Geschichten aus dem Pflegeheim: Lohnsklaventum – Es geht immer noch ein bißchen billiger

In einem Pflegeheim gibt es drei Säulen, drei Professionen, die den Betrieb aufrecht halten: Pflege, Sozialer Dienst/Betreuung, Hauswirtschaft.

In dem Heim, in dem ich (im Sozialen Dienst) tätig bin, wird der Küchendienst auf den Wohnbereichen von FSJlern erledigt (17 – 18jährige, die ein „Freiwilliges Soziales Jahr ableisten, das Äquivalent zu den früheren Zivildienstleistenden).

Grund: die Servicekräfte aus dem Hauswirtschaftsbereich wurden Arbeitgeber-intern in eine GmbH ausgegliedert, wodurch man Ihnen leider den Mindestlohn zahlen muss. Um diese Unzumutbarkeit für einen kostenbewussten Arbeitgeber zu vermeiden, werden die Jugendlichen in ihrem FSJ für die Hauswirtschaft vernutzt. Da wird, ganz marktwirtschaftlich, eben auch vom konfessionellen Arbeitgeber auf die „betriebswirtschaftliche Rentabilität“ bzw. „Wirtschaftlichkeit“ des eigenen sozialen Ladens geachtet

Diese Art von Ausnutzung jugendlich-freiwilliger Billigarbeitskäfte spricht sich anscheinend in der Region rum; bisher liegen jedenfalls KEINE Bewerbungen für die Neubesetzung der FSJ-Stellen vor.

Das bedeutet, dass der Soziale Dienst des Pflegeheims für hauswirtschaftlichen Aufgaben wie Küchendienst herangezogen wird (falls sich nicht noch ein paar gutwillige Teenager einfinden, die ihr Soziales Jahr auf diese Weise verbringen möchten), da die Planstellen für Servicekräfte in der Hauswirtschaft alle schon belegt sind.

Die Betreuung der alten Menschen im Heim bleibt dadurch natürlich teilweise auf der Strecke, aber das Primat der betriebswirtschaftlichen Rechnungslegung ist gewahrt – und darauf kommt’s schließlich an, auch beim allerchristlichsten Arbeitgeber.

Zweimal über das Alter

1.
Meine juvenile Chefin (die 30-jährige Leiterin des Sozialen Dienstes des Pflegeheims) spricht mich an wegen der vielen Personalausfälle im Pflege- und Hauswirtschaftsbereich.
Ob ich an mein Samstags-Gruppenangebot noch eine Küchenschicht anhängen könne; der Wohnbereich stünde ohne Hauswirtschafts- oder FSJ-Kräfte fürs Abendbrot da und zwei Pflegekräfte könnten unmöglich 25 Leute pflegen UND für das Abendessen sorgen.
Da dies die Art Fragen sind, auf die man nicht „Nein“ antworten kann, wenn man die Situation in Pflegeheimen kennt (außer es ist einem egal, ob die Bewohner zu Abend essen oder nicht), sage ich also zu.
Meine Chefin so: „Du bist mit Swetlana im Wohnbereich. Das ist so eine Ältere, ganz Nette….“
Ich kenne und schätze die fragliche Kollegin und muss lachen, weil sie aus Sicht einer Dreißigjährigen wohl tatsächlich „eine Ältere“ ist. Ich frage aber trotzdem aus Neugierde mal nach: „Was meinst du denn mit ‚Ältere‘?“
„Na, so ca. 45…“
„Hm… für mich ist die im besten Alter!“, gebe ich zu bedenken, „du sagst das so, als ob die kurz vor der Pensionierung steht…“
Darauf die mir hierarchisch Vorgesetzte: „Ja, aber du bist sowieso ein Rätsel. Du siehst nicht aus wie Sechzig und du benimmst dich auch nicht so. Ich weiß nicht, wie du das machst….“

2.
Vor Dienstbeginn im Getränkemarkt. Ein älterer Herr, ca. Mitte Siebzig, und ich biegen mit unseren Einkaufswagen gleichzeitig von verschieden Seiten in die Zielgerade vor der Kasse ein. Ich will ihn vorlassen, doch er bietet mir den Vortritt an und sagt: „Wir haben doch Zeit! Bei uns kommt’s doch auf ein paar Minuten nicht an…“
Ich wunder mich über das „wir“ und frage:
„Wieso? Seh‘ ich aus wie ein Rentner?“
Er, ohne zu zögern: „Ja.“

Geschichten aus dem Pflegeheim: Im Oster-Gottesdienst

Der Sonntagsdienst besteht heute aus der Begleitung der HeimbewohnerInnen zum evangelischen Gottesdienst in die auf demselben Gelände gelegenen Kirche. Zwölf Heiminsassen wollen dabei sein, die meisten in Rollstühlen, die Mehrheit dement.

Ich nehme zum ersten Mal an einer solchen religiösen Zeremonie teil und harre neugierig der Dinge, die da kommen.

Die Pfarrersfrau setzt sich zu Beginn der Veranstaltung eine rote Kappe auf, nimmt ein überdimensionales „Taschentuch“ zur Hand und beginnt, auf laienhaft-übertriebene schauspielernde Art die Maria zu geben, die am Grab Jesu trauern will, dann aber von einer Stimme beim Namen gerufen wird. Wie sich herausstellt, bzw. wie sie kindergartenpädagogisch erklärt, soll diese Stimme die von Jesus sein (kleine Kinder in der ersten Sitzreihe antworten ihr auf die Suggestivfrage, wessen Stimme das wohl sei, mit einem lauten „Jesus!!“).

Ihre Stimme ist etwas quieckend und schwer zu ertragen, das Mikrofon weiß sie nicht richtig zu handhaben und die Gemeinde versteht kaum ein Wort dieser Darbietung.

Meine dementen Begleiterinnen sitzen einigermaßen gebannt da; meine Sitznachbarin Frau S., die nur dabei ist, weil sie zu jedem Angebot mitkommt, schaut sich die Vorstellung an, schaut dann mich an und sagt nur: „Oh Gott.

Der Rest der Veranstaltung besteht im Singen von Liedern, deren erschreckend debile Texte („Je-Je-Jesus ist besser, Je-Je-Jesus ist größer, Je-Je-Jesus ist stärker“) zu den Schlager-artigen Softpop-Melodien passen wie der Becher zum Henkel; außerdem noch aus dem Hersagen von Glaubenssätzen, die wirken wie affirmative Kühlschranksprüche: man möchte gerne dran glauben, weil die ZWEIFEL so riesig sind, dass man sie immer wieder mit der Beschwörung einer weder selbst erfahrenen noch irgendwie greifbaren „Wahrheit“ vertreiben möchte.

Alles in allem bin ich erschüttert über das Niveau und frage mich, ob das hier vielleicht hat ein Kindergottesdienst ist. Insgesamt komme ich mir nämlich eher vor wie im Kindergarten als in einem Ort der Einkehr, der Besinnung oder gar der Meditation; von einer würde- und weihevollen Feier eines Ereignisses, dass sich immerhin um Leben, Tod und Wiedergeburt/Auferstehung dreht, ist nichts zu spüren.

Der religiöse Anlaß der Feier wird gnadenlos infantilisiert und seines spirituellen Gehaltes und damit seiner Botschaft beraubt – zugunsten einer krampfhaft auf modern getrimmten Show auf Vorschulniveau, die nur ein Vehikel darstellt für die Propagierung von Dogmen und Sprechblasen der Rechtgläubigkeit.

Zurück zu meinen dementen Schützlingen:

Am Ende des Gottesdienstes geht die Pfarrerin reihum, gibt jedem die Hand und sagt dabei „Frohe Ostern! Jesus ist wahrhaftig auferstanden!“

Als sie bei meiner Sitznachbarin angekommen ist, lässt sich diese bereitwillig die Hand schütteln, hört sich den Spruch an und schaut die Kirchenfrau neugierig an. Dann antwortet sie: „Gut! Kann ich mitkommen?

Geschichten aus dem Pflegeheim: Wie ich einmal Hilfspfarrer wurde

Morgens bei Dienstbeginn informiert mich die Wohnbereichsleitung, dass Frau P., die seit ca. zwei Wochen immer mehr abgebaut hat, jetzt wohl im Sterben läge. Der Atem gehe ganz flach, sie wäre nicht mehr ansprechbar – kurzum: es wäre schön, wenn ich mir die Zeit nehmen könnte, um bei ihr zu sein. Die Töchter von Frau P. seien schon informiert und würden demnächst kommen.

Die Kollegin selber hat auch für Sterbende höchstens mal 5 Minuten zwischendurch Zeit, da sie feiertagsbedingt mit zwei FSJlerinnen 20 Leute versorgen muss.

Ich selber habe erst ab 10:00 „Programm“, so dass ich mich ins Zimmer von Frau P. begeben kann. Auf den ersten Blick ist erkennbar, dass ihr Geist und ihr Körper nur noch an einem dünnen Faden miteinander verbunden sind und dass dieser Mensch nur noch sehr kurze Zeit zu leben hat. Frau P. atmet kaum noch, ihr Kopf ist leicht seitwärts gedreht, der Blick ist auf einen imaginären Punkt an der weißen Zimmerwand gerichtet.

Ich setze mich zu ihr, nehme ihre Hand und bleibe erst mal eine Weile still neben ihr sitzen. Frau P. ist knapp 80 Jahre alt und seit etwa vier Jahren diagnostiziert dement. Seit ich sie kenne, beobachte ich ihre fortschreitende Desorientierung und zunehmende körperliche Schwächung. Sie wirkt auf mich wie jemand, dessen innere Wirklichkeit, dessen Selbstwahrnehmung und Erinnerungsvermögen einstmals ein Kontinent war, jetzt aber nur noch aus lauter Inseln besteht, die von einem Ozean des Vergessens immer mehr überspült werden.

Dabei ist Frau P. in aller Desorientiertheit und inneren Verlorenheit stets bemüht, „Haltung“ zu bewahren und fast immer freundlich zu allen. Sie ist mir ans Herz gewachsen, weil sie manchmal auf rührende Weise resolut sein kann; wenn sie zum Beispiel mal wieder vergessen hat, was der Essvorgang bedeutet und wie man sich Nahrung zuführt, hört man beim Versuch, ihr den Gebrauch eines Löffels nahezulegen, schon mal ein entschiedenes „Also, das ist doch totaler Unsinn jetzt!!“, so als ob sie einem unverständigem Kinde streng, aber nicht unfreundlich eine Flause austreiben muss.

Nach einer Weile folge ich einem Impuls und beuge mich über Frau P.s Bett, so dass ich Augenkontakt mit ihr aufnehmen kann. Ich habe das Gefühl, dass sie in diesen letzten Momenten ihres Lebens Zuspruch braucht, dass sie in dem Alleinsein der Sterbestunde dennoch nicht allein ist. Ich spreche sie mit ihrem Vornamen an und sage ihr sinngemäß: „Sie können nicht mehr lange in diesem Körper bleiben… aber Sie brauchen keine Angst zu haben, ihn zu verlassen – es ist alles in Ordnung. Alles, was Ihnen jetzt passiert, ist völlig natürlich. Sie gehen dahin zurück, wo alles herkommt und in dem alles aufgehoben ist…“.

Frau P.s Augen wenden sich mir zu, sie wirkt wach, aufnahmebereit und ansprechbar. Für weitere Reaktion fehlen ihr die physischen und psychischen Kräfte. Ich bleibe weiter bei ihr sitzen; nach ca. 20 Minuten erscheinen ihre beiden Töchter.

Eine gute halbe Stunde später stirbt Frau P. im Beisein ihrer Töchter. Auf ihrem Gesicht liegt ein schöner und friedlicher Ausdruck.

Das Prozedere des Heimes sieht für Todesfälle vor, dass noch am selben Tag ein sogenanntes Abschiedsritual für Angehörige, Freunde, Bekannte sowie für Pfleger und Betreuer stattfindet. Da der Pfarrer der auf demselben Gelände liegenden Kirchengemeinde meistens nicht abkömmlich ist, wird dieses Ritual von Mitarbeitern des Hauses durchgeführt, die sich das zutrauen und eine entsprechende Schulung erfahren haben.

Heute trifft es mich, bzw. die diensthabende Pflegekraft ist froh, dass ich die Sache übernehme, da sie selber sich mit dem Thema unsicher fühlt und obendrein jede Menge zu tun hat im Wohnbereich, auf dem das Leben der restlichen BewohnerInnen ja weiter geht.

Ich erfahre, dass Frau P. eine gläubige Katholikin war. Damit ist schon mal entschieden, dass das Abschiedsritual in seiner religiösen Variante ausgeführt wird. Ein paar Stunden später haben sich Angehörige und Bekannte versammelt, ein paar Pflege- und Betreuungskräfte kommen hinzu und ich beginne mit der Zeremonie.

Wir beten zusammen den Psalm 23 („…Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich…“), das Vaterunser, zum Abschluss spreche ich einen  Segen und zwischendrin erinnern wir uns gemeinsam an Begebenheiten mit Frau P. Dabei kommen lustige Ereignisse zutage und die Atmosphäre von Trauer und Verlust wird auf schöne und fröhliche Weise von Lachen und Heiterkeit ergänzt.

Nun halte ich von organisierter Religion, vor allem aber von ihrer Ideologie von Angst, Schrecken, Schuld und Furcht, weniger als gar nichts. Allerdings beobachte ich zwei Dinge bei diesem Prozedere:

Erstens die Versuchung, die schockierten, betroffenen und dadurch extrem beeinflussbaren Trauernden mit Floskeln und leeren Sprüchen zu „trösten“
und dabei die eigene Selbstwichtigkeit zu füttern; eine Falle, in die sicherlich zahlreiche religiöse Amtsinhaber laufen (wollen).

Zweitens die Wirksamkeit der Rituale – auch der kirchlichen –
bei der unmittelbaren Bewältigung eines derart einschneidenden Lebensereignisse wie dem Sterben und dem Tod eines nahen Menschen. Die Gebete, das Ambiente, der ritualisierte Ablauf, all das setzt dem Ereignis einen für die Psyche Orientierung gebenden Rahmen und bettet es ein in etwas Umfassenderes, Größeres als das einzelne individuelle Leben und Sterben. Und das scheint der Mensch zu brauchen.

Witziges Nebendetail: aus unerfindlichen Gründen habe ich heute eine schwarze Hose und ein dunkel-anthrazitfarbenes Edelhemd angezogen.
Eine Kollegin hinterher zu mir: „Das hast du richtig gut gemacht, du sahst ja schon aus wie ein Pfarrer!“

In Ewigkeit, Amen!

Geschichten aus dem Pflegeheim: Wann fängt der Film an?

Die Kino-Nachmittage im Heim sind beliebt bei den BewohnerInnen.
Im Gegensatz zu meiner vorigen Arbeitsstelle, an der wir cineastische Schonkost verabreichten und aus Rücksicht auf Aufnahmekapazität und Ausdauer vor allem der dementeren HeimbewohnerInnen nur Geo- oder Natur-Dokus bzw. alte TV-Serien von maximal 45 Minuten zeigten, kommen an meiner jetzigen Wirkungsstätte vor allem Filmklassiker der 1930er- 1960er-Jahre zur Aufführung.

Diesmal steht “Liebe will gelernt sein” auf dem Programm, die Verfilmung eines Theaterstückes von Erich Kästner, zu der Kästner selbst das Drehbuch geaschrieben hatte. (Nebenbei bemerkt ein Film, dessen peinliche, teilweise grottig sexistische Darstellung von Geschlechterrollen und Moralvorstellungen derart von überkommenen Klischees strotzt, dass man sich in gottseidank längst vergangee Zeiten zurückversetzt fühlt – Zeiten, nach denen sich bekanntlich AfD-Spacken und andere Heimatfreunde gerne sehnen).

Im Wohnbereich 2 frage ich die gottesfürchtige Frau M. (ihre Lieblingsbeschäftigung ist das monotone Hersagen des Vaterunsers), ob sie
zur Kinovorstellung mitkommen möchte. “Ja, fahr mich mal hin!”, erhalte ich zur Antwort.

Zeitsprung in die ca. 60. Minute des Films:
Frau M. wird zusehends unruhig, ein paar andere Kinobesucher ebenso; ich ergreife die Gelegenheit und unterbreche, um denjenigen, die nicht mehr bleiben wollen oder können, die Möglichkeit zum Verlassen des Saales zu geben.

Ich frage Frau M., ob ich sie zurück in den Wohnbereich bringen soll. “Ja, ja… das ist ja eine Scheiße hier! Wann fängt denn der Film an?!” kriege ich von der sichtlich missgelaunten Frau zu hören.
Ich so: “Äh… Frau M., den kucken wir hier seit einer Stunde…”
Frau M.: “Ja, egal, fahr mich nach hause!”

Ich bringe sie durch die langen Flure zurück auf ihren Wohnbereich und kehre zurück, um einen weiteren “Abbrecher” desselben Wohnbereiches zu holen. Als ich mit diesem im Gemeinschaftsraum ankomme und ihn auf seinen Platz bugsiere, wird Frau M., die gerade mal wieder Fragmente des Vaterunsers vor sich hin gemurmelt hatte, plötzlich munter. Vermutlich ausgelöst durch mein Erscheinen fällt ihr ein, dass das Nachmittagsangebot ansteht.

“Wann fängt denn nun dieser Film an?”, fragt sie mich in einer Ahnungslosigkeit und Unschuld, die mir deutlich machen, dass Frau M. nicht weiss, wo sie die letzte Stunde verbracht hat. Gleichzeitig kommt in ihrer Frage die Vorfreude auf Abwechslung im öden Heimalltag zum Ausdruck; jedenfalls bringe ich es nicht übers Herz, ihr mit Fakten Zeiten und Zahlen zu kommen und antworte freundlich: “Den zeigen wir nächste Woche, Frau M.!”

“Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.”

Geschichten aus dem Pflegeheim: Ziviler Orden für die Küche

Bunte Runde am zweiten Weihnachtstag im Wohnbereich. Wie immer entsteht aus Zurufen und Anmerkungen der Anwesenden ein Bild, dazu entspinnt sich eine Geschichte. Ebenfalls wie immer kommen wir dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen und landen schließlich über „Mal´ mal ´ne Eiche!“ beim Eichenlaub und dessen Verwendung in militärischen Rangabzeichen, Orden usw.


Ich schlage eine zivile Umwidmung vor, die nach einhelliger
Ansicht der BewohnerInnen an die Küche gehen muss. Im Gegensatz zu sehr vielen anderen Einrichtungen, die aus Kostengründen lieblos und billig
zusammengepantschtes Großküchenfutter anbieten, leistet sich mein diakonischer Arbeitgeber nämlich eine eigene Küche mit den nötigen Fach- und Servicekräften. Das wird von den Heimbewohnern sehr geschätzt und bis auf ganz seltene Ausnahmen sind alles des Lobes voll für die tägliche Verpflegung.

Es wird beschlossen, dass das so entstandene Bild der Küche übergeben werden muss. „Heimlich nachts aufhängen!“, schlägt Herr R. vor. Aber
da er das nicht selber übernehmen will und wir der Meinung sind, dass man sich mit Lob nicht verstecken muss, überreiche ich die Auszeichnung anschließend – im Namen der BewohnerInnen des Wohnbereiches – dem Küchenchef. Strahlende Augen und breites Grinsen bei ihm und seiner Truppe, die sich wirklich täglich den Arsch aufreißen, um für die Leute lecker Essen hinzustellen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Wo bin ich hier?”

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„Besondere Zeitungsschau“ am ersten Weihnachtsfeiertag:
Frau P., die das Plakat betrachtet, fragt mich: „Ist das was für alle oder ist das
sowas Intellektuelles?“

Frau P. ist dement, aber in ihren klareren Momenten merkt man, dass sie eine gewisse Bildung genossen hat. Ich antworte ihr nach einem kurzen Zögern: „Beides, Frau P.! Bei mir ist es immer für alle, aber auch die Intellektuellen kommen auf ihre Kosten!“ Die Antwort stellt sie zufrieden, denn sie entgegnet: „Na gut. Dann werd´ ich mir das mal anhören.“

Die Runde verläuft gut und die Anwesenden 14 oder 15 BewohnerInnen hören fast alle mit Aufmerksamkeit und Interesse zu. Viele tragen mit eigene Wortmeldungen zum Thema (Ein Artikel namens „Wie wir 2037 leben werden“) bei.

Nach Abschluss der Runde bringe ich die BewohnerInnen auf ihre Wohnbereiche zurück. In WB 1 ruft mich Frau M. zu sich: „Komm mal her!“.
Frau M. ist die bibelfeste Katholikin, die vielfach am Tag das Vaterunser vor sich hin murmelt. Heute scheint sie etwas verloren und verwirrt, aber auch geistig reger als sonst. Sie hatte heute Weihnachtsbesuch einiger Verwandter.

„Was mache ich eigentlich hier?“, fragt sie mich. „Wieso bin ich hierher gebracht worden?“ Sie wirkt, als sei sie gerade aus einem Traum aufgewacht und müsse sich erst mal orientieren. Sie sitzt angespannt und nach vorne gebeugt in ihrem Rollstuhl Ich schaue sie mir eine kurze Weile an, versuche, ihre Gefühlslage zu erfassen und erkläre ihr, dass sie im Heim ist: „Frau M., sie sind hier, weil Ihnen hier geholfen wird mit den Dingen, die Sie alleine nicht mehr hinkriegen. Außerdem sind sie hier nicht alleine…“

Sie schaut mich aufmerksam und mit großen Augen an. Die Erklärung sinkt in sie ein. Ich hake nach: „Können Sie sich noch erinnern, wie Sie zuletzt in Ihrer eigene  Wohnung waren?“

Frau M. denkt  nach. „Hm… das ist lange her…“ Sie hat erkennbar keinen Zugang zu den Erinnerungsdatenbanken in ihrem Gedächtnis. Ich sage ihr: „Sie sitzen ja im Rollstuhl und schon dadurch ist es schwierig, in der eigenen Wohnung zurechtzukommen…“

Das leuchtet ihr scheinbar ein; über ihr Gesicht huscht ein Ausdruck von Erkenntnis und gleichzeitiger Entspannung und sie lehnt sich entspannt zurück.

Nach ein paar Sekunden weiteren Nachdenkens schaut sie mich an und sagt: „Danke!“

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Los, mach weiter!”

Bei der Weihnachtsfeier des Wohnbereiches sitzt die 90-jährige Frau M. mit einer weiteren Bewohnerin an einem Einzeltisch. Offensichtlich haben die beiden keine Angehörigen oder Freunde zu Besuch bei dieser jährlichen Begegnungsfeier.

Frau M. ist dement, hat allerdings mitunter überraschend klare Momente. Sie nimmt kaum an Gemeinschaftsaktivitäten teil und verbringt die meiste Zeit im Rollstuhl im Speisesaal des Wohnbereiches, wo sie gerne und häufig das Vaterunser aufsagt.

Heute ist sie allerdings augenscheinlich ziemlich fit und genießt das weihnachtliche Programm des Nachmittags. Nur vom besonderen (und nach einhelliger Meinung der Bewohner und Besucher spitzenmäßig köstlichen) Essen scheint Frau M. nicht viel abgekriegt zu haben.

Ich frage sie, ob sie schon vom Hauptmenü abbekommen hat. „ Nee, sie hat nur etwas Gemüse bekommen“, wirft ihre Tischnachbarin ein.

„Ich brauch‘ Hilfe beim Essen!“, sagt Frau M. erklärend.

Ich vergewissere mich, dass Frau M. ihre Zahnprothese im Mund hat. Dann bringe ich ihr eine (kleine) Portion Wildragout mit Kartoffelklößen und Rotkohl, die ich ihr klein schneide und anreiche.

Frau M. ißt mit gutem Appetit; obwohl sie noch kaut, fordert sie mich nach jedem Bissen auf: „Mach weiter!“ oder: „Los, weiter!“

Es schmeckt ihr richtig gut, auch wenn sie mit dem Fleisch so ihre Probleme hat. Das, was sie nicht gekaut kriegt, befördert sie mit der Zunge wieder nach draußen, wo ich es gekonnt mit einer Serviette von ihrer Mundpartie absammle. Mitfühlend bemerke ich: „Gar nicht so einfach mit dem Fleisch, Frau M., oder?“

„Ja, das lässt du jetzt mal weg!“, erhalte ich zur Antwort, und gleich darauf: „Und jetzt mach weiter!“

Die restlichen Knödel samt Rotkohl sind im Nu weggeputzt und Frau M. hat nicht nur deutlich mehr als sonst zu sich genommen, sondern wirkt auch extrem zufrieden. „Vielen Dank!“, sagt sie zu mir, und wirkt in dem Moment überhaupt nicht dement.

Ich bringe ihr noch den Nachtisch (Mousse au Chocolat und Vanille-Schaumcreme), der für sie einfacher zu handhaben ist und den sie daher selber löffelt. Sie ißt eine Riesenschale fast leer. Mit den letzten Reste aus der Schale tut sie sich jedoch wieder schwer und bittet mich erneut um Hilfe.

Ich tue ihr den Gefallen, reiche ihr den Rest an und wische ihr die erweiterte Mundpartie ab, auf der ein beträchtlicher Teil des Nachtischs gelandet ist.

All das lässt sie mit einer Mischung aus Anmut und Gelassenheit mit sich geschehen, beinahe wie eine hochgestellte Persönlichkeit edlen Geblüts, die es gewohnt ist, das Essen serviert und gereicht zu bekommen.

Zum Schluß schaut sie mich mit klarem Blick an, bedankt sich nochmals und ich wundere mich aufs Neue über diese seltsame Gehirnveränderung namens Demenz, die von manchen Experten nicht als Krankheit bezeichnet wird.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Endstation Altersheim

Wohnbereichsübergreifende Zeitungsrunde mit ca. 12 oder 14 Bewohnern. Die Meldung, dass ein israelischer Forscher die These aufstellt, Menschen könnten durch Veränderungen der Ernährung, gentechnischen Eingriffen und medikamentöser Behandlung bis zu 140 Jahre alt werden, löst lebhafte und ehrliche Diskussion aus.

Frau N., Anfang Neunzig, wirft ein: “Wozu denn? Damit man noch länger im Pflegeheim lebt? Ich hab mich jetzt an das Leben hier gewöhnt, aber glauben Sie mir, ich wollte oft genug Schluß machen, besonders anfangs, als ich herkam.”

Herr T., Ende Siebzig: “Im Pflegeheim zu landen ist das Ende. Man verliert seine Wohnung, und damit sein ganzes Leben. Alle Erinnerungen, der Ort, an dem man die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat, Kinder großgezogen hat – alles weg.”

“Wenn man auf die Hilfe von anderen angewiesen ist, verliert man seine Freiheit”, meldet sich die 75-jährige Frau W, “Meinen Sie, mir macht das Spaß, für jeden Toilettengang klingeln zu müssen? Was denken Sie, wie oft ich mich schon gefragt habe, was das für ein Leben ist und warum ich das ertragen muss. Das ist das Entwürdigendste überhaupt, wenn man sich selber nicht mehr helfen kann bei den einfachsten und intimsten Dingen.”

Ich frage in die Runde, ob die anderen das auch so sehen, und erhalte einhellige Zustimmung zur Antwort. Nach und nach reden fast alle über ihre Erfahrungen und Gefühle im Zusammenhang mit dem Verlust der Selbständigkeit, der Selbstbestimmung, der körperlichen Funktionsfähigkeit – vor allem aber über den Verlust der eigenen vier Wände und der Reduzierung des Lebensumfeldes auf ein Zimmer, das jederzeit von Dritten betreten werden kann und bei dem man sich oft genug Bad und Toilette mit einer weiteren Person teilen muss. Mehrfach höre ich Sätze über das Empfinden von Sinnlosigkeit, Depressionen, Selbstmordgedanken, inneren Rückzug bis hin zum Sich-Aufgeben und auf den Tod warten.

Offensichtlich ist es allen ein Bedürfnis, einmal Klartext zu sprechen über das grundlegende Gefühl von Verlust von Freiheit und Würde, Einschränkung und Entmündigung. Unter dem alltäglichen Sich-Arrangieren mit den Gegebenheiten und der “Besser als gar nichts”-Motivation fürs Mitmachen bei allen möglichen Angeboten und Aktivitäten im Heim bestimmt dies scheinbar die Erfahrung der BewohnerInnen.

Ich überlege, ob der innnere und äußere Raum für das Zulassen, Aussprechen und Anerkennen dieser Gefühle – idealerweise in einem professionellen psychologischen Rahmen – nicht eigentlich in jedes Alten- und Pflegeheim gehört. So wie die Dinge liegen, ist das Arbeiten oder der Umgang mit den teilweise traumatisierenden Erfahrungen Glückssache bzw. abhängig von der individuellen Befähigung und der Empathie der Pflege- und Betreuungskräfte.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Verliebt

Die 103-jährige Frau S. strahlt mich an, als ich mit dem Mittagessen zu ihr ins Zimmer komme und frage “Und, Frau S., möchten Sie was zu essen?”

“Wenn Sie kommen, hab ich immer Hunger!”

Ich betrachte mir ihr püriertes Essen und versuche herauszufinden, um was es sich dabei ursprünglich handelte. “Hm, also, Frau S., ich glaube, heute gibt es Kartoffelbrei mit Brokkoli… jedenfalls Gemüse… und… tja, könnte Frikadelle sein. Oder Roulade.”

“Ach, egal! Immer rein damit! Ich bin ein guter Esser!”

Frau S. isst heute wirklich mit Appetit und Lust und hat im Nu die ganze Portion aufgegessen, einen ganzen Teller voll.

Es ist eher selten, dass bettlägerige Heimbewohner, die nicht alleine essen können, mit Appetit und vor allem in solcher Geschwindigkeit essen. Außerdem essen Hochbetagte in der Regel sehr wenig. Als ich das anerkennend erwähne und meinem Gegenüber sage, wie klasse ich finde,
dass sie trotz ihres Alters so guten Appetit hat, antwortet sie:

“Ja, ich bin 74 Jahre alt!”

Das ist nicht das erste Mal, dass ich diese Zahl von ihr genannt kriege. Ich mache einen vorsichtigen Versuch, ihr wahres Alter zu erwähnen:
“Frau S., wenn ich ich Ihnen sage, wie alt sie wirklich sind, würden Sie mir das nicht glauben! Sie sind 103 Jahre alt!”

“Nein, ich bin 74”, antwortet Frau S. wie aus der Pistole geschossen und ohne jede Spur von Zweifel. Es ist klar, dass dies für ihr inneres Empfinden ihr Alter IST; aus irgendeinem Grund hat ihr Geist dieses Alter als permanenten Jetzt-Zustand gespeichert.

Zeit, zurückzurudern: ich versuche es mit einem “Hm… achso, ja, vielleicht hab ich da was durcheinandergebracht..”
“Da haben Sie ganz sicher was durcheinandergebracht!”, klärt sie mich auf und streichelt milde gestimmt meine Hand. Plötzlich strahlt sie mich wieder an: “Und wissen Sie, warum ich so gut esse? Ich bin verliebt!!”

Ich ahne schon, was kommt, frage aber trotzdem: “In wen denn?”

“In Sie!” antwortet sie und schenkt mir ihr herzlichstes Lächeln.

Situation gerettet, und ich habe eine Verehrerin, deren gefühltes Alter gar nicht mal so weit von meinem entfernt ist…