Geschichten aus dem Pflegeheim: Bundestagswahl entschieden!

„Tagesgruppe Demenz“: nach dem Frühstück unterhalten wir uns, wie wir den gemeinsamen Vormittag gestalten wollen. D.h. ich frage – mehr aus rhetorischen Gründen – meine Truppe, wonach ihnen heute zumute ist. Meistens kommen dann Antworten wie „uns unterhalten“ oder „singen“. Alles andere ist zu weit „draußen“, außerhalb des Zugriffs eines dementiell veränderten Gehirns, und muß, wenn schon, als Anregung von mir kommen.

„Wir könnten ja mal wieder ein schönes Märchen lesen. Oder eine Zeitung…“, beginne ich, und frage gleich in die Runde, wer von den Anwesenden überhaupt Zeitung liest. Tatsächlich ist eine Dame dabei (allerdings die einzige ohne „offizielle“ Demenz-Diagnose), die sogar die „Rheinische Post“ abonniert hat und täglich Stunden mit dem darin enthaltenen Kreuzworträtsel verbringt.

Das würde sie aber so nicht ohne weiteres zugeben; auf meine Nachfrage, was sie in der Zeitung so liest und warum sie das Blatt abonniert hat, erhalte ich zur Antwort: „Ja, um mich über das Geschehen in der Welt zu informieren, die Nachrichten und so…“.

Schon haben wir unser heutiges Vormittagsthema gefunden und ich frage mal nach, ob jemand weiß, was für ein besonderes politisches Ereignis im September ansteht. Frau N., die RP-Abonnentin, weiß auch wirklich Bescheid und verkündet stolz, dass dann Bundestagwahlen sind.

Damit haben wir einen schönen Aufhänger für weitere Gedächtnistrainings- und Erinnerungsaktivierungs-Einheiten. Da ich lauter westdeutsch sozialisierte Leute vor mir habe, frage ich sie nach den Kanzlern der BRD seit 1949.

An Adenauer kann sich auch jeder erinnern („Adenauer war der Beste!“, stellt Frau Sch. im Ton endgültiger Gewissheit fest, und ringsum erschallt zustimmendes Gemurmel), an Ludwig Erhard grad noch so (ich muss nachhelfen mit dem Hinweis „Der Dicke mit der Zigarre!“), aber den Rest außer der derzeitigen Kanzlerin kennt keiner mehr auf Anhieb. Bei Nennung der jeweiligen Namen fallen ihnen die Kanzler von Kiesinger bis Schröder dann aber doch wieder ein, und es wird sich an das eine oder andere anekdotische Detail erinnert.

Da wir nun schon mal beim Thema sind und Rate-, Gewinn- und Abstimmspiele bei meinen Schützlingen ohnehin beliebt sind, beschließen wir, die Bundestagswahl einfach vorzuziehen und direkt in der Tagesgruppe den nächsten Kanzler (oder die Kanzlerin) zu ermitteln.

Meine Leute sind erfreut über die Aussicht eines hochoffiziellen Wahlvorganges, da sie sonst höchstens Briefwahl machen (de facto nur eine einzige von ihnen, die besagte Frau N.). Ich erstelle also höchst professionelle Wahlzettel mit den drei Kandidaten, nachdem wir vorher aus der Kandidatenfrage wieder ein Ratespiel gemacht haben.

Laschet kennen alle, wohl weil er Ministerpräsidemt in NRW ist und man hier ständig irgendwas von ihm sieht oder hört. Von Baerbock haben ein oder zwei der Teilnehmer schon mal gehört, Scholz dagegen kennt scheinbar keiner.

Ich erkläre also, was sie mit den Wahlzetteln machen müssen, vor allem natürlich, dass diese nach der Wahl zusammengefaltet werden müssen, da es schließlich eine demokratische Wahl ist und damit die Wahl hinterher nicht angefochten werden kann.

Nach einer Weile und etlichen Mühen sind dann alle acht Wahlzettel beisammen und es kann an die Auswertung gehen. Ich verwandle mich flugs in Jörg Schönenborn und kommentiere beim Auszählen der Stimmen bereits aufs Demokratisch-Medialste den Trend und die Wählerwanderungen sowie Rückschlüsse und Koalitionsmöglichkeiten, bedanke mich aber auch namens der Politiker bei allen Wählern; betone, dass bei der Besetzung der Posten selbstverständlich Sachthemen vor Parteienproporz gehen wird und gebe dann „zurück nach Berlin“!

Mein Wahlvolk ist fasziniert und erwartet gebannt die Verkündung des vorläufigen amtlichen Endergebnisses. Drei der acht Teilnehmer geben trotz meiner Erläuterungen ungültige Stimmzettel ab, entweder weil sie von den Auswahlmöglichkeiten überfordert sind und vorsichtshalber bei jedem Kandidaten ein Kreuz machen, oder weil sie nicht wissen, wenn sie wählen sollen.

Frau P., die den gesamten Vormittag gewohnheitsmäßig in ein- und derselben Position dasitzt und vor sich hinstarrt, kriegt alles mit und überrascht manchmal durch plötzliche Einlassungen, die es in sich haben. Als der Wahlzettel vor ihr liegt und es ans Ausfüllen geht, sagt sie indigniert: „Was soll ich mit dem Blödsinn? Ich hab noch nie gewählt und tu es auch jetzt nicht!“

Das Wahlergebnis selbst ist dann eine handfeste Überraschung. Womit keiner gerechnet hat, tritt ein, und der unbekannteste Kandidat, ein Herr Scholz von der Kleinpartei „SPD“, wird mit klarem Vorsprung neuer Bundeskanzler der BRD!

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das jetzt alten Parteipräferenzen und Wahlgewohnheiten zuzuschreiben ist, oder ob es einfach daran liegt, dass Olaf Scholz ganz unten auf dem Wahlzettel steht und damit für die meisten am einfachsten anzukreuzen ist.

Meine Leute jedenfalls wirken nicht besonders überrascht über das Endergebnis und finden, dass auch mit dem neuen Kanzler alles bestens geordnet ist. Ich kann mich allerdings des Eindruckes nicht erwehren, dass Interesse und Enthusiasmus meiner Gruppe bei der jede Woche einmal anstehenden Wahl der Mittagsmenüs für die kommende Woche deutlich ausgeprägter sind als bei einer letzen Endes doch irgendwie unbedeutenden Bundestagswahl.

Kurze Zeit später sitzen alle beim Mittagessen, und Frau S., die einen leeren Stimmzettel abgegeben hat, vereint sämtliche Anteile ihres Mittagessen zu einer Großen Koalition, indem sie Vorsuppe, Hauptgericht, Joghurt und Pudding kunstvoll durcheinander mischt und sich an den resultierenden Farbeffekten erfreut. „Sehr lecker!“, sagt sie und löffelt zufrieden weiter.

Geschichten aus dem Pflegeheim: So war der Wilde Westen

Das neue Mitglied unserer „Tagesgruppe Demenz“, Frau B., kommt gerne mit Hut in die Gruppe. Sie ist eine kommunikative, aber wortkarge Dame. Sie redet wenig, beteiligt sich aber lebhaft und gestenreich an allen Aktivitäten und Unterhaltungen; besonders liebt sie es, wenn gesungen und geschunkelt wird oder wenn wir kleine gymnastische Übungen machen.

Ihr Hut jedenfalls gibt mir die Vorlage für einen Streifzug durch den Wilden Westen, wo ja bekanntlich alle mit Hüten unterwegs waren. Jedenfalls die Trapper und Cowboys.

Ich ergreife die Gelegenheit, die unglaubliche Geschichte von Trapper Toni zu erzählen (wie alle Geschichten dieser Art entsteht die Story beim Zeichnen). Trapper Toni, ein Vorfahre des nachmaligen FCB-Trainers Trappatoni, war bekannt wegen seines riesigen Hutes und seiner legendär schlechten Laune.

Wurde er auf seinen Riesenhut angesprochen oder dieser gar ins Verhältnis zu seiner kleinwüchsigen Erscheinung gebracht, sah er rot und ballerte wild um sich. Deswegen war er im ganzen Wilden Westen so berüchtigt, dass niemand auch nur wagte, seinen Namen auszusprechen. Genau aus diesem Grunde ist seine Geschichte auch weitgehend unbekannt geblieben.

Trapper Tonis einziger Schwachpunkt war seine unerfüllte Liebe zur Saloon-Sängerin Rosa Romero. Deren winziger Hut wurde von einem Gummiband auf ihrer üppigen schwarzen Mähne gehalten; das Hütchen war ihr Ein und Alles – sie trug sogar Lippenstift in der Farbe des Hutes.

Rosa Romero dachte allerdings nicht daran, auf das Werben des gelbgesichtigen Alten mit dem riesigen Hut einzugehen. Er war ihr zu alt, zu klein und zu jähzornig.

Wie die Geschichte ausging, weiß keiner. Sicher ist nur, dass Trapper Toni sich irgendwann selber ins Bein schoss und den Rest seines Lebens humpelnd verbrachte. Meine demente Truppe war beeindruckt und schwankte zwischen Mitgefühl und Schadenfreude – auch weil ich an dieser Stelle live vormachte, wie dieses tragische Ereignis vonstatten ging.

Rosa Romera dagegen wurde berühmt, als sie zusätzlich zu ihrem Hut die WILDE WESTE fand und anzog – ein Bekleidungsstück, nach dem (wie der Name schon sagt) immerhin der ganze Wilde Westen benannt ist. Die Wilde Weste war durch einen obskuren Magier mit einem Zauberspruch belegt worden und verführte denjenigen, der leichtsinnig genug war, sie anzuziehen, zu wüstesten Ausschweifungen, Parties ohne Ende und tage- bis monatelangen Gelagen.

Die versammelte Teilnehmerschaft stutzt kurz und ist sich nicht ganz sicher, ob DAS nun wirklich sein kann und ob der Wilde Westen wirklich nach der Wilden Weste benannt wurde. Man findet sich dann aber mit der logisch zwingenden Analogie der Ausdrücke ab, und ohnehin ist die Geschichte einfach zu absurd, um nicht auf gefällige Rezeption durch meine Schützlinge zu treffen.

Außerdem hatte ich schon kurz nach dem Frühstück ein paar Lügenmärchen der Brüder Grimm vorgelesen, so dass wir sozusagen im Thema geblieben sind. Alle sind’s zufrieden, wir singen noch ein paar Schlager und schon ist wieder Mittagszeit – das lange Sitzen ist anstrengend für die Leute, die nach fünf Stunden auch bester Unterhaltung froh sind, wenn sie nach dem Mittagessen in ihre Zimmer und ihre Betten können.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Rätsel der verschwundenen Zähne und der Fliegende Holländer

Die „Tagesgruppe Demenz“ ist heute wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, bzw. erinnert an das Kinderlied von den Zehn kleinen Negerlein: einer muss mal, die nächste ist müde und will aufs Zimmer, der dritte wird vom Physiotherapeuten abgeholt, die vierte muss zum Blutdruckmessen oder zum Wiegen – von neun Leuten waren’s jedenfalls irgendwann nur noch vier.

Seit um 7:15 der erste Teilnehmer erscheint bin ich mit den Leuten zusammen. Als gegen 9:30 alle Anwesenden gefrühstückt haben, begleitet von ständigen Unterberechungen und einem dauernden Raus und Rein, ist die Energie im Raum chaotisch und zerstreut. Das Wetter trägt seinen Teil zum Stress bei; es ist drückend und stickig, wenn auch zum Glück nicht zu heiß.

Frau F. kommt mir heute optisch anders vor als sonst. Ihr Gesicht wirkt kindlicher und älter zugleich. Plötzlich geht mir ein Licht auf: sie hat ihre Zahnprothese nicht drin!

Es ist eigentlich Aufgabe der Pflegekollegen, die die Bewohner aufwecken, waschen und anziehen, auch dafür zu sorgen, dass Gebiß und Hörgeräte eingesetzt sind.

Ich schaue Frau F. an, die bereits ein ganzes Brötchen ohne sichtbare Probleme verzehrt hatte, und frage sie, ob sie nicht ihre Zähne vermissen würde. „Wie? Die Zähne? Wirklich??“ – sie greift sich in den Mund und stellt anscheinend zum ersten Mal heute fest, dass sich die Zähne nicht an ihrem üblichen Platz befinden.

Die labbrigen Gummibrötchen, über die sich die Bewohner in der Regel verärgert beschweren, scheinen diesmal einen positiven Effekt gehabt zu haben. Frau F. konnte sie problemlos auch ohne Zähne verspeisen. Ich rufe eine Pflegekraft herbei und frage, wieso die Frau heute keine Zähne im Mund hat. „Ja, irgendwie waren die nicht da… ich konnte die nirgends finden“, gibt die gestresste Kollegin an. Ich vermute, sie hatte einfach keine Zeit um zu suchen.

Fürs Erste müssen wir aber damit leben, dass Frau F.s Zähne verschwunden sind. Das ist natürlich eine spannende Geschichte, eine zwischen Kriminalfall und Abenteuerroman, die wir sogleich aufgreifen und ausspinnen: Haben sich die Zähne etwa selbständig gemacht? Sind sie auf der Flucht? Und wenn ja: warum? Was ist ihnen widerfahren?

Meine Schützlinge sind angetan von der Idee, dass die Zähne sich von alleine auf die Socken gemacht haben und auf eigene Faust die Welt erkunden. Das ist genau die absurde Situationskomik, die bei dementen Menschen gut ankommt. Gleichzeitig machen sie sich natürlich zusammen mit Frau F. Sorgen, dass den kleinen Kameraden Ungemach drohen könnte, jetzt, wo sie so allein und verloren in die große Welt geraten sind.

Nach 5-sekündiger eingehender Nachforschung liegt der Tathergang klar vor mir: die Zähne haben sich gelangweilt und sind kantapper, kantapper in den Wald hinein, wie einst der dicke fette Pfannekuchen. Dort lauern allerlei Gefahren, vor allem vom schlauen Fuchs, der die Zähne dummerweise als Beute betrachtet. Der Hase dagegen lässt sich vom Geklapper der Zähne in die Flucht schlagen. Was werden die armen Zähne so ganz allein im Wald jetzt anstellen? Sie fürchten sich ein bißchen, denn es ist Nacht, und vom Himmel blinkt die bleiche Sichel des Mondes….

An dieser Stelle bricht die abenteuerliche Geschichte der Zähne abrupt ab, denn die Zeile mit der bleichen Mondsichel entstammt dem „Capri-Fischer“-Lied von Rudi Schuricke, das jeder hier auswendig kennt. Jetzt steht als erstmal eine Musik- und Gesangsrunde an.

Wir spielen und singen ein paar Schlager; Frau N. fragt nach irgendeinem Lied, von der ihr gerade eine Verszeile einfällt und nach zwei, drei Schlagern landen wir bei den Seemannsliedern von Freddy Quinn. Wir singen, erzählen, schwelgen in Erinnerungen an vergangene Zeiten, vor allem aber freuen sich die Teilnehmer, dass sie die Lieder kennen und die Texte mitsingen können. In all der Verlorenheit und Unerklärlichkeit des dementen Geistes ist es umso wichtiger, dass die Fragmente der Erinnerung, die erhalten geblieben sind, gepflegt und aktiviert werden.

Mit Musik geht das erfahrungsgemäß am besten – selbst Demente in den Endphasen ihrer Erkrankung erinnern sich an Melodien und häufig auch an Texte der ersten Lieder, die sie kennengelernt haben.

Durch die Seemannslieder inspiriert sprechen wir auch über Seemansgarn. Das wiederum führt uns direkt zum „Fliegenden Holländer“, wohl die bekannteste Seemanns-Sage. Da ich selber nicht ganz firm bin, was die Details dieser Story betrifft, lese ich meiner Runde einen kurzen Erklärtext vor. Darin heisst es über Bernard Fokke, das historische Vorbild für die Sagenfigur des Fliegenden Holländers, unter anderem:

“Die einen nannten ihn einen Zauberer. Andere sprachen von einem Bund mit dem Bösen und dergleichen. Dieser Glaube wurde noch gestärkt durch Fokke’s ganz ungewöhnliche Größe und Körperkraft, durch ein höchst abschreckendes Äußere und ein rohes zurückstoßendes Benehmen, so wie seine Gewohnheit, bei den geringsten Hindernissen fürchterlich zu fluchen.“

Meine Runde ist fasziniert. Um ihre Fantasie bildlich zu unterstützen, male ich ihnen den raubeinigen Kapitän aufs Flipchart und gebe ihnen ein paar Beispiel für kräftiges Fluchen, die ich hier keinesfalls wiedergeben kann und will. Das finden alle klasse, lachen und sind beeindruckt von Käpt’n Fokke, der auf meiner Zeichnung gerade den Kombüsen-Smutje Hein Mück zusammenstaucht, weil der die Kartoffeln zu dick geschält hat.

Nur Herr V., der ganz vorne, direkt neben dem Flipchart, sitzt, hat irgendein Problem. Während ich zeichne, zupft er mich am Hemd und versucht, seinen Einwand zu artikulieren. Da seine Aussprache kaum verständlich ist, ist das keine einfache Angelegenheit. „Holzschuh zu!“ höre ich schließlich raus, und er wiederholt diese Worte immer wieder, wobei er mich am Hemd zupft und auf die Tafel zeigt. Jetzt kapiere ich, was er meint: die Holzschuhe, die ich dem Käpt’n und dem Smutje gezeichnet habe, sind hinten offen. Die Original holländische Holzpantinen – die Klompen – sind hinten geschlossen!

Dieser darstellerische Lapsus hat Herrn V. dermaßen gestört, dass er mit all dem Nachdruck, zu dem er fähig ist, mich darauf aufmerksam macht. Ich korrigiere also meinen Fehler und bestätige vor der Runde, dass Herr V. selbstverständlich Recht hat.

Inzwischen betritt die Wohnbereichsleiterin den Gruppenraum, um mal nach dem dementen Teil der ihr anvertrauten Bewohnerschaft zu schauen. Sie erfährt von dem Waldabenteuer der Zähne und kommentiert: „Ach was! Die sind oben auf dem zweiten Regal in einer Plastikdose…“

Somit ist auch dieses Rätsel gelöst, wobei offen bleibt, ob die Zähne nie fortgelaufen waren oder ob sie nach bestandenen Abenteuern lieber wieder zurück in Frau F.s Zimmer geschlichen sind. Ein Praktikant wird nach den Zähnen geschickt und keine 3 Minuten später sind die ausgebüxten Racker wieder ordnungsgemäß im Mund von Frau F. – gerade rechtzeitig zum Mittagessen, das jetzt ansteht. Die weichen Kohlrouladen mit Hackfleischfüllung plus Kartoffeln allerdings, die heute auf dem Menüplan stehen, hätte sie auch ohne die Zähne locker weggefuttert.

Geschichten aus dem Pflegeheim: die Fronleichnamsprozession

Feiertagsdienst am katholischen Fronleichnam in einer evangelischen Einrichtung. Der Tag beginnt schon mit einer Art innerer Kreuzigung für eine meiner „Tagesgruppen“-Schützlinge, die 91-jährige Frau Sch. Während ich im Frühstücksraum die Lage sichte, Tische eindecke und die Anwesenden erstmal begrüße, öffnet sich die Tür zu Frau Sch.‘s Zimmer – es liegt direkt neben dem Speiseraum – und eine Pflegekraft verläßt den Raum mit den aufmunternden Worten „Und jetzt schön frühstücken gehen!“ an Frau Sch.

Ein paar Sekunden später taucht eine völlig verwirrte und konsternierte Frau Sch. auf und steckt den Kopf aus dem Türrahmen. „Was ist denn hier los? Sowas hab ich ja noch nie erlebt!!“ sagt sie, den Tränen nah. „So können die doch nicht mit mir umgehen! Ich weiß überhaupt nicht mehr, was los ist!“

Ich ahne, dass es hier nicht um ein etwaiges unangemessenes Verhalten der Pflegekraft geht, sondern um die inneren Abgründe von Frau Sch. Also nehme ich sie erstmal in den Arm und frage, was passiert ist – obwohl ich weiß, dass gar nichts passiert ist außer Erschrecken, Nicht-Begreifen und Verunsicherung über Frau Sch.s Verlorenheit in der eigenen inneren unbekannten, immer diffuseren Fremde an diesem Morgen.

Ich weiß gar nicht, wer ich bin! Ich glaube, ich brauch einen Psychiater. Was stimmt denn mit mir nicht?“ Sie schaut mich tränenüberströmt an. „Ich bin doch sonst eine fröhliche Person, aber heute stimmt gar nichts! Ich kann mich auch gar nicht wehren!“

Das kann ich gut verstehen“, versichere ich ihr. „Man fühlt sich wie ein winziger Tropfen in einem riesigen Ozean, der einen verschluckt…“

Jetzt schaut sie mich an und wirkt fast erleichtert. „Ja, genau!“, sagt sie, und bekräftigt: „Ich bin bloß eine alte Frau!“ – so als würde das alles erklären, weil eine einzige kleine alte Frau gegen die Gesamtheit eines komplett unverständlichen und ständig weiter zerbröselnden Universums ja sowieso nicht ankommt.

Sie ist jetzt jedenfalls etwas entspannter und bittet mich, ihr die Tränen abzuwischen, weil sie nicht so verheult in den Speiseraum will. Gesagt, getan und den Rest erledigt ein leckerer Kaffee und die feiertäglichen Marmeladenbrote.

Als alle mehr oder weniger fertig gefrühstückt haben, stellt sich die Frage, wie wir den gemeinsamen Vormittag verbringen. Im Grunde habe ich meine wochentägliche „Tagesgruppe Demenz“ hier versammelt, erweitert um zwei oder drei Frühstücksgäste aus dem Wohnbereich.

Da Fronleichnam ist, bietet sich zum Einstieg das „Warum wird dieser Tag überhaupt gefeiert“-Ratespiel an. Das weiß natürlich keiner, auch die allerkatholischsten Leute nicht. Allerdings wissen sie das schon bei Weihnachten oder Ostern kaum oder gar nicht. Ich muss ihnen also auf die Sprünge helfen. Natürlich hat jeder schon mal den Begriff „Fron“ oder „Fronarbeit“ gehört, und was ein Leichnam ist, ist auch jedem klar. Sollte der Feiertag etwa bedeuten, dass jemand so lange Fronarbeit leisten muss, bis er tot zusammenbricht und als Leichnam liegen bleibt?

Diese auf den ersten Blick naheliegende Erklärung wird von meiner Runde nach kurzem Nachdenken verworfen, da man weiß oder ahnt, dass es mal wieder irgendwas mit Jesus zu tun hat, und der starb ja am Kreuz und nicht aus Erschöpfung von zu viel harter Arbeit. Ich löse das Rätsel und erzähle kurz und in einfachen Sätzen, worum es bei dem Feiertag geht und welches Ereignis des Neuen Testaments da begangen wird. Dass der Jesus mit seinen Freunden gerne aß und trank, leuchtet jedem ein; dass er angesichts seiner bevorstehenden Hinrichtung seine Jünger bat, in Zukunft beim Essen und Trinken an ihn zu denken, versteht auch jeder.

Wir haben zwar gerade gefrühstückt und das Brot somit schon „gebrochen“, und Wein gibt’s um die Uhrzeit natürlich erst recht nicht, aber wir prosten uns mit erhobenen Kaffeetassen zu und lassen uns und Jesus hochleben.

Nun fällt Frau N. ein, dass zu Fronleichnam immer Prozessionen stattfinden, bei denen Wald und Feld und Flur und Gemarkung gesegnet wird. Das ist ein super Hinweis, den ich gerne aufgreife. Ich verkünde meiner Truppe, dass wir aus Anlass des hohen Feiertages heute unsere eigene Prozession machen werden und frage in die Runde, was man für eine anständige Prozession so bräuchte.

In kürzester Zeit stehen diese Ingredienzen am Flipchart:

– Baldachin

– Kerze

– Kreuz

– Marienstatue

– Weihrauch

– Glocke

– Segnungs-Stab

Bis auf den Weihrauch haben wir tatsächlich alles im Haus. Ich schicke einen Kollegen los, einen Regenschirm besorgen: der wird unser Baldachin. Eine Kerze ist kein Problem; wir haben sogar einen verglasten Kerzenhalter – offenes Feuer geht aus Sicherheitsgründen nicht. Als Glocke muß uns die Stammtischglocke dienen, die ich mal für die Frühschoppen- und Stammtisch-Runden angeschafft habe.

Eine hölzerne Marienstatue von etwa 1,50 m Höhe steht tatsächlich im Keller der Einrichtung, seit die Besitzerin vor etwa 6 Monaten verstarb. Bleibt der Segnungs-Stab: ich meine mich zu erinnern, dass die Priester bei solchen Prozessionen mit irgendeinem Stab, an dem vorne ein Tuch oder ähnliches zum Wedeln befestigt ist, die Segnungen vornehmen. So greife ich mir den Gehstock eines Bewohners und schaue in Frau Sch.s Zimmer nach einem geeigneten Wedel-Utensil. Ein Damenstrumpf erfüllt den Zweck aufs Vorzüglichste.

Wir beratschlagen kurz und die Runde ist der Meinung, dass wir angesichts unserer echten Marienstatue ruhig auf das Kreuz verzichten können. Wir haben zwar eins unten im Großen Speisesaal, aber das ist zu schwer zum Rumtragen. Jetzt kann unsere Prozession beginnen!

Da die anwesenden Bewohner alle nicht mobil sind, müssen die Kollegen zum Prozessieren ran. Der zweite für heute eingeteilte Mitarbeiter des Sozialen Dienstes wird zum Kerzenträger, der muslimische Praktikant des Wohnbereiches wird als Statuenschieber und Baldachinhalter in christliche Gebräuche eingewiesen, ich bilde den Schluss der Prozession mit dem Segnungs-Stab. Die Glocke wird von der darüber hocherfreuten Frau N. geschlagen.

Dank Apple Music ist auch sogleich die passende Musik bei der Hand, und zu den Klängen von „Lauda Sion Salvatorem: Sequentia (Fronleichnam)“ drehen wir drei Runden durch den Speisesaal des Wohnbereiches. Der schöne gregorianisch anmutende Chorgesang ist wie geschaffen für meine Segnungen, die ich musikalisch versiert und melodisch akkurat allen und jedem spende.

Nachdem jeder Anwesende, das Haus selber, die Ortschaft sowie der gesamte Erdball meinen Fronleichnamssegen empfangen hat, wirken die Bewohner gelöst und beschwingt über das Zinnober, das ich keineswegs als religiöse Persiflage aufgeführt habe, sondern als unterhaltsames, aber ernstgemeintes Spektakel. Katholische Hardliner mögen so etwas als Blasphemie ansehen; ich selber billige meiner Pflegeheim-Prozession mindestens soviel Gültigkeit zu wie ihren „offiziellen“ Pendants.

Damit es nicht zu kirchlich wird, und weil es in Strömen regnet, wenden wir uns musikalisch aber wieder eingängigerem Liedgut zu und spielen und singen alle möglichen Songs, die mit Regen zu tun haben – schon wieder Gelegenheit für eine kleine Rate-Runde. Schon naht die Mittagsstunde und der Raum muss wieder anderen Zwecken gewidmet werden. Als ich die Marienstatue hinausschiebe, bemerke ich die anerkennenden und gut gelaunten Blicke vieler Anwesender – nicht mir geltend, sondern der schönen, fast lebensgroßen Holzfigur.

Frau Sch., morgens noch todtraurig und aufgelöst, wirkt jetzt munter und beglückt über die angenehme Abwechslung. Sie isst ihr Mittagessen mit Appetit und bedankt sich, als ich sie aufs Zimmer bringe und in ihr Bett lege, nochmal bei mir. Irgendetwas in ihr ist wieder „eingerenkt“, vielleicht sogar durch das Ritual in Harmonie mit der Situation gebracht worden. Morgen oder schon heute Nachmittag kann sich das bereits wieder ändern, aber in diesem Moment begibt sich eine zufriedene und sehr entspannte Frau Sch. zum Mittagsschlaf.

Geschichten aus dem Pflegeheim: die Hände am Ende der Arme

Die „Tagesgruppe Demenz“ ist heute eine müde Runde. Die früh aufgestandenen bzw. geweckten („fertig gemachten“, im Pflege-Jargon) Teilnehmer, die mitunter bereits eine dreiviertel Stunde vor Beginn von den stets gestressten Pflegekollegen gebracht werden, schlafen schon wieder ein oder dösen vor sich hin, diejenigen, die pünklich gebracht wurden, sind noch müde, und einige sind noch gar nicht erschienen.

Zu allem Überfluß bin ich alleine; kein FSJler, kein Praktikant, kein Pflegeschüler der mir assistieren kann, so drastisch ist die Personalnot im Haus. Im Grunde lässt sich die „Tagesgruppe“ alleine gar nicht bewältigen. Neun demente Personen müssen betreut werden, inklusive Mahlzeiten – da bleibt kaum Zeit für den Gang zum Klo zwischendurch.

Das geht schon seit Tagen so, ein Ende ist auch nicht abzusehen; die PDL – auf den Zustand angesprochen – meint nur lapidar, im Moment sehe es eben ganz schlecht aus und man müsse mit dem Personal arbeiten, das zur Verfügung stünde.

Die Alternative ist, die Leute im Wohnbereich zu belassen statt sie in den vertrauten Gemeinschaftsraum der Gruppe zu bringen. Eine solche Unterbrechung ihrer Routinen verstört demente Menschen allerdings unnötig; außerdem hätte ich dann genau dieselbe Situation: als einziger Zuständiger des Sozialen Dienstes müsste ich mich um genau dieselben Leute kümmern, abzüglich der „Tagesgruppen“-Teilnehmer aus den anderen Wohnbereichen.

Ich füge mich also in mein Schicksal und versuche, die Runde irgendwie zusammenzuhalten, auf die Leute einzugehen, die verschiedenen Stimmungszustände miteinander auszubalancieren und nebenher noch jedem sein Frühstück zu machen und die Nahrungsaufnahme zu beaufsichtigen.

Zu meinem Glück gibt es heute ein Angebot einer externen Mitarbeiterin, die immer Freitags den allseits beliebten Sitztanz mit den Bewohnern macht. Dieses Highlight der Heimkultur spielt sich nach dem stets gleichen Muster ab, was vermutlich der Grund für seine Beliebtheit ist: auf eine Eingangs-Polka folgen die immergleichen Lieder, zu denen die Externe die Leute zu allerlei dem Liedtext entsprechenden Gesten und Bewegungen animiert. Das Ganze endet mit dem Pflegeeinrichtungs-All-Time-Klassiker „Kleine Schaffnerin“, das mich mittlerweile schon bis in den Schlaf verfolgt.

Jedenfalls ergreife ich rotzfrech die gute Gelegenheit und befördere meine komplette Truppe rechtzeitig vor dem allgemeinen Run auf die begrenzten Plätze in den Gymnastikraum, wo das Angebot stattfindet. Da ich die Leute nicht alleine lassen kann (sie würden nach kürzester Zeit in alle Richtungen auseinander streben, durchs Haus wandern und überall nach dem Weg fragen), muß ich die Gruppe noch eine halbe Stunde bei Laune halten und beschäftigen.

Kein Problem im Gymnastikraum mit seinen Bällen und Bändern und sonstigen Utensilien! Wir spielen mit einem riesigen Gymnastikball Fussball, mit einer großzügigen Hand-Regelung für diejenigen, die ihre Beine und Füße nicht bewegen können. Ich bin mal wieder überrascht, wie viel Spaß meinen Leuten die allersimpelsten Kick- und Tretspielchen machen können und kommentiere ihre Bemühungen wie das Endspiel der Champions League.

Dann erscheint die Externe und führt ihr Angebot durch: eine Stunde Zeit für mich, den Gruppenraum aufzuräumen, das Geschirr abzuwaschen, die Tische schon mal für das Mittagessen einzudecken usw.

Nach einer Stunde hab ich die ganze Truppe wieder beisammen, schon ein bißchen wacher, aber auch angestrengt von der Bewegung. Frau H. und Frau B. , unser Neuzugang aus dem Wohnbereich 1, scheinen besonders aktiviert zu sein. Frau H. Ist der Schalk im Nacken schon anzusehen und ich schaue in neugieriger Erwartung, was sie heute auf Lager hat.

Frau B. wiederum wurde als für die „Tagesgruppe“ geeignet befunden, weil sie eine leichte bis mittelschwere Demenz hat und zwar weder räumlich noch zeitlich orientiert ist, dafür aber enorm kommunikativ. Kommunikativ allerdings mit einer Tendenz zum Monolog. Sie greift gerne Stichworte und Erinnerungen anderer auf, um zu schier endlosen Vorträgen über nur ihr bekannte Details irgendwelcher Ereignisse und Leute aus ihrer persönlichen Geschichte auszuholen. Dabei wird ihre Stimme immer nuscheliger, so dass man am Ende schon akustisch kaum noch versteht, was sie erzählt.

Das führt mitunter soweit, dass die anderen Teilnehmer spätestens beim dritten Satz von Frau B. die Augen verdrehen; ihre direkte Sitznachbarin Frau Sch. rückt sogar von ihr ab und dreht ihren Oberkörper soweit weg wie möglich, um so wenig wie möglich zuhören zu müssen.

Frau H. jedenfalls schaut ihr Gegenüber, Frau B., direkt an und hebt dann die linke Hand. Mit dem Handrücken zu ihrem Gegenüber hält sie die Position für etwa eine halbe Minute, bis Frau B. aufmerksam geworden ist und sie fragt: „Was wollen Sie? Was ist da?

Frau H. bleibt fast ernst, wartet noch eine Weile und sagt dann bedeutungsvoll: „Meine Hand.“ Sie streicht sich mit der rechten Hand über den Handrücken, als würde sie zum ersten Mal die Existenz dieses Körperteils zur Kenntnis nehmen. „Die ist unten an meinem Arm dran“, fügt sie hinzu.

Jetzt schaut Frau B. erst recht verdutzt aus der Wäsche. Das wirkt bei Frau B. einigermaßen komisch, weil sie physiognomisch der Schildkröte Morla aus der „Unendlichen Geschichte“ ähnelt. Sie murmelt ein paar verständnislose Worte wie „Also sowas…“ und „So ein Unsinn!“, beobachtet aber Frau H. genau.

Diese scheint entschlossen, ihrer Vorstellung noch eine weitere Nuance hinzuzufügen und bewegt jetzt beide Unterarme mit erhobenen Händen synchron hin und her, hoch und runter, mal auseinander, mal wie beim Gebet mit aneinander gelegten Händen. „Das können die alles machen!“, sagt sie und wirkt dabei so, als hätte sie diesen erstaunlichen Sachverhalt soeben entdeckt.

Jetzt reicht es Frau B. „Ich hab‘ genug. Ich will nach Hause!“, sagt sie. „Wer bringt mich nach Hause?“, fragt sie in meine Richtung. Ich versichere ihr, dass ich das selbstverständlich tun werde, bitte sie aber, noch das Mittagessen abzuwarten. Das wird akzeptiert, aber ich werde ab sofort alle 5 Minuten gefragt, ob sie anschließend nach Hause gebracht werden würde und wenn ja, von wem.

Frau H. ist zufrieden mit ihrer kleinen Performance und lehnt sich milde grinsend in ihrem Stuhl zurück. Ich lege zur Versöhnung aller mit der Gesamtsituation schnell noch Roy Black auf:

„Glaube, Hoffnung, Liebe
sagen immer wieder: Denke daran.

Es kommt auf die Stunde an
ganz egal, was du tust auf der Welt.

Denn bei allem was du machst
ob du weinst oder ob du lachst

sind die Stunden wenn jemand an dich denkt
dein schönstes Geschenk“

Da können auf jeden Fall alle zustimmen und mitsingen, während man von unten schon das Klappern des Essenswagens hört, der das Ende des Vormittags und dessen krönenden Abschluss, das freitägliche Fischmahl, ankündigt.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Schicht im Schacht

Momentaufnahme der “Übergabe“ (Frühschicht/Spätschicht).

Die Kollegen sind sämtlich kurz vor oder hinter dem Burnout. Heute mussten wir morgens zu viert die 22 Bewohner des Wohnbereiches versorgen und betreuen – sonst sind mindestens sieben Leute in der Frühschicht.

Der fünfte Kollege wurde zum „Teildienst“ nach Hause geschickt, um den noch übleren Personalmangel am Nachmittag aufzufangen.

Teildienste werden nicht extra bezahlt, bedeuten aber für die betroffenen Kollegen zusätzlichen Stress durch den Leerlauf zwischen den Dienstzeiten, der bestimmt ist durch die Gewißheit, in ein paar Stunden wieder antreten zu müssen. Außerdem natürlich maximale Scheisse für Kollegen, die weiter weg wohnen.

Heute hätten wir uns Rollschuhe unter die Füße binden können und hätten trotzdem nicht das Pensum geschafft. Während die Pflegekollegen rotieren wie die Hubschrauber, habe ich Frühstück und Mittagessen für die Bewohner zu managen und nebenher bzw. zwischendurch für die nicht bettlägerigen irgendeine Betreuung zu gewährleisten.

Diejenigen, die ihr Zimmer und ihr Bett nicht verlassen können, fallen aus dem Betreuungsangebot ganz raus und müssen froh sein, wenn sie zu den Mahlzeiten wenigsten einen haben, der ihnen das Essen anreicht.

Das läuft daraus hinaus, dass im Grunde noch nicht mal Zeit für eine Pinkel- oder Zigarettenpause bleibt. Hinzu kommt die Isolation des Wohnbereichs aufgrund des Noro-Virus-Ausbruchs. Mehr als 5 Minuten Zeit zwischendurch für die dringendsten Fälle der desorientierten verlorenen Seelen des Wohnbereiches bleibt nicht.

Mehr Personal, Beendigung der Arbeitsverdichtung und mehr Geld ist die Parole, in dieser Reihenfolge. Und wenn ich noch einmal irgendeinen Deppen real oder verbal klatschen höre, gibt’s einen Satz heiße Ohren.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Mal wieder Notstand und der Zug, der heute abfährt und auch morgen nicht zurückkommt

Seit vergangener Woche grassiert das Noro-Virus in der Einrichtung. Als ich heute zur Arbeit erscheine, ist schon alles in Alarmstimmung: mittlerweile 10 Bewohner „meines“ Wohnbereiches sind infiziert; insgesamt 13 Mitarbeiter haben sich krankgemeldet.

Eine Noro-Virus-Infektion ist zwar lästig und unangenehm, aber meistens nach 2 Tagen wieder vorbei. Allerdings bleiben Infizierte noch etwa eine Woche lang selber ansteckend für andere. Außerdem kann es wegen des Flüssigkeitsverlustes durch Erbrechen und Durchfall gerade bei Älteren schnell lebensbedrohend werden.

In einer Notbesprechung von Wohnbereichsleitung und Mitarbeitern mit der Einrichtungsleitung werden die Maßnahmen zur Eindämmung dieses fiesen Magen-Darm-Virus verkündet: alle Infizierten sind zu isolieren, die Räume werden nur von entsprechend mit Schutzkleidung ausgerüsteten Pflegekräften betreten, das Geschirr wird in speziellen Plastikboxen separat entsorgt. Sämtliche Bewohner der Einrichtung bleiben ab sofort auf ihren Zimmern, alles Geschirr des Wohnbereiches wird nicht mehr in der Wohnbereichsküche gespült, sondern in die Großküche gebracht, wo hochleistungsfähige Spülmaschinen einen keimfreien Abwasch gewährleisten.

Der Einrichtungsleiter berichtet von seinem Gespräch mit dem zuständigen Gesundheitsamt, wo man ebenso wie er darüber erstaunt war, dass trotz aller Corona-Schutzmaßnahmen ein derart massiver Ausbruch von Noro-Viren passieren konnte.

Er deutet an, dass die krankgemeldeten Mitarbeiter es dann wohl mit der Umsicht und den Schutzvorkehrungen nicht sehr genau genommen haben könnten.

Ich selber denke mir, dass dies die günstigste Gelegenheit für jeden Kollegen ist, sich ein paar freie Tage zu ergattern, indem man sich mit Magen-Darm-Symptomen krankmeldet. Übelnehmen kann ich das keinem. Die Pflegekräfte sind sowieso schon durch den Corona-Alltag jenseits ihrer Belastungsgrenzen; jetzt kommt noch der Noro-Virus hinzu, was im Grunde doppelten Aufwand bedeutet, da so viele Schutzvorkehrungen eingehalten werden müssen. Auch ich ertappe mich bei jedem der obligatorischen Schnelltests alle zwei Tage bei dem Gedanken „Hoffentlich ist das Ergebnis jetzt positiv, dann hast du ein paar freie Tage in Quarantäne zuhause….“

Wenn dann noch Kollegen ausfallen, ist Land unter auf der Station. Ergo wird ab morgen der Personalmangel mal wieder mit externen Leiharbeitern kompensiert.

Für die Bewohner ist der erneute Ausnahmezustand ein „Zurück auf Null“. Die Dementen kommen am schwersten damit zurecht. Die Unterbrechung ihrer gewohnten Tagesabläufe (die meisten habe ich wochentags in der „Tagesgruppe Demenz“) wirft sie aus der Bahn.

Frau Sch., 90 Jahre, sitzt wie ein Häufchen Elend auf ihrem Bett und wiederholt immer wieder „Ich bin so durcheinander…“ und „Wo bin ich hier eigentlich?“. Ich setze mich zu ihr, wir erzählen ein bißchen, hören ein paar alte Schlager und sie beruhigt sich wieder etwas. Als ich für uns beide einen Cappucino organisiere und gemütlich mit ihr trinke, strahlt sie übers ganze Gesicht. „Ihr seid alle so lieb zu mir!“

Keine 10 Minuten später ist sie wieder mit ihrem Rollator auf dem Gang unterwegs. „Wo bin ich hier eigentlich?“, höre ich sie sagen. Ich erklär‘s ihr und begleite sie zurück in ihr Zimmer. Sie versucht, ihrer Verwirrung Ausdruck zu verleihen: „Ich hab das Gefühl, ich bin gar nicht ich“, sagt sie.

DAS Gefühl ist mir wiederum bestens bekannt und ich kann sie beruhigen: „Das ist völlig in Ordnung“, antworte ich. „Keiner weiß, wer „Ich“ ist, alle tun bloß so als ob sie wüßten, wer sie sind. Und außerdem, E. (ich spreche sie immer mit Vornamen an, weil das bei dementen Menschen meistens besser funktioniert als die förmliche Anrede), wenn Sie nicht Sie sind, wer sind Sie denn? Vielleicht ich?“

Diese Art witzig-wahrer Absurdität kommt gerade bei Dementen in der Regel gut an, und auch Frau Sch. muss lachen bei der Vorstellung, dass sie ich ist. Damit ist die Identitätskrise überwunden und wir wandern zusammen den Gang entlang bis zu ihrem Zimmer. „I am he as you are he as you are me as we are all together…“ klingt es danach als Dauerohrwurm in meinem Kopf.

Bevor ich zum Walross werde, sehe ich, wie sich am anderen Ende des Ganges der nächste Alarmzustand entfaltet: Frau H., ebenfalls Mitglied der „Tagesgruppe Demenz“, hat den verordneten Zimmeraufenthalt natürlich ignoriert und sitzt jetzt außerhalb des Wohnbereiches in einem bequemen Sessel.

Vor ihr hat sich die ansonsten sehr sympathische PFK T. aufgebaut und diskutiert mit ihr. Als ich dazukomme, versucht Frau H. gerade, sich mithilfe ihres Rollators aus dem Sessel zu wuchten. Sie ist erkennbar aufgeregt; in einer Mischung aus Einschüchterung und Empörung fragt sie Schwester T. immer wieder, was diese wolle, ob sie (Frau H.) etwas falsch gemacht hätte usw.

Schwester T., ohnehin schon seit Dienstantritt mega-gestresst von der Gesamtsituation, sieht nur, das sie hier für die Einhaltung der Regeln zu sorgen und dann wieder ihren sonstigen Pflichten nachzugehen hat und redet auf Frau H. ein: „Wollen Sie das Noro-Virus kriegen? Wollen Sie das Noro-Virus kriegen?!“

Frau H., die in ihrer Demenz keine Möglichkeit hat, den Sinn dieser Ansprache – die obendrein noch in genervt-gestresstem Tonfall vorgetragen wird – zu verstehen, ist entsprechend widerwillig und fühlt sich drangsaliert. Ich sehe, dass ich eingreifen muss.

Komm mal her, M.“, sage Ich zu ihr, indem ich mich zwischen sie und die PFK stelle und sie vor dem Geschimpfe abschirme. (Entgegen der Hausregel duze ich Frau H., auf Wunsch ihrer Angehörigen und weil besonders bei ihr die förmliche Anrede manchmal überhaupt keine Reaktion auslöst).

Lass uns mal wieder zurück ins Zimmer gehen. Im Moment sollen wir nicht hier draußen sitzen, wegen so einer Krankheit, die gerade ganz viele bei uns haben…-“, sage ich freundlich zu ihr, nehme sie beim Arm und geleite sie langsam zurück in den Wohnbereich.

Die PFK sieht, dass die Ordnung wiederhergestellt ist und verzieht sich. (Später nehme ich sie beiseite und erkläre ihr, dass und warum diese Art der Ansprache bei dementen Menschen nicht funktioniert. Sie sieht’s auch sofort ein, wirkt etwas beschämt und verweist als Erklärung auf den Stress und den Arbeitsdruck auf der Station).

Frau H., zusammen mit mir mittlerweile in ihrem Zimmer sitzend, hat sich gefangen, ist aber noch nicht bereit, die Sache auf sich beruhen zu lassen. „Was wollte die denn von mir?!“ fragt sie. „Glaubst du mir, dass mir das innen (sie zeigt auf ihr Herz) überhaupt nichts ausmacht? Aber den Schrecken, den hab ich doch…“

Sie holt Luft. „Die hat so auf mich eingeschimpft… ich weiß gar nicht, was die überhaupt wollte!“. Jetzt grinst sie mich an: „Ich kann auch mal Deutsch mit der reden! So richtig Deutsch, verstehst du? Dann kann die mal sehen, das sie mich so nicht behandeln kann! Dann sieht sie mal, dass der Zug, der heute abgefahren ist, auch morgen nicht zurückkommt!“

Dieses schöne Bild scheint ihr eine befriedigende Auflösung der erlebten Aufregung zu sein, und auch ich finde Gefallen an dem Gleichnis: Der Zug, der heute abgefahren ist und auch morgen nicht zurückkommen wird – das ist gewissermaßen das Leben mit Demenz, wenn nicht ganz grundsätzlich von jedem.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Mal wieder Küchendienst! Die ansonsten in der Hauswirtschaft eingesetzten billigen FSJ-Kräfte sind auf irgendeiner Fortbildung und so muß der halbe Soziale Dienst der Einrichtung zum Küchendienst auf den verschiedenen Wohnbereichen antreten.

Das bedeutet gleichzeitig, dass die Bewohner des Wohnbereiches den Vormittag über sich selbst überlassen werden müssen. Das ist nicht einfach für die Bewohner, besonders für diejenigen, die sonst an der „Tagesgruppe Demenz“ teilnehmen – in „meinem“ Wohnbereich die meisten.

Auch die Pflege ist dann schnell überfordert, weil man dort zwar die Leute pflegerisch versorgen kann – mehr aber auch nicht. Schon aus Zeitgründen, doch auch weil die meisten Pflegekollegen weder Sinn dafür, noch Kenntnisse oder Lust haben, sich ein Betreuungsangebot auszudenken und durchzuführen.

Ich bereite also ab 7:30 das Frühstück für 24 Bewohner und kümmere mich im Speisesaal um acht von ihnen. Gegen 9:20 sind alle versorgt, haben den zweiten oder dritten Kaffee getrunken und werden trotzdem langsam wieder müde. Die 90-jährige Frau Sch., deren Zimmer direkt neben dem Speisesaal liegt, geht kurz zur Toilette. Sie kommt nach ein paar Minuten zurück und fragt: „Haben wir schon Frühstück gehabt?“

Ja, Frau Sch.“, antworte ich ihr und zähle ihr auf, was sie alles zum Frühstück hatte. Sie nimmt es hin, kann sich aber erkennbar nicht erinnern. Als ich mit dem Geschirrwagen zur Küche gehe, kommt sie mir mit ihrem Rollator hinterher und will nochmal wissen: „Hab ich wirklich schon gefrühstückt? Ich bin ganz durcheinander… es ist doch morgens, nicht?“

Sie scheint keine Möglichkeit zu haben, irgendein Sättigungsgefühl zu verspüren; dabei hatte sie ordentlich gefrühstückt und hinterher ich noch einen Joghurt und eine Banane gegessen. Ist aber alles vergessen – als wenn es nie passiert wäre.

Ich weiß: wenn ich dieser Dame nicht irgendeine Betätigung oder Betreuung biete, wird sie die nächsten zwei Stunden bis zum Mittagessen immer wieder fragen, ob es schon Frühstück gab, ob sie schon gegessen hat, wann es etwa zu essen gibt usw.

Nicht weil sie Hunger hat, sondern weil sie in der unüberschaubaren Weite ihre inneren Verlorenheit irgendeinen Anhalts- und Ankerpunkt, einen Kontakt braucht, der ihrem Vormittag Struktur und Sinn gibt.

Eine andere Bewohnerin, Frau H., zieht mich beiseite und berichtet mir unter Tränen, das sie sich so einsam fühlt, ihre Familie vermisst und gar nicht versteht, warum sie nicht „wieder nach Hause“ kann.

Auch in ihrem Fall ist mir klar, dass sie sich ohne Zuwendung, ohne Ansprache und Beschäftigung immer nur noch weiter in ihre Gefühlswelt fallen lassen wird, weil sie gar nicht anders kann als von den ungefilterten Wogen emotionaler Schwankungen und Erinnerungsbruchstücken überrollt zu werden.

Es bleibt zwischen den Arbeiten für Frühstück und Mittagessen etwa eine Stunde Zeit. Ich ergreife also die Gelegenheit für ein improvisiertes Angebot für die jetzt ca. zehn Leute, die im Speisesaal sitzen geblieben sind und durchweg vor sich hinstarren, einnicken oder, von innerer Unruhe und Langeweile getrieben, immer wieder aufstehen und durch die Flure schieben.

Wie meistens kommen wir mit Hilfe eines Flipcharts und der einschlägigen Spotify-Playlist vom Hölzchen aufs Stöckchen und landen bei einem Klassiker aus den 1940er-Jahren, den meine betagte Klientel gerne hört und trotz Demenz in der Regel auswendig kann.

Ach ja, das waren schöne Zeiten!“ seufzt die 90-jährige Frau Sch.

Sie kommt ins Schwärmen: „Das haben wir bei der Hitlerjugend gesungen und so gerne dazu getanzt…“ Versonnen blickt sie in eine innere Landschaft der Erinnerung und wiegt sich im Rhytmus der Musik.

Das wurde immer im Soldatensender gespielt!“, erinnert sie sich. „Ich konnte das auch zuhause hören; meine Eltern hatten ein Radio. Ein Blaupunkt-Radio!“

Ich stimme ihr zu, dass die Musik wirklich schön ist, gebe aber auch zu bedenken, dass die Zeiten ja nicht nur schön gewesen sein können – immerhin war da ja gerade Krieg.

Das räumt Frau Sch. umstandslos ein: „Ja, das waren schlimme Zeiten…“, heißt es jetzt. Sie denkt ein bißchen nach und ergänzt dann: „… aber die Musik war schön!“

https://youtu.be/ihGTPf2jIDs

Geschichten aus dem Pflegeheim: Unvernunft und Verständnis

Unschwer zu sehen, was heute Thema in der „Tagesgruppe Demenz“ war:

Das nie Gesehene, aber jedem bekannte Fabeltier, das der Pflichterfüllung so oft einen Strich durch die Rechnung macht;

Und die Fabel vom Fuchs und dem Skorpion, der nicht anders kann als bei Strafe seines eigenen Unterganges dem Fuchs bei der Flussüberquerung einen tödlichen Stich zu versetzen.

Meine demente Truppe nimmt es interessiert zur Kenntnis und schüttelt mehrheitlich den Kopf über so viel Unvernunft des Skorpions.

Andrerseits versteht auch jeder gut, dass es Situationen gibt, wo man „einfach nicht anders kann“!

Geschichten aus dem Pflegeheim: personeller Notstand nach zweiter Impfung

Sieben Kollegen haben sich nach der zweiten Impfung krankgemeldet. Der ohnehin spärlich besetzte Wochenenddienst ist jetzt noch ausgedünnter. Als Konsequenz müssen mehrere Kollegen in „Teildienste“ – um 10:00 oder 10:30 nach Hause und um 16:00 für die Spätschicht wiederkommen.

Extra bezahlt wird das nicht, wer weiter weg wohnt hat die Arschkarte. Die Kollegen dann gleich die ganze Zeit im Haus zu lassen, was arbeitsaufkommensmässig angebracht wäre, wird aus finanziellen und arbeitsrechtlichen Gründen nicht gemacht.

So werden 24 Bewohner von einer einzigen PFK (Pflegefachkraft), zwei Pflegehilfskräften und mir als Vertreter des Sozialen Dienstes versorgt – die Betreuung der Leute ist aber heute sowieso nicht drin: da auch keine Hauswirtschaftskräfte da sind, muß ich meine Zeit hauptsächlich in der Küche und beim Vorbereiten und Servieren der Mahlzeiten verbringen.

Trotzdem nehme ich mir die Zeit, um eine halbe Stunde mit einer depressiven Dame zu verbringen, die von der Pflege dazu verdonnert ist, die Zeit zwischen den Mahlzeiten in ihrem Rollstuhl oder ihrem Sessel zu sitzen (statt, wie sie es lieber täte, auf dem Bett liegend).

Sie leidet unter ihrem fortschreitenden körperlichen Verfall durch ihre Parkinson-Krankheit und gilt als „schwieriger Fall“, weil sie die Pflegekräfte gelegentlich mit „herausforderndem Verhalten“ nervt.

Nicht ganz zu unrecht fühlt sich die Frau „bestraft“ und wie ein unmündiges Kind behandelt. Die Pflege hat allerdings ein gutes Argument für die Maßnahme: Dekubitusgefahr! Längeres Liegen kann tatsächlich die berüchtigten Wundliegegeschwüre verursachen.

Jedenfalls gilt es hier abzuwägen zwischen den Wünschen der Bewohnerin (die immerhin 4000 Euro pro Monat für den Platz im Pflegeheim zahlt) und den medizinischen und psychologischen Erfordernissen (depressive Menschen können durch Rückzug und „sich verkriechen“ noch tiefer in die Depression hineingeraten).

Ich thematisiere das Dilemma bei den Kollegen der Pflege und wir einigen uns auf einen Kompromiss: die Bewohnerin wird vormittags mobilisiert (der Ausdruck dafür, dass sie angezogen und in den Rollstuhl gesetzt wird), aber auf Wunsch zurück ins Bett gebracht, sofern sie Betreuungsangebote durch den Sozialen Dienst ablehnt.

Damit habe ich mir bzw dem Sozialen Dienst die Verpflichtung auferlegt, speziell dieser Bewohnerin eine Extra-Einzelbetreuung zu widmen, was aber erstens ohnehin zum Aufgabenbereich gehört und zweitens der Situation der Frau gerechter wird als wenn sie zwangsweise zum Aufrechtsitzen verurteilt wird, ohne dass ihr entsprechende Angebote gemacht werden, wie sie ihren Vormittag gestalten kann.

An diesem Wochenende, mit der Notbesetzung und der Arbeitsüberlastung an allen Ecken und Enden, keine einfache Angelegenheit. Für die Bewohner – außer der besagten Dame – bleibt ein bißchen Abwechslung durch alte Schlager und ein paar kurze Gespräche zwischen Tür und Angel, die ich in die wenigen Atempausen des Küchendienstes einbaue.

Zum Glück merke ich selber nichts von irgendwelchen Auswirkungen der zweiten Impfung. Wie ein guter Freund bemerkte: „Du hast den Gott der Narren auf deiner Seite!“

Auch die Bewohner melden außer ein bisschen Muskelkater nichts. Gleichzeitig verbreiten sich schon hoffnungsvolle Gerüchte im Haus, dass „ab Montag alles wieder normal“ liefe. Diesen Zahn muss ich ihnen leider ziehen, denn von so einer Maßnahme hätte ich sicher gehört.

Fazit des Arbeitstages: der Notstand in den Pflegeheimen kann immer noch durch kurzfristige Personalausfälle getoppt werden, und die zweite Impfrunde war wohl für einige kein Sonntagsspaziergang.