Geschichten die das Leben schrieb: Die Abschlagsrechnung des Gas-Versorgers

Die Frau kehrt frisch frisiert von ihrem Edel-Coiffeur zurück und hat sich zum Zwecke der Bezahlung vorher mit Frischgeld aus dem Bankautomaten eingedeckt. Bei dieser Gelegenheit hat sie gleich ihre aktuellen Kontoauszüge gezogen.

„Weißt du was wir jetzt fürs Gas bezahlen? 128 Euro im Monat statt 78!! Die drehen ja wohl alle völlig durch!“

Sie ist natürlich gewahr, dass angesichts der grandiosen Idee der NATO-Mächte, zur Erledigung Russlands einen Wirtschaftskrieg gegen diesen unbotmäßigen Staat zu führen, nicht nur das Gas brutal teuer werden würde.

Jetzt, wo es praktisch, nämlich am Geldbeutel spürbar, wird, ist sie erst recht wütend über „den ganzen Wahnsinn dieser Politiker“. Dank meiner erfolgreichen Aufklärungsarbeit ist die Liebste zum Glück immun gegen die allgegenwärtige berechnende russophobe Hetze und die verlogenen Erklärungen der demokratischen Machthaber, warum man in Zukunft für die Freiheit hungern und frieren müsse.

Trotzdem ärgert sie sich über die Mehrkosten, die bedeuten, dass wir uns an anderer Stelle werden einschränken müssen – am Ende an der Stelle, wo es WIRKLICH wehtut, nämlich der Versorgung mit legalen Drogen!

„Eine einzige Scheisse ist das doch…“, flucht sie vor sich hin, während ich mir nicht verkneifen kann, sie stellvertretend für die Rest-Bevölkerung auf eine Kleinigkeit hinzuweisen, die gerne übersehen wird:

„Tja, was soll ich dazu sagen… Ihr wollt doch alle im Kapitalismus leben! Da gehört eben nicht nur Krieg und Imperialismus dazu, sondern vor allem, dass alle Kosten für die Herrschaft des Kapitals auf die normalen Leute abgewälzt werden. Wir zahlen für deren Kriege! Man könnte der Geschichte doch jetzt zum Beispiel mal entnehmen, dass wir alle mit unserer gesamten Lebensführung abhängige Geiseln der Kalkulation der Herrschenden sind.…“

Die Frau will aber keine antikapitalistischen Tiraden hören, sondern richtet ihr Augenmerk auf die praktischen Details der Angelegenheit. Ihr Blick fällt auf das gut bestückte Weinregal und erleichtert seufzt sie: „Na, wir haben ja zum Glück Vorräte…“

Geschichten die das Leben schrieb: Russenhass gegen Hunde?

Bei der Lektüre diverser Auswüchse russophober Hysterie an der Heimatfront teile ich der Frau das eine oder andere Highlight dieser Zeugnisse moderner Feindbildkultur mit, u.a. die Meldung, dass einige Supermärkte wohl beschlossen haben, russischen Wodka aus ihren Regalen zu nehmen.

Die Frau so: „Nee, komm. Is Karneval, oder?“

Ich: „Nein, ehrlich, das ist keine Satire. Die machen das echt! Demnächst gibt’s dann wahrscheinlich kein ‚Russisch Brot‘ mehr…“

Die Liebste schüttelt fassungslos den Kopf. Sie „interessiert sich nicht für Politik“, hat aber natürlich mitgekriegt, dass die Volksgemeinschaft auf allen Kanälen auf Hass gegen den neuen alten Hauptfeind eingeschworen wird.

„Du hältst dann aber auch die Klappe und sagst nichts über Russland, ok?“, gibt sie mir zu bedenken.

„Naja…“, ist meine Antwort, „ich schau halt, was ich wo sagen kann. Ich will ja nicht unnötig aufs Maul kriegen…“

„Nein“, beschwört sie mich, „wenn die jetzt alle durchdrehen und du was Falsches sagst, lassen die das am Ende an unserem Hund aus! Solche Idioten sind doch so primitiv, die lassen das immer an den Schwächsten aus…“

Ich bin einerseits gerührt über ihre Sorge, andrerseits amüsiert darüber, das diese Sorge mehr dem Hund als mir gilt. Jedenfalls verspreche ich, keine unnötigen Risiken bei Meinungsäußerungen einzugehen.

Es ist nicht wirklich vergleichbar – noch können wir hier und anderswo, bei entsprechender Vorsicht, einigermaßen unbehelligt Gegenstandpunkte vertreten – aber das letzte Mal, wo sich ein Mitglied meiner Familie Gedanken in diese Richtung machen musste, war 1938. Das war mein Großvater, der erst in den Gestapo-Kellern im Hamburger Stadthaus und dann im „Strafbatallion 999“ Bekanntschaft machte mit der zupackenden Art, mit der Bürgern mit abweichenden Ansichten die Russenfreundlichkeit ausgetrieben wurde.

https://nachrichtend.com/supermaerkte-haben-den-verkauf-von-wodka-aus-russland-verboten/?fbclid=IwAR2jVn6-oCNMaXKKgFJj3o6zvfthaCoDegefmO7jk0Kla7SibbWQPeSY2oY

Geschichten die das Leben schrieb: Deine Frau, deine Frau, die hat immer recht

Ich scrolle gerade durch meinen FB-Feed und lande bei einem Beitrag von Wolfgang Mueller, der gewohnt informativ und kenntnisreich einen verdienten Genossen und Kämpfer – den “Mann, der Krakau vor der Zerstörung rettete” – beschreibt.

Die Frau kommt hereingeschwebt und fragt (offensichtlich in völliger Fehlinterpretation meiner sitzenden Position): “Schatzi, hast du keine Langeweile?”

“Ich hab nie Langeweile”, ist meine korrekte Antwort, “ich hab immer was zu lesen oder zu daddeln oder zu zeichnen…”

Ich nehme einen Anlauf, ihr die Werthaltigkeit meiner intellektuellen Beschäftigungsformen näher zu bringen und führe aus: “Jetzt gerade lese ich zum Beispiel einen Beitrag über den Soundso, der dasunddas gemacht hat. Der ist sogar 103 Jahre alt geworden, nach einem abenteuerlichen und gefährlichem Leben. Was man nie vergessen darf: Ohne solche Leute und deren Einsatz unter unglaublichen Opfern gegen die deutschen Faschisten würden wir hier alle mit Hakenkreuzbinden am Arm rumlaufen…”

Die Frau so, mit blitzschneller Auffassungsgabe: “Erzähl nicht. Du wärst doch schon längst tot, als Kommunist.”

Und da hat sie vermutlich mal wieder recht.

Geschichten, die das Leben schrieb: Entscheidung am Nachmittag

Ich sitze unschuldig in meiner Ecke und zeichne an einem Kleinauftrag, als die Frau entschlossenen Schrittes den Raum betritt.

Sie stürmt auf mich zu, bedeutet mir mit einem Handwinken, meine Kopfhörer abzusetzen und verkündet:

„Ich hab mir was überlegt!“

„Ach ja?“ ist meine matte Antwort, leicht indigniert über die Störung meines kreativen Nachmittags.

„Ja. Ich schmeiß dich raus!“

Ich schwanke zwischen verdutzt und erheitert, denn ein paar Sekunden schafft sie es, ernst zu bleiben und in dieser Zeit grase ich mein Gedächtnis ab nach etwaigen Zuwiderhandlungen gegen die eisernen Haushaltsgesetze absolut klinischer Sauberkeit und Ordnung, gegen die ich alle naslang verstoße.

Inzwischen grinst die Liebste aber über beide Backen und kündigt mir an: „Ich hab doch noch Würstchen, ich mach eine Linsensuppe für‘s Wochenende!“

Das ist natürlich eine gute Nachricht, gewissermaßen die Neuigkeit, auf die ich gewartet habe und ich signalisiere höchstes Interesse durch die kompetente und ressourcenbewusste Frage, ob wir denn noch Linsen in der Vorratsschublade hätten.

Meine Präferenz für ein anständiges indisches Dal anstelle einer gutbürgerlichen deutschen Linsensuppe mit Würstchen behalte ich für mich, denn hier würde ich bei der Chefköchin unserer privaten Volksrepublik auf Granit beißen, zumal die Würstchen offensichtlich weg müssen und auch „noch Kartoffeln da sind“, wie ich unterrichtet werde.

Ich sage zu allem Ja und Amen, die Gattin verzieht sich im Anschluß an ihre Erfolgsmeldung in ihr Home Office und ich kann wieder meine aktuelle Lieblings-Playlist „Best of Cool Jazz“ hören und weiter zeichnen.

Geschichten die das Leben schrieb: Am Brotstand auf dem Wochenmarkt

Der dienstfreie Tag ist heute kein faules Rumgammeln, Chillen und am iPad daddeln, sondern muss nach Ansicht der Frau für allerlei nützliche Tätigkeiten rund um den Haushalt genutzt werden. Durch MICH, versteht sich.

Als erfahrener Praktiker der Lebensführung weiss ich, dass Widerrede so zwecklos ist wie das Aufbegehren gegen eine Assimilierung durch die Borg und füge mich in mein Schicksal.

Ein professioneller Reinigungseinsatz im Treppenhaus mit kirschbedufteten Bodenwischtüchern soll als erstes meinen guten Willen demonstrieren und wird – zwar nicht anerkennend, aber immerhin ohne Optimierungsvorschläge – akzeptiert.

Als nächstes ist ein Außeneinsatz zur Besorgung diverser Lebensmittel fällig. Nach dem Supermarkt um die Ecke wandle ich zum donnerstäglichen Wochenmarkt und stelle mich in die kurze Schlange vorm Bio-Bäcker, den ich schon wegen der wohl extra für mich angefertigten „Schlaumeier“-Brötchen schätze. Ich wähle irgendein Brot aus, als mein Blick auf eine verlockende Verheißung in der Auslage fällt: ein flaches süßes Teil, nicht unähnlich einem Hamburger Franzbrötchen, aber rechteckig und deutlich größer leuchtet mir entgegen und lässt schon beim Hinschauen erkennen, dass es sich um nichts anderes als ein leckeres Blätterteig-Marzipan-Teilchen in Übergröße handelt!

„Was ist denn das da?“ frage ich die Verkäuferin, da kein Preisschild mit einer Bezeichnung zu sehen ist, und deute auf das Teilchen. „Das ist unser Super-Striezel!” verkündet sie stolz wie ein Mutter über ihr Neugeborenes, „Das ist Blätterteig mit Marzipan, Schokolade und Rosinen – wirklich SEHR LECKER!“

„Nehme ich!“, antworte ich, während mir schon das Wasser im Munde zusammenläuft und die Bäckersfrau das Preisschild umdreht, so dass ich den Preis lesen kann. Mir stockt der Atem. „Entschuldigung“, sage ich, „ich muss was an den Augen haben; ich meine, da vorne eine SECHS gesehen zu haben…?“ Tatsächlich steht 6,40 EURO auf dem Etikett.

Die Verkäuferin ist aber um keine Antwort verlegen: „Ja, was meinen Sie denn, wie teuer die Zutaten mittlerweile sind?! Marzipan, Teig, Energie.. das kostet alles richtig viel mehr als früher!“

„Ja, was meinen SIE denn, wie wenig die Löhne mit der Preissteigerung mithalten?“ versuche ich eine schwache Gegenrede, aber auch damit blitze ich bei ihr ab: „Ja, das ist ein anderes Thema…“ gibt sie realistisch zu bedenken. Inzwischen bin ich aber schon auf die Entfernung rettungslos der Aussicht verfallen, gleich ein köstliches süßes Marzipan-Teil zu essen und stoße hervor: „Scheiss drauf, dann geben Sie’s mir halt, in Gottes Namen…“



„In Gottes Namen geben Ihnen GAR NICHTS!“, ist die überraschende Antwort. „Aus DEM Kinderschänder-Verein trete ich aus, ich hab morgen Termin. Die kriegen keinen Pfennig mehr von mir!“ Erfreut über die kirchenfeindliche Einstellung meiner Gesprächspartnerin will ich noch ein bißchen Öl ins Feuer gießen: „Ach, Sie sind bei den Katholiken? Ja, die haben derzeit echt schlechte Karten…“

„Schlechte Karten?“ empört sich die Bäckerin, „Das sind alles Perverse und Lügner, das ist wirklich das Letzte, was die sich leisten…“

Jetzt mischt sich eine wartende Kundin ein: „Aber wirklich! Richtig widerlich! Zum Glück bin ich evangelisch…“ Damit kann sie aber bei der zu allem entschlossenen Bäckerin nicht landen. „Die sind auch nicht besser!!“ ruft sie. „Ich hab´s dicke. Ich brauche keinen Gott um meine Brötchen zu backen, die können mir alle mal gestohlen bleiben!“

Die entstehende religionskritische Diskussion der beiden, in die sich noch weitere Kunden einmischen (alle mit dem Tenor „Kirche ist scheisse und jetzt reicht´s wirklich mit Lüge, Heuchelei und Missbrauch“) verfolge ich im Weggehen noch mit halbem Ohr und freue mich auf meinen Super-Striezel. Zu recht, denn – wie sich herausstellt – ist das leckere Stück tatsächlich jeden Cent der 6,40 EURO wert.

Geschichten die das Leben schrieb: das Alter und der Wein

 Die Frau ist kürzlich, anlässlich eines hohen zweistelligen und auch noch runden Geburtstages, schwer ins Grübeln gekommen. Während ich selber in asiatischer Abgeklärtheit die Weisheit Buddhas verinnerlicht habe, nach der im menschlichen Leben generell Leid, speziell aber Alter, Krankheit und Tod zu erwarten ist, hadert meine Herzdame mit dem unabwendbaren Alterungsprozess.

Seit ihrem runden Geburtstag sieht sie sich – obwohl sie etwa 20 Jahre jünger aussieht als gleichaltrige Frauen, kerngesund und rundum eine äußerst attraktive Erscheinung ist – quasi mit einem Bein wenn nicht im Grab, dann aber fast im Rollstuhl oder im Pflegeheim stehen bzw. sitzen und liegen.

Heute lag im Briefkasten mal wieder die monatliche Infoschrift des Weinhändlers unseres Vertrauens, in welcher dieser seine aktuellen Erzeugnisse und Angebote bewirbt und die zu normalen Zeiten Gegenstand ausgiebigen Studiums und anschließender Kaufentscheidungen ist. Scheinbar sind die normalen Zeiten aber jetzt vorbei, denn die Frau läßt sich wie folgt vernehmen, während sie den Werbebrief ungeöffnet in den Papiermüll befördert:

„Mit dem Wein ist jetzt vorbei. Man muß wenigstens gesund leben, wenn man schon alt wird und anfängt, alt auszusehen. Das ist vielleicht eine Scheisse…“

Da ich aber nun mal Praktiker dialektischer Lebensführung bin, gebe ich ihr zu bedenken: „Ja, aber wenn man Wein trinkt, sieht man’s nicht so…“

Da muss sie lachen und räumt ein: „Wo du recht hast, hast du recht!“

Ich genieße diesen seltenen Moment unwidersprochener Meinungsäußerung und beschließe, dass das Werbeheftchen außerhalb des Papiermülls doch besser aufgehoben ist.

Geschichten die das Leben schrieb: die nasse Badezimmermatte

Nachdem ich morgens (Frühschicht!) nach dem Weckerklingeln auf Autopilot durch Küche (Kaffeemaschine!) und Bad (Dusche!) geschlafwandelt bin, erscheint auch die Frau – deutlicher wacher als ich – auf der Bildfläche.

Sie inspiziert meine Hinterlassenschaft im Bad und ist alsbald mit vorwurfsvollen Frageton zu vernehmen: „Sagmal, hast du alles runtergeschmissen oder hat der Hund auf die Matte gepisst?!“

In meinem verschlafenen Kopf bin ich zunächst ratlos. „Wie ´runtergeschmisssenˋ? Was meinst du?“

„Ja, das Wasser! Hier ist alles nass! Die ganze Matte ist nass!“

Ich muss erst mal verdauen, dass man Wasser ´runterschmeißenˋ kann und raffe mich zu einem lahmen „Nö..“ auf.

Die Liebste kommt mir aber sofort auf die Schliche und konstatiert: „Du steigst immer mit NASSEN FÜSSEN von der Dusche auf die Matte!“

„Ich dachte, das wäre der Sinn von Badezimmermatten..“ entgegne ich. Damit habe ich offensichtlich argumentativ und logisch ins Schwarze getroffen, den jetzt kommt keine Antwort mehr. Ich schlussfolgere, dass – ähnlich wie bei der Küche – meine Gattin am liebsten hätte, dass Spuren menschlicher Aktivität von vornherein unterbleiben.

Geschichten die das Leben schrieb: Rätsel Weib

Die Frau unterbricht ihren Home Office Vormittag für eine Runde Oberflächen und Fußböden putzen. Sie ist bester Dinge und scheint die Haushaltsarbeit als Entspannung von ihrer zwar hochqualifizierten aber drögen Lohnarbeit (Zahlenkolonnen, Exceltabellen, Assekuranz-Fachchinesisch) zu benötigen.

Fröhlich trällert sie vor sich hin: “PUTZ DICH GLÜCKLICH!!”

Ich so: ………….. ?! (sprachlos)

Geschichten, die das Leben schrieb: von der Nützlichkeit und der Hausarbeit

Ich sitze mit dem iPad auf dem Bett (meine offizielle Lagerstätte wegen grippalen Infektes) und fertige ein paar Illustrationen an für die Düsseldorfer DKP, die ihre Flyer zur Unterstützung des Arbeitskampfes im Pflegebereich ein bißchen aufpeppen will.

Die Frau so, nachdem sie sieht, was ich zeichne und nachgefragt hat, für wen das ist: „Und alles mal wieder umsonst, oder?“

Ich so: „Ja klar. Wer soll mich denn dafür bezahlen? Die Kollegen, die streiken, um ein paar Euro mehr am Monatsende, einen besseren Personalschlüssel usw. zu haben? Du kannst Fragen stellen…. Ich unterstütze gerne mit meinen überschaubaren Talenten den Kampf der Kollegen für anständige Arbeitsbedingungen.“

Das beeindruckt die Liebste wenig: „Du solltest lieber mal im Haushalt deine Talente einbringen und deine Frau unterstützen statt die Kommunisten!“

Nur gut, dass ich keinerlei Talent zur Hausarbeit habe.

Geschichten die das Leben schrieb: der menschliche Störfaktor im Küchen-Reinraum

Hungrig von der Arbeit heimgekehrt, organisiere ich mir in der Küche die Zutaten fürs Abendbrot und bereite mir einen Teller allerleckerster „Bütterchen“, wie der Rheinländer sagt.

Nebenher fahre ich den Rechner hoch – als Niedriglöhner brauche ich die Einnahmen aus diversen kleinen Web- und Grafik-Nebenjobs, die ich nach und neben der regulären Lohnarbeit auf die Reihe zu kriegen versuche.

Als ich in die Küche zurückkomme, hat sich die Frau neben der Spüle aufgebaut und betrachtet mißbilligend meinen Abendbrotteller. Ihr kritischer Blick wandert vom Teller zur Spüle und wieder zurück. Sie sagt kein Wort. Allerdings ist ihr in unsichtbarer Leuchtschrift „Kannst du deine Krümel nicht wegmachen?!“ auf die Stirn tätowiert.

Im Geiste hat sie wahrscheinlich schon die genaue Anzahl der Krümel bestimmt und den Aufwand berechnet, den deren Beseitigung kosten würde – MICH, nicht sie, denn laut ihrer küchenhygienischen Perfektionistenphilosophie ist es erstens ein Leichtes, jedwede Küchenaktivität zu vollziehen ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, wobei zweitens diese Aufgabe nicht nur unmittelbar NACH irgendwelchen Koch-, Spül- oder Brotschmiervorgängen zu erledigen ist, sondern PARALLEL zu den Tätigkeiten, zu deren Erledigung man sich in die Küche begibt.

Ich fühle, dass ich jetzt mal etwas Grundsätzliches loswerden muss und erkläre: „Hast du eigentlich auch noch irgendwelche menschlichen Regungen in dir? Ist dir klar, dass dies eine KÜCHE ist, in der Menschen normalerweise sich um ihre Nahrungszubereitung kümmern und zu diesem Zweck mitunter Brote schneiden, die aufgrund ihrer Beschaffenheit dann auch mal KRÜMELN können? Manchmal hab ich das Gefühl, du nimmst mich nicht nicht als Mensch wahr, sondern bloß als Störfaktor, der Dreck verursacht!…“

Weit entfernt davon, sich von diesem leicht pathetischen Plädoyer beeindrucken zu lassen, antwortet die Gattin zuckersüß: „Hm, das trifft aber leider zu. Du hast dich selber sehr gut beschrieben. Du BIST nun mal ein dreckverursachender Störfaktor!“

Zum Glück verrät mir ihr Grinsen, dass sie damit gut leben kann und jedenfalls momentan und gnadenhalber bereit ist, sich auf meine überschaubare Kompetenz beim Aufräumen der Küche zu verlassen.