Geschichten die das Leben schrieb: wie Unpolitische politisch werden

Als ich von der Arbeit nach Hause kommen, empfängt mich die Frau, kaum dass ich Mantel und Tasche abgelegt habe, mit einer Kurzzusammenfassung ihres neben dem Home Office erledigten nachmittäglichen Fernsehkonsums, der in der Regel aus Mediathek-Krimis oder Prominenten-und-Klatsch-Fornmaten besteht. Heute nicht:

“Also, ich hab mir auf Phoenix mal diese Bundestagsdebatte angesehen. Die EINZIGEN, die noch irgendwas Vernünftiges sagen zum Krieg und all dem Zeug, ist die AfD. Und so ein fraktionsloser Abgeordneter, der auch gesagt hat, dass man diesen ganzen Wahnsinn stoppen muss. Dem haben sie gleich das Wort abgeschnitten und gefragt, ob ihm Putin die Rede geschrieben hätte…”

Ich schaue erstaunt meine eigentlich jeder politischen Diskussion abholde Gattin an und wundere mich über soviel Aufmerksamkeit für Dinge, die sie sonst eher langweilen oder abstoßen. Und sie ist noch nicht fertig:

“Das ist so deprimierend… Jeder, der nicht für den Krieg ist und für Waffenlieferungen, wird als Putinfreund bezeichnet. Das soll Meinungsfreiheit sein? Eine richtige Debatte ist überhaupt nicht möglich, alle sind kriegsbesessen und haben ihr Feindbild festzementiert. Der Schlimmste ist übrigens dieser Merz von der CDU… Es ist alles nur noch deprimierend!”

Ich gebe ihr recht und beschließe, diese grundsätzlich korrekte Wahrnehmung bei nächster Gelegenheit durch passende Gegeninformationen zu unterstützen.

Wenn fundamental unpolitische Personen wie meine Liebste schon darauf kommen, dass kriegslüsterne Verbrecher dieses Land regieren und jegliche abweichende Meinung aus dem öffentlichen Diskurs ausgegrenzt und diskreditiert wird, ist vielleicht noch nicht alles verloren, was die Opposition gegen die rotgelbgrüne Faschisierung und das Unternehmen Barbarossa 2.0 betrifft.

Geschichten die das Leben schrieb: Weltkriegsnews und Weinfragen

Auf dem Abendspaziergang mit dem Hund sprechen die Frau und ich über eine Nachrichtensendung, die sie gerade im WDR gesehen hat. Es ging mal wieder um den Krieg in der Ukraine und um das Bestreben der westlichen Sponsoren des Krieges, ihrer ukrainischen Stellvertreterarmee immer mehr und weitere Kriegswaffen zu liefern. Inzwischen stehen Kampfpanzer und Kampfflugzeuge und andere schöne Gerätschaften aus dem Arsenal der NATO zur Debatte; in den Mainstream-Nachrichten werden solche Dinge ausschließlich parteiisch aus ukrainischer Sicht vermeldet und immer ein ohnehin vorhandenes Einverständnis des Zuschauers mit der NATO-Version der Ereignisse vorausgesetzt.

Ich erwähne das kürzlichen Statement des stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, der auf den Irrsinn hinwies, einer Nuklearmacht eine militärische Niederlage zufügen zu wollen. Wörtlich sagt Medwedew: „Die drohende Niederlage einer Atommacht in einem konventionellen Krieg kann den Ausbruch eines Atomkriegs provozieren. Die Atommächte haben die großen Konflikte, von denen ihr Schicksal abhängt, nicht verloren.

Aber das sollte jedem klar sein. Sogar einem westlichen Politiker, der sich wenigstens eine Spur von Intelligenz bewahrt hat.“

Meine in ihrer Selbsteinschätzung und ganzen Lebenshaltung „unpolitische“ Gattin seufzt tief auf und bemerkt: „Wenn ich sowas höre, möchte ich sofort wieder eine Flasche Wein aufmachen. Das ist so schrecklich und deprimierend, diese ganzen Nachrichten…“

Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass der heutige Tag unser selbsterklärter drogenfreier Tag ist, damit wir einen alternierenden Rhythmus von einem Abend mit und dem nächsten Abend ohne Wein einhalten. Diese hehre Vorhaben wird nun von meiner Liebsten infrage gestellt. Sie führt weiter aus: „ich verstehe diese Leute nicht, die so etwas planen und machen! Ich verstehe überhaupt die ganze Welt nicht mehr!“

„Hast du sie denn vorher verstanden?“ frage ich, auf einen ausführlicheren Austausch über weltanschauliche und politische Fragen spekulierend.

„Vorher hat es mich nicht interessiert!“ erhalte ich zur Antwort. „Ich versuche erst seit ich sechzig bin, die Welt zu verstehen. Aber ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe die Leute nicht, die darüber jammern, dass alles so teuer ist und dann zwei- oder dreimal im Jahr in Urlaub fahren!“

Dieser abrupte Schwenk zu den Sorgen der bessergestellten Mittelschichtsangestellten aus ihrem beruflichen Umfeld zeigt mir, dass das Fenster zu einer substantiellen Diskussion imperialistischer Geopolitik schon wieder verschlossen ist und dass meine Herzdame in ihrer typischen Art und Weise bei den ganz bodenständigen und elementaren Fragen gelandet ist, die in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis diskutiert werden: reicht das Nettoeinkommen für die zahlreichen Annehmlichkeiten des bürgerlichen Lebens, an die ich mich als Mitglied der gehobenen Mittelschicht gewöhnt habe oder muß ich mich am Ende gar irgendwo einschränken?

Sämtliche politischen Fragen, inklusive der Frage von Krieg und Frieden, werden ausschließlich unter diesem Aspekt betrachtet und bewertet, und die politische Präferenz ihrer Klasse liegt dort, wo ihr ein möglichst störungsfreies „Weiter so“ dieses komfortablen Daseins versprochen wird.

Ich seufze ebenfalls, aber mehr innerlich, und beschließe, an dieser Stelle keine weiteren Agitprop-Anstrengungen zu unternehmen und als Diskussionspunkt nur noch einen einzigen aufrechtzuerhalten: den nach der Frage „Weißwein oder Rotwein“.

Geschichten die das Leben schrieb: Auffahrunfall

Etwas übermüdet und ausgelaugt (Frühdienst meiner wegen Armutsrente nötigen Lohnarbeit) einer netten Dame von hinten aufgefahren – Auto ziemlich kaputt, aber fahrtüchtig. Komme jedoch dank meiner übervorsichtigen und massiv vorsorgeaffinen Liebsten, die sogar dieses 14 Jahre alte Auto noch vollkaskoversichert, mit 300 Euro Selbstbeteiligung für den Eigenschaden davon.

Die Unfallbeteiligte, eine Mitbürgerin mit türkischen oder arabischen Wurzeln, war durch das Schleudertrauma so schockiert und nahezu hysterisch, dass sie nur noch schluchzen und zittern konnte. Ich musste sie erstmal beruhigen und ihr das Fahrzeug an den Straßenrand fahren. Sie wurde dann vom RTW abtransportiert und ihre beiden flugs herbeigerufenen Söhne kümmerten sich um ihr Auto.

Als ich mich nochmals bei der Familie und der Dame entschuldigte und bedauerte, sie bei dem Auffahrunfall verletzt zu haben, zeigten sich die zwei äußerlich ziemlich ausländisch wirkenden Jungs von ihrer nettesten Seite, boten mir Zigaretten an und sagten Sachen wie „Komm, kein Stress, ist gut, dass nicht mehr passiert ist“ und „Alles korrekt, kannst ja nichts dafür..“

Ich bin sicher, dass ich im Falle einer biodeutschen Sippe als Unfallgegner ganz andere Sachen zu hören bekommen hätte.

Die den Unfall aufnehmenden Ordnungshüter, junge Leute um die Dreißig, waren übrigens zwei ausnehmend höfliche und freundliche Zeitgenossen. Alles in allem, trotz des leider eingetretenen Personenschadens bei der Dame im Auto vor mir, eine beinahe erfreuliche Begebenheit, die ein bißchen Hoffnung aufkeimen lässt in Bezug auf einen zivilisierten und freundlichen Umgang miteinander auch in Notsituationen.

Geschichten die das Leben schrieb: Alarm im Wohnzimmer

Zurückgekehrt von der letzten Runde mit dem Hund entledigen die Frau und ich uns unserer mehrstufigen Schichten winterlicher Bekleidung, versorgen den Hund und begeben uns ins geräumige Wohnzimmer, um verschiedenen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen. Diese bestehen, in meinem Fall, aus Musik hören, Zeichnen und mich im Internet amüsieren, im Falle der Liebsten in der Einnahme einer zentralen Sofa-Position, diverse Fernbedienungen zur Hand, im endlosen Bemühen, die Mediatheken leerzugucken.

Diesmal scheint ihre Auswahl bereits auf eine Sendung oder Übertragung gefallen zu sein. „Ich guck dann mal schön meine Sendung weiter!“, verkündet sie, auch um mir klar zu signalisieren, dass der Platz vor dem monumentalen Bildschirm auf jeden Fall vergeben ist.

Das ficht mich nicht an, da ich sowieso lieber in meiner Ecke sitze und bei guter Musik zeichne und surfe. Bevor ich allerdings die Kopfhörer aufgesetzt habe und mir eine geeignete Playlist aufrufen kann, dringt der Ton der Fernsehsendung ungefiltert an mein Ohr.

Klangfarbe und Intonation ist die eines professionellen Spaßmachers, heutzutage „Comedian“ genannt, der seine einstudierten Witzchen mit möglichst wirksamer Lacheffektivität beim Publikum platzieren will. Das scheint ihm auch zu gelingen: „Was sollen wir nun aber machen, wenn Putin seine Raketen auf UNS schießt?“ fragt der Hofnarr scheinheilig, wie selbstverständlich unterstellend, dass das Publikum ohnehin soweit NATOisiert ist, dass es umstandslos „Putin“ erstens als Chiffre für alles Böse auf der Welt übersetzt und zweitens deswegen natürlich nicht weiter darüber aufgeklärt werden muss, dass dieser iwanesische Erzschurke, wenn ihm danach ist, einfach mal Deutschland bombardiert statt die Ukraine.

Die Antwort auf die selbstgestellte Frage des Possenreißers ist mir entfallen, aber sie geht in die Richtung „Unsere Truppe ist ein Memmenhaufen, der gar nicht richtig zu- bzw. zurückschlagen kann, Ausrüstung und Material kaputt oder fehlt! Alles Bruch bei der Truppe! Politik versagt, indem sie unserer Wehr nicht genügend Kriegsmaterial an die Hand gibt!“.

Haha, klatsch-klatsch, das Publikum versteht, was gemeint ist und applaudiert dem als Spaß verkleidetem Vorwurf an die Verantwortlichen, zu wenig Kriegsbereitschaft zu finanzieren. Was zwar überhaupt nicht stimmt – schließlich hat der deutsche Imperialismus gerade ein gigantisches Aufrüstungspaket von 100 Mrd. Euro geschnürt, um nach eigener Aussage die führende Militärmacht Europas zu werden – aber Hofnarren im Schließmuskel der Herrschenden erfüllen ihre humortherapeutische Zäpfchenfunktion gerne durch das mentale und verbale Einrennen offener Türen.

Jedenfalls wende ich mich der Frau zu und raunze sie einigermaßen bissig an „Was ist das denn für eine Scheisse? Der Russe will uns mal wieder bombardieren und unsere Truppe ist nicht schlagkräftig genug oder was erzählt der Möchtergernwitzbold da? Mach das bitte aus oder stell es leise!“

Damit mache ich keine Pluspunkte bei ihr, im Gegenteil: “Spinnst du?! Ich will das gucken! Weißt du eigentlich, wie das nervt, wenn ich was gucke und du quatscht ständig dazwischen? Ich guck das jetzt und du hältst die Schnauze!“

Das sitzt, denn natürlich hat sie recht – ihre Programmwahl geht mich nichts an, zumal ich sowieso vorhatte, den Rest des Abends unter Kopfhörern zu verbringen. Ich werfe erst ihr einen (so hoffe ich) vernichtenden Blick zu und schaue dann in Richtung Fernseher, wobei ich den „Comedian“ sowie die Einblendung „Nuhr 2022“ sehen muss.

Das Entsetzen verleiht mir wieder die Sprache: „Achduscheisse, Dieter Nuhr..“, bringe ich hervor. „Dann wundert mich gar nichts mehr. Das Humorzäpfchen im Rektum der Herrschenden! Aber wenn du demnächst dann Rosamunde Pilcher guckst, warne mich bitte vorher, das ist nämlich die nächste Stufe…“

Meine Liebste bleibt ungerührt und ignoriert mich erstmal. Inzwischen habe ich mir Kopfhörer übergestreift und verdränge den Nuhr-Müll mit lauter Rockmusik. Nach einer Weile erhebt sich die Gattin – die Sendung scheint vorbei zu sein – und verschwindet in der Küche. Nach kurzer Zeit erscheint sie mit zwei Gläsern Wein, gibt mir einen Kuss und flötet: „War doch gar nicht so schlimm, oder?“

Ich bin versöhnt und beschließe, nie wieder ihre Fernsehgewohnheiten und Programmentscheidungen zu bekritteln.

Geschichten die das Leben schrieb: Wir wollen den Totalen Krieg (jedenfalls in der Ukraine)!

Ich sitze in einer Ecke des Wohnzimmers und lese oder zeichne irgendwelches Zeug. Am anderen Ende lungert die Frau auf dem Sofa und läßt sich von den dahin plätschernden und immergleich intonierten Fernsehstimmen einer Talkrunde auf Phoenix in den Schlaf labern – sie schaltet diese Sendungen oft nur deswegen ein, weil sie „so schön dabei einschlafen kann“.

Das ist tatsächlich auch das einzige, was einem bleibt (außer um- oder abschalten), denn WAS da gesagt wird, ist so fürchterlich, dass es zumindest mich um jeden Schlaf bringen würde. Es geht mal wieder um die Ukraine, bzw. laut offizieller Sprachregelung, den „russischen Angriffskrieg in der Ukraine“ und die Teilnehmer beantworten gerade die besorgte Frage des Moderators, was „die Menschen in der Ukraine“ jetzt am dringendsten bräuchten.

Was brauchen Menschen in einem Land, das gerade von seinem neo-nazistischen Regime in einem aussichtslosen Stellvertreterkrieg verheizt wird? Was brauchen Menschen in einer zusammengebrochenen Ökonomie, einem kollabierten Elektrizitätsnetz, weitgehend ohne Strom, Wasser und Heizung im kalten Winter? Frieden zum Beispiel?

Weit gefehlt. Dieser geplagte Menschenschlag braucht vor allem eins: WAFFEN! Die Talkshowgäste sind sich einig: das dringlichste Bedürfnis „der Menschen in der Ukraine“ sind Waffen, und zwar ganz viel davon und a.s.a.p.! Der Moderator wendet sich an eine Dame in der Runde: Frau Sowieso, Sie waren kürzlich noch in der Ukraine und können mit den Menschen dort sprechen. Was ist deren Meinung, was sagen die Menschen dort, was sie als erstes brauchen?“

Die Dame zögert keine Sekunde mit ihrem authentischen First-Hand-Bericht: „Ja, das ist natürlich ganz eindeutig; bei allen Entbehrungen, die diese Menschen mitmachen müssen, ist doch ein gemeinsamer Nenner, dass jetzt dringend Waffen gebraucht werden..“

Wen die Waffenfetischistin vor Ort in Kiew befragt hat, wird nicht verraten. Für sie und die Runde steht fest, dass nur Waffen, noch mehr Waffen, und das möglichst zackig, den Frieden in unserem ukrainischen Protektorat schaffen können. Die übrigen Diskussionsteilnehmer sekundieren ihr: Ja, auf jeden Fall Waffen! Das ist das erste und wichtigste. Bevor über irgend etwas anderes überhaupt zu reden ist, muß die reibungslose und großzügige Versorgung mit Waffen gewährleistet sein!

Die Begeisterung für Krieg und noch mehr Krieg steht ihnen ins bürgerlich-vernünftige Gesicht geschrieben; sie orgasmieren innerlich ob der einmaligen Gelegenheit, sich ganz legal und offiziell der von der offiziellen Regierungs- und Medienmeinung nicht nur bestätigten, sondern GEFORDERTEN Kriegsbegeisterung hinzugeben.

Der kranke Zynismus ihres Rufes nach mehr Waffen, noch mehr Waffen, mehr Krieg, mehr toten Russen verwandelt sich für sie in ein Gebot humanitärer Verantwortung für UNSERE Werte, die schließlich da hinten in der Ukraine gegen den Russen verteidigt werden. Schon wieder verteidigen Nazis unsere europäischen Werte gegen den Russen, und noch nicht einmal das fällt den wackeren Talkrunden-Demokaten auf.

Der Sportpalast ist die Wohnstube, und das „Wollt ihr den totalen Krieg“ des Reichspropagandaministers ist zum sachlich erörterten Austausch geworden, wie der Feind im Osten am besten zu besiegen ist. Das Resultat ist dasselbe: totaler Krieg. Das offizielle und mediale Deutschland will ihn, jedenfalls solange Ukrainer ihn kämpfen. Da darf einfach nicht nachgegeben werden, da muß um jeden Preis bis zum Endsieg gekämpft werden. Dass es dazu massenhaft Waffen braucht, gebietet schon der bürgerliche Sachverstand.

Wie vor achtzig Jahren verschwenden die totalen Krieger keinen Gedanken daran, wie er enden könnte. Wie er enden WIRD. Sie wissen sich auf der Seite der überlegenen Macht; wenn schon nicht militärisch, dann eben immerhin wertemäßig.

Während ich mich angesichts des gerade Gehörten mal wieder verstärkt wie ein Alien in einer primitiven und barbarischen Welt von Irren fühle, ist die Frau darüber sanft eingedöst.

Geschichten die das Leben schrieb: das Einfache ist das Revolutionäre

Je älter ich werde, umso mehr reduzieren sich meine Ideen über das Leben auf ein paar Essentials. Wo ich früher die Welt revolutionieren, die Himmel erstürmen und alle „Alten Gedanken“ herausfordern und abschaffen wollte, hin ich heute froh, ein Dach überm Kopf zu haben (und kein schlechtes!), in einer warmen Bude sitzen zu können und genug zu essen zu haben. (Dazu genieße ich dank einer modernen Erfindung namens Internet nahezu unbegrenzten Zugang zu sämtlichen Quellen kultureller und politischer Bildung, zu Unterhaltungsmedien und allen heutzutage via Internet angebotenen Dienstleistungen.)

All das hört sich nach Rückzug, nach Altersresignation oder nach erschlaffender geistiger Aktivität an. Mag sein. Ich sehe es anders: gerade die erwähnten Essentials, die Grundbedürfnisse eines menschlichen Wesens als Teil des Kollektivs, das „Gesellschaft“ genannt wird, sind ja keine Selbstverständlichkeiten. Müssten sie aber sein!

Ein Staat als Organisationsform des Kollektivs hätte dafür zu sorgen, dass ausnahmslos jeder, der es will, mit Obdach, Nahrung, Schutz vor Kälte und Hitze, mit Zugang zu Bildung, Kultur usw. versorgt ist.

Nun weiß aber jeder, dass ein kapitalistischer Staat genau das überhaupt nicht auf der Agenda hat. Im Gegenteil, seine ultimative ratio, seine conditio sine qua non ist der AUSSCHLUSS riesiger Massen von Leuten von den elementarsten Bedürfniserfüllungsmöglichkeiten. Die Scheidung der Gesellschaft in arm und reich, in Arbeit und Reichtum, in Besitzlose und Besitzende, ist das Treibmittel der gesellschaftlichen Reproduktion. Sie ist auch das Mittel, über das der Staat seine Ausgaben – nicht zuletzt diejenigen für sein herrschaftliches„Gewaltmonopol“ über die Gesellschaft – finanziert.

Und da schließt sich der Kreis zu meiner weltrevolutionären Himmelsstürmerei jüngerer Tage: die simplen Anforderungen, die für ein anständiges und überlebenswertes menschliches Dasein erfüllt sein müssen, werden im Kapitalismus niemals erfüllt. Für einige schon, klar. Für viele aber schon weniger und für Millionen gar nicht.

Darum finde ich die Forderung nach Brot, Obdach, Kultur und Frieden revolutionär. Um auch nur diese Forderungen durchzusetzen, um nur diese Grundbedürfnisse zu erfüllen, MUSS der bürgerliche Staat samt seinem Kapitalismus gestürzt werden. Wie das gehen soll, weiß ich auch nicht. Ich weiß nicht, wie der Imperialismus in seiner gegenwärtigen, völlig heruntergekommenen, gewalttätigen und absolut perversen zynischen Phase ertragen, geschweige denn gestürzt werden kann.

Hoffnungslosigkeit als Kampfposition? Warum nicht. Die eigene innere Balance durch Schönheit, Kunst und Literatur befördern ist eine Option. Drogen eine andere. In der Natur sein und Augen, Ohren und Herz offen zu halten. Letztlich scheint es mir auf gute Freunde, gute Gespräche und guten Wein hinauszulaufen.

Geschichten, die das Leben schrieb: das Volk weiß genau, wie und wo es verarscht wird

Einkauf beim REWE. An der Kasse will mir die Verkäuferin ein paar dieser Sammelbildchen zuschieben, auf denen Bilder der deutschen Fußballnationalmannschaft zu sehen sind. Ich lehne dankend ab und sage ihr: „ Ach nee, damit kann ich nichts anfangen. Geben Sie das irgendwelchen Kindern, die das gut finden.“

Sie lacht und sagt, halb bedauernd, halb scherzhaft: „Das war ja auch nichts, mit dem Spiel gegen Japan.“

„Tja, nur mit gratismoralischen Gesten und alberner politischer Schauspielerei gewinnt man eben keine Spiele“, antworte ich.

„Da sagen Sie was“, entgegnet sie mir, „das ist keine Mannschaft für die Fans mehr. Das ist nur noch Politik.“

Geschichten die das Leben schrieb: Bottle Collect Challenge

Ich sitze mit dem Hund auf einer Bank vorm REWE im Oberkassel Neubaugebiet und warte auf die Liebste, die noch ein paar Dinge im Supermarkt einkauft.

Ein etwa 30-40jähriger Mann mit Krücke stochert in den Papierkörben nach Pfandflaschen. Um zu sehen, ob sich das Rumstochern lohnt, leuchtet er in der beginnenden Dunkelheit in das Innere der Papierkörbe hinein – mit der Taschenlampenfunktion seines Smartphones.

Der eigenartige Kontrast berührt und fasziniert mich: die modernste Konsumentenelektronik kann von der gesellschaftlichen Produktionsweise zur Verfügung gestellt werden – aber nur zur technologischen Verzierung von Verhältnissen, die dieselben sind wie vor 100 oder 200 Jahren: Die Reichen werden reicher, die Armen bleiben arm und werden immer ärmer.

Leute suchen im Abfall nach Verwertbarem, weil sie sich sonst ein Überleben in dieser Gesellschaft nicht leisten können.

Die Frau kommt mit ihrer Beute beladen heraus und wir ziehen heimwärts, einen mehr am Schnüffeln als am Weitergehen interessierten Hund im Schlepptau. Sie räsoniert über die Teuerung und berichtet, dass sie für ein bißchen Brot, Getränke und ein paar Würstchen schon wieder knapp 50 Euro losgeworden ist und drückt mir die Einkaufstasche in die Hand.

Ich erzähle von der Begegnung (besser Beobachtung) bei den Abfallbehältern und füge an. „Wir haben uns in den letzten 25 Jahren ziemlich dran gewöhnt…“

„Woran?“, kommt die Gegenfrage, „An die Smartphones?“

„Nein, an Leute, die in Papierkörben nach Flaschen suchen müssen…“

Mitte der 1990er Jahre wurden die Mobiltelefone als Konsumelektronik für die Massen eingeführt, keine zehn Jahre später machten die Hartz4-Gesetze aus Arbeitslosigkeit staatlich verordnete und betreute Armut unter verschärften Bedingungen.

Ich vermute, in 10-15 Jahren laufen die Flaschensammler mit VR-Brillen durch die Fußgängerpassagen, aber an ihrer Armut wird sich nichts geändert haben.

Erinnert mich an ein fiktives PC-Game, das ich mal konzipiert habe: Bottle Collect Challenge!

Geschichten die das Leben schrieb: „Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf“

 Die Frau, die seit einiger Zeit und zu ihrem großen Verdruss wieder 50% ihres Vollzeitjobs in den Büros ihres finanzkapitalistischen Arbeitgebers verbringen muss, sitzt im Homeoffice vor ihrem Monitor.

Nach einem „Video Call“ mit einer Kollegin vor Ort stürmt sie in einer Mischung aus Ärger und Amüsement aus dem Arbeitszimmer und konstatiert: „Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf!“

Ich erfahre, dass der Versicherungskonzern, für den sie arbeitet, beschlossen hat, die Temperaturen in den Großraumbüros auf 19 Grad abzusenken und den Mitarbeitern empfiehlt, sich mit wärmerer Kleidung gegen die Temperaturabsenkung zu wappnen. Auch das Warmwasser werde büroweit abgestellt. Die Mitarbeiter sollten sich hinfort die Hände mit kaltem Wasser einfach länger waschen, wegen der Hygiene. Die 50%ige Anwesenheitspflicht dagegen werde nicht angetastet.

Meine Liebste schwankt zwischen Empörung und trotziger Entschlossenheit: „Mir war das jetzt schon immer zu kalt dort! Wenn die das noch kälter machen, bin ich eben dauerkrank. Ich glaub’ es hackt!“

Ich bin natürlich voll solidarisch und sinniere, wieviele Büroangestellte wohl ähnliche Überlegungen anstellen. Wahrscheinlich wird es zusätzlich zu den absehbaren Firmenpleiten und der generellen Deindustrialisierung eine Menge Lohnabhängiger geben, die auf die neuen (kälteren) Umstände mit erhöhtem Krankenstand reagieren oder vorsichtshalber der Arbeit lieber gleich fernbleiben.

Der Konzern, der seinen Mitarbeitern diese Sparmaßnahme verordnet, appelliert an die Einsicht der Belegschaft und die „Solidarität“ – mit WAS, sagt er natürlich nicht. Dass all diese Maßnahmen erforderlich sind, weil der Staat – dessen ultima ratio, die optimale Verwendung und Vermehrung von Kapital, insbesondere von finanzkapitalistischen Konzernen und institutionellen Großanlegern wie dem Arbeitgeber meiner Liebsten geteilt wird – beschlossen hat, Krieg zu führen, und auch noch gegen ausgerechnet das Land, das ihm bisher zuverlässig, billig und langfristig Gas geliefert hat: das darf natürlich nicht erwähnt werden.

„Wir“ sind in einer Notlage, in die „uns“ mal wieder unerklärliche, schicksalhafte Umstände geführt haben, an denen aber im Zweifel auf jeden Fall der Russe schuld ist; noch genauer: ein einzelner Russe, der „Putin“. So lernen Bürger in der Demokratie, ganz demokratisch und freiheitlich aufs Denken zu verzichten und sich so an die Verhältnisse anzupassen, wie es ein gelehriger Marktwirtschaftsuntertan eben gelernt hat: stillhalten, sich einschränken, irgendwie über die Runden kommen, weil man gegen höhere Mächte nichts machen kann.

Geschichten die das Leben schrieb: Gedanken beim Hundespaziergang

Spätere Zeiten und kommende Generationen werden, wenn sie zurückblicken auf die 2020er Jahre und die Entwicklung der westlichen Gesellschaften (speziell Deutschlands), Parallelen zu ziehen wissen mit den 1930er Jahren. Demokraten sind überzeugt, ihre Herrschaftsform hätte mit ihren faschistischen Vorgängern nichts zu tun und wäre – wegen Freiheit und Toleranz und so – quasi das genaue Gegenteil von der offensichtlichen und rohen Diktatur der deutschen Regierung, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts zwölf Jahre lang Deutschland regierte.

Das ist allerdings eine Täuschung. Nur weil die heutige Staatsform ohne Gestapo und KZs auskommt, heißt das noch lange nicht, dass sie auf ziemlich konsequente Unterdrückung abweichender Meinungen verzichtet. Mit dem Beginn des offenen Krieges gegen Russland durch die ukrainischen NATO-Stellvertreter werden auch in den demokratischen Gesellschaften die Zügel straffer angezogen:

Abschaltung unliebsamer Medien, Zensur, Verbot von Meinungsäußerungen, die dem staatlich verordneten Narrativ widersprechen; umfassende Gleichschaltung der öffentlichen Meinung durch staatliche und private Medien; Verfolgung von Dissidenten durch mediale, berufliche und private Ausgrenzung (gerne aber auch durch empfindliche Geldstrafen, möglich gemacht durch eilends eingeführte Gesetzesänderungen) – das Instrumentarium staatlicher Kontrolle ist vielleicht nicht so sichtbar brutal wie das der Regierung des staatlichen Vorgängers der BRD, dafür aber auch nicht so primitiv und grob.

Im Gegenteil, die demokratische Gedankenpolizei verlässt sich zu einem Großteil auf die freiwillige Mitarbeit der Bürger selbst, die in der Transparenz der sozialen Medien fein säuberlich nach Gegnern und Befürwortern der staatlich erwünschten Meinungen geschieden werden können (wobei letztere sich gleich noch als Hilfsgedankenpolizisten für die Staatszwecke nützlich zu machen verstehen, indem sie verbotene Meinungsäußerungen melden).

All das ist, soweit es die Mehrheitsmedien betrifft, eingebettet in ein Klima blanken Hasses, einer erschreckenden und umfassenden Feindseligkeit nicht nur gegen den zum Feind erklärten Staat (mal wieder derselbe wie zu Zeiten des Reichskanzlers 1933-45), sondern auch gegen die Bürger des Feindstaates, gegen alles, was wirtschaftlich, sozial und kulturell mit dem Feindstaat zu tun hat. Auch offener Rassismus ist wieder salonfähig, was man schnell merkt, wenn man die heute dämonisierte und entmenschlichte Ethnie – Russen – durch die seinerzeit so klassifizierte – Juden – ersetzt.

Um zum Ursprungsgedanken zurückzukehren: die Umformung der heutigen demokratischen Gesellschaft entspricht in den Methoden nur teilweise, in der Zielsetzung aber zu 100%, der der Umformung des seinerzeitigen Deutschen Reiches in den 1930er Jahren: eine Transformation in ein autoritäres, zutiefst manipulatives Gemeinwesen, das nach innen und außen aufrüstet, das die Volksgemeinschaft auf den Kampf gegen einen externen Feind einschwört und dabei nicht vergißt, dass auch der innere Feind – Dissidenten mit abweichenden Standpunkten – im Visier und unter Kontrolle bleibt. Nebenher verlangen beide Staaten, Deutsches Reich wie BRD, von der Bevölkerung Opfer – und das nicht zu knapp – für den Endsieg.

Eine zukünftige Zeit wird die Ähnlichkeiten, aber auch die Unterschiede der Methoden sehen; vor allem aber wird sie (hoffentlich) die grundlegende IDENTITÄT sehen, mit der der deutsche Imperialismus fast hundert Jahre später erneut für seine Ziele mobilisiert und dabei, ganz wie damals, mit Leichtigkeit einen großen Teil der Bevölkerung hinter sich bringt.