Es gibt die weitverbreitete Ansicht, dass der eigene berufliche „Erfolg“ (übersetzt als die Fähigkeit, einigermaßen normal und regelmäßig für Einkünfte zu sorgen, die einen vor Verhungern und Obdachlosigkeit bewahren) etwas über die Gesellschaft sagen würde, in der diese bescheidene Leistung erzielt wurde.
So, als ob das Zurechtkommen in den Verhältnissen, die man vorfindet – und die keineswegs für die Bedürfnisse der Lohnarbeiter eingerichtet sind – diese Verhältnisse adelt und bestätigt
Ich kenne Leute, die ihr persönliches Sich-Einrichten in der Konkurrenzgesellschaft, ihren Weg durch Schule, Ausbildung, Studium, Beruf bis hin zu möglicherweise ausreichenden Altersbezügen als einzige Erfolgsgeschichte interpretieren. Und zwar nicht mal so sehr der eigenen „Alles richtig gemacht!“-Selbstvergewisserung, sondern als ganz grundsätzliches Qualitätssiegel für den Kapitalismus, in dem ihnen das alles „gelungen“ ist.
Ich verstehe diese Leute nicht, und ich bedaure sie für ein Leben im Suppenteller, ohne je den Rand gesehen zu haben – geschweige denn, darüber hinaus.
Heute vorm Urlaub mal zur Fußpflege (man gönnt sich ja sonst nichts). Die bodenständige rheinländische Fachfrau – Mittvierzigerin, schätze ich – kommt natürlich auf Inflation, Teuerung und allgemeine Lebensumstände zu sprechen und stoßseufzt: „Ja, der Putin, der ist wirklich krank!“
Ich stelle mich dumm und frage naiv: „Echt? Was hat der denn? Was Ernstes?“
„Ja, weiß ich nicht, ich meine im Kopf…“
Ich spiele weiter den Ahnungslosen: „Wie kommen Sie denn darauf? Und was meinen Sie damit? Ist er depressiv oder sowas?“
„Nee, das ist so ein Bauchgefühl… ich weiß auch nicht…“
„Frau B.“, sage ich, „kann es sein, dass Ihr ‚Bauchgefühl‘ eher etwas zu tun hat mit den Nachrichten, die Sie in den Zeitungen lesen und im Fernsehen gucken?“
„Ja, das stimmt… halt was man so in den Nachrichten hört. Dass der eben krank ist oder ein Verbrecher.“
Ich wage mich noch einen Schritt weiter vor: „Frau B., ich bin jetzt einfach mal neugierig. Auch weil Sie ja nicht die Einzige sind, die solche Sachen sagt. Darf ich Sie fragen, was Sie denn überhaupt über den Konflikt in der Ukraine wissen?“
„Naja, eigentlich gar nichts. Eben was man so aus den Nachrichten weiß…“
Sie ist erkennbar etwas beschämt, aber auch offen, und keineswegs darauf aus, an einer feststehenden Meinung festzuhalten. Als ich ihr – vorsichtig und in angemessener Ruhe und Wortwahl – erzähle, dass der Krieg seit 2014 in Gange ist, dass die kampfkräftigsten Verbände der ukrainischen Armee aus Nationalisten bestehen, die man eher Nazis als „Patrioten“ nennen muss, und dass die ukrainischen Truppen, ebenfalls seit 2014, gezielt die zivile Infrastruktur und die Zivilisten im Donbass angreifen, und dabei, wiederum seit 2014, massiv von der NATO unterstützt werden, wirkt sie verdutzt.
Von all dem hat sie noch nie gehört. Dabei hätte sie – wie jeder – die Möglichkeit, sich über Hintergründe, Interessengegensätze, Kriegsparteien usw. zu informieren.
Nur: wie jeder macht sie’s eben nicht und GLAUBT ihrer Obrigkeit und deren Verlautbarungsmedien.
Der 15. des Monats ist Frischgeld-Tag. Zu diesem Datum überweist die Diakonie Arbeit-Kreis Neuss ihren Beschäftigten den meist kargen Lohn.
Die Kollegen lieben es, an diesem Tag darum zu wetteifern, wer die Kohle als erster auf dem Konto bzw. auf seinem aktualisierten Online-Banking-Handydisplay hat (obwohl inzwischen alle wissen, dass natürlich diejenigen den Geldeingang als erste gebucht kriegen, die bei derselben Bank sind wie die, wo unser diakonischer Arbeitgeber sein Konto unterhält)
Da ich weiß, dass frühestens mittags Eingänge auf meinem Konto zu verzeichnen sind, warte ich meistens 13 oder 14 Uhr ab um zu schauen, ob sich Überstunden, Wochenendschichten und Extradienste irgendwie nennenswert ausgezahlt haben. Meine 13,5 Wochenstunden, die ich als Armutsrentner aus finanziellen Gründen abzuleisten gezwungen bin (nicht dass ich die Arbeit ungern mache, im Gegenteil), ergeben zusammen mit der Elendsrente genau das Minimum an Geldeingang, das ich monatlich benötige.
Diesmal jedoch ist alles anders: mein allerchristlichster Arbeitgeber hat in seiner unergründlichen Weisheit beschlossen, mir nur knapp mehr als die Hälfte meines vereinbarten Monatslohnes zu überweisen. Zumindest dem Bankauszug ist keinerlei Hinweis auf den Grund dieser Kürzung zu entnehmen; die Ausdrucke der Lohnabrechnungen werden erst in der kommenden Woche verteilt.
Will man die Arbeitskräfte bereits jetzt mit den Reallohnkürzungen durch die Energiepreisexplosion vertraut machen? Hat Habeck beschlossen, dass Gas—Abschlagszahlungen jetzt direkt vom Gehaltskonto abgebucht werden, analog zur Lohn- oder Kirchensteuer? Gibt es etwa plötzlich einen Pflege-MALUS statt des versprochenen (aber nie gezahlten) Bonus? Fragen über Fragen, die einem wieder keiner beantwortet.
Der überwiesene Betrag entspricht zufällig ziemlich genau meinem Mietanteil, der ebenfalls heute abgebucht wird, so dass ich mich unmittelbar nach Lohnauszahlung in der erquicklichem Situation befinde, kein Geld mehr zu haben. Die paar hundert Euro Rente zahlt der ebenfalls weise und mildtätige Vater Staat stets am allerletzten Tag des Monats, so dass ich theoretisch die kommenden zwei Wochen geldlos überbrücken muss.
Theoretisch, weil ich natürlich als Ehegatte einer gut verdienenden Mittelschichts-Betriebswirtin nicht gleich verhungern oder unter der Rheinkniebrücke schlafen muss, wenn’s mal eng wird. Und weil es sich vermutlich um einen „Irrtum“ handelt, wie mir der Leiter unserer Abteilung versichert. Er wirkt nicht besonders überrascht; Fehler bei der Lohnabrechnung sind nicht unüblich. Immer wieder werden Überstunden, Wochenend- und Feiertagsdienste nicht erfasst oder falsch abgerechnet, zur Entnervung und zum Ärger der betroffenen Kollegen.
Seit die gesamte Diakonie auf irgendein neues Lohnabrechnungssystem umgestellt hat, erhalten die Mitarbeiter nur noch einen ziemlich zusammengedampften Ausdruck auf einer A4-Seite mit den allernötigsten Angaben. Der vorigen Lohnabrechnung konnte man z.B. die bereits verbrauchten und die Rest-Urlaubstage entnehmen – das gibt’s jetzt nicht mehr.
Ansonsten ist in dem ganzen diakonischen Laden keiner zu erreichen. „Freitag um eins macht jeder seins!“ ist das allgemein beherzigte Motto der Büromenschen in Personalverwaltung und Lohnabrechnung.
Jedenfalls bin ich jetzt schon gespannt auf die Lösung des Falles; WUNDERN über derlei lästige Arbeiterverarschungen tue ich mich schon lange nicht mehr.
Morgens im Bad. Ich rasiere mich, während die Frau ihren Alabasterkörper mit edel duftenden und wahrscheinlich kostspieligen Lotionen einreibt. Ich komme, während die Klinge sanft durch den Schaum gleitet, ins Philosophieren über grundsätzliche Fragen der conditio humana und rede, mehr zu mir selbst, so vor mich hin:
„Also, wenn ich es auch sonst im Leben zu nichts gebracht habe, kann ich immerhin sagen, dass ich beim Rasieren alles richtig gemacht habe. Ich hab den perfekten Schaum und den idealen Rasierer gefunden habe…
Die Frau so: „Ja, das reicht doch als Lebensweisheit!“
Das sehe ich auch so und frage jetzt sie: „Aber was wäre denn deine? Deine Lebensweisheit als Quintessenz dieses Daseins? Rasieren kann’s ja schlecht sein…“
„Nichts“, ist ihre Antwort. „Ich hab kein Lebensmotto. Ich wüßte keins. Ich weiß nur, dass ich abnehmen muss.“
Feierabendzeit. Die Frau, die seit kurzem wieder zu 50% im Büro ihres finanzkapitalistischen Arbeitgeberkonzerns in Köln (für eine Düsseldorferin eine degoutante Zumutung) anzutreten hat, kommt entnervt von der Arbeit, schwenkt aber vergnügt einen Sechser-Karton Wein.
„Ich war noch kurz bei unserem Lieblings-Lieferanten Onkel Jacques!“ verkündet sie. Da morgen Home-Office Tag ist, kann sie sich heute Abend ein Gläschen Wein (gerne auch mehrere) genehmigen, wozu sie auch fest entschlossen ist. Ich beglückwünsche sie zu diesem hervorragenden Entschluss und erkläre meine solidarische Bereitschaft, zum Verzehr des edlen Rebensaftes einen großzügigen Anteil beizusteuern.
Währenddessen fragt sie mich, beeinflußt wohl durch Gespräche auf der Arbeit oder Input aus den allgegenwärtigen News-Screens in den Bahnhöfen des ÖPNV, nach den neuesten Entwicklungen. „Und, was gibt’s Neues?“, will sie wissen. Sie weiß, das ich eine zuverlässige Quelle für realistische Informationen bin und weiß das – auch wenn ihre Sicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse eine durch und durch bürgerliche ist – durchaus zu schätzen.
Ich erzähle ihr also ein bißchen von den neuesten Äußerungen des grünen Wirtschaftsministers, in denen dieser nicht stemmbare finanzielle Mehrbelastungen für 50% der Bevölkerung ankündigt, oder bei Lanz wieder mal den §24 des Energiesicherungs-Gesetzes anführt, nach dem Preissteigerungen eins zu eins an die Kunden weitergegeben werden können und beende meine kurze Zusammenfassung mit der Bemerkung „Es wird auf jeden Fall alles brutal teuer werden. Unsere Abschläge auf Gas und Strom werden nie im Leben die Mehrkosten decken. Wir können jetzt schon anfangen, Geld für die Nachzahlungen und die künftigen Mehrkosten zurückzulegen.“
Die Frau schaut eine paar Momente lang nachdenklich bis niedergeschlagen geradeaus, dann huscht ein freudiges Leuchten über ihr Gesicht und sie sagt strahlend: „Aber die Weinpreise, die sind stabil!“
Damit ist das Thema durch und der Abend geht seinem gediegen gemütlichen Ausklang entgegen.
Meine Antwort auf eine entsprechende Nachfrage einer Freundin:
Ich will dir sagen, warum das aus meiner Sicht absolut und kategorisch wahr ist.
Mushrooms steht hier, denke ich, für die erweiterte Wahrnehmung, die psychedelische Drogen einem verschaffen können. Das ist zunächst mal einfach bloß faktisch: durch die Wirkung der Substanzen (LSD, Psilocybin, Meskalin, Ayahuasca….) wird der sensorische Input der Nervenzellen verstärkt. Die Menge an elektrischen Signalen, die zwischen den Synapsen ausgetauscht werden, ist um ein Vielfaches höher als normalerweise. So, als ob du bisher immer durch eine verschrammte, beschlagene Brille geschaut hättest und plötzlich SIEHST du klar und deutlich die Welt um dich rum (und in dir drin).
Und zwar siehst du sie von INNEN, in ihrer innersten Substanz, bis hinab auf die zelluläre und molekulare Ebene. Du siehst bis in die atomare Ebene hinab, blickst in die riesigen Abgründe zwischen den Elektronen und schaust zu, wie sich in dem Tanz auf der Netzhaut außen und innen alles in seine Bestandteile auflöst.
Dann erfasst dein Verstand, dass „alles“ auch DICH einschließt und die nackte Angst breitet sich in dir aus. Dir ist klar, dass dies dein Ende ist. Oder jedenfalls das Ende von dem, was du für „Ich“ hältst. Wenn du durch diesen Tunnel, durch diesen Flaschenhals durchgelangt bist (es ist nicht gesagt, dass das passiert, vielleicht endet deine Reise auch in der Klapse oder auf der Intensivstation), passiert etwas Erstaunliches:
Die Auflösung geht immer weiter, bis nichts mehr übrig ist. Gar nichts. Da IST nichts. Die Substanz von allem, die Essenz der Materie und des Immateriellen, der Kern der Wirklichkeit ist – NICHTS. Leere.
Es ist aber nicht so, dass plötzlich alles weg wäre. Du erfährst nur, dass die Realität – sogar die handfeste, konkrete, sichtbare Welt um uns herum – aus Leere besteht, die sich zu immer neuen Erscheinungen formt und wieder auseinander fällt. Allerdings kann das Auseinanderfallen mitunter Millionen Jahre dauern; manchmal aber auch nur Millisekunden. In dieser Leere, aus der alles entsteht, sind jedoch Zeitvorstellungen aufgehoben.
Außerdem pulsiert alles in einem schweigenden und erhabenen Rhythmus, der scheinbar das gesamte Universum durchzieht. Kann aber sein, dass es bloß die Dichotomie zwischen den positiven und negativen Ladungen des elektrischen Flusses in deinem Gehirn ist.
Auch Töne und Klänge bestehen aus dieser Leere, eigentlich also aus Stille, und die offensichtliche Unvereinbarkeit dieser Konzepte erscheint dir jetzt nicht als potentieller Wahnsinn, sondern als perfekter Ausdruck der Polarität der Existenz.
Dir ist, als hättest du ein magisches Königreich betreten. Aber nicht jene Kinder-Märchenwelt, die Fantasiewesen und -geschichten erfindet, um den lieben Kleinen eine unverständliche Welt verständlich zu machen (und ihnen gleich eine geeignete Moral mitzuliefern), sondern du bist in die wirkliche Welt eingetreten. Was du bisher kanntest – DAS war die Fantasiewelt, die Kinder-Märchenstunde, die Krabbelstube der Menschheit, in der Milliarden blinder Schlafwandler ihren Milliarden engstirnigen, engherzigen und kleinlichen Zielen nachgehen, geblendet von Gier und Angst und Ignoranz, ohne Kenntnis der unendlichen, pulsierenden Leere, die alles durchströmt und aus der alles besteht.
Wenn du zurückkehrst von deiner Reise hinter die Erscheinungsformen, von deinem Ausflug in die Essenz der Wirklichkeit, und anderen Menschen begegnest, kommst du dir vor wie ein Außerirdischer, der mit primitiven Formen von Intelligenz kommunizieren muss. Besonders, wenn du die Menschen siehst, die als Politiker, Kapitalisten oder sonstige Entscheider die weltlichen Angelegenheiten regeln, in dieser von ihnen als flache, eindimensionale Welt des Geschäfts und der Gewalt wahrgenommenen Wirklichkeit.
Du wünschst dir – bzw. ihnen – dass sie ebenfalls die Möglichkeit hätten, in das Herz der Dinge zu sehen. Du möchtest ihnen am liebsten „mushrooms“ oder eine andere psychedelische Droge verabreichen, damit sie aus der engen Hülle ihres begrenzten Verstandes heraustreten können – und sei es nur für ein paar Momente.
Grace Slick von Jefferson Airplane berichtet von einer Einladung ins Weiße Haus zur Zeit, als Richard Nixon US-Präsident war. Sie hatte einige LSD-Trips dabei und wartete auf eine Gelegenheit, ihm diese in ein Glas Wasser oder sonst eine Getränk zu schmuggeln; leider hat sie sich dann doch nicht getraut, weil sie um die Folgen (für sich) fürchtete. Aber sie hätte zu gerne dem Kriegshetzer und Reaktionär Nixon zu einer Reise in die Realität verholfen.
Später begegnen dir vielleicht buddhistische Quellen und du hörst von Bodhidharma, der um das Jahr 500 von Indien nach China ging und dort den (Zen-)Buddhismus verbreitete. Unter all den erstaunlichen Geschichten, die über Bodhidharma erzählt werden, stößt du eventuell auf den einen, kurzen Satz, mit dem Bodhidharma die Anfrage des chinesischen Kaisers nach der Natur der Wirklichkeit beantwortet haben soll: „Emptiness, no holiness“, und du verstehst, dass die Einsicht in diese Natur nicht von Substanzen abhängig ist.
Aber vielleicht hat Bodhidharma ja Pilze genommen.
Alt werden ist so scheisse wie Haft für Verbrechen, die man nicht begangen hat. Und zwar in einem Straflager, von dem man weiß, das man es lebend nicht mehr verlässt
Die Beeinträchtigungen und Gebrechen, die sich mit fortschreitendem Verschleiß der körperlichen Hardware einstellen, lassen sich nur über eine bestimmte Zeitspanne mit Drogen aller Art wegdrücken, ignorieren, ausblenden, überspielen. Irgendwann holt es einen ein, und das doppelt und dreifach. Man kann dann natürlich doppelt und dreifach soviel Drogen nehmen. Aber siehe oben.
Hinzu kommt ein sich immer weiter ausbreitender Realismus in Hinblick auf die Nutzlosigkeit menschlichen Strebens und die Sinnlosigkeit aller Erklärungen darüber. Das muss allerdings nichts Schlechtes sein – es klärt im Gegenteil den Geist und schärft den Verstand.
Insgesamt stellt sich heraus, dass die Existenz in einem physischem Körper nur in jüngeren Jahren irgendwie erträglich ist, als man unbeeinträchtigte Gesundheit und Fitness für selbstverständlich nahm und die Welt als zu erobernden Abenteuerspielplatz ansah. „Youth is wasted on the young“, wie der Weise sagt.
Je näher man sich der Haltbarkeitsgrenze nähert, umso beschwerlicher und lästiger wird die für allerlei Fehlfunktionen und Defekte anfällige Physis, und es stellt sich die Frage, ob man es wirklich noch weitere zehn, zwanzig oder dreißig Jahre darin aushalten kann und möchte.
Während ich mit dem Hund unterwegs bin, werden die Meldungen aus dem Kriegsgebiet immer wilder. Sie künden von immer größerer Verzweiflung des US/NATO-Blocks bzw. seiner ukrainischen Marionetten. Im Geiste rekapituliere ich den gleichermaßen bizarren wie hochgefährlichen Inhalt der neuesten Entwicklungen:
Terroranschläge in Transnistrien durch ukrainische oder von ihnen gedungene Kommandos, um durch die Eröffnung einer zweiten Front russische Kräfte zu binden und vom Kampfplatz im Donbass abzuziehen (gleichzeitig will die ukrainische Militärführung wohl an ein dortiges Munitionslager rankommen, in dem gewaltige Mengen alter sowjetischer Artilleriemunition aufbewahrt werden, die die AUF gut gebrauchen könnte);
Vom ukrainischen Geheimdienst SBU geplante gezielte Tötungen von russischen Journalisten und TV-Moderatoren, in flagranti vereitelt vom russischen FSB;
Unverminderte bzw. immer umfangreichere Lieferung von schwerem Kriegsgerät an die desolate ukrainische Armee durch den kollektiven Westen; auch Deutschland ist munter dabei und will jetzt Panzer liefern – der Scholz-Spruch „Mein Hauptanliegen ist es, einen Dritten Weltkrieg zu verhindern“ ist Schnee von gestern; der Hamburger „Stürmer“ feiert und bejubelt den Kurswechsel des Regierungschefs als vernünftige und einzig senkrechte Maßnahme; der bis eben noch als schwach und zögerlich denunzierte Kanzler gilt jetzt plötzlich als ganzer Mann und starker Führer, weil er dem Kriegsgeheul der weltkriegsbereiten Edeljournaille das richtige Futter vor die Federn wirft;
Ein britischer Armeeminister schwadroniert, dass es kein Problem darstellen sollte, wenn die Ukraine Ziele in Russland angreift, ermuntert also die ukrainische Seite, den Krieg trotz der eindeutigen Warnungen Russlands („In einem solchen Fall nehmen wir die politischen Entscheidungszentren in Kiew ins Visier“) immer weiter zu eskalieren;
Die tatsächliche Lage der im Donbass eingekesselten ukrainischen Truppen ist angesichts des permanenten, unablässigen russischen Artilleriebeschusses der ukrainischen Stellungen dermaßen prekär und aussichtslos (es muß anscheinend schon Munition rationiert werden), dass die letzte und einzige Hoffnung des Kiewer Regimes darin zu besteht, weitere Länder in den Krieg hineinzuziehen – am liebsten NATO-Staaten, um so die winzige Chance zu nutzen, durch ein offizielles Eingreifen der NATO das Kriegsgeschehen doch noch zu seinen Gunsten zu wenden;
Eine 190 Jahre alte russische Eiche wurde bei der „Baum des Jahres“ Veranstaltung in Brüssel vom Wettbewerb ausgeschlossen. Warum? Muss das noch erwähnt werden?
Ebenso ein französischer Zombie-Film namens „Z“, der vom Filmfestival in Cannes ausgeschlossen wurde.
Ich sinniere also über den methodischen Wahnsinn im kollektiven Westen, über die von jetzt auf gleich funktionierende Feindbildprojektion, die den Eindruck vermittelt, als wäre mittels eines Zeitsprungs eine nahtlose Fortführung der faschistischen Propaganda der 1940er-Jahre ermöglicht worden; ich denke noch über die hemmungslose Gewalt- und Kriegsbereitschaft der westlichen Machthaber, über die galaktischen Dimensionen ihrer Lügen und ihrer Heuchelei, mit der sie ihren Weg in den Untergang rechtfertigen….
In meine pessimistischen Gedanken hinein klingelt das Telefon. Die Liebste meldet sich: „Bring doch bitte aus dem Kellerlager eine Flasche FAVZ mit hoch, wenn du zurückkommst!“
Da sie heute morgen noch von einem „diesmal aber wirklich“ weinfreiem Tag sprach, ahne ich, was es mit ihrer Bitte auf sich hat. „Hast du etwa Nachrichten geguckt?“
„Ja“, antwortet sie, „Die sind alle wahnsinnig geworden. Jetzt ist auch der Scholz umgefallen und liefert Panzer an die Ukraine… ich kann nicht glauben, dass das noch lange gut geht mit der Kriegshetze hier und immer mehr Waffen an die Ukraine liefern… Wenn wir schon demnächst den Atomkrieg hier haben, sollten wir uns jeden Tag an unserem guten Wein erfreuen…“
Man muss wissen, das der feine FAVZ nicht nur wegen seines Namens unser derzeitiger Lieblingsrotwein ist, sondern vor allem durch eine wahrhaft edle nussig-beerenhaftige säurefreie Abgerundetheit glänzt, die ihn zu einem echten Highlight für professionelle Trinker und antiimperialistische Weingourmets macht.
Oben angekommen, wird der portugiesische Edeltropfen noch auf Zimmertemperatur gebracht und sodann aus vorschriftsmäßig proletarischen Wassergläsern verkostet. Über weitere Ankündigungen drogenmäßiger Abstinenzphasen brauche ich mir wohl, angesichts der Entwicklung auf dem ukrainischen Stellvertreterkriegsschauplatz, keine Sorgen mehr machen.
Eine Straßenbahn fährt über eine Brücke, im Hintergrund sieht man eine ganze Stadt, in deren vielfältiger Infrastruktur Hunderttausende von Menschen ihr Leben leben und irgendwie über die Runden zu kommen versuchen.
Verkehrswege, Energieversorgung, Produktion der Gebrauchsgüter, Handel und Warenaustausch…. Alles ist beherrschbar, organisierbar, mit den natürlichen und menschlichen Ressourcen des Planeten locker zu bewerkstelligen.
Aber: es reicht (anscheinend) nicht für alle, es gibt krasseste Unterschiede zwischen arm und reich, Haben und Nicht(s)haben, sowohl national wie global. Schon das normale Leben ist gekennzeichnet von Konkurrenz, Gegeneinander und Gewalt; im Lroeg wird das Ganze auf die Spitze getrieben und der nackte Zweck der staatlichen Veranstaltung tritt offen zutage: Herrschaft.
Herrschaft derjenigen, die von dem in Geld gemessenen Reichtum HABEN – und damit Macht haben über die Reproduktion der Gesellschaft. Herrschaft über die, die das nicht haben und nie haben werden.
Diese Spezies ist in einem primitiven, barbarischen Zustand. Ihre kollektive Organisation beruht auf Oben und Unten, auf Besitz gegen Besitzlosigkeit, auf Eigentum gegen Eiegntumslosigkeit, und legt die gesamte Gesellschaft auf eine immerwährende Konkurrenz aller gegen alle fest.
Wäre ich ein Alien, wünschte ich mich immer öfter zurück auf meinen Heimatplaneten. Nach Lage der Dinge ist dies hier aber mein Heimatplanet; ihn in den Händen einer globalen Gewaltkonkurremz um Geld und Eigentum zu sehen, ist so schmerzhaft, dass es schwer fällt, eine minimale geistige Gesundheit aufrechtzuerhalten.
Nach umfangreichen Bevorratungsaktionen insbesondere beim Weinhändler unseres Vertrauens fühlen die Liebste und ich uns gerüstet für die Wechselfälle dieser ungemütlichen Zeiten. Im Keller lagern vier oder fünf Kartons mit jeweils sechs Flaschen Rotwein, auch das Küchenregal ist prall gefüllt mit verschiedenen Flaschen des edlen Rebensaftes.
Allerdings mit dem falschen, jedenfalls nicht mit dem Lieblingswein der Frau. Sie bevorzugt einen französischen Wein aus dem Languedoc mit reichlich Restsüße; obendrein „eine so ungewöhnliche wie spannende Cuvée aus Marselan und Alicante Bouschet, die schon mit ihrer tiefroten Farbe zu beeindrucken weiß. Das Bouquet mit reifen roten Beeren und würzigen Kräutern ist ebenso animierend wie der herrlich kräftig-fruchtige Geschmack und der saftige Nachhall.“
Dem ist wenig hinzuzufügen, außer dass der besagte Tropfen namens „Les Ormières“ nur noch im Keller lagert, statt griffbereit oben in der Küche zur Verfügung zu stehen. Ich werde in den Keller geschickt, um Nachschub des Languedoc-Weines zu holen, „am besten gleich einen ganzen Karton!“. Als Quartiersmeister und Bevorratungsexperte unserer privaten Volksrepublik bin ich eher zögerlich, was den unkontrollierten Verbrauch unsrer Notstandsvorräte betrifft, zumal im Küchenregal etliche andere ebenso trinkbare Weine liegen.
Meine Bedenken werden allerdings übergangen; die Liebste besteht auf genau diesem Wein.
Ich schleppe also einen Karton „Les Ormières“ hochin den dritten Stock und verteile die Flaschen im Weinregal. „Das Zeug ist ja wirklich lecker, da gebe ich dir recht“., wende ich mich an meine trinkfeste Lebenspartnerin. „Dann sollten wir auf jeden Fall, so als Grundstock unserer Atomkriegsbevorratung, noch mehr davon einlagern!“
Die Frau lacht und meint: „Ach, bis zum Atomkrieg hab ich das leer getrunken…!“