotten gedenke.
Dass auch fundamentalistische Widerstandsgruppen wie die Hamas nur auf dem Mist wachsen, den die Palästinenser seit Jahrzehnten erfahren müssen, darf in der philosemitisch gleichgeschalteten Medienlandschaft der BRD nicht erwähnt werden. Ein Sturm der empörten Entrüstung überzieht jeden, der es wagt, selbständig nachzudenken und NICHT in die vorgegeben Sprachregelungen einzustimmen, die – ganz wie beim Ukrainekonflikt – von Ursachen und Gründen nichts wissen wollen und stattdessen ihr selbstgerecht-moralisches „virtue signaling“ wie die Monstranz bürgerlicher Rechtgläubigkeit vor sich her tragen.
Melina Deymann macht da eine Ausnahme . In der „uz“ benennt sie in paar der guten Gründe, die es für den Widerstand gegen die Apartheids- und Landraubpolitik Israels in den palästinensischen Gebieten gibt:
„Bei der UN-Generalversammlung im September zeigte der israelische Regierungschef schamlos eine Karte, die Israel zeigen sollte – vom Fluss bis zum Meer ohne palästinensische Gebiete, ohne Westbank und ohne Gaza. Unverhohlen zeigte Netanjahu das Ziel der unter seiner extrem rechten Regierung noch einmal intensivierten Siedlungspolitik. Zur Erinnerung: 1993, zur Zeit des Abschlusses der Osloer Verträge, gab es auf der Westbank 75.000 Siedler. Heute sind es 800.000. Den Friedensprozess hat keine israelische Regierung nach der von Jitzchak Rabin auch nur ansatzweise ernst genommen. Das sieht man auch am Freiluftgefängnis Gaza.
Und dann sind da noch die massiven Angriffe auf dem Tempelberg (übrigens auch auf Christen). Frauen werden auf dem Weg in die Al-Aksa-Moschee auf offener Straße verprügelt, die Polizei schaut meistens weg, die Moschee wird regelmäßig gestürmt, Gebete gestört. Auch aus Jerusalem sollen die Palästinenser endgültig vertrieben werden.
Man muss die Handlungen der Hamas nicht gutheißen. Aber Gründe haben sie.“
Nach einer nicht ganz einfachen Nacht geht es weiter beim endlosen Abstieg in die Hades-Party, die auf uns alle wartet. Ob Mensch, ob Tier, ob ganz oder heil – alle sind auf dem Weg dorthin. Wäre es da nicht weise, die verbleibende Zeit mit soviel Freundlichkeit, inspirierendem Austausch und klugen Gesprächen zu füllen wie es irgend geht?

