Geschichten, die das Leben schrieb: vom Proletariat in die Mittelschicht und zurück. Und wieder zurück.

Ich komme aus einer Familie der Arbeiterklasse, deren vorletzter Sproß (mein Vater) einen bemerkenswerten sozialen Aufstieg in die ersten Vorhöfe der Oberschicht hinlegte: vom Dekorateurs-Lehrling brachte er es zum Vorstandsvorsitzenden eines Versicherungsunternehmens. Damit konnte er im Laufe der Zeit seiner Familie ein gutes Leben in materieller Sicherheit gewährleisten.

Seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen vergaß er trotzdem nie. Er war zwar überzeugter Anhänger des Kapitalismus, wollte diesen aber „gerecht“ und „sozial ausgewogen“ wissen. Bis zur Rente blieb er SPD-Mitglied. Mit der Kanzlerschaft Schröders und der „Agenda 2010“ allerdings reichte es ihm; er trat aus der SPD aus („Das ist nicht mehr meine Partei!“) und war in seinen letzten Lebensjahren ATTAC-Mitglied.

In meiner Kindheit, als mein Vater seinen „Weg nach oben“ begann, war unsere soziale Lage für mich noch deutlich spürbar: Wohnsituation, städtisch gesponserte Ferienspiele und Sozialtickets für kinderreiche Familien, vor allem aber die liebevollen, doch eher bescheidenen Verhältnisse der Großeltern machten deutlich, welcher Klasse wir angehörten. Sie machten es deutlich, ohne dass es meinem kindlichen Verstand bewusst war. Es war einfach so. Ich erinnere mich an gelegentliche Besuche bei Schulkameraden aus „besseren Verhältnissen“, die z.B. in Eigenheimen wohnten: dass so wenig Leute soviel Platz bewohnen konnten und dies alles ihnen gehörte – statt wie wir mit 7 Leuten in einer engen Mietwohnung zu leben – war für mich ein tiefgreifender Eindruck.

Meine Jugend bis zur Volljährigkeit verbrachte ich dann in dem sorglosen Wohlstand einer Mittelschichtsfamilie. Auslandsreisen, Gymnasium, Abitur, Studium usw. waren möglich; Geld war vorhanden und wurde – jedenfalls bei entsprechender Gegenleistung in Form von schulischen und universitären Leistungen – auch gerne gegeben. Auch sonst ließ sich mein Vater nicht lumpen und half allen seinen Kindern mit Geld aus, wenn es mal knapp war.

Durch allerlei Umstände und einen höchst wechselvollen Lebensweg landete ich dann doch wieder bei den proletarischen Familienwurzeln und muss seit ca 2010 mit verschiedenen Niedriglohnjobs über die Runden kommen. Ich konnte jahrelang praktisch erfahren, was Armut bedeutet, was es heisst, am Monatsende gerade genug Geld für Miete und nicht verschiebbare Zahlungen zu haben.

Ich musste oft aus Geldmangel im Pflegeheim (meinem Arbeitsplatz) mitessen, da zuhause keine warme Mahlzeit drin war. Ausgaben über 50 EURO stellten mich vor Probleme. Die Angst, dass Waschmaschine oder Auto kaputt gehen oder eine Reparatur benötigen könnten, begleitete mich ständig. Offizielle Schreiben, die ja in der Regel meist Rechnungen und Mahnungen sind, öffnete ich nur mit Grausen. Das Auto musste ich schliesslich abschaffen, weil ich es mir nicht mehr leisten konnte – zum Glück war der Arbeitsplatz In der Nähe.

Die 10 – 15 Euro, die ich Sonntags rituell im Weimarer „Caféladen“ auszugeben pflegte, waren Gegenstand sorgfältiger Planung und Berechnung. Als ich meine Wochenstunden von 30 auf 35 erhöhte, um etwas mehr Geld übrig zu haben, wurde mir prompt das Wohngeld gestrichen, da ich mit mehr Wochenarbeitszeit oberhalb irgendwelcher Bemessungsgrenzen lag. Urlaub war ein Wort, das ich zwar kannte, aber das für mich lohnarbeitsfreie Zeit zuhause bedeutete.

Kurzum, Schmalhans war Küchenmeister und jeder Euro musste centweise mehrfach umgedreht werden.

Mittlerweile lebe ich, dank einer gut verdienenden Gattin und nach Umzug in die Alt-BRD, ein Mittelschichtsleben wie meinen Eltern nach erfolgtem sozialen Aufstieg. Autoreparaturen und Anschaffungen von Haushalts- oder IT-Geräten sind (zwar nicht andauernd, aber bei Bedarf) möglich, Urlaub ist kein Problem und Ausgaben unter 100 Euro kann man einfach so mal eben machen, ohne lange zu überlegen. Selbst die derzeitige Teuerung auf allen Gebieten, die absehbaren massiv erhöhten Energiekosten usw. lassen sich mit unserem soliden kumulierten Familieneinkommen vergleichsweise locker wegstecken.

Und das bringt mich zum Kern des Pudels bzw. zur Butter bei den Fischen: es ist ein Riesenunterschied, ob man genügend Geld übrig hat für die diversen kleinen Kosten des Lebens im Kapitalismus (inklusive Dinge, die man sich einfach nur kauft, weil man Spaß dran hat; inklusive „soziale Teilhabe“ wie Konzerte, kulturelle Veranstaltungen usw.) oder ob man all das nicht kann, weil das Reich der Freiheit nur den Niedriglohnsektor oder das Hartz4-Regime für einen vorgesehen hat.

Die Gemeinheit, Menschen in Armut leben zu lassen, indem man sie schlecht bezahlt; indem man sie von elenden staatlichen Transferleistungen zu leben zwingt; indem man ihnen auferlegt, dass ihr (Über-)Leben vollständig eine abhängigen Konstituente der Berechnungen anderer (nämlich von Staat und Kapital) ist: das ist ein recht widerlicher Zug dieses allseits gepriesenen Freiheitsladens.

Armut macht nämlich krank. Ich erinnere mich gut an den permanenten Stress, ob das Geld ausreicht, wo ich einsparen muss usw. Die Unterströmung dieser Daueranspannung ist armen Leuten ein fester Begleiter. Sowas geht über kurz oder lang auf die Gesundheit. Laut Statisten werden Arme schneller krank und sterben früher.

Darum ist das so eklig. Nicht, weil „das doch gar nicht nötig wäre in einem so reichen Land wie unserem“, sondern WEIL es nötig ist, um diesen Kapitalismus erfolgreich zu machen. Armut ist nicht das Zeichen, dass der Kapitalismus versagt, sondern im Gegenteil der Beleg dafür, WIE GUT er funktioniert. Ohne Armut kein Reichtum, ohne Verarmung der Leute keine Akkumulation von Geld und Kapital auf der Seite derjenigen, deren Einkommensquelle die Arbeit anderer ist.

DARUM gehört der Dreckskapitalismus abgeschafft. Nicht „gerechter“ gestaltet. „Gerechtigkeit“ ist was für Leute, die das, was sie „Ungerechtigkeit“ nennen als conditio sine qua non der Gesellschaft akzeptiert haben und nun ein bißchen Wohltätigkeit für die „sozial Schwachen“ spendiert haben möchten. Die Forderung nach „Gerechtigkeit“ ist Bittstellertum, Adressat ist die Obrigkeit.

Nachsatz: wer immer mir jetzt kommt mit „Jeder ist doch seines Glückes Schmied!“ und „Das hat sich doch jeder selbst ausgesucht; man kann doch einen Beruf ergreifen, in dem man viel bzw. genug Geld verdient!“, der wird zur Stunde seines Abschieds aus dieser Welt stantepede in die schlimmste aller Höllen befördert, die neoliberale Poesiealbumssprüche-Hölle.

Dort werden die Delinquenten in riesige Fässer voller Erfolgsmenschen-Achselschweiß getaucht und müssen sich tagein-tagaus Christian Lindner- und Annalena Baerbock-Reden anhören. Wenn sie aus den Fässern auftauchen zum Luftschnappen, kriegen sie von jeweils einem Dutzend freigesetzter Arbeiter, Niedriglöhner und Erwerbsloser eine Abreibung nach Maß verpaßt (deren blaue Flecken vor dem nächsten Tauchgang sofort wieder verschwinden).

Geschichten, die das Leben schrieb: Kiffe, verdammt nochmal!

In der Parallelrealität dieses Strafplaneten häufen sich die bizarren Zeichen und Hinweise auf den grundlegend absurden Zustand der Spezies: innerhalb von nur 30 Minuten stoße ich auf die hier abgebildeten Nummernschildbeschriftungen.

Die erste wirft berechtigte Fragen auf nach dem Substanzengenuß des Autohändlers oder der Werkstatt; vor allem möchte man natürlich wissen, wofür das „vn“ hinter dem imperativen „kiffe“ steht: „viel neues (Hasch)“? „Veredeltes Nepali-Grass“? „verdammt nochmal!“?

Eine kurze Google-Recherche fördert eine ominöse „Kiffe V&N GmbH“ zutage, laut Selbstauskuft sogar Teil einer „V&N Gruppe“; offensichtlich ein Dealer, der in großem Stil Cannabis nach Deutschland importiert und sich als Fassade eine gutbürgerliche Tarnexistenz als Autohändler gewählt hat.

Während ich noch am Grübeln bin über die Chuzpe dieser Rauschgiftmafia, sich einfach mal so über Nummernschildbeschriftungen bekannt zu machen, trete ich vor Schreck fast auf die Bremse, als mir die nächste kryptische Inschrift unterm Nummernschild des vor mir fahrenden Autos ins Auge und ins Großhirn dringt: “Auto-Birne“!?!

Könnte das ein Alias der Kifferklitsche von soeben sein? Sozusagen eine Allegorie auf die AUTOnome Entgrenzung der bekifften BIRNE?

Oder sollte es sich etwa um ein Nebenerwerbs-Business des „Kanzlers der Einheit“ handeln, eine subtil-ironische Rache des späten Helmut Kohl an den TITANIC-Autoren, die ihm auf ewig den Spitznamen „Birne“ angehängt haben

Zum Glück habe ich es nur noch wenige hundert Meter bis nach Hause. Nachdenklich und verwirrt suche ich mir einen Parkplatz und bin froh, dass die Fahrt beendet ist, denn mittlerweile frage ich mich angesichts der mehrdimensionalen Implikationen all dieser doppelbödigen Botschaften, ob ich selber bekifft bin.

Da ich jedoch gerade von der Arbeit komme, kann ich einen entsprechenden Drogenkonsum ziemlich eindeutig ausschließen. Oder?

Geschichten die das Leben schrieb: die heilige Pfanne

Nach einem wieder mal erlesenem Mittagsmahl, aufs Professionellste erstellt und angerichtet von der Liebsten – als Meister-Hobbyköchin eine Kategorie für sich – mache ich mich in satter Zufriedenheit, und um haushaltsmäßig guten Willen zu demonstrieren, ans Abräumen.

Die Pfanne nur in die Spüle! Kein Spüli rein! Lass nur Wasser reinlaufen, den Rest mach ich nachher!“ ertönt es leicht alarmiert in meinem Rücken, während ich mit den benutzten Küchengerätschaften hantierte.

Die Hi-End-Edelstahlpfanne, de facto eine Mischung aus Pfanne und Topf, mit weltraumtauglicher Nanobeschichtung versehen und von der Gattin für einen Preis erstanden, bei dem mir schwindlig wurde, ist nämlich das zentrale Kultobjekt ihrer Küchenreligion; es wird von ihr verehrt wie ein Sakralgegenstand und gehütet wie ein rohes Ei. Laien wie ich dürfen sich dieser heiligen Kulinarikhardware nur mit Ehrfurcht und unter Einhaltung größter Behutsamkeit nähern.

Weiss ich doch“, antworte ich mit lässiger Selbstverständlichkeit, „ich kenn‘ doch die eisernen Küchenregeln, die hier gelten… auch wenn ich es nicht immer schaffe, sie einzuhalten!“

Die Frau so (im Ton definitiver Faktizität): „Nie.“

Geschichten die das Leben schrieb: WACHSTUM war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Pfleger fort

Ich komme vormittags vom Einkaufen nach Hause. Die Frau, im Homeoffice, sitzt am Schreibtsch und lauscht – einer Ansprache? Einem Vortrag? Einer Wahlkampfrede?

Die Stimme aus dem PC klingt wie ein Berufspolitiker, der – wichtig, wichtig – irgendwelche bedeutsamen Ankündigungen an die Untertanen macht, jedenfalls an Leute, die in irgendeiner Weise von ihm bzw. seinen Beschlüssen abhängig sind.

Beim Auspacken dringen Wortfetzen aus dem Arbeitszimmer an mein Ohr:

Wir haben die Digitalisierung der Arbeitswelt hinter uns gebracht… Partnerschaft… um im Privatkundengeschäft zu wachsen, im Gewerbekundengeschäft zu wachsen… wachsen…. wachsen…. wachsen.. Nachhaltigkeit… klimaneutral zu werden, in einigen Bereichen sogar klima-positiv zu werden… wachsen… wachsen… wachsen… Wachstumsquote… Kommasieben… wachsen… nachhaltig… Erfolg… gemeinsam… großes Potential… das Wachstum…“

Ich ahne, wer hier so unglaublich aufmerksamkeits- und gleichzeitig gehorsamsheischend daherschwallt, frage aber trotzdem mal nach: „Hörst du dir hier Politikerreden an oder was ist das für ein wichtigtuerisches Gesülze?“

Die Frau macht eine abwinkende Handbewegung.

Vorstand!“, ist ihr einziger Kommentar. Der Redner ist also der Vorstandsvorsitzende ihres finanzkapitalistischen Arbeitgeberkonzerns. Sie steht auf, macht mit der Hand die Schnatternder-Schnabel-Geste und gesellt sich zu mir in die Küche.

Müsst ihr euch das anhören?“, will ich wissen.

Ja. Das ist die Strategiekonferenz. Ganz ehrlich: das ist sowas von peinlich… ich lass das nebenher laufen.“

Der schiere Irrsinn der Ansprache dieses Führungsbourgeois lässt mich einerseits froh sein, dass ich mittlerweile das Alter und die meditative Gelassenheit erreicht habe, wo ich nicht mehr fürchte, an dem Irrsinn der Welt selber irre zu werden.

Andrerseits zeigen die Floskeln und Sprechblasen dieses unternehmerischen Lieblingsbürgers eines anständig akkumulierenden Kapitalstandortes, wie hervorragend WACHSTUM sich mit einem modernen grünen Kapitalismus mit Klimaneutralität – sogar Klimapositivität! – und „Nachhaltigkeit“ vereinbaren läßt.

WAS da wächst, nämlich bestimmt nicht die Löhne und Gehälter derjenigen, die die Befehle aus den Konzernzentralen auszuführen haben, muß man überhaupt nicht wissen. Das magische Wort WACHSTUM hat zu reichen als conditio sine qua non einer Ordnung, die längst keinerlei Rechtfertigung mehr benötigt.

Der Imperialismus mag Mensch, Tier, Natur, Umwelt und den gesamten Planeten als Brennstoff der kapitalistischen Bereicherung verheizen – es ist egal, jeder hat die Gültigkeit des irrationalen Götzen WACHSTUM verinnerlicht und versteht, dass damit nicht ein Wachstum seines eigenes beschränkten finanziellen Spielraums aus der Einkommensquelle Lohnarbeit gemeint ist, sondern das Wachstum derjenigen Werte, auf die es wirklich ankommt: das in Geld gemessene, als Kapital fungierende Vermögen, das in den Umsätzen und Gewinnen der Konzerne, der Unternehmen und der Superreichen erzeugt wird.

Das zu kapieren und hinnehmen zu müssen, daran kann man schon irre werden. Oder Kommunist.

Geschichten die das Leben schrieb: die Partei hat immer recht

Wahlgelaber in den Staatskanälen. Die Spitzenkandidaten der Bundestagsparteien hauen sich ihre Sprechblasen um die Ohren.

Beim Thema „China“ muss ich leider der AfD-Tante recht geben, die als Einzige das wohlfeile hysterische China-Bashing ein bisschen ausbremst.

Ansonsten, aus bürgerlicher Sicht, ist der SPD-Kandidat der „Glaubwürdigste“ bzw. staatsmännisch solideste.

Meine Herzdame, die heute anscheinend ihren politischen Tag hat, lässt sich mit dieser Bemerkung vernehmen:

“SchatzI, ich geh in die Politik! Als neue Partei!”

Ich bin erstaunt: “Als was? Und wofür willst du da eintreten?”

Die Frau so: “Für soziale Interessen und Wohnungen zu bezahlbaren Mieten! Wie findest du das?“

Darauf gibt’s natürlich nur eine Antwort: „Also, meine Stimme hast du!“

Geschichten die das Leben schrieb: Zeichen und Wunder an der heimischen Basis!

Meine Liebste, ansonsten eher dem seichten Vorabend-Fernsehprogramm, “Tatort”-Folgen und der Perfektionierung von Haushalt und Küche zugetan, hat sich vor der Mediathek niedergelassen und eine höchst umsturzverdächtige Konserve vom NDR aufgerufen.

Während ich am Rechner sitze und mit halbem Ohr hinhöre, glaube ich meinen Ohren nicht zu trauen. “Was guckst DU denn da??” frage ich überrascht. “‘Wie endet der Kapitalismus?’ – Hauptsache er ENDET überhaupt!” kann ich mir nicht verkneifen zu bemerken.

“Das will ich jetzt mal sehen! Das ist interessant!” erhalte ich zur Antwort. Meine Gattin ist allerdings aufs Empörteste sensibilisert, seit sie vor ein paar Tagen eine Reportage über den Wohnungsmarkt sah, in dem zahlreiche Normalverdiener vorgestellt wurden, die aufgrund der marktwirtschaftsüblichen Immobilienspekulation sich die Miete nicht mehr leisten können.

Seit geraumer Zeit beobachte ich eine zunehmend kritischere Einstellung meiner Herzdame zu allerlei Phänomenen, die – wie schlaue Kommunisten wie ich natürlich wissen – ihre Ursache im Ausbeutersystem und der imperialistischen Barbarei haben. Allerdings halte ich mich mit Einflußnahme so gut ich kann zurück und versuche, wenn (zu meiner Freude) doch mal das Gespräch auf politökonomische und gesellschaftstheoretische Themen kommt, so sachlich und faktisch wie möglich zu argumentieren.

Gerade meine Frau ist eine hervorragende Trainingspartnerin für solide und nüchterne kommunistische Überzeugungsarbeit ohne Missionierungseifer und emotionale Agitation. Sie ist von Persönlichkeitsstruktur und Herkunft typisches Kind westdeutscher Wohlstandsverhältnisse. Beruflich ist sie, als studierte Betriebswirtin, seit Jahrzehnten bei einem finanzkapitalistischen Konzern beschäftigt, hat also einen ziemlich nüchternen Blick auf finanzielle und ökonomische Dinge.

Wenn sogar jemand wie sie anlässlich der anstehenden Bundestagswahlen verkündet, dass sie obwohl sie eigentlich nicht wählen wollte, “diesmal die Kommunisten” wählt, kann ich mir das ein wenig auch als eigenes Verdienst anrechnen, da ich aus meinen politischen Sympathien (ebenso wie aus meiner Meinung zu bürgerlichen Wahlen, btw) kein Hehl mache – andrerseits sind die Verhältnisse anscheinend mittlerweile so, das viele Leute von selbst drauf kommen, dass Kapitalismus eben schon als Kind scheisse war.

Vorläufig hat mein Schatz aber andere Probleme mit der politischen Weiterbildung: da die Mediathek übers Internet auf den Fernsehschirm gelangt und heute wohl die Verbindung etwas instabil ist, fällt zu ihrer Verärgerung immer wieder mal der Videostream aus. Scheinbar immer an ähnlichen Stellen, jedenfalls höre ich sie fluchen:

“Immer wenn ich höre, dass die Reichen noch reicher werden, fällt das Internet aus! Vielleicht soll ich gar nicht wissen, dass die Reichen noch reicher werden…”

Geschichten die das Leben schrieb: Buchhandlungen regen mich immer zu gedanklichen Höhenflügen an

Freiheit als Herrschaftsform bedeutet neben und vor allem anderem, dass aus allem und jedem ein Geschäft gemacht werden kann – sofern sich zahlungsfähige Nachfrage danach findet. Für die „CRIME“-Hefte der Zeitschrift „Stern“, die hier einen ganzen Drehständer in der Bahnhofsbuchhandlung einnimmt, scheint das der Fall zu sein.

Kenner- und genießerisch zelebrieren Dutzende von Ausgaben die ganze spannende Welt des Verbrechens – von den „13 schlimmsten Serienmördern aller Zeiten“ bis zu Einzelausgaben besonders fieser Meuchelmörder und Kapitalverbrecher.

Dass diese wichtige Freiheit, nämlich das lesende Publikum mit den gesetzübertreterischen Gruselgeschichten aus der kapitalistischen Wirklichkeit zu unterhalten, eine ganz essentielle ist, wird unterstrichen durch die nebenan platzierten Hefte über geschichtliche Gestalten und Politiker: der Name des schwarzweißen Schnurrbartträgers, den jeder kennt (auch wenn hier ein vergleichsweise sympathisches Jugendfoto des „Stählernen“ als Titelbild ausgewählt wurde), wird in kyrillisch anmutenden Buchstaben geschrieben, darunter das entscheidende Stichwort „Tyrann“.

DIESER Bursche, so viel weiß jeder Insasse unserer freiheitlichen Demokratie, war garantiert KEIN Befürworter solcher wesentlichen Freiheiten wie derjenigen, mit den Opfern und Verbrechern des wunderbaren wertewestlichen Freiheitsladens ein anständiges Geschäft zu machen; sowieso und im Grunde genommen – so schließt sich der Kreis – war der Mann ja selber ein Verbrecher, wie man ausweislich der beachtlichen Anzahl von Toten während seiner Regierungszeit schon in der Schule gelernt hat.

Dass die gewaltige Mehrzahl dieser Leichenberge dem Mann und seinem Land von außen aufgezwungen wurden und das Resultat der seinerzeitigen Versuche war, das bolschewistischer Rußland zur wertewestlichen FREIHEIT zu bekehren, spricht wiederum nicht für ihn und sein Tyrannentum, sondern belegt nur die tyrannische Natur des sowjetischen Anführers und seines menschen- und sittenwidrigen Unrechtsystems: all die Opfer hätte er seinem Land schließlich durch freiwilligen Rücktritt und Selbstaufgabe seiner sozialistischen Tyrannei ersparen können!

Gottseidank hat ja letztendlich unser Mann in Moskau, Michael Friedensheld Gorbatschow, diesen Job erledigt und das gesamte Reich des Bösen in unsere regelbasierten Weltordnung von Freiheit und Geschäft überführt. Deswegen ist so ein bißchen Grusel über Stalin und andere Verbrecher ganz angebracht, vor allem wenn es in Zeiten branchenüblicher Schwierigkeiten des Verlagswesens etwas zusätzliche Auflage und Umsätze bringt.

Geschichten die das Leben schrieb: Fettaugen auf der kapitalistischen Suppe

Auf dem Heimweg von der letzten Hunderunde. Die Frau und ich sprechen über ihre Verwandtschaft, die zu großen Teilen aus begüterten Bourgeois besteht.

Neffen und Nichten meiner Frau blicken einer privilegierten Zukunft entgegen, in der sie als phänotypische Bourgeoiszöglinge bereits jetzt durch entsprechende Ausbildung, Förderung und Studiengänge auf die anspruchsvolle Aufgabe vorbereitet werden, später einmal nicht nur den Lebensstandard, sondern vor allem die Lebenseinstellung ihrer Eltern aufrecht zu halten und fortzuführen.

Es handelt sich dabei um Jugendliche und junge Erwachsene, die noch nie im Leben irgendeine Not oder Knappheit kannten; deren Sorgen vornehmlich darin bestehen, wo man Urlaub macht oder ob man sich die Louis-Vuitton-Tasche nicht doch zugunsten eines Chanel-Kleidchens verkneift und ob es nicht langsam Zeit ist, sich über die Vermehrung des in der Familie ohnehin vorhandenen Vermögens Gedanken zu machen.

Das sind eben typische Vertreter ihr Klasse“, sinniere ich. „Die sind mit ihrem Lebensstil und ihrem Klassenbewusstsein groß geworden und kennen nichts anderes…“

Die werden sich noch umgucken“, wirft die Frau ein.

Ich bin überrascht. Treten da etwa bislang unentdeckte sozialrevolutionäre Züge bei meiner Liebsten zutage? Ganz so meinte sie’s aber nicht:

Na, mit der Klimaveränderung und der Kriegsgefahr… weiß doch keiner, ob die überhaupt noch Zeit haben, ihr Geld auszugeben. Geld werden die natürlich immer haben. Das ist alles schon eingetütet und in die Wege geleitet. Der P. (Jüngster Sohn ihrer Schwester) setzt sich ins gemachte Nest (die private Augenklinik seines Vaters), die beiden Mädchen studieren ja schon Medizin und werden niemals Mangel leiden, wenn sie sich nicht völlig dämlich anstellen…“

Oder wenn sich die Mehrheit der Leute besinnt und beschließt, die Zustände zu beenden, in denen die Armut der einen den Reichtum der anderen bedingt…“, werfe ich ein.

Meine Herzdame ist aber noch am Kontemplieren: „Nimm mich zum Beispiel. Ich hab keine reichen Eltern, ich hab eine Lehre gemacht und dann studiert und hab’s trotzdem zu nichts gebracht, also kein Eigentum, kein Haus, kein Vermögen oder sowas…. Die haben von vornherein alles und müssen sich nie Gedanken über Geld machen…“

Tja, du bist vielleicht einkommensmäßig in der unteren Mittelschicht angesiedelt, aber eben immer noch lohnabhängig, also auf Gedeih und Verderb von der Kalkulation anderer mit deiner Arbeitskraft abhängig“, ergänze ich. Ich komme langsam in Fahrt:

Das Üble an dieser Gesellschaft ist ja, dass alle wissen, was für ein Elend ihrem bißchen Erfolg zugrunde liegt. Jeder weiß , dass nur ein paar Wenige auf Kosten der Mehrheit alles besitzen und sich bereichern. Aber selbst die Ärmsten wollen lieber zu den paar Reichen gehören, als dass sie sich dazu entschließen, ein anständiges Leben für ALLE herzustellen…“

Ja“, ergänzt die Frau, „wie die Fettaugen auf der Suppe.“

Genau. Die Suppe stinkt und ist ziemlich unbekömmlich, aber Demokratie-Insassen sind lieber Fettaugen auf einer fauligen Suppe als das sie die Brühe auskippen und eine nahrhafte Suppe kochen, von der alle satt werden…“

Kurzes Schweigen, ehe die Liebste zum Himmel schaut und sagt: „Also, ich hab heute Lust auf ein Glas Rotwein; was ist mit dir..?“

Angesichts dieses klaren Signals, dass die sozialpolitischen und allgemein ökonomischen Erörterungen jetzt beendet sind, nicke ich zustimmend und bestätige, dass auch ich ein Glas Rotwein durchaus zu schätzen wisse.

Auf den Klassenkampf!

Geschichten die das Leben schrieb: Die Quallenfischer von Schönberg

Im Ostseebad Schönberger Strand existiert noch heute die alte Tradition einer Fischerei-Spielart, von der Außenstehende, insbesondere außenstehende Landratten, noch nie gehört haben:

Die Quallenfischerei.

Das schwer zu erlernende Handwerk wird nicht vom Vater auf den Sohn, sondern stets generationsüberspringend vom Urgroßvater auf den Urenkel vererbt – mit ein Grund, warum es lange ausgestorben schien. Schwer zu erlernen und zu beherrschen ist die Kunst des Quallenfischens schon deshalb, weil die glibberigen Ostseequallen (die nicht mit den stramm festkörperhaften Muskelquallen der Nordsee oder erst recht den gepanzerten Raubquallen um Island zu verwechseln sind) mit normalen Fischernetzen nicht zu erbeuten sind.

Nein, man muß hier auf das Geschick und die Erfindungsgabe des norddeutschen Menschenschlages zurückgreifen, um zu einem erfolgreichen Quallenfischer zu werden. Und das tut der norddeutsche Mensch: Urfischer Hein Moinsen, der mythologische Gottseibeiuns der Quallenfischer, wusste was er tat, als er – so die Sage – nach einem nächtlichen Gelage morgens früh um 4:00 seinen Kahn bestieg und auf die schimmernde Ostsee hinausfuhr.

Beseelt vom herben Landbier und etlichen Lagen Köhm brachte er einen großen Eimer an der Backbordseite des Bootes an. Sodann tauchte er eine Hand in das salzige Element, wedelte diese in langsamem, gleichmäßigem Rhytmus hin und her und sang spontan diese Verse:

„Qualle, Quällchen, schönes Glibbern!
Lass mich hier nicht lange dibbern*,
Kommt herbei, ihr kleinen Schleimer,
springt in meinen Qualleneimer!“

Was die Quallen dann auch taten. Lag es am norddeutschen Singsang des Urfischers? An seiner Verbindung mit den Elementen oder seiner Trinkfestigkeit? Bis heute jedenfalls ist nicht jeder zum Quallenfischer geeignet; auch manch Einheimischer kann im Wasser wedeln und die Quallenbeschwörungsverse singen bis die Flut kommt und keine Qualle springt in seinen Eimer.

Ist der Eimer aber voll und die Beute an Land gebracht, weiß nur die Quallenfischersfrau um das Geheimnis der schmackhaften Quallensuppe, die man hier im Norden auch „die Bouillabaisse des kleinen Mannes“ nennen würde, wenn man Französisch könnte.

*norddeutsch für „meckern, jammern, drängeln“

(Bilder: Einer der letzten Quallenfischer macht seinen Kutter klar und sticht in See)

Geschichten die das Leben schrieb: Prioritäten!

Nachdem ich dem dringenden Ausschlafbedürfnis der Liebsten stattgegeben habe und die erste Runde mit dem Hund alleine gegangen bin, setze ich mich wieder an den Rechner.

Ein bezahlter Grafik-Job wartet, und in der kommenden Arbeitswoche wird kaum Zeit sein für Design- und Programmierarbeiten. Die Frau verbringt derweil ausgiebig Zeit in Bad und Ankleidezimmer, erscheint aber nach einer Weile ausgeruht und tiefenentspannt, mit noch nassen Haaren und nach edlen Bodylotions duftend, im Wohnzimmer, in dem ich vor mich hin mausklicke.

Ich könnte noch einen Kaffee gebrauchen!“, rufe ich ihr zu, den Blick hochkonzentriert auf den Monitor gerichtet.

Nee, ich kann jetzt nicht“, kommt zur Antwort.

Jetzt blicke ich doch mal hoch. „Wie jetzt? Du kannst nicht mal eben Wasser aufsetzen und einen Kaffee machen? Ich bin hier am ARBEITEN, falls dir das entgangen ist..“

Die Gattin: „Ich muss meine Fingerchen machen. Ich arbeite an meiner äußeren Erscheinung!“

Spricht‘s und setzt sich hin, um mit einer Nagelfeile an der äußeren Erscheinung ihrer Fingernägel zu arbeiten. Für mich als passionierten Nägelkauer ist das schwer nachvollziehbar und so begebe ich mich selber in die Küche um für Kaffeenachschub zu sorgen.

Sie kriegt natürlich als erste eine Tasse frischen Kaffees ab – Ehrensache.

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