Nächtliche Zwischenwelten

Das mit dem Knie wird auch nicht besser. An liegende Positionen und somit Schlaf ist nicht zu denken. Die nächtlichen Runden führen mich und den Hund in verlassene Zwischenwelten und viktorianische Dystopien. Ihm scheint‘s aber zu gefallen.

Letztlich und auf Dauer ist es allerdings zu kräftezehrend, in schlaflosen Nächten mit Hilfe von iPad und KI-Programmen die Zeit totzuschlagen, bis die Müdigkeit stärker ist als die schmerzhafte Kondition des defekten Knies. Deshalb verzichte ich mittelschweren Herzens auf das betroffene Bein, denn unter Totalamputierten ist der Einbeinige König, wie das Sprichwort sagt.

Gespenstische KI

In einem Moment nostalgischer Erinnerung an meine Kindheit in Hamburg fällt mir mein Großvater mütterlicherseits ein. Er fuhr als einer der ersten in der Familie ein eigenes Auto, einen Borgward Arabella. Für uns Kinder war er schon deswegen eine bewunderte Person, und es brachte ihm (zur Abgrenzung von dem Großvater väterlicherseits) den Namen „Opi Bella“ ein.

Dank heutiger KI-Möglichkeiten kann man ja Erinnerungsbilder mehr oder weniger akkurat aus dem Gedächtnisspeicher des Großhirns in eine artifiziell erzeugte Visualisierung transferieren, sofern man einen einigermaßen präzisen „Prompt“, eine entsprechende Beschreibung, eingibt.

Was ich auch tue. Meine Eingabe an die KI-Software Stable Diffusion von Dreamstudio.ai lautet (mit der KI muss man englisch sprechen): „Hamburg in the 1960s, Social housing block, staircase, a grandfather with Prinz-Heinrich-cap, door of a family, two boys of 6 and seven years, Arabella car“

Das Ergebnis ist fast deckungsgleich mit meinen Erinnerungen. Mein Bruder und ich, das Auto, unser Großvater (der Mann rechts, im braunen Mantel), nur die Prinz-Heinrich-Mütze fehlt, da war die KI wohl überfragt oder überfordert. Der Hauseingang unseres Sozialwohnungsblocks sieht ziemlich exakt so aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Das Gespenstischste: der Mann im braunen Mantel sieht tatsächlich unserem Großvater Max Todt ziemlich ähnlich.

Bilder:
1) KI-generiertes Bild auf Grundlage des Prompts (oben)
2) Foto von Max Todt und antifaschistische Genossen des Strafbatallions 999
3) Foto Max Todt

4) Borgward Arabella

Lidl lohnt sich (für Dieter Schwarz, Lidl-Besitzer und reichste Deutscher): Die widerlichste und ekligste „Werbung“, die ich seit langem gesehen habe

Altersarmut und Verelendung taugen in dieser Gesellschaft bestenfalls als Vorlage für rührselige Spendenappelle an die immer ärmer gemachte Bevölkerung.

Das gezielt und absichtlich herbeigeführte Elend, das der neoliberale Kapitalismus hierzulande mit Sanktionskrieg, Aufrüstung, Energiepreisexplosion und Sozialkürzungen noch verschärft, wird als unausweichlicher, naturgegebener Umstand hingestellt, dem man vielleicht mit ein paar milden Gaben und Brosamen mildern, aber jedenfalls nicht abschaffen kann.

Beim Spätdienst heute im Pflegeheim höre ich von den Bewohnern, dass sie ab Januar bis zu 800 Euro mehr für den Pflegeplatz zahlen müssen. Im Monat. Die Leute sind ratlos und fühlen sich wie Melkkühe, wie der letzte überflüssige Dreck behandelt. „Woher soll denn das Geld kommen? Meine Rente reicht doch nicht mal für den bisherigen Kostensatz aus…“, sagt eine Bewohnerin fassungslos.

Es ist Zeit, die Macht der Leute zu brechen, die von dieser Gesellschaftsordnung und von dieser Ökonomie profitieren. Staat und Kapital sind diejenigen, die den Laden zu unserem Schaden am Laufen halten und für ihre Profite und ihre Kriege uns in die Pflicht nehmen, uns arbeiten und darüber verarmen lassen. Es ist Zeit, den Laden selbst zu übernehmen.

Ein Brief von Lenin an Clara Zetkin

In dem Buch „Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution“ wird ein Brief von Lenin zitiert, den dieser 1918 an Clara Zetkin schrieb, deren Vertraute und Sekretärin Hertha war. Hertha hatte einen Brief Zetkins für Lenin in den Kreml gebracht und dem russischen Revolutionsführer diesen übergeben.

Das Antwortschreiben Lenins zeigt, wie sehr die Oktoberrevolution zum damaligen Zeitpunkt in der Schwebe hing, wie erbittert der Widerstand der Bourgeoisie gegen ihre Entmachtung war, und mit welch gewaltigen Hindernissen sich die Bolschewiki konfrontiert sahen.

Neujahrswunsch

Ein weiteres Jahr, Freunde. ..

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In den letzten beiden Tagen sind mir zwei Zitate begegnet, in denen es um Dunkelheit geht. Das eine ist aus einem Gedicht von Steffen Mensching und ist dem Buch „Bittere Brunnen – Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution“ vorangestellt. Es lautet:

„… In dieser dunklen Welt / findet Halt nur /der einen anderen hält“

Das andere ist von Bertold Brecht, zum Thema „Kann die heutige Welt durch Theater wiedergegeben werden?“ aus dem Jahr 1955:

„Weil nämlich ‑ im Gegensatz zur Natur im allgemeinen ‑ die Natur der menschlichen Gesellschaft im Dunkel gehalten wurde, stehen wir jetzt, wie die betroffenen Wissenschaftler uns versichern, vor der totalen Vernichtbarkeit des kaum bewohnbar gemachten Planeten.“

Das Dunkel ist die Blindheit für die Verhältnisse in der Klassengesellschaft. Und die ist seitdem noch mehr geworden; diejenigen, die es vertreiben wollen eher noch weniger. Da ist es wichtig, ein paar von denjenigen zu kennen, die das Dunkel, in dem die Gesellschaft immer noch gehalten wird, aufheben möchten.

Ich danke allen Facebookfreunden und -feinden (ja, denen auch) und den paar Freunden im echten Leben, dass sie es ein weiteres Jahr mit mir ausgehalten haben. Ich weiß, wie unangenehm das sein kann – schließlich muss ich diese undankbare Aufgabe jeden Tag selbst bewältigen. Und das ist nicht einfach, auch wenn’s meist unterhaltsam ist.

Selbst enge alte Freunde und Verwandte haben mir die Freundschaft gekündigt, weil ihnen die Penetranz, mit der ich versuche, Licht in die oben beschriebene Dunkelheit zu bringen, auf die Nerven geht, zu radikal, zu übertrieben oder zu unverschämt ist. Umso mehr freut mich die Verbindung zu Freunden, mit denen ich mich austauschen kann, deren Beiträge mich zum Nachdenken bringen und inspirieren. Ihr tragt dazu bei, dass ich diese Welt, ihre Dunkelheit und mich selber aushalten kann.

Ich hoffe, wir können 2024 damit weitermachen – und jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten dazu beitragen, dass die Dunkelheit dieses Zeitalters mitsamt der ihr zugrunde liegenden imperialistischen Gesamtverarsche vertrieben wird.

Im Reich der Geisterhunde

Nach den mysteriösen, wenn nicht belastenden Erlebnissen, die der Hund und ich in den letzten paar Monaten in den Oberkasseler Parks hatten – rätselhafte Aliens, die ich für Zeitreisende hielt und halte, hatten scheinbar bei jeder Begegnung das Raum-Zeit-Kontinuum manipuliert und uns in eine extra-temporäre Parallelrealität versetzt – gehen wir mittlerweile kontraindikativ direkt in die Parallelwelt, aber in eine unserer Wahl: ins Reich der Geisterhunde.

Dort fühlt sich mein vierbeiniger Freund am wohlsten; er wirkt nicht im Mindestens erschreckt oder verblüfft über die für den normalen Verstand ziemlich respekteinflößenden riesigen Geisterhunde („canes exspiravit“, so der magische Fachterminus).

Ich bin bei diesen Ausflügen nur der Begleiter, betrachte mir alles eingehend und mache mir innere Notizen über die erstaunlichen Erscheinungen in dieser Zwischenwelt. Es geht dort friedlich zu; offensichtlich entsprechen wohlgenährte Zufriedenheit und gemütliche Ruhe den Vorstellungen, die Hunde von einer idealen Welt haben.

Hört man mal ein Bellen oder Knurren, geht es in der Regel um erfreuliche und abwechslungsreiche Vorkommnisse, die unweigerlich immer mit Nahrungsaufnahme, Spiel oder Schlaf zu tun haben. Dies ist zweifellos eine Auswahl, die auch mir zusagt und so sehe ich wenig Veranlassung, meinem guten Kameraden mit dem schwarzbunten Fell den Wunsch abzuschlagen, recht oft diese Welt aufzusuchen.